Archiv: Rezensionen zu Literatur und Film

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Dienstag, 20. August 2024

Disney begräbt The Acolyte - Eine Grabesrede

 





The Acolyte
Plattform: Disney+
Showrunnerin: Leslye Headland
Darsteller: Lee Jung-jae, Amandla Stenberg, Manny Jacinto, Dafne Keen, Carrie-Anne Moss



Star Wars im Jahr 2024: In irgendeiner Galaxie voll von Young Adult, Fanfiction und schlechtem Writing angekommen


Dieser Artikel enthält Spoiler


In einen englischen Stew kommt viel rein. Manchmal möchte man gar nicht wissen, was sich in diesem Eintopf befindet. Im Falle von The Acolyte, der neusten Star Wars Serie, wird man wohl spätestens nach den 8 Folgen wissen, was da auf dem Feuer am köcheln ist. Showrunnerin Leslye Headland ist hier die Köchin und hat sparsam gekocht. Viel altes, aufgewärmtes ist in diesem Eintopf gelandet, viele unbekannte Zutaten und irgendwo ganz unten, da haben sich auch ein paar frische Zutaten versteckt. Doch bis der Gast diese in seinem Teller wiederfindet, ist die Brühe bereits kalt.

Ungefähr so verhält es sich mit The Acolyte, eine Serie, die in der High Republic angesiedelt ist, eigentlich von Frische und Ideenreichtum nur so strotzen müsste und praktisch auf ganzer Linie versagt, ohne dabei aber komplett für die Tonne zu sein. Ich würde The Acolyte am Ende immer noch über "The Rise of Skywalker" stellen, was vielleicht bei all der Kritik, die die Serie abbekommen hat (darauf gehe ich gleich noch etwas intensiver ein), eine kontroverse Sichtweise ist.

Der nachfolgende Texte war ursprünglich als Review der ersten und bereits letzten Staffel zu "The Acolyte" gedacht und mit komplett anderer Überschrift versehen. Aus zeitlichen Gründen konnte ich das Review nicht fertigstellen und die aktuellste Meldung um die Star Wars Serie sorgte dafür, dass das reine Review flach fällt und ich stattdessen noch einmal auf die Gründe für das scheitern von The Acolyte zurückblicken möchte. Denn vor einigen Stunden gab Disney etwas bekannt, was vielen unlängst klar war: Obwohl The Acolyte eindeutig auf mehrere Staffeln ausgelegt war, hat Disney die Serie nicht für eine zweite Staffel erneuert und bereits zu Grabe getragen. Es gab neben heftiger Kritik der Serie gegenüber aber auch einiges an Zuspruch, sogar eine Petition, die an Disney appellieren sollte, The Acolyte um eine weitere Staffel zu verlängern. Die Entscheidung von Disney ist gefallen und das gegen The Acolyte; nach nur einer Staffel (8 Episoden) ist Schluss. Ob die Serie eine Höchststrafe wie Willow erwarten könnte und in absehbarer Zeit vom Streamingdienst Disney+ verbannt wird, bleibt abzuwarten.

Doch die Gründe, wieso The Acolyte gescheitert ist, sind vielzählig. Vielleicht muss man wirklich nur nach Willow schauen, um sich all zu große Analysen zu ersparen. Denn die Probleme von The Acolyte sind hausgemacht. Die um die 100 Millionen Dollar teure Serie von Leslye Headland vermeldete bereits im Vorfeld immer wieder Verzögerungen bei der Produktion. Die Dreharbeiten waren anscheinend kraftraubend, weshalb die Showrunnerin sich auch eine Auszeit gönnte. Diese gab sich aber kämpferisch und bestätigte nicht nur, sie hätte bereits viele Ideen für eine zweite Staffel sondern wäre auch an einer Serienumsetzung aus der Old Republic interessiert. Dass Headland je noch einmal Hand an Star Wars anlegen wird ist noch unwahrscheinlicher, als wenn Kathleen Kennedy noch einmal Rian Johnson (Regie: Die letzten Jedi) zurück zum Franchise bitten würde.


Kaum frische Ideen


Die High Republic dürfte besonders für lesefreudige Star Wars Fans einiges zu bieten haben und mit politischen Intrigen, neuen Bösewichten wie den Nihil sowie eine ebenfalls neue Sichtweise auf den Orden der Jedi zu der Hochzeit ihrer Macht, die Vorfreude auf den Ausbau des Multimediaprojekts erhöht haben. Dass sich The Acolyte nun so weit von den Romanen abkapselt und wieder einmal größtenteils nur das aufwärmt, was die vergangenen Filme etabliert haben, dies dürfte die wohl größte Enttäuschung sein, die diese Staffel mitgebracht hat. Genau genommen taten Headland und ihr Team nichts anderes, als die Geschichte von Episode I-III nochmal neu zu erzählen. Dies garnierte man ein wenig mit dem Stil von Kurosawa (Headland erwähnte mehrmals "Rashomon" als Inspiration), der zumindest narrativ die Serie noch etwas hervorheben konnte, bevor sie in völliger Ideenlosigkeit zu versinken drohte. Die Twists in der Serie wittert man aus meilenweiter Entfernung. Niemand dürfte beim Face-Reveal des Sith noch überrascht gewesen sein. Und jeder, der auch nur etwas mit dem Schicksal von Anakin Skywalker vertraut ist, weiß, wie die Geschichte der Zwillinge, insbesondere aber von Osha, ausgehen wird. Dass sich Headland hier wirklich dazu herabgelassen hat, die Geschichte des kleinen Ani auf ihre Serie und ihre eigenen Charaktere anzuwenden, darf daran zweifeln lassen, ob sie jemals eigene Ideen besaß, wo sie angeblich doch unzählige Ideen für Star Wars Serien hatte. Auch viele andere Elemente der Serie und etliche Charaktere besitzen keine eigene Identität, Jedi-Meister Sol (ausgesprochen wird es wie die südkoreanische Hauptstadt und verkörpert wird dieser von Squid Game Star und bekennender Star Wars Fan Lee Jun-jae) könnte dabei glatt eine High Republic Kopie von Qui-Gon Jinn sein. Der fremde, namenlose Sith hingegen wirkt wie eine etwas selbstbewusstere Variante von Kylo Ren aka Ben Solo. Dem Team stand hier ein komplett neues, unverbrauchtes Universum bevor, stattdessen lies man dieses Potential völlig ungenutzt. Somit bleibt Andor weiterhin die einzige Star Wars Serie, die sich trotz eher verhaltener Viewzahlen traute, keine ausgelutschten Plots und Charaktere zu melken.


Kein wirkliches Konzept


Trotz einiger Lichtblicke und den recht gut inszenierten Episoden 4 und 5 ist ein wirkliches Serienkonzept bei The Acolyte nie zu erkennen gewesen. Das Schicksal der Charaktere schien vorherbestimmt zu sein, bevor man sie näher kennenlernen durfte. An den Schauspielern lag es nicht wirklich, auch, wenn besonders das hölzerne Schauspiel von Amandla Stenberg in den ersten Episoden negativ aufgefallen ist. Dies dürfte aber besonders an der völlig sinnbefreiten Idee gelegen haben, die junge Schauspielerin mit einer Doppelrolle zu belasten, die am Ende für die Serie mehr Fluch als Segen war und sowieso zu nichts führte. Zahlreiche interessant anmutende Charaktere wie die von der legendären Carrie-Anne Moss gespielte Jedi-Meisterin Indara und die von Dafne Keen gespielte Padawan Jecki Lon wurden hingegen verheizt. Der von Manny Jacinto gespielte Sith brachte einiges an Potential mit, durch das absetzen der Serie werden wir aber nie erfahren, wie es in seinem Charakter-Arc noch weitergegangen wäre - oder könnte. Es wäre kein Ding der Unmöglichkeit für Disney, einige potentiell interessante Handlungsstränge in eine Nachfolgeserie einzubauen. Der von Lee Jung-Jae gespielte Jedi-Meister Sol basiert zumindest auf einem Konzept, was durchaus in die Anfänge von Star Wars zurückgeht. So sollte es bereits im allerersten Film einen asiatischen Jedi-Meister geben und die erste Wahl für die Rolle des Obi-Wan Kenobi fiel ursprünglich auf den Japaner Toshirō Mifune (hier schließt sich der Kreis, Mifune spielte die Hauptrolle in Rashomon). Doch auch Jedi-Meister Sol wird leider durch wenig interessantes Writing eher von einem potentiell interessanten Charakter zu einem MacGuffin degradiert, der am Ende für einen weiteren, vorhersehbaren Twist geopfert wird.

Headland plante hier wohl Agatha Christie meets Rashomon. Eine Murder-Mystery im Weltall rund um die Verschwörung einiger Jedi, die aus verschiedenen Perspektiven erzählt wird. Auf dem Papier mag das durchaus spannend klingen, die Umsetzung selbst hingegen ist genau so kreativ wie einen Wookie-Jedi einzubauen und ihn ohne Lichtschwertkampf Off-Screen sterben zu lassen.


Weitere Staffeln wären nur ein verlängerter Prolog zur Prequel-Trilogie gewesen


Man muss kein nerdiger Star Wars Analyst sein, um sich die Geschichte von The Acolyte weiterzuspinnen. Zwar gab Headland meines Wissens keinen Ausblick auf ihre weiteren Ideen, aber da gleich drei Charaktere aus der Prequel-Trilogie in der Serie vorkommen, kann man wohl absehen, wohin die Reise gegangen wäre. Besonders der für wenige Frames im Bild erscheinende Darth Plagueis, der in The Acolyte seinen ersten offiziellen Auftritt feierte, lässt eher schlimmeres als Vorfreude erahnen. In Staffel 3 oder 4 hätte sich The Acolyte vielleicht zu einer Palpatine Prequel-Story entwickelt und Disney hätte erneut bewiesen, dass sie ohne die Skywalkers, Yoda, den Imperator und wie sie nicht alle heißen, auskommen. Dabei blitzt besonders die Eigenständigkeit von The Acolyte halt auch immer mal wieder auf. Auch hier bekommt man einen doch relativ unverbrauchten Einblick in die Verschlagenheit der Jedi, die teilweise mit einer unnahbaren Arroganz zu Werke gehen. Auch der Einblick in fremde Kulturen und Gepflogenheiten war sonst immer nur Star Trek vorbehalten, während Star Wars diesen World Building Aspekt häufig komplett ignorierte und in The Acolyte deutlich mehr Beachtung findet (und wir trotzdem am Ende nicht schlauer sind, wer die Hexen nun waren).

Doch all das war letztendlich zu wenig, um The Acolyte zu einer eigenständigen Existenz im Star War Universum zu machen.


Was ist am Ende geblieben?


Am Ende ist nicht viel mehr geblieben als eine Idee, die entweder zu ambitioniert war oder einfach auch nie mehr Potential zu etwas größerem hatte. Ein paar gut choreographierte Kämpfe, etwas frische Lore und ein paar neue Facetten der Jedi trösten nicht über das hinweg, was The Acolyte rund 8 Folgen hauptberuflich macht. Und das ist nichts weiter, als die Zuschauer noch einmal mit alten Kamellen zu bewerfen. Und somit entpuppte sich The Acolyte doch als eine weitere Sackgasse für das Star Wars Franchise. Gefangen in seiner eigenen Nostalgiespirale, obwohl man so gerne neue Galaxien bereisen möchte. Ob man Headland alleine diesen Misserfolg zuschreiben kann, kann man nicht so leicht beantworten, da so eine TV-Serie das Produkt vieler handelnder Personen ist. Doch sie hat sich oft genug eben in jenen Mittelpunkt gestellt in Interviews und ihr Name ist mehr als prominent im Abspann jeder Folge zu sehen. Genau wie bei Rian Johnson hat man der Showrunnerin wohl zu viele Freiheiten gelassen, ohne rechtzeitig wie bei Gareth Edward und Rogue einzugreifen, als das Projekt zu entgleisen drohte. Aber all das befindet sich natürlich komplett im Reich der Spekulationen.

Was für die Zuschauer bleibt ist, wie auch schon bei Willow zuvor oder zahlreichen Netflix-Serien, bei denen alle vorzeitig der Stecker gezogen wurde, nur mal wieder Zeitverschwendung und neuer Datenmüll. Ob Disney mit den etablierten Charakteren aus The Acolyte noch irgendwas vor hat, ist mindestens genau spekulativ zu betrachten wie das Thema, wer die Serie genau vor die Wand gefahren hat. Und somit steht Disney weiterhin vor einer Mammutaufgabe, eine neue, überzeugende Spielfilmtrilogie zu erschaffen. Ob die kommenden Projekte von Feige und Filoni Besserung mit sich bringen werden, was die allgemeine Qualität von Star Wars angeht, da sollte man nach The Acolyte mit extrem angepassten Erwartungen herangehen. Feiges Ambitionen dürften bei den neuen Avengers Filmen liegen, Filoni scheint sich bereits während der vergangenen Jahre mit seiner Arbeit an Star Wars ein wenig verbraucht zu haben. Bei The Acolyte hat Disney wieder einmal eine super Chance vertan, das Franchise auf sinnvolle Art weiterzuentwickeln.


Artikel verfasst von: Aufziehvogel

Mittwoch, 31. Juli 2024

Einwurf und Review: Deadpool & Wolverine: Sympathischer Schabernack

 


Dieser Artikel enthält Spoiler zu Deadpool & Wolverine. Weiterlesen auf eigene Gefahr!



Die Idee zu einer Live-Action-Adaption zu Deadpool & Wolverine ist vermutlich älter als das MCU (Marvel Cinematic Universe) selbst. Bereits vor einigen  Jahren erschien eine vermeintliche Post-Credits-Szene zu Logan*, die sich jedoch schnell als äußerst gelungener Fake entpuppte und aktueller gar nicht sein könnte: Die Szene zeigt Deadpool am Grab des verstorbenen Wolverine, der von den geretteten Kindern in Logan zu Grabe getragen wurde. Was hier als vermeintlicher Teaser für Deadpool 2 galt, ist nun praktisch der Auftakt zum dritten Deadpool Film, dem ersten im MCU. Ein wahrer Schelm, wer böses dabei denkt, dass dieser Fan-Teaser nicht die Inspiration für Deadpool & Wolverine war, den Film am Grab von Logan aka Wolverine zu starten.

Lange war unklar, ob dieser Film jemals zustande kommen würde und welchen Weg Disney hier einschlagen würde, die bis dato eine strikte PG-13 Politik verfolgten. Doch wie könnte Disney nach seiner Übernahme von 20th Century Fox ignorieren, dass Fox eben zwei der erfolgreichsten R-Rated Streifen aller Zeit in die Kinos gebracht hat?

Während sich das MCU nach Endgame in einer nicht enden wollenden Talfahrt mit gelegentlichen Hochs im Serienbereich befindet und nach seiner eigenen Identität sucht, setzten Disney und Produzent Kevin Feige alles auf eine Karte: R-Rated und viel Nostalgie-Bezug auf Filme, die rein gar nichts mit dem MCU zu tun haben. Mit dem Kinostart am 24.07 (deutscher Kinostart) endete eine langjährige Odyssee um einen Film, der mehr Legende und Damoklesschwert war als etwas, was für Fans der Comic-Antihelden wirklich greifbar war. Mit einem Budget von etwas über 200 Millionen Dollar hat der Film weltweit bereits knapp 500 Millionen Dollar eingespielt was ihn zum erfolgreichsten R-Rated Opening aller Zeiten macht.

Doch wie kann ein Film überzeugen, der nicht nur das MCU wieder auf Vordermann bringen sollte sondern zeitgleich auch auf das Erbe längst vergangener Filme eingehen sollte? Die Antwort darauf ist einfach; gar nicht. Man kann denke ich ganz entspannt sagen, Deadpool & Wolverine ist kein Film, der das MCU auf ein neues Level hievt und nach wenigen Minuten im Film wird klar, dass das niemals die Intention war. Etwas, was besonders vielen professionellen Kritiken sauer aufgestoßen ist und bei nicht wenigen für Hyperventilation sorgte. Der von Kritikern auserkorene heilige Gral, der das MCU nachhaltig verändern sollte, kocht letztendlich auch nur mit ganz bewährten Zutaten und genau diese Zutaten sind es, die diesen Film zu dem Feuerwerk gemacht haben, welches er ist. Zelebriert wird das Popcornkino, Toiletten-Humor und absurde Gewaltorgien, wie man sie unter Disneys hauseigenem Label so noch nicht gesehen hat. Und viel weniger wird hier das MCU zelebriert als viel mehr eine glorreiche Vergangenheit an Filmreihen, die unter den alten Besitzern nie einen wirklichen Abschluss fanden. Feige und Regisseur Shawn Levy konnten hier wahrhaftig aus einem *Pool* von Lizenzen an Marvel-Charakteren fischen. Eine regelrechte Lizenz-Angelei!

Während die Magazine den Film dafür abstraften, nicht die Chance wahrgenommen zu haben, sowohl Deadpool als auch die schon etwas länger in das MCU integrierten X-Men sinnvoller in den aktuellen Kanon einzubauen und neue Story-Arcs zu spinnen, entwickelte sich Deadpool & Wolverine binnen kürzester Zeit zu einem Publikumsliebling. Zu behaupten, der Film würde das MCU weitgehend ignorieren, ist übrigens, nur mal so gesagt, ebenfalls eine maßlose Übertreibung. Natürlich muss auch Deadpool & Wolverine Federn lassen wenn es um konfuse Multiversen geht die wiederum den Tod im MCU fast gegenstandslos machen sowie vielleicht 1-2 Meta-Gags zu viel vom Stapel gelassen werden, aber alle Verantwortlichen haben es dann doch geschafft, eine so unfassbare Harmonie und Synergie unter den vielen verschiedenen Charakteren zu erschaffen, dass die nicht so gelungenen Aspekte im Film in den Hintergrund rücken.

Die Hauptmission dürfte gewesen sein, Marvel mit Stil in die Kinos zurückzubringen. Diese Mission dürfte vollends gelungen sein. Nicht nur sprechen dafür die weltweiten Ergebnisse am Box Office, sondern allen voran auch die positiven Reaktionen der Fans, die Freude an dem Film hatten. Und das Wort "Freude" war im Bezug auf Marvel zuletzt etwas, was arg auf der Strecke geblieben ist. Der mutige Schritt, sich weniger auf das MCU als viel mehr auf Legacy-Charaktere zu fokussieren, war ungeheuer riskant.

Während IGN in einem kontroversen Video noch vor Kinostart dafür plädierte, dass die X-Men einen neuen Wolverine bräuchten und man sich nicht länger an die alten Charaktere klammern sollte, so beweist doch besonders das Duo Deadpool und Wolverine, zu welchen Schauspielern sich die Fans eines strauchelnden Filmuniversums hingezogen fühlen. Hugh Jackmans Bedingung, noch einmal in die Rolle zu schlüpfen, die ihm Weltruhm einbrachte, war dieser Film, dieses Duett mit Deadpool. In einem Film, wo es um Konklusion und Abschiede geht, so könnte es für Jackman als Wolverine tatsächlich der finale Schwanengesang gewesen sein. Eine Rolle, die seit exakt 24 Jahren von einem einzigen Schauspieler verkörpert wird, wird verdammt schwer zu ersetzen sein (besonders wenn man bedenkt, dass sämtliche X-Men Schauspieler bereits von mehreren Darstellern im laufe der Jahre gespielt wurden). Um vielleicht auch mal einen kleinen Tusch für das Video von IGN auszusprechen; vielleicht hat man es versäumt, zeitig auch andere Darsteller für die Rolle des Wolverine interessant zu machen. Nach dem Abgang von Sean Connery als James Bond (auch so ein "Never say Never Typ wie Jackman) hatte man schnell geschaltet, den legendären Charakter alle Jubeljahre auch von anderen Darstellern mit eigener Identität spielen zu lassen. Doch besonders Comicfiguren sind so verwurzelt mit ihren Darstellern, die sie zuerst gespielt haben, dass es schwierig ist, passenden Ersatz zu finden. Nicht umsonst feierte man in Spider-Man: No Way Home den endgültig letzten Auftritt von Tobey Maguire als Spidey sowie Wesley Snipes in seinem vermutlich ebenfalls letzten Auftritt als Daywalker Blade in Deadpool & Wolverine. Irgendwann einmal Ryan Reynolds (immerhin auch noch Produzent und Co-Autor des Films) als Deadpool ersetzen zu müssen, scheint ein kaum machbares Unterfangen zu sein.

Insgesamt mussten Fans viele Jahre auf Deadpool & Wolverine warten. Und noch mehr als zwei Jahrzehnte mehr, Wolverine in seinem ikonischen X-Men Dress bewundern zu dürfen. Trotz des Erfolges des Films ist die Zukunft des MCU weiterhin ungewiss. Feige ist sich bewusst, wie wichtig Identität und Wiedererkennungswert für so ein massives Franchise sind. Die Post-Avengers-Ära erwies sich als schwierig, besonders, wenn es um große Kinofilme ging. Dafür konnte man im Segment Serie mehr glänzen, was man vor allem WandaVision und Loki zu verdanken hat. Mit Kang als großen, übergreifenden Bösewicht und Thanos-Nachfolger (und Skandale rund um seinen Darsteller Jonathan Majors) landete man trotz Potential einen gewaltigen Fehltritt, den man nun wieder ausbügeln möchte. Ziel ist nichts geringeres, als weiterhin den Erfolg von Deadpool & Wolverine zu imitieren und die Kinokassen klingeln zu lassen. Auf der diesjährigen San Diego Comic Con hat Feige den Knaller gezündet: Für die beiden neuen Avengers Abenteuer holt man die Russo Brüder auf den Regiestuhl zurück und zaubert Iron Man Robert Downey Jr. als Marvels wohl bekanntesten Bösewicht Victor von Doom (Doctor Doom) aus dem Hut. Ein gefährliches (End)game und Ritt auf der Rasierklinge. Besonders an Star Wars hat man die letzten Jahre mehr als deutlich gespürt, wenn das teuflische Spiel mit der Nostalgie zum Verhängnis werden kann.

Aber die ungewisse Zukunft des MCU soll die Stimmung nicht trüben. Deadpool & Wolverine ist sympathischer Schabernack, wie man ihn schon länger nicht mehr im Kino geboten bekommen hat. Ein Film, dessen Ziel es nicht war, ein gesamtes Filmuniversum miteinander zu verbinden und auf neue Bahnen zu führen, aber vielleicht in einigen Jahren als der Film bezeichnet wird, der dieses Filmuniversum vor seiner endgültigen Bedeutungslosigkeit gerettet hat. Wenn dafür lange in Rente geschickte Superhelden, entstellte Hunde, ein zu den Backstreet Boys *NSYNC tanzender Deadpool, die eingeölten Männerbrüste von Wolverine und sogar die Hilfe von Madonnas Gebetssong nötig waren, dann hat sich das Risiko und der Aufwand dafür in jedem Aspekt gelohnt.



*Link führt in einem neuen Fenster zu YouTube



Artikel: Aufziehvogel

Mittwoch, 9. März 2016

Review: Escape from Tomorrow




Trailer





USA 2013

Escape from Tomorrow
Drehbuch und Regie: Randy Moore
Darsteller: Roy Abramsohn, Elena Schuber, Katelynn Rodriguez, Jack Dalton, Alison-Lees Taylor
Lauflänge: 90 Minuten
Genre: Indie-Horror, Satire
FSK: Frei ab 16



Zurück aus dem Winterschlaf und ich melde mich zurück mit einer Geschichte, über die ich am 13. September 2013 (es war ein Freitag) bereits einmal berichtete. Da habe ich über einen Film geschrieben, den es eigentlich gar nicht geben dürfte. Die Rede war damals wie heute von "Escape from Tomorrow", Randy Moores Indie-Horrorfilm der am glücklichsten Ort der Welt spielt: Disney World. Gefeiert auf dem Sidges Filmfestival, war aufgrund der angespannten Rechtslage nie so ganz klar, ob Escape from Tomorrow jemals von einem größeren Publikum bestaunt werden darf. Disney selbst ließ den Film jeodch, relativ überraschend, zufrieden, natürlich nicht aus Wohlwollen. Indirekte Werbung für das Walt Disney World Resort wird eine Sache gewesen sein, dem Film jedoch keinerlei Bühne zu geben, zum Gesprächsthema zu werden, vermutlich die entscheidende. Obwohl der Film mit Guerilla-Methoden in Disney World gefilmt, beinahe improvisiert gefilmt wurde, hätte Disney Moore und seine Crew rechtlich belangen können. Für das kleine Independent Projekt wäre dies gleichzeitig das Todesurteil gewesen. Disney forderte nichts, Disney schrieb keine Abmahnungen, Disney ignorierte den Film, jedoch gleichzeitig anzumerken, von der Existenz des Filmes zu wissen. Somit war der Weg frei für Randy Moores ungewöhnlichem Projekt.




Die Geschichte handelt von Familienvater Jim der gemeinsam mit seiner Frau und seinen beiden Kindern den letzten Tag eines gemeinsamen Wochenendes in Disney World verbringt. Der Morgen fängt für Jim bereits schlecht an. In einem Telefongespräch wird ihm mitgeteilt, dass sein Arbeitgeber ihn gefeuert hat. Der Familie will er an diesem letzten Tag im gemeinsamen Urlaub nichts mitteilen. Eine ungewisse Zukunft erwartet Jim, doch will er sich nicht mit den Sorgen des morgigen Tages befassen. Auf den Weg in den Park fangen die seltsamen Ereignisse an, ihren Lauf zu nehmen. Immer wieder kreuzen sich die Wege von Jim und zwei minderjährigen Französinnen, die in Jim euphorische Gefühle auslösen. Im Park selbst scheint Jims Psyche seinen Tribut zu zollen. Fernab von dem alltäglichem Leben, wird Jim von einer regelrechten Reizüberflutung übermannt und in den Fahrgeschäften von abscheulichen Halluzinationen heimgesucht. Die Grenzen zwischen Realität und Traum verschwimmen und Jim driftet in eine surreale Welt ab, die sogar seine Familie in Gefahr bringt.

Escape from Tomorrow ist komplett in Schwarzweiß gehalten. Der trostlose Filter trägt zur bedrückenden Stimmung bei. Besonders beeindruckend in Szene gesetzt ist der Verfall von Jim's Psyche. Es beginnt schleichend, nimmt aber immer abstrusere Ausmaße an. Die von mir erwähnte Reizüberflutung ist bei Disney-Filmen zum Beispiel nichts ungewöhnliches. Es kommt natürlich drauf an, wie empfänglich man für solche Emotionen ist. Diese Emotionen werden durch den Aufenthalt in einem solchen Freizeitpark (meistens noch gekoppelt mit Nostalgie) nur noch mehr beansprucht. Jim, aufgewühlt durch seine Kündigung, genervt von seiner prüden Frau und dem Alkohol gegenüber nicht ablehnend, bricht eine Sicherung heraus die ihn schlussendlich aus seiner eigenen Realität reißt und diese mit seltsamen Halluzinationen vermischt. Mit bescheidenden, limitierten Mitteln schafft Randy Morre es beeindruckend, seine surreale Szenerie umzusetzen. Kostspielige Sets hätte der Film auch gar nicht gebraucht, den er spielt bereits in einem furchtbar kostspieligen Set. Dies hat Moore vermutlich nicht mehr als eine handvoll Tagestickets für Disney World gekostet.

Ich hatte damals die Befürchtung, der Film hat vielleicht bereits im Trailer einen Großteil seines Pulvers verschossen. Bei meiner gestrigen, ersten Sichtung (seit dem Heimkino-Release 2015 geplant) war ich jedoch angetan, wie immer wieder neue, völlig wirre Ideen den Film bereicherten. Unverbraucht, provokant und fernab sämtlichen konventionellen Stilen hat Escape from Tomorrow einen bleibenden Eindruck bei mir hinterlassen. Man muss aber auch ganz klar sagen, es ist die zeitlose Disney-Magie, die diesem Film seine Einzigartigkeit verleiht. Escape from Tomorrow ist eine Mischung aus psychologischem Horror und Satire. Rein vom Ablauf her erlebt Jim einen klassischen Disney-Film. Alte Disney Trivias und Klischees wie Pädophilie und psychedelische Drogen dürfen dabei nicht fehlen. Der Horror, den Jim durchlebt, wird trotz der bedrückenden Stimmung stets durch einen sehr schwarzen Humor aufgelockert. Begleitet von einem ebenso stimmigen Soundtrack fällt dem Zuschauer nur selten auf, dass die Darsteller unerlaubt im Park einen Film gedreht haben. Das Disney-Setting und Moores Idee passen ziemlich gut zusammen.





Fazit

Escape from Tomorrow ist ein einzigartiger Film gemacht für eine relativ spezielle Zielgruppe. Ohne Frage ist Randy Moores Projekt angeeckt und dürfte bei nicht wenigen Zuschauern auf die eine andere runzelnde Stirn oder ein fragwürdiges Gesicht gestoßen sein (oder gar schlimmeres). Aber egal was man seinem Film auch vorwerfen mag, so wird man am Ende immer zu der Auffassung kommen, etwas gesehen zu haben, was man vorher noch nicht gesehen hat. Es ist beinahe schon unheimlich zu sehen, wie gut sich ein so surrealer Albtraum mit klassischen Disney-Elementen vermischt und sogar in den Disney-Kanon passen würde (vermutlich ein Grund, wieso Escape from Tomorrow in der offiziellen Enzyklopädie-Disney sogar erwähnt wird). Escape from Tomorrow wird seinen Platz als Kultfilm trotz einiger Kontroversen in den kommenden Jahren vermutlich einnehmen. Ein bisschen zu unbeachtet, aber genau richtig um diesen Horrortrip durch den fröhlichsten Ort unserer Welt einen echten Geheimtipp nennen zu dürfen.