Archiv: Rezensionen zu Literatur und Film

Posts mit dem Label Roman werden angezeigt. Alle Posts anzeigen
Posts mit dem Label Roman werden angezeigt. Alle Posts anzeigen

Mittwoch, 15. November 2023

Die Stadt und ihre ungewisse Mauer: Der neue Roman von Haruki Murakami erscheint am 12.01.2024 bei DuMont

 




Japan 2023

Die Stadt und ihre ungewisse Mauer
Originaltitel: Machi to Sono Futashika na Kabe - The City and its Uncertain Walls
Autor: Haruki Murakami
Übersetzung: Ursula Gräfe
Veröffentlichung: 12.01.2024
Formate: Hardcover (34 Euro), E-Book (27,99 Euro)
Seitenzahl: 672



Inhalt (Pressetext)

Die Erinnerung an das Mädchen und die ummauerte Stadt lässt ihn nicht los. Schließlich kündigt er und nimmt eine Stelle in einer alten Bibliothek in der Präfektur Fukushima an. Die Realität gerät knirschend ins Wanken – und der Erzähler muss sich fragen, was ihn an diese Welt bindet.


Erst am 10. Oktober berichtete ich darüber, Haruki Murakami habe im April dieses Jahres in Japan einen neuen, langen Roman veröffentlicht und kaum jemand wüsste davon. Doch bereits kurz nach meiner Rezension zu Honigkuchen habe ich von der freundlichen Frau Zimmermann vom DuMont Verlag erfahren, dass die deutsche Übersetzung zum Roman "Machi to Sono Futashika na Kabe - The City and its Uncertain Walls" bereits am 12.01.2024 in Deutschland erscheint. Ein mehr als schönes nachträgliches Geburtstagsgeschenk für mich, der in der kalten, trüben Winterjahreszeit am 09.01 feiert. Aber der 12.01 ist natürlich nicht gewählt worden, um mir nachträglich eine Freude zu bereiten - am 12.01 feiert Japans bekanntester zeitgenössischer Autor seinen 75. Geburtstag.

Mit knapp 700 Seiten erwartet uns hier mal wieder ein wahres Schwergewicht. Übersetzt wird die deutsche Fassung wie immer von der großartigen Ursula Gräfe, die den Großteil sämtlicher Werke von Murakami bereits in die deutsche Sprache übertragen hat.

In meinem verlinkten Artikel vom 10.10 habe ich ein wenig über die ungewöhnliche Entstehungsgeschichte des Romans geplaudert.

Der Januar fängt also gar nicht so trüb diesmal an, wie ich vermutet habe. Der Roman erscheint zeitgleich bei DuMont als Hardcover und als E-Book.

Donnerstag, 14. September 2023

Rezension: Wechselbalg (Clarissa Bühler)

 


Großbritannien 2023

Wechselbalg
Autorin: Clarissa Bühler
Verlag: Selbstverlag
Genre: Roman
Format: E-Book



Vor über 12 Jahren habe ich meinen Blog gegründet, um hauptsächlich japanische Schriftsteller eine virtuelle Bühne zu geben. Eine Nische in einer Nische, die mein Blog, ganz besonders damals, war. Doch im Laufe der der Jahre habe ich auch die junge deutschsprachige Literatur für mich entdeckt. Spannende Autoren und Autorinnen aus Deutschland, Österreich und der Schweiz. Verschiedenste Genre wurden abgedeckt, ich habe die unterschiedlichsten Facetten dieser jungen Literatur kennengelernt. Schaut man sich auf "Am Meer ist es wärmer" also etwas im Archiv um, wird man so manche spannende Titel finden, die ich in den vergangenen Jahren besprochen habe. In dieses Archiv gesellt sich nun eine weitere junge Autorin die zwar aus Deutschland stammt, aber bereits seit einigen Jahren auf einer nicht so weit entfernten Insel lebt (Luftlinie von meiner kleinen Privatinsel hier zum Vereinigten Königreich ist aber doch noch etwas zu weit zum hinschwimmen). Ich hatte bereits kleineren Kontakt zu ein paar der hier auf dem Blog besprochenen Autoren, aber bei Clarissa Bühler hatte ich das große Vergnügen, sie als Mensch und Schriftstellerin besser kennenlernen zu dürfen (hier folgt in einigen Tagen noch ein kleines Autorenprofil). Dies hat meine Erfahrung unglaublich bereichert, noch tiefer in ihr Debütwerk eintauchen zu können.

Dabei wusste ich zu Beginn absolut noch gar nicht, worauf ich mich hier genau einlassen würde. Ich sage es frei heraus, unter dem Titel "Wechselbalg" habe ich keinen bodenständigen Roman mit Coming of Age Elementen erwartet, der sehr ernste Themen anspricht. Stattdessen habe ich eher seichte Young Adult Fantasy-Kost erwartet. Doch schon nach der Leseprobe wurde ich eines besseren belehrt. Wechselbalg könnte gar nicht weiter entfernt von einer Fantasy-Welt sein. Was die Autorin stattdessen hier in ihrem Debütwerk abgeliefert hat, ist eine überraschend komplexe Charakterstudie über 3 völlig verschiedene Menschen. Allen voran stehen hier im Mittelpunkt die beiden sehr ungleichen Brüder Maurice und Jerome (im Buch aber nennen die Brüder sich untereinander Mo und Joe, was es besonders einfach gemacht hat, sich die Namen zu merken), Söhne des Vaters eines Verlagsimperiums, der sich weniger um seine Kinder sorgt als viel mehr darum, die Familiendynastie aufrecht zu erhalten. Während der jüngere Bruder Joe eher das Abfallprodukt des Patriarchen ist, lebt sein älterer Bruder Mo praktisch nach dem Drehbuch seines Vaters. Sein Werdegang ist unlängst vorherbestimmt, in absehbarer Zeit soll er das Familiengeschäft übernehmen, ohne Widerrede. Als die Brüder von einem schweren Verlust informiert werden als ihr Onkel bei einem Autounfall stirbt, die vermutlich wichtigste Person im Leben der beiden jungen Männer, geraten einige Dinge ins Rollen, die vielleicht vom Drehbuch des mächtigen Vaters abweichen könnten. Parallel zu der Geschichte der beiden Brüder kommt aber noch eine dritte Person ins Spiel: Marie. Marie ist schüchtern, besitzt kein nennenswertes Selbstbewusstsein und möchte sich dennoch von ihrem kleinen Provinzdorf in die große Stadt aufmachen, nach Freiburg. Marie kommt aus nicht minder komplizierten Familienverhältnissen. Die Eltern, streng gläubig und konservativ, sehen die Zukunft ihrer Tochter auf dem Hof, dort, wo die Familie halt schon seit Generationen lebt. Auch ihr Schicksal scheint vorherbestimmt, sieht sie sich doch aber zu einem anderen Leben bestimmt. Marie möchte aus ihrem Gefängnis ausbrechen und ihren Eltern das Gegenteil beweisen. Noch ist ihr nicht bewusst, dass das Abenteuer Großstadt noch eng mit dem Schicksal weiterer Menschen verknüpft sein wird.


"Vier Tage später ließ Mo seinen Kopf gegen die weiche Lehne des Erste.Klasse-Sitzes sinken. Durch das Fenster blickte er auf die dunkle, verregnete Startbahn des Hamburger Flughafens. Als die Maschine langsam zu rollen begann, schloss er die Augen. Er hatte gehofft, der räumliche Abstand würde ihm etwas Ruhe und Entspannung verschaffen, aber die Wolke dunkler Sorgen hatte sich als dumpfer Schmerz in seinem Kopf festgesetzt. Der Ärger mit Joe - seine Nutzlosigkeit und völliger Mangel an Ehrgeiz, an Produktivität - die Auseinandersetzung mit seinem Vater - der in seiner Dummheit die Bereicherung nicht sah, die Mo durch ein Philosophie-Studium in den Verlag bringen würde - Er wollte ihn, Mo, nur zu einer jüngeren Ausgabe von sich selbst machen. Von dem Ideal, das er selbst nie hatte erreichen können."

Das beeindruckende an Wechselbalg ist der leichte Einstieg in die Geschichte. Der Schreibstil der Autorin ist für ein Debütwerk unglaublich souverän, liest sich enorm flüssig und flott. Durch die verschiedenen Point of View Kapitel kommt ein angenehmes Pacing in die Geschichte, das wenig Raum für unangenehme Prolog-Längen lässt. Man lernt die Charaktere auf eine ganz natürliche Art kennen, besonders hervorzuheben hier ist, dass alle 3 Charaktere im Buch grundverschieden sind. Angefangen bei Mo mit seiner professionellen, kühlen Art hin zu dem aufmüpfigen, rebellischen Bruder Joe mit seiner vulgären, von oben herabblickenden Art (die ich teilweise als überraschend derb und krass empfunden habe). Doch auch Maries Entwicklung in dem Buch ist höchst spannend zu beobachten, da sie zu Beginn noch nicht mehr als ein schüchternes Mauerblümchen vom Lande ist. Die große Frage, die ich mir hier recht lange gestellt habe, war die, wann die verschiedenen Erzählstränge ineinandergreifen würden. Ob sie überhaupt ineinandergreifen werden. Ich habe mich hier ein wenig an 1Q84 von Haruki Murakami zurückerinnert, wo der Leser bis auf die letzten Seiten dieses massiven Werkes qualvoll warten mussten, bis sich die Wege von Tengo und Aomame erstmals kreuzen würden. Nun, wenn ich hier nun zu viel schreiben würde, würde ich zu sehr ins Spoiler-Territorium eindringen, aber die Erzählstränge in Wechselbalg finden noch zueinander. Vielleicht nicht so, wie man es sich denken mag, aber bereits früh im Buch bekommt man einen Hinweis darauf, dass das Schicksal der handelnden Charaktere miteinander verknüpft ist.

Was ich als besonders interessant und mutig empfand ist der experimentelle Schreibstil der Autorin. Nicht nur haben wir es hier mit verschiedenen Erzählern zu tun, auch greift Joe mit einigen sehr frechen Bemerkungen gerne mal in ein aktuelles Kapitel ein. Da ich hier schon das Wort "Experimentell" benutze, bedeutet dies auch, dass das mal mehr und mal weniger gut klappt. Manchmal sorgt der Twist für Überraschungen, manchmal wird aber auch der Lesefluss dadurch ein wenig gehemmt und man fühlt sich als Leser etwas aus dem Tunnel gerissen. Doch je weiter man im Buch kommt, desto mehr gewöhnt man sich an die verschiedenen Stilmittel der Autorin.

Die Kapitel in Wechselbalg haben immer die perfekte Länge, was das Buch trotz seiner beachtlichen Länge von weit über 400 Seiten deutlich kurzweiliger macht, als es die Seitenzahl vermuten lässt. Garniert werden die Übergänge zu neuen Kapitel wie in einer japanischen Light Novel immer wieder mit einer Illustration, die eng mit der Thematik in dem Buch verknüpft ist.

Manchmal gibt es wenige Phasen, wo sich die Autorin aber auch klassischen Debütfehlern hingeben muss. Das fängt bei kleineren Logiklöchern wie Maries Herkunft an, als Joe erzählt, sie komme aus einem winzigen Dorf in NRW, Marie sich mit ihren Eltern allerdings in einem bayrischen Dialekt unterhält. Auch ist Joe gerne mal über Dinge im Bilde bei Marie, wo ich mich frage, woher er das wissen könnte. Bei einem Werk dieser Größenordnung sehe ich das nicht ein all zu großes Problem. Das Ende des Buches lässt auf eine Fortsetzung schließen und ich habe so viel Vertrauen zur Autorin, zu wissen, dass sie diese kleinen Stolpersteine bei einer Fortsetzung beheben würde. Für ein Debütwerk mit dieser Seitenanzahl überwiegt die Souveränität und es steckt eine menge Recherche im Buch.


"Es war ein bemitleidenswertes Beispiel von Sozialisation: Die anderen Studenten, aufgewachsen in Familien mit einem bildungsnäheren Hintergrund, hatten Zeit ihres Lebens die Worte aufgesogen, mit denen Marie nun so zu kämpfen hatte. Ihnen war diese Sprache geläufig, und selbst wenn sie nicht jedes Fachwort kannten, so waren sie doch in der Lage, sich den Sinn der Sätze zu erschließen. Sie waren strukturiertes, analysierendes Denken gewohnt, das Zusammenhänge erschloss und Vergleiche anstellte. Marie hingegen ... nun, sie hatte gelernt, einen mehrköpfigen Haushalt aus dem Dorf zu führen und Windeln zu wechseln."




Abschließende Gedanken


Clarissa Bühler liefert mit Wechselbalg einen beachtlichen Debütroman ab. Das Buch scheut sich nicht davor, ernste Themen anzugehen und besonders die Direktheit der Dialoge hat mich freudig überrascht. Die Kapitel sind kurzweilig aufgebaut und trotzdem geben sie den Charakteren genug Zeit, sich zu entwickeln. Für eine etwaige Fortsetzung würde ich mir in der Seitenanzahl etwas mehr Kompaktheit wünschen und vielleicht ein paar weniger experimentelle Handlungsstränge, ohne aber die freche, direkte Art aus dem Erstling über Board zu werfen. 
Was die Autorin aber hier abgeliefert hat ist ein Werk, worin viel Arbeit geflossen ist und als Leser habe ich das auch auf jeder Seiten förmlich aufsaugen können. Ich werde den Weg von Clarissa Bühler aufmerksam verfolgen und bin bereits sehr gespannt, was es als nächstes von ihr zu lesen geben wird.
---------------------------------------------------------



Vertriebsform: Wechselbalg ist als E-Book direkt von der Autorin als Self-Publish Ausgabe erschienen und kann digital über Amazon erworben werden.

Mittwoch, 31. Oktober 2018

Rezension: Der Abgrund in dir (Dennis Lehane)




USA 2017

Der Abgrund in dir
Originaltitel: Since We Fell
Autor: Dennis Lehane
Übersetzung: Steffen Jacobs, Peter Torberg
Genre: Mystery, Drama, Thriller


"Der Abgrund in dir" war von Dennis Lehane eigentlich immer als Film geplant. Die Filmrechte gingen daher bereits 2015 an DreamWorks, bevor Lehane überhaupt die komplette Geschichte zu Papier gebracht hatte. Der Roman erschien etwas später als erwartet und so wird man sich auf die geplante Adaption wohl noch gedulden müssen. Aber wie immer gilt die goldene Regel, erst das Buch zu lesen und dann darüber zu lästern, was im Film alles fehlt. Und man kann davon ausgehen, dass mal wieder viel fehlen wird denn "Der Abgrund in dir" ist ein langer, umfangreicher und detailverliebter Roman. Bei über 500 Seiten (immer noch über 400 Seiten in der englischsprachigen Ausgabe) hat Dennis Lehane sich wieder einmal nicht zurückgehalten.

Der Originaltitel unterscheidet sich hier erheblich von dem deutschen Titel. "Since We Fell" taufte Lehane seine Geschichte, die nicht nur auf das Schicksal der Protagonistin im Roman anspielt sondern auch eine Anspielung auf den 1947 veröffentlichten Song "Since I Fell For You" von Buddy Johnson ist, der im laufe der vielen Jahre oft gecovert wurde. Zusätzlich birgt der Titel noch viele Hinweise auf das Thema des Buches: Sich verlieben. Sich in jemanden vergucken. Man muss nur den sehr kurzen, kryptischen Prolog aufschlagen, um diese Botschaft zu verstehen. Aber ein Autor, der sich mit Romanen wie "Mystic River" oder "Shutter Island" einen Namen gemacht hat, fängt natürlich nicht auf einmal an, schnulzige RomComs zu schreiben (bei dem Titel nicht ganz auszuschließen). Wieder einmal ist Dennis Lehane als Magier unterwegs, denn im laufe des Buches hat er so einige Tricks auf Lager.

Im Mittelpunkt dieses mysteriösen Verwirrspiels steht die Fernsehjournalistin Rachel Childs, die während einer Aufnahme einen Nervenzusammenbruch erleidet. Der Erfolg in der Karriere ist dahin und Rachel erkrankt an Angst- und Panikzuständen. Das Unheil nimmt seinen Lauf, ihre Ehe zerbricht und Rachel versinkt in ein Meer aus Depressionen und beinahe schon paranoid schizophrenen Zuständen. Als Rachel den Unternehmer Brian Delacroix trifft und dieser sie aus ihrem Loch befreit, beginnt für sie ein neues Leben. Ein neues Leben, welches gleichzeitig ihren größten Albtraum besiegelt.

Kaum ein anderer Autor auf dem Gebiet schafft es wie Dennis Lehane, verwirrende Irrfahrten in seinen Geschichten einzubauen. Was er damals bei Shutter Island meisterhaft geschafft hat, gelingt ihm in "Der Abgrund in dir" auf eine ebenso geschickte, jedoch andere weise. Auch wenn es Vergleiche zu "Gone Girl" gibt und die Rückseite des Covers auch noch mit einem Zitat von Gillian Flynn garniert ist, so sollte man unbedingt beide Werke voneinander trennen. Zwar gewinnt Dennis Lehane hier sicherlich nicht den Innovationspreis dafür, ausgerechnet jetzt erstmals eine weibliche Protagonistin zu erschaffen, aber es war wohl auch nie das Ziel, das Genre gleich komplett neu zu revolutionieren. Wovon "Der Abgrund in dir" profitiert ist die Cleverness der Geschichte. In gleich mehreren Abschnitten ist der Roman unterteilt und entfaltet eine massive Charakterstudie. Mit Ausnahme von kleineren Durststrecken weiß es diese Charakterstudie, seine Leser durchweg zu unterhalten.  Den Roman als "Mystery-Drama" zu bezeichnen ist keine falsche Wahl.



Resümee


Dennis Lehane beweist auch in einem etwas anderen Fahrwasser sein Können. Er ist und bleibt auf seinem Gebiet nahezu unerreicht. Eine Empfehlung für die Fans von "Gone Girl" auszusprechen fällt mir gar nicht mal so leicht, denn man hat es hier schon mit relativ unterschiedlichen Geschichten und Stilen zu tun. Fans von spannenden Mystery-Geschichten, die ihre Leser an der Nase herumführen werden hier jedoch absolut nicht enttäuscht werden. Ich gehe sogar so weit und würde "Der Abgrund in dir" zu den besten Büchern zählen, die ich 2018 gelesen habe (und mein Jahr war enorm von Science Fiction geprägt). Wer ein bisschen Zeit übrig hat, der sollte es sich besonders jetzt zur Herbstzeit mit diesem Buch am Abend gemütlich machen und sich komplett auf die Geschichte von Rachel Childs einlassen.

Dienstag, 16. Oktober 2018

Rezension: Tsugumi (Banana Yoshimoto)

(Foto: Aufziehvogel)



Japan 1989

Tsugumi
Originaltitel: TUGUMI
Autorin: Banana Yoshimoto
Verlag: Diogenes
Übersetzung: Annelie Ortmanns
Genre: Coming of Age, Slice of Life



Zu Tsugumi könnte ich einen einzelnen Satz schreiben, der all meine Gedanken zusammenfasst. Dieser würde wohl so lauten: "Tsugumi ist eine wundervolle Geschichte, die kein Bücherfreund verpassen darf". Ende der Rezension. So einfach kann man es sich manchmal machen. Aber so einfach geht es dann noch nicht, denn mit einem einzigen Satz kann man diesen Roman interessierten Lesern wohl nicht zugänglich machen. Ich versuche also den mittellangen Weg zu gehen, um dieses Frühwerk von Banana Yoshimoto etwas besser zu erklären.

Genau wie "Kitchen" ist Tsugumi ein Frühwerk der Autorin, welches ich vorher noch nicht gelesen hatte, es aber eine unverschämt lange Zeit auf meine Leseliste stand. Von 1986 bis 1989 verfasste Banana Yoshimoto in Japan Romane, die unglaublich gut ankamen und sie über Nacht zu einer gefeierten Autorin machten. In nur drei Jahren schaffte es die junge Mahoko Yoshimoto, mit anfang 20, Japans Gegenwartsliteratur komplett aufzumischen. Natürlich kennt man sie heute am besten unter ihrem Pseudonym Banana Yoshimoto. Heute ist die Autorin 54 Jahre alt und blickt mit einem Nachwort in vieler ihrer Romane immer mal wieder auf die Vergangenheit zurück. Tsugumi war ein Roman, der bei der japanischen Presse nicht gut ankam. Man warf der Autorin Ideenlosigkeit vor und stempelte die Geschichte schnell als sentimentalen Kitsch ab. Wenig überraschend, war der Erfolg von Banana Yoshimotos vergangenen Werken noch zu frisch und die kritischen Stimmen zeigten wenig Wirkung. Relativ schnell nach der Veröffentlichung verfilmte der mittlerweile verstorbene Filmemacher Jun Ichikawa (adaptierte 2004 Haruki Murakamis Kurzgeschichte Tony Takitani) Tsugumi. Dies verschaffte dem Roman noch einmal einen zusätzlichen Schub an Popularität.

Tsugumi wäre ohne die prägnante Protagonistin wohl wirklich genau das, was die Kritiker damals bemängelten. Aber die titelgebende Protagonistin ist es, die aus einer gewöhnlichen Coming of Age Geschichte etwas zaubert, was den Lesern in Erinnerung bleiben wird. Ein Blick ins kurze Nachwort verrät bereits wichtige Details über die Entstehungshintergründe. Die Autorin beschreibt darin, dass diese Geschichte sehr wohl einige autobiografische Elemente besitzt. Beinahe beiläufig erwähnt sie, Tsugumi, die titelgebende Romanfigur, sei niemand anders als sie selbst.

Doch wer genau ist Tsugumi? Der Roman beginnt mit ihrem Namen, sie ist praktisch allgegenwärtig, allerdings ist Tsugumi nicht die Erzählerin der Geschichte. Die Ich-Erzählerin ist Maria Shirakawa. Schon nach wenigen Sätzen ist ihre Freundin aus Kindheitstagen beschrieben. Tsugumi ist ein kränkliches, schwaches Mädchen, bestraft mit einer kurzen Lebenserwartung. Wie eine wunderschöne Puppe soll das Mädchen aussehen. Allerdings ist Tsugumi auch ein freches, unverschämtes Biest, was sich gerne in den Mittelpunkt stellt, Streiche spielt, Jungs falsche Hoffnungen macht und respektlos gegenüber sämtlichen Erwachsenen ist. Und dennoch entwickelt sich zwischen den beiden charakterlich sehr unterschiedlichen Mädchen, die auf der idyllischen Halbinsel Izu leben, eine tiefreichende Freundschaft, die noch über viele Jahre andauern sollte.

In ihrer ganz speziellen art, mit viel Melancholie, Fern- wie aber auch Heimweh zu beschrieben, erzählt Banana Yoshimoto sehr feinfühlig diese sehr japanische Geschichte. Ihre sympathische Schreibweise, doch auch die stets präsenten schnippischen Bemerkungen findet man als langjähriger Leser, der vielleicht mit den Frühwerken der Autorin nicht so ganz vertraut ist, auch hier direkt wieder. Wie viele andere Romane von Banana Yoshimoto haftet Tsugumi eine tröstende Wirkung an. Eine Geschichte dieser Gattung könnte oftmals dazu neigen, penetrant auf die Tränendrüse zu drücken, doch diese Hürde hat Banana Yoshimoto schon damals perfekt gemeistert. Mit unter 200 Seiten ist die Geschichte wie immer sehr kompakt gehalten, aber genau hier liegt wieder einmal auch die eigentliche Stärke. Alles ist an seinem Platz und genau da, wo es hingehört. Keine Silbe ist zu viel und kein Kapitel überflüssig.



Resümee

Da es bei mir im privaten Leben selbst derzeit turbulenter zur Sache geht, war "Tsugumi" für mich ein kleiner Ort der Zuflucht und Ruhe. Ich konnte auf die Insel Izu fliehen und dem Meer lauschen. Banana Yoshimoto schafft es beeindruckend, diese simplen Empfindungen in Worte zu fassen und es ist beinahe so, als könne man die frische Meeresbrise fühlen. Es war ein Ausflug mit einem kurzen Aufenthalt, aber ich blicke sehr gern darauf zurück.

Wie immer gibt es keinen perfekten Einstieg für das literarische Werk von Banana Yoshimoto. Tsugumi eignet sich als Start genau so hervorragend wie jede andere Geschichte der Autorin. Da hier übernatürliche Elemente eine eher untergeordnete Rolle spielen, ist Tsugumi vielleicht sogar ihr zugänglichstes Werk. In diesem Sinne: Tsugumi ist eine wundervolle Geschichte, die kein Bücherfreund verpassen darf!




Mein Dank für das Leseexemplar geht an Andrea von "Lohnt das Lesen" :)

Samstag, 13. Januar 2018

Ein Rückblick auf "Die Pilgerjahre des farblosen Herrn Tazaki"


Spoiler-Warnung! Hier wird intensiv auf den Roman eingegangen

Am 22 Januar 2018 beginnt ein Festtag für deutschsprachige Haruki Murakami Fans. Genau dann veröffentlicht der DuMont Verlag nämlich Band 1 (der finale zweite Band erscheint im April) von Murakamis neustem Roman, "Die Ermordung des Commendatore". Auch in Japan ist sein neuer großer Roman in zwei Teilen erschienen, allerdings direkt zum Verkaufsstart. Bei Murakamis Popularität in seiner Heimat kann sich dies wohl kaum ein anderer Autor erlauben.

(Anmerkung: Sämtliche Daten richten sich nach dem Veröffentlichungsdatum in Japan. Alle besprochenen Titel sind in deutscher Sprache erhältlich)
Blicke ich in Abseits 1 noch in eine sehr nahe Zukunft, möchte ich mich jetzt in Abseits 2 direkt der Vergangenheit widmen. Nun ist es beinahe 5 Jahre her, als in Japan Murakamis letzter Roman, "Die Pilgerjahre des farblosen Herrn Tazaki", veröffentlicht wurde. Bei Haruki Murakami herrscht eine strikte Ordnung was seine Veröffentlichungen angeht. Nach einem riesigen Werk wie "1Q84" folgte mit Tsukuru Tazaki ein Roman von eher schmaler Größe. Anschließend musste Murakami von den Romanen wieder Abstand nehmen und veröffentlichte 2014 mit "Von Männern, die keine Frauen haben" eine Sammlung an Kurzgeschichten, die sich alle um ein zentrales Thema (siehe Titel) drehten. 2015 folgte mit "Von Beruf Schriftsteller" eine große Essay-Sammlung mit biografischem Hintergrund (Sehr gelungen, um es noch einmal zu erwähnen). Folgt man diesem Muster, so musste nun wieder ein großer Roman her und wären damit zwar wieder beim Ausgangspunkt des ersten Absatzes, will ich mich hier aber Murakamis letztem Roman widmen.

"Die Pilgerjahre des farblosen Herrn Tazaki" haben bei der Leserschaft ähnlich wie bei Murakamis letztem kleineren Roman, "After Dark", gemischte Gefühle hinterlassen. Anders als bei dem Dreiteiler 1Q84 fehlte es vielen Lesern an Umfang und einer befriedigen Auflösung der Geschichte. Der Roman umfasst einige heikle Themen und erinnert stilistisch manchmal sogar ein wenig an "Naokos Lächeln". Murakamis Surrealismus würde in dieser Geschichte komplett abwesend sein. Befremdlich für viele Leser. Doch ist das wirklich so? Ist der Surrealismus komplett abwesend bei "Die Pilgerjahre des farblosen Herrn Tazaki"? Und hier muss ich widersprechen. Ich blicke sogar sehr positiv auf den Roman zurück. Hat mir 1Q84 zwar gefallen, war ich dennoch der Meinung, dass Murakamis sogenanntes Magnum Opus vielleicht sogar ein komplettes Buch zu lang war. Im Vergleich dazu ist die Geschichte von Tsukuru Tazaki relativ schnell auf den Punkt gebracht. Protagonist ist der Titelträger des Roman, Tsukuru Tazaki. Die Geschichte wird erneut nicht aus der Ich-Perspektive sondern aus der dritten Person erzählt (was den Roman vielleicht etwas unpersönlich macht, hätte der Ich-Erzähler, bekannt aus vielen anderen Geschichten von Murakami, hier vielleicht dem Leser mehr Einblick in den Charakter verschafft). Genau zwei Zeitstränge werden erzählt: Tsukuru Tazakis Jugend und Studienzeit und der 36 Jahre alte Tsukuru Tazaki aus der Gegenwart. Ohne die Erzählung der Vergangenheit wäre die Geschichte selbstverständlich sinnlos und so erfährt der Leser, wieso der unglückliche und farblose Herr Tazaki zu dem wurde, was er ist.
Im Mittelpunkt steht hier die enge Bindung einer Clique von Freunden, in deren Namen (japanische Schriftart) sich eine Farbe versteckt. Tsukuru hingegen ist der einzige der Clique, bei dessen Name dies nicht der Fall ist. Der Freundschaft tat dieser Fakt natürlich nie einen Abbruch. Eines Tages, aus heiterem Himmel, brechen Tsukurus Freunde jedoch den Kontakt zu ihm ab und schneiden ihn, ignorieren ihn, drohen ihm sogar. Einen Grund dafür erfuhr Tsukuru nie und irgendwann verließ er unglücklich seine Heimat Nagoya, um in Tokio zu studieren (Züge sind seine große Leidenschaft und er will eine Karriere als Ingenieur für Bahnhöfe einschlagen). Auch weit über eine Dekade nach diesem Vorfall hat diese Geschichte schwere mentale Schäden an dem schweigsamen jungen Mann hinterlassen. Mit Sara tritt eine Frau in Tsukurus Leben, die eine Bedingung an ihm für eine gemeinsame Zukunft stellt: Er muss in die Vergangenheit reisen und erfahren, wieso seine damaligen Freunde den Kontakt zu ihm abbrachen. Eine Pilgerreise des farblosen Herrn Tazaki in die Vergangenheit.

In die "Die Pilgerjahre des farblosen Herrn Tazaki" beschränkt sich der Surrealismus und somit auch der "Magic Realism" auf Träume und den Erzählungen von Fumiaki Haida, der immer wieder den mysteriösen Herrn Midorikawa (der grüne Fluss) ins Spielt bringt. Doch für mich war es die ganze Zeit Haida, einer der wenigen Studienfreunde Tsukurus, der nicht minder spurlos aus seinem Leben verschwindet wie seine Freunde damals und somit für den Leser ein großes Rätsel hinterlässt, der von Murakamis typischen Surrealismus geprägt ist. Der kompletten Beziehung zwischen Tsukuru und Haida haften sehr surreale Züge an. Das gleiche gilt aber auch für die gesamte Auflösung der wahren Geschehnisse, wieso Tsukurus Freunde den Kontakt so eiskalt abbrachen. Eine exakte Wahrheit wird es nie geben, die Charaktere entwickeln sich mehr und mehr zu unzuverlässigen Erzählern die allesamt entweder die Unwahrheit sagen oder aber sich nicht mehr richtig erinnern können. Die größte Kontroverse des Romans was die Charaktere angeht besteht wohl in Sara, der Partnerin von Tsukuru, die ihn auf seine persönliche Pilgerreise schickt. Murakamis Frauen waren zuvor immer mysteriös, aber immer warmherzig und auf eine angenehme weise geheimnisvoll. Bei Sara ist bei mir während des Lesens dieses Gefühl nie angekommen. Stattdessen fand ich sie unterkühlt und nahm sie eher als einen unangenehmen Charakter wahr. Als sogenannter Schlüssel für Tsukurus Reise war sie für die Geschichte wohl unabdingbar (in einem Interview erwähnte Murakami einmal, es wäre Sara gewesen, ein fiktionaler Charakter, die ihn durch die gesamte Geschichte geführt hätte). Doch auch Saras wahre Motive bleiben letztendlich völlig im dunkeln, auch ihre Geschichte findet keine echte Auflösung, was ich aber eher als neutral betrachte.

"Die Pilgerjahre des farblosen Herrn Tazaki" ist insgesamt ein kurzweiliger Roman ohne Längen, allerdings nicht ganz ohne Macken. Tsukurus gesamter Aufenthalt in Skandinavien wirkt eher wie die Reise in ein Phantasieland und zusätzlich etwas gehetzt. Die gewollten Mysterien und unaufgelösten Plots fügen sich meiner Meinung nach relativ gut in das Gesamtwerk ein. Bis zum Ende war ich mit den Auflösungen mehr als zufrieden. Und so komme ich selbstverständlich nun zur nächsten Kontroverse, das Ende. Ist Sara ohne zweifel der kontroverseste Charakter, so dürfte das Ende für viele Leser natürlich ein ziemlicher Seitenhieb gewesen sein. Anstatt die Geschichte rund um Tsukuru und Sara zu einer Auflösung zu führen, verzichtet Murakami komplett darauf und lässt das Schicksal (und somit auch ein bevorstehender Freitod Tsukurus) völlig offen. Es ist auf einmal so, als hätte wer die Seiten des letzten Kapitel aus dem Buch gerissen und durch etwas völlig anderes ersetzt. In diesem Falle ersetzt durch einen Guide rund um das Thema Bahnhöfe und Züge. Murakami warf alles über Board und entschied sich dazu, den letzten Teil der Geschichte über Bahnhöfe und Züge zu schreiben. Ganz so drastisch war es natürlich nicht, denn trotz allem hat dieser ungeheure Themenwechsel noch immer was mit Tsukuru und somit auch der Geschichte zu tun. Wer Murakami liest muss häufig mal mit offenen Enden rechnen, nie aber mit einem Cliffhanger. Denn genau den hinterlässt der japanische Autor mit dem Ende von "Die Pilgerjahre des farblosen Herrn Tazaki".  Da die Geschichte rund um Tsukurus Vergangenheit größtenteils aufgelöst wird und der Leser über die wahren Hintergründe erfährt, so ist das Ende des Buches tatsächlich weniger bedeutend. Murakami hat seine Geschichte erzählt, wie es jedoch mit Tsukuru und Sara weitergeht ist nicht von großer Bedeutung. Dennoch bin ich mir nicht sicher, ob ihm an dieser Stelle nicht etwas besseres hätte einfallen können. Vielleicht ein weiterer Traum der die Geschichte um Haida und Midorikawa noch einmal aufgreift. Hier wäre sicher mehr möglich gewesen, dennoch bin ich über den allgemeinen Ausgang der Geschichte nicht zu enttäuscht, auch, wenn das Ende weiterhin eine große Kontroverse bleiben dürfte.

Insgesamt erinnere ich mich gerne an "Die Pilgerjahre des farblosen Herrn Tazaki" zurück. Es ist eindeutig nicht der beste Roman von Haruki Murakami, allerdings ist es ein typisches Werk, was zeigt, dass der Autor niemandem mehr etwas beweisen muss. Murakami koppelt sich von einigen Elementen ab die man von ihm gewohnt war. Somit verschwindet ein bisschen von der Vertrautheit, die man in den Romanen zuvor gespürt hat (allerdings fehlte dieses wohlige Gefühl auch schon bei 1Q84). "Die Pilgerjahre des farblosen Herrn Tazaki" ist ein kurzweiliger, geheimnisvoller Roman der ein ruhiges Tempo fährt und ohne irgendwelche spektakulären Höhepunkte auskommt. Ich war sehr dankbar dafür, dass Murakami nach 1Q84 einige Gänge zurückgeschaltet und sich wieder auf alte Stärken besinnt hat. In diesem Falle ist es die Erzählung einer bodenständigen Geschichte mit bodenständigen Charakteren ohne übersinnlichen Fähigkeiten. Wer mit diesen Erwartungen den Roman gelesen hat oder es noch vor hat, der wird auch nicht enttäuscht werden. Würde ich "Die Pilgerjahre des farblosen Herrn Tazaki" noch einmal lesen? Ganz sicher.

Samstag, 16. September 2017

Frisch aus der Druckerei: Die Insel der Freundschaft (Durian Sukegawa)



Infos zur Veröffentlichung

Autor: Durian Sukegawa
Verlag: DuMont
Ausgabe: Hardcover
Inhalt und mehr beim Verlag: Link
Übersetzung aus dem Japanischen: Luise Steggewentz
Preis: 20 Euro (Print), 15,99 Euro (eBook)
Veröffentlichung: 19.09.17



Das Wochenende versüßt hat mir die verehrte Presseabteilung vom DuMont Verlag. Da sich der Deutsche Buchhandel aber nur wirklich sehr selten an die offiziellen Daten der Verlage hält (oftmals jedoch in Absprache), so könnte Durian Sukegawas "Die Insel der Freundschaft" bereits jetzt bei etlichen Buchhändlern erhältlich sein. Der offizielle Verkaufsstart wäre der 19.09.17.

Neben Haruki Murakami scheint der DuMont Verlag mit Durian Sukegawa einen weiteren japanischen Autor gefunden zu haben, der ihr Programm sinnvoll erweitert. Die Verfilmung von Sukegawas Roman "Kirschblüten und rote Bohnen (Rezension)" von Naomi Kawase machte das japanische Multitalent auch in Deutschland zu einem Geheimtipp, der bei den Lesern großen Anklang fand. Zu diesen Lesern gehörte auch ich, mir hat der Roman um das ungleiche Dreiergespann, dessen Schicksale alle mit einer beliebten japanischen Süßspeise verworben war, unglaublich gut gefallen. Durian Sukegawa ist dabei das komplette Gegenteil eines Haruki Murakami. Sukegawa kommt ohne den bekannten japanischen Surrealismus aus. Auch verzichtet der Autor auf eine komplexe, verstrickte Geschichte. Die Essenz der japanischen Literatur haftet Sukegawa aber auf jeder Seite an. Feinfühlig führt er die Einzelschicksale zusammen und bildet eine Einheit aus den Charakteren, die allesamt einen problematischen Stand in der Gesellschaft beherbergen.

In "Die Insel der Freundschaft" vertieft Durian Sukegawa die Thematiken aus "Kirschblüten und rote Bohnen" und schickt ein weiteres Dreiergespann ins Rennen, die allesamt auf der Insel Aburi eine gemeinsame Reise erleben, die sie für immer verändern wird. Übersetzt wurde der Roman diesmal von Luise Steggenwentz die hier Ursula Gräfe beerbt.

Die ausführliche Besprechung zu "Die Insel der Freundschaft" erfolgt in der kommenden Woche. Wenn euch der Titel neugierig gemacht habt, stattet mir also demnächst wieder einen Besuch ab.

Dienstag, 4. Juli 2017

Rezension: Moshi Moshi (Banana Yoshimoto)


(Foto: © Jayne Wexler)




Japan 2010

Moshi Moshi
Originaltitel: Moshi-moshi Shimokitazawa
Autorin: Banana Yoshimoto
Verlag: Diogenes (Besprochen wird hier die Taschenbuchausgabe)
Übersetzung: Matthias Pfeifer
Genre: Slice of Life




"Warum sollte ich meine eigenen vier Wände, in denen sich nur wenige Dinge von mir befanden, mit meiner Mutter teilen? Das war irgendwie unnatürlich. Ich hatte mir alles für meinen Liebsten in spe so schön ausgemalt. Nicht zusammenwohnen, sondern nur gelegentliche Übernachtungen; noch dazu wollte ich mich auf meine Arbeit konzentrieren und in meinem eigenen Rhythmus leben.
Eigentlich hätte ich, wenn es mir wirklich ernst mit meiner Selbstständigkeit gewesen wäre, zornig werden müssen, ihr böse Worte an den Kopf werfen und sie aus meiner Wohnung jagen sollen. Wäre ich ihr Sohn gewesen, hätte ich das bestimmt gemacht.
In dem Moment stützte meine Mutter die Ellbogen auf den Tisch, legte ihren Kopf in die Hände und blickte wie ein kleines Mädchen versonnen auf die regenverhangene Chazawa-Straße.
Dieser Anblick gab mir einen Stich ins Herz.
Alle Argumente, die mir durch den Kopf tobten, waren auf einmal wie weggewischt. Keine Worte konnten deutlicher ihren Wunsch ausdrücken, bei mir zu bleiben, als diese Pose. Das war nicht die Haltung einer erwachsenen Frau. Um sie lag ein Schleier, flüchtig wie ein Traum. Es war der Schleier, der eine besorgte junge Frau umgibt, ein Schleier aus Hoffnung und Einsamkeit."
(Moshi Moshi: Banana Yoshimoto. Verlag: Diogenes. Übersetzung: Matthias Pfeifer)


"Moshi Moshi" sagen die Japaner fast immer, wenn sie ein Telefonat beantworten. Dabei ist es etwas vielschichtiger als unser gewöhnliches "Hallo", der Sinngehalt aber durchaus vergleichbar. Der japanische Titel von Banana Yoshimotos Roman fügt dem "Moshi Moshi" sogar noch etwas hinzu - "Shimokitazawa". Für deutsche Leser wäre der Titel vermutlich etwas lang gewesen und nur die wenigsten hätten mit diesem Wort etwas anfangen können. Auch mir war der Name fremd, wird man im Buch aber relativ schnell aufgeklärt. Bei "Shimokitazawa", auch "Shimokita" von den Einwohnern genannt, handelt es sich um ein Stadtviertel in Setagaya, Tokyo. Bekannt ist das Viertel für Lokalitäten wie Bars, Cafes oder auch Musik. In diesem etwas illustrem Viertel ist Banana Yoshimotos Roman angesiedelt. Mit knapp 300 Seiten gehört "Moshi Moshi" außerdem zu den umfangreicheren Werken der Japanerin. Und wieder einmal ist Banana Yoshimoto in dieser Geschichte etwas außergewöhnliches gelungen, sie macht den tristen Großstadtroman zu einem Erlebnis. Kann Tokyo mit Fernweh verbunden werden? Diese geschäftige, überfüllte, niemals schlafende Stadt. Mit Shimokitazawa scheint dieses wundersame Viertel in der einsamen Weltstadt zu existieren. Ein Slice of Life Roman über das Erwachsenwerden, dem Leben in einer Gemeinschaft und einer großen Menge an Kultur.

Erzählerin der Geschichte ist die zwanzigjährige Yoshie (von Freunden und Familie "Yotchan" genannt). Beinahe beiläufig erzählt sie, ihr Vater, der Keyboarder einer recht bekannten Rockband, habe Selbstmord begangen. Selbstmord begangen gemeinsam mit einer weit entfernten Verwandten, die weder Mutter noch Tochter kannten. Tod durch Erstickung, ein natürlicher Tod ohne Fremdeinwirkung, inklusive eindeutiger Beweise am Ort des Geschehens. Dennoch ranken sich um den Tod des Vaters noch immer viele Geheimnisse, so soll Yotchans Vaters wohl schon vorher von besagter Frau mit Schlafmittel gefügig gemacht worden sein. Obwohl die beiden von dem lockeren Lebensstil des Vaters/Ehemannes wussten, gaben sie ihm seine Freiheiten, selbst eine Affäre hätte man wohl unter den Lastern eines Musikers verbucht. Der überraschende wie rätselhafte Tod des Vaters warf Yotchan und ihre Mutter gleichermaßen in ein tiefes Loch. Die Tochter hielt es nicht mehr aus und zog aus dem gemeinsamen Apartment aus um auf eigenen Beinen zu stehen. In Shimokitazawa, in einer etwas modrigen, kleinen Wohnung, lebt Yotchan nun losgelöst von der Vergangenheit in direkter nähe zu ihrem neuen Arbeitsplatz. Ihr Leben beginnt noch einmal von neuem. Die Freude über die Unabhängigkeit hält so lange an, bis Yotchans Mutter eines Abends vor ihrer Tür steht und ihr mitteilt, dass sie für einige Zeit gerne bei ihr wohnen wolle. Für die beiden Frauen beginnt ein neuer Lebensabschnitt in einem schillernden Viertel in der Großstadt Tokyo.

Wie ich es von Banana Yoshimoto gewohnt bin, so zog mich die Geschichte von Seite 1 an in ihren Bann. Habe ich kürzlich noch eine Kolumne über die Startschwierigkeiten eines Romans berichtet, so ist es eine Eigenart der japanischen Literatur, schon zu Beginn an zum Punkt zu kommen (ausgenommen sind hier die bereits in der Kolumne angesprochenen Light Novels, die allesamt ihre eigenen Probleme mit sich bringen). Yotchans Vergangenheit ist schnell erzählt, der Leser weiß sofort, in welche Richtung die Geschichte einschlagen wird. Es gibt keinen langwierigen Prolog, das zentrale Thema rund um den Verlust eines geliebten Menschen bleibt aber ein enorm wichtiges Element in "Moshi Moshi". Der Titel , eine Liebeserklärung an ein Stadtviertel, funktioniert aber auf mehreren Ebenen. Es ist die persönliche Geschichte einer jungen Frau, die sich uns, den Lesern, offenbart. Dies passiert, in typischer Banana Yoshimoto Manier, auf eine sehr charmante weise.

Dabei erfindet die Autorin sich hier selbst nicht neu. Routinierte Leser könnten sogar behaupten, es gäbe in ihren Geschichten nur selten eine Weiterentwicklung. Bereits vor einigen Jahren schrieb ich in einer anderen Kolumne darüber, dass dieses Merkmal auch auf andere bekannte japanische Autoren wie zum Beispiel Haruki Murakami oder Yoko Ogawa zutrifft. Der gewohnte Schreibstil und der gewohnte Aufbau der Geschichten inklusive der Einführung der bekannten Themen sehe ich aber als ein Stilmittel. Ich weiß, was mich erwartet wenn ich einen Roman dieser Autoren lese. Und doch werde ich immer wieder gleichermaßen auch überrascht. Dies sind Aspekte, die Leser der japanischen Literatur eher schätzen als diese als tatsächlichen Kritikpunkt zu betrachten.

Für die Übersetzung aus dem Japanischen war diesmal nicht Thomas Eggenbert verantwortlich. Für die Übersetzung von "Moshi Moshi" übernahm Matthias Pfeifer das Szepter. Den flüssigen, bildhaften Stil von Banana Yoshimoto hat auch er in eine schöne deutsche Sprache übertragen. Die Übersetzung knüpft von der Qualität her nahtlos an andere Werke an, die der Diogenes Verlag veröffentlicht hat (Ihre Nacht, Lebensgeister und so fort).




Resümee

"Moshi Moshi" ist eine ruhige Geschichte, die, wie bei Banana Yoshimoto üblich, Sehnsüchte weckt und gleichzeitig Trost spendet. Dabei spielt der Tod auch in dieser Geschichte wieder einmal eine wichtige Rolle. Zu keiner Zeit driftet der Roman aber in gefühlsduseligen Kitsch oder gar Esoterik ab. Die Art und Weise, auf spektakuläre Momente oder waghalsige Wendungen zu verzichten, aber dennoch eine emotionale, aufwühlende Geschichte zu erzählen, dies macht Banana Yoshimotos Stil aus. Tod und Leben reichen sich in "Moshi Moshi" die Klinke und beides geschieht auch noch in einer kraftvollen Harmonie. Ein starker Roman über Neuanfänge mit der typischen Yoshimoto-Magie.



Shimokitazawa in Tokyo: Gefunden bei Wayfaring Minimalist. Wissenswertes zum Viertel befindet sich in englischer Sprache im Link.

Samstag, 17. Juni 2017

Einwurf: Es war einmal.....




Der berüchtigte Blog-Einwurf ist in den letzten Monaten ziemlich untergegangen. Eine Rubrik, für die niemand diesen Blog besuchen würde und die vermutlich weniger Interessenten findet, als ein Jahresabonnement für den Empfang des Staatsfernsehens aus Nordkorea. Dennoch liegt mir diese Rubrik sehr am Herzen. Aus zeitlichen Gründen müssen so einige virtuellen Pläne derzeit einen Platz auf den hinteren Reihen einnehmen.

Ein Thema, womit ich mich in diesem Einwurf befassen will, ist ein Klassiker der Literatur. Nimmt man es genau, hat sich dieses "Problem" auch noch auf vielen anderen Medien ausgeweitet. "Der Anfang einer Geschichte". Beinahe jede Geschichte beginnt so - "Es war einmal....."
Ob man nun ein Buch liest, einen Film schaut oder eine Serie startet, jede Geschichte muss einen Anfang haben. Viele Werke schaffen das ganz gut, andere wiederum tun sich mit dem Anfang einer Geschichte äußerst schwer. Der Pate 2 zum Beispiel hat, trotz seines Status als einer der besten Filme aller Zeiten, ein sehr großes Problem mit dem Tempo. In der Literatur ist der Beginn einer Geschichte aber noch einmal eine ganz andere Nummer. Obwohl ich einen Blog führe, dessen Hauptaugenmerk auf Bücher gerichtet ist, so bin ich dann am Ende doch kein fanatischer Leser, der wöchentlich 1-2 Bücher verschlingt. Jeden einzelnen Titel suche ich mir bewusst aus und nur die Titel, die mir außerordentlich gut gefallen haben, bekommen einen Besprechung spendiert. Von enorm langen Wälzern halte ich mich meistens distanziert, das gleiche gilt aber auch für Buchreihen, die mehrere Bände mit sich bringen.

Und so frage ich mich, besonders bei den langen Buchreihen, kann man nicht einfach bei Band 2 einsteigen? Mit Band 1 anzufangen bringt doch wieder so langwierige Prozesse mit sich! Es startet mit dem obligatorischem Prolog. Der Leser wird heiß auf das gemacht, was ihn erwartet. Der Prolog ist der Schlüssel zu jeder Geschichte. Doch dann folgt Kapitel 1. Oh ja, auf Kapitel 1 dürfte meistens nicht einmal der Autor selbst lust haben. Vielleicht ja auch ein Grund, wieso eine menge Autoren und Hobby-Schreiber meistens mit der Mitte oder gar dem Ende ihrer Geschichte beginnen. Da ich selbst einer dieser Hobby-Schreiber war, so war es für mich unmöglich, als mit etwas anderem anzufangen als Kapitel 1 (ich habe es mehrmals versucht). Grund dafür ist, ich hatte zum Beginn meiner eigenen Geschichten meistens nur eine rohe Skizze vor mir, in welche Richtung die Handlung verlaufen könnte. Dennoch könnte ich genau so gut sagen, ich hatte keinen blassen Schimmer, wie mein eigenes Werk verlaufen wird. Ein Aspekt, den man sich eigentlich nur bei Kurzgeschichten erlauben kann. Und, ehrlich gesagt, ich war schon immer ein bisschen mehr Fan der kurzen Geschichte, als von den wuchtigen, langen und ausführlichen Romanen. Die von vorn bis hinten genau durchdachten Romane mit Form und Struktur. Eine Kurzgeschichte hingegen kann unberechenbar sein, man kann experimentieren und es einfach drauf ankommen lassen. Kurzgeschichten genießen in Deutschland nicht unbedingt den besten Ruf. Eine menge Leser können sich auf ein kurzes Lesevergnügen nicht einlassen. Sie vermissen die ausführlich beschriebenen Charaktere und den gewohnten Aufbau einer langen Geschichte.

Und hier kommt der Bumerang zurück zu "Kapitel 1". Das erste Kapitel, der tatsächliche Auftakt einer Geschichte, das ist die erste Hürde, die der Autor und somit auch seine Leser zu bewältigen haben. Im Vorfeld weiß man, dass die Geschichte, die man gerade liest, erst einmal in die Gänge kommen muss. Man muss die Protagonisten und die Nebenfiguren kennen lernen, den Schauplatz und den berüchtigten MacGuffin, der die Geschichte vorantreibt. Packt man all diese Elemente zusammen, so kann der Auftakt einer Geschichte so langwierig wie nur möglich werden. Manchmal dauert er auch einen ganzen Band lang an, wenn es sich um eine Buchreihe handelt. Ein Problem, was besonders in der japanischen Light-Novel Industrie (Light Novel sind in der Regel kürzere Romane mit ausgewählten Illustrationen, die gerne mal weit um die 20 Bände beinhalten können). Da bei Light Novels häufig auch noch mit Klischees gespielt wird, so kann sich der Auftakt einer Geschichte oftmals als regelrechte Tortur entpuppen. Genau dieses Problem haftet auch dem ersten Band von Occultic;Nine an, der neuen Reihe von Steins;Gate Macher Chiyomaru Shikura. Alles, was ich gerade aufgezählt habe, haftet auch Band 1 von Occultic;Nine an. Der Band ist ein einziger großer Prolog, ab und an blitzt jedoch Potential auf, welches die Geschichte vorantreiben könnte, nur um ein Kapitel später wieder in alte Muster zu verfallen. Das Problem von Occultic;Nine wird schnell klar, besonders, wenn man das Nachwort des Autors liest, der offensichtliche Probleme mit der Geschichte zugibt. Chikura ist grundsätzlich ein Mann, der sich bei seinen Geschichten sehr gerne Zeit nimmt. Zeit, die er bei einer Light Novel nicht hat. Um dem besagten Problem von Occultic;Nine auf den Grund zu gehen, dies ist schnell geklärt. Genau wie bei "Das Lied von Eis und Feuer" von George R.R. Martin übernimmt in jedem Kapitel ein neuer Protagonist das Ruder (bei Occultic;Nine erfolgt die Erzählung zusätzlich aus der Ich-Perspektive). Während George R.R. Martin diese Erzählkunst durch Erfahrung bereits zum Beginn von Eis und Feuer perfektioniert hat, hatte er weniger Probleme, einen ansprechenden wie spannenden Auftakt zu liefern. Bei Occultic;Nine hingegen fühlt sich jedes neue Kapitel wieder wie Kapitel 1 an. Der Zähler wird praktisch nach jedem Kapitel wieder zurück auf 0 gesetzt. Dem Leser wird ein neuer Erzähler präsentiert und somit auch eine neue Geschichte. Sobald die Geschichte einen spannenden Punkt erreicht hat, wird sie auf 0 zurückgesetzt wenn im nächsten Kapitel entweder wieder ein neuer Charakter eingeführt wird, oder aber ein Erzählstrang fortgesetzt wird, der einfach nicht in die Gänge kommen will. Für den Leser kann dies eine unglaublich langwierige Angelegenheit sein, da dieser immer wieder erneut den Auftakt einer Geschichte lesen muss. Der gesamte erste Band wirkt somit wie eine wirre Aneinanderreihung zusammenhangsloser Geschichten, die, würde der Autor auf diese art der Erzählung verzichten, durchaus eine menge Potential birgt.

Und so komme ich zum Ende noch einmal auf den Ausgangspunkt dieses Einwurfs zurück. Kann man nicht einfach mit Band 2 anfangen? Kann man sich nicht einfach eine Zusammenfassung der bisherigen Ereignisse auf Wikipedia durchlesen und sich die ganzen Mühen rund um den Auftakt einer Geschichte sparen? Und, da ich es selbst schon mehrmals probiert habe bei der ein oder anderen bekannten Reihe, so kann ich diese Frage auch beruhigt mit "Nein" beantworten. Egal wie man es dreht und wendet, entweder kommt man trotz einer Zusammenfassung noch durcheinander oder aber man wird in der Fortsetzung förmlich dazu verleitet, sich den Auftakt durchzulesen. Der Vorteil, auf diese ungewöhnliche weise mit einer Buchreihe anzufangen, ist, man bekommt bereits einiges von den Protagonisten und Nebenfiguren mit und man wird nicht mehr so große Probleme damit haben, mit ihnen im ersten Band warm zu werden oder sie zu verachten. Letztendlich wird man sich aber wohl selbst eingestehen, es führt kein Weg an Kapitel 1 vorbei. Ob man es mag oder nicht, so beginnt eine Geschichte (in den meisten Fällen!) und selbst die besten davon hatten mit einem langwierigen Auftakt zu kämpfen. Als Leser muss man den langsamen Weg gehen, um einige Kapitel später in den vollen Genuss einer spannenden Geschichte zu kommen. Und so kann selbst der langweiligste Beginn einer Geschichte sich noch als literarischer Höhepunkt entpuppen. Denn man darf nie vergessen, jede noch so unbedeutende Geschichte beginnt mit "Es war einmal.....", auch, wenn diese drei Worte nicht dazu verpflichtet sind, sich auch jedesmal zu zeigen.

Mittwoch, 31. Mai 2017

Rezension: Into the Water (Paula Hawkins)







Großbritannien 2017

Into the Water
Autorin: Paula Hawkins
Verlag: Blanvalet
Übersetzung: Christoph Göhler
Veröffentlichung: 24.05.2017
Genre: Mystery, Thriller




"Ich lenkte den Wagen an den Straßenrand und schaltete den Motor aus. Dann sah ich auf. Dort waren die Bäume und hier die Steinstufen, vermoost und tückisch nach dem Regen. Sämtliche Härchen an meinem Körper stellten sich auf. Woran ich mich erinnerte: An den eisigen Regen, der auf den Asphalt trommelte, die zuckenden Blaulichter, die im Wettstreit mit den Blitzen den Fluss und den Himmel erhellten, Atemwolken vor verängstigten Gesichtern und den kleinen Jungen, der bibbernd und weiß wie ein Gespenst von einer Polizistin die Stufen zur Straße hinaufgeführt wurde. Daran, wie sie seine Hand umklammert hielt, wie sie sich mit großen, wilden Augen umschaute und den Kopf hin- und herwandte, während sie irgendwen rief. Noch heute kann ich fühlen, was ich damals fühlte, Grauen und Faszination zugleich. In meinem Kopf höre ich dich immer noch sagen: Wie das wohl sein muss? Kannst du dir das vorstellen? Zusehen zu müssen, wie deine eigene Mutter stirbt?"
(Into the Water: Paula Hawkins. Verlag: Blanvalet. Übersetzung: Christoph Göhler)



"Into the Water" von Paula Hawkins fiel mir beinahe zufällig in die Hände. Geplant war der Titel und die anschließende Besprechung für eine Gast-Autorin, die für "Am Meer ist es wärmer" bereits eine Rezension zu "Girl on the Train" verfasst hat. Aus zeitlichen Gründen musste die Rezensentin mir aber absagen und so blieb Into the Water auf meinem Schreibtisch liegen. Somit fiel der Titel auf meinem eigenen Stapel. Obwohl ich Gillian Flynns "Gone Girl" als sehr gelungen erachte, bin ich nun auch kein passionierter Leser von Thrillern weiblicher Autorinnen. Dass mich dieses Metier aber durchaus auch begeistern kann, dies hat zuletzt erst "Geständnisse" der japanischen Autorin Kanae Minato bewiesen. Ob Paula Hawkins neuster "Spannungsroman" mich begeistern konnte, erfahrt ihr jetzt.

Ein guter Titel ist die halbe Miete, heißt es..... oder auch nicht. Paula Hawkins hätte ihren Roman wohl lieber "Drowning Pool" genannt, wenn dies nicht unbedingt Probleme mit Urheberrechten und anderen Querelen mit sich bringen würde. Den Titel "Into the Water" kann ihr daher doch logischerweise nur ein Redakteur zugespielt haben, denn an größerer Ideenlosigkeit ist dieser langweilige Titel für einen umfangreichen Roman kaum zu überbieten. Wiederum, Girl on the Train ist auch nicht gerade ein Titel, der von Einfallsreichtum strotzt. Am wichtigsten ist jedoch, ob der Inhalt überzeugen kann. Nach dem sensationellem Erfolg von Girl on the Train hätte die Autorin ihren neusten Roman auch "Dead Body in the Water" nennen können und keinen hätte es gekümmert, denn eine feste Leserschaft war Paula Hawkins von vornherein sicher.

Into the Water beginnt nicht so, wie man sich den typischen Mystery-Thriller vorstellt. Der Prolog erinnert sogar ein wenig an die Eröffnungssequenz des Pilotfilms von Twin Peaks, die die Zuschauer durch ihre kryptische art und weise auch sehr überrascht haben dürfte. Die Geschichte beginnt im Jahr 2015 und Jules (ein Kosename für Julia) berichtet über eine Person, die ihr anscheinend mal sehr nahe stand. Trauer vermischt sich mit Wut und ihren Worten merkt man sofort an,  die Frau pflegte ein sehr zerrüttetes Verhältnis zu dieser Person. Die Feder wird an Josh weitergereicht, ein junger Mann, der wartet, dass seine Mutter heimkehrt, die, seit dem Tod ihrer Tochter, gerne mal nächtliche Spaziergänge unternimmt. Als sie am Morgen zurückkehrt und sich ins Haus schleicht, geht sie die Treppen zum Schlafzimmer hinauf und weckt ihren Mann, ihr Sohn Josh folgt ihr dabei heimlich. Als ihr Mann Alec aus einem tiefen Schlaf erwacht, macht seine Frau ihm die traurige Kunde, die Leiche von Nel Abbott sei vor einigen Stunden gefunden worden. Erneut wechselt die Erzählung zu Jules, die sich der Polizei als die Schwester der Verstorbenen vorstellt.

Es dauert um die 50 Seiten, bis für den Leser wirklich klar wird, um was es in dieser Geschichte geht. Durch die kryptische, sehr unkonventionelle Erzählweise gewinnt die Geschichte schnell an Fahrt. Einige Leser könnte so ein Stil vielleicht überfordern oder abschrecken, ich hingegen war überraschend angetan. Alle 5-10 Seiten (zum größten Teil der Geschichte zumindest) wechselt der Erzähler, was eine Besonderheit ist aufgrund der Kürze der jeweiligen Parts. Dabei wechselt die Erzählung auch gerne mal vom Ich-Erzähler zum Erzähler aus der dritten Person. Meine Sorge, dieser Stil könnte sich irgendwann abnutzen und langweilig werden, hat sich nicht bewahrheitet. Erst die vielen kleinen Geschichten ergeben gemeinsam ein großes Gesamtwerk, was äußerst gut durchdacht ist, aber leider auch nicht völlig ohne bekannte Klischees auskommt. Von Themen wie Feminismus möchte ich mich aber dennoch distanzieren, da diese Debatte auch wieder einmal auf der Agenda stand. Dass das Buch eher eine weibliche Leserschaft anpeilt, dürfte jetzt keine besonders große und überraschende Offenbarung sein.



Resümee

Paula Hawkins Stil sorgte bei mir für eine Überraschung. Die sich stets abwechselnden Erzähler(innen) sorgen für Spannung, Mysterien und eine menge Konfusion. Man kann nicht allen trauen, keiner sagt die Wahrheit und jeder ist mal wieder irgendwie verdächtig. Die Zutaten sind alle bekannt und wurden nicht neu erfunden, aber wie sie zusammengeführt wurden ergibt durchaus ein recht erfrischendes Konzept. "Into the Water" ist erst der zweite Mystery-Thriller von Paula Hawkins und ihr Stil scheint sich etabliert zu haben. Abgesehen von der Nutzung einiger etwas zu abgedroschener Klischees und einer kleinen Überlänge ist in dieser Geschichte alles an seinem Platz. Genau da, wo es hingehört. Paula Hawkins scheint gerne die zerstörten Teile einer Vase wieder zusammenzusetzen, aber nicht, ohne dem bekanntem Objekt noch ein eigenständiges Markenzeichen zu hinterlassen.

Freitag, 19. Mai 2017

Rezension: Geständnisse (Kanae Minato)



(Foto: ©Ayako Shimobayashi)




Japan 2008

Geständnisse
Originaltitel: Kokuhaku
Autorin: Kanae Minato
Verlag: C. Bertelsmann
Übersetzung: Sabine Lohmann nach einer englischen Übersetzung von Stephen Snyder
Veröffentlichung: 27.03.2017 beim C. Bertelsmann Verlag
Genre: Gesellschaftsdrama, Mystery-Thriller (Iyamisu)



"Ich frage mich, was für ein Bild die Leute sich wohl von dieser Lunacy machen. Überlegt mal, würde eine schöne junge Frau sich freiwillig als unzurechnungsfähig bezeichnen? Wenn man von Gesetzes wegen keine Bilder von jugendlichen Mördern veröffentlichen darf, warum dann die Leute dazu verleiten, sich jemand Hübsches vorzustellen? Besser, man würde stattdessen ein fingiertes Bild von der Person unter die Leute bringen, ein Foto von einer bösartig grinsenden Verrückten. Warum denn nicht zeigen, was für eine Sorte Mensch so jemand ist? Wenn wir sie stattdessen in Watte packen und jede Menge Aufhebens um sie veranstalten, bestärken wir sie dann nicht noch in ihrem Narzissmus? Und werden sich dann nicht noch mehr törichte Kinder dazu angeregt fühlen, sie zu verehren? Und vor allem, wenn ein Kind ein derartiges Verbrechen begeht, obliegt es dann nicht den Erwachsenen, so diskret wie möglich damit umzugehen und dem Verbrecher die Schwere seines Vergehens unmissverständlich klar zu machen? Diese Lunacy wird ein paar Jahre in irgendeiner Erziehungsanstalt verbringen, vielleicht irgendeine Art von Abbitte verfassen, und dann zurück in die Gesellschaft entlassen werden, sehr wohl wissend, dass sie als Mörderin straffrei davongekommen ist."
(Geständnisse: Kanae Minato. Verlag: C. Bertlesmann. Übersetzung: Sabine Lohmann)



Die grundlegende Frage, die im Vorfeld geklärt werden muss: Wer hat sich denn nun verspätet? Die deutsche Übersetzung zu Kanae Minatos "Kokuhaku", oder meine Besprechung zur hier präsentierten Ausgabe? Nun, ich bin mal so bescheiden und markiere hier ein Unentschieden. Diese leicht sarkastische Bemerkung ist hier natürlich nicht an den Verlag gerichtet, sondern an die deutsche Leserschaft, die über die Jahre hinweg von "Autoren" wie Fitzek, Tsokos und Co. durch Krimis vom Fließband literarisch beschallt wurde. Ein Roman wie "Geständnisse" wird an vielen Lesern wohl vorbeirauschen, was überaus schade ist. Zum einen, weil es ein Verlust für jeden Fan spannender Literatur ist, zum anderen aber auch, weil die geringe Beachtung solcher Titel dafür sorgt, das die Verlage sich von der japanischen Literatur noch weiter distanzieren. Im Fall von Geständnisse, so scheint der C. Bertelsmann Verlag hier aber wohl doch einen Treffer gelandet zu haben. Der Roman kam bei sämtlichen Kritikern gut an und fand selbst eine besondere Erwähnung in der Sendung "Druckfrisch" von Literaturkritiker Denis Scheck.

Obwohl Leser meines Blogs meine ausufernden Abschnitte über den Inhalt eines Buches so langsam kennen dürften, so werde ich diesen Teil aber diesmal bewusst verkürzen. Einen Roman wie Geständnisse sollte man völlig unvoreingenommen angehen. Es reicht völlig aus, sich die kurze Inhaltsangabe auf der Rückseite des Schutzumschlages der deutschen Ausgabe durchzulesen. Meiden sollte man dafür die ausführliche Inhaltsangabe, die auf der Innenseite des Schutzumschlages zu finden ist, sobald man den Buchdeckel öffnet. Genau das dürfte auch die Intention der Autorin sein. Der Leser soll sich zurücklehnen, sich in Sicherheit wiegen und sich von der Autorin führen lassen. Bis zur ersten Offenbarung braucht Kanae Minato etwas über 20 Seiten, von da an nimmt die entspannte Unterrichtsstunde eine unerwartete Wendung und driftet förmlich in einen furchtbaren Alptraum ab.

Geständnisse hält sich nicht mit einem ausufernden Prolog auf, sondern führt direkt zum Kern der Geschichte. Anfangs wird der Leser noch sehr verdutzt sein. Die Eröffnung liest sich wie der Monolog einer Person, die am Rande des Wahnsinn ist und Selbstgespräche führt. Es gibt keine Wörtliche Rede oder andere, zigfach durchgekaute Stilmittel dieses Genres. Genau das macht die Eröffnung von Geständnisse so einzigartig. Schon auf den ersten Seiten wird der Leser mit Yuko Moriguchi konfrontiert, einer Lehrerin, die ihrer Klasse einen letzten Vortrag hält, weil sie anschließend ihren Beruf als Lehrkraft aufgeben wird. Schnell wird klar, dass Moriguchi hier keinen gewöhnlichen Vortrag hält. Man wird die Frau als altklug und unterkühlt ansehen, als eine Lehrerin, die ihre Schüler ihre gesamte Laufbahn eigentlich immer nur als Belastung ansah. Je weiter der Vortrag aber geht, umso mehr wird auch der Leser wissen, dass hier weder Moriguchi, noch aber die Schüler diese Geschichte unbeschadet überstehen werden.

Die Gesellschaftskritik in Geständnisse wird sehr schnell deutlich. Auch wenn hier sehr speziell typisch japanische Probleme (Schulsystem, Jugendstrafrecht etc.) im Mittelpunkt stehen, so sollten auch westliche Leser keine all zu großen Probleme haben, die hier geschilderte Gesellschaftskritik nachvollziehen zu können. Es sind auch, rund 9 Jahre nachdem der Roman in Japan erschienen ist, noch immer aktuelle Themen. Kanae Minato schreckt hier auch nicht zurück, Taten auf wahren Begebenheiten in ihre Geschichte mit einzuweben. Das prominenteste Beispiel sind hier wohl die bizarren Morde von Kobe aus dem  Jahr 1997, wo ein damals 14 jähriger Schüler (in der Öffentlichkeit nur als "Junge A" bekannt) einer Junior High School zwei Grundschüler auf bestialische art und weise ermordet hat. Dieser Fall sorgte in Japan dafür, dass das Jugendstrafrecht im Jahr 2001 von 16 auf 14 gefallen ist und noch einige andere gesellschaftliche Revisionen mit sich führte (einige Jahre später erhielten auch Videospiele in Japan vorgeschriebene, strenge Altersfreigaben, die auch heute noch nicht gelockert sind).

Gerne wird Geständnisse mit "Gone Girl" von "Gillian Flynn" verglichen. So heißt es, Geständnisse sei die japanische Antwort auf Gone Girl. Nicht nur ist Gone Girl aber rund 4 Jahre später erschienen, auch thematisch haben beide Werke, ausgenommen einiger Parallelen rund um die drastischen Beschreibungen einiger Passagen sowie die vielen unerwarteten Wendungen, absolut nichts gemeinsam. Ich fand Gone Girl, zu meiner Überraschung, ziemlich gelungen und kann interessierten Lesern nur raten, beide Werke nicht miteinander zu vergleichen. Viel mehr schlägt Geständnisse eher in eine Kerbe wie Battle Royale. Mag der Vergleich anfangs kurios wirken, so werden die Gemeinsamkeiten im laufe der Geschichte deutlich.

Im Jahr 2010 verfilmte der japanische Regisseur Tetsuya Nakashima, geprägt von seinem Stil, äußerst erfolgreich den Roman von Kanae Minato. Ich muss sogar gestehen, die großartige Eröffnung von Geständnisse erzielt im Film durch die geniale Inszenierung eine sogar noch größere Wirkung. Man kann sagen, Nakashima ist dem Roman relativ treu gefolgt. So treu gefolgt, wie es bei über 100 Minuten Spielzeit möglich ist. Der Roman glänzt jedoch von großartig beschriebenen Charakteren und, ganz besonders, die Entwicklung der Charaktere. Etwas, was in einer Filmadaption meistens, wenn nicht sogar immer, den Kürzeren zieht. Der Roman erscheint in der Gesamtwertung logischer, runder und vollkommener. Dies darf aber in keinster weise die gelungene Adaption von Nakashima abwerten. Ich empfehle jedoch, da man nun endlich die Möglichkeit zur Auswahl hat, das Buch zu lesen bevor man den Film schaut.

Jetzt folgt noch ein kurzer Abschnitt, der mir dann doch sehr am Herzen lag. Die Übersetzung. In meiner Vorschau zu Geständnisse habe ich bereits im Vorfeld kritisiert, die hier vorliegende deutsche Übersetzung von Sabine Lohmann basiert auf einer englischen Übersetzung von Stephen Snyder des Mulholland Verlags. Gründe, wieso man sich hier gegen eine Übersetzung aus dem Japanischen entschieden hat, gibt es viele. Der Hauptgrund werden wohl die zusätzlichen Kosten gewesen sein. Dafür steht jedoch für eine Hardcover-Ausgabe ein attraktiver Preis von 16,99 Euro als Pro-Argument im Raum. Wichtig ist jedoch, ob die deutsche Übersetzung gut lesbar ist. Und genau dies ist hier der Fall. Die Übersetzung liest sich absolut flüssig, die Auswahl der Begriffe ist ebenfalls optimal gewählt. Als Referenz fehlt mir natürlich hier die japanische Ausgabe (die ich an sich nicht beurteilen könnte), aber auch die englische Ausgabe hielt ich noch nie in den Händen (wobei ich mir hier eine Leseprobe hätte zusenden lassen können, was ich aber, ebenfalls bewusst, nicht getan habe, um am Ende nicht voreingenommen zu wirken, wenn ich die deutsche Übersetzung lese). Auch wenn ich, und daran wird sich nichts ändern, immer eine Übersetzung aus der ursprünglichen Sprache vorziehe, an der Übersetzung von Sabine Lohmann gibt es nichts auszusetzen, dementsprechend sehe ich hier aktuell keinen Verlust in der gesamten Qualität der Übersetzung.




Resümee

Geständnisse gehört sicherlich mit zu den einflussreichsten japanischen Romane der vergangenen 10 Jahre. Nun kommen auch endlich deutsche Leser in den Genuss dieses starken Romans einer hierzulande unbekannten, jungen Autorin. Geständnisse war als Film schon bildgewaltig, aber auch die Romanvorlage muss sich hier absolut nicht verstecken. Bitterböse Gesellschaftskritik trifft Mystery-Thriller. Ein frisches, unverbrauchtes Gesamtpaket. Man sollte dieses Buch luftdicht versiegeln, damit uns diese Frische auch noch über Jahre erhalten bleibt, die sonst einmal mehr von der endlos langweiligen Monotonie der Massenware zurückgedrängt wird.

Donnerstag, 8. Dezember 2016

Der neue Murakami: Infos zum Japan-Release und surreale Kunst




Das Jahr neigt sich dem Ende, es gibt nicht mehr viel zu berichten (es folgt ehrlich gesagt nur noch eine einzige Rezension) und dennoch weigere ich mich, den Blog mit Füllmaterial zu bestücken. Die verbleibenden Posts möchte ich nicht verschwenden und mich sogar noch einmal Haruki Murakami widmen, dessen Essay-Sammlung "Von Beruf Schriftsteller" mir außerordentlich gut gefallen hat und mitunter zu den besten Büchern zählt, die ich in diesem Jahr gelesen habe. Anzumerken wäre dabei, es handelt sich hier um ein Non-Fiction Werk des Japaners. Murakamis letzter großer Roman ("Die Pilgerjahre des farblosen Herrn Tazaki") liegt tatsächlich schon über 3 Jahre zurück. Wie immer hält sich der Autor mit Infos zu seinem neuen Roman stark bedeckt. Die Unberechenbarkeit besteht jedoch darin, dass Murakamis neue Veröffentlichungen nur selten angekündigt werden. Auch was eine ausführlichere Inhaltsangabe angeht bleibt das Mysterium aufrecht erhalten, bis der Titel letztendlich im Buchhandel erscheint. Genau dazu hat Murakamis Verlag nun aber überraschend Klarschiff gemacht: Der neue Roman wird im Februar 2017 im japanischen Buchhandel erscheinen. Ein genaueres Datum gibt es noch nicht und wird vermutlich erst 1-2 Tage vorher bekanntgegeben, bevor der Roman dann auch erscheint. Murakami selbst äußerte sich kürzlich zu seinem neusten Werk, als er im Rahmen des "Hans Christian Andersen Awards 2016" in Dänemark (Odense) zu Gast war und gemeinsam mit seiner dänischen Überstzerin Mette Holm an einer Diskussionsrunde teilnahm. Mehr als ein kurzes Statement konnte man ihm jedoch nicht entlocken. Murakami bestätigte jedoch, seine neue Geschichte wird erstmals nach einer langen Zeit wieder einen Ich-Erzähler haben (ein Merkmal der japanischen Literatur). Desweiteren beschreibt er, bei seinem neuen Buch würde es sich um eine >>sehr seltsame Geschichte<< handeln. Also eigentlich alles wie immer, oder? Gerüchten zufolge soll sein neustes Werk teilweise in Wien spielen. Je nachdem, wie lang der Roman sein wird, besteht natürlich auch die Möglichkeit, dass das Werk vielleicht noch 2017 in Deutschland erscheinen wird.

Um den Beitrag abzuschließen möchte ich noch etwas für die Augen bereitstellen. Obwohl es sich hier um Material handelt, was 2011 das Licht des Internets erblickt hat, ist der Bekanntheitsgrad dieser Artworks nicht all zu hoch. Besten Dank an "Am Meer ist es wärmer" Leser >>Mangrove<<, der mir den Tipp gegeben hat.

Bei den Artworks handelte es sich um eine Promo-Aktion für 1Q84. Der Künstler Micah Lidberg fertigte dabei fünf Zeichnungen an, die auf Romanen und Anthologien von Haruki Murakami basieren. Surreale Literatur trifft dabei auf surreale Kunst. Damit möchte ich den Autor auch in seine verdiente Winterruhe schicken, einige Leser wissen es vermutlich, das große Werk des Japaners gehört zu diesem Blog wie das Salzwasser zu den Meeren unserer Welt.


(Der Elefant verschwindet. Copryright: Micah Lidberg)


(Wilde Schafsjagd. Copryright: Micah Lidberg)


(1Q84. Copyright: Micah Lidberg)


(Hard-boiled Wonderland und das Ende der Welt. Copyright: Micah Lidberg)


(After Dark. Copyright: Micah Lidberg)


Quelle: Nowness