Archiv: Rezensionen zu Literatur und Film

Montag, 11. Oktober 2021

Murakami T: Gesammelte T-Shirts ab Heute erhältlich

Foto: Aufziehvogel




Hinweis: Bei diesem Werk handelt es sich um keinen Roman oder Kurzgeschichtensammlung



Jedes Jahr ungefähr zur selben Zeit warten Fans und Verlage des Autors auf die Verkündung im Oktober: "Haruki Murakami wird für sein Werk mit dem Nobelpreis für Literatur ausgezeichnet".
Während wir, die üblichen Verdächtigen, jedes Jahr aufs neue warten, ist einem diese Auszeichnung egal: Haruki Murakami. Er selbst lobte einmal den Enthusiasmus seiner Fans, die sich jährlich zur Vergabe des Literaturnobelpreises versammeln und der Vergabe entgegenfiebern, er selbst bekundete aber nicht nur einmal seine Gleichgültigkeit dem Preis gegenüber. In diesem Jahr war Murakami bei den Buchmachern wieder ganz oben als Favorit dabei, gewonnen hat den Preis jedoch Abdulrazak Gurnah aus Tansania.

Und so hat der DuMont Verlag azs Köln auch im Jahr 2021 wieder eine Murakami-Veröffentlichung im Oktober in die Buchhandlungen gebracht. Anstatt aber ein altes Werk neu aufzulegen hat man hier eines von Murakamis ungewöhnlicheren Werken veröffentlicht. In Japan gibt es immer noch eine Handvoll Non-Fiction Titel von Murakami, die nie den Weg in den Westen gefunden haben. Mit Murakami T: Gesammelte T-Shirts (Japan 2020) erscheint eines davon nun in einer deutschsprachigen Ausgabe (übersetzt von Ursula Gräfe). Wer sich unter dem Titel nichts vorstellen kann; es erwartet die Leser genau das, was der Titel hier suggeriert - T-Shirts. Haruki Murakami spricht auf rund 200 Seiten über seine beachtliche T-Shirt Sammlung. Jedes Shirt des Autors hat eine eigene Geschichte, jedes Shirt wird mit einer kleinen Anekdote kommentiert. Bei Murakami T handelt es sich viel mehr um ein Kunstbuch, zu lesen gibt es hier für ein Buch dieser Art aber immer noch überraschend viel.

Noch in dieser Woche werde ich mich hier ein wenig mehr mit dem Buch befassen, eine gute Gelegenheit für diejenigen, die sich hierunter noch immer wenig vorstellen können.

Donnerstag, 7. Oktober 2021

Literaturnobelpreis 2021 geht an Abdulrazak Gurnah (Tansania)

 



Viele Leserinnen und Leser meines Blogs werden hier vielleicht nun aufhorchen, da sie zum ersten mal einen Preisträger des Literaturnobelpreises zu kennen scheinen. Aber ich muss euch enttäuschen, hier handelt es sich nicht um den Lyriker Abdul Alhazred aus dem Lovecraft-Universum sondern um den Schriftsteller aus Tansania, Abdulrazak Gurnah. Den 73 jährigen hatten die Buchmacher dieses Jahr, traditionell, nicht auf ihren Listen. Die Jury ehrte das Werk des Schriftstellers für dessen »kompromisslose und mitfühlende« Durchdringung der Auswirkungen des Kolonialismus.

Das Werk Gurnahs befasst sich zu einem großen Teil mit der Flüchtlingsthematik. Zu seinen bekanntesten Werken zählen "Paradise" (1994), "Desertion" (2005) und "By the Sea" (2001). In Fachkreisen wurde die Auszeichnung deutlich positiver aufgenommen als die äußerst umstrittene Auszeichnung des österreichischen Schriftstellers Peter Handke im Jahr 2019.

Bei den Buchmachern lagen die üblichen Verdächtigen vorn wie zum Beispiel Haruki Murakami (Japan), Annie Ernaux (Frankreich) sowie Mircea Cartarescu (Rumänien). Am Montag verdrängte der Rumane sogar relativ überraschend den Japaner, was bei vielen bereits ein Indikator dafür war, dass Cartarescu vielleicht ja ins Ziel marschieren könnte.

Nach der Lyrikerin Louise Glück im vergangenem Jahr wurde dieses Jahr wieder ein Romancier ausgezeichnet. Bleibt man seiner Auswahl treu, müsste 2022 also wieder ein Preisträger aus der Lyrik den Preis empfangen. Aber wir alle wissen natürlich, wie unberechenbar die Jury ist.

Eines steht aber fest, in dieser Kategorie ist Deutschland dieses Jahr leer ausgegangen. Das Werk von Abdulrazak Gurnah ist, wie es häufig üblich ist bei den Preisträgern, in deutscher Sprache nur bedingt verfügbar. Bei einigen bekannteren Werken des Autors wird man aber, sofern Interesse besteht, aus zweiter Hand fündig. Man kann aber davon ausgehen, dass sich besonders jetzt nach der Preisvergabe dieser Umstand ändern wird und ein Verlag die Werke neu auflegen oder erstmals übersetzen wird. "Am Meer ist es wärmer" gratuliert Abdulrazak Gurnah und Tansania!

Mittwoch, 6. Oktober 2021

Retrospektive: Donnie Darko - 20 Jahre später

 

Poster: Arthaus


"Schlümpfe sind asexuell. Sie haben ja nicht einmal so etwas wie ein Geschlechtsorgan in ihren kleinen weißen Hosen. Das ist ja das unlogische am Schlumpfsein überhaupt. Welchen Spaß hast du im Leben, wenn du keinen Schwanz hast?" - Donnie Darko


!Spoilerwarnung für alle, die den Film noch nicht kennen!


Wir schreiben das Jahr 2021. 20 Jahre sind seit der Erstaufführung von Donnie Darko vergangen. Ich bin, ganz offensichtlich, 20 Jahre älter mittlerweile. Doch andere Dinge sind seit der Uraufführung von Donnie Darko im Januar 2001 passiert. Der 11. September erschütterte die Welt. Patrick Swayze ist 2009 verstorben und dies war auch jenes Jahr, wo Regisseur Richard Kelly seinen letzten Film gedreht (The Box) hat. Zum 15. jährigen Jubiläum zu Donnie Darko sagte Filmemacher Kevin Smith 2016 über Kelly, er sei vermutlich einer der begabtesten Filmemacher, die es derzeit gäbe, nur scheint sein Talent niemand wahrzunehmen. Mit Southland Tales lieferte Kelly 2006 einen weiteren ungewöhnlichen Film ab (mit Dwayne "The Rock" Johnson in frühen ernsthaften Hollywood-Gehversuchen und Seann William Scott sowie Sarah Michelle Gellar, die ja heutzutage auch keiner mehr kennt). Allerdings entwickelte sich dieser (wie ich finde, leider) nicht zu einem Indie-Megahit wie Donnie Darko und geriet, wie einige Schauspieler die in diesem Film mitspielen, in Vergessenheit. Irgendwie war Richard Kelly also schon immer irgendwie "nur" Donnie Darko. Der Film war sein Karrieresprungbrett und immer wieder wurde er daran gemessen und fälschlicherweise dichteten ihm viele Leute das furchtbare Sequel "S. Darko" an, mit dem er nichts am Hut hatte.

Donnie Darko und Frank das Riesenkaninchen sind geblieben. Und allgemein muss sich der Film um all das überhaupt keine Sorgen machen, der spielt nämlich in einem kurzen Zeitraum im Oktober 1988. Richard Kelly war zu dieser Zeit im echten Leben 13 Jahre alt und im Jahr 1987 feierte Patrick Swayze mit Dirty Dancing seinen wohl größten Filmerfolg. Michael Dukakis und George Bush Senior kämpften um den Einzug ins Weiße Haus, der erste Golfkrieg war noch einige wenige Jahre entfernt und Autor Graham Greene weilte noch unter den Lebenden. In dieser Zeit spielt Donnie Darko. Wir haben es hier mit einem verträumten Film zu tun der irgendwo zwischen psychologischem Horror, Science-Fiction und Coming of Age Story spielt. Im zentralen Punkt der seltsamen Ereignisse in diesem Vorstadtort in Middlesex, Virgina, steht der begabte und wissbegierige, aber auch etwas unkonventionelle und schwierige Teenager Donald Darko (Jake Gyllenhaal bevor er zu einem Weltstar wurde, hier gemeinsam zu sehen mit seiner leiblichen Schwester Maggie Gyllenhaal). Er schlafwandelt, wacht irgendwo mitten im Nirgendwo auf, immer ein Stückchen weiter entfernt von seinem Zuhause. Ein Umstand, der ihm das Leben retten soll wenn eines Abends ein Flugzeugturbine unbekannter Herkunft auf einmal in das Haus der Darkos kracht und Donnie im Schlaf getötet hätte. Von diesem Tag an ändert sich im Leben des an sich schon seltsamen Teenager alles. Seine Halluzinationen werden intensiver und ein Typ in einem Hasenkostüm erzählt ihm dabei, die Welt würde gegen Ende des Monats untergehen und gibt ihm sogar ein spezifisches auf die Sekunde exaktes Datum mit auf den Weg. Und dann wären da auch noch Mädchen, Schlümpfe und ein unbändiges Verlangen nach Christina Applegate, die den Verstand des Teenagers vernebeln.

Man mag es kaum glauben wie viele Themen Donnie Darko angeht und diese alle nahezu bravourös meistert. Als Ausgangspunkt hat man hier, wie man sie eigentlich klassisch aus Stephen King Romanen kennt ("Es" ist das Buch, welches Donnies Mutter liest), eine Kleinstadt. Etwas ländlich, friedlich und überwiegend von weißen Mittelständlern bewohnt, die anscheinend etwas über den Durchschnitt leben. Doch wie in jeder Kleinstadt brodelt es auch im Innern. Rassismus, Mobbing und eine allgemeine Verlogenheit des Vorstadtlebens sind in dem Film dauerhaft präsent. Die junge engagierte wie motivierte Lehrerin (gespielt von Drew Barrymore die nicht nur als Kind in einer Stephen King Adaption mitspielte sondern hier auch als Produzentin fungierte) die aus ihrem Job geekelt wird weil sie den Horizont ihrer Schüler erweitern will, während ein pädophiler Motivationsguru von der Masse gefeiert wird ist hier nur ein Teil der schmutzigen Vorstadtgesellschaft. Neben den sozialen Problemen die im Film auf eine humorvolle, beinahe satirische weise angegangen werden, steht aber allen voran auch ein großer Anteil Science-Fiction im Vordergrund. Zeitreisen. Auf eine sehr subtile Art baut der Film hier eine unglaublich komplexe Zeitreisethematik mit ein, über die Filmfans noch heute diskutieren, debattieren und philosophieren. Darauf hier einzugehen würde den Rahmen nun sprengen und würde auch die pure Freude am spekulieren nehmen, was man noch 20 Jahre nach der Veröffentlichung des Filmes tut.

Der wohl wichtigste Begleiter des Films ist wohl unbestritten die Musik. Und hier wählte man einige sehr starke lizenzierte Songs von 80er Bands wie Tears for Fears und Duran Duran während der Musiker Michael Andrews für den Original Score zuständig war (sein wohl bekanntestes Werk ist das "Mad World" Cover von Tears for Fears). Mit minimalen Musical-Einlagen werden wichtige Szenen unterlegt und würden ohne den starken Soundtrack nie so eine Intensität erreichen. Eine der wohl stärksten Kombinationen zwischen Bildgewalt und Musik ist die bekannte Szene zwischen Donnie, der schlafenden Gretchen sowie Frank im Kino während im Hintergrund "Tanz der Teufel" läuft. Der Film vermittelt hier eine einzigartige Weltuntergangsstimmung. Etwas bedrohliches bahnt sich an. Kelly macht hier deutlich, dass sich ein regelrecht stürmischer Showdown anbahnt. Dieses Thema rund um diese minimalen Musical-Einlagen führte Kelly in seinem späteren Film Southland Tales auf einen neuen Höhepunkt.

Doch besonders das Thema Musik machte noch einmal für Richard Kelly deutlich, was möglich ist und was nicht. Lizenzen waren teuer oder schlicht und ergreifend nicht verfügbar. Bei einem Budget von nicht einmal 5 Millionen Dollar war es sowieso ein Wunder, wie viel prominente Unterstützung der Film erhalten hat. Und dennoch, oder vielleicht gerade deshalb bleibt Donnie Darko ein Low Budget Indie-Film, der bei seiner limitierten Kinoauswertung (die teilweise von Christopher Nolan und seiner Frau ermöglicht wurde) kaum irgendwelche Beachtung erhalten hat. Durch seine Veröffentlichung auf DVD gewann Donnie Darko aber ein weltweites Publikum, was wohl genau so wenig abzusehen war wie die prominente Unterstützung, die den Film zu dem gemacht hat, was er heute ist. Durch eben diesen Erfolg bekam Kelly die Gelegenheit, 2004 den Film noch einmal als Director's Cut zu bringen. Diese Fassung, die mit mehr Budget ausgestattet war, ermöglichte ihm Zugang zu der Musik, die er wollte, rund 20 Minuten an neuen Szenen und Umschnitten sowie den Film in kleine Kapitel zu unterteilen. Das Resultat endete damit; bis heute werden sowohl Kinofassung als auch Director's Cut favorisiert. Wohl auch einer der Gründe, wieso beide Fassungen mittlerweile auf Blu-ray immer in einem Gesamtpaket zu finden sind. Beide Fassungen haben ihre Vorteile. Die Kinofassung wirkt ohne die zusätzlichen Erklärungen kryptischer, mysteriöser und flotter. Der Director's Cut mit seinen Erweiterungen runder und durch neue Szenen und Musik deutlich professioneller, strukturierter. Man kann nichts falsch machen, beide Fassungen zu schauen und es ist vermutlich einer der wenigen Filme, wo man sich ein neues Filmerlebnis erschaffen kann wenn man beide Fassungen hintereinander schaut.

Zum 20. Jubiläum brachte Arthaus/Studiocanal mehrere neue deutsche Editionen zum Film heraus, restauriert von einem 4K Master und erstmals auch eine 4K UHD Veröffentlichung. Durch einen selten dämlichen Fehler seitens Amazon, wo das Blu-ray Cover von Standard Blu-ray und 4K UHD vertauscht wurden (und der Fehler noch immer nicht behoben wurde), erhielt ich die Standard Blu-ray und entschied mich letztendlich, diese zu behalten. Neugierig auf die UHD-Variante wäre ich dennoch mal und wird auch sicherlich noch nachgeholt. Die neue deutsche Blu-ray macht aber einen mehr als soliden Eindruck und ist der alten UK Blu-ray Veröffentlichung die ich 2014 erworben habe (Label Metodrome Entertainment, Kinofassung und Director's Cut Doppelpack) meilenweit voraus was das Bild angeht. Zwar ist der Low-Budget Faktor dem Film weiterhin anzusehen was in einer schwankenden Qualität etlicher Szenen resultiert, allgemein ist das restaurierte Bild aber in einem guten Zustand und fiel mir besonders positiv durch seine satten Farben auf. Auch das deutsche DTS-HD Master ist in Sachen Klangqualität sehr anständig. Dies dürfte an sich die deutsche Premiere für den Director's Cut auf Blu-ray gewesen sein.

Nun sind beinahe 7 Jahre seit meiner Lost in Translation Retrospektive vergangen. Lost in Translation hatte meinen Test der Zeit bestanden (der Film feierte ja nun, wenn auch lediglich limitiert, kürzlich seine deutsche Blu-ray Premiere). Wie sieht es bei Donnie Darko aus? Ich habe den Film gestern erstmals seit 2014 wieder gesehen (Kinofassung) und ich konnte mich schon gar nicht mehr dran erinnern, wann ich den Director's Cut zuletzt gesehen habe. Nach so einer langen Zeit blickt man erst einmal sehr kritisch auf einen seiner Lieblingsfilme. Blade Runner könnte ich auch heutzutage noch unendlich viele male schauen, ohne, dass die Flamme der Liebe jemals erlöschen würde. Kill Bill wiederum (Gesamtwerk), sehe ich heute mit 34 Jahren deutlich kritischer als als 18 jähriger. Und auch Donnie Darko muss sich keine Sorgen machen, von mir nicht mehr geliebt zu werden (vermutlich ist dem Film das sogar sehr egal ob ich ihn liebe oder nicht). Die ganze Faszination ist noch vorhanden. Dieser kleine verträumte Indie-Film übt noch immer eine gewaltige Wucht auf mich aus und dieses Zusammenspiel zwischen den verschiedenen Genres sowie der zeitlosen Musik funktioniert auch im Jahr 2021 noch bedingungslos. So sehr ich mir für Richard Kelly einen weiteren großen Wurf wünsche, so fest verankert wird er jedoch für immer mit Donnie Darko sein. Den Film als Karrierefluch zu sehen wäre eindeutig falsch (und so eine Einstellung hat er auch nie in Interviews an den Tag gelegt), da Kelly hier einen Film geschaffen hat, der den Test der Zeit bestanden hat und auch in vielen Jahren noch relevant sein wird. Es ist zudem auch ein Film, der in dieser Art und Weise kein zweites mal existieren könnte. Vielleicht ist dies einer der Gründe, wieso eine Fortsetzung in diesem Universum alles andere als ein brillanter Geniestreich war. Richard Kelly selbst hat zu S. Darko nie einen filmischen Kommentar abgegeben, denn er hat den Film nie gesehen.

Mit diesem hoffnungsvollen Schlusswort über unnötige Sequels möchte ich diese Retrospektive beenden. Ursprünglich sollte dies mal ein Meercast werden (meine eigene Variante eines Podcasts, die genau das ist, was der Name suggeriert), allerdings habe ich mich sehr kurzfristig für eine schriftliche Version entschieden. Einiges, was ich für diese Retrospektive plante, konnte ich in schriftlicher Ausführung leider nicht umsetzen. Vielleicht, aber auch nur vielleicht, wenn ich die UHD-Version in kommender Zeit mal gesehen habe, werde ich dies nachholen. Donnie Darko ist ein Film, der mir bis heute sehr viel bedeutet (und er gestern wieder eindrucksvoll bewiesen hat) und ich bin sicher, ihm einen eigenen Meercast in absehbarer Zeit widmen zu können.

Für alle, die den Film noch noch nicht gesehen haben: Wir schreiben das 20. Jubiläum des Films, wir haben Oktober und die Welt ist auch so gut wie untergegangen - worauf wartet ihr? Anschauen!


"Unser Leben hat nicht nur zwei Kategorien, so einfach ist das nicht." - Donnie Darko

Dienstag, 21. September 2021

Rezension: Heaven (Mieko Kawakami)

 

Foto: Aufziehvogel




Japan 2009
(Deutschland 2021)


Heaven
Originaltitel: Hevun
Autorin: Mieko Kawakami
Erscheinungsdatum und Verlag: 17.09.2021 bei DuMont
Übersetzung: Katja Busson
Format: Gebunden, E-Book
Genre: Jugenddrama




>>Ich... wie soll ich sagen... ich bin aus Angst eigentlich immer in Alarm. Zu Hause, in der Schule. Aber manchmal gibt es auch gute Momente, jetzt zum Beispiel, wenn ich mich mit dir unterhalte oder wenn ich dir schreibe. Das sind gute Momente. Momente, in denen ich mich sehr sicher fühle. Momente, die mich glücklich machen. Aber weder diese Glücksmomente noch der Alarm, in dem ich mich zumeist befinde, ist der Normalzustand, sie sind die Ausnahme... will ich wenigstens glauben... Mein Leben soll doch nicht nur aus Alarm und ab und zu ein bisschen Glück bestehen. Meine Norm soll weder Glück noch Alarm sein, sondern der Zustand dazwischen"<<, sagte sie und presste die Lippen aufeinander.

Durch den weltweiten Erfolg von "Brüste und Eier" sind auch internationale Verlage auf das Portfolio der japanischen Autorin Mieko Kawakami (nicht verwandt und zu verwechseln mit der ebenfalls bekannten Autorin Hiromi Kawakami) aufmerksam geworden. Setzt sich "Brüste und Eier" auf eine sehr unterhaltsame und tiefgründige Art mit dem Körper der Frau auseinander, so ist ihr bereits 2009 in Japan veröffentlichter Roman "Heaven" ein knallhartes Jugenddrama. Und wenn ich hier von "Knallhart" schreibe, dann ist der Begriff teilweise noch zurückhaltend, schmeichelnd. Die Geschichte fühlt sich an wie eine volle Breitseite in die Nieren, genau da, wo es weht tut. Wo es empfindlich ist. Wo wir auch einige Tage später noch etwas spüren. In diesem Drama um zwei Teenager-Außenseiter erzählt Mieko Kawakami nicht nur eine Geschichte über Mobbing, sondern auch um die allgemeinen Sorgen japanischer Teenager, die sich auch in der heutigen Zeit oftmals noch verloren fühlen und ihren Platz in der Gesellschaft suchen. Doch trotz der teils drastischen Schilderungen wird beim lesen relativ schnell deutlich, am Ende geht es nicht um kulturelle Probleme, sondern das Problem rund um Mobbing und soziale Ausgrenzung wird hier von der Autorin so gekonnt an dem Schopf gepackt, dass diese kulturellen Grenzen verschwinden und wir uns alle vielleicht schon einmal in einer ähnlichen Situation befanden wie die beiden Hauptcharaktere.

Heaven spielt im Japan der 90er. Die Wirtschaftsblase der 80er ist geplatzt und die Nachwirkungen sind immer noch zu spüren. Die Gesellschaft ist pessimistisch ein- und aufgestellt, jeder ist sich selbst am nächsten, lebt sein Leben für sich und achtet nicht auf sein unmittelbares Umfeld. Erzählt wird die Geschichte aus der Sicht eines namenlosen vierzehnjährigen Ich-Erzählers, der über seinen Alltag bzw. alltäglichen Horror berichtet, den er immer wieder aufs neue, immer in krasseren Dimensionen, erlebt. Aufgrund einer Fehlstellung der Augen (er schielt) ist der Erzähler das perfekte Opfer für die Schikanen seiner Mitschüler. Die Demütigungen und Erniedrigungen der Mitschüler scheinen wahllos ohne Sinn und Verstand zu sein, aber immer wieder mit dem Ziel, noch extremer zu werden. Im Vordergrund stehen hier die gutaussehenden, allseits beliebten Klassenkameraden Ninomiya und Momose. Eines Tages entdeckt unser Erzähler unter seinem Tisch an ihn adressierte Briefe. Positive, aufmunternde und optimistische Worte stecken in diesen Briefen. Unser Erzähler rechnet hier fest mit einer neuen Gemeinheit seiner Klassenkameraden. Wortlos nimmt er die Briefe entgegen und liest sie immer wieder. Eines Tages möchte sich die geheimnisvolle Person mit ihm treffen. Die Skepsis ist groß, die Neugier ist größer und dies ist der Moment wo unser Erzähler seine ebenfalls gehänselte Mitschülerin Kojima erstmals besser kennenlernt. Gemeinsam wollen sie das beste aus ihrer Situation machen.

>>Mögt ihr keine Tiere?<<, fragte Kojima mit großen Augen. Ihre Brauen zuckten, als wären sie lebendig.
>>Was heißt >nicht mögen<. Ich, für meinen Teil, hatte noch nie mit einem zu tun, habe also eher keinen Bezug dazu.<<
>>Ach so... na dann<<, sagte sie
>>Ich wäre aber nicht abgeneigt, glaube ich. Es ist bestimmt ein Unterschied, ob man mit einem Tier zusammenwohnt, das nicht spricht, oder einem Menschen<<, sagte ich.
>>Wie meinst du das?<<
>>Naja ich stelle mir vor, dass es sehr viel stiller ist<<, sagte ich.
>>Soll heißen, dass Menschen laut sind, selbst wenn sie nichts sagen?<<
>>Ich weiß nicht. Menschen denken ständig. Da sind Tiere doch stiller, oder?<<

Mieko Kawakami versetzt sich hier herausragend in die Rolle eines männlichen Erzählers. Dabei blitzt aber immer wieder auch die Feinfühligkeit auf, die nur eine Frau zu beschreiben vermag. Sowohl der Erzähler als auch Kojima habe ich schnell lieb gewonnen, die Autorin hat beide Charaktere mit einzigartigen Sichtweisen und Emotionen ausgestattet. Man möchte nicht, dass auch nur einer dieser beiden Charaktere weiter sinnlos schikaniert wird. Doch spätestens gegen Ende des Romans, als der Erzähler erstmals den Mut aufbringt sich einem seiner Peiniger in einem Gespräch zu stellen, da wissen auch wir Leser bescheid, so einfach tickt diese Welt nicht. So einfach ist die Gesellschaft nicht gestrickt. In diesem Gespräch wird dem Erzähler die Ungerechtigkeit, aber auch die Aussichtslosigkeit seiner Lage, schnell bewusst. Ob die Taten seiner Mitschüler Sinn ergeben oder nicht, es spielt keine Rolle. Nur weil wir Leser mit den Figuren im Roman sympathisieren, heißt dies nicht, dass ihnen auch ein guter Ausgang für ihre Geschichte vergönnt ist.

Und trotz dieser sehr pessimistischen Ausgangsposition, konnte ich die Seiten kaum schnell genug umblättern. Teilweise waren die extremen Schilderungen der Schikanen gegen die beiden Hauptcharaktere, besonders gegen den Erzähler, schwer zu verdauende Kost. Die Autorin hält sich nicht mit detailreichen Einzelheiten zurück und nimmt auch, ganz bewusst, keine Rücksicht. Für einige mag Mieko Kawakami hier vielleicht eine Grenze überschreiten. Doch würde Heaven ohne diese drastischen, detailreichen Schilderungen nicht funktionieren. Der Roman läuft nach einem bestimmten Muster ab. Es ist eine Tour de Force, doch den Lesern werden auch Verschnaufpausen gegönnt. Und dies sind die Momente, diese Momente der Ruhe und Harmonie zwischen den beiden Charakteren, die diese Geschichte auch ihre Seele verleihen. So erfährt man überraschend schnell, was es mit dem Wort "Heaven" auf sich hat und trotzdem irgendwie mysteriös bleibt und gleich auf mehreren Ebenen einen Bedeutung hat. In diesen wundervoll tiefgründigen Gesprächen zwischen dem Erzähler und Kojima kommt die Erzählkunst von Mieko Kawakami vollends zur Geltung. Die Parallelen zum Schreibstil von Haruki Murakami, der Autor, der so eine Inspiration für ihr Werk war und den sie gleichmäßig stark kritisiert, sind unverkennbar.


>>Sie fürchten sich, weißt du... vor deinem Auge<<, sagte sie, die Stimme leise, aber klar und fest. >>Sie sagen zwar, dass sie es >eklig< finden, aber das stimmt nicht. Sie haben Angst, einfach nur Angst. Nicht vor deinem Auge, sondern vor dem Unbekannten. In der Gruppe fühlen sie sich stark, alleine sind sie nichts, sind sie schwach, eine Bande von Schwächlingen, die sich vor allem fürchtet, das anders ist, und die deshalb versucht, es zu zerschlagen. Es auszutreiben. Sie geben sich stark, aber in Wirklichkeit haben sie Angst.<<



Abschließende Worte

Heaven hat zwei Seiten an sich. Eine hässliche Seite, die nicht davor zurückschreckt, in die tiefsten Details zu gehen, wie man zwei Menschen quälen kann. Doch Heaven besitzt auch eine wunderschöne Seite, eine Seite, die Trost spendet und die Schönheit des Lebens zelebriert. Es ist ein sehr dünner Faden, der diese beiden Seiten zusammenhält. Am Ende wird er reißen, doch die Leser müssen für sich entscheiden, auf welcher Seite dieser lose Faden hängenbleibt. Diese beiden Seiten spielt die Japanerin großartig aus und verleiht einer so simplen Geschichte damit enorm viel Tiefgang. Mieko Kawakami ist hier ein wachrüttelnder Roman gelungen, der sicherlich nicht leicht zu konsumieren ist, aber genau dies auch die Intention war. Durch diese packenden Schilderungen besteht nie auch nur die geringste Gefahr, beim lesen dieser Grausamkeiten abzustumpfen und alles einfach nur noch gelangweilt zur Kenntnis zu nehmen. Heaven's Only Wishful, oder etwa doch nicht? Die Antwort darauf wird man vielleicht finden, wenn man die beiden Charaktere bis zum Ende ihres Weges dieser Geschichte begleitet.

Dienstag, 31. August 2021

Sommerlektüre 2021: Der Brand - Daniela Krien (Rezension)

 



Deutschland 2021


Der Brand
Autorin: Daniela Krien
Verlag: Diogenes
Veröffentlichung: 28.07.2021
Genre: Beziehungsdrama



"Peter sitzt in einem Abstand von einem guten Meter neben ihr. Er streichelt die einohrige Katze, die in monotonem Rhythmus mit dem Schwanz auf sein Hosenbein klopft. Ihr Schnurren ist so laut, dass es beinahe bedrohlich klingt. Seine ganze Aufmerksamkeit gilt diesem reizlosen Tier. Früher hätten sie sich nach solch einem Essen verschwörerisch angelächelt, und dieses wissende Lächeln hätte ihre Einheit betont. Heute ist Peter vollauf zufrieden, wenn ein alter Gaul, eine lädierte Katze und ein pflegebedürftiger Storch ihm Gesellschaft leisten."


Bei meiner diesjährigen Sommerlektüre handelt es sich nicht um die gleichnamige Biografie des Fußballers, wo der Biograf auf einmal beim Titel vergessen hat, wie der Junge eigentlich geschrieben wird. Bei "Der Brand" handelt sich stattdessen um den neusten Roman der Schriftstellerin Daniela Krien, die mich bereits im vergangenem Jahr zur gleichen Zeit mit ihrem Roman "Die Liebe im Ernstfall" begeistern konnte, dementsprechend ist der Zeitpunkt für die Veröffentlichung meiner Besprechung ihres neusten Romans nicht ganz zufällig gewählt.

In "Der Brand" befasst sich die Autorin diesmal nicht mit einer Gruppe von Frauen und ihren unterschiedlichen Schicksalsschlägen, sondern mit einem Ehepaar, deren Ehe kurz davor ist, auszubrennen. In diesem Brennpunkt stehen Rahel (aus ihrer Sicht wird die Geschichte erzählt), eine Psychologin, und Peter, ein Professor an einer Uni. Entstanden sind aus der Ehe zwei Kinder. Über Jahrzehnte war das Ehepaar ein Bündnis, die eine Person hat die andere unterstützt. Doch vieles hat sich schleichend bei den beiden verändert. Rahel ist eine Frau in den Wechseljahren, die mit ihren Hormonen und Emotionen kämpft, Verlangen verspürt und mit ihren eigenen Problemen und Spleens alle Hände voll zu tun hat. Peter durchlebt eine Midlife Crisis, geriet bei seinem Posten an der Uni in einen Skandal und fühlte sich von Rahel während dieser Zeit missverstanden und, für ihn der wohl wichtigste Punkt, vernachlässigt. Peter distanzierte sich durch den Vorfall immer weiter von Rahel bis zu einem Punkt, wo besonders sexuelle Aktivitäten kein Thema mehr für Peter sind und ihr dies schonungslos mitteilt. Rahel versucht, ihre Ehe zu retten und plant mit Peter zu verreisen, nur sie zwei, weg von den Problemen, von dem Virus und von dem kompliziertem Verhältnis von Rahel zu ihrer Tochter Selma. Doch ein Brand sollte verhindern, dass die Destination das Ehepaar zu dem Ort hinführt, den Rahel und Peter eigentlich dafür nutzen wollten, ihre kriselnde Ehe wieder geradezurücken.

Wie eine Zen-Meisterin geht Daniela Krien das schwierige Thema in aller Gelassenheit und Ruhe an. Nimmt sich Zeit für jede Szenerie, für jede Gefühlssituation ihrer Charaktere und lässt ihnen besonders in den Dialogen Zeit, miteinander zu kommunizieren. Ich konnte mich nicht nur in das Ehepaar hineinversetzen, sondern auch in ihre Tochter Selma, die ihren Platz im Leben nie wirklich gefunden zu haben scheint und teilweise eine anstrengende, rastlose junge Frau ist. Die Geschichte entwickelt sich schnell zu einer interessanten Charakterstudie, die sicherlich nicht nur für Leute in einem reiferen Alter interessant sein dürfte. Die Geschichte von Rahel und Peter finde ich insofern interessant, weil sie authentisch ist und ohne viel Drama, Kitsch oder sonstigen Ablenkungen auskommt. Ich hatte zahlreiche Momente, wo ich mit Rahel mitfühlen konnte. Eine Frau, die sich nach dem sexuellen Verlangen ihres Ehemanns sehnt, genau so häufig aber fand ich auch Gelegenheiten, sie zu kritisieren und das gleiche gilt selbstverständlich auch für Peter. Hier spielt die Autorin all ihre Stärken aus, indem sie ihre Charaktere diesen Feinschliff verleiht. Und dieser Feinschliff besteht daraus, dass die Charaktere selbst ungeschliffen sind. Rahel, Peter wie auch Selma bringen all ihre Probleme und Unvollkommenheiten mit sich. Sie sind genau so wie die Personen, die gerade dieses Buch in den Händen halten. Nachdenklich, mit Ticks versehen und auf der Suche nach Zuneigung. Im Falle von Peter wird sehr schnell jedoch deutlich, wie weit er sich von seiner Frau entfernt, indem er Tieren mehr Zuneigung schenkt als seiner Frau, was insofern eine Ironie des Schicksals ist, da Peter mit Tieren nie etwas anfangen konnte und den Kindern nach unzähligem Versuchen des Bettelns nie ein Haustier gestattet hatte.

Daniela Krien ist hier noch einmal nach ihrem letzten Roman gewachsen, was auch daran liegt, dass sie sich hier auf deutlich weniger Figuren beschränken muss. Brachte "Die Liebe im Ernstfall" durch die vielen Protagonistinnen noch ein gewisses Chaos mit sich, verhält es sich in "Der Brand" komplett anders. Die Geschichte wirkt durch den Aufbau natürlich linearer, dies kommt der Geschichte aber stets entgegen. Eine Sache, die ich jedoch vielleicht ein wenig "ausgebrannt" finde, sind die Anspielungen auf Ost- und Westdeutsche Familien. Sobald die Autorin darauf anspielt, fühlt es sich ein wenig erzwungen an, einfach um des Willens, dieses Thema irgendwie einzubauen. Damit will ich das Thema nicht runterspielen da es besonders für das Verhältnis zwischen Rahel und ihrer Tochter Selma wichtig ist. "Der Brand" ist jedoch eigentlich eine Geschichte, die komplett ohne die alten Dämonen der Vergangenheit auskommt. Da ich jedoch aus einer anderen Generation stamme, habe ich natürlich hier eine andere Sichtweise.


"Ein Bild schießt ihr in den Kopf: Die winzige Selma, die in ihrem Gitterbettchen liegt und schreit. Doch niemand kommt, um sie zu trösten. Und sie erinnert sich an die stolzen Berichte von Peters Mutter: Mit sechs Monaten schlief Selma durch, mit achtzehn Monaten war sie tagsüber windelfrei, und sie lachte immer. So ein freundliches Kind, sagten die Nachbarn, so ein Sonnenschein."




Abschließende Worte

Daniela Krien ist mit "Der Brand" erneut ein großer Wurf gelungen. Diesmal noch strukturierter und geordneter als noch bei ihrem letzten Roman. Es ist eine Geschichte, mit der wir uns alle identifizieren können oder uns irgendwann mal damit identifizieren werden, ganz gleich wie alt wir sind oder welches Geschlecht wir haben. Sie schreibt hier über ein zeitloses Thema und baut glaubhafte Charaktere ein, die diese Zeitlosigkeit bestens vermitteln. Meine Sommerlektüre 2021, ganz und gar nicht ausgebrannt.