Archiv: Rezensionen zu Literatur und Film

Donnerstag, 2. Juni 2022

Review: Der Rausch

 




Dänemark 2020


Der Rausch
Originaltitel: Druk
Regie: Thomas Vinterberg
Darsteller: Mads Mikkelsen, Thomas Bo Larsen, Markus Millang, Lars Ranthe, Maria Bonnevie
Genre: Tragikomödie
Verleih: Weltkino
FSK: Ab 12



Was für ein Leben.....


Das dänische Kino hat sich vor vielen Jahren zu eine meiner liebsten Filmlandschaften entwickelt. Von Regisseuren wie Susanne Bier, Anders Thomas Jensen, Nicolas Winding Refn bis zu eben jenem Thomas Vinterberg - in jedem dieser Namen steckt Qualität und einzigartige Filmkunst. Und irgendwie führen all diese Namen praktisch unweigerlich automatisch zu Mads Mikkelsen, der sich in den vergangenen 10 Jahren unlängst zu einem der begnadetsten Charakterdarsteller entwickelt hat. Während er in seinen Hollywoodauftritten meistens comichafte Bösewichte spielt, sind seine Hauptrollen in seiner dänischen Heimat weitaus bodenständiger, greifbarer und menschlicher. Dieser Spagat zwischen überzeichneten Charakteren wie Le Chiffre und Gellert Grindelwald und einer anschließenden Verwandlung zu einer Rolle, wo er einen gewöhnlichen 0815 Typen der Mittelklasse spielt, ist herausragend, immer glaubhaft und bodenständig. Nach "Die Jagd (2012)" führen die Wege von Thomas Vinterberg, Mads Mikkelsen und Thomas Bo Larsen wieder zusammen - und enden in einem Vollrausch.

Der Rausch behandelt ein Thema, was in Filmen relativ unterrepräsentiert ist. Findet man zu nahezu jeder bekannten Szenedroge einen passenden Film dazu, kam die Volksdroge Nummer 1 bisher immer relativ glimpflich davon. In dieser Tragikomödie geht es letztendlich um den Alkoholismus und den damit verbunden Folgen. Im Fokus stehen hier vier Freunde, die allesamt Lehrkräfte an einem Gymnasium sind. Die vier Männer befinden sich unweigerlich vor einer Midlife Crisis, ganz besonders stark hat es hier den Geschichtslehrer Martin (Mads Mikkelsen) erwischt, dessen langjährige Ehe stagniert, seine Schüler ihn nicht ernst nehmen und er verpassten Lebenschancen nachtrauert. Eines Tages hat Nikolaj (Magnus Millang) eine haarsträubende Idee, die auf einer missverstandenen These des norwegischen Psychologen Finn Skårderud basiert. Jeder Mensch werde angeblich mit einem Blutalkoholspiegel von 0,5 Promille geboren. Dies entspricht ungefähr 1-2 Gläsern Wein (je nachdem, wie voll dieses Glas ist). Diese Menge bringe den Geist angeblich zu neuen Höchstleistungen. Eine regelrechte Schnapsidee, doch die Männer sind nicht abgeneigt und starten unter strengen Regeln das Experiment - gepichelt wird ausschließlich während der Arbeit. Ein zum scheitern verurteiltes Experiment, was auf dem Papier attraktiv wirkt, aber natürlich unabsehbare Gefahren mit sich bringt sowohl gesundheitlich, gesellschaftlich und familiär. Für die Männer entwickelt sich das 0,5 Promille Experiment zu einem Erfolg. Doch lädt man den Dämon erst einmal zu seiner Party ein, möchte er diese nicht so schnell wieder verlassen.

Was hier als nächstes also folgt ist ein regelrechter Rausch mit all seinen Höhen und Tiefen, die ein Alkoholrausch mit sich bringt. Die ersten Schlucke schmecken, berieseln und berauschen. Der Körper verlangt noch ein kleines bisschen mehr, um diesen herrlichen Pegel aufrechtzuerhalten. Die Euphorie übernimmt und löst das Gehirn ab was Entscheidungen angeht. Ab jetzt feiert einzig und allein der Dämon die Party weiter. Was hier als eine seichte Sommerkomödie beginnt, entwickelt sich für die vier Freunde schnell zu einem Totalabsturz der Sorte All Inclusive. Ehen drohen zu scheitern, Jobs stehen auf der Kippe und der Durst wird immer unerträglicher. Ähnlich wie bereits in "Die Jagd" erleben die Charaktere hier eine persönliche Tour de Force, die ihr ganzes Leben ruinieren könnte. Mal humorvoll, mal einfühlsam und mal völlig radikal geht Thomas Vinterberg hier vor. Begleitet wird diese Regiearbeit durch eine großartige Schauspielleistung der Hauptdarsteller.




Unangenehme Längen hat der Oscargewinner des besten fremdsprachigen Films von 2021 nicht. Und doch ist der Cut von einer seichten dänischen Komödie zum knallharten Drama drastisch. Er traf mich unvorbereitet und meine Stimmung veränderte sich. Als Zuschauer erleben wir diesen Vollrausch regelrecht mit, sind Live dabei wie die Charaktere ihre höchsten Höhen und tiefsten Abgründe erleben.
Und dennoch, ähnlich wie in "Die Jagd" ist Thomas Winterberg ein Regisseur, der am Ende auch wieder einen kleinen Ausweg aus diesem Grund anbietet und Hoffnung auf Versöhnung macht. Eine Versöhnung mit seinem eigenem Leben. Am Ende tanzen zu "What a Life" die Abiturienten in einem Meer aus Bier, Sekt und anderen Spirituosen gemeinsam mit ihren Lehrern, denen sie ihren erfolgreichen Abschluss zu verdanken haben. Eine letzte Runde noch, dann ist Schluss!




Fazit

"Der Rausch" ist ein weiterer großartiger Vertreter der dänischen Filmschule. Ein Film, der mir noch lange im Gedächtnis bleiben wird, da er stets auf den Punkt genau die wichtigen Dingen anspricht. Hier dümpelt nichts herum. Jeder Schauspieler steht da, wo er stehen soll, säuft, wo er saufen soll und torkelt genau in den Abgrund rein, wo ihn Thomas Vinterberg gerne sehen würde. Es ist das Feingefühl, was so vielen zeitgenössischen Filmemachern und deren Werke mittlerweile abhandengekommen zu sein scheint. Alle Beteiligten, so merkt man es ihnen an, hatten hier großen Bock darauf, einen Film zu drehen. Eine Eigenschaft, die heutzutage alles andere als eine Selbstverständlichkeit ist. Skål!

Sonntag, 29. Mai 2022

Rezension: Männer und Frauen (Yosano Akiko)

 






2022

Männer und Frauen
Autorin: Yosano Akiko
Verlag: Manesse
Erscheinungsdatum: 23.05.2022
Auswahl der Texte, Übersetzung und Nachwort: Eduard Klopfenstein
Genre: Essays, Sammlung



"Die Japaner liegen jedoch in ihrer inneren zivilisatorischen Entwicklung noch weit hinter den Europäern zurück. Besonders die japanischen Frauen haben in überwiegender Mehrheit keine Vorstellung von Würde oder von der Zielsetzung der menschlichen Existenz; vielmehr schwanken sie wie Treibgut auf den Wellen der materiellen Zivilisation. Rousseau hat einmal dem Sinne nach Folgendes gesagt: >>Ich bilde nicht in erster Linie Gelehrte, Politiker oder Generale aus, sondern Menschen.<< In gleicher Weise ist es die dringlichste Pflicht, den japanischen Frauen, noch bevor sie Ehefrauen und Mütter werden, das wahre Bewusstsein von der Gleichheit als Menschen einzupflanzen. Ideen, die in Europa bald schon zum alten, etablierten Bestand gehören werden - seien es der Naturalismus oder die Frauenrechte -, müssen in Japan endlich als lebendiges Gedankengut von Grund auf studiert werden."
(aus "Die essenzielle Gleichheit von Mann und Frau")



Yosano Akiko (1872-1942) war zu Lebzeiten eine viel beschäftigte Frau. Schon in jungen Jahren stieg sie im wohlhabenden Familiengeschäft ein und wurde später Schriftstellerin, Essayistin, Poetin. Sie war dreizehnfache Mutter, Frauenrechtlerin und politisch sehr engagiert. Über die Person Yosano Akiko (Akiko ist hier der Vorname) gibt es nicht weniger zu erfahren als über ihre schriftstellerischen Werke. Yosano Akiko gehörte zu Zeit ihrer schriftstellerischen Karriere zu den bekanntesten weiblichen Autorenstimmen Japans. 1942, mitten in den Tumulten des Pazifikkrieges, verstarb sie im Alter von 63 Jahren an den Folgen eines Schlaganfalls. Mit ihrem Tod, so schien es, starb auch ihre Arbeit als Schriftstellerin. In Japan wurde die Werke von Yosano erst Jahrzehnte später wieder entdeckt, es würde weitere Jahrzehnte aber dauern, bis ihre Themenvielfalt rund um Frauenrechte sowie ihre poetischen Arbeiten wieder an Relevanz gewinnen. Besonders in ihren späteren Lebensjahren jedoch galt sie in ihrer Heimat aufgrund ihrer politischen Ansichten als kontrovers. Heute sind ihre Verdienste als Autorin aber kaum höher einzuschätzen.

"Männer und Frauen", so der simple Titel der Hardcover-Ausgabe, ist Yosanos deutschsprachiges Debüt. Der erfahrene Japanologe Eduard Klopfenstein stellte hier eine Sammlung an verschiedenen Essays von Yosano Akiko zusammen, die aus verschiedensten Schaffensphasen aus ihrem Leben stammen. Überraschend gut hat mir hier die variierende Themenvielfalt gefallen, die sehr sorgsam ausgewählt wurde. Zwar nimmt das Thema rund um Gleichberechtigung der Geschlechter in diesem Band einen großen Teil ein, aber die Autorin schreibt hier auch gerne entspannt über den Alltag, das Leben als vielfache Mutter sowie Japans damalige Politik. Was hier vermuten lässt, die Autorin wolle in diesen Essays den Lesern vielleicht per Holzhammermethode ihre feministischen und politischen Ansichten aufzwingen, haben wir es stattdessen wieder einmal mit der einzigartigen japanischen Harmonie zu tun, die ich an der japanischen Literatur so sehr schätze. Yosano Akiko ist eine Frau mit klaren Ansichten und mit einer klaren Lebensphilosophie. Doch wir lernen in den verschiedenen Texten auch eine gefühlvolle, einsichtige Frau kennen. Besonders zu Beginn des Buches wird dies deutlich, wenn die Autorin auf eine junge Generation an Schriftstellerin vorausblickt und sich über dessen Zukunft Gedanken macht. Yosano spricht aber vor allem auch über ihr eigenes Leben als Schriftstellerin und welche Hürden darin bestehen, Auftragsarbeiten annehmen zu müssen, um die Familie zu ernähren und die Texte schreiben zu dürfen, die ihr auf der Seele liegen. Es sind sehr inspirierende, motivierende Worte, die zum nachdenken anregen.

Die ausgewählten Essays sind allesamt extrem kurzweilig. Die Autorin zeigt in den verschiedenen Werken ein sehr geschicktes Händchen darin, immer schnell zum Punkt zu kommen, trotzdem aber alles wichtige zu erzählen. Zum Abschluss des Bandes befinden sich noch zwei sehr interessante Essays aus den Jahren 1918 und 1920, die die spanische Grippe thematisieren und die auch auch vor Japan keinen Halt machte. Die Texte sind oftmals mit der großen Leidenschaft von Asano verknüpft: Der japanischen Dichtkunst. Sehr oft baut sie in ihren Texten kleine Tankas und Haikus  mit ein:


"Lebenstausch
zwischen einem Kind
und seiner Mutter...
Kiste aus Holz
als kostbares Gefäß

Das Nichts gebären
den Tod gebären
Gewaltige Dinge
... höre davon an der Grenze
von Traum und Wirklichkeit"
(aus "Aufzeichnungen aus dem Wochenbett")


Das hier präsentierte Gedicht setzt sich natürlich mit einem finsteren Lebensereignis der Autorin auseinander.

Nach 130 Seiten etwa folgt ein ausführliches Nachwort von Eduard Klopfenstein, der mal wieder seine langjährige Expertise als Japanologe zum Ausdruck bringt. Hier lernen wir noch mehr über das bewegte Leben von Yosano Akiko als Schriftstellerin, aber auch als Mensch.



Abschließende Gedanken

Die erste deutschsprachige Übersetzung von Yosano Akiko sehe ich als eine sehr gelungene Sache. Besonders die bereits angesprochene Themenvielfalt von "Männer und Frauen" sorgt für einen angenehmen Lesefluss. In die Welt der Autorin einzutauchen war eine interessante Erfahrung und ich wünschte mir, aus dieser schriftstellerischen Periode aus Japan würde im deutschsprachigen Raum kontinuierlich etwas neues erscheinen. Yosano Akiko legte den Grundstein für japanische Schriftstellerinnen im modernen Japan. Mit MurasakiShikibu und Sei Shonagon hatte man berühmte Schriftstellerinnen aus der japanischen Antike. Doch was genau passierte, als dieses hohe Ansehen bei japanischen Schriftstellerinnen über die Jahrhunderte geringer wurde? Yosano Akiko macht sich über solche Themen Gedanken. Mehr als 80 Jahre nach ihrem Tod wäre sie aber vermutlich sehr stolz darauf, welch hohes Ansehen japanische Romanschriftstellerinnen heute wieder genießen, die mit ihren Werken weltweite Erfolge feiern. Ob Banana Yoshimoto, Yoko Ogawa, Hiromi Kawakami, Sayaka Murata - oder Mieko Kawakami, die praktisch die zeitgenössische Stimme von Yosano Akiko ist - sie alle führen in beeindruckender Weise das fort, wofür Yosano Akiko in ihren Texten gekämpft hat. Eine beeindruckende kleine Zeitreise in eine schwierige Epoche der japanischen Literatur, über die im Westen noch immer zu wenig bekannt ist. Solche Veröffentlichungen sorgen dafür, diese Lücken zu schließen.

Freitag, 27. Mai 2022

Meercast Episode 5: Goodbye, Neon Genesis Evangelion

 



Wirklich verworfen wird eine Idee bei mir nie. Die Idee zum Thema einer Nachbesprechung des finalen Rebuild of Evangelion Films (3.0+1.0 Thrice Upon a Time) existiert bereits seit der Bekanntgabe, dass Amazon Prime den Film als Streaming-Premiere veröffentlichen wird. Nun ist fast 1 Jahr vergangen, die Ideen zu dem Thema kamen und gingen. Doch es war der Leser "BuildingBridges302" der mir vor kurzem eine Nachricht zugesendet hatte, ob ich mich diesem Thema noch einmal annähern werde. BuildingBridges302 ist durch die vorherige Berichterstattung zu Neon Genesis Evangelion auf "Am Meer ist es wärmer" aufmerksam geworden. Da ich bereits eine Idee für eine neue Meercast Episode verwerfen musste, kam also Evangelion 3.0+1.0 auf die Ideenliste zurück, ein Film, zu dem mir bisher so lange die Worte fehlten.

Entstanden ist ein knapp 100 minütiger Podcast, der sich in Retrospektive und Besprechung zum finalen Rebuild Film aufteilt. Es ist die bislang aufwendigste Episode des Meercast und es wurde sich mit einiger Kritik auseinandergesetzt, die ich teilweise selbst nach der vergangenen vierten Episode hatte.

Diese Ausgabe des Meercast setzt sich mit der problematischen Produktionsgeschichte der Rebuild of Evangelion Reihe auseinander und geht umfangreich auf den neusten Film mit all seinen Stärken und Schwächen ein. Für weitere Details zum Video wie zum Beispiel Timestamps zur besseren Navigation durch die einzelnen Kapitel und Details wie den Links zu den Evangelion Kurzfilmen, klickt bitte auf das Video, welches euch zu YouTube und der Videobeschreibung führen wird. Viel Spaß!
(Für Hörer mit Kopfhörern: Es ist leider das Geräusch prasselnden Regens mit aufgenommen worden, eure Kopfhörer knacken nicht, die Geräusche stammen aus der Aufnahme.)



Meercast Episode 5: Goodbye, Neon Genesis Evangelion
Hinweis: Das Video wird aufgrund lizenzrechtlicher Gründe auf vielen Geräten nicht direkt auf dem Blog angezeigt. Der Podcast kann durch das klicken auf das Fenster natürlich weiterhin problemlos direkt auf YouTube angesehen werden. 
Oder einfach diesem Link folgen: Goodbye, Neon Genesis Evangelion


Montag, 23. Mai 2022

Rezension: Life Lessons auf dem Amazonas (Pip Stewart)

 





Großbritannien 2021

Life Lessons aus dem Amazonas
Originaltitel: Life Lessons from the Amazon
Autorin: Pip Stewart
Erscheinungsdatum in Deutschland: 05.04.2022
Übersetzung: Violeta Topalova
Genre: Sachbuch, Reisebericht



"Ich kam gerade rechtzeitig zum Lagerfeuer zurück, um zu hören, wie Nereus, der Sohn des Dorf-Toshaos, uns Ratschläge für den Fall der Begegnung mit einem Jaguar gab: >>Lauft bloß nicht weg, dann erwischt er euch. Nehmt eure Macheten und macht euch bereit zu kämpfen<<, warnte er uns. Ich muss sagen, dass ich diese Gutenachtgeschichte nicht als besonders schlaffördernd empfand. Der Gedanke, einem Jaguar oder >>Tiger<<, wie unsere Führer sagten, zu begegnen, erfüllte mich nicht gerade mit Freude. Schäfchen zählen ist entspannender, so viel ist sicher. >>Oh, und nehmt immer eure Macheten mit, wenn ihr euch alleine erleichtern geht<<, fügte er hinzu."



Ein Buch, welches mich die vergangene Zeit in recht trübseligen Momenten begleitet hat war "Life Lessons auf dem Amazonas" von der Abenteurerin Pip Stewart. Wenn ich in ein Buch vertieft bin, versinke ich auch in die Geschichte. Ich kam nicht umhin, mich hier zu fühlen als würde ich mir gerade die Werner Herzog Klassiker Aguirre und Fitzcarraldo ansehen. Die einzigen beiden Ausnahmen bestehen darin, die Abenteuer in diesem Buch sind wirklich passiert und statt eines cholerisch-wahnsinnigen Klaus Kinskis erzählt eine charmante, witzige aber auch selbstkritische Abenteuerin von ihrer Reise mit zwei Freundinnen, die ziemlich unmöglich scheint. Wir haben es hier nämlich nicht mit irgendeinem trockenen Reisebericht zu tun, "Life Lessons auf dem Amazonas" ist viel mehr. Es ist, selbstverständlich, auch ein Reisebericht (der Widerspruch wird nun aufgeklärt). Aber der ist weder trocken noch ist es das vorausgehende Element dieses Buches. Es hat etliche Facetten. Bei knapp 350 Seiten erwartet die Leser ein Mix an Themenvielfalt die von Selbstfindung bis zu den sogenannten Lebenslektionen reichen. All das gelingt der Autorin zeitgleich zu der Erzählung ihres Abenteuers (welches schon ein kleines Epos an sich ist).

Das Vorhaben der drei Damen im Buch ist überraschend schnell erzählt. In rund 3 Monaten wollen sie etwas nie dagewesenes schaffen: Den abgeschiedenen Dschungel Guyanas durchqueren und anschließend mit einem Kajak den unbändigen Essequibo River überwinden. So simpel klang das auch, als die Ideengeberin Laura Bingham der euphorischen Pip Stewart ihre Pläne offenlegte und sie bat, an dieser Unternehmung, die schon in 8 Monaten stattfinden sollte, teilzunehmen. Außerdem würde noch eine weitere Freundin von Laura an der Unternehmung teilnehmen, Ness Night. Den ersten Dämpfer gab es für Pip bereits kurze Zeit später, als Pip's Lebensgefährte ihr klarmachte, dass sie Kajakfahren doch eigentlich absolut verabscheuen würde. Die Reise der rastlosen Journalistin stößt vor den gleichen Hürden wie jede große Unternehmung. Auf dem Papier hört sich etwas nach der besten Idee an, die es jemals gab. Man verfällt in Euphorie und möchte, dass es am besten sofort losgeht. Doch die Zeit verstreicht und auf einmal kommen Unsicherheiten und Zweifel sowie die berechtigte Frage dazu, ob man jemals wieder heimkehren wird. Die Reise in den Dschungel, ist das wirklich so eine gute Idee? Für circa 3 Monate von der Bildfläche zu verschwinden. Eine ungewisse Prämisse, die einen erwarten wird da man es hier mit einer unbezwingbaren Gestalt zu tun bekommt: Ein ungezähmter Dschungel, weit abgeschieden von der westlichen Zivilisation.

Die Abenteurerin Pip ist ein kleiner Widerspruch an sich. Sie erscheint rastlos, geplagt von unbändigem Fernweh und Abenteuern. Gleichzeitig ist sie aber auch ein ängstlicher und unsicherer Mensch. Ein Zitat von ihr zu Beginn des Buches macht dies noch einmal deutlich: "Ich habe auf dieser Reise meine Angst nicht überwunden; ich habe nur gelernt, mit ihr zu leben."
Dieses Zitat bezieht sich auf ein mehr als einjähriges Abenteuer zusammen mit ihrem Lebensgefährten, als dieser die Idee hatte vom damaligen Wohnort "Asien" mit dem Fahrrad zurück nach "Großbritannien" zu radeln (was mehr als 12 Monate in Anspruch nahm und Pip bereits an der ersten Hürde beinahe scheiterte). Sich seinen Ängsten und Dämonen zu stellen ist die größte Hürde, die wir überwinden müssen. Der Entdeckerdrang der Autorin ist jedoch größer als diese Ängste und Unsicherheiten, von denen sie häufig geplagt wird. Zu jedem Kapitel im Buch gibt es die sogenannten "Life Lessons - Lebenslektionen", die bereits im Titel vorkommen. Hierbei handelt es sich um kurze, motivierende Intermezzos die direkt an die Leser gerichtet sind. Die eigentliche Kunst hierbei ist, dass Pip Stewart nicht in irgendwelche Glückskeks-Floskeln oder Möchtegern-Esoterik abdriftet. Es sind aufrichtig gemeinte Worte, die vor jedem Kapitel noch einmal Antrieb geben. Aufgeteilt ist das Buch zudem in zwei Teile - "Im Dschungel" und "Auf dem Fluss". Der Weg ist das Ziel. Der Fluss ist in diesem Falle das Ziel, doch der Weg dahin ist der unberechenbare Dschungel. Beide Unternehmungen sind alles andere als ungefährlich, selbst mit Führung der Mitglieder des lokalen Stammes aus Guyana.

In diesem Buch gibt es bis auf farbliche Bilder im Innenteil der Klappenbroschur keine weitere Abbildungen. Es gibt ab und an Illustrationen im Buch wo eine Landkarte gezeigt wird, für alles andere wird aber die Fantasie und Vorstellungskraft der Leser vorausgesetzt. Gerne wird der Umfang von Reiseberichten mit Unmengen an Bildern gefüllt. Bei "Life Lessons auf dem Amazonas" handelt es sich aber schon beinahe um eine klassische Abenteuergeschichte, die sehr gut ohne Bilder auskommt. Und dennoch, einen kleinen Abschnitt mit Fotografien hätte ich natürlich begrüßt (hier wird man aber Online durchaus fündig. Im Copyright-Abschnitt des Bildes unterhalb des Fazits führt der Link zu einem lesenswerten Interview),




Abschließende Gedanken

"Life Lessons auf dem Amazonas" ist ein überraschend dickes Buch. Trotzdem wird die Reise nie langweilig. Das Buch ist der berüchtigte Eskapismus in eine fremde Welt, in die man sich für viele Stunden flüchten kann. Die charmante, witzige Art von Pip Stewart die Leser durch ihr erlebtes Abenteuer zu führen ist das eigentliche Highlight an diesem Buch. Wir haben es hier nicht mit einem nüchternen Dokumentarfilmer oder Abenteurer zu tun, hier berichtet eine absolut nahbare und sympathische Frau, die den großen Drang hatte, ihr großes Abenteuer niederzuschreiben. Für mich eine große Entdeckung in einem bisher sehr finsteren Jahr 2022. Für alle weiteren Abenteuer und Unternehmungen der jungen Mutter bleibt mir nur noch eines zu sagen: You Go, Girl!



Copyright: Medium, Peiman Zekavat
Von Links nach Rechts: Laura Bingham, Pip Stewart, Ness Knight

Montag, 4. April 2022

Einwurf: Meeresrauschen

 



Mit einem kurzen Update möchte ich mich in einem Einwurf melden. Anders als geplant, ist es nun schon eine ganze Weile still auf "Am Meer ist es wärmer". Die Antwort auf die Frage nach dem "Wieso" ist fast schon selbst erklärend. Ich habe mich all die Jahre immer dagegen entschieden, Weltgeschehen und politische/geopolitische Einflüsse in dieses Blog-Projekt einfließen zu lassen. Daran wird sich auch nach wie vor nichts ändern. Aber auch ich kann nicht einfach fröhlich weiterschreiben, als würde mich das alles nichts angehen. Von drei geplanten, bereits fertiggestellten Rezensionen, sind zwei besprochene Titel derzeit nicht wirklich angemessen, diese hier zu besprechen. Das gleiche gilt für die neue Episode des Meercast, der wie die besprochenen Bücher im März hätte erscheinen sollen.

Wie genau geht es denn nun weiter? Nun, einige Tage werde ich noch dem Meerrauschen zuhören und mich nach einer außerdem privat stressigen Zeit ein wenig anders aufstellen. Die geplanten Themen für "Am Meer ist es wärmer" werden etwas nach hinten geschoben. während andere Ideen in den Vordergrund rücken. Mein Blog soll weiterhin ein gemütlicher Ort sein, der eine kleine Insel für Liebhaber außergewöhnlicher Literatur und Filmkunst darstellt. Gleichzeitig plane ich aber keinen virtuellen Maulkorb für den Blog. Alle geplanten Rezensionen (inklusive Meercast) werden demnächst erscheinen, die Veröffentlichung wurde nur etwas weiter nach hinten verschoben. Das Ersatzprogramm steht noch nicht vollständig, aber bis zum 18.04 wird "Am Meer ist es wärmer" mit neuen Beiträgen versorgt werden. (der nächste Beitrag muss noch ein wenig länger warten, allerdings nicht so lange wie G.R.R.M.'s "The Winds of Winter").

Macht es euch also ein wenig gemütlich und stöbert durch mehr als 10 Jahre Meeresrauschen im Blog-Archiv.


Eine schöne Woche wünscht euch,
Aufziehvogel




Dienstag, 22. Februar 2022

Podcast-Review: Death in Ice Valley

 


Norwegen/Großbritannien 2018-2021

Death in Ice Valley
Genre: True Crime Podcast
Produktion: NRK und BBC
Moderation: Marit Higraff, Neil McCarthy
Verfügbarkeit: YouTube, Apple Podcast, Spotify und anderen Podcast Plattformen (kostenlos)
Sprache: Englisch


Ein Hinweis vorweg: Der Podcast ist ausschließlich auf Englisch verfügbar. Sichere Englischkenntnisse sind hier für ein ausgewogenes Hörerlebnis unabdingbar.


Die Winterpause auf "Am Meer ist es wärmer" ist vorbei und ich möchte mich mit einem Review zurückmelden, zu dem der Inhalt mich nun über die vergangenen Wochen sehr gepackt hat. Reviews zu Podcasts und Hörbüchern sollen künftig ein wenig die Themenvielfalt erweitern und frischen Wind in ein neues Jahr bringen. Mir ist es also ein umso größeres Vergnügen, Death in Ice Valley etwas näher vorstellen zu dürfen.

Death in Ice Valley ist vermutlich der frostigste Podcast, den man zu dieser Jahreszeit hören kann. Ich selbst führe eine relativ komplizierte Beziehung zum True Crime Genre. Auf der einen Seite bin ich leicht zu gruseln, ich steigere mich in die Fälle hinein und kann, wie ein kleiner Junge der sich vor Monstern fürchtet, auch anschließend nicht gut schlafen (der Fall zum Verschwinden von Emma Fillipoff bereitete mir sogar schlaflose Nächte). Doch einem interessanten Fall und einer gut erzählten Geschichte kann ich einfach nicht widerstehen. Ich muss hier vielleicht vorab anmerken, mich interessieren bei True Crime hauptsächlich unaufgeklärte Fälle. Unaufgeklärte Fälle haben natürlich die Angewohnheit, einen immer tiefer in den sogenannten Kaninchenbau mitzunehmen. Je tiefer man gräbt, desto finsterer wird es. Dabei habe ich nicht einmal die Isdal-Frau aus Norwegen gesucht, sie hat, mehr oder weniger, mich gefunden. Um es weniger kryptisch auszudrücken: Auf den Podcast wurde ich im "Unresolved Mystery" Subreddit auf Reddit aufmerksam gemacht. Ein User empfahl mir den Podcast wärmstens und bereits nach dem Trailer wusste ich, dass das eine höchst interessante Reise werden wird, die mir den Schlaf rauben wird.



Doch immer langsam. Wie bin ich denn nun zur Isdal-Frau gekommen? Es gab einen Fall aus Norwegen, der wollte mich nicht loslassen. Ich hörte vor einigen Jahren die Geschichte von einer unidentifizierten Toten aus Norwegen, Etwas, was mir stark im Gedächtnis geblieben ist, ist, dass einige Augenzeugen diese Frau als elegant beschrieben, sie aber sehr stark nach Knoblauch gerochen hätte. Ich las exakt einmal über den Fall und erst vergangenes Jahr kehrte der Fall aus Norwegen zu mir zurück. Die Geschichte über eine unbekannte Tote aus Norwegen, die auf unnatürlichste Weise mit einem Kopfschuss am 03.06.1995 in einem Osloer Luxushotel aufgefunden wurde. Ich habe zu dem Fall um die Tote aus Zimmer 2805 so ziemlich alles aufgesaugt, was man dazu aufsaugen kann. Eine unheimliche Geschichte, die bis heute ungeklärt ist. Das einzige, was mich jedoch zutiefst wurmte, war, dass die Beschreibung der Dame aus Zimmer 2805 nicht zu der Dame passte, von der ich zuvor hörte. Auch wurde von keiner einzigen Person erwähnt, dass die Tote aus Zimmer 2805 intensiv nach Knoblauch gerochen hätte. Und hier wurde es mir langsam klar: Ich befand mich hier nicht in nur einem ungelösten Fall aus Norwegen, sondern in zwei völlig verschiedenen Fällen die rund 25 Jahre auseinander liegen. Die Tote aus Zimmer 2805 (Pseudonym Jennifer Fairgate) ist nicht die Frau, die nach Knoblauch gerochen hat. Die Frau, um die es hier geht, hört schlicht und ergreifend auf den Name "Isdal-Frau", da ihre Leiche im Eistal in der norwegischen Stadt Bergen aufgefunden wurde. Da diese beiden Fälle so viele Parallelen zueinander aufwiesen und ich von der Isdal-Frau zuvor nur einmal hörte, bestand für mich nie ein Zweifel daran, dass es sich hier nicht um ein und den selben ungeklärten Fall handeln könnte.

Ich wurde in meiner Berichterstattung über Jennifer Fairgate im Subreddit freundlich von einem hilfsbereiten Nutzer darauf aufmerksam gemacht, dass die Isdal-Frau ein weitaus bekannterer Fall aus Norwegen sei, der sich am 29.11.1970 in Norwegen ereignete. Da ich über den Fall nicht zu viel vorweg nehmen möchte da man den Podcast selbst für sich entdecken sollte, möchte ich nur kurzen Kontext zum Fall liefern: Bei der Isdal-Toten handelt es sich um eine bis heute unidentifizierte Frau die sowohl ihr Alter als auch ihre Identitäten und Herkunft bestens verschleiern konnte. Sie reiste unter mehreren gefälschten Pässen durch Norwegen und fand am Ende ihrer Reise ein heißkaltes Ende in Isdal, wo sie von zwei Mädchen und ihrem Vater entdeckt wurde. Noch lebenden Augenzeugen ist diese Frau, besonders ihr Geruch, auch Jahrzehnte später noch im Gedächtnis geblieben. Ihr seltsames Verhalten, ihr Auftreten, ihr Akzent - Menschen, denen sie begegnete und die zu Ihr Kontakt hatten, auf die hinterließ sie einen bleibenden Eindruck. Über 50 Jahre später ist der Fall noch immer ungelöst, die Mehrheit der Hobby-Detektive vermutet hierhinter bis heute Spionage, da sich der Fall exakt zur Zeit des kalten Krieges ereignete.

Der Podcast Death in Ice Valley befasst sich in 10 Episoden nicht mit verschiedenen True Crime Fällen, er befasst sich und widmet sich ausschließlich der Isdal-Frau. Bei diesem Podcast handelt es sich um eine gemeinschaftliche Produktion des norwegischen NRK und der britischen BBC. Durch die Sendung begleitet uns die norwegische Reporterin Marit Higraff und der Brite Neil McCarthy, der hier auch gleichzeitig als Produzent fungiert. Insgesamt 10 Episoden wurden im Jahr 2018 produziert, im Jahr 2019 und 2021 erschienen 2 Bonus-Episoden. Hiermit sei auch gesagt, Death in Ice Valley gilt noch nicht als abgeschlossen, das Ziel ist es, immer mal wieder über neue Zwischenmeldungen und Ereignisse zu diskutieren. Insofern sollte man sich also nicht wundern, wenn demnächst mal wieder vielleicht eine neue Episode erscheinen wird. Mein Hauptanliegen im Review werden aber die 10 Episoden sein, die 2018 erschienen sind. Die Laufzeit der einzelnen Folgen liegt zwischen 30-40 Minuten (ausgenommen davon sind die Specials, die eine Laufzeit von je über eine Stunde haben).

Bereits in Folge 1 ist mir aufgefallen, dass man an diesen Fall nicht Klein-Klein herangeht, sondern die schweren Geschütze in Sachen Qualität auffährt. Dies fängt direkt an, bevor auch nur irgendein Wort gesprochen wird: Die Soundkulisse. Ich kann alleine aus diesem Grund schon nur dazu raten, Death in Ice Valley mit Kopfhörern zu genießen. Das Main-Theme ist ein unglaublich atmosphärisches wie mysteriöses Stück, welches bedrohlich und gleichzeitig unheilvoll klingt. Man weiß, dass man nun in den wohl bekanntesten, ungeklärten Kriminalfall von Norwegen gezogen wird. Ich versuche mich hier, so gut es möglich ist, zurückzuhalten den Begriff "Mordfall" zu benutzen, da der Fall offiziell von der norwegischen Polizei als Selbstmord deklariert wurde.
Nachdem die herausragende Soundkulisse funktioniert, geht es auch schon los. Es ist ein regnerischer, stürmischer Tag in Bergen und die Journalisten Marit (die gleichzeitig auch die Expertin ist, was diesen Fall angeht da sie sich seit Jahren damit befasst hat) und Neil erklären uns, worum es in diesem Podcast gehen wird. Die beiden sitzen nicht bequem in einem kleinen Kabuff und diskutieren am Tisch miteinander, sie sind vor Ort, in dieser Szene mit dem letzten noch lebenden Mitglied der Polizei Taskforce, die damals für den Fall abgestellt wurde. Man ist Live dabei. Man hört jeden Regentropfen, jeden knirschenden Kieselstein. Es fühlt sich an, als sei der Hörer direkt im Geschehen drin, als nehme er an dieser Unternehmung teil.





Der Podcast ist aufgeteilt in mehrere Segmente. Von Theorien über forensische Analysen bis hin zu Interviews mit ehemaligen Augenzeugen und Experten, die sich mit dem Fall befasst haben oder bereits damals an diesem Fall direkt mitgearbeitet haben. Hier entsteht einfach eine unglaublich starke Synergie zwischen den handelnden Personen, mir kam es beinahe wirklich so vor, als würde ich einen Krimi schauen (und ich habe normalerweise absolut nichts für Krimis übrig). Obwohl ich selbst leider noch nie in Norwegen war, so fühlte es sich für mich aber doch an, als würde sich vor meinem geistigen Auge die komplette norwegische Kulisse aufbauen, was auch an den äußerst detailreichen Beschreibungen von Marit und Neill liegt. Es gab einige wenige Momente bei den Interviews, wo ich mir ein paar Untertitel gewünscht hätte (was natürlich nicht möglich war über Apple Podcast) oder einem zusätzlichen Zweikanalton, der die Aussagen der etwas schwerer zu verstehenden Personen noch einmal wiedergegeben hätte.

Das ultimative Ziel des Podcast ist es nicht, die Identität der Isdal-Frau aufzudecken (auch wenn dies natürlich ein herausragender Nebeneffekt wäre). Man möchte hier mit modernen, zeitgenössischen Methoden neue Hinweise in einem Fall finden, der vor Jahrzehnten verjährt ist. Man möchte der Frau in diesem anonymen, einsamen Grab endlich einen Namen geben, dies wäre natürlich ein riesiger Erfolg für das gesamte Team.

In Folge 9 geht es nach Deutschland, da viele Spuren der Isdal-Frau ins Deutschland der Nachkriegszeit führen. So interessant diese Episode auch aufgebaut war und so viel Mühe man in diese Episode steckte, dies war für mich als Zuhörer jedoch das erste mal, dass ich das Gefühl hatte, Death in Ice Valley hätte sich in einer fiesen Sackgasse verheddert. Obwohl die Investigation in Deutschland vielversprechend begann, so merkte man sehr schnell, dass es in Sachen Hinweise und Erkenntnisse nicht viel neues zu erkunden gab. In der finalen Folge 10 kehrte man dann aber noch einmal extrem stark zurück.

Wie geht es mit Death in Ice Valley weiter? Im Jahr 2019 und im Jahr 2021 gab es, wie schon erwähnt, zwei Spezial-Episoden. Die Interaktion mit der Community spielt hier eine enorm wichtige Rolle, was natürlich auch eine großartige Eigenschaft des gesamten Podcasts ist. Die Zuhörer/die Community tragen/trägt einen großen Anteil daran, dass der Podcast solche Kreise zog. Vieles, was in den einzelnen Episoden des Podcasts besprochen wird, ist auch auf eine offizielle Facebook-Gruppe zurückzuführen. Hier fühlte ich mich leider ein bisschen ausgeschlossen, da ich seit vielen Jahren kein Facebook mehr benutze. Das Problem an Social-Medial Gruppen ist natürlich, irgendwann wird es dort bei viel Andrang recht chaotisch. So erging es mir dann auch, als ich extra für die Death in Ice Valley Gruppe nach sehr langer Zeit mal wieder Facebook besucht hatte. Allerdings fand ich es wirklich chaotisch, dort für mich einige lesenswerte Beiträge zu finden, an Bildmaterial wurde mittlerweile auch so viel von Fans gepostet, dass es schwer war, dort den Überblick zu behalten.

Wer Bildmaterial sehen möchte, der sollte jedoch die offizielle Website der BBC besuchen (oben verlinkt) oder den Podcast auf YouTube verfolgen, denn dort werden auch dazugehörige Bilder zu den wichtigen Szenen gezeigt, wo Beweismaterial ins Spiel kommt (und zum Verständnis des Kontext ungemein helfen könnte. Leider erfuhr ich von den YouTube Uploads erst, als ich mit dem Podcast via Apple Podcast bereits komplett durch war). Wer noch mehr Bildmaterial und Informationen zu einzelnen Beweisstücken recherchieren möchte, der wird hier fündig: The Isdal Woman dot com

Etwas gemischte Gefühle hatte ich jedoch bei den zwei Bonus-Episoden. Bei dem großen Special aus dem Jahr 2019 wurde teils vor Live-Publikum aufgenommen. Hier lag der Charme natürlich eindeutig darauf, bei diesem Event Live anwesend zu sein. Hier gab es viel Interaktion mit Fans, aber es gab auch keine neuen spannenden Erkenntnisse. Episode 12 erschien 2021 und geht einen ganz anderen Weg. Auch hier gibt es Interaktion mit Fans, anders als in der Episode zuvor wird hier aber die Geschichte von zwei verschiedenen Frauen erzählt, die eine ähnlich mysteriöse Hintergrundgeschichte wie die Isdal-Frau haben. So spannend ich den Ansatz fand, umso weniger konnte ich mich auf die Geschichten der beiden Damen einlassen, weil es einfach zu sehr vom eigentlichem Thema abwich. Hier hätte ich mir wirklich etwas gewünscht, was vielleicht tatsächlich in die Richtung Jennifer Fairgate geht, denn diese beiden Fälle haben eine menge unheimliche Parallelen und ich könnte mir vorstellen, die Zuhörer würden es sehr spannend finden, mal einen Einblick in diesen Fall zu erhaschen.




Fazit

Draußen stürmt es, es ist ungemütlich und kalt. Für diese Jahreszeit gibt es wohl kaum einen besseren Podcast als Death in Ice Valley, sofern man sich für ungeklärte True Crime Fälle interessiert. Die Soundkulisse und die Moderation des Podcasts sind herausragend gut und das Thema selbst weiß 10 Episoden lang zu fesseln. Ich wünschte, so einen Glückgriff in Sachen Podcasts würde mir schnell wieder gelingen, da ich nun auch hungrig auf mehr davon bin. Obwohl die Geschichte von Death in Ice Valley vorerst wohl als erzählt angesehen werden dürfte, so verliert der Podcast aber nicht an Relevanz. Der Fall ist noch immer ungeklärt und so lange dies der Fall ist, kann man diesen Podcast wohl vor allem als eines betrachten: Eine fortlaufende Serie. Ich würde natürlich aus allen Wolken fallen, wenn die nächste Episode heißen sollte: "The Identity of the Isdal Woman finally revealed". Dem Team, welches so viel Arbeit in diesen Podcast gesteckt hat, wäre es zu wünschen.

Mittwoch, 19. Januar 2022

Rezension: Shepard of Sins (Martin Gancarczyk)

 




Deutschland 2021
Shepard of Sins
Autor: Martin Gancarczyk
Verlag: Selbstverlag
Format: eBook, Taschenbuch
Genre: Urban Fantasy


So, meine Lieben, dieses Mal ein vielleicht ungewöhnlich ernster Start: Ich bin hier nicht die Hausherrin, aber dennoch nehme ich mir an dieser Stelle heraus, vorab eines klar zu stellen: Anfeindungen, Angriffe, Homophobie und was auch immer bestimmten Menschen noch so einfällt, haben hier nichts und zwar absolut GAR NICHTS verloren! Wer keine Lust hat, quere Bücher (verständlich für alle auf das Einfachste heruntergebrochen: Jede_r kann Jede_n lieben) zu lesen: Kauft sie nicht. Wer keine Lust hat, einen Blogbeitrag darüber zu lesen: Weiterscrollen zum nächsten Eintrag. Wer meint, stänkern zu müssen: Bitte (habe ich wirklich „bitte“ gesagt? Höflich – kann ich) entferne Dich einfach von diesem Blog.

Damit geht es nun aber richtig los. Mit „Shepard of Sins“, einem deutschen Titel, nicht verwirren lassen, liefert Martin Gancarczyk meinen ersten Favoriten des Jahres 2022 – erschienen zwar im Dezember 2021, aber gelesen habe ich es erst am zweiten und dritten Januar als erstes Buch in 2022. Schlaf wurde überbewertet, obwohl ich zugeben muss, dass ich vorher schon immer mal ein wenig im eBook gelesen habe. Die Messlatte für mein Buchjahr 2022 liegt damit hoch.

Warum? Verrate ich Euch gleich. Vorher muss ich mich in aller Form bei Martin Gancarczyk beschweren! Was haben wir getan, um so ein Ende zu verdienen? Die Bezeichnung „Cliffhanger“ ist dafür noch sowas von untertrieben! Kennt Ihr das Lied „Habgier und Tod“ von Saltatio Mortis (reinhören, lohnt sich)? Dann stellt Euch mich als Zombie vor, der statt „Braaaaaiiiiiiiiins“ immer wieder den Refrain murmelt: „Ich will meeeehr! […] Gib mir meeeeehr!“ 

Ich meine, das … das geht doch einfach nicht. Einfach vorbei, nach gerade mal 400 Seiten? Nein, schämen sollte er sich! 

Ja, das war Sarkasmus, auch wenn das Buch für meinen Geschmack auch problemlos doppelt so dick hätte sein können. Beim Lesen ist man in einer ganz eigenen persönlichen Zeitblase, man fängt zu lesen an und plötzlich, gerade mal fünf Minuten später, fällt der Blick auf die Seitenzahl, nur dass da nicht eine um fünf Seiten, oder wie schnell auch immer man liest, höhere Seitenzahl steht, sondern eine um zweihundert Seiten höhere. Upsi.

Bevor ich zum eigentlichen Inhalt komme, etwas zur Gestaltung vorneweg. Never judge a book by its cover, das gilt nicht nur im metaphorischen Sinne, sondern auch für richtige Bücher. Trotzdem ist es natürlich so, dass interessante oder auffällige Cover den Blick schneller anziehen als das dreihundertfünfundneunzigste Cover einer Frau aus der viktorianischen Zeit, wie sie in die Ferne in die Landschaft oder über das Meer blickt (gilt aber da selbstverständlich auch, da sind auch tolle Bücher dabei). „Shepard of Sins“ ist einer dieser interessanten Fälle. Es ist nicht hell und es ist nicht dunkel, es beobachtet Dich und schaut gleichzeitig durch Dich hindurch, es zieht geradezu den Blick auf sich und lenkt ihn doch an keine bestimmte Stelle. Dieses Vorhandensein von Gegensätzen findet sich übrigens auch im Inhalt das eine oder andere Mal wieder, so wie die Motte und die Schmetterlinge auf der Rückseite. Persönlich mag ich außerdem goldene Töne nicht so gerne wie silberne, ich ziehe normalerweise eine Gestaltung mit silbernen Akzenten immer vor, auch weil Gold oft zu überladen wirkt. Hier ist sogar der Schnitt goldfarben besprüht (vom Autoren selber, er hat sich wirklich hingestellt und hat alle diese vorbestellten Bücher von Hand eingesprüht, find ich richtig cool) aber irgendwie ist es genau richtig, das passt wie Arsch auf Eimer (sorry, wie die Faust auf’s Auge … ach, lassen wir das, wird nicht besser). Ich hab’s jedenfalls selbst jetzt beim Schreiben neben mir liegen und schaue es immer wieder an.




Die tolle Gestaltung setzt sich auch im Innern fort. Der Einband hat zwei tolle Illustrationen bekommen und alle Seiten sind am unteren Rand unaufdringlich aber prägnant gestaltet. Das gilt ebenfalls für Kapitelanfänge und die Episoden, wenn der Protagonist Nicolas Schäfer träumt, obwohl sie nicht zu übersehen sind. Von so einem Kapitelanfang, recht zu Beginn, wegen Spoilern und so, habe ich Euch ein Foto mitgebracht und versucht so viel wie möglich von der restlichen Gestaltung mit drauf zu packen: Die anderen Kapitel sind übrigens „normal“, schwarze Buchstaben auf weißem Grund, gehalten. Hier seht ihr alles in einem Bild. Im eBook geht das leider weitestgehend verloren, das sollte eBook-Fans aber nicht vom Kaufen und Lesen der digitalen Version abhalten. Schließlich geht es in erster Linie („endlich hört die Alte auf, immer drumrum zu labern“, werden sich einige wohl schon denken) um den Inhalt.

Wir befinden uns im Hamburg des Jahres 2022, da wir uns hier aber in Richtung Urbanfantasy mit ein paar Cyberpunk-Einsprenklern bewegen, ist es nicht unser bekanntes Hamburg sondern das der Neuen Weltordnung. Diese besteht seit 2000, als die Schattenwesen die Herrschaft übernommen und die ihnen unterlegenen Menschen von der Spitze der Evolution vertrieben haben. Die Menschen werden als schwach angesehen, belächelt, stehen sogar in Europa unter Naturschutz. Hamburg selbst, die neue Hauptstadt in diesem Europa der Neuen Weltordnung, ist explosionsartig gewachsen, vor allem ist es dabei in die Höhe expandiert und in sogenannte City-Level aufgeteilt, wobei City-Level 0 das am Boden gelegene ursprüngliche Hamburg bezeichnet.

Mitten in dieser Welt lebt Nicolas Schäfer. Ein Paracog (ja, den Wortwitz bekommt Ihr recht zu Anfang auch um die Ohren geknallt, ich schenke ihn mir daher an dieser Stelle, und egal wie flach der ist, ich fand ihn gut), also ein Mensch, der Magie wirken kann, und zugleich der Schäfer der Sünden (Achtung, da kommt der nächste Wortwitz angeflogen, ducken!). Ich will gar nicht zu viel vorweg nehmen, er ist jedenfalls jemand, der sich die Erinnerungen anderer einverleiben kann und diese dann im Traum durchwandert. Eigentlich eine ziemlich coole Sache, diese ganze Schäfer der Sünden-Geschichte kommt noch mit weiteren tollen Extras daher, aber sie hat auch ihre Schattenseiten. Erfahrt Ihr aber alles, wenn Ihr das Buch lest, das kann ich gar nicht dem ursprünglichen Inhalt und Hintergrund gerecht werdend auf ein paar Zeilen herunter brechen.

Nic zur Seite stehen drei Dobermänner, Wandler, die in ihrer menschlichen Gestalt reichlich pubertär und in ihrer tierischen sehr instinktgesteuert daherkommen, die aber dennoch zu Nicolas‘ besten Freunden zählen, ihn mit ihrem Leben beschützen würde und wenn sie wollen auch Vollprofis sind. Zu allem Überfluss wohnen die vier übrigens zusammen, gemeinsam mit Aiden, der der Sohn vom Schäfer der Sünden und … naja, einer anderen sehr wichtigen Person ist. Werdet Ihr früh genug erfahren, wahrscheinlich auch erstmal genervt sein, dann schwanken zwischen „hey, eigentlich ist der ja doch ganz cool“, „Nic, ich halte ihn fest, dann kannst Du ihm ein paar auf’s Maul geben“ und „Waaaaaaaaas?“ und kompletter Verwirrung.

Da gibt es aber noch weitere ziemlich coole Charaktere, wie beispielsweise Nics beste Freudin Sal, eine Sirene und Diebin, die Waffen vermutlich etwas zu sehr liebt und – erst sehr spät auftauchend aber direkt zu einem meiner Lieblinge emporgestiegen – Wilma bzw. Delphi. Wie in das Orakel von Delphi, ja, und die im Körper von Wilma lebt und eigentlich, zumindest nach eigener Aussage, bedient sich Wilma der Fähigkeiten des Orakels und ist sie selbst. Ist aber eigentlich auch egal, denn die alte Dame – immerhin ist Wilma 180 Jahre alt – hat eine diebische Freude daran, ihre Freunde etwas zu spät vor kleinen Missgeschicken wie verschüttetem Kaffee zu warnen. Ebenfalls super sind Wish und Alexis, zwei Häuser, die überall und nirgends existieren und verdammt alt und manchmal verdammt launisch sind. Wish ist ein Markt, wo einfach alles zu finden ist, während Alexis quasi die Bibliothek zu Alexandria ist aber so ganz nebenbei auch alles andere, das jemals geschrieben wurde, beinhaltet. Ihre Rivalitäten bringen dabei stets frischen Wind in die alten Gemäuer.

Da gibt es noch mehr, aber das sind die Wichtigsten, und irgendwie halten sie alle zusammen, helfen einander, können sich aufeinander verlassen. Sie haben nämlich einen irrwitzigen Plan: In die bestgesicherte Bank einzubrechen und die bestgesicherten Geheimnisse, die Geheimnisse von Europa, aber auch die über Nics Vergangenheit zu klauen. Dadurch werden sie zur Zielscheibe ganz anderer Mächte und Organisationen und finden sich nicht nur einmal in Lebensgefahr wieder.

Gewürzt wird das Ganze mit viel Humor und flotten Sprüchen. Besonders auf die Sprache der Charaktere bezogen ist mir aufgefallen, dass sie realistisch sprechen, womit ich nicht nur das Fluchen meine. Viele Autoren und Autorinnen neigen dazu, auch ihre Figuren eher eine geschriebene Sprache sprechen zu lassen, korrekte Zeitformen und umgangssprachlich seltenst genutzte Wörter inklusive. Ich glaube, dass es eine Kunst für sich ist, die Charaktere natürlich klingen zu lassen ohne dabei zu sehr ins Umgangssprachliche abzudriften aber es eben dennoch zu schaffen, auf diesem schmalen Grat zu bleiben anstatt vor lauter verkniffener Mühe ins Konstruierte und ins gestellte Sprechen zu stürzen. In diesem Fall: Kunststück geglückt, ich bin begeistert.

Die Charaktere selbst sind toll beschrieben, sie haben Tiefe und werden lebendig. Bei ihnen allen verbirgt sich unter der Oberfläche und unter dem ersten Eindruck viel mehr, sie alle haben ihr eigenes Päckchen zu tragen. Das gilt natürlich vor allem für Nicolas, der bald an seiner eigenen Vergangenheit zu zweifeln beginnt. Auch die Dynamik zwischen den Charakteren ist super beschrieben, Verwicklungen, Entwicklungen und Probleme inklusive. Das fügt sich gut in die gesamte Geschichte ein. Viel zu oft ist soetwas zu gewollt, dann müssen Autoren oder Autorinnen unbedingt ein Liebesdrama einfügen und es wirkt einfach nur aufgesetzt, konstruiert. Das ist hier definitiv nicht der Fall, es gehört einfach zu der gesamten Geschichte dazu, es ergänzt sie.

An der Stelle kann ich jetzt auch den Bogen zum Einstieg zurück schlagen. Bei Martin Gancarczyk ist vollkommen egal, ob ein Mensch oder eines der vielen verschiedenen Wesen, ob weiblich oder männlich oder non-binary (haben wir hier nicht, soweit ich es überblickt habe), das alles spielt keine Rolle, Jede_r kann sich in Jede_n verlieben, eine Beziehung eingehen, Sex haben, völlig egal wer das ist.

Dem Autoren selber ist Diversity ein großes Anliegen, das vertritt er und dafür setzt er sich ein, er ist, wie er selber deutlich macht, laut, offen und engagiert. Dafür und für das Aufgreifens dieses Themas in seinen Büchern wurde er bereits angefeindet und beleidigt und dennoch – oder vielleicht gerade deswegen – tritt er weiter dafür ein. Davor ziehe ich meinen virtuellen Hut und verweise diejenigen, die es bis hierher zu lesen geschafft haben, auf die Social-Media-Kanäle des Autors (gebt einfach seinen Namen in die jeweilige Suche ein), wo er über Diversity, sein Autorenleben, seine Bücher aber auch über andere Bücher schreibt. Es lohnt sich auf jeden Fall und ich habe den Eindruck, dass er ein ziemlich cooler Typ ist, der zudem auf dem Teppich bleibt. Denn „Shepard of Sins“ geht jetzt im Januar direkt in die zweite Auflage, ist nämlich bis auf einige Restexemplare ausverkauft. Das, besonders im Selfpublishing, spricht für sich und ich denke, das kann ich so stehen lassen.



Abschließende Gedanken

Wie ich bereits sagte, die Messlatte liegt hoch. Sehr hoch. Dass Bücher mich in einem Maße begeistern und fesseln wie „Shepard of Sins“ es getan hat, kommt selten vor. Ich habe zwar böse Vorahnungen in Bezug auf einige Charaktere im weiteren Verlauf der Geschichte, aber da muss ich durch und das wird mich auch nicht aufhalten, den nächsten Band sobald das angekündigt und möglich sein wird, vorzubestellen. Dieser hier war übrigens auch vorbestellt, da bestand die Wahl verschiedener Paketgrößen, die unterschiedliche Extras umfassten. Es war unglaublich liebevoll verpackt und ich mochte das Buch erst gar nicht aus seiner Schutzverpackung holen.

Aufmerksam wurde ich auf Martin Gancarczyk übrigens dank einer in Social Media aufploppenden Werbung, da ging es um „Cold Blooded“. Auch sehr lesenswert, wer es noch nicht kennt, kann es direkt im Anschluss an Shepard of Sins lesen oder vielleicht sogar vorweg, da sich einige Querverweise finden lassen und beide Bücher in derselben Welt, wenn auch einmal in Europa und einmal in Amerika spielen. Denn eine Leseempfehlung spreche ich hier ganz klar aus. Aber auch eine Warnung: „Shepard of Sins“ macht wahnsinnig süchtig, das Warten auf den nächsten Band wird eine Herausforderung werden.
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Rezension: Lavandula


Lavandula gehört zum Kult der Bibliophilen und ist neben dem Studium selbst immer mal wieder als Autorin unterwegs, sofern die Zeit es zulässt. Ungefähr in einem Spektrum wie die Zeitsprünge in "Lumera Expedition: Survive" versuche ich sie bereits für einen Beitrag auf "Am Meer ist es wärmer" zu gewinnen. Ich hoffe, mit ihrem frischen Schreibstil wird sie den Blog noch häufiger bereichern.

Montag, 3. Januar 2022

Rezension: Prion - Lumera Expedition 5 (Jona Sheffield)






Deutschland 2021

Prion – Lumera Expedition 5
Autorin: Jona Sheffield
Verlag: Selbstverlag
Format: eBook, gebundene Ausgabe
Genre: Science-Fiction


Kennt ihr das? Ihr stoßt eher zufällig auf ein interessantes Thema, ein Buch, einen Film, ein Spiel. Ihr schaut es euch kurz an. Und dann, ehe ihr es euch verseht, umfängt es euch und lässt euch nicht mehr los. So ging es mir mit Lumera. Umso besser also, dass Jona Sheffield mit „Prion“ erneut Nachschub geliefert hat. Und auch ein weiterer Band, „Syndikat“, soweit ich das verfolgen konnte, quasi fertig ist und demnächst erscheinen wird. An dieser Stelle dürft ihr mich übrigens teeren und federn, ich habe nämlich wieder mal verdammt lange gebraucht für diese Rezension – gelesen ist das Buch ruckzuck, mal in der Bahn ein paar Seiten, vorm Schlafgehen ein paar, aber im „echten Leben“ steppt der Bär und da ich diese Rezension nicht einfach runtertippen, sondern ihr die verdiente Zeit einräumen möchte muss ich nun Abbitte leisten.

Doch zurück nach Lumera. An anderer Stelle hatte ich bereits einmal erwähnt, dass ich es spannend finde, dass das ganze Thema nicht mit dem Ende der Trilogie abgeschlossen ist und Friede, Freude Eierkuchen herrscht. Das wäre es in der Realität auch nicht – ich meine, wir sehen allein an unserer eigenen Geschichte doch schon, dass wir nicht einfach ein neues Gebiet besiedeln können und nachdem wir ein viel länger schon dort lebendes Volk entdecken mit diesem einträglich in Frieden leben können. So ähnlich verhält es sich mit den der Lumera-Trilogie nachfolgenden Bänden: Zwist zwischen den Völkern, politische Verwicklungen, Fragen nach der aufzubauenden Infrastruktur, aber auch das Leben der ärmeren Bevölkerungsgruppen, wo der Drogenhandel blüht.

Ihr merkt schon, was ich so kurz zusammenzufassen versuche, lässt sich eigentlich gar nicht in einen oder zwei Sätze pressen. Und das liegt nicht nur an mir, sondern an der unglaublichen Komplexität und Tiefe, die Jona Sheffield wieder einmal geschaffen hat. Sie erzählt von so vielen unterschiedlichen Charakteren – sowohl alten Bekannten als auch von neuen. Sie erzählt ihre Geschichten, gibt ihnen Tiefe, Leben, und zugleich hängen alle diese einzelnen Schicksale auf oft unvorhersehbare Art zusammen.

Ich persönlich bin ja, nachdem Jona Sheffield einen echten Game of Thrones-Moment geschaffen und eine meiner anderen liebsten Figuren einfach ausradiert hat, ein riesen Fan von Radascha, der Königin der Kidj’Dan. In „Prion“ wird auch über sie und ihre Beweggründe mehr erzählt, mehrere Kapitel sind aus ihrer Sicht geschrieben. Das gefällt mir sehr, andererseits wird damit ein weiterer möglicher Konflikt angedeutet. Zwei sogar, aber nur einer davon findet bereits in diesem Band ein Ende. Das macht direkt wieder Lust auf mehr, auch wenn ich mir eigentlich Frieden zwischen Kidj’Dan und Menschen wünschen würde.

Zur Handlung will ich gar nicht zu viel sagen. Nach wie vor kommen immer mehr Menschen zum Portal, wollen nach Lumera, allerdings haben die Kidj’Dan die Kontrolle über das Portal, lassen nur wenige Menschen hindurch. Zugleich sehen die Menschen auf Lumera sich mit der Frage konfrontiert, wie sie die Menschen in die sich im Aufbau befindliche Stadt schaffen sollen, da sich der Landweg als sehr gefährlich erwiesen hat. Die Lösung: Ein weiteres Portalpaar muss her, doch mit den Raumarchen ist das ein hoffnungsloses Unterfangen, weshalb die Menschen die Kidj’Dan um Hilfe bitten müssen, da diese über ein Raumschiff mit einem Antrieb verfügen, der die Flugzeit auf einen Sprung verkürzt.

Da Radascha eigene Pläne verfolgt, gewährt sie die Hilfe überraschend, sodass sich eine Gruppe aus Menschen und Kidj’Dan auf den Weg macht. Doch wer kann wem trauen? Zudem wartet auf dem Raumschiff, auf dem sich die Portale befinden, eine ganz andere tödliche Bedrohung, die das gesamte Blatt wenden kann.

Auch für „Prion“ gilt ganz klar: Lesen, lesen, lesen! Ich denke, dieser Band könnte sogar ohne die vorangegangenen Bände gelesen und verstanden werden, allerdings sind die vorangegangenen Bücher zu gut, als dass man sie ignorieren sollte, daher mein Rat, wenn ihr Lumera noch nicht kennt: Fangt mit „Lumera Expedition – Survive“ an und lest sie der Reihe nach, sonst entgeht euch viel zu viel. Die weiteren Bände zu lesen, wieder nach Lumera aufbrechen zu können, ist jedes Mal ein bisschen, wie nach Hause zu kommen. Ein wenig schwingt zwar die Sorge mit, wann das Potential ausgeschöpft ist, denn es wird der Punkt kommen, an dem man trotz wundervoller Ideen nichts mehr zu erzählen haben wird, an dem die Leser sich nicht mehr abholen lassen, weil sie sich überladen und vielleicht von dem Thema gelangweilt fühlen. Allerdings ist das mit „Prion“ definitiv noch nicht der Fall und ich vertraue auf Jona Sheffield, dass sie erkennt, wann der Zeitpunkt zum Absprung gekommen ist – bis dahin hoffe ich auf viele weitere spannende Erzählungen von Lumera. Vielleicht sogar, aber das ist vermutlich Wunschdenken, im Stile des genialen Darkover-Zyklus von Marion Zimmer Bradley (es tut mir leid, Leute, ich muss an dieser Stelle einfach rumnerden – ich habe damals den gesamten im Handel verfügbaren Darkover-Zyklus auf einmal bestellt und aus der Buchhandlung getragen, was der Verkäuferin ein fassungsloses Kopfschütteln entlockte, und es geradezu verschlungen): Hier erfolgt, direkt nach Band 1 allerdings, ein gewaltiger Zeitsprung; Bruchlandung, keine Aussicht auf Rettung, Erkundung des neuen Planeten, Besiedelung, das ist in etwa dieser Band, nur damit Band zwei viele viele Jahre in die Zukunft springt. Mit anderen Worten: Ich möchte wissen, was aus Lumera wird oder vielmehr werden wird, da momentan zeitlich alles sehr dicht beisammen ist. Und dass Jona Sheffield durchaus zwei weit auseinanderliegenden Zeitstränge parallel erzählen und wunderbar verknüpfen kann, hat sie längst bewiesen.



Abschließende Gedanken


Aber bis dahin – oder auch nicht, dann eben bis zum Erscheinen weiterer Bände – hilft es auch, die bereits erschienenen Bücher das ein oder andere Mal erneut zu lesen. Also, ihr Lieben, Weihnachten ist vorbei, also schlage ich vor, dass ihr euer Weihnachtsgeld von Eltern, Verwandten oder Freunden sinnvoll einsetzt: Gönnt euch „Prion“ oder falls noch nicht vorhanden am besten direkt die gesamte Lumera-Reihe. Ihr werde es nicht bereuen, euch erwarten auch in diesem Band wieder Unterhaltung, Tiefgang, Verwicklungen und Intrigen und ihr werden bangen und hoffen, den Kopf schütteln, vielleicht in hilfloser Wut die Fäuste ballen – denn wen Lumera einmal packt, den lässt es nicht mehr los.

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Rezension: Lavandula



Lavandula gehört zum Kult der Bibliophilen und ist neben dem Studium selbst immer mal wieder als Autorin unterwegs, sofern die Zeit es zulässt. Ungefähr in einem Spektrum wie die Zeitsprünge in "Lumera Expedition: Survive" versuche ich sie bereits für einen Beitrag auf "Am Meer ist es wärmer" zu gewinnen. Ich hoffe, mit ihrem frischen Schreibstil wird sie den Blog noch häufiger bereichern.