Archiv: Rezensionen zu Literatur und Film

Mittwoch, 16. September 2026

Rezension: Der stets verlorene Kampf (Michel Houellebecq)

 



Frankreich 2026

Der stets verlorene Kampf
Originaltitel: Combat toujours perdant
Autor: Michel Houellebecq
Übersetzer: Stephan Kleiner
Verlag: DuMont
Genre: Gedichte
Veröffentlichung: 15.09.2026 



"Nun liegen wir ausgestreckt auf dem unerbittlichen Boden,
Kalt wie eine Autopsie und flach wie ein Tisch,
Wir haben alle Mittel ausgeschöpft
Und hoffen nicht mehr auf Erbarmen oder Errettung,
Erdrückt vom Himmel, an dem die Geier kreisen,
Warten wir dennoch auf den undenkbaren Befreier"
(Auszug aus "Die alte Römerstraße")


Michel Houellebecq wurde besonders außerhalb seiner Heimat Frankreich, wo er nie so kritisch und kontrovers beäugt wurde wie im restlichen Teil Europas, als "Kind des Schreckens" der Literatur stigmatisiert. Vieles davon geht auf den Roman "Plattform" zurück, wo Sextourismus und explizite Sexszenen zwar ein zentrales Thema waren, aber der Roman deutlich mehr war als ein Literatur-Porno, zu dem er gerne fälschlicherweise degradiert wird. Auch mit seinem Roman "Unterwerfung" und damit verbundenen tragischen Ereignissen zu einer Zeit, als dieses Buch erschienen ist, wurde kontrovers über Houellebecq diskutiert. Er selbst äußerte sich in seinen seltenen Auftritten darüber immer relativ entspannt, dass seine Kritiker und Fans sich mehr oder weniger ihren eigenen Houellebecq bauen dürfen, er sich aber niemals verbiegen lässt. Michel Houellebecq schreibt über das, worüber er gerne schreiben möchte und erzählt die Geschichte, die er gerne erzählen möchte. Es ist ganz einfach und überraschend weniger kontrovers, wie der Autor Michel Houellebecq gerne dargestellt wird.

Ich lese ihn nun seit sehr vielen Jahren und ohne irgendwelche weiteren Zweifel gehört Michel Houellebecq für mich zu den wichtigsten zeitgenössischen Autoren, der sich in meinem persönlichen Rankings zu Namen wie Haruki Murakami und Karl Ove Knausgård gesellt (und irgendwo dazwischen noch Heinz Strunk). Dass diese Art von Literatur heutzutage vielleicht noch mehr aneckt und vermutlich gerne sogar bissig entgegengenommen wird, überrascht mich als Freund der Weltliteratur jedoch nicht. Diese Autoren sind wichtige Stimmen für unsere Gegenwart. Wenn sie das ohne kritische Gegenstimmen alles so auf das Papier bringen würden, würden sie ihren Beruf wohl nicht korrekt ausüben.

In "Der stets verlorene Kampf" widmet sich Michel Houellebecq der kompakten Literatur - Gedichte und kleinere Texte, 38 an der Zahl und verteilt auf etwas über 100 Seiten. Und ganz selten hatte ein Buch in so kurzer Form schon einmal so viel zu erzählen wie eben dieser Gedichtband. Die Texte sind allgemein von einer ungeheuren Bildsprache umgeben, geziert von Metaphern und Allegorien. Sie haben einen surrealen Touch und nehmen gerne mal Ansätze von kosmischen Horror an ("Und die Herzbeutel lösten sich auf und entblößten den Kern des unbekannten Wesens. Des zentralen, paradiesischen Wesens." Auszug aus "In einem orientierungslosen Land). Letzteres ist gar keine so große Überraschung, gilt H.P. Lovecraft als eine große Inspiration für Houellebecq, wieso er mit dem schreiben angefangen hat ("Gegen die Welt, gegen das Leben."). Doch immer versteckt sich in diesen kurzen Gedichten, in dieser Ausgabe zweisprachig abgedruckt (auf der linken Seite das französische Original, auf der rechten Seite die deutsche Übersetzung), auch unsere Gegenwart. Unsere Sorgen, Ängste und ganz alltägliche Gedanken.


"Wir legen uns ans Ufer des Flusses,
Verloren in nutzlosen Träumen,
Und warten darauf, dass der Tod herabregnet
Wir suchen nach ein paar Sinnesfreuden
Und warten auf die Gegenprobe"
(Auszug aus "Verloren in nutzlosen Träumen")


Man könnte meinen, die Texte seien pessimistische Alltagsbeobachtungen. Und man würde mit der Behauptung nicht einmal falsch liegen. Pessimistische Beobachtungen in einer pessimistischen Welt und Houellebecq als unheilvoller Überbringer dieser Beobachtungen. Damit wird er ja dann auch irgendwie wieder seinem Stigma gerecht und beschenkt wieder gleichermaßen Kritiker und Fans.

Doch das Buch besteht nicht ausschließlich aus Gedichten. Houellebecq berichtet in einem Abschnitt auf seine typisch trocken humoristische Art über die Schönrederei von Immobilienmaklern. Hier wird wieder enorm deutlich, mit wie viel Sarkasmus der Autor unter anderem auch an solche Texte herangeht.


"Der stets verlorene Kampf" ist allen voran für Kenner von Michel Houellebecq eine wundervolle Sammlung wundersamer Texte, die man lesen und immer wieder lesen kann, ohne sie jedoch komplett entschlüsseln zu können. Eine Art, die er nach wie vor wie kaum ein anderer beherrscht. Houellebecq sagt viel und doch so wenig. Egal ob das nun lange Romane oder kurze Gedichte sind. Die Texte spiegeln wie immer auch Houellebecq selbst wider. Ein Mann weniger Worte, nicht leicht zu durchschauen und vermutlich ist er dennoch amüsiert über uns alle, was wir in seine Texte so hineininterpretieren. Es sei ihm allemal vergönnt.


Rezension: Aufziehvogel