Archiv: Rezensionen zu Literatur und Film

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Mittwoch, 29. November 2023

Rezension: Seid friedlich mit Loriot

 



Deutschland 2023

Seid friedlich mit Loriot
Text und Illustration: Loriot
Herausgeber: Susanne von Bülow und Peter Geyer
Genre: Satire, Kunstbuch
Format: Hardcover



100 Jahre Loriot. Die älteren unter uns werden ihn sich mehr als je zuvor zurückwünschen, ein Stoßgebet an höhere Mächte senden ihn in solch unruhigen Zeiten noch einmal ins Leben zurückzurufen. Die etwas jüngere Generation wird sich vielleicht fragen, wer oder was Loriot ist und ob er, sie oder es einen TikTok Account besitzt. Wundern würde es vermutlich keinen, wenn diese Frage gestellt werden würde. Deutschlands vermutlich größter Humorist ist 2011 im Alter von 87 Jahren verstorben. Vor einigen Tagen wäre er 100 Jahre alt geworden. Die Berichterstattung war groß, zudem gab/gibt es anlässlich des Geburtstages noch einige Ausstellungen zu Ehren Loriots. Eine gute Gelegenheit, Loriot zu diesem Anlass wiederzuentdecken oder erstmals für sich zu entdecken.

Doch wer war eigentlich Loriot? Üblich sind solche kurzen Pseudonyme eher für frankobelgische Künstler. Hinter Loriot versteckt sich Bernhard-Viktor Christoph-Carl von Bülow. Die meisten werden ihn wohl eher unter der Kurzform des Namens kennen, Vicco von Bülow. Übersetzt wird das französische Wort Loriot zum deutschen Pirol, ein Vogel und auch das Familienwappen der von Bülows.




In dem kompakten Hardcover-Büchlein "Seid friedlich mit Loriot" widmet sich Loriot Themen, die aktueller nicht sein könnten. Geopolitisch aber auch lokal erleben wir schwere Zeiten, wie schon lange nicht mehr. Es herrschen weltweit kriegerische Konflikte und die Lage in der guten alten Bundesrepublik ist so angespannt wie lange nicht mehr. In frechen Illustrationen nimmt sich Loriot den Krieg vor, die Armee, die Raumfahrt und Altkanzler Adenauer. Die kleinen Comics sind thematisch herrlich überzeichnet, surreal und dennoch auf den Punkt gebracht. Loriot nimmt hier ernste Themen nicht unsensibel aufs Korn, er geht den Kern der Sache an und fertigt Karikaturen der weltlichen Probleme. Doch die Botschaft kommt immer unmissverständlich an: Seid friedlich zueinander. Loriot besitzt nur eine Waffe und diese heißt Humor, kaum wer beherrschte diese mächtige Waffe mehr als er.

Doch Loriot nimmt sich nicht nur den schweren Themen in diesem Band an. Er zeichnete auch immer die kleinen Menschen, die nicht täglich im Rampenlicht stehen. Dich, den Leser dieses Artikels. Mich, den Verfasser dieses Artikels und deine Eltern, deinen Friseur und alle Leute, die du vermutlich noch so kennst. Loriots Karikaturen, Sketche und Comics richteten sich immer auch an die Durchschnittsbürger unserer Gesellschaft. Die chronisch unzufriedene, meckernde Bevölkerung. Hier gibt in diesem Band mit der Firma Poppe & Co. einige herrlich überspitzte Firmenideen und Situationen. "Für einen Poppe gibt es kein Unmöglich". So wird gerne mal provisorisch das ausgesessene Sofa von Senioren sabotiert repariert, den einzig verfügbaren Klempner für einen tropfenden Wasserhahn aus seinem Urlaub in Ägypten zu entführen einfliegen zu lassen und ein ganz besonders ausgeklügelter Personenschutz für den Bundeskanzler. Bei den Poppe-Comics wird schnell klar, worum es geht: Sinnlose Verschwendung oder einfach nur eine herrliche Präsentation der sogenannten Rube-Goldberg-Maschine.

Das Hardcover-Buch umfasst 130 Zeichnungen, einige davon teilweise koloriert und etliche mit humoristischen Texten unterlegt. Was ich mir hier vielleicht noch gewünscht hätte wäre ein Vor- und Nachwort gewesen (vielleicht ein älterer Text von Loriot oder etwas aktuelles aus dem Umfeld von Loriot), um das Buch zum 100. Geburtstag des Künstlers noch etwas persönlicher zu gestalten. Ein paar chronologische Angaben zu den Illustrationen wären ebenfalls noch ganz nett gewesen, viele davon kann man bei ihrer Thematik aber auch problemlos einem Jahrzehnt zuordnen.



 


Abschließende Gedanken

"Seid friedlich mit Loriot" ist ein gelungenes kleines Buch zum 100. Geburtstag des großen Humoristen. Frech, witzig aber sich auch immer der ernsten Lage bewusst zu sein - dies war eine der Stärken von Loriot und all diese Eigenschaften machen sein so umfassendes Werk auch heute noch so zeitlos. Loriot ist ein Künstler, der in 1-2 Bildern und wenigen Sätzen eine komplette Geschichte erzählen kann. Manchmal ist der Text dazu nicht einmal nötig. In dieser Hardcover-Ausgabe (von der es auch noch weitere Bände gibt) bekommt man einen perfekten Einblick in die Welt, die uns Loriot hinterlassen hat. Der Titel des Buches erzählt in zwei Wörtern dann nochmal eine ganz eigene Geschichte, die heutzutage wohl eine so große Bedeutung hat wie nie zuvor: Seid friedlich.




Rezension verfasst von Aufziehvogel

Freitag, 11. August 2023

Hörbuch-Rezension: Ein Sommer in Niendorf (Heinz Strunk)





Deutschland 2022

Ein Sommer in Niendorf

Autor: Heinz Strunk
Genre: Satire, Tragikomödie
Hörbuch Verlag: Roof Music
Printausgabe und E-Book: Rowohlt
Kaufoptionen: CD, Audible
Sprecher: Heinz Strunk
Laufzeit:  4 Stunden und 43 Minuten (Ungekürzte Lesung)



Ostsee-Romantik von Heinz Strunk

Ein Ostsee-Albtraum von Heinz Strunk


Als ich damals den "Goldenen Handschuh" von Heinz Strunk las, wollte ich nicht so recht mit seinem Stil klarkommen. Als Leser sucht man bei so etwas bekanntlich den berüchtigten Dosenöffner. Ein Buch, welches man eigentlich sehr gerne gut finden möchte, aber man gefühlt nie den Zugang zur Geschichte findet. Und irgendwann war der Zug für den Goldenen Handschuh bei mir dann abgefahren. Allerdings nicht für Heinz Strunk, dem ich mit "Ein Sommer in Niendorf" unbedingt nochmal eine Chance geben wollte. Hierbei handelt es sich noch immer um den aktuellsten Roman des Autors, denn seine neuste Veröffentlichung "Der gelbe Elefant" ist eine Sammlung an diversen Texten von Strunk.

Bei "Ein Sommer in Niendorf" wurde mir jedoch das Hörbuch empfohlen. Gelesen vom Autor persönlich. Autorenlesungen sind natürlich immer eine besondere Angelegenheit. Autoren sind oftmals keine ausgebildeten Schauspieler und somit schwingt immer wieder ein Bedenken mit, der Autor selbst könne sein Buch vielleicht nicht so gut vortragen wie ein professioneller Synchronsprecher. Darum bräuchte ich mir keine Sorgen machen, Heinz Strunk zuzuhören sei ein "Erlebnis". Seine Hörbücher würden vielleicht noch das gewisse "Extra" mit sich bringen, was man beim lesen seiner Bücher nicht erhält.
Wie ich Heinz Strunk als Sprecher einschätze, dazu folgt gleich mehr. Widmen wir uns zuerst dem Roman.

"Ein Sommer in Niendorf" ist ein wahrer Ostsee-Albtraum. Eine moderne Neuinterpretation und Ostsee-Version" von "Tod in Venedig" von Thomas Mann (der bekannte Zauberberg wird von Strunk gleich mehrmals erwähnt). Die  kleine, Titelgebende Ostseeidylle Niendorf (nicht weit entfernt vom Timmendorfer Strand) wird für einen Durchschnittstypen in seinen 50ern zu einer lebensverändernden Reise. Im Fokus steht hier der Jurist Dr. Georg Roth, geschieden, eine Tochter, der sich ein sogenanntes "Sabat-Quartal" gönnt und sich im friedlichen Niendorf für einige Zeit niederlassen möchte, um ein Buch zu schreiben. Roth möchte sich als Autor wagen, die Erinnerungen an den Vater niederschreiben. Dafür hat er sich einen Kassettenrekorder und ein Dutzend Tapes mit Sprachaufnahmen des verstorbenen Vaters gesichert. Während Roth schon von der Vermarktung des kommenden Bestsellers träumt, greift aber auch schnell wieder der Realismus durch und bringt ihn zurück auf den Boden der Tatsachen. Wenn es mit der späten schriftstellerischen Karriere nichts wird, dann hat er halt immer noch ein gutes Leben, zu dem er zurückkehren wird. Die Ankunft in Niendorf gestaltet sich für Roth bereits als Abenteuer, als er den unästhetischen, übergewichtigen Vermieter des Apartments kennenlernt: Markus Breda. Roth verkehrt nicht in solchen Kreisen wie Breda, würde sich niemals auf dessen Stufe herablassen. Roth hat in seinem Leben ja noch nicht einmal einen Döner probiert. Was auf dem Papier einfach erscheint, so gestaltet es sich für Roth schwierig, dem penetranten Vermieter zu entkommen. Neben seiner Aufgabe als Vermieter kümmert dieser sich auch noch um die Strandkörbe und ist zudem Pächter des hiesigen Schnapsladens, bei dem er und seine Lebensgefährtin Simone die einzigen Mitarbeiter sind. Was Roth nicht auffällt, ist seine Transformation zu dem, was er nie war, nie sein wollte. Als dann auch noch Alkohol ins Spiel kommt, driftet Roth allmählich das geregelte Leben aus den Händen und am Ende seines Trips wird er sich fragen müssen, was ihn noch von Breda unterscheidet und ob es nicht auch in Ordnung ist, sich nicht mehr mit der erstbestem, sondern vielleicht mit der fünftbesten Wahl zufrieden zu geben.

Auch wenn der Kern von "Ein Sommer in Niendorf" teilweise sehr ernst ist, habe ich selten bei einem Hörbuch schon einmal so gelacht. Und dabei war der Einstieg gar nicht so einfach. Heinz Strunk liest schnell, kam mir Anfangs noch wenig emotional vor. Doch meine Skepsis sollte sich schnell verflüchtigen. Strunk als Vorleser ist grandios. Als Mitglied des Comedy-Gespanns Studio Braun und seinen Podcasts bringt er hier all das mit ein, was er über die Jahrzehnte in der Industrie gelernt hat. Und so geschieht auch beim Leser und Zuhörer eine Verwandlung. Während Dr. Roth immer mehr zu dem wird, was er zutiefst verabscheut, werden wir, die Leser und Zuhörer, zu Roth. Und ich kann garantieren, wir werden uns mehr als nur einmal dabei ertappen, wo wir kaum anders sind als Strunks Durschnitt-Protagonist der im Verlauf dieser Geschichte zu einer Art Trash-Promi verkommt. Strunk schafft es einfach herrlich, den deutschen Zeitgeist in dieser Geschichte einzufangen. Wie er es vollbringt, aus einer Ostseeidylle einen schaurigen, beklemmenden Ort zu machen, da ist ihm ein beachtliches Kunststück gelungen. Zudem wird die Geschichte nahezu durchgehend von einem subtilen Ekel begleitet, den man in Worten kaum beschreiben kann. Heinz Strunk nimmt uns mit in jede versiffte Ecke und am Ende landen wir in der wohl dubioseste Kneipe, die man in der gesamten Ostsee nur finden kann - "Der Spinner" (vielleicht ja das Niendorfer-Äquivalent zum Goldenen Handschuh)

Strunk gibt beim vorlesen einfach alles. Mal sachlich nüchtern, mal dreist, mal verspielt, mal mit Gesangseinlagen und am Ende sogar mit einem Orgasmus. Es ist ein wahres Fegfeuer von einem Absturz und man kann sich gewiss sein auf dem rauen Kopfsteinpflaster zu landen oder irgendwo, noch immer im Vollrausch, an der Strandpromenade aufzuwachen. Und dennoch, trotz all der herrlichen Gags und Situationskomik, des Galgenhumors und was nicht noch alle dazu gehört, den Ernst der Lage verpasst und vergisst Strunk nie. Wann immer es der Roman möchte, kehrt er auch zu sehr ernsten und düsteren Themen zurück.



Fazit

"Ein Sommer in Niendorf" ist sicherlich ein Roman, der die Leser zweigeteilt hat. Wie immer bei Heinz Strunk gewollt provokant und ganz genau so gewollt kontrovers. Für mich war das Hörbuch-Erlebnis eine Lehrstunde darin, welche Richtungen die deutsche Literatur bestreiten kann. Ein Feuerwerk der Emotionen, in dem alles geboten wird von perfekter Unterhaltung bis hin zur absoluten Fremdscham. "Ein Sommer in Niendorf" ist fast schon eine schonungslose Dokumentation, die sich mit Abstürzen, Lebenskrisen und anderen Absurditäten auseinandersetzt. Kein Roman, kein Hörbuch, welches einfach so uneingeschränkt empfohlen werden kann. Aber wer bereit ist, sich auf diesen Trip einzulassen, der wird am Ende belohnt werden. Ich für meinen Teil habe jede einzelne Minute genossen.

Montag, 25. September 2017

Rezension: Ich war Hitlers Trauzeuge (Peter Keglevic)


(Foto: ©Katharina Behling)




Deutschland/Österreich 2017

Ich war Hitlers Trauzeuge
Autor: Peter Keglevic
Verlag: Knaus
Genre: Satire, Tragikomödie




Am 01. April 1945 hält ein SS-Hauptsturmführer dem jüdisch-stämmigen Harry Freudenthal eine geladene Waffe an den Kopf, will abdrücken und seinen anschließend leblosen Körper zu Harrys Flucht-Kumpanen deponieren, die, wie er selbst, allesamt der SS ins Netz gegangen sind. Harry hat aber schon seit Kindheitstagen mehr glück als andere. Obwohl die Waffe geladen und bereit ist, Harry das Lebenslicht auszuknipsen und er sich innerlich bereits damit abgefunden hat -"Seltsam, dachte ich, so endet nun dein Leben auf der elften Etappe einer Pilgerreise"-, da marschiert auf einmal die Filmemacherin des Dritten Reiches auf dem Hof ein und der Verlauf des Lebens von Harry Freudenthal nimmt auf einmal eine glückliche, wie irrwitzige Wendung. Vor Harry liegt nicht nur der Lauf seines Lebens sondern eine nahezu absurde Odyssee, die ihn direkt in den Führerbunker führt. Wieso Harry Freudenthal der Trauzeuge des gescheiterten Führers wurde, dies behielt er mehr als 70 Jahre als Geheimnis für sich. Und wenn man bereits über 90 Jahre alt ist, wem könnte man diese Geschichte denn einmal anvertrauen? Genau! Seinem Friseur!

Der österreichische Filmemacher und Autor Peter Keglevic hat seinem Roman einen markanten Titel verpasst. Wenn man sich für "Ich war Hitlers Trauzeuge" entscheidet, dann muss man den Worten auch Taten folgen lassen. Der Autor entführt uns hier auf seine ganz eigene Weise in ein reales Deutschland zum Kriegsende, was fiktiver eigentlich gar nicht sein könnte. Peter Keglevic macht das Berchtesgaden aus dem Jahr 1945 zu seinem Spielplatz, wo nach seinen Regeln gespielt wird. Anders als beispielsweise "Er ist wieder da" von Timur Vermes kommt der Roman von Keglevic trotz seiner beeindruckenden Seitenzahl sehr schnell zum Punkt. Es gibt eine kurze Aufwärmrunde mit Harry, der aus seiner Kindheit erzählt. Der Autor nimmt sich dabei Zeit, hält sich aber nie wirklich lange an Kleinigkeiten auf. Die Gedankengänge des Jungen Harry, der versucht, sich seine Eltern beim Sex vorzustellen und dabei an seine Schwester denken muss, mögen einen befremdlichen Eindruck hinterlassen, der freche, aber oftmals auch herrlich vulgäre Stil von Keglevic gefiel mir nach einer etwas längeren Anlaufzeit sehr gut. Und so haut der Autor auch mal folgendes Zitat raus und wird den Leser, der hier vielleicht sogar ein bierernstes Werk erwartet, regelrecht aus dem Hinterhalt erwischen:

">>Nehmen sie doch endlich den Arm runter!>>, sagte Leni Riefenstahl genervt. Da erst merkte ich, dass ich meinen rechten Arm ausgestreckt hatte und dass sie mich meinte. Schnell legte ich die Arme an und stand steif und ehrfurchtsvoll. Sie trat unter meinen Geradeaus-Blick, und ich sah, sie trug einen offenen Pelzmantel und darunter einen weißen Kittel, so wie ihn Ärzte tragen. Sie musterte mich von oben bis unten, was den Reiz ihres Silberblicks nur noch vergrößerte. <<Reichsgletscherspalte>> fiel mir ein -ihr Spitzname-, weil sie in ihren Filmen in so viele Eis-, Schnee- und Gletscherspalten gefallen war. Später hatte mich ausgerechnet meine Schwester Hilly aufgeklärt, dass mit <<Spalte>> ganz was anderes gemeint war. Ich hatte sie dumm angeguckt. <<Muschi. Möse. Spalte. Die Riefenstahl fickt mit allen, die ihr einen Vorteil bringen. Eine berechnende Fotze ist die!>>                                                                         Ich war fassungslos gewesen." 


Schonungslose Situationskomik wechselt sich ab mit Tragikomik und fügt sogar einen Schuss Sentimentalität (jedoch nicht aufdringlich) hinzu. Das einzige, was man dem Roman von Peter Keglevic neben einigen etwas langatmigen Passagen vorwerfen kann, ist, manchmal kann er sich nicht entscheiden ob seine Geschichte eine Satire auf das Dritte Reich, eine fiktionale Biografie oder einfach eine klassische Tragikomödie ist. Aber vielleicht liegt hier ja sogar die Stärke dieser Geschichte, denn die verschiedenen Stile wechseln sich gerne und häufig ab. Peter Keglevic hat mir Harry Freudenthal sogar so gut verkauft, dass ich den Name auf Google nachschlagen musste.



Resümee

Der Lauf seines Lebens wird zu seiner Lebensgeschichte. Harry Freudenthal dokumentiert seine ganz persönliche, kuriose Odyssee durch ein Drittes Reich, welches in seinen letzten Zügen liegt. "Ich war Hitlers Trauzeuge" mag auf den ersten Blick eher mit Humor betrachtet werden. Tatsächlich aber hat Autor Peter Keglevic den ernsten Kern seines Romans hinter viel Situationskomik und Satire versteckt. Der große Volkslauf von Berchdesgaden kommt einem Theaterstück gleich, einer letzten Aufführung des Dritten Reiches mit prominenten Gästen wie Leni Riefenstahl, Eva Braun und Adolf Hitler persönlich. Keglevic findet zum Ernst der Lage bei all den Absurditäten immer sehr schnell zurück. Vermutlich macht genau das diese Geschichte authentischer als so manch todernsten Rückblick auf ein Deutschland am Abgrund. Am Ende schlägt die Macht der Literatur das Original. Eine Geschichtsstunde der besonderen art.

Sonntag, 7. Mai 2017

Tag 7 Review: Shin Godzilla






Japan 2016

Shin Godzilla
Originaltitel: Shin Gojira
Regie: Hideaki Anno, Shinji Higuchi
Drehbuch: Hideaki Anno
Darsteller: Hiroki Hasegawa, Yutaka Takenouchi, Satomi Ishihara, Ren Osugi, Shinya Tsukamoto, Jun Kunimura
Laufzeit: Circa 120 Minuten
Genre: Kaiju, Katastrophenfilm, Satire
Verleih: Splendid
Premiere (Deutschland): 03.05.17 - 05.05.17 (limitiertes Kino-Event)
FSK: Ab 12



Wirft man die Namen einfach lose in die Runde, so scheint es zwischen dem grünen Kult-Monster Godzilla und Evangelion-Schöpfer Hideaki Anno nicht viele Gemeinsamkeiten zu geben (wobei ich nicht ausschließen würde, dass Anno dazu in der Lage ist, einen hochkonzentrierten Energiestrahl abzufeuern). Geht man aber etwas mehr ins Detail, fallen schnell zwei Gemeinsamkeiten auf. Sowohl Godzilla als auch Anno haben in ihren Bereichen Geschichte geschrieben. Das Filmstudio Toho verdiente Millionen mit Godzilla, Anno hingegen revolutionierte mit seiner Anime-Dystopie Neon Genesis Evangelion (Shin Seiki Evangelion) dieses Genre für immer. Während Godzillas erster Auftritt bereits über 60 Jahre zurückliegt, so gehört Evangelion aus dem Jahr 1995 (und noch immer steht ein finaler Kinofilm aus) zur modernen Popkultur. In den vergangenen Jahren ist es jedoch ruhig geworden, sowohl um Godzilla, als aber auch Hideaki Anno. Immer wieder bestätigt Anno, wie sehr ihm die Produktion an neuen Filmen aus dem Evangelion-Universum zusetzen und er mental regelrecht ausgemergelt ist, jedoch häufig Trost und Ruhe von seiner Frau erfährt. Die beiden Giganten schwächelten ein wenig und es liegt eine harte Zeit hinter den beiden Kultfiguren. Zeit für ein Reboot? Ein Reboot für Godzilla und Anno? Gar nicht mal so eine schlechte Idee, wird sich auch Toho gedacht haben.




Toho verkündete es damals selbst, mit Godzilla - Final Wars (Regie: Ryuhei Kitamura) sollte 2004 das riesige Monster in Rente gehen. Danach würde nichts mehr kommen. Mit Legendary Pictures erlangte erstmals seit dem Emmerich-Fiasko aus dem Jahr 1998 ein ausländisches Studio die Godzilla-Lizenz von Toho. Gareth Edwards (Rogue One) kreierte 2014 ein Teil-Reboot, was irgendwo zwischen Fortsetzung des Ur-Godzillas und Neuinterpretation pendelte. Trotz einer Überlänge und einer eher geringen Screentime von Godzilla selbst, wurde der Film von Kritikern und Fans akzeptiert und auch gelobt, an den Kinokassen war er sogar ein großer Erfolg. Dieser Erfolg imponierte Toho so sehr, dass sie es selbst noch einmal wissen wollten und planten mit "Shin Gojira" ein komplettes Reboot des Franchise. Man setzte alle Uhren auf 0 und das einzige, was den Produzenten zu einem erfolgreichen Reboot des Franchise verhelfen würde, war ein Regisseur, der sich nicht nur mit der Materie auskennt, wie man Tokyio filmisch in seine Einzelteile zerlegt, sondern auch das richtige Händchen dafür hat, so eine fiktionale Katastrophe gekonnt in Szene zu setzen. Es war beinahe eine logische Schlussfolgerung, dass die Wahl nur auf Hideaki Anno fallen konnte.

Anno jedoch für das Projekt zu gewinnen war nicht einfach. Seine Fans warten seit Jahren sehnsüchtigst auf den Abschluss der Evangelion Kinofilm-Saga. Ein vierter und letzter Film fehlt noch, genau den wollte Anno fertigstellen, bevor er mit dem Thema abschließen könne. Während Anno selbst skeptisch war, konnten die Produzenten bei Toho jedoch den ein oder anderen Mann aus Annos Team für das Godzilla-Reboot gewinnen. Die Überzeugungskräfte von Annos langjährigen Weggefährten war am Ende aber zu groß, um diesem Projekt eine Absage zu erteilen.

Die Marschrute für Shin Godzilla war schnell klar. Man musste erst einmal dem neuen Titel gerecht werden. Das Wort "Shin" kann in der japanischen Sprache vielseitig genutzt werden. Allen voran steht es für "Neu",  kann aber auch für "Echt" stehen. Je nachdem, mit welchem Kanji man das Wort schreibt, erhält man meistens einen Begriff, der zutreffend für Shin Godzilla ist. Oberste Priorität war es, alles auf Anfang zurückzusetzen und dabei das Original aus dem Jahr 1954 zu ignorieren (obwohl man es mit Fortsetzungen und Chronologie an sich nie wirklich genau genommen hat, der 1954 Film war aber meistens stets der Ausgangspunkt). Die Essenz des Originals durfte aber nicht verloren gehen. Der US-Godzilla aus dem Jahr 2014 hat es vorgemacht, Godzilla ist nicht das nette Monster aus der Nachbarschaft. Godzilla muss in erster Linie ein zerstörungswütiger Gigant sein, der nahezu unverwundbar ist. Doch der Titel "Shin" würde keinen Sinn ergeben, wenn wir es hier mit dem gleichem Godzilla zu tun hätten, der schon so oft Städte den Erdboden gleichgemacht hat. Der "Shin Godzilla" ist anders. Er verfügt über Metamorphosen. Jede einzelne Metamorphose macht das Monster noch mächtiger und praktisch unverwundbar. Dem Monster diesen Twist zu verleihen, das war etwas, wozu praktisch nur Hideaki Anno fähig war. Fans von Neon Genesis Evangelion werden hier unglaublich viele Gemeinsamkeiten mit den Engeln wiederfinden und dein ein oder anderen "Aha-Effekt" erleben.

Doch was geschieht abseits von Godzillas neuen Fähigkeiten? Erst einmal, Godzilla hat relativ viel Screentime in Shin Godzilla. Auch wenn ich nun nicht mit der Stoppuhr im Kino saß, so kommt jeder Fan des Monsters auf seine Kosten. Anno, der auch das Drehbuch geschrieben hat, trennte sich noch von einigen Nebenhandlungen wie einem Familiendrama und einer Liebesgeschichte. In Shin Godzilla gibt es keinen furchtlosen Held oder Wissenschaftler, der sich zum Wohl des Landes opfert, hier ist gleich die ganze japanische Regierung Godzillas neuer Gegner. Politiker und Bürokraten gegen die gigantische Riesenechse. Ein aussichtsloser Kampf? Da will ich nicht zu viel verraten. Doch hier kommen wieder Annos Stärken ins Spiel. Gesellschaftskritik und Satire. Der Film wandelt auf einem schmalen Grad zwischen Katastrophenfilm und Satire. In einer Szene lacht man noch über den Premierminister (übrigens großartig verkörpert von Ren Osugi), in der nächsten Szene passiert wiederum ein großes Unglück. Ein klarer Wink an das 2011 Erdbeben in der Tohoku-Region, welches einen verheerenden Tsunami mit sich führte und zu einer Kernschmelze im Kernkraftwerk von Fukushima führte. Der Film spricht die Katastrophen nicht direkt an, allerdings ist es unschwer zu erkennen, woran sich der Film orientiert.




Anders als noch im Jahr 1954, so hat sich auch die Technik der japanischen Filmkunst wesentlich gesteigert. Man weiß nun besser, geschickter mit CGI umzugehen. Was das für Shin Godzilla bedeutet? In den meisten Szenen können die Computereffekte auf ganzer Linie überzeugen. Hier und da gibt es aber auch mal die ein oder andere Szene, wo die Effekte relativ billig wirken können. Allerdings dürfte das für viele Godzilla-Fans ein Aspekt sein, den man eher als interessant statt negativ bewertet. So ist es wenig überraschend, auch der Shin Godzilla besteht komplett aus CGI, auch wenn man manchmal immer noch das Gefühl hat, hier könnte ein Schauspieler unter einem Latexkostüm stecken. Dieser Look war jedoch so gewollt. Ist Godzilla erst einmal am wüten, so sind dabei einige wundervolle Effekte entstanden, die beweisen, dass das Konzept vollends aufgegangen ist. Untermalt werden diese Szenen oftmals mit dem original Godzilla-Theme von Akira Ifukube. Und was die Evangelion-Fans angeht, bei der Musik könnt ihr erneut eure Finger reiben, denn da wird es noch eine kleine Überraschung geben.

Mit einer Laufzeit von 2 Stunden haftet auch Shin Godzilla eine leichte Überlänge an. Anders als bei der 2014 US-Version schafft Shin Godzilla es aber, den Leerlauf besser zu kompensieren. Und das ohne einen festen Cast an Protagonisten. Bei Shin Godzilla ist es das gesamte Kollektiv, was hier auch außerhalb der actionreichen Szenen noch für Unterhaltung sorgt. Es sei jedoch gesagt, die politische Natur ist dem Film nicht von der Hand zu weisen. Auch sollte man mit dem Thema Japan - Kultur, Politik und Popkultur schon vertraut sein, um besonders die Szenen mit satirischen Hintergründen unbeschwert genießen zu können. Leider lief die Version mit O-Ton nur ein paar Tage später zu einer grausamen Uhrzeit, von daher kann ich hier nur über die deutsche Vertonung reden. Doch hier hat Splendid gute Arbeit geleistet und recht interessante Sprecher gewählt, was immer mehr zu einer Seltenheit bei japanischen Filmen wird. Der Humor kommt durchaus auch in der deutschen Vertonung nicht zu kurz.

Schauspielerisch findet man neben routinierten Darstellern wie Ren Osugi und Jun Kunimura auch eine menge noch recht junger Darsteller, die, auch das ist eine kleine Überraschung, bereits in der Live-Action Verfilmung von Attack on Titan mitgespielt haben. Als zweiter Regisseur war hier ebenfalls noch Shinji Higuchi tätig, der für die ziemlich verunglückte Adaption von Attack on Titan als alleiniger Regisseur verantwortlich war. Auch gibt es noch viele interessante Cameo-Auftritte in Shin Godzilla, insgesamt 6 bekannte japanische Regisseure sind hier zu finden. Für westliche Zuschauer wird wohl die Rolle von Shinya Tsukamoto (Tetsuo) am relevantesten sein.




Resümee

Mit minimalen Schönheitsfehlern steuert Shin Godzilla beinahe die Höchstwertung in meinem Ranking zu. Hideaki Anno liefert hier nach vielen Jahren mal wieder einen relevanten Kinofilm aus Japan ab. Vielleicht sogar einen der relevantesten Filme seit Kinji Fukasakus Filmadaption zu Battle Royale aus dem Jahr 2000. Fans von Godzilla und Anno werden sowieso auf ihre Kosten kommen, aber Shin Godzilla besitzt auch die Fähigkeit, Leute mitzureißen, die mit dem japanischen "Kaiju-Genre" (Monsterfilme) relativ wenig zu tun haben. Die Themen im Film sind aktuell und mit feinem Humor teilweise herrlich überspitzt. Im Kern bleibt aber Shin Godzilla das, was er schon immer war, ohne seinen Charme einbüßen zu müssen. Ein gigantischer Katastrophenfilm, sowohl hinter als auch vor der Kamera exzellent besetzt. Splendid gebührt hier noch der Dank, dass sie den limitierten Release in deutschen und einigen österreichischen Kinos möglich gemacht haben. Hoffen wir mal, dass das Projekt anklang fand. Der Heimkino-Release wird bereits voller Sehnsucht erwartet.

Donnerstag, 11. August 2016

Rezension: Die Komödie von Charleroi (Pierre Drieu La Rochelle)

(Foto: Aufziehvogel, Copyright: Manesse)







Frankreich 1934

Die Komödie von Charleroi
Originaltitel: La Comédie de Charleroi
Autor: Pierre Drieu La Rochelle
Übersetzung: Andrea Springler, Eva Moldenhauer
Nachwort: Thomas Lux
Genre: Kurzgeschichten, Kriegsdrama, Satire



"Die Armee begann auseinanderzufallen. In den ersten Feuerstürmen lösten sich ihre Teile voneinander. Schon jetzt sahen sie sich kaum; bald würden sie sich gar nicht mehr sehen. Vier Jahre lang würden ihre Mühen und Leiden parallel ablaufen, ohne sich je zu treffen. Artillerie und Infanterie suchten sich, und sie fanden sich nicht. Und die Generäle waren anderswo. Schon jetzt waren wir nur noch verlorene Haufen in der entsetzlichen Einsamkeit des modernen Schlachtfelds, jeder grub sich sein eigenes Grab, allein mit seinem Schicksal, das im Übrigen dem des Nebenmanns glich, denn die von der Wissenschaft regulierte Natur geht serienmäßig vor und sucht keine Abwechslung mehr."
(Aus der gleichnamigen Kurzgeschichte "Die Komödie von Charleroi". Pierre Drieu La Rochelle, Manesse Verlag mit einer Übersetzung von Andrea Springler und Eva Moldenhauer)



Pierre Drieu La Rochelle gilt gemeinhin als kontroverser Autor. Nicht unbedingt für die Texte, die er verfasste, sondern für seinen Werdegang. Drieu diente im ersten Weltkrieg für die französische Armee, wurde mehrfach verwundet und kehrte nach Kriegsende als Kriegsveteran, eine jener gezeichneten Figuren der damaligen Zeit, in die Heimat zurück. Wie viele Heimkehrer verarbeitete Drieu seine Erlebnisse in Geschichten, die er zu Papier brachte. Die Weltgeschichte ist natürlich bekannt, der zweite Weltkrieg ließ nicht lange auf sich warten. Drieu machte sich einen Namen als Autor, engagierte sich aber auch mit kritischen Texten gegen Hitler und dem deutschen Naziregime. 1935 sollte sich jedoch vieles für Drieu ändern, denn nach einem Besuch in Nazi-Deutschland, wo er eine regelrechte Reizüberflutung erlebt haben soll, konnte auch er der Indoktrination der Faschisten nicht standhalten und wurde selbst zu einem. Selbstmordgedanken begleiteten Pierre Drieu La Rochelle seit vielen Jahren, einige Monate vor Kriegsende und Deutschlands Kapitulation setzte der Autor seinem Leben ein Ende.

"Die Komödie von Charleroi" sind selbstverständlich keine faschistischen Schriften. Die Kurzgeschichten in diesem Sammelband wurden einige Jahre verfasst, bevor Drieu zum braunen Glauben konvertierte. Trotzdem sind die Kurzgeschichten ein mehr als interessanter Blick auf das, was Lach Rochelle bis zu seinem Lebensende verfolgen sollte: Die bösen Geister des ersten Weltkrieges. Und La Rochelle schreibt nicht nur für sich, er wird für viele Heimkehrer geschrieben haben. Wie schwer es war, sich wieder in die Gesellschaft zu etablieren, wieder am alltäglichem Leben teilzunehmen. Drieu schreibt über diese Erlebnisse aber nicht mit Wehmut und übertriebenem Patriotismus für Vaterland und Flagge, stattdessen haftet seinen Geschichten ein frecher Humor an, ein lockerer Schreibstil ohne verklemmt zu wirken rundet es ab, dass die Geschichten des Franzosen einen schnell mitreißen. So kann man der Titelgeschichte der Sammlung (die vom Umfang her bereits einer Novelle gleichkommt), "Die Komödie von Charleroi", auch ihre satirischen, manchmal sogar leicht surrealen Züge nicht abstreiten. Die Geschichte handelt von einem Ich-Erzähler der, seit Kriegsende mittlerweile, bei der wohlhabenden Madame Pragen als Sekretär arbeitet. Natürlich nicht aus purer Güte der Hausherrin. Der Erzähler war Kriegskamerad des Sohnes der Madame, Claude Pragen. Claude, von seiner Mutter förmlich in den Krieg gedrängt (jedoch mit viel Tatendrang seinen Pflichten in der Armee nachkam), gilt seit der Schlacht von Charleroi, einer Großstadt in Belgien, als vermisst. Mittlerweile sind 4 Jahre durch die Lande gezogen und Claude ist nicht wieder aufgetaucht vermutlich längst tot wenn man den Berichten ihres Sekretärs glaubt. Doch Madame Pragen ist sich sicher, ihr Claude muss noch leben. Gemeinsam mit ihrem Sekretär und großem Anhang besucht Madame am 01. Juli 1919 Charleroi, um der Sache selbst auf den Grund zu gehen. Bei der Rückkehr auf jenes Schlachtfeld von vor einigen Jahren erlebt der Erzähler der Geschichte noch einmal alles so, als hätten sich die seltsamen Ereignisse rund um die Schlacht von Charleroi gestern zugetragen.

Drieus Erzähler ist hierbei nicht immer wirklich vertrauenswürdig, was natürlich gewollt ist. Seine Erzählung wird gerne mal abenteuerlich, wird oft zum Protagonist eines Gefechts, furchtlos und durch den Kugelhagel sprintend. Doch schnell erkennt Drieus Erzähler, der viele autobiografische Elemente mit sich bringt, der Krieg war nie das, wie er ihn sich vorstellte. Desillusioniert und träumerisch ist der Erzähler seinen Dienst angetreten nur um bereits in der ersten Nacht bereits beinahe der Paranoia zu verfallen. Mit Humor aber auch Charme zieht Drieu seine Leser schnell in seinen Bann. Etwas ermüdend dagegen wirken leider die relativ furios beschriebenen Gefechte, die einen oftmals aus den herrlich schnippischen Bemerkungen des Erzählers werfen.

Insgesamt 6 Kurzgeschichten, alle von unterschiedlichem Stil, aber stets mit bekannter Thematik, erwarten uns. Da die Geschichten alle relativ komplex sind, habe ich mir vorgenommen, in dieser Besprechung ausschließlich auf die Titelgeschichte einzugehen, da diese auch den größten Umfang besitzt. Lasst euch aber nicht dadurch beirren, jede Kurzgeschichte im Band ist es auch wert, gelesen zu werden. Kommt man mit Drieus Stil aus der ersten Geschichte nicht zurecht, so wird man wohl aber auch leider keinen Zugang zu den restlichen Geschichten mehr finden. Ein Interesse für das Thema rund um den ersten Weltkrieg sollte vorhanden sein. Auch einiges an Ruhe sollte man mitbringen, wenn man sich "Die Komödie von Charleroi" vornimmt.

In gewohnt hoher Qualität liefert der Manesse Verlag hier eine schöne Hardcover-Edition ab. Der Inhalt ist es aber, der hier das Prunkstück ist. Das ganze ist nämlich eine deutsche Erstübersetzung. Und die kann sich sehen lassen. Verantwortlich dafür waren die beiden erfahrenen französisch Übersetzerinnen Andrea Springler und Eva Moldenhauer, die Drieus Texte in ein flüssiges, modernes Deutsch übertrugen.



Resümee

Belletristik aus der Zeit nach dem ersten Weltkrieg dürfte heutzutage weniger gefragt sein. Dies liegt daran, dass leider nach dem ersten verheerenden Krieg direkt ein zweiter folgte, der in seiner Relevanz natürlich noch ein wesentlich größeres Ausmaß an Zerstörung annahm. Sich aber mal mit der Literatur von Pierre Drieu La Rochelle auseinanderzusetzen war eine für mich mehr als interessante Erfahrung. Ob man nach "Die Komödie von Charleroi" Drieu als Mensch besser versteht, oder man sich noch weiter von der Sichtweise des Autors entfernt, diese Erfahrung muss natürlich jeder Leser oder Leserin für sich selbst machen. Es darf nicht verschwiegen werden dass Drieu die letzten Wege seines Lebens als Faschist und Antisemit bestritt. Davor jedoch war Drieu ein begnadeter Autor der französischen Literatur, der es schaffte, auf eine sehr beeindruckende art und weise das Leben der Veteranen zu beschrieben, die in ihre Heimat zurückgekehrt sind. Auch aus heutiger Sichtweise haben wir es hier noch mit sehr interessanter Literatur zu tun.

Mittwoch, 9. März 2016

Review: Escape from Tomorrow




Trailer





USA 2013

Escape from Tomorrow
Drehbuch und Regie: Randy Moore
Darsteller: Roy Abramsohn, Elena Schuber, Katelynn Rodriguez, Jack Dalton, Alison-Lees Taylor
Lauflänge: 90 Minuten
Genre: Indie-Horror, Satire
FSK: Frei ab 16



Zurück aus dem Winterschlaf und ich melde mich zurück mit einer Geschichte, über die ich am 13. September 2013 (es war ein Freitag) bereits einmal berichtete. Da habe ich über einen Film geschrieben, den es eigentlich gar nicht geben dürfte. Die Rede war damals wie heute von "Escape from Tomorrow", Randy Moores Indie-Horrorfilm der am glücklichsten Ort der Welt spielt: Disney World. Gefeiert auf dem Sidges Filmfestival, war aufgrund der angespannten Rechtslage nie so ganz klar, ob Escape from Tomorrow jemals von einem größeren Publikum bestaunt werden darf. Disney selbst ließ den Film jeodch, relativ überraschend, zufrieden, natürlich nicht aus Wohlwollen. Indirekte Werbung für das Walt Disney World Resort wird eine Sache gewesen sein, dem Film jedoch keinerlei Bühne zu geben, zum Gesprächsthema zu werden, vermutlich die entscheidende. Obwohl der Film mit Guerilla-Methoden in Disney World gefilmt, beinahe improvisiert gefilmt wurde, hätte Disney Moore und seine Crew rechtlich belangen können. Für das kleine Independent Projekt wäre dies gleichzeitig das Todesurteil gewesen. Disney forderte nichts, Disney schrieb keine Abmahnungen, Disney ignorierte den Film, jedoch gleichzeitig anzumerken, von der Existenz des Filmes zu wissen. Somit war der Weg frei für Randy Moores ungewöhnlichem Projekt.




Die Geschichte handelt von Familienvater Jim der gemeinsam mit seiner Frau und seinen beiden Kindern den letzten Tag eines gemeinsamen Wochenendes in Disney World verbringt. Der Morgen fängt für Jim bereits schlecht an. In einem Telefongespräch wird ihm mitgeteilt, dass sein Arbeitgeber ihn gefeuert hat. Der Familie will er an diesem letzten Tag im gemeinsamen Urlaub nichts mitteilen. Eine ungewisse Zukunft erwartet Jim, doch will er sich nicht mit den Sorgen des morgigen Tages befassen. Auf den Weg in den Park fangen die seltsamen Ereignisse an, ihren Lauf zu nehmen. Immer wieder kreuzen sich die Wege von Jim und zwei minderjährigen Französinnen, die in Jim euphorische Gefühle auslösen. Im Park selbst scheint Jims Psyche seinen Tribut zu zollen. Fernab von dem alltäglichem Leben, wird Jim von einer regelrechten Reizüberflutung übermannt und in den Fahrgeschäften von abscheulichen Halluzinationen heimgesucht. Die Grenzen zwischen Realität und Traum verschwimmen und Jim driftet in eine surreale Welt ab, die sogar seine Familie in Gefahr bringt.

Escape from Tomorrow ist komplett in Schwarzweiß gehalten. Der trostlose Filter trägt zur bedrückenden Stimmung bei. Besonders beeindruckend in Szene gesetzt ist der Verfall von Jim's Psyche. Es beginnt schleichend, nimmt aber immer abstrusere Ausmaße an. Die von mir erwähnte Reizüberflutung ist bei Disney-Filmen zum Beispiel nichts ungewöhnliches. Es kommt natürlich drauf an, wie empfänglich man für solche Emotionen ist. Diese Emotionen werden durch den Aufenthalt in einem solchen Freizeitpark (meistens noch gekoppelt mit Nostalgie) nur noch mehr beansprucht. Jim, aufgewühlt durch seine Kündigung, genervt von seiner prüden Frau und dem Alkohol gegenüber nicht ablehnend, bricht eine Sicherung heraus die ihn schlussendlich aus seiner eigenen Realität reißt und diese mit seltsamen Halluzinationen vermischt. Mit bescheidenden, limitierten Mitteln schafft Randy Morre es beeindruckend, seine surreale Szenerie umzusetzen. Kostspielige Sets hätte der Film auch gar nicht gebraucht, den er spielt bereits in einem furchtbar kostspieligen Set. Dies hat Moore vermutlich nicht mehr als eine handvoll Tagestickets für Disney World gekostet.

Ich hatte damals die Befürchtung, der Film hat vielleicht bereits im Trailer einen Großteil seines Pulvers verschossen. Bei meiner gestrigen, ersten Sichtung (seit dem Heimkino-Release 2015 geplant) war ich jedoch angetan, wie immer wieder neue, völlig wirre Ideen den Film bereicherten. Unverbraucht, provokant und fernab sämtlichen konventionellen Stilen hat Escape from Tomorrow einen bleibenden Eindruck bei mir hinterlassen. Man muss aber auch ganz klar sagen, es ist die zeitlose Disney-Magie, die diesem Film seine Einzigartigkeit verleiht. Escape from Tomorrow ist eine Mischung aus psychologischem Horror und Satire. Rein vom Ablauf her erlebt Jim einen klassischen Disney-Film. Alte Disney Trivias und Klischees wie Pädophilie und psychedelische Drogen dürfen dabei nicht fehlen. Der Horror, den Jim durchlebt, wird trotz der bedrückenden Stimmung stets durch einen sehr schwarzen Humor aufgelockert. Begleitet von einem ebenso stimmigen Soundtrack fällt dem Zuschauer nur selten auf, dass die Darsteller unerlaubt im Park einen Film gedreht haben. Das Disney-Setting und Moores Idee passen ziemlich gut zusammen.





Fazit

Escape from Tomorrow ist ein einzigartiger Film gemacht für eine relativ spezielle Zielgruppe. Ohne Frage ist Randy Moores Projekt angeeckt und dürfte bei nicht wenigen Zuschauern auf die eine andere runzelnde Stirn oder ein fragwürdiges Gesicht gestoßen sein (oder gar schlimmeres). Aber egal was man seinem Film auch vorwerfen mag, so wird man am Ende immer zu der Auffassung kommen, etwas gesehen zu haben, was man vorher noch nicht gesehen hat. Es ist beinahe schon unheimlich zu sehen, wie gut sich ein so surrealer Albtraum mit klassischen Disney-Elementen vermischt und sogar in den Disney-Kanon passen würde (vermutlich ein Grund, wieso Escape from Tomorrow in der offiziellen Enzyklopädie-Disney sogar erwähnt wird). Escape from Tomorrow wird seinen Platz als Kultfilm trotz einiger Kontroversen in den kommenden Jahren vermutlich einnehmen. Ein bisschen zu unbeachtet, aber genau richtig um diesen Horrortrip durch den fröhlichsten Ort unserer Welt einen echten Geheimtipp nennen zu dürfen.