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Dienstag, 2. Juni 2026

Euphoria: Das Große, das Ganze und ein Selbstzerstörungsmechanismus

 




Dieser Artikel enthält starke Spoiler verteilt auf alle Staffeln!


Am gestrigen Montag haben wir uns nicht nur von 8 Wochen Euphoria Staffel 3 verabschiedet, sondern zeitgleich auch von Euphoria als Serie. Lange, bevor Staffel 3 erschienen ist, war irgendwie allen klar, dass das vermutlich die letzte Gelegenheit sein dürfte, die Darsteller für eine gemeinsame Staffel nochmal vor die Kamera zu bekommen. Im Verlauf der Staffel gab es dazu auch immer wieder Updates von Hauptdarstellerin Zendaya sowie Showrunner Sam Levinson. Kurz bevor die letzten Folge gezeigt wurde, machte man noch einmal ganz deutlich: Staffel 3 wird das Ende des Weges sein. Ein langer, beschwerlicher Weg war es bis zum Serienfinale, aber es ist geschafft.

Ursprünglich plante ich schon vor einigen Wochen, einfach meine mehr als durchwachsenen Eindrücke zu Staffel 3 zu teilen. Doch Euphoria verdient ein wenig mehr als das, ganz gleich dem Schaden, den Staffel 3 unwiderruflich angerichtet haben mag.

Doch gehen wir erst einmal zurück ins Jahr 2019. Euphoria basiert auf einer israelischen Miniserie, geschaffen von Ron Leshem aus dem Jahr 2012. Unter den mittlerweile unzähligen gelisteten Producern (darunter Levinson, Zendaya und Rapper Drake) gesellte sich auch Leshem bei der US-Version, war aber weder als Writer noch Director aktiv. HBO ist bekannt für risikoreiche Projekte und gab Euphoria grünes Licht. Was folgte war ein weltweiter Hit. Die Risikobereitschaft bei HBO zahlte sich einmal mehr aus. Das Teen-Drama fand nicht nur Anklang bei den Zuschauern, es machte zahlreiche der Darsteller zu den heute begehrtesten jungen Darstellern in Hollywood wie beispielsweise Sydney Sweeney und Jacob Elordi. Zeitgleich gab es neue Entdeckungen wie Angus Cloud (1998-2023) und Hunter Schafer. Schauspieler Eric Dane (1972-2026) konnte mit seiner Rolle als Cal Jacobs den berüchtigten McSexy endlich hinter sich lassen. Sam Levinson avancierte zudem als begehrter Showrunner.

Mit anderen Worten: Euphoria war ein Gewinn für alle. Gerne mal bezeichnet als düstere R-Rated und Gen-Z Version von Beverly Hills und Melrose Place, avancierte Euphoria aber zu einem Hit bei vielen Altersklassen. Und warum? Sicherlich nicht, weil die Mehrheit hier ihre eigene Schulzeit sah - denn Euphoria ist so dermaßen Over-the-Top, dass selbst die in der Serie behandelten, sehr ernsten und wichtigen Themen sehr überzeichnet wirken. Anders ausgedrückt erleben die meisten Zuschauer mit Euphoria jene Schulzeit, die sie selbst nie hatten. Ob man das gerne selbst erlebt hätte, was den Charakteren in dieser Serie widerfährt, sei mal dahingestellt und soll jeder ganz für sich selbst ausmachen.

Wichtig war jedoch, Euphoria hatte einen Nerv getroffen. Das Teenager-Drama mit seiner teils melancholisch-verträumten Atmosphäre (die man eindeutig auch Composer Labrinth zu verdanken hat) war mutig, Dinge zu tun, die sich andere Serien so nicht trauten und trotz der vielen finsteren Themen nie seinen schwarzen Humor verlor. Ein Mut, der belohnt werden sollte und man trotzdem nach Staffel 1 bereits wusste, dass es unklar ist, wie viel Saft das Konzept für weitere Staffeln bieten würde. So zeigten sich in Staffel 2 bereits erste narrative Risse und Tempoprobleme, zeitgleich aber auch die größten und stärksten Momente der gesamten Serie. Darauf würde man in einer vermeintlichen dritten Staffel erst einmal aufbauen müssen.

Und hieraus resultierte das größte Problem für das fortbestehen der Serie, wie könnte eine weitere Staffel auf Staffel 2 aufbauen? Die Character-Arcs waren erzählt und größtenteils zufriedenstellend abgeschlossen und wichtige Storylines endeten, boten zeitgleich aber auch noch weiter Gesprächsstoff für Theorien und Diskussionen. Es wäre ein wohlverdienter Abschluss gewesen. Levinson pokerte hoch und setzte sämtliche Ideen, wie man diese Charaktere demütigen und durch die Hölle schicken konnte, in den letzten Episoden von Staffel 2 um. Es wäre ein Ende gewesen, an jenes man sich noch lange erinnert hätte. Ein rundes Ende, welches das Schicksal vieler Charaktere zwar offen lassen würde, aber der Zuschauer dennoch zufrieden ins Bett hätte gehen können. Die Sopranos haben es viele Jahre zuvor vorgemacht.

Doch wenn die Leute immer noch nicht satt sind? Was macht man dann?

Euphoria folgt mit seinen 3 Staffeln einem bekannten Schema. Staffel 1 ist das Original. Das unantastbare Original. Kontrovers, mutig und frech. Mit Zendaya hatte man bereits einen großen Teenager-Star am Start und man konnte eindeutig sagen, was Courntey Cox damals für Friends war, war Zendaya für Euphoria. Sie brachte bereits Fans mit sich. Staffel 1 etablierte viele Charaktere und setzte auf ein Konzept, welches den 8 Episoden eine ständige Frische verleihen sollte: Flashbacks zum Beginn einer jeden Episode, erzählt von Rue Bennett. Jeder dieser Flashbacks bringt uns diese unsympathischen Figuren ein Stück näher, bekommen einen Einblick in ihre komplizierten Kindheiten und teils schwierigen Familienverhältnisse. Wieso ist Rue eigentlich so stark drogenabhängig? Wieso ist Nate so ein Narzisst und wieso hat Cassie so viele Komplexe? Und welche verrückte Vorgeschichte hat eigentlich Rues Kumpel und Drogendealer Fezco? Nun, dafür musste man halt am Ball bleiben, denn diesen besonderen Flashback hob man sich für Staffel 2 auf. Es war eine Erfolgsformel mit Mindesthaltbarkeitsdatum.

Staffel 2 folgte der heiligen Regel des Sequels: Mach nochmal alles so wie im Vorgänger, aber krasser, härter und vor allem und von allem noch viel, viel mehr und zeitgleich hoffen, dass das gut geht. Aufgrund der Pandemie folgte Staffel 2 erst mit einiger Verspätung im Januar 2022. Um die Serie im Gespräch zu halten, gab es zuvor noch Ende 2020 zwei gelungene TV-Specials, die zeitgleich auch als kleiner Prolog für Staffel 2 dienen sollten. Unter schwierigen Umständen wurde Staffel 2 gedreht und das Konzept fühlte sich weiter frisch an. Einige der Hauptdarsteller waren bereits begehrt und standen auf Buchungslisten. Das Konzept mit den Flashbacks wurde weiter ausgebaut und jetzt ging es darum, die etablierten Figuren weiter in ihr Verderben laufen zu lassen. Dies klappte größtenteils, ein paar der 8 Folgen hatten aber auch ihre Längen, manche Plots kamen nicht so recht voran oder verliefen im Sand. All das konnte man aber häufig durch neue, kreative Ideen gut ausgleichen. Doch man wurde das Gefühl nicht los, als würden die Charaktere manchmal etwas planlos durch eine Pen & Paper Rollenspielkampagne laufen und die von einem Spielleiter gesteuert werden, der nicht so recht weiß, wohin seine Story als nächstes geht. Kritik an Levinson wurde da häufiger mal lauter, aber die ebbte auch schnell wieder ab. Denn Euphoria Staffel 2 war eigentlich all das, was man sich von einer Fortsetzung auch wünschte. Und diese schloss man so emotional, ungewöhnlich und Meta ab, wie man es von Euphoria vielleicht auch erwartet hat.

Staffel 3 hat nun folgendes Problem: Entweder krönst du den Abschluss deiner Geschichte, die du erzählen willst, oder gehst daran zugrunde. In den meisten Fällen, so wurde uns das schon oft bewiesen, geht das schief. Ob Mad Max, der Pate, Matrix oder teilweise auch die erste Star Wars Trilogie - es ist ein massives Unterfangen, eine populäre Geschichte zu beenden (Serien können davon ja ein Lied singen von Game of Thrones bis zu Stranger Things). Im Handbuch der Sequels steht folgende Regel: "Teil 3 darf unter keinen Umständen nochmal so sein wie die beiden Vorgänger. Die Leute wollen einen Tapetenwechsel und zeitgleich müssen dennoch die Vorgänger übertrumpft werden. Die Zuschauer wollen eine "Rückkehr des Königs". Teil 3 muss das ausmachen, was Teil 1 und Teil 2 gut gemacht haben und zeitgleich die Charakterreise der vielen Figuren zu einem befriedigenden Ende bringen.

Euphoria Staffel 3 stand nie unter einem guten Stern. Nach wie vor hatte man mit den Nachwirkungen der Pandemie zu kämpfen, zeitgleich aber auch wurde es noch schwieriger, auf die mittlerweile etablierten Schauspieler zurückgreifen zu können. Weitere Erschwerte Situationen kamen noch hinzu. Sam Levinson legte seinen vollen Fokus auf die nicht minder kontroverse Serie "The Idol", die im gleichen Serien-Universum wie Euphoria spielte und mit Musik-Schwergewicht The Weeknd samt seinen limitierten schauspielerischen Talenten und Johnny Depps leicht bekleideter Tochter Lily-Rose als aufstrebende Künstlerin gnadenlos floppte und nach einer Staffel bereits abgesetzt wurde. Levinsons Ruf sollte sich davon nicht mehr so recht erholen. Doch irgendwie musste er ja noch immer, komme was wolle, Euphoria über die Zielgrade bringen.

Das Dilemma von Sam Levinson sollte aber nicht mit The Idol enden. Der Showrunner zerstritt sich mit Schauspielerin Barbie Ferreira, die den durchaus beliebten Charakter Kat Hernandez spielte und im Verlauf von Staffel 2 kaum mehr eine relevante Rolle einnahm. Der vermutlich schwerste Schlag: Der Tod von Fezco Darsteller Angus Cloud, der sich im Alter von nur 25 Jahren das Leben nahm. Für viele Zuschauer das Herz und die Seele der gesamten Serie und einer der populärsten Charaktere hatte zwar einen recht abgeschlossenen Character-Arc in Staffel 2, doch sollte auch in Staffel 3 wieder eine Rolle spielen, genau wie der mittlerweile an den Folgen von ALS verstorbene Eric Dane als Cal Jacobs, der genau wie Fezco eine relativ abgeschlossene Story hatte, aber für Staffel 3 ebenfalls wieder fest eingeplant war. Eric Dane ist in wenigen Folgen in Staffel 3, mittlerweile deutlich gezeichnet durch seine Krankheit, noch kurz zu sehen.

Der endgültige Sargnagel waren vermutlich die kreativen Auseinandersetzungen mit Composer Labrinth, dessen Musik auf akustischem Level das Herz und Seele der gesamte Serie war. In den vorherigen Staffeln wechselten sich Originalmusik von Labrinth und lizensierte Musik im fliegenden Wechsel ab und es funktionierte verdammt gut. Da Labrinth fortan nicht mehr verfügbar war, entschied man sich kurzerhand für Starkomponist Hans Zimmer, dessen Musik gegensätzlicher zu allem, was Euphoria verkörperte, nicht sein kann.

Dass der Soundtrack von Labrinth nun in Staffel 3 fehlt, fällt gar nicht mehr so sehr ins Gewicht, wenn man Staffel 3 schaut. Denn Staffel 3 hat kaum mehr irgendwas mit der Serie zu tun, die Millionen Menschen lieben gelernt hat. Viel mehr fühlt sich die Staffel wie ein Alternativwelt Spin-Off an, in dem Charaktere aus der Serie Euphoria vorkommen. Vielleicht die Pläne, die Levinson einstmals mit The Idol verfolgte. Aus einem verträumten Teenager-Drama wurde ein blutiges, bierernstes Crime-Drama, welches mehr an die Werke von Elmore Leonard, Quentin Tarantino und den Coen Brüdern erinnert. Vielleicht wenig verwunderlich: Levinson ist großer Fan von den Werken Leonards und Tarantino adaptierte Rum Punch von Leonard unter dem Titel Jackie Brown.

Der Genre-Wechsel war kaum zu erklären und wird wohl auch nach wie vor schwer zu rechtfertigen sein. Staffel 3 galt aufgrund der langen Wartezeit viel mehr als Mythos. Wird sie je erscheinen? Würde sie. Levinson und Zendaya gaben immer wieder Updates dazu und Levinson versprach, Staffel 3 würde anders werden und man würde sich von den kleinen Vororten zurückziehen und die große Weite der USA anpeilen. Man würde die Charaktere aus ihrem beschaulichen Teich holen und ins große Haifischbecken werfen, wo an jeder Ecke große Gefahren lauern und es Menschen gibt, die noch viel skrupelloser sind als sie selbst. Was nach einer neuen Pen & Paper Kampagne von Levinson für die Charaktere aus der Serie, die als Euphoria bekannt war, klingt, sollte sich tatsächlich als das Szenario für Staffel 3 herausstellen.

Während das ein mutiger Schritt ist und Euphoria für Mut bisher immer belohnt wurde, gleicht dieser Mut jedoch mittelmäßiges Writing und zahlreiche Probleme innerhalb der Produktion nicht aus. Gerade einmal 6 Figuren des ursprünglichen High School Cast tauchen in Staffel 3 wieder auf. Jacob Elordis Nate Jacobs und Hunter Schafers Jules Vaughn tauchen mit geringer Screentime wieder auf. Ihre Szenen wirkten, als wurden sie gefühlt an 1-2 verschiedenen Sets an wenigen Drehtagen abgedreht. Ihre Präsenz fühlt sich losgelöst an und ihre Charaktere wie ausgewechselt.

Fans können gnadenlos sein und warfen Levinson, der hier in allen Folgen diesmal als Writer, Director und Producer fungierte, sogenannte "Character-Assassination" vor. Die ikonischen Charaktere mussten Platz für schwer bewaffnete Gangster machen. Nicht falsch verstehen, Staffel-Bösewicht Alamo Brown wird hier herausragend gut von Adewale Akinnuoye-Agbaje verkörpert, den ich seit seiner Rolle als Mr. Eko in Lost sehr schätze. Doch diese ganzen neuen Figuren haben kaum mehr Bezug zu irgendwas, was Euhporia einst ausmachte. Allen voran Rue wirkt in dem gesamten Bandenkrieg und späterer Spitzel der Drogenfahndung völlig fehl am Platz. Vieles wirkt, als wäre diese Rolle für Fezco geschrieben worden, der bereits in seinem ganz eigenen Flashback in Staffel 2 bereits ähnliche Themengebiete angeschnitten hat. Doch an die Genialität des Fezco-Flashbacks kommt Staffel 3 auch in 8 neuen Folgen nicht heran.

Konnte man Staffel 2 gelegentlich mal vorwerfen, die Charaktere agieren, als wissen sie nicht so genau, was sie tun, passt in Staffel 3 kaum mehr irgendwas zusammen. Levinson hat eindeutig den Selbstzerstörungsmechanismus aktiviert und vor, dieses Serien-Franchise komplett zu zerstören. Im Zeitalter von "Revert the Expectations" wird wohl kaum jemand damit gerechnet haben, dass die Geschichte so weitergeht. Doch selbst wenn die Aufregung um die Euphoria-Charaktere in dieser Story nicht wäre, so würde Staffel 3 halt über ein durchschnittliches Crime-Drama mit zahlreichen Plotholes, über die man einen eigenen Artikel schreiben könnte, nicht hinauskommen. Viele Ideen wirken aufgewärmt aus zahlreichen Büchern und Filmen, die es mit weniger (Budget, Laufzeit, Darstellern) deutlich besser gemacht haben. Glänzen tut die dritte Staffel von Euphoria in seltensten Momenten, wo einzelne schauspielerische Leistungen mal die Zuschauer für sich gewinnen können oder in den letzten Folgen zwei gelungene Flashbacks zeigen, welche Qualitäten Staffel 1 und Staffel 2 häufig auszeichneten.

Auch die vermeintliche provokante, surreale Szene rund um eine halbnackte Kaiju-Sweeney, die in Godzilla-Manier in dieser Szene feuchte Männerträume zerstört, dürfte kaum jemanden hervorlocken und mehr als ein zucken der Augenbraue eurer Wahl abgewinnen. Eine Szene, die viel zu lange geht und deren Sendezeit man viel besser hätte nutzen können, sofern man irgendwas mit den Charakteren vorgehabt hätte. Stattdessen setzt die Staffel diesmal viel auf Shock-Value. Abgeschnittene Gliedmaßen, Blutfontänen, Folter und Vergewaltigung ersetzen Charakter-Synergien, gut durchdachte Dialoge und die besagten mutigen Ideen. In Folge 8 möchte man mit einer Montage rund um Rue noch ein aller letztes mal mutig sein. Und ohne Frage ist es vermutlich eine der wenigen Ideen der gesamten Staffel, die in Erinnerung bleiben dürfte, aber im Vergleich dazu, dass Staffel 2 in einem metaphysischen Theaterstück und Musical mündete, ist auch das vermeintlich große Highlight dieser Folge eher handzahm. Bei der Qualität von Staffel 1 und Staffel 2 hätte man hieraus etwas machen können, was für immer in Erinnerung bleiben würde. Dennoch möchte ich das ganze jetzt auch nicht zu klein reden, man hat hier seine Hausaufgaben gemacht.

Und wie soll es anders auch sein, endet der große Showdown der Staffel dann in einem Mexican-Standoff in einem Stripclub, eine ikonische, legendäre Euphoria-Location, mit der die Zuschauer so viel verbinden. Eine Szene, die einzig und alleine durch die Performance von Coleman Domingo (den man immerhin noch für 2 Episoden zurückgeholt hat) gerettet wird. Der Zünder für die Franchise-Selbstzerstörung hat bereits 2 Minuten erreicht.

Das bizarre an dieser Staffel ist jedoch die beachtliche Anzahl an Figuren. Was bei Thomas Pynchon ein markantes Stilmittel ist, wirkt in Euphoria Staffel 3 befremdlich. Es tauchen Charaktere aus dem Nichts auf, nur um einige Szenen später schon wieder komplett und für immer zu verschwinden. Von irgendwelchen Influencer-Superstars hin zu skrupellosen armenischen Gangstern, die allesamt auf das Minimum eines Plot-Device reduziert wurden, damit die unnötig kompliziert gestaltete Story vorankommt.

Die letzte Szene endet ungefähr so, wie Gladiator vor über 26 Jahren endete. Welch ein Zufall, dass Hans auch den Score zu diesem Film geschrieben hat. Man könnte über die letzte Szene aber statt Zimmers schwerfälliger Musik, die wenig inspirierend an "Now We Are Free" und diversen Morricone-Stücken erinnert, auch Ariana Grandes neuen Song "hate that i made you love me" legen und es würde vermutlich mehr nach Euphoria klingen als das, was uns hier angeboten wurde. Wobei es halt auch ins Konzept passt, dass sich so wenig wie möglich nach Euphoria anfühlen darf.

Mittlerweile zeigt der Timer zur Selbstzerstörung nur noch 20 Sekunden an und ich bin die letzte verbliebene Person in der East Highland High School. Auf dem großen Beamer in der Turnhalle läuft gerade noch der Abspann zum Serienfinale und während es bedrohlich hinter mir irgendwo piept, stelle ich mir, wie viele andere vermutlich auch, die Frage nach dem großen "Wieso". Die schweren Bedingungen der Produktion von Staffel 3 mit einberechnet und infolgedessen den Verlust vieler Darsteller, allen voran Angus Cloud, nie auffangen konnte, bleibt man dennoch ernüchtert darüber zurück, wie wenig man einstige Stärken genutzt hat und praktisch alles über Board geworfen hat, was diese Serie einst zu einem Fan-Favorite gemacht hat. Sich zu verändern sind nötige und bewusste Schritte, die man machen muss, sich weiterzuentwickeln. Das gehört zum Erwachsenwerden dazu, aber diesen Charakteren nicht vergönnt wurde, da sie gefühlt in Kinderschuhen in die große weite Welt zum sterben rausgeschickt wurden. Aber was man hier mit dieser finalen Staffel vor hatte, hat vermutlich genau so wenig Zukunft wie eine der beiden Identitäten von Thomas A. Anderson aka Neo in The Matrix. Es würde mich wirklich wundern, wenn man in einigen Jahren diese Staffel als "Missverstanden" interpretiert und auf einmal als heimlicher Heilsbringer anerkannt wird.

0 Sekunden. Es war schön mit dir, Euphoria. Bumm.



Verfasst von Aufziehvogel

Dienstag, 30. September 2025

Review: One Battle After Another

 



One Battle Another

Regie und Drehbuch: Paul Thomas Anderson
Vorlage: Vineland (Thomas Pynchon)
Darsteller: Leonardo DiCaprio, Sean Penn, Benicio Del Toro, Teyana Taylor, Chase Infiniti
Genre: Drama, Komödie, Satire
Laufzeit: Circa 161 Minuten
Musik: Jonny Greenwood
FSK: Ab 16 


Alle paar Jahre meldet sich Paul Thomas Anderson zurück, weil er uns eine neue Geschichte erzählen möchte. Mit seinem zehnten Spielfilm "One Battle After Another" macht er einmal mehr klar, dass er zu den außergewöhnlichsten zeitgenössischen Regisseuren Hollywoods gehört. Vielleicht einer der letzten Geschichtenerzähler, den es in Tinseltown noch gibt. Umso schwieriger macht es die Lage in den USA, die Menschen zu überreden, sich knapp 3 Stunden ins Kino für einen Film zu setzen, der wie kaum ein anderer Film derzeit die aktuelle Lage der USA mit einem bissigen Galgenhumor wiedergibt. One Battle After Another - Eine Schlacht nach der anderen - gilt wohl auch für das amerikanische Box-Office, wo der Film eindeutig seine härteste Schlacht zu bestreiten hat.

Paul Thomas Anderson ist in keinem Genre so wirklich zu Hause. Er ist vermutlich der einzige Regisseur, der eine Romantic-Comedy mit Adam Sandler in der Hauptrolle drehen kann nur um viele Jahre später zwei Romane von Thomas Pynchon zu adaptieren. Wenn PTA ruft, kommen noch immer die ganz großen Namen. Genau wie einst Sergio Leone sind es die einprägsamen Charaktere, die Anderson entwirft. Sie alle sind auf der Suche nach etwas - Geld, Freiheit, dem Sinn des Lebens - sie alle sind ein bisschen paranoid, kaputt, ängstlich. Haben Verlustängste. All das sind Charaktermerkmale, die auch in One Battle After Another wieder zum Vorschein kommen. Und selten hat Anderson sie gleichzeitig so nah- und unnahbar dargestellt.

Die Geschichte in One Battle After Another handelt von Pat Calhoun (auch Ghetto Pat genannt und gespielt von Leo DiCaprio), der einer linksradikalen Aktivistengruppe namens "French 75" angehört und sich in eine ihrer Anführerinnen, Perfidia Beverly Hills (gespielt von Teyana Taylor), verliebt. Gemeinsam stürmen sie ein vom Militär bewachtes Immigrantenlager und befreien zahlreiche dort inhaftierte Menschen. Das Militär selbst wird gedemütigt, eingesperrt und entmachtet. Alles vor den Augen des stolzen Commanding Officer Steven J. Lockjaw, der sich wiederum ebenfalls unsterblich in Perfidia verliebt. Einige Zeit nach diesem Ereignis vergeht, Pat und Perfidia erwarten eine Tochter und versuchen es als Familie. Perfidia ist für dieses Leben jedoch nicht gemacht und macht stattdessen weiter mit French 75 und wird geschnappt. Nicht nur ist damit die bröckelnde Familienidylle hin, im laufe der Jahre wird Pat als Alleinerziehender Familienvater zu einem drogenabhängigen paranoiden Mann, der immerzu meint, die Vergangenheit könnte ihn und seine mittlerweile 16 Jahre alte Tochter wieder einholen.

In One Battle After Another müssen allen voran kleine Schlachten geschlagen werden. Ghetto Pat wird keine Verschnaufpause gegönnt. Besonders beeindruckend ist einmal mehr die Weitsicht von Paul Thomas Anderson. One Battle After Another ist ein amerikanisches Märchen. Ungefähr so läuft der Film ab. Sean Penn als völlig geistig umnachteter Colonel ist so herrlich überzeichnet, er könnte ein Disney-Bösewicht der alten Schule sein. Zwar sichtlich gealtert aber immer noch mit drahtiger Statur, überragt Penn's Darbietung als Colonel Lockjaw sich selbst. Herausragend stellt er diese Figur so lächerlich und zeitgleich furchteinflößend wie nur möglich dar. Und dann ist da ja auch noch Sensei Sergio St. Carlos (Benicio Del Toro), der Karatelehrer von Pat's Tochter, der zufällig auch noch so ein kleines "Latino-Ding" nebenbei am laufen hat. Nicht nur stiehlt Del Toro hier beinahe allen die Show, sein Zusammenspiel mit DiCaprio weckte bei mir auch wohlige Erinnerungen an Raul Duke und Dr. Gonzo aus "Fear and Loathing in Las Vegas".

Zum zweiten mal wagt sich Anderson hier an einen Thomas Pynchon Roman. Dies klappte bei "Inherent Vice" (ein Film, den ich persönlich absolut herausragend finde) noch nicht so ganz. Zu speziell, viel zu kompliziert und selbst für einen Pynchon-Roman war das schwere Kost. One Battle After Another macht es da ein wenig anders: Nicht nur basiert der Film sowieso schon auf den etwas zugänglicheren Roman "Vineland", die Adaption selbst nimmt es im adaptieren nicht so ernst und Anderson zieht stattdessen lieber einzelne Plot-Points aus dem Roman anstatt ihn wie Inherent Vice aufrichtig adaptieren zu wollen. Und das tut dem Film gut, denn es ist und bleibt nahezu unmöglich, irgendwas von Pynchon respektvoll zu adaptieren.

Die Spannung erreicht ihren Höhepunkt, als in Baktan Cross die Hölle losbricht. Chaos auf den Straßen. Ein ständiger Szenenwechsel, der einem aber gar nicht so vorkommt und alles viel mehr wie ein einziger großer Take abläuft. Eine Melodie, nur wenige Töne hat sie, begleitet von einem nervösen Klimpern auf einem Klavier, begleitet dieses Chaos und die Figuren auf ihrer Tour de Force durch die Anarchie. Wenn man all das verfolgt hat, kommt einem der letzte Teil des Film vielleicht fast schon handzahm, ein wenig in die Länge gezogen vor. Hier hätte man etwas straffen können, da besonders viele Szenen in der Wüste dabei sind, die kaum etwas zum eigentlich flotten Pacing des Films beitragen. Doch auch im finalen Showdown wird noch eine Schlacht ausgetragen. Sie ist persönlicher, emotionaler. Es ist nach der turbulenten Filmmitte nur schwerer, sich auf den deutlich ruhigeren Tonfall des Films danach wieder einlassen zu können.

Und um es kurz und knackig zu machen: One Battle After Another ist politisch angehaucht. Viel mehr sogar noch ist es eine aktuelle Stimmungslage der USA. Doch Anderson gelingt es, all das auf eine nicht penetrante Art zu verpacken. Den Film nicht in irgendwelchen Ideologien abdriften zu lassen. Als auf einmal der sogenannte "Christmas Adventurers Club", eine geheime Vereinigung reicher, weißer Männer (sogenannte White Supremacists) ins Spiel kommt, weiß man, worauf man sich bei One Battle After Another einlassen muss. Nichts ist heilig. Niemand ist sicher. Nicht einmal die Mitglieder in dieser Vereinigung. Getreu dem Motto, wer nicht mit am Tisch sitzt, der landet auf der Speisekarte. Gefressen oder gefressen werden - One Battle After Another.



Fazit:

Paul Thomas Anderson macht weiter genau das, worauf er Bock hat. One Battle After Another ist erneut eine Liebeserklärung von Anderson an das strauchelnde Kino. Nicht jeder wird Andersons modernes Märchen mögen. Dafür piekst der Film vielleicht auch manchmal zu sehr da, wo es weh tut. Bildgewaltig und herausragend geschauspielert (was auch für die Newcomerin Chase Infinity gilt, die hier als Pats Tochter Willa/Charlene überzeugt), gibt es außer einem vielleicht etwas zu großzügig angelegten Showdown nichts, was ich dem Film auch nur ansatzweise vorwerfen könnte. One Battle After Another ist ein Film, der einzig und alleine für die große Leinwand gemacht ist. Er erinnert uns daran, warum es Kinos gibt, warum wir diese mittlerweile völlig überteuerten Lichtspielhäuser mal gerne besucht haben.

Und vielleicht ist dann da doch noch eine einzige, weitere Sünde, die dieser Film begeht: Ein weiterer Paul Thomas Anderson Film ohne Philip Seymour Hoffman. Er war leider wieder unpässlich, wird es wohl auch für immer bleiben. Das wäre ein Film nach seinem Geschmack gewesen und er hätte ihn sehr wahrscheinlich geliebt. Auf dieser doch wehmütigen Note endet die Besprechung dann auch. Auf einer hohen Note aber: Bitte anschauen. Auf der großen Leinwand. Am besten im O-Ton.




Review: Aufziehvogel

Samstag, 21. Juni 2025

Review: 28 Years Later

 




Dieses Review enthält moderate Spoiler zum hier besprochenen Film sowie dessen Vorgängern


28 Years Later

Regie: Danny Boyle
Drehbuch: Alex Garland
Darsteller: Aaron Taylor-Johnson, Jodie Comer, Ralph Fiennes, Alfie Williams
Genre: Horror, Drama
Laufzeit: Circa 115 Minuten
Musik: Young Fathers
FSK: Ab 18



"Sei dir deiner Sterblichkeit bewusst"


Die bekannte lateinische Phrase Memento Mori spielt neben Themen wie Elternschaft eine zentrale Rolle in 28 Years Later, der erste neue Film aus dem britischen Zombie-Franchise seit sage und schreibe 18 Jahren und insgesamt 23 Jahre nach dem Erstling. In dieser für uns Menschen recht langen Zeitspanne haben wir neben neuen Kriegen und Verwüstung dann auch leider schon eine echte Pandemie miterlebt und kämpfen gefühlt noch immer mit einigen Nachwirkungen. 28 Years Later, erstmals wieder unter der Regie von Danny Boyle und geschrieben von Alex Garland (28 Days Later, Ex Machina, Annihilation) setzt da an ganz anderen Stellschrauben an. Wie lebt es sich in einer Welt, in der immer noch ein tödliches Virus grassiert? Wie adaptiert man sich in dieser Welt? Eine vermeintliche Antwort in dieser Filmreihe gibt es dort nun nach 28 Jahren.

Bereits im Vorfeld hat der Debüt-Trailer vor einigen Monaten für reichlich Diskussionen und zahlreiche Spekulationen gesorgt. In einem beklemmenden Trailer, der von einem Gedicht des britischen Autors Rudyard Kipling begleitet wird (hier vorgetragen vom amerikanischen Theaterschauspieler Taylor Holmes 1878-1959), wurden Fan-Theorien angeheizt, wie der Film die Reihe nun fortsetzen würde. Und nein, besagter Zombie im Trailer war letztendlich nicht Jim aus 28 Days Later. Die Ähnlichkeit wird wohl dennoch nicht rein zufällig gewählt worden sein. Dies ist noch einmal weniger verwundernd, da auch Jim-Darsteller Cillian Murphy (immerhin die Rolle, die in weltweit bekannt machte damals) mit an der Produktion von 28 Years Later beteiligt war. Auch auf die Frage, ob es einen finsteren Kult gibt, der die Toten verehrt, wird es eine Antwort geben, die vielleicht ein wenig ernüchternder ist als das, was man sich nach dem Trailer vorgestellt hat. In Wahrheit hat der Trailer wirklich sehr wenig von dem Film preisgegeben. Mit 28 Years Later ist hingegen ein größtenteils außergewöhnlicher Exkurs in eine fremde, neue Welt entstanden. Ein Film, der das macht, worauf er Lust hat und die Zuschauer mitnimmt auf diese beklemmende, bedrückende, zeitgleich aber auch wunderschöne Reise in eine postapokalyptische Welt.

Gleichzeitig wird aber auch eine Frage beantwortet, die den Vorgänger 28 Weeks Later betrifft. Endete der Film damit, dass das Wut-Virus sich bis nach Frankreich ausgebreitet hat. Diesen Punkt haben Boyle und Garland gemeinsam gestrichen und widerrufen. Weder Boyle noch Garland waren mit Ausnahme kleinerer Feinheiten an 28 Weeks Later beteiligt und hatten somit keine kreativen Freiheiten. Boyle, der als Regisseur unpässlich war da er an Sunshine beschäftigt war, wählte persönlich den spanischen Regisseur Juan Carlos Fresnadillo aus während Garland einige Instruktionen für den Verlauf der Story gab. Boyle äußerte sich zuletzt, der Charme der Reihe würde darin liegen, dass die Geschehnisse komplett im Raum Vereinigtes Königreich spielen würden und was die beiden Vorgänger eindrucksvoll bewiesen hätten. Weder Boyle noch Garland sahen einen Reiz darin, die Story auf andere Teile der Welt auszuweiten und dafür bin ich sehr dankbar, denn ich gehörte bereits damals zu denen, die den Paris-Twist am Ende des zweiten Films nicht wirklich begrüßt hatten. Etwaige Anschlussprobleme hat 28 Years Later dadurch keine, da es für den Film kaum eine Rolle spielt, inwieweit das Virus noch irgendwo anders auf der Welt wütet und wie man es international bekämpft, ob an einem Heilmittel gearbeitet wird (ein weiteres Details aus dem Vorgänger, welches gestrichen wurde, eine natürliche Immunität gegen das Virus) und wieso das Vereinigte Königreich nicht einfach zu einem kompletten Sperrgebiet wird. Man hält sich hier bewusst bedeckt, serviert keine wissenschaftlichen Analysen und verschwendet somit auch keine wertvolle Spielzeit.

Stattdessen geht 28 Years Later wieder zurück zu den Wurzeln der Reihe. War der zweite Teil deutlich actionorientierter, das Ausmaß der Katastrophe bereits globaler geprägt, kehrt 28 Years Later zurück zu den kleineren Einzelschicksalen. In diesem Film dargestellt durch eine kleine Kommune auf einer schottischen Insel, die ihre völlig eigene Parallelgesellschaft gegründet hat. Im Fokus steht hier die Familie rund um Jamie (Aaron Taylor-Johnson), seiner Frau Isla (Jodie Comer) sowie ihr zwölfjähriger Sohn Spike (Alfie Williams). Das derzeitige Familienverhältnis ist angespannt. Isla, geistig völlig verwirrt und anscheinend schwer krank, hat sie nur noch selten klare Momente und ist bettlägerig. Somit dreht sich vorerst ein großer Teil der Geschichte um Jamie und Spike, der seinen Sohn nun das erste mal zum Festland mitnehmen möchte, eine Art Ritual, die Jungs im Teenageralter in dieser Kommune leisten müssen, um später als erwachsene für die Beschaffung von u.a. Rohstoffen zu sorgen. Gemeinsam mit Jamie macht sich Spike, jünger als andere Kinder, die diesen Schritt gehen müssen, auf zum gefährlichen Festland.

Genau schon so wie beim Erstling ist der Plot per se überschaubar komplex und wirkt wenig anspruchsvoll. Viel wichtiger und interessanter sind einmal mehr die zwischenmenschlichen Interaktionen der Charaktere untereinander. Insbesondere das Verhältnis zwischen Spike und seinem Vater und später zu seiner Mutter, zu der er einen deutlich größeren Draht zu haben scheint. Wer hier eine exakte "The Last of Us" Kopie erwartet, wird schnell eines besseren belehrt werden. 28 Days Later ist kein Island-Hopping-Abenteuer zwischen Vater und Sohn, es mündet stattdessen in eine deutlich andere Richtung. Hier möchte ich dann auch einfach nicht zu viel vorwegnehmen. Ist das Schauspiel von Johnson wie auch Comer auf einem enorm hohen Niveau, so darf man sich im späteren Verlauf noch auf eine herausragende Darbietung von Ralph Fiennes freuen.

Stilistisch ist der Film kaum vergleichbar mit 28 Weeks Later. Ähnlich wie 28 Days Later ist 28 Years Later experimentell, jedoch experimentell auf seine eigene Art. Der Film spielt mit vielen Ideen, hier sei jetzt schon gesagt, nicht jede Idee funktioniert aber man ist nicht scheu, so viel wie möglich auszuprobieren und fast immer ist dies lohnenswert für den Film als ganzes wie auch für die Zuschauer. Was nicht bedeutet, dass der Film nicht anecken wird. Dies müssen Boyle und Garland wieder einmal eingeplant haben, denn konventionell ist kein Begriff, mit dem man 28 Years Later beschreiben könnte. Wir erleben hier typische Danny Boyle Momente, die in seinen besten Momenten an Trainspotting erinnern. Gleichzeitig bekommen wir, was den abstrakten, teils surrealen Part des Films angeht, aber auch einiges von Alex Garlands Werken zu sehen. Allen voran den überraschend gelungenen Annihilation.

Mit brillanter Musikuntermalung der Musikgruppe Young Fathers werden wir als Zuschauer auf eine seltsam beklemmende, zeitgleich wunderschöne Reise mitgenommen. Die Landschaftsaufnahmen sind zu jeder Zeit passend, immer mit passender Musik untermalt und erwecken Gefühle von Einsamkeit, Melancholie und Furcht. Und die lauert überall in diesem Film. Überall kreucht und fleucht es, wir nehmen die Geräusche wahr und sehen anschließend grauenhafte Gestalten über den Boden robben oder bizarre Bodybuilder-Infizierte, die wirken, als kämmen sie gerade vom Gewichtheben aus dem Fitnessstudio. Und dabei geizt auch 28 Years Later einmal mehr nicht mit blutigen Effekten, die die hohe Altersfreigabe mehr als einmal rechtfertigen. Die Effekte arten im Gegensatz zum Vorgänger nicht in Splatter-Orgien aus, gehen dafür aber deutlich mehr ins Detail.

In seltenen Momenten verliert der Film dann aber auch mal sein eigentliches Ziel aus den Augen und tröpfelt ein wenig vor sich hin oder aber die Handlungen der Charaktere sind schwer nachvollziehbar. Besonders Momente, wie es einem zwölfjährigen Jungen gelingt, eine gesamte Kommune, stets in Alarmbereitschaft, zu übertölpeln um anschließend wenige Minuten später mit seiner kranken, geistig verwirrten Mutter auf das Festland zu flüchten, obwohl er lediglich einmal zuvor dort war. Dies wirkt unglaubwürdig und vor allem des Filmes unwürdig. Dies sind aber seltene Momente. Fast durchgehend macht 28 Years Later jedoch das beste aus seiner knapp zweistündigen Laufzeit.

Die Kritik bringt mich aber zeitgleich auch ins grübeln. Wir alle wissen mittlerweile, dass es sich hier um einen Zweiteiler handelt. Teil 2 soll wohl bereits abgedreht sein und wird unter der Regie von Nia DaCosta unter Aufsicht von Boyle und Garland entstehen. DaCosta gilt besonders durch ihre Regiearbeit an "The Marvels" als nicht unumstritten, konnte sich aber zuvor einen Namen mit ihrer Neuinterpretation von Candyman machen. Wieso ich hier anfange zu grübeln, ist, wäre 28 Years Later vielleicht eine noch bessere TV-Serie geworden? Es hätte sich im heutigen Zeitalter angeboten. Aber besonders mangels eigenem Streaming-Dienstes dürfte die Option für Sony wohl eher unattraktiv gewesen sein. Generell ist es eine Überraschung, dass Sony den Film in seiner jetzigen experimentellen Form so durchgewunken hat, während ein Film im Stile des zweiten Teils vielleicht noch deutlich mehr Leute in die Kinos gelockt hätte. Und hier mache ich mir jetzt schon Sorgen, ob die Geschichte überhaupt noch Potential für den kommenden zweiten Teil "The Bone Temple" hat, oder ob dem Konzept die Luft ausgehen wird in Filmform. Bereits in diesem Teil bekommt man zu Beginn und den höchst fragwürdigen letzten 5 Minuten einen kleinen Vorgeschmack auf den Titelgebenden "Bone Temple". Auch in einer Zeit, wo es direkte Fortsetzungen im Kino grundsätzlich schwer haben, wird die Herausforderung für 28 Years Later als Filmprojekt sicherlich nicht einfacher. Trotz meiner Bedenken möchte ich zu gerne sehen, wie die Fortsetzung diese Herausforderung meistern wird. Dennoch bleibe ich dabei, dass das Medium TV-Serie für 28 Years Later verführerisch attraktiv gewesen wäre. Die gut geschriebenen Charaktere und Darsteller hätten es nicht nur zugelassen, in diesem Format hätte es auch nochmal deutlich mehr Spielraum für Charaktertiefe geben können.



Fazit

Ich gehe nicht mehr häufig ins Kino. Die Filme werden sorgfältig ausgewählt und dann möchte ich im besten Szenario etwas außergewöhnliches sehen. Dies bekommt man bei Danny Boyle häufig und nur selten weiß man bei ihm, was man überhaupt bekommt (James Bond bekommen wir von Danny Boyle zum Beispiel nicht, auch wenn die Kombi Boyle und Aaron Taylor-Johnson verdammt gut ist). 28 Years Later erfüllt all meine Kriterien für einen außergewöhnlichen Film. Ein Genre-Mix aus Horror, Drama und ein wenig Exploitation, versucht sich der Film in vielerlei Dingen. Wie erwähnt funktioniert nicht immer alles davon, aber das ist auch gar nicht das Ziel eines solchen Films. In einem durchgekauten Genre schaffen es Boyle und Garland nach dem Erstling erneut, die Magie noch einmal neu zu entfachen. Noch einmal etwas anderes zu machen als all die anderen. Was für Romero Diary of the Dead wie auch Survival of the Dead war, ist 28 Years Later für sein ganz eigenes Franchise. Nicht jedem wird das gefallen. Vielleicht wird es für einige auch Liebe auf dem zweiten Blick. Aber ganz sicher wird 28 Years Later für die Mehrheit ein Filmerlebnis sein, welches in Erinnerung bleiben wird. Eine fast schon spirituelle Tour de Force, ein angenehmer wie beklemmender Fiebertraum, der seine Zuschauer absorbiert und bis zum Abspann (oder eben den letzten 5 Minuten) nicht mehr loslässt. Meine Bedenken für die direkte Fortsetzung bleiben aber bestehen, sofern man hier nicht noch irgendwelche ungeahnten Tricks auf Lager haben sollte.

Dienstag, 25. März 2025

Phantastische Tierwesen: Ein phantastisches Missverständnis

 


Dieser Artikel enthält zahlreiche Spoiler zu Phantastische Tierwesen 1-3


Hier an dieser Stelle bitte das bekannte "Ah Shit, here we go again" Meme von Carl Johnson aus GTA San Andreas einsetzen. Denn die Phantastischen Tierwesen wurden sicherlich internetweit schon genug debattiert. Doch dieses dreiteilige Missverständnis wird durch die nahende Harry Potter Serienumsetzung von HBO noch einmal in ein anderes Licht gerückt. Auch wenn Warner die Reihe nie offiziell abgesägt hat, so ist es relativ unwahrscheinlich, dass man sich dieser Filmreihe noch einmal annehmen wird, wo der volle Fokus nun wieder auf Harry Potter liegt. Und so wirkte man in der Wizarding World von J.K. Rowling Magie. Bei den Phantastischen Tierwesen wurden auf magische Weise aus 5 geplanten Filmen, 3 realisierte Filme und ließ die nicht erzählten Abenteuer und auch das Ende dieser gar nicht mal so bedeutungslosen Storyline um Dumbledore und Grindelwald zum sterben zurück.

Nachdem ich auf meinem Blog schon den Abwärtstrend von Mittelerde sowie den geistigen Verfall des Star Wars Franchise unter die Lupe genommen habe, möchte ich mich zumindest einmal der Wizarding World widmen. So habe ich in den vergangenen Tagen "Grindelwalds Verbrechen" und "Dumbledores Geheimnisse" nachgeholt. Was bei mir haften geblieben ist, sind allen voran viele Fragezeichen. Bevor ich auf die Filme einzeln eingehen werde, möchte ich kurz ein paar Worte darüber verlieren, woran es, meiner eigenen Ansicht nach, haperte. Es fängt bereits beim Titel der Filme an. Newt Scamander und sein Buch "Phantastische Tierwesen und wo sie zu finden sind" sind in den Büchern, mehr aber noch in den Filmen, Randbemerkungen. Die Filmtitel sind schwer zu merken und gehen nicht leicht von der Zunge. Nur wenig deutet, besonders noch beim ersten, titelgebenden Film, darauf hin, dass wir es hier direkt mit einer Story zu tun haben, die überraschend eng mit etlichen Ereignissen in der Harry Potter Timeline verknüpft ist. Mit den späten 20er Jahren hat man sich ebenfalls für eine Zeit entschieden, die (zumindest bei mir und ich könnte mir vorstellen, bei vielen anderen auch) nicht sofort auf Gegenliebe stößt. Ein vielleicht etwas persönlicher Sargnagel: Wir haben es hier mit Prequels zu tun. Ich hasse Prequels. Ich hasse sie aus berechtigten Gründen. Sie sind teilweise Gift für einen etablierten Kanon und sorgen für Überschneidungen und Widersprüche. Auch hier tritt die Trilogie nicht selten in unangenehme Prequel-Fallen. Und das vielleicht größte Problem: Die Geschichten sind einfach nicht wirklich überzeugend geschrieben. Es fehlt den Filmen an echten Höhepunkten und mit Newt Scamander hat man einen Protagonist, der im Verlauf der Trilogie zu einem Nebendarsteller in seiner eigenen Filmreihe wird. Schon im ersten Film könnte man meinen, Newt, der hier sehr schrullig aber liebenswert von Eddie Redmayne verkörpert wird, bekommt nicht die Aufmerksamkeit, die diese Figur eigentlich verdient.

Am Ende finden wir nun eine Trilogie vor, der von Beginn an eine klare Richtung fehlte. Ähnlich wie bei Fluch der Karibik wirkt Phantastische Tierwesen so, als hätte man niemals über Teil 1 hinausgedacht. So fühlen sich Teil 2 und Teil 3, die eine zusammenhängende Geschichte erzählen, deutlich abgekapselt von Teil 1 an. Dies macht die Probleme der besagten anderen beiden Teile aber nicht geringer. Charaktere werden vernachlässigt, der Plot selbst fühlt sich überladen an und hat doch erstaunlich wenig zu erzählen und der große Kampf zwischen Dumbledore und Grindelwald endet mit einer Knallerbse anstatt mit einem richtigen Feuerwerk. Hauptverantwortlich für diese massiven narrativen Probleme dürfte hier J.K. Rowling selbst sein. Sie kann überzeugende Charaktere schreiben. Sie kann furchtbar lange Bücher schreiben, etwas, was aber zeitgleich auch ihre große Stärke als Autorin ist. Rowling kann allen voran lang und ausgiebig anstatt kurz und bündig. Dass sie eher kürzere Stories nicht wirklich beherrscht, hat sie bereits beim Bühnenstück zu "Harry Potter und das verwunschene Kind" unter Beweis gestellt. Zur Verteidigung des Bühnenstücks muss ich sagen, ich kenne bis Heute nur das Bühnenstück in schriftlicher Form und fand die Story aber auch die Charaktere absolut grauenhaft und furchtbar geschrieben. Man könnte beinahe meinen, Rowling habe hier nicht selbst Hand angelegt sondern einfach nur ihren Namen dafür hergegeben. Aber dem ist nicht so, gleiche Probleme im Aufbau von Plot und Charaktere zeigt sie auch bei "Phantastische Tierwesen", wo sie nahezu hauptverantwortlich für die Geschichte war. Rowlings Geschichten sind meistens lang und ausführlich, davon profitieren ihre Charaktere und unzählige kleine Geschichten innerhalb ihrer magischen Welten. Ein Grund, wieso die Harry Potter Filme kaum zufriedenstellend adaptiert werden konnten (und spätestens ab Band 4 jeder Film zwei Teile benötigt hätte). Etwas, was die kommende TV-Serie nun besser machen möchte und bereits die einzig valide Option bei Rowlings nicht minder bekannter Strike-Krimireihe ist, wo die Bücher gerne mal weit über 500 Seiten umfassen (teilweise deutlich mehr) und kaum filmisch umgesetzt werden könnten, ohne massive Abstriche machen zu müssen (und bereits die BBC-Serie kaum mit dem Umfang der Bücher umzugehen weiß).

Das eigentlich verwunderliche ist bei Newt Scamanders Abenteuer, wie fremd sich Rowling in ihrer eigens geschaffenen Welt anscheinend fühlt. Ihr gelingt es kaum, die Welt der Magie außerhalb von Hogwarts greifbarer für uns zu machen. Immer wieder versuchen es die Filme, was ihnen visuell auch gelingt. Und hier liegen die eigentlichen Stärken der Filme. Die Optik. Mit David Yates und einem eingespieltem Team schafft man es eigentlich in allen 3 Filmen etwas bildgewaltiges auf die Leinwand zu zaubern. Der Einsatz von CGI ist hier leider deutlich höher mittlerweile als es noch bei Harry Potter der Fall war, wo es immer wieder auch überzeugende praktische Kulissen gab, aber dennoch schafft man es bei allen 3 Filmen um die phantastischen Tierwesen, ein überzeugendes Gesamtpaket abzuliefern wenn es um Spezialeffekte geht. Aber das alleine reicht halt nicht, um die Fans bei Laune zu halten. Man wünscht sich auch eine gut erzählte Geschichte. Besonders, da es sich hier um eine weit zurückreichende Vorgeschichte handelt. Man wünscht sich lose Enden, die endlich verknüpft werden. Dies gelingt keinem der drei Filme so richtig und das ist, so hart muss ich sein, fast schon peinlich. Und all das rechtfertigt letztendlich auch keine 5 Filme. Dabei hatte besonders Rowling die Chance, ihre Wizarding World außerhalb des Harry Potter Kanons sinnvoll zu erweitern, mehr Geschichten aus diesem Universum zu erzählen.


Hier ein paar kurze Impressionen zu den jeweiligen Filmen:


Phantastische Tierwesen und wo sie zu finden sind

 
Beinahe 10 Jahre ist es schon wieder her, als der erste Teil der Trilogie in die Kinos kam. Angesiedelt ist die Geschichte um den Magie-Zoologen Newt Scamander im Jahr 1926 in New York. Die Geschichte wird von Großbritannien in die Magiewelt der Vereinigten Staaten verlegt. Auch haben wir es mit einem Cast an Erwachsenen zu tun, nicht mehr mit Kindern und Jugendlichen. Stilistisch ist der aus den Harry Potter Filmen etablierte Stil (allen voran der von Yates geprägte Stil) hier sofort erkennbar, aber rein erzählerisch könnten die Filme nicht weiter auseinanderliegen. Der erste Film legt noch einen größeren Fokus auf Newt Scamander und seiner Suche nach gefährdeten magischen Tierwesen. Ebenfalls bahnt sich auch die Geschichte des Menschen (in diesem Falle ein sogenannter No-Maj oder ganz klassisch ein Muggel) Jacob Kowalski an, der durch einige unglückliche Zufälle rund um Newt Scamander in die Welt der Magie gerät und sich dort in die Hexe Queenie verliebt. Und genau als das sehe ich die Geschichte dieser Trilogie an. Phantastische Tierwesen ist weder die Story von Newt, Credence oder der Fehde zwischen Dumbledore und Grindelwald. Es ist die Geschichte zwischen Jacob und Queenie, die einen zentralen Punkt einnimmt und tatsächlich sogar eine der Höhepunkte aller drei Filme ist. Und genau das sollte nicht der Fall sein. Diese Geschichte hätte man mit Teil 1 abschließen können, wo diese Liebesgeschichte nach dem Showdown des Films ein rührendes, passendes Ende erhält, welches filmisch auch noch ziemlich gut umgesetzt wurde. Jacob wird vom magischen Regen einmal geduscht und verliert sämtliche Erinnerungen an die magische Welt und somit auch an Queenie. Dass man es dabei nicht einfach belassen konnte, ist einer von vielen Fehlern, die sich Rowling und die Drehbuchautoren hier geleistet haben.

Die Geschichte rund um den magiebegabten Credence Barebone mutet interessant an und könnte vielleicht für kommende Filme sehr spannend sein. Zumindest mag man sich dies noch denken, wenn man Teil 1 schaut und noch nicht die anderen beiden Teile gesehen hat. Colin Farrell als Graves (der eigentlich von Beginn an Grindelwald in einer anderen Gestalt ist) liefert eine solide Darstellung ab, die Figur und das Geheimnis hinter ihr, aber auch ihr Wert als Gegenspieler des Films, bleibt eher blass.

Und das hat sich für mich auch durch den gesamten Film gezogen. Ich habe damals das Screenplay vor dem Film gelesen und bis auf ganz wenige Details hat der Film das Drehbuch zu 100% umgesetzt. Dort gab es nicht mehr zu entdecken mit der Ausnahme einiger weniger Details zu Jacob. Mit anderen Worten bedeutet das für mich aber auch: Der Film plätschert zu häufig einfach so vor sich hin. Ein richtiges Momentum wird selten aufgebaut, die Charaktere bleiben alle flach. Von allen 3 Filmen hat Teil 1 noch das actionreichste Finale, was an sich schon unglaublich ist, dass die Reihe hier praktisch schon das gesamte Pulver verschossen hat. Und ein paar Sekunden bekommt man dann auch noch Johnny Depp als Grindelwald zu Gesicht, was man sich aber auch genau so gut hätte sparen können. Es war halt mal wieder so eine "Stecken wir Johnny in ein komisches Kostüm und packen etwas Make-Up drauf, färben ihm die Haare und schauen, was er daraus macht". Spoiler zu Teil 2: Er hat relativ wenig aus der Rolle gemacht, da Grindelwald für die restlichen beiden Teile viel mehr ein Plot-Device als ein vielschichtiger Charakter ist, der er eigentlich sein sollte. Da kann Johnny Depp nicht viel für, denn auch Mads Mikkelsen, der ihn in Teil 3 ersetzt hat, konnte der Rolle nicht viel mehr verleihen, auch, wenn er der Figur eine Eleganz verleiht, die Johnny Depp einfach nicht rüberbringen konnte. Aber auch Mads Mikkelsen ist kein richtiger Zauberer und kann eine Rolle nur so gut spielen, wie es die Autoren zulassen. Aber hier drifte ich nun etwas zu weit ab, denn zu den anderen beiden Teilen komme ich nun.



Phantastische Tierwesen: Grindelwalds Verbrechen

Einige Monate sind seit dem Vorfall des ersten Teils vergangen.

Von allen 3 Filmen vermutlich der Teil, der am meisten Story bietet und die meiste Substanz mit sich bringt, verliert Grindelwalds Verbrechen sich sehr schnell in über-komplizierte Subplots, die dadurch entstehen, dass man zu viele neue Charaktere in die Geschichte einbaut. Zeitgleich möchte man aber immer noch weitere Brücken zu Harry Potter schlagen. Teilweise, weil Rowling wohl wirklich vor hatte, hier einige Lücken zu schließen die in den Büchern und Filmen damals häufiger angesprochen wurden, teilweise aber auch einfach, um Nostalgiegefühle zu wecken. Es gibt ein Wiedersehen mit Hogwarts und ein paar bekannten Gesichtern wie einer jungen Minerva McGonagall. Ganz nett, aber ihr kurzer Auftritt ist nicht mehr als ein Gimmick. Solche Momente hat der Film oft. Der Film hat immer mal wieder Momente, wo der Zuschauer an Harry Potter erinnert werden soll und wenn es lediglich ein Name ist, der genannt wird wie zum Beispiel Leta Lestrange. Die wird doch bestimmt noch sehr wichtig für den Rest dieser Saga, so wie sie diesen Charakter aufbauen, oder? Seid nicht so ungeduldig und wartet mal das Ende des Films ab. Viel wichtiger aber: Der bereits jetzt legendäre Magier und Lehrer für Verteidigung gegen die dunklen Künste, Albus Dumbledore, wird vorgestellt. Und da baut man erstmals die besagte Fehde und den Blutschwur zwischen Dumbledore und Grindelwald auf. Jude Law hat mir hier zu meiner Überraschung als Dumbledore ziemlich gut gefallen. Schauspielerisch kann man kaum wem vom Cast vorwerfen, nicht das allermeiste aus den Figuren rausgeholt zu haben. Erstmals wird aber auch mehr als eindeutig, dass Dumbledore von Grindelwald nicht nur fasziniert war, sondern sich auch in ihn verliebt hat. Dumbledores sexuelle Orientierung war aber auch schon lange vor den Filmen ein Thema, was man hier relativ behutsam, ohne aufgezwungen zu wirken, in die neuen Filme mit aufgenommen hat. Das größte Problem des Films selbst bleibt Grindelwald. Er bleibt blass, tritt kaum in Erscheinung. Warum wird Grindelwald so gefürchtet? Wir haben es hier mit einem der gefährlichsten dunklen Magier der Neuzeit zu tun und der Film selbst betitelt sich ja auch noch "Die Verbrechen von Grindelwald". Doch nur selten wirkt Johnny Depp als finsterer Zauberer furchteinflößend, wirkt mit seinen wasserstoffblonden Haaren und den verschiedenen Augenfarben eher befremdlich als böse.

Wie schon erwähnt verliert der Film sich in zu viele Sub-Plots. Natürlich baut man hier die Beziehung von Jacob und Queenie weiter aus, die hier zu einem tragischen Höhepunkt zum Ende des Films wird. In Vergessenheit gerät hier praktisch die komplette Charakterentwicklung von Credence, den man ja auch noch irgendwie im Film unterbringen musste und der dann irgendwie nach Teil 1 in Paris bei einer Zirkustruppe gelandet ist und sich, aus heiterem Himmel, mit einem Schlangenmaledictus namens Nagini angefreundet hat, die ebenfalls von dieser magischen Zirkustruppe als Attraktion missbraucht wird. Und hier muss man keine Bauklötzchen zählen um zu wissen, dass diese attraktive junge Frau einmal die Weggefährtin eines anderen, noch einmal deutlich gefährlichen dunklen Magiers, werden wird. Ein Charakter, der hier ebenfalls relevant und prominent aufgebaut wird, nur um in Teil 3 keinerlei Erwähnung mehr zu finden. Doch Credence ist das größere Problem. Was hat Rowling nur mit dem Jungen, hier gespielt von des in Kontroversen geratenen Ezra Miller, vor? Irgendwie muss man diese Figur doch sinnvoll in diese verstrickte Geschichte mit zu vielen Charakteren einbauen können. Und vielleicht haben J.K. Rowling und die Drehbuchautoren eine Lehrstunde bei J.J. Abrams (auch ein Zauberer, der gerne mit billigen Tricks arbeitet, um uns zu verzaubern, nur um von eigentlichen Schwächen abzulenken) genommen. Wenn Abrams aus Rey eine Palpatine machen kann, dann kann Rowling aus Credence auch einen Dumbledore machen. Als es Grindelwald endlich gelingt, das Vertrauen von Credence zu erlangen, offenbart dieser ihm in einem österreichischen Märchenschloss, Aurelius Dumbledore zu sein. Was hier nach einer geschickten Lüge und Manipulation seitens Grindelwald klingt, erweist sich im dritten Teil leider als ideenlose Realität.

Und irgendwo ist auch noch Newt am Start. Aber dessen Rolle ist in dem Film kaum von Bedeutung. Zwar möchte man seine Kindheitsfreundin Leta irgendwie als Love-Interest für ihn aufbauen (obwohl diese mit Newts Bruder Theseus verlobt ist und Newt eigentlich unsterblich in Tina, Queenies Schwester, verliebt ist), aber auch das will nicht so recht gelingen. Unter all den vielen Charakteren, die man größtenteils neu eingebaut hat, geht Newt irgendwie unter. Die Autoren wissen im gesamten Film nicht viel mit ihm anzufangen, obwohl er durchgehend präsent ist. Der Showdown, der mit einigen Überraschungen und dem Tod von Leta endet (den ihr Verlobter Theseus in Teil 3 schon wieder vergessen hat), verpufft beinahe als laues Lüftchen. Wurde in Teil 1 noch ein großes Spektakel zum Ende hin geboten, schwächelt Grindelwalds Verbrechen hier schon lange, bevor die Namen im Abspann über die Leinwand laufen.

Doch jetzt, wo Dumbledore endlich an das Objekt für den Blutschwur gekommen ist und diesen endlich brechen kann, steht einem epischen Kampf im dritten Film nichts mehr im Wege, oder? Oder?



Phantastische Tierwesen: Dumbledores Geheimnisse


Zeitlich ist der Film mittlerweile im Jahr 1932 angekommen, es ist also wirklich viel Zeit seit den Ereignissen des zweiten Teils vergangen. Dumbledores Geheimnisse wirft den Zuschauer relativ schonungslos in die Geschichte, indem wir mit ansehen müssen, wie ein mystisches chinesisches Wesen namens Qilin zwei Jungtiere gebärt und Newt aus genau diesem Anlass China besucht. Doch die Szene wird durch das auftauchen von Credence, der nur komplett Grindelwald verfallen ist, sowie seinen Schergen in ein Blutbad verwandelt, als die Mutter der Jungtiere ermordet wird und eines der Qilin-Babys von Credence entführt wird. Newt entdeckt bei der sterbenden Mutter aber, dass diese tatsächlich Zwillinge zur Welt gebracht hat. Hier darf dann in einer rührenden Szene auch endlich mal wieder Newt glänzen, der, nach wie vor, richtig gelungen von Eddie Redmayne gespielt wird. Die Qilin-Jungtiere werden zu einem wichtigen Plot-Device für so ziemlich den gesamten Film. Daher darf sich der Zuschauer dann auch drauf freuen, wenn Grindelwald, mittlerweile gespielt von Mads Mikkelsen, das gekidnappte Jungtier umbringt und später zu einem Zombie verzaubert. Das alles wird überraschend grafisch dargestellt, verfehlt seine Wirkung nicht und hätte ich, ehrlich gesagt, nicht gebraucht. Doch hier wird erstmals untermauert, wie skrupellos Grindelwald ist, auch, wenn seine Motivationen weiterhin schwer für uns greifbar sind, da die Filme ihn einfach nicht überzeugend aufgebaut haben. Mads Mikkelsen ist und bleibt für mich einer der herausragendsten Darsteller, die wir hier in Europa haben. In den großen Big Budget Produktionen verheizt man Mads Mikkelsen gerne als stereotypischen Bösewicht (Ausnahme ist hier noch Le Chiffre in Casino Royale, wo der Däne eine erinnerungswürdige Performance abgeliefert hat). Bei Dumbledores Geheimnisse durfte er sich etwas mehr entfalten, aber viel mehr als "Spiel ein bisschen die Rolle so, wie du Hannibal Lecter damals gespielt hast aber bitte als PG-13 Version" dürfte es als Regieanweisungen auf nicht gegeben haben. Ja, Mads Mikkelsen verleiht dem Charakter deutlich mehr Tiefe als Johnny Depp dazu in der Lage war. Auch wirkt Grindelwald gerissener und furchteinflößender, als es noch im Vorgänger der Fall war. Aber man darf sich auch hier keine Illusionen machen, die Beweggründe für Grindelwalds Handlungen sind schwer greifbar und die komplette Beziehung zu Dumbledore hat man auch nie ordentlich aufgebaut. Da helfen kleine Mini-Montagen aus der Jugend beider mächtiger Zauberer auch nicht weiter. Alleine daraus hätte man vermutlich eine Mini-Serie machen können. Aber die Probleme hatten bereits die Harry Potter Filme, wichtige Schlüsselmomente aus dem Buch, massiv wichtige Kapitel also, zu kleinen Mini-Montagen umzubauen.

Doch davon abgesehen hat mich die erste Filmhälfte ziemlich begeistert. Besonders in dem Moment, als es für die Charaktere nach  nach Berlin ging (wo dann auch Oliver Masucci als ICW-Obermotz Anton Vogel in Erscheinung tritt), war ich ein wenig an einen echten Spielberg-Blockbuster (als er noch solche gemacht hat) erinnert. Alles im Film ist pompös in Szene gesetzt und man bekommt auch mal einen besseren Einblick auf das Innenleben der Magiewelt. Zumindest etwas mehr, als man es bei Newts Abenteuer in den USA geschafft hat, uns diese Welt außerhalb von Hogwarts mal näher zu bringen. Das war ne lange Zeit gutes, solides Blockbuster-Kino. Doch ich wurde hier, ohne es zu merken, verzaubert. Nicht von J.J. Abrams sondern von J.K. Rowling und David Yates Ich habe mich von der Optik und Inszenierung ködern lassen. Was in Wahrheit nur darüber hinwegtäuschen soll, dass der Film eigentlich keine wirkliche Story, einen Plot, interessante Charaktere und ein echtes Ziel besitzt. Aber wir können uns ja noch immer auf einen epischen Showdown zwischen Dumbledore und Grindelwald freuen.

Am meisten Charakterentwicklung ist einmal mehr von Jacob zu sehen. Der einstige Comic-Relief-Charakter formt sich immer weiter zu einem heimlichen Helden. Dumbledores Pläne, die Charaktere durch die Weltgeschichte zu schicken ergeben keinen Sinn mit Ausnahme der geklonten Koffer, nehmen aber einen großen Platz der Handlung ein. Irgendwo will man dann auch noch die Brücke zwischen Albus und seinem Bruder Aberforth (der hier richtig gut von Richard Coyle gespielt wird) schlagen, ein Verhältnis, welches sich im letzten Harry Potter Buch und Film als deutlich kompliziert erwies. Aber kaum etwas davon wird irgendwie befriedigend oder zufriedenstellend in Szene gesetzt oder aufgelöst. Der Film wirkt besonders in den Szenen zwischen den beiden Dumbledore-Brüdern, als würden ganze Handlungsstränge fehlen, einfach aus dem Film geschnitten sein und es gibt diesmal keine Bücher, wo man diese verlorenen Handlungsstränge nachschlagen kann.

Und somit steuert der Film dann auch schon auf den Höhepunkt in Butan zu, wo sich unglaubliche Dinge ereignen. Grindelwald wurde von Anton Vogel in allen ihm zur Last gelegten Verbrechen frei gesprochen. Damit kommt Grindelwald seinem Ziel näher und kann nun selbst für den Vorsitz im ICW kandidieren. Leider wird dem Zuschauer ein detailreicherer Einblick in die politischen Machtverhältnisse der Magiewelt verwehrt, so, dass es ziemlich schwer für uns greifbar ist, wie diese Wahl genau abläuft und wie viel Macht dieser Vorsitzende bei seiner Ernennung dann tatsächlich auch besitzt. Da kommt dann das Qilin ins Spiel, was über magische Vorhersehung verfügt. Das Qilin entscheidet darüber, wer dieses Amt bekleiden darf. So verbeugt sich das Geschöpf vor der reinsten anwesenden Person, etwas, wie wir vorher im Film von Lally erklärt bekommen, ein äußerst seltenes Ereignis ist und schon lange nicht mehr passiert ist. Was den Ereignissen im Finale widerspricht. Niemand der Anwesenden wäre so rein, dass sich ein Qilin vor ihnen verbeugen würde. Zumindest habe ich das so verstanden, aber, wie erwähnt, die Filme haben sich nie besonders Mühe gegeben, irgendwas genauer zu erklären und hier haben wir kein 800 Seiten dickes Buch von Rowling, die diesen Details mehrere Kapitel widmen können. Hier kommt dann das geopferte Qilin von Grindelwald wieder zurück in die Handlung, welches er kurz vorher durch dunklen Zauber zurück ins Leben geholt, obwohl das Geschöpf nur noch eine leblose, manipulierte Hülle ist, die nach Grindelwalds Willen agiert. Er hat es von Anfang an so geplant und dafür brauchte er das magische Geschöpf.

In Butan fliegt der Schwindel dann aber überraschend schnell auf und Grindelwald und der korrupte Anton Vogel fliegen auf, als die Zwillingschwester des Qilin aus Newts Koffer gehüpft kommt (ich werde nun nicht auf das komplizierte Verwirrspiel mit den Koffern eingehen). Die Wahl wird wiederholt und dann tut das Qilin etwas, was absolut keinen Sinn ergibt und verbeugt sich vor Dumbledore. Da hätte ich es dem Film noch eher abgekauft, dass es sich vor den einzigen beiden wirklich reinen Seelen verbeugt, was entweder Newt oder Jacob wären. Jeder andere, erst recht Dumbledore und die Magie-Politiker, haben erstaunlich viel Dreck am stecken oder dunkle Geheimnisse. Alleine Dumbledores mehr als fragwürdige Vergangenheit in der Jugend mit Grindelwald würden ihn komplett diskqualifizieren, dass ein so magisches, heiliges Geschöpf ihn auswählen würde.

Aber das spielt ja auch keine Rolle, denn nun werden sich Dumbledore und Grindelwald endlich in einem längst überfälligen Kampf duellieren. Aber diesen Kampf gibt es nicht. Es gibt erneut eine Mini-Montage, die ein paar Sekunden andauert und es gibt einen kurzen Schlagabtausch der beiden mächtigen Zauberer.

Und Credence? Ja, der taucht auch noch auf und bestätigt noch einmal, dass Grindelwald alle hinter's Licht geführt hat. Irgendwie verkauft man uns dann auch noch, dass Credence, nun bekannt als Aurelius Dumbledore, der einzige Sohn von Aberforth Dumbledore ist, was dieser anscheinend schon lange wusste aber es ihn einfach nicht..... interessierte? Teil 2 hat hier irgendwas versucht aufzubauen, vielleicht müsste ich den Film noch einmal schauen, um dahinter zu kommen.

Je länger der Film andauerte, desto mehr verwandelte dieser sich in eine narrative Vollkatastrophe. Dass nach diesem erzählerischen Offenbarungseid bei einer Geschichte, die eigentlich eine menge Potential besitzt, die Leute hier nicht mehr nach zwei weiteren Fortsetzungen schreien, dürfte auch klar sein. Einen finalen Showdown zwischen Dumbledore und Grindelwald hat man wohl für einen weiteren Teil geplant. Somit enden Dumbledores Geheimnisse erneut, wie der Vorgänger, als Knallfrosch.

Am Ende kommt dann wenigstens die Main-Storyline zu einem glücklichen Ende. Jacob und Queenie finden endlich zueinander und heiraten. Tina, die man größtenteils aus dem Film geschrieben hat und man in den letzten Minuten von Teil 3 nochmal hergezaubert hat, ignoriert den vor sich dahin schmachtenden Newt fast komplett und somit geht auch die eigentlich ganz süße Beziehung, die sich in Teil 1 und Teil 2 anbahnte, den Bach hinunter.


Alle 3 Filme stehen sinnbildlich dafür, wofür viele neue Filme stehen, die auf mehrere Teile ausgelegt sind: Eine klare Vision und Richtung, in die eine Geschichte verläuft. Die gesamte Trilogie baut Plots auf, die zu nichts führen, führt Charaktere ein, die kurze Zeit später keine Rolle mehr spielen und baut Schicksale auf, die ebenfalls in zahlreiche Plot-Sackgassen führen. Die Rechnung wird am Ende gezahlt. Warner ist es nicht zu verübeln, die Reihe nicht fortzuführen. Und ich halte es für unwahrscheinlich, dass das je der Fall sein wird. Je nachdem, wie gut sich Rowlings Wizarding World als TV-Serie macht mit Harry Potter, könnte noch Hoffnung bestehen, die einstigen Ideen für die verbliebenen zwei Filme zu Phantastische Tierwesen irgendwie in einer TV-Serien, vielleicht einem Spin-Off, unterzubringen. Aber all zu große Hoffnungen sollte man sich da nicht machen. Die Chance hat man dann vielleicht auch bereits in insgesamt 3 Filmen sensationell verspielt.

Sonntag, 24. November 2024

Gladiator II parodiert die Zuschauer

 





Gladiator II

Regie: Ridley Scott
Darsteller: Paul Mescal, Denzel Washington, Pedro Pascal, Joseph Quinn, Connie Nielsen
Genre: Monumentalfilm, Sandalenfilm
FSK: 16


Diese Filmbesprechung könnte potentielle Spoiler zu den Filmen Gladiator und Gladiator II beinhalten.


Wenn es ein Film schafft, mich noch einmal kurz aus dem Blogger-Ruhestand zu holen, dann müssen die Alarmglocken aber schrillen. Und sie schrillen in diesem Falle lauter, als ich es für möglich gehalten hätte. Ich hatte schon bei der ersten offiziellen Ankündigung von Gladiator II kein gutes Gefühl. Den Reveal-Trailer mit der furchtbaren Musik brandmarkte ich als "Gladiator für die Gen-Z". Zudem wirkten die gezeigten Szenen, als ob man hier einfach nur noch einmal das Original neu verfilmen wollte. Doch solche Promo-Trailer wollen meistens genau darauf abzielen. Und es ging ja auch schon einmal gut, nämlich mit Blade Runner. Legendärer Streifen von Ridley Scott, benötigte keine Fortsetzung, aber bekam mit Blade Runner 2049 eine. Es war die Fortsetzung, die eigentlich keiner brauchte aber vom Kanadier Denis Villeneuve so herausragend gut umgesetzt wurde, dass diese sehr eigenständige Fortsetzung sich zu den besten Filmen mauserte, die ich seit seinem Release im Jahr 2017 gesehen habe. Der Unterschied zu Gladiator II: Hier war Ridley Scott wieder selbst am Werk (selbst von Alien lässt er mittlerweile die Finger und überließ bei Romulus Fede Álvarez das Ruder, was zwar in keinen kreativen, dafür aber unterhaltsamen Film mündete). Was beim kontroversen Prometheus für mich damals noch wundervoll geklappt hat (der Film ist nämlich keine 1:1 Kopie von Alien), ging dann mit Alien: Covenant schon wieder in die Hose. Erste Stimmen wurden lauter, der Altmeister hätte allmählich seinen Zenit überschritten. Obwohl die britische Regielegende langsam auf die 90 zugeht, scheint er dies noch nicht so zu sehen. Zugegeben, Scott sieht fit aus und wirkt sicherlich nicht wie ein Mann, der das Alter des Ruhestands schon mehrfach überschritten hat. Neuere Filme wie The Last Duel, House of Gucci und auch Napoleon habe ich mir gar nicht erst angesehen, obwohl besonders The Last Duel noch auf meiner Liste steht und als "sehenswert" gilt.

Und nun ist es also passiert, nach langem hin und her und einem verworfenem Drehbuch von Nick Cave, da könnte man beinahe schon sagen, Gladiator II habe sich 20 Jahre in der Entwicklung befunden. Und vielleicht wird sich der ein oder andere doch noch ärgern, dass das abenteuerliche Drehbuch von Nick Cave nie umgesetzt wurde. Denn es wäre allemal "unterhaltsamer" geworden als das, was wir nun mit der legitimen Fortsetzung bekommen haben.



Gladiator (2000)

Wir schreiben das Jahr 2000. Gladiator kommt in die Kinos. Ridley Scott ist 62 Jahre alt und sein letzter bekannter Film (Die Akte Jane) war ein kolossaler Flop. Scott war nicht unbedingt für epische Filme, ganz zu schweigen dem toten Genre rund um die Sandalenfilme, bekannt. Mit Alien und Blade Runner lieferte der Brite stattdessen herausragende Science-Fiction Filme ab. Doch Gladiator traf ins Schwarze. Das blutige R-Rated Epos um einen in Ungnade gefallenen römischen Kriegstribun spielte am Box Office weltweit Millionen ein, räume zahlreiche Oscars ab und katapultierte Schauspieler wie Russell Crowe und Joaquin Phoenix in den Olymp von Hollywood und reaktivierte zeitgleich die Karriere von Ridley Scott als einen gefragten Regisseur, der danach zahlreiche hochkarätige Projekte übernehmen sollte. Im Heimkino entwickelte sich Gladiator zu einem noch größeren Erfolg. Aus historischer Sicht machte man nie einen Hehl daraus, dass man hier lediglich etwas an der Oberfläche kratzte. Doch es war ein epischer Film mit herausragenden Darstellern (darunter ein begnadeter Richard Harris in eine seiner letzten großen Rollen), erinnerungsträchtigen Dialogen und Szenen, bildgewaltig und doch von einer blutigen Eleganz überzogen, die nur noch durch den einprägsamen Soundtrack von Hans Zimmer garniert werden mussten. Das neue Jahrtausend begann Hollywood mit einem Blockbuster-Höhepunkt.

Ein paar Monate nach dem Heimkino-Release erwarb ich als hoffnungsvoller Jugendlicher von 14 Jahren, der den Film offiziell noch gar nicht sehen durfte, die DVD. Zu diesem Zeitpunkt wusste ich noch nicht, dass Ridley Scott für zwei meiner späteren Lieblingsfilme verantwortlich war, nämlich Alien und Blade Runner. Und ich kann mich noch genau so lebhaft dran erinnern, wie überwältigt ich von Gladiator damals war. In Sachen Bildgewalt hatte ich noch nichts beeindruckenderes gesehen und Gladiator hinterließ bis heute einen bleibenden Eindruck bei mir. Ein Film, der sicherlich keine Fortsetzung benötigte, da das meisterhaft in Szene gesetzte Finale alles erzählt hat, was es zu erzählen gab. Ein moderner Filmklassiker.



Gladiator II (2024)

Es ist November, es ist furchtbar kalt, dunkel und trostlos draußen. Gladiator II kam nach längerer Entwicklungshölle endlich in die Kinos. Ridley Scott ist mittlerweile 86 Jahre alt. Ich hingegen werde in wenigen Monaten 38, blicke kurz auf mein noch so hoffnungsvolles Ich mit 14 zurück und resümiere im Kinosaal mit einem überteuerten Kinobier über ein Leben, welches nicht so glatt verlaufen ist, wie sich mein noch unwissendes Teenager-Ich es sich damals vorgestellt hat. Doch viel Zeit zum resümieren bleibt nicht, denn durch besonderes Sponsoring benötigt das Kino nicht so viel Filmwerbung und der Film geht zügig los. Gladiator II beginnt mit einer Schlacht, als die Römer mit ihrem Kriegshelden Marcus Arcacius (Pedro Pascal) in Numidien einmarschieren. Mehr als 16 Jahre sind seit dem Tod von Marcus Aurelius vergangen. Mit ihm ist auch der "Traum von Rom" gestorben (seid darauf gefasst, dass ihr mit den Worten "Rom" und "Traum" in euren Köpfen, nachdem ihr Gladiator II gesehen habt, einschlafen werdet). Das römische Reich befindet sich im Chaos und wird durch die zwei jungen Zwillingsherrscher Geta und Caracalla tyrannisiert. Die Bemühungen und letzten Worte des Maximus Decimus Meridius, Rom wieder der Demokratie zu überlassen, anscheinend dahin. Der mittlerweile erwachsene Sohn von Maximus, Lucius (Paul Mescal), von seiner Mutter Lucilla (Connie Nielsen) zu seinem Schutz aus Rom fortgeschickt, lebt unter dem falschen Name Hanno in Numidien und kämpft gemeinsam mit seiner Frau für die dortige Armee zum Erhalt der Unabhängigkeit der Stadt, die von den Römern unterworfen werden soll. Wie gut oder schlecht das ausgeht müsst ihr selbst erfahren oder, macht es euch ganz einfach, schaut euch den ersten Teil an, denn rund 2 Stunden wird nun noch einmal die Geschichte des Vorgängers erzählt. Von dessen erzählerischem Glanz und einprägsamen Charakteren ist nur nicht mehr viel übrig geblieben.

Ridley Scott selbst ist für klare Worte bekannt. Mit britischer Nüchternheit erklärte er im Vorwort zum Extended Cut von Gladiator damals, dass diese neue Filmfassung nicht seine bevorzugte Fassung ist und auch kein Director's Cut sei, der Director's Cut existiere aber und sei die Kinofassung. Mutig von Universal damals, dies so stehen zu lassen. Eine erweiterte Filmfassung, die der Regisseur sachlich, aber offen im Vorwort der neuen DVD kritisiert. In einem noch recht frischen Interview zu Gladiator II machte Scott hingegen keinen Hehl daraus, wieso der neue Film entstanden ist. Die kurze Erklärung würde man bei einem bekannten Song der schwedischen Band ABBA finden. Aber da wir hier gerne ausufern: Man sei sich der großen Popularität des Erstlings immer wieder bewusst geworden und wolle mit dem Sequel einen ähnlichen kommerziellen Hit erreichen. Vielleicht sogar ein Gladiator-Franchise? Scott stellte diesmal sogar selbst einen Extended Cut zum zweiten Teil in Aussicht, genau wie einen dritten Teil und stellte hier sogar Vergleiche zum Paten auf. Gladiator als Geldmaschine. Der Weg dahin ist geebnet, auch wenn Gladiator II gegen Wicked (immerhin ein Familienfilm mit deutlich größerer Reichweite als ein R-Rated-Epos) am Box Office keine Chance hat, so stellt das Opening-Weekend von Gladiator II aktuell den erfolgreichsten Release eines Films von Ridley Scott dar.

Während ich im letzten Absatz viel über Zahlen gesprochen habe, ist der Film aber selbst eine Nullnummer. Circa 70% des Films sind eine reine Nacherzählung des Originals. Dialoge, sogar komplette Szenen wurden größtenteils 1:1 nachgestellt. Das Star-Aufgebot an aufstrebenden Hollywoodstars und Veteranen wirkt wild zusammengewürfelt. Paul Mescal mit seinem Astralkörper hat eine Mimik, die den Anschein erweckt, als hätte er täglich vor Drehbeginn einen Zwischenstopp beim lokalen Weed-Store eingelegt. Dabei ist Paul Mescal trotz seiner schläfrigen Attitüde nicht das Problem des Films, glänzen kann dieser aber auch nicht und für einen Russell Crowe zu seinen Bestzeiten verbitten sich hier sämtliche Vergleiche. Pedro Pascal als müder Kriegstribun von Rom wirkt nicht nur in seiner Rolle müde, er wirkt auch an sich ausgezehrt von seiner Hollywood-Odyssee und den unzähligen Rollen, für die er zuletzt gecastet wurde. Die Rolle von Mescal und Pascal ergeben kombiniert ungefähr die Rolle des Maximus, oder zumindest so ähnlich hat man sich das anscheinend vorgestellt. Der sympathische Joseph Quinn (bekannt als Eddie Munson aus der immer noch aktuellen Stranger Things Staffel) als Imperator Geta ist sichtlich bemüht, nicht Joaquin Phoenix' Darbietung als Commodus aus dem Original zu kopieren, aber was kann Quinn schon ausrichten, wenn das Drehbuch ihn praktisch dazu verdammt, die gleiche Rolle zu spielen? Hier gab es für den aufstrebenden Darsteller relativ wenig Spielraum, sich zu entfalten und der Figur seinen eigenen Stempel aufzudrücken. Fast jeder einzelne Charakter in Gladiator II ist ein fragiles Gebilde, welches auf ikonischen Charakteren basiert, die der erste Teil etabliert hat. Sie wirken wie Abziehbildchen ohne eigenen Background.

Bleiben noch Veteranen wie die dänische Darstellerin Connie Nielsen, noch bekannt als tragische Figur aus Teil 1 sowie Denzel Washington. Nielsen wirkt trotz überraschend viel Screentime so, als wäre sie einzig und allein für den Gehaltsscheck am Set gewesen. Von ihr geht nichts aus, was man "Schauspiel" nennen könnte. Dafür geht Denzel Washington in seiner Rolle als farbiger Sklavenhändler umso mehr auf, was dem Film am Ende mehr schadet als nutzt. Washingtons Charakter Macrinus sprüht nicht vor Originalität und wirkt lange Zeit wie eine Kopie des Proximo (gespielt von dem großartigen Oliver Reed, der leider noch während der Dreharbeiten zum Erstling verstorben ist) mit einem Twist. Vorhin habe ich geschrieben, Gladiator II sei zu 70% eine Nacherzählung des ersten Teils. Doch die restlichen 30% versucht man, eine eigene Geschichte zu erzählen. Hier dachten sich die Autoren Scarpa und Craig, könne man Washingtons Charakter Macrinus noch zu einer Schlüsselfigur machen. Eine ganze Weile habe ich gedacht, hinter Macrinus stecke letztendlich ein gealterter Juba, im Originalfilm gespielt von Djimon Hounsou und in der letzten Szene zu sehen, was in der Tat ein zynischer und wirkungsvoller Twist gewesen wäre, das Original letztendlich aber noch mehr befleckt hätte. Der Original-Plot des Sequels, der letztendlich auf einen langweiligen, vorhersehbaren Showdown hinausläuft, reiht sich dann leider auch in die Ideenlosigkeiten des kompletten Films mit ein, obwohl man besonders aus den politischen Konflikte und der anschließenden Anarchie Roms gegen Ende des Films einiges hätte machen können, hätte man nicht die meiste Zeit damit verschwendet, Teil 1 nachzuerzählen und somit den letzten Abschnitt von Gladiator II völlig überhastet zu erzählen. Washingtons Charakter wirkt völlig überzeichnet und überspielt in einem Film, wo kein anderer Charakter wirklich glänzen kann. Vielleicht hätte die Rolle besser gepasst, wenn die Autoren in andere Charaktere nur halb so viel Aufwand gesteckt hätten. Somit wirkt Macrinus im Film völlig fehl am Platz. Wer eine ähnliche Performance von Denzel Washington sehen möchte, ist mit der modernen Interpretation zu Macbeth von Joel Coen deutlich besser bedient.

Was Scott sehr gut kann sind weiterhin epische Szenen. Doch auch hier kann der Film längst nicht so überzeugen wie es der Erstling tat. Zwar wirkte besonders der Einmarsch der Römer nach Numidien noch imposant, aber auch hier steckt im Gegensatz zu der Schlacht gegen die Germanen im ersten Teil wenig Wumms dahinter. Den Ausgang der Schlacht kann man ungefähr erahnen. Doch die Eröffnung des Films gehörte hier eindeutig noch zu den besseren Schlachtenszenen im Film, von denen es, zumindest gefühlt, auch deutlich zu wenige gibt bei einer Laufzeit von rund 150 Minuten, die größtenteils mit belanglosen, uninspirierten wie schlecht geschriebenen  Dialogen gefüllt wurden. Spätestens wenn die CGI-Paviane auftauchen, bekommt Gladiator II aber auch in dieser Hinsicht echte Probleme. Das sind miserable CGI-Effekte, wo ich mich die ganze Zeit frage, wieso das Studio für so etwas grünes Licht gibt. Wie so oft und im ganzen Film wirkt die Szene, als wolle man sich hier direkt an die Zuschauer rächen, sie mit so einem Schund regelrecht parodieren.
Das Set wirkt in Gladiator II deutlich limitierter und es machte die ganze Zeit den Anschein, als wolle man dies kompensieren, indem man sämtliche Szenen in der Post Production mit Effekten überladen hat. Die schönsten Szenen sind allerdings gelungen, wenn die Szenen nicht mit ebenjenen Effekten überladen sind und man echte Filmkulissen sieht. Da fallen mir besonders die abendlichen Szenen vor dem Kolosseum ein. Aber von diesen Aufnahmen gibt es leider viel zu wenige.

Beim Soundtrack übernahm Harry Gregson-Williams von Hans Zimmer. Hier war von vornherein damit zu rechnen, dass Gregson-Williams diese Klasse wohl unmöglich erreichen kann (und Zimmer diese Qualität wohl selbst nicht mehr erreichen würde). Ich kann über den Soundtrack kaum was positives oder negatives sagen, da der Score für mich praktisch nicht existent war. Im Hintergrund dudelte etwas und gelegentlich war mal ein Arrangement zu "Now We Are Free" zu hören. Doch hätte ein prägnanterer Soundtrack die Qualität des Films nochmal steigern können? Auch das bezweifle ich.



Fazit:

Wüsste man nicht, dass es echte Aufnahmen zu den Dreharbeiten gibt und ebenso echte Menschen an dem Film mitgewirkt haben, würde ich behaupten, eine Maschine wurde so lange mit dem Erstling gefüttert, bis diese Maschine das Script zu Gladiator II ausgespuckt hat (wobei natürlich durch den Autorenstreikt nicht auszuschließen ist, dass eine KI hier beim Writing mitgewirkt hat). Es fehlt dem Film zu jeder Sekunde an Seele und Passion. Er wirkt plastisch und künstlich, geißelt seine Zuschauer zudem alle paar Minuten mit peinlichen Referenzen zum Original und lutscht das Zitat mit "Irgendwas von Roms Traum" so dermaßen aus, als würde man eine Auster so lange schlürfen, bis sich nichts mehr in der Schale befindet. All den Charakteren im Film war es nicht vergönnt, eine eigene Identität oder Geschichte zu haben. Gladiator II wirkt von Minute 1 wie ein schlechtes Theaterstück, was ein großartiges Theaterstück vergebens versucht nachzuspielen. Gladiator II ist natürlich kein Einzelfall, diese seelenlosen Sequels serviert uns Disney zum Beispiel seit Jahren. Aber ich würde sogar noch so weit gehen und sagen, selbst ein Rise of Skywalker und Indiana Jones 5 bieten hier, so schlecht die Endprodukte auch sind, noch "irgendwas" an. Dass man mich dazu bekommen hat, so etwas mal zu sagen, hätte ich nicht mehr erwartet.

Das interessante an Gladiator II spielt sich außerhalb des Films ab. Er scheint trotz sämtlicher mauer Kritiken mit all seinen Dreistigkeiten durchzukommen. Und damit hätte Gladiator II sein Ziel auch schon erreicht. Traut man Scotts Worten, ist Gladiator II nur mit der Intention entstanden, den Zuschauern das Geld aus den Taschen zu ziehen. Jetzt kann man trocken sagen, dass das schon immer die Intention hinter Hollywood bzw. generell hinter der Filmproduktion war.  Aber hier muss ich zumindest etwas abwinken. Die Studios wollen natürlich ihr Return of Investment. Aber hinter Filmen steckt so oft auch Passion, Leidenschaft und Hingabe. Das sind alles Zutaten, unter denen zum Beispiel das Original entstanden ist. Sollte Ridley Scott ernst machen, könnte einem hier das nächste Franchise bevorstehen mit Sequels, Prequels und TV-Serien. Ein tatsächlich düsterer Trend. 
Den Traum von Rom wird man in Gladiator II sicherlich nicht finden, aber erst recht nicht findet man hier den Traum des Filmemachens.

Dienstag, 20. August 2024

Disney begräbt The Acolyte - Eine Grabesrede

 





The Acolyte
Plattform: Disney+
Showrunnerin: Leslye Headland
Darsteller: Lee Jung-jae, Amandla Stenberg, Manny Jacinto, Dafne Keen, Carrie-Anne Moss



Star Wars im Jahr 2024: In irgendeiner Galaxie voll von Young Adult, Fanfiction und schlechtem Writing angekommen


Dieser Artikel enthält Spoiler


In einen englischen Stew kommt viel rein. Manchmal möchte man gar nicht wissen, was sich in diesem Eintopf befindet. Im Falle von The Acolyte, der neusten Star Wars Serie, wird man wohl spätestens nach den 8 Folgen wissen, was da auf dem Feuer am köcheln ist. Showrunnerin Leslye Headland ist hier die Köchin und hat sparsam gekocht. Viel altes, aufgewärmtes ist in diesem Eintopf gelandet, viele unbekannte Zutaten und irgendwo ganz unten, da haben sich auch ein paar frische Zutaten versteckt. Doch bis der Gast diese in seinem Teller wiederfindet, ist die Brühe bereits kalt.

Ungefähr so verhält es sich mit The Acolyte, eine Serie, die in der High Republic angesiedelt ist, eigentlich von Frische und Ideenreichtum nur so strotzen müsste und praktisch auf ganzer Linie versagt, ohne dabei aber komplett für die Tonne zu sein. Ich würde The Acolyte am Ende immer noch über "The Rise of Skywalker" stellen, was vielleicht bei all der Kritik, die die Serie abbekommen hat (darauf gehe ich gleich noch etwas intensiver ein), eine kontroverse Sichtweise ist.

Der nachfolgende Texte war ursprünglich als Review der ersten und bereits letzten Staffel zu "The Acolyte" gedacht und mit komplett anderer Überschrift versehen. Aus zeitlichen Gründen konnte ich das Review nicht fertigstellen und die aktuellste Meldung um die Star Wars Serie sorgte dafür, dass das reine Review flach fällt und ich stattdessen noch einmal auf die Gründe für das scheitern von The Acolyte zurückblicken möchte. Denn vor einigen Stunden gab Disney etwas bekannt, was vielen unlängst klar war: Obwohl The Acolyte eindeutig auf mehrere Staffeln ausgelegt war, hat Disney die Serie nicht für eine zweite Staffel erneuert und bereits zu Grabe getragen. Es gab neben heftiger Kritik der Serie gegenüber aber auch einiges an Zuspruch, sogar eine Petition, die an Disney appellieren sollte, The Acolyte um eine weitere Staffel zu verlängern. Die Entscheidung von Disney ist gefallen und das gegen The Acolyte; nach nur einer Staffel (8 Episoden) ist Schluss. Ob die Serie eine Höchststrafe wie Willow erwarten könnte und in absehbarer Zeit vom Streamingdienst Disney+ verbannt wird, bleibt abzuwarten.

Doch die Gründe, wieso The Acolyte gescheitert ist, sind vielzählig. Vielleicht muss man wirklich nur nach Willow schauen, um sich all zu große Analysen zu ersparen. Denn die Probleme von The Acolyte sind hausgemacht. Die um die 100 Millionen Dollar teure Serie von Leslye Headland vermeldete bereits im Vorfeld immer wieder Verzögerungen bei der Produktion. Die Dreharbeiten waren anscheinend kraftraubend, weshalb die Showrunnerin sich auch eine Auszeit gönnte. Diese gab sich aber kämpferisch und bestätigte nicht nur, sie hätte bereits viele Ideen für eine zweite Staffel sondern wäre auch an einer Serienumsetzung aus der Old Republic interessiert. Dass Headland je noch einmal Hand an Star Wars anlegen wird ist noch unwahrscheinlicher, als wenn Kathleen Kennedy noch einmal Rian Johnson (Regie: Die letzten Jedi) zurück zum Franchise bitten würde.


Kaum frische Ideen


Die High Republic dürfte besonders für lesefreudige Star Wars Fans einiges zu bieten haben und mit politischen Intrigen, neuen Bösewichten wie den Nihil sowie eine ebenfalls neue Sichtweise auf den Orden der Jedi zu der Hochzeit ihrer Macht, die Vorfreude auf den Ausbau des Multimediaprojekts erhöht haben. Dass sich The Acolyte nun so weit von den Romanen abkapselt und wieder einmal größtenteils nur das aufwärmt, was die vergangenen Filme etabliert haben, dies dürfte die wohl größte Enttäuschung sein, die diese Staffel mitgebracht hat. Genau genommen taten Headland und ihr Team nichts anderes, als die Geschichte von Episode I-III nochmal neu zu erzählen. Dies garnierte man ein wenig mit dem Stil von Kurosawa (Headland erwähnte mehrmals "Rashomon" als Inspiration), der zumindest narrativ die Serie noch etwas hervorheben konnte, bevor sie in völliger Ideenlosigkeit zu versinken drohte. Die Twists in der Serie wittert man aus meilenweiter Entfernung. Niemand dürfte beim Face-Reveal des Sith noch überrascht gewesen sein. Und jeder, der auch nur etwas mit dem Schicksal von Anakin Skywalker vertraut ist, weiß, wie die Geschichte der Zwillinge, insbesondere aber von Osha, ausgehen wird. Dass sich Headland hier wirklich dazu herabgelassen hat, die Geschichte des kleinen Ani auf ihre Serie und ihre eigenen Charaktere anzuwenden, darf daran zweifeln lassen, ob sie jemals eigene Ideen besaß, wo sie angeblich doch unzählige Ideen für Star Wars Serien hatte. Auch viele andere Elemente der Serie und etliche Charaktere besitzen keine eigene Identität, Jedi-Meister Sol (ausgesprochen wird es wie die südkoreanische Hauptstadt und verkörpert wird dieser von Squid Game Star und bekennender Star Wars Fan Lee Jun-jae) könnte dabei glatt eine High Republic Kopie von Qui-Gon Jinn sein. Der fremde, namenlose Sith hingegen wirkt wie eine etwas selbstbewusstere Variante von Kylo Ren aka Ben Solo. Dem Team stand hier ein komplett neues, unverbrauchtes Universum bevor, stattdessen lies man dieses Potential völlig ungenutzt. Somit bleibt Andor weiterhin die einzige Star Wars Serie, die sich trotz eher verhaltener Viewzahlen traute, keine ausgelutschten Plots und Charaktere zu melken.


Kein wirkliches Konzept


Trotz einiger Lichtblicke und den recht gut inszenierten Episoden 4 und 5 ist ein wirkliches Serienkonzept bei The Acolyte nie zu erkennen gewesen. Das Schicksal der Charaktere schien vorherbestimmt zu sein, bevor man sie näher kennenlernen durfte. An den Schauspielern lag es nicht wirklich, auch, wenn besonders das hölzerne Schauspiel von Amandla Stenberg in den ersten Episoden negativ aufgefallen ist. Dies dürfte aber besonders an der völlig sinnbefreiten Idee gelegen haben, die junge Schauspielerin mit einer Doppelrolle zu belasten, die am Ende für die Serie mehr Fluch als Segen war und sowieso zu nichts führte. Zahlreiche interessant anmutende Charaktere wie die von der legendären Carrie-Anne Moss gespielte Jedi-Meisterin Indara und die von Dafne Keen gespielte Padawan Jecki Lon wurden hingegen verheizt. Der von Manny Jacinto gespielte Sith brachte einiges an Potential mit, durch das absetzen der Serie werden wir aber nie erfahren, wie es in seinem Charakter-Arc noch weitergegangen wäre - oder könnte. Es wäre kein Ding der Unmöglichkeit für Disney, einige potentiell interessante Handlungsstränge in eine Nachfolgeserie einzubauen. Der von Lee Jung-Jae gespielte Jedi-Meister Sol basiert zumindest auf einem Konzept, was durchaus in die Anfänge von Star Wars zurückgeht. So sollte es bereits im allerersten Film einen asiatischen Jedi-Meister geben und die erste Wahl für die Rolle des Obi-Wan Kenobi fiel ursprünglich auf den Japaner Toshirō Mifune (hier schließt sich der Kreis, Mifune spielte die Hauptrolle in Rashomon). Doch auch Jedi-Meister Sol wird leider durch wenig interessantes Writing eher von einem potentiell interessanten Charakter zu einem MacGuffin degradiert, der am Ende für einen weiteren, vorhersehbaren Twist geopfert wird.

Headland plante hier wohl Agatha Christie meets Rashomon. Eine Murder-Mystery im Weltall rund um die Verschwörung einiger Jedi, die aus verschiedenen Perspektiven erzählt wird. Auf dem Papier mag das durchaus spannend klingen, die Umsetzung selbst hingegen ist genau so kreativ wie einen Wookie-Jedi einzubauen und ihn ohne Lichtschwertkampf Off-Screen sterben zu lassen.


Weitere Staffeln wären nur ein verlängerter Prolog zur Prequel-Trilogie gewesen


Man muss kein nerdiger Star Wars Analyst sein, um sich die Geschichte von The Acolyte weiterzuspinnen. Zwar gab Headland meines Wissens keinen Ausblick auf ihre weiteren Ideen, aber da gleich drei Charaktere aus der Prequel-Trilogie in der Serie vorkommen, kann man wohl absehen, wohin die Reise gegangen wäre. Besonders der für wenige Frames im Bild erscheinende Darth Plagueis, der in The Acolyte seinen ersten offiziellen Auftritt feierte, lässt eher schlimmeres als Vorfreude erahnen. In Staffel 3 oder 4 hätte sich The Acolyte vielleicht zu einer Palpatine Prequel-Story entwickelt und Disney hätte erneut bewiesen, dass sie ohne die Skywalkers, Yoda, den Imperator und wie sie nicht alle heißen, auskommen. Dabei blitzt besonders die Eigenständigkeit von The Acolyte halt auch immer mal wieder auf. Auch hier bekommt man einen doch relativ unverbrauchten Einblick in die Verschlagenheit der Jedi, die teilweise mit einer unnahbaren Arroganz zu Werke gehen. Auch der Einblick in fremde Kulturen und Gepflogenheiten war sonst immer nur Star Trek vorbehalten, während Star Wars diesen World Building Aspekt häufig komplett ignorierte und in The Acolyte deutlich mehr Beachtung findet (und wir trotzdem am Ende nicht schlauer sind, wer die Hexen nun waren).

Doch all das war letztendlich zu wenig, um The Acolyte zu einer eigenständigen Existenz im Star War Universum zu machen.


Was ist am Ende geblieben?


Am Ende ist nicht viel mehr geblieben als eine Idee, die entweder zu ambitioniert war oder einfach auch nie mehr Potential zu etwas größerem hatte. Ein paar gut choreographierte Kämpfe, etwas frische Lore und ein paar neue Facetten der Jedi trösten nicht über das hinweg, was The Acolyte rund 8 Folgen hauptberuflich macht. Und das ist nichts weiter, als die Zuschauer noch einmal mit alten Kamellen zu bewerfen. Und somit entpuppte sich The Acolyte doch als eine weitere Sackgasse für das Star Wars Franchise. Gefangen in seiner eigenen Nostalgiespirale, obwohl man so gerne neue Galaxien bereisen möchte. Ob man Headland alleine diesen Misserfolg zuschreiben kann, kann man nicht so leicht beantworten, da so eine TV-Serie das Produkt vieler handelnder Personen ist. Doch sie hat sich oft genug eben in jenen Mittelpunkt gestellt in Interviews und ihr Name ist mehr als prominent im Abspann jeder Folge zu sehen. Genau wie bei Rian Johnson hat man der Showrunnerin wohl zu viele Freiheiten gelassen, ohne rechtzeitig wie bei Gareth Edward und Rogue einzugreifen, als das Projekt zu entgleisen drohte. Aber all das befindet sich natürlich komplett im Reich der Spekulationen.

Was für die Zuschauer bleibt ist, wie auch schon bei Willow zuvor oder zahlreichen Netflix-Serien, bei denen alle vorzeitig der Stecker gezogen wurde, nur mal wieder Zeitverschwendung und neuer Datenmüll. Ob Disney mit den etablierten Charakteren aus The Acolyte noch irgendwas vor hat, ist mindestens genau spekulativ zu betrachten wie das Thema, wer die Serie genau vor die Wand gefahren hat. Und somit steht Disney weiterhin vor einer Mammutaufgabe, eine neue, überzeugende Spielfilmtrilogie zu erschaffen. Ob die kommenden Projekte von Feige und Filoni Besserung mit sich bringen werden, was die allgemeine Qualität von Star Wars angeht, da sollte man nach The Acolyte mit extrem angepassten Erwartungen herangehen. Feiges Ambitionen dürften bei den neuen Avengers Filmen liegen, Filoni scheint sich bereits während der vergangenen Jahre mit seiner Arbeit an Star Wars ein wenig verbraucht zu haben. Bei The Acolyte hat Disney wieder einmal eine super Chance vertan, das Franchise auf sinnvolle Art weiterzuentwickeln.


Artikel verfasst von: Aufziehvogel