Archiv: Rezensionen zu Literatur und Film

Mittwoch, 19. Januar 2022

Rezension: Shepard of Sins (Martin Gancarczyk)

 




Deutschland 2021
Shepard of Sins
Autor: Martin Gancarczyk
Verlag: Selbstverlag
Format: eBook, Taschenbuch
Genre: Urban Fantasy


So, meine Lieben, dieses Mal ein vielleicht ungewöhnlich ernster Start: Ich bin hier nicht die Hausherrin, aber dennoch nehme ich mir an dieser Stelle heraus, vorab eines klar zu stellen: Anfeindungen, Angriffe, Homophobie und was auch immer bestimmten Menschen noch so einfällt, haben hier nichts und zwar absolut GAR NICHTS verloren! Wer keine Lust hat, quere Bücher (verständlich für alle auf das Einfachste heruntergebrochen: Jede_r kann Jede_n lieben) zu lesen: Kauft sie nicht. Wer keine Lust hat, einen Blogbeitrag darüber zu lesen: Weiterscrollen zum nächsten Eintrag. Wer meint, stänkern zu müssen: Bitte (habe ich wirklich „bitte“ gesagt? Höflich – kann ich) entferne Dich einfach von diesem Blog.

Damit geht es nun aber richtig los. Mit „Shepard of Sins“, einem deutschen Titel, nicht verwirren lassen, liefert Martin Gancarczyk meinen ersten Favoriten des Jahres 2022 – erschienen zwar im Dezember 2021, aber gelesen habe ich es erst am zweiten und dritten Januar als erstes Buch in 2022. Schlaf wurde überbewertet, obwohl ich zugeben muss, dass ich vorher schon immer mal ein wenig im eBook gelesen habe. Die Messlatte für mein Buchjahr 2022 liegt damit hoch.

Warum? Verrate ich Euch gleich. Vorher muss ich mich in aller Form bei Martin Gancarczyk beschweren! Was haben wir getan, um so ein Ende zu verdienen? Die Bezeichnung „Cliffhanger“ ist dafür noch sowas von untertrieben! Kennt Ihr das Lied „Habgier und Tod“ von Saltatio Mortis (reinhören, lohnt sich)? Dann stellt Euch mich als Zombie vor, der statt „Braaaaaiiiiiiiiins“ immer wieder den Refrain murmelt: „Ich will meeeehr! […] Gib mir meeeeehr!“ 

Ich meine, das … das geht doch einfach nicht. Einfach vorbei, nach gerade mal 400 Seiten? Nein, schämen sollte er sich! 

Ja, das war Sarkasmus, auch wenn das Buch für meinen Geschmack auch problemlos doppelt so dick hätte sein können. Beim Lesen ist man in einer ganz eigenen persönlichen Zeitblase, man fängt zu lesen an und plötzlich, gerade mal fünf Minuten später, fällt der Blick auf die Seitenzahl, nur dass da nicht eine um fünf Seiten, oder wie schnell auch immer man liest, höhere Seitenzahl steht, sondern eine um zweihundert Seiten höhere. Upsi.

Bevor ich zum eigentlichen Inhalt komme, etwas zur Gestaltung vorneweg. Never judge a book by its cover, das gilt nicht nur im metaphorischen Sinne, sondern auch für richtige Bücher. Trotzdem ist es natürlich so, dass interessante oder auffällige Cover den Blick schneller anziehen als das dreihundertfünfundneunzigste Cover einer Frau aus der viktorianischen Zeit, wie sie in die Ferne in die Landschaft oder über das Meer blickt (gilt aber da selbstverständlich auch, da sind auch tolle Bücher dabei). „Shepard of Sins“ ist einer dieser interessanten Fälle. Es ist nicht hell und es ist nicht dunkel, es beobachtet Dich und schaut gleichzeitig durch Dich hindurch, es zieht geradezu den Blick auf sich und lenkt ihn doch an keine bestimmte Stelle. Dieses Vorhandensein von Gegensätzen findet sich übrigens auch im Inhalt das eine oder andere Mal wieder, so wie die Motte und die Schmetterlinge auf der Rückseite. Persönlich mag ich außerdem goldene Töne nicht so gerne wie silberne, ich ziehe normalerweise eine Gestaltung mit silbernen Akzenten immer vor, auch weil Gold oft zu überladen wirkt. Hier ist sogar der Schnitt goldfarben besprüht (vom Autoren selber, er hat sich wirklich hingestellt und hat alle diese vorbestellten Bücher von Hand eingesprüht, find ich richtig cool) aber irgendwie ist es genau richtig, das passt wie Arsch auf Eimer (sorry, wie die Faust auf’s Auge … ach, lassen wir das, wird nicht besser). Ich hab’s jedenfalls selbst jetzt beim Schreiben neben mir liegen und schaue es immer wieder an.




Die tolle Gestaltung setzt sich auch im Innern fort. Der Einband hat zwei tolle Illustrationen bekommen und alle Seiten sind am unteren Rand unaufdringlich aber prägnant gestaltet. Das gilt ebenfalls für Kapitelanfänge und die Episoden, wenn der Protagonist Nicolas Schäfer träumt, obwohl sie nicht zu übersehen sind. Von so einem Kapitelanfang, recht zu Beginn, wegen Spoilern und so, habe ich Euch ein Foto mitgebracht und versucht so viel wie möglich von der restlichen Gestaltung mit drauf zu packen: Die anderen Kapitel sind übrigens „normal“, schwarze Buchstaben auf weißem Grund, gehalten. Hier seht ihr alles in einem Bild. Im eBook geht das leider weitestgehend verloren, das sollte eBook-Fans aber nicht vom Kaufen und Lesen der digitalen Version abhalten. Schließlich geht es in erster Linie („endlich hört die Alte auf, immer drumrum zu labern“, werden sich einige wohl schon denken) um den Inhalt.

Wir befinden uns im Hamburg des Jahres 2022, da wir uns hier aber in Richtung Urbanfantasy mit ein paar Cyberpunk-Einsprenklern bewegen, ist es nicht unser bekanntes Hamburg sondern das der Neuen Weltordnung. Diese besteht seit 2000, als die Schattenwesen die Herrschaft übernommen und die ihnen unterlegenen Menschen von der Spitze der Evolution vertrieben haben. Die Menschen werden als schwach angesehen, belächelt, stehen sogar in Europa unter Naturschutz. Hamburg selbst, die neue Hauptstadt in diesem Europa der Neuen Weltordnung, ist explosionsartig gewachsen, vor allem ist es dabei in die Höhe expandiert und in sogenannte City-Level aufgeteilt, wobei City-Level 0 das am Boden gelegene ursprüngliche Hamburg bezeichnet.

Mitten in dieser Welt lebt Nicolas Schäfer. Ein Paracog (ja, den Wortwitz bekommt Ihr recht zu Anfang auch um die Ohren geknallt, ich schenke ihn mir daher an dieser Stelle, und egal wie flach der ist, ich fand ihn gut), also ein Mensch, der Magie wirken kann, und zugleich der Schäfer der Sünden (Achtung, da kommt der nächste Wortwitz angeflogen, ducken!). Ich will gar nicht zu viel vorweg nehmen, er ist jedenfalls jemand, der sich die Erinnerungen anderer einverleiben kann und diese dann im Traum durchwandert. Eigentlich eine ziemlich coole Sache, diese ganze Schäfer der Sünden-Geschichte kommt noch mit weiteren tollen Extras daher, aber sie hat auch ihre Schattenseiten. Erfahrt Ihr aber alles, wenn Ihr das Buch lest, das kann ich gar nicht dem ursprünglichen Inhalt und Hintergrund gerecht werdend auf ein paar Zeilen herunter brechen.

Nic zur Seite stehen drei Dobermänner, Wandler, die in ihrer menschlichen Gestalt reichlich pubertär und in ihrer tierischen sehr instinktgesteuert daherkommen, die aber dennoch zu Nicolas‘ besten Freunden zählen, ihn mit ihrem Leben beschützen würde und wenn sie wollen auch Vollprofis sind. Zu allem Überfluss wohnen die vier übrigens zusammen, gemeinsam mit Aiden, der der Sohn vom Schäfer der Sünden und … naja, einer anderen sehr wichtigen Person ist. Werdet Ihr früh genug erfahren, wahrscheinlich auch erstmal genervt sein, dann schwanken zwischen „hey, eigentlich ist der ja doch ganz cool“, „Nic, ich halte ihn fest, dann kannst Du ihm ein paar auf’s Maul geben“ und „Waaaaaaaaas?“ und kompletter Verwirrung.

Da gibt es aber noch weitere ziemlich coole Charaktere, wie beispielsweise Nics beste Freudin Sal, eine Sirene und Diebin, die Waffen vermutlich etwas zu sehr liebt und – erst sehr spät auftauchend aber direkt zu einem meiner Lieblinge emporgestiegen – Wilma bzw. Delphi. Wie in das Orakel von Delphi, ja, und die im Körper von Wilma lebt und eigentlich, zumindest nach eigener Aussage, bedient sich Wilma der Fähigkeiten des Orakels und ist sie selbst. Ist aber eigentlich auch egal, denn die alte Dame – immerhin ist Wilma 180 Jahre alt – hat eine diebische Freude daran, ihre Freunde etwas zu spät vor kleinen Missgeschicken wie verschüttetem Kaffee zu warnen. Ebenfalls super sind Wish und Alexis, zwei Häuser, die überall und nirgends existieren und verdammt alt und manchmal verdammt launisch sind. Wish ist ein Markt, wo einfach alles zu finden ist, während Alexis quasi die Bibliothek zu Alexandria ist aber so ganz nebenbei auch alles andere, das jemals geschrieben wurde, beinhaltet. Ihre Rivalitäten bringen dabei stets frischen Wind in die alten Gemäuer.

Da gibt es noch mehr, aber das sind die Wichtigsten, und irgendwie halten sie alle zusammen, helfen einander, können sich aufeinander verlassen. Sie haben nämlich einen irrwitzigen Plan: In die bestgesicherte Bank einzubrechen und die bestgesicherten Geheimnisse, die Geheimnisse von Europa, aber auch die über Nics Vergangenheit zu klauen. Dadurch werden sie zur Zielscheibe ganz anderer Mächte und Organisationen und finden sich nicht nur einmal in Lebensgefahr wieder.

Gewürzt wird das Ganze mit viel Humor und flotten Sprüchen. Besonders auf die Sprache der Charaktere bezogen ist mir aufgefallen, dass sie realistisch sprechen, womit ich nicht nur das Fluchen meine. Viele Autoren und Autorinnen neigen dazu, auch ihre Figuren eher eine geschriebene Sprache sprechen zu lassen, korrekte Zeitformen und umgangssprachlich seltenst genutzte Wörter inklusive. Ich glaube, dass es eine Kunst für sich ist, die Charaktere natürlich klingen zu lassen ohne dabei zu sehr ins Umgangssprachliche abzudriften aber es eben dennoch zu schaffen, auf diesem schmalen Grat zu bleiben anstatt vor lauter verkniffener Mühe ins Konstruierte und ins gestellte Sprechen zu stürzen. In diesem Fall: Kunststück geglückt, ich bin begeistert.

Die Charaktere selbst sind toll beschrieben, sie haben Tiefe und werden lebendig. Bei ihnen allen verbirgt sich unter der Oberfläche und unter dem ersten Eindruck viel mehr, sie alle haben ihr eigenes Päckchen zu tragen. Das gilt natürlich vor allem für Nicolas, der bald an seiner eigenen Vergangenheit zu zweifeln beginnt. Auch die Dynamik zwischen den Charakteren ist super beschrieben, Verwicklungen, Entwicklungen und Probleme inklusive. Das fügt sich gut in die gesamte Geschichte ein. Viel zu oft ist soetwas zu gewollt, dann müssen Autoren oder Autorinnen unbedingt ein Liebesdrama einfügen und es wirkt einfach nur aufgesetzt, konstruiert. Das ist hier definitiv nicht der Fall, es gehört einfach zu der gesamten Geschichte dazu, es ergänzt sie.

An der Stelle kann ich jetzt auch den Bogen zum Einstieg zurück schlagen. Bei Martin Gancarczyk ist vollkommen egal, ob ein Mensch oder eines der vielen verschiedenen Wesen, ob weiblich oder männlich oder non-binary (haben wir hier nicht, soweit ich es überblickt habe), das alles spielt keine Rolle, Jede_r kann sich in Jede_n verlieben, eine Beziehung eingehen, Sex haben, völlig egal wer das ist.

Dem Autoren selber ist Diversity ein großes Anliegen, das vertritt er und dafür setzt er sich ein, er ist, wie er selber deutlich macht, laut, offen und engagiert. Dafür und für das Aufgreifens dieses Themas in seinen Büchern wurde er bereits angefeindet und beleidigt und dennoch – oder vielleicht gerade deswegen – tritt er weiter dafür ein. Davor ziehe ich meinen virtuellen Hut und verweise diejenigen, die es bis hierher zu lesen geschafft haben, auf die Social-Media-Kanäle des Autors (gebt einfach seinen Namen in die jeweilige Suche ein), wo er über Diversity, sein Autorenleben, seine Bücher aber auch über andere Bücher schreibt. Es lohnt sich auf jeden Fall und ich habe den Eindruck, dass er ein ziemlich cooler Typ ist, der zudem auf dem Teppich bleibt. Denn „Shepard of Sins“ geht jetzt im Januar direkt in die zweite Auflage, ist nämlich bis auf einige Restexemplare ausverkauft. Das, besonders im Selfpublishing, spricht für sich und ich denke, das kann ich so stehen lassen.



Abschließende Gedanken

Wie ich bereits sagte, die Messlatte liegt hoch. Sehr hoch. Dass Bücher mich in einem Maße begeistern und fesseln wie „Shepard of Sins“ es getan hat, kommt selten vor. Ich habe zwar böse Vorahnungen in Bezug auf einige Charaktere im weiteren Verlauf der Geschichte, aber da muss ich durch und das wird mich auch nicht aufhalten, den nächsten Band sobald das angekündigt und möglich sein wird, vorzubestellen. Dieser hier war übrigens auch vorbestellt, da bestand die Wahl verschiedener Paketgrößen, die unterschiedliche Extras umfassten. Es war unglaublich liebevoll verpackt und ich mochte das Buch erst gar nicht aus seiner Schutzverpackung holen.

Aufmerksam wurde ich auf Martin Gancarczyk übrigens dank einer in Social Media aufploppenden Werbung, da ging es um „Cold Blooded“. Auch sehr lesenswert, wer es noch nicht kennt, kann es direkt im Anschluss an Shepard of Sins lesen oder vielleicht sogar vorweg, da sich einige Querverweise finden lassen und beide Bücher in derselben Welt, wenn auch einmal in Europa und einmal in Amerika spielen. Denn eine Leseempfehlung spreche ich hier ganz klar aus. Aber auch eine Warnung: „Shepard of Sins“ macht wahnsinnig süchtig, das Warten auf den nächsten Band wird eine Herausforderung werden.
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Rezension: Lavandula


Lavandula gehört zum Kult der Bibliophilen und ist neben dem Studium selbst immer mal wieder als Autorin unterwegs, sofern die Zeit es zulässt. Ungefähr in einem Spektrum wie die Zeitsprünge in "Lumera Expedition: Survive" versuche ich sie bereits für einen Beitrag auf "Am Meer ist es wärmer" zu gewinnen. Ich hoffe, mit ihrem frischen Schreibstil wird sie den Blog noch häufiger bereichern.

Montag, 3. Januar 2022

Rezension: Prion - Lumera Expedition 5 (Jona Sheffield)






Deutschland 2021

Prion – Lumera Expedition 5
Autorin: Jona Sheffield
Verlag: Selbstverlag
Format: eBook, gebundene Ausgabe
Genre: Science-Fiction


Kennt ihr das? Ihr stoßt eher zufällig auf ein interessantes Thema, ein Buch, einen Film, ein Spiel. Ihr schaut es euch kurz an. Und dann, ehe ihr es euch verseht, umfängt es euch und lässt euch nicht mehr los. So ging es mir mit Lumera. Umso besser also, dass Jona Sheffield mit „Prion“ erneut Nachschub geliefert hat. Und auch ein weiterer Band, „Syndikat“, soweit ich das verfolgen konnte, quasi fertig ist und demnächst erscheinen wird. An dieser Stelle dürft ihr mich übrigens teeren und federn, ich habe nämlich wieder mal verdammt lange gebraucht für diese Rezension – gelesen ist das Buch ruckzuck, mal in der Bahn ein paar Seiten, vorm Schlafgehen ein paar, aber im „echten Leben“ steppt der Bär und da ich diese Rezension nicht einfach runtertippen, sondern ihr die verdiente Zeit einräumen möchte muss ich nun Abbitte leisten.

Doch zurück nach Lumera. An anderer Stelle hatte ich bereits einmal erwähnt, dass ich es spannend finde, dass das ganze Thema nicht mit dem Ende der Trilogie abgeschlossen ist und Friede, Freude Eierkuchen herrscht. Das wäre es in der Realität auch nicht – ich meine, wir sehen allein an unserer eigenen Geschichte doch schon, dass wir nicht einfach ein neues Gebiet besiedeln können und nachdem wir ein viel länger schon dort lebendes Volk entdecken mit diesem einträglich in Frieden leben können. So ähnlich verhält es sich mit den der Lumera-Trilogie nachfolgenden Bänden: Zwist zwischen den Völkern, politische Verwicklungen, Fragen nach der aufzubauenden Infrastruktur, aber auch das Leben der ärmeren Bevölkerungsgruppen, wo der Drogenhandel blüht.

Ihr merkt schon, was ich so kurz zusammenzufassen versuche, lässt sich eigentlich gar nicht in einen oder zwei Sätze pressen. Und das liegt nicht nur an mir, sondern an der unglaublichen Komplexität und Tiefe, die Jona Sheffield wieder einmal geschaffen hat. Sie erzählt von so vielen unterschiedlichen Charakteren – sowohl alten Bekannten als auch von neuen. Sie erzählt ihre Geschichten, gibt ihnen Tiefe, Leben, und zugleich hängen alle diese einzelnen Schicksale auf oft unvorhersehbare Art zusammen.

Ich persönlich bin ja, nachdem Jona Sheffield einen echten Game of Thrones-Moment geschaffen und eine meiner anderen liebsten Figuren einfach ausradiert hat, ein riesen Fan von Radascha, der Königin der Kidj’Dan. In „Prion“ wird auch über sie und ihre Beweggründe mehr erzählt, mehrere Kapitel sind aus ihrer Sicht geschrieben. Das gefällt mir sehr, andererseits wird damit ein weiterer möglicher Konflikt angedeutet. Zwei sogar, aber nur einer davon findet bereits in diesem Band ein Ende. Das macht direkt wieder Lust auf mehr, auch wenn ich mir eigentlich Frieden zwischen Kidj’Dan und Menschen wünschen würde.

Zur Handlung will ich gar nicht zu viel sagen. Nach wie vor kommen immer mehr Menschen zum Portal, wollen nach Lumera, allerdings haben die Kidj’Dan die Kontrolle über das Portal, lassen nur wenige Menschen hindurch. Zugleich sehen die Menschen auf Lumera sich mit der Frage konfrontiert, wie sie die Menschen in die sich im Aufbau befindliche Stadt schaffen sollen, da sich der Landweg als sehr gefährlich erwiesen hat. Die Lösung: Ein weiteres Portalpaar muss her, doch mit den Raumarchen ist das ein hoffnungsloses Unterfangen, weshalb die Menschen die Kidj’Dan um Hilfe bitten müssen, da diese über ein Raumschiff mit einem Antrieb verfügen, der die Flugzeit auf einen Sprung verkürzt.

Da Radascha eigene Pläne verfolgt, gewährt sie die Hilfe überraschend, sodass sich eine Gruppe aus Menschen und Kidj’Dan auf den Weg macht. Doch wer kann wem trauen? Zudem wartet auf dem Raumschiff, auf dem sich die Portale befinden, eine ganz andere tödliche Bedrohung, die das gesamte Blatt wenden kann.

Auch für „Prion“ gilt ganz klar: Lesen, lesen, lesen! Ich denke, dieser Band könnte sogar ohne die vorangegangenen Bände gelesen und verstanden werden, allerdings sind die vorangegangenen Bücher zu gut, als dass man sie ignorieren sollte, daher mein Rat, wenn ihr Lumera noch nicht kennt: Fangt mit „Lumera Expedition – Survive“ an und lest sie der Reihe nach, sonst entgeht euch viel zu viel. Die weiteren Bände zu lesen, wieder nach Lumera aufbrechen zu können, ist jedes Mal ein bisschen, wie nach Hause zu kommen. Ein wenig schwingt zwar die Sorge mit, wann das Potential ausgeschöpft ist, denn es wird der Punkt kommen, an dem man trotz wundervoller Ideen nichts mehr zu erzählen haben wird, an dem die Leser sich nicht mehr abholen lassen, weil sie sich überladen und vielleicht von dem Thema gelangweilt fühlen. Allerdings ist das mit „Prion“ definitiv noch nicht der Fall und ich vertraue auf Jona Sheffield, dass sie erkennt, wann der Zeitpunkt zum Absprung gekommen ist – bis dahin hoffe ich auf viele weitere spannende Erzählungen von Lumera. Vielleicht sogar, aber das ist vermutlich Wunschdenken, im Stile des genialen Darkover-Zyklus von Marion Zimmer Bradley (es tut mir leid, Leute, ich muss an dieser Stelle einfach rumnerden – ich habe damals den gesamten im Handel verfügbaren Darkover-Zyklus auf einmal bestellt und aus der Buchhandlung getragen, was der Verkäuferin ein fassungsloses Kopfschütteln entlockte, und es geradezu verschlungen): Hier erfolgt, direkt nach Band 1 allerdings, ein gewaltiger Zeitsprung; Bruchlandung, keine Aussicht auf Rettung, Erkundung des neuen Planeten, Besiedelung, das ist in etwa dieser Band, nur damit Band zwei viele viele Jahre in die Zukunft springt. Mit anderen Worten: Ich möchte wissen, was aus Lumera wird oder vielmehr werden wird, da momentan zeitlich alles sehr dicht beisammen ist. Und dass Jona Sheffield durchaus zwei weit auseinanderliegenden Zeitstränge parallel erzählen und wunderbar verknüpfen kann, hat sie längst bewiesen.



Abschließende Gedanken


Aber bis dahin – oder auch nicht, dann eben bis zum Erscheinen weiterer Bände – hilft es auch, die bereits erschienenen Bücher das ein oder andere Mal erneut zu lesen. Also, ihr Lieben, Weihnachten ist vorbei, also schlage ich vor, dass ihr euer Weihnachtsgeld von Eltern, Verwandten oder Freunden sinnvoll einsetzt: Gönnt euch „Prion“ oder falls noch nicht vorhanden am besten direkt die gesamte Lumera-Reihe. Ihr werde es nicht bereuen, euch erwarten auch in diesem Band wieder Unterhaltung, Tiefgang, Verwicklungen und Intrigen und ihr werden bangen und hoffen, den Kopf schütteln, vielleicht in hilfloser Wut die Fäuste ballen – denn wen Lumera einmal packt, den lässt es nicht mehr los.

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Rezension: Lavandula



Lavandula gehört zum Kult der Bibliophilen und ist neben dem Studium selbst immer mal wieder als Autorin unterwegs, sofern die Zeit es zulässt. Ungefähr in einem Spektrum wie die Zeitsprünge in "Lumera Expedition: Survive" versuche ich sie bereits für einen Beitrag auf "Am Meer ist es wärmer" zu gewinnen. Ich hoffe, mit ihrem frischen Schreibstil wird sie den Blog noch häufiger bereichern.

Freitag, 31. Dezember 2021

Meercast Episode 4: Heaven von Mieko Kawakami

 




Was lange währt, wird nicht zwangsläufig gut. Der Start in mein neues Meercast-Format ist ein wenig ruppig verlaufen und der einzige Grund, wieso ich die Episode nun doch veröffentlicht habe ist vermutlich ein Vorsatz, an dem ich mich in meinem Jahr 2021 als Blogger geklammert habe, in diesem Jahr doch noch eine Episode zustande zu bringen. Das Endergebnis ist ein kieseliges Reboot mit Überlänge. Bereits seit einigen Jahren habe ich meine eigene Variante eines Podcasts geplant und es gab mit der Präsentation zur Gesamtausgabe von Erdsee, der Gesamtausgabe des Herrn der Ringe und der Besprechung der Neuauflage des Aufziehvogels von Haruki Murakami schon 3 Ausgaben des Meercasts. Der neue Meercast soll häufiger erscheinen und verschiedenste Themen abdecken, über die ich gerne plaudern möchte.

In Folge 4 wollte ich mir einen Titel vornehmen, der mich ausgesprochen gut gefallen hat und die dazugehörige Rezension der meistgelesene Artikel im Jahr 2021 auf "Am Meer ist es wärmer" war. In Folge 4 des Meercast spreche ich über das neue Format und plaudere anschließend über den Roman von Mieko Kawakami. Da ich hier mit neuem Equipment gearbeitet habe, wirkt alles noch etwas ungeschliffen. So gibt es kleinere Tonsprünge, hörbares Klicken der Maus sowie eine zu laute Hintergrundmusik gegen Ende. Technische Probleme sind somit vorab zu entschuldigen.

Wenn ihr das Video direkt anklickt, findet ihr in der YouTube-Beschreibung zudem Zeitstempel, mit denen ihr euch durch das Video navigieren könnt.

Der Aufziehvogel stottert sich in das neue Jahr 2022! Mit diesen Worten möchte ich allen Lesern und Leserinnen von "Am Meer ist es wärmer" einen entspannten Jahresausklang wünschen. Kommt gut ins neue Jahr und stottert euch bitte nur mit einem guten Schluck rein, um das furchtbare Jahr 2021 ordentlich weg zu spülen!


-Meercast Episode 4 enthält erhebliche Spoiler zum Buch "Heaven"-


Sonntag, 19. Dezember 2021

Special: Durchgeschaut und durchgelesen - Das ABC der Videospiele (Gregor Kartsios)

 



Deutschland 2021

Autor: Gregor Kartsios
Erscheinungsdatum: 21.10.2021 beim Lappan Verlag
Format: Hardcover, E-Book
Genre: Sachbuch



Obwohl es Videospiele seit einigen Jahrzehnten gibt, so ist das Fachgebiet immer noch relativ jung. In kaum einer anderen Industrie für Unterhaltungsmedien gab es in den vergangenen 30 Jahren solch technische Sprünge wie in der Videospielindustrie. Dies ruft wiederum ganz spezielle Historiker auf den Plan: Videospiel Historiker oder Gaming Historians sind mittlerweile fest verankert auf YouTube oder auch in der Literatur. Besonders via Kickstarter haben hier so manche Historiker der virtuellen Medien ihr literarisches Projekt realisiert. In den vergangenen 10 Jahren waren Videospiele kein großes Thema auf "Am Meer ist es wärmer", aber es ist ein Hobby, welches mich noch länger begleitet als Literatur und Filme. Ich bin mehr oder weniger mit einem NES-Controller in der Hand geboren. Gut, eine kleine Übertreibung aber meine Eltern schafften sich circa 1991 ein NES an, ich war also ungefähr 4 Jahre alt, als ich das erste mal Super Mario Bros. und Zelda spielte. Die Liebe zum Medium war eine heiße Flamme, die bis heute nicht verglüht ist, obwohl die Branche alles dafür tut, diese Flamme zu löschen.

Im deutschsprachigen Raum sieht es hier, was Videospielhistorie angeht, ein wenig mauer aus. Aber es gibt hier ein Kleinod, welches ich, nachdem ich etwas ausgeholt habe, gerne hervorheben möchte. Vom Alter her gehöre ich zur Giga-Generation, bin aber in diesen Kosmos erst mit dem Ableger GIGA Games eingestiegen. Die Jungs, die dort täglich 2 Stunden live über Videospiele berichteten, wurden zu guten Freunden, die ich nie persönlich kennengelernt habe. Dann kam der Moment, als der Vermieter NBC Europe aus dem Kabelprogramm geschmissen hat und somit für über 3 Jahre GIGA TV nicht mehr empfangen konnte. Als der Sender dann wieder ins Kabelfernsehen zurückkehrte, konnte diese Freundschaft nicht neu entfacht werden, da bereits ein Teil des Teams den Sender verlassen hatte. 2006 startete auf MTV das Format Game One welches von 2006-2014 lief und es auf stolze etwas über 300 Episoden brachte. Game One wiederum bestand aus Mitgliedern des GIGA Games Kernteam. Eine Sendung, die auch in meinem Freundeskreis wieder recht beliebt war. Und bis zum heutigen Tage habe ich keine einzige Folge Game One gesehen. Als 2015 dann der Online-TV Sender Rocket Beans als eine Art geistiger Nachfolger zu Giga Games und Game One startete und ein langjähriger Freund mich darauf aufmerksam machte, wurde die alte Liebe doch wieder entfacht. Die Jungs von damals waren zurück, deutlich älter, genau wie ich selbst, aber sie waren es, unverkennbar. Da ich Game One nie geschaut habe, kannte ich viele der Formate, Mitarbeiter und Insider nicht. Und ich hatte zu dem Zeitpunkt absolut noch keine Ahnung, wer Gregor Kartsios war, der bereits bei Game One öfter zu sehen war und größtenteils redaktionell hinter der Kamera stand.

Es dauerte aber nicht lange, bis ich den Autor des hier präsentierten Buches über Rocket Beans besser kennenlernen konnte, er war nämlich auf einmal in verdammt vielen Shows zu sehen. Und hier kommt nun das Kleinod ins Spiel, von dem ich gerade schon berichtete. Der Retro Klub. Ich denke anhand des Namens muss ich das Format nicht groß erklären, aber tue es dennoch. Der gute Gregor moderiert hier im Alleingang oder auch mal mit Gästen eine Show über alte Videospiele. Und da ich ein Nostalgiker bin, war diese Show genau das richtige für mich. Der Retro Klub (Link führt zur offiziellen YouTube Playlist) läuft nun auch schon seit 2015 und wird auch seit der großen Rocket Beans Umstellung von November 2021 noch immer produziert. Ein weiterer Ableger des Retro Klubs ist der Future Klub (Link führt erneut zu einer offiziellen Playlist auf YouTube).

Der selbe Gregor Kartsios, der diese beiden Retro-Formate moderiert, hat nun also ein Buch veröffentlicht. Als Zuseher eines beliebten Formats horche ich hier automatisch etwas skeptisch auf. Sich gut vor der Kamera im heimischen Becken zu präsentieren bedeutet nicht automatisch, ein gutes Buch schreiben zu können und umgekehrt. Das Buch wurde auf den Titel "Das ABC der Videospiele" getauft und ist nicht über Kickstarter entstanden, sondern in Zusammenarbeit mit dem Lappan Verlag, der zur Carlsen Verlag GmbH gehört.




 

Die wichtigste Frage, die ich mir hier stelle, ist, ob so ein Buch noch Trivias/Fakten/Anekdoten präsentieren kann, die ich selbst noch nicht kenne. Erstmal muss ich aber anmerken und sehr positiv hervormerken, es ist schön, solch ein Buch endlich auch mal in deutscher Sprache verfasst lesen zu dürfen. Was die deutsche Sprache angeht, so befinden wir uns hier in einer kleinen Nische. Sprachlich fällt, unverkennbar, schnell der Stil von Gregor auf, den man aus seinem Retro Klub kennt. Und genau so funktioniert "Das ABC der Videospiele" nach einer ganz einfachen Formel. Das Buch ist kein Sammelsurium an abgedroschenen Trivias, die man sich über Wikipedia oder Did You Know Gaming zusammengesucht hat, wir haben es stattdessen hier mit dem Retro Klub im Literaturformat zu tun. Hier schreibt ein Autor, der in jedem Kapitel Bock darauf hatte, etwas zu erzählen. Und hier überwindet Gregor die Startschwierigkeiten, die man haben kann, wenn man sich vornimmt, solch ein Buch in Angriff zu nehmen. Dies kann oftmals schnell in selbstverliebten Ergüssen enden. Etwas ähnliches fiel mir hier zum Beispiel in einem ähnlichen Buch ("Itchy, Tasty" zum Thema der Historie von Resident Evil) des Autors Alex Aniel auf, wo es vorab und auch immer mal wieder sehr häufig Selbstbeweihräucherung gab (die das Buch nicht einmal nötig hatte, da ich es höchst interessant fand). In "Das ABC der Videospiele" gibt es so etwas, glücklicherweise, nicht. Das Buch liest sich mehr wie ein passioniertes Projekt anstatt einer Flex-Maschine, die damit prahlt, welch fundiertes Wissen man hier auflistet und wie viel Vitamin B man vielleicht in der Szene hat.

Der Titel des Buches ist natürlich nicht minder selbsterklärend wie das Motto des Retro Klubs. Gestartet wird bei A wie Atari, allerdings endet das rund 200 Seiten befüllte Buch nicht mit C wie Commodore. Das Buch ist stattdessen eine bunte Reise durch die Videospielwelt, die tatsächlich bei Atari beginnt, aber nur ein kleiner Teil einer großen Videospielhistorie ist, die in diesem Buch abgedeckt wird. So befasst sich das Buch nicht nur mit den großen und exotischen Systemen, sondern auch mit zahlreichen Videospielmarken und Genres. Der Schreibstil sollte dabei für alle Zielgruppen leicht verständlich, aber dennoch äußerst informativ sein. Zudem gibt es unzählige Bilder, die im Buch abgedruckt wurden. Allerdings überwiegt hier ganz klar der Text, denn das Buch ist kein Kunstbuch mit ein paar textlichen Erläuterungen sondern ein Sachbuch mit etlichen Abbildungen.


 



Ein großes Lob gibt es auch für die Aufmachung des Buches. Wir haben es hier mit einem robusten Hardcover mit einem hübsch gestalteten Buchdeckel zu tun. Das Papier ist von exzellenter Qualität und die Bildqualität der abgedruckten Bilder, obwohl sie teilweise sehr klein sein können, ist exzellent und gut zu erkennen. Ein Lesebändchen oder Schutzumschlag hätte die Aufmachung noch einmal gekrönt, aber hier muss man natürlich einmal absolut ehrlich sein: Der Verlag bietet den Titel bereits für 14 Euro an (das E-Book liegt übrigens bei 9,99 Euro), was ein unfassbar sympathischer Preis ist für die gebotene Qualität. Somit wird "Das ABC der Videospiele" auch automatisch zu einem schicken Sammelgegenstand, der sich auch gut verschenken lässt. Ich muss zu meiner großen Überraschung aber sagen, dass das Buch deutlich mehr ist als "nur" ein Merchandise-Artikel unter dem Rocket Beans Banner. Viel mehr ist es für mich etwas, wovon in Zukunft gerne noch mehr hätte, da wir es hier, wie bereits geschrieben, mit einer Nische zu tun haben, die noch nicht ausreichend beackert wurde.




Abschließende Gedanken

Der Ausflug von Gregor Kartsios in die Welt der Autoren ist mit "Das ABC der Videospiele" gelungen. Ich hatte hier einige Zweifel über die Qualität des Buches, wurde aber bereits nach dem Vorwort bereits eines besseren belehrt. Ich war vorab wirklich sehr neugierig, aber es gab auch Bedenken, die darauf gefasst waren, dass das Buch vermutlich nicht so gut wie der Retro Klub funktioniert. Der Retro Klug funktioniert sehr wohl als Buch und vielleicht funktioniert so etwas ähnliches ja auch noch für den Future Klub. Schaut man sich die Resonanz zum ABC der Videospiele an, so wäre es ja beinahe schon fahrlässig, da in Zukunft nicht nochmal was nachzulegen. Ich war sehr angetan, mich durch die vielschichtige Themenwelt des Buches zu lesen und kann daher auch ganz entspannt eine Empfehlung für das Buch aussprechen und ist zeitgleich auch auf meiner Liste für Überraschungshits des Buchjahres 2021 gelandet.

Donnerstag, 2. Dezember 2021

Einwurf: OFM at Amazon - Noch eine Retoure, dann Platzverweis!

 




Guten Tag,


wir haben Sie bereits aufgrund mehrfacher Rücksendungen von Ihrem Konto kontaktiert, bei denen die zurückgesendeten Artikel Beschädigungen bzw. Gebrauchsspuren aufwiesen oder nicht mehr in ihrem ursprünglichen Zustand waren. Wir sind uns dessen bewusst, dass es bei Rücksendungen gelegentlich zu Problemen kommt, haben bei Ihrem Konto jedoch ein Häufung derartiger Rücksendungen beobachtet. Wiederholte Verstöße gegen unsere Richtlinien können dazu führen, dass Sie nicht mehr bei Amazon.de kaufen dürfen.


Am 22.12.2004 gab ich mit meinem ersten eigenen Account meine erste Bestellung bei dem Onlineriese Amazon auf. Das sind beinahe 20 lange Jahre. Ich blicke auf "Am Meer ist es wärmer" gerne auf das zurück, was sich in der Zeit seit der Gründung meines Blogs so verändert hat. Glücklicher oder unglücklicherweise, nicht so viel. Unzählige Bestellungen und Rezensionen später erhalten treue Kunden meistens Einladungen, Produkttester bei Amazons Vine-Programm zu werden. Ich hingegen erhalte seit einigen Monaten Mails vom sogenannten "Kontospezialist". Einer allmächtigen Erscheinung im Amazon-Universum. Anonym, streng und anscheinend konsequent. Wer sich hinter den "Kontospezialisten" versteckt, können mir nicht einmal die Mitarbeiter vom Kundenservice sagen. Angeblich verberge sich hier eine weitere Instanz, was ich jedoch anzweifle, da ich, wie auf Knopfdruck, eine weitere Droh-Mail vor einigen Wochen direkt nach einem Gespräch mit einem Mitarbeiter des Kundenservice erhalten habe. Wirklich nur ein sehr ungünstiger Zufall oder ist die gesonderte Instanz doch nur eine weitere Abteilung beim Amazon Kundenservice? Ich war neugierig und wollte mehr recherchieren, wer und warum mir ständig damit droht, meinen langjährigen Account mit zahlreichen Abos und digitalen Inhalten zu schließen. Was mir vorgeworfen wird habe ich relativ schnell auch noch einmal auf Nachfrage erfahren: Missbrauch von Amazons Rücksenderichtlinien. Ich kann unmöglich der einzige sein, der solche Mails erhält und habe mich wie in einer klischeeüberladenen Reportage auf die Suche gemacht nach Leuten, die nicht nur solche Mails erhalten haben, sondern ihr Konto bereits aufgrund von Rücksendungen gesperrt wurde.

Es ist viele Jahre her, wo ich zuletzt einen Einwurf über Amazon verfasst habe. So kontrovers Amazon sein mag, den heimischen Buchmarkt zu unterstützen ist für mich kaum noch möglich, da die Pandemie mittlerweile sogar selbst größere Ketten in den Ruin getrieben hat. Auch wenn ich mein Kaufverhalten bei Amazon inzwischen reduziert habe was Bücher angeht (und aus Platzgründen sowieso mittlerweile sehr oft auf E-Books ausweiche), so führt manchmal kein Weg um den Onlineshop vorbei, wenn die Sammlung um ein heißbegehrtes Buch, Comic oder Manga erweitert werden soll. Man bestellt also bei Amazon, weil es schnell und unkompliziert geht. So schnell und unkompliziert es auch geht, besonders Bücher werden in Eile hektisch in zu kleine oder große Pakete verpackt oder aber durch Amazons internen Lieferdienst "Amazon Logistic" zusätzlich beschädigt. Der Klassiker bei mir: Die zu großen Pakete oder die zu kleinen Pakete mit den viel zu dicken Büchern werden in den Briefschlitz gequetscht. Die Fahrer werden dabei kreativ und falten die Pakete und quetschen sie anschließend so lange, bis so ein Paket dann auch in diesen kleinen Briefschlitz passt. Das Endergebnis resultiert meistens in beschädigte Ware. Diese wurde entweder schon beim verpacken demoliert oder aber spätestens dann bei dem Versuch, das Paket in den Briefschlitz zu quetschen.

Als Kunde der für Neuware bezahlt, reklamiere ich diese Ware und bin dabei noch deutlich großzügiger als manch andere Rezensenten, die in den Amazon-Rezensionen ihre demolierten Artikel zur Schau stellen. In Gesprächen mit Mitarbeitern vom Kundenservice lege ich grundsätzlich meine Sicht der Dinge offen, schreibe Mails und sende Bilder der beschädigten Ware mit. Auf meine Frage, ob es in meinem Kundenkonto irgendwelche Abmahnungen gibt, wurde dies stets ausdrücklich verneint und man motivierte mich dazu, Amazons kulantes Rücksendesystem zu nutzen da ich ein stetes Anrecht auf perfekte Ware habe. Denn Amazon könne Missbrauch einiger dreister Kunden von Bestandskunden, die beschädigte Ware erhalten, unterscheiden. Dies war anscheinend eine Lüge oder dieses Statement ist nicht mehr aktuell. Zuerst sperrte man mich für Ersatzlieferungen. Später folgten dann die Mails des sogenannten Kontospezialist. Es beginnt mit einer sanften Ermahnung, die darauf aufmerksam macht, dass es überraschend viele Rücksendungen im Kundenkonto gibt. Schickt man dann noch einmal beschädigte Bücher (in meinem Falle) zurück, wird der Tonfall bereits schroffer und erhält die äußerst motivierende Drohung, dass das Konto bei weiteren Verstößen gesperrt wird. Ob damit dann auch sämtliche digital erworbene Inhalte futsch sind, konnte man mir nicht mitteilen.

Man solle sich zu diesen Mails äußern. Ungefähr so, wie ein Straftäter vor Gericht. Diese anscheinend mächtige Instanz scheint diese Antworten auch zu lesen. Die Mails selbst sind automatisch erzeugt, aber unverkennbar stecken hier echte Menschen hinter, die diese Fälle bearbeiten und anscheinend auch wie Cäsar im Kolosseum den Daumen nach unten oder oben zeigen. Darf der Kunde noch etwas weiter Geld bei Amazon ausgeben oder nicht?






Eine zufriedenstellende Antwort bekommt man übrigens nicht, wenn man auf diese Mails antwortet. Die Antwort ist ein automatisch generiertes "Zur Kenntnis genommen". Telefonisch teilte man mir mit, diese Instanz würde sich nicht weiter mit mir in Verbindung setzen, noch sei es möglich, bei einem klärenden Gespräch telefonisch seine Sicht der Dinge mitteilen zu können.

Aber ich dachte, Amazon könne Betrüger von aufrichtigen Bestandskunden unterscheiden? Hier habe ich bei Herrn D. aus Niedersachen nachgefragt (Kunde seit 2007), ein leidenschaftlicher Sammler von Graphic Novels, dessen Account temporär für mehrere Monate nach einigen Rücksendungen gesperrt wurde:

"Meine Konto wurde 2020 für circa 3 Monate gesperrt. Allerdings habe ich keine zweite Abmahnung erhalten sondern nur eine, habe mir nicht viel dabei gedacht da ich weiter das Rücksendezentrum nutzen konnte und erhielt dann eines Tages die Mail, mein Konto sei für weitere Bestellungen gesperrt. Da war ich baff. Telefonisch teilte man mir mit, man habe keine Befugnis dazu, das Konto wieder freizuschalten. Ich fragte, was genau der Grund für die Sperrung sei und ob es hier vielleicht um ausstehende Zahlungen ginge (was eigentlich unmöglich war). Die Mitarbeiterin teilte mir in gebrochenem deutsch mit, die Sperre sei auf eine Missachtung von Amazons Rücksende-Politik zurückzuführen. Ohne eine Benachrichtigung hatte ich aber nach mehreren Trial & Error Versuchen irgendwann Glück und mein Konto war wieder zugänglich. Bestellen tue ich nur noch das wirklich Allernötigste bei Amazon, erst recht aber keine Bücher oder Comics mehr. Alles, was in meine Sammlung kommt, würde nämlich nicht in einem einwandfreiem Zustand eintreffen. Diese Zeiten sind bei Amazon lange vorbei. Ich hatte mich nach meiner Freischaltung länger mit ein paar anderen Kunden Online ausgetauscht, die ebenfalls betroffen waren. Wir waren uns zwar einig, dass man das Retourensystem bei Amazon leicht austricksen kann und es eine menge Leute gibt, die sich daraus einen Jux machen, Amazon selbst scheint aber nicht mehr darauf zu achten, ob hinter den Rücksendungen tatsächlich beschädigte Ware steckt oder ob jemand dieses System missbraucht. Man will denke ich ein Exempel an unbequeme Kunden statuieren, die ihr Kaufverhalten anpassen sollen da man in der Öffentlichkeit ja stetig wegen den Retouren angeprangert wird, die viel Müll bei den Amazon Lagern verursachen. Da spielt es keine Rolle ob man viel bestellt, Amazon Prime Kunde ist oder jede Reklamation telefonisch meldet. Diese ausgewählten Kundenkonten stehen unter Beobachtung und man sollte nicht erwarten, dass man in der Kunden-Hierarchie wieder ein besseres Ansehen erlangen wird."


Und da hat Herr D. recht. Bei meiner zweiten Verwarnung telefonierte ich erneut mit dem Kundenservice, dort bestätigte man mir wieder, mit meinem Konto sei alles in bester Ordnung. Ich sollte am besten bei künftigen Problemen mit beschädigten Artikeln immer den telefonischen Kundenservice anrufen (der übrigens kostenlos ist). Man sei immer für mich da und höre sich aufrichtig das Feedback der Kunden an, hieß es. Als ich nach weit über 2 Monaten nach etlichen Bestellungen mal wieder ein zerfleddertes Buch reklamierte, erhielt ich meine dritte und vermutlich letzte Ermahnung. Ich telefonierte erneut mit dem Kundenservice, diesmal war man aber ehrlich zu mir: Dunkelrot sei der Status meines Kundenkontos. Auf meine Frage, ob mein Konto nach der nächsten Reklamation dann gesperrt wird, konnte er mir nicht sagen. Es kann nach der nächsten Reklamation passieren, nach der übernächsten oder vielleicht auch gar nicht. Aber er würde mir raten, nichts mehr zu reklamieren.

Inoffiziell teilte mir Amazon hier also mit, nicht mehr von meinem Rückgaberecht gebrauch zu machen und vielleicht auch mal einige beschädigte Artikel, die von Amazon selbst oder Amazon Logistics beschädigt werden, hinzunehmen. Offiziell hat mir der Mitarbeiter dies natürlich nicht so mitgeteilt.

Frau L. aus Bayern hatte sich auch auf meine kleine PN-Anfrage gemeldet. Frau L. aus Bayern (Kundin seit 2011) wurde noch nicht gesperrt, hat aber nun ebenfalls schon zwei Ermahnungen von OFM[at]Amazon erhalten.


 "Ich bestelle bei Amazon keine Bücher, aber hatte nun eine Reihe an beschädigten Elektroartikel erhalten, die durchaus auch teurer waren. Ein neues Smartphone wurde an einem regnerischen Tag von Amazon Logistics in meinem Garten abgelegt, komplett schutzlos. Verpackung und auch Gerät hatten einen Wasserschaden. Kurz darauf habe ich einen Kindle Paperwhite erhalten, der sich nicht anschalten ließ. Um mir weiteren Frust zu ersparen habe ich eine Erstattung angefordert. Einige Tage später erhielt ich eine Mail von dem Kontospezialist, der mir auffallend hohe Mengen an Erstattungen vorwarf und dass die Artikel bei Amazon nicht im ursprünglichem Zustand wieder angekommen seien. Natürlich kamen die Rücksendungen bei Amazon nicht in ordnungsgemäßem Zustand an, immerhin waren es Retouren, die mich selbst nie in einem guten Zustand erreichten, sonst hätte ich sie ja nicht zurückschicken müssen. Ich bestelle seit diesen Mails nicht mehr bei Amazon, da ich mir nicht weiter drohen lasse."


 

 

Ich denke, wieder normal bei Amazon einzukaufen macht für mich nicht mehr viel Sinn. Wer als langjähriger Kunde nun jedes mal mit einem Nervenkitzel bestellen muss, lästige Droh-Mails erhält zu denen man sich am besten auch noch äußern soll, der weiß, dass man hier nicht mehr wirklich willkommen ist. Ich konnte bei meiner kleinen Recherche aber glücklicherweise einige Leidensgenossen kennenlernen, die dafür gesorgt haben, dass ich die ganze Nummer deutlich entspannter sehen kann. "Einfach nicht mehr dort bestellen" ist im Jahr 2021 zu Zeiten einer Pandemie leichter gesagt, als getan. Aber es ist ein erster Schritt, den Onlineriese zu meiden. Ich habe mir mein eigenes Kundenkonto nochmal genauer angesehen und komme wie meine Gesprächspartner zum Schluss, dass wir nicht zu dem Klientel gehören, welches Amazon hier eigentlich mit diesen bösen Mails verfolgt. Aber auch hier sollte ehrlich und fair angemerkt werden: Wer solche Mails erhält, sollte sie ernst nehmen. Tut man dies nicht, wird das Kundenkonto temporär gesperrt oder wird vielleicht für immer von neuen Bestellungen ausgeschlossen. Ob man sich von Amazon vorschreiben lässt, beschädigte Ware hinzunehmen, dies ist jedem selbst überlassen, wie er hier agiert. Sich großartig drüber aufzuregen bringt nicht viel. Diese Mails werden weltweit versendet und wie mein Gesprächspartner, Herr D. schon sagte, steht man einmal auf der Liste unbequemer Kunden und Kundinnen, kommt man da wohl nicht mehr runter. Lasst euch also nicht zu sehr von Amazons kulantem Rücksendezentrum einlullen: Die Lauferei habt ihr sowieso immer für die Rücksendungen und im schlimmsten Falle könnte euer Kundenkonto dabei gesperrt werden.
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* Aufgrund der Anonymität werden die Identitäten von Herrn D. und Frau L. hier natürlich nicht namentlich genannt. Ich traf beide Amazon-Kunden auf einer Plattform für Amazon-Geräte und möchte mich vielmals bedanken, dass ihr auf meine Direktnachrichten geantwortet und euch zu dem Thema geäußert habt.