Archiv: Rezensionen zu Literatur und Film

Dienstag, 24. Februar 2026

Einwurf: Bin ich bereit für den "Next-Impact"? Gedanken zu dem neuen Evangelion Anime

 

Copyright: Khara, CloverWorks



Die gestrige Ankündigung einer neuen Evangelion Anime-Serie kam nicht völlig überraschend. Man könnte sagen, es lag etwas in der Luft. Zum großen 30. Serienjubiläum, welches vom 21.02-23.02 in der Yokohama Arena gefeiert wurde, wurde ein brandneuer, knapp 15 minütiger Kurzfilm gezeigt, der sich Asuka in einem alternativen Szenario widmet und frenetisch vom hiesigen Publikum gefeiert wurde. Für Khara scheint dieser Kurzfilm eine "Once in a Lifetime" Vorführung gewesen zu sein, denn man stellte schnell klar, man werde den Film nicht Online oder auf andere Wege zugänglich machen und warnte gleichzeitig vor drakonischen Strafen, sollten irgendwelche Leaker Material zum Kurzfilm, und seien es nur Bilder, Online stellen. Diese Mitteilung kam dementsprechend gut an bei den Fans, dass das eigentlich freudige Ereignis sehr schnell einen faden Beigeschmack erhalten hat

Doch wenn man einmal genau aufgepasst hat, lag hier schon wesentlich länger etwas in der Luft als nur jetzt zu dem Jubiläum zu einer der einflussreichsten Anime TV-Serien aller Zeiten. Evangelion-Schöpfer und Khara Studioboss Hideaki Anno sprach sich zuletzt immer wieder dafür aus, neue Geschichten aus diesem Universum erzählen zu wollen. Konkrete Pläne hatte er dazu nie und verwies zum Beispiel auf die gelungenen Kurzfilme, die man zwischen 2014-2015 für die Japan Animator Expo produziert hat, einer davon sogar mit einem komplett neuen Cast an Charakteren.

Die letzten Jahre waren für Hideaki Anno und seinem Studio Khara erfolgreich. Mit Shin Godzilla lieferte man den Startschuss für eine ganze Reihe neuer Live-Action-Filme und somit auch Neuinterpretationen aus dem Kaiju und Tokosatsu Genre. Es folgten Shin Ultraman und Shin Kamen Rider, allesamt Filme, die zusammen mit Toho entstanden sind und sich als äußerst profitabel erwiesen. Doch auch in Sachen Animation lief es alles andere als schlecht, der finale Rebuild of Evangelion Film 3.0+1.0 Thrice Upon a Time dominierte das japanische Kino und erfreute sich international durch die Lizensierung von Amazon Prime großer Beliebtheit. Anno konnte seine Geschichte zu Ende erzählen und beruhigten Gewissens endgültig mit Neon Genesis Evangelion abschließen. Doch genau so wenig wie Hayao Miyazaki jemals aufhören kann, neue Filme zu machen, so wird Hideaki Anno sich niemals komplett von Evangelion abkapseln können. Und das ist nicht unbedingt mal eine schlechte Nachricht.

Ich habe die Rebuild of Evangelion Reihe (die auch sehr oft ein Thema hier auf "Am Meer ist es wärmer" war) mit gemischten Gefühlen erlebt. Was 2007 für mich begann sollte gewiss keine Reise sein, die mich für die nächsten knapp 15 Jahre begleiten sollte. Die neue Spielfilmreihe war geplagt von massiven Produktionsproblemen (leider auch teilweise hervorgerufen durch die Naturkatastrophe im Jahr 2011, das sogenannte Tōhoku-Erdbeben und die damit verbundene Katastrophe in Fukushima) und nach dem zweiten Film ist kein einziger mehr planmäßig erschienen. Der letzte Film, der sich tatsächlich noch nach Evangelion anfühlte war Evangelion 2.0: You Can (Not) Advance. Danach wurde es kompliziert. Auch für mich war der finale Spielfilm jedoch eine Art versöhnlicher Abschluss. Es war ein Film, der half, loslassen zu können. Abschied von einer Reihe zu nehmen, die mich selbst seit fast 30 Jahren schon begleitet. Und genau so kam es auch. Die vergangenen rund 5 Jahre hatte ich nichts mit Evangelion zu tun. Ich habe die Perfect Edition des Manga komplettiert, diese aber bis heute nicht einmal angerührt. Neon Genesis Evangelion wird für mich immer präsent sein, einen sentimentalen Wert besitzen, aber ich hatte keinen Drang dazu, einen Re-Watch der Serie zu starten oder mir noch einmal die Filme anzusehen. Daran hatte auch die positive Berichterstattung über den neuen Kurzfilm nichts geändert.

Doch am Ende haben sie mich halt doch noch bekommen. Noch einmal mein Interesse geweckt. Als man eine neue Serie ankündigte, hat man sich für eine relativ trockene Pressemitteilung entschieden. Es waren aber eher die Namen, die an dieser Serie beteiligt sein werden und die für Aufsehen sorgten. Khara wird sich hier zusammen mit dem beliebten Animationsstudio CloverWorks zusammentun. Die Regie wird Gainax sowie Rebuild of Evangelion Veteran Kazuya Tsurumaki übernehmen. Dann hat man sich für einen ungewöhnlichen Schritt entschieden, nämlich ein Zweiergespann aus der beliebten Videospielreihe Nier mit in die Produktion einzubinden: Yoko Taro wird sich für die Story und das Drehbuch verantworten, Keiichi Okabe komponiert den Soundtrack. Aus heutiger Sicht fast schon unfassbar, dass man so etwas unter Verschluss halten konnte. Nur wenige Stunden später wurde ein Teaser-Trailer veröffentlicht, der musikalisch bereits für elektrisierte Körperbehaarung sorgen dürfte. Ein unverkennbarer Okabe-Klang führt fast schon melancholisch mit Cello- und Klavierklängen durch einen postapokalyptischen Konzertsaal. Der kurze Trailer endet mit einer bedrohlichen Nahaufnahme von Eva 01.

Was als erstes auffallen dürfte sind traditionelle Animationen, die sehr schön den Look der TV-Serie widerspiegeln. Waren die Rebuild-Filme mit satten Farben ausgestattet, entschied man sich zumindest für den Trailer für einen weniger farbenfrohen Look. Aktuell weiß noch niemand, ob es sich hier nicht sogar um ein Remake der alten TV-Serie handelt (dafür bräuchte man dann aber nicht Yoko Taro), eine Fortsetzung oder sogar ein Reboot handelt. Die kaputten Musikinstrumente und die verwahrloste Umgebung deuten eher darauf hin, dass wir es hier mit einer Geschichte zu tun bekommen werden, die lang nach den uns bekannten Ereignissen spielen werden. Da Neon Genesis Evangelion mehrere Enden besitzt die laut offiziellen Aussagen alle zum anerkannten Franchise-Canon gehören, sind die Möglichkeiten fast unerschöpflich, wo man bei einer neuen Serien ansetzen kann.

Ein Name, nämlich der von Hideaki Anno, tauchte hier nicht auf. Und das dürfte wenig überraschen. Zum einen war es immer wichtig für ihn, den Staffelstab mal weiterzureichen, zum anderen kann man sich aber ziemlich sicher sein, dass er als eine Art Supervisor weiter mit von der Partie sein wird.

Was ich persönlich nun von alldem halte? Meine Stimmung bleibt vorerst neutral, immerhin hat man noch nichts konkretes zur Serie gesehen. Die hochdekorierten Namen, die am Projekt beteiligt sind und sich allen voran für Yoko Taro als Lead-Writer zu entscheiden hat fast schon etwas positiv kitschiges an sich. Kaum ein Stil wie der seine passt wohl so sehr zu einem Multimedia-Franchise wie Neon Genesis Evangelion. Aber wie immer ist auch eine gewisse Vorsicht geboten. Zu viele Franchise-Revivals mussten zuletzt immer wieder mit Enttäuschungen kämpfen. Evangelion ist davon nicht ausgenommen. Doch es ist dieser kurze Trailer, der unglaublich neugierig auf das macht, was da auf uns zukommen wird. Die ganzen Feierlichkeiten der letzten Tage haben insbesondere eines mal wieder bewiesen: Wir haben wohl alle, genau wie Hideaki Anno, noch nicht mit Evangelion abgeschlossen und werden es wohl auch nie. In dem Boot sitzen wir nun alle zusammen. Man darf vorsichtig optimistisch sein.

Montag, 24. November 2025

Er hätte uns ruhig noch etwas länger Gesellschaft leisten dürfen: Udo Kier (1944-2025)

 


Es gibt Menschen, die uns als Filmfans schon so lange begleiten, man könnte meinen, sie leben schon ewig und würden uns nie verlassen. Umso heftiger musste ich mir heute Morgen die Augen reiben, als die unmögliche Nachricht in der Tageschhau auftauchte: Udo Kier ist im Alter von 81 Jahren in seiner Heimatstad Palm Springs verstorben. Die Anteilnahme ist groß, denn, präsent war der gebürtige Kölner doch irgendwie immer. In über 200 Filmen verteilt auf eine Karriere, die etliche Dekaden andauerte gab es kaum große Namen, die nicht mit Udo Kier bereits einmal zusammengearbeitet haben.

Bekannt wurde er durch seine exzentrischen, teils exotischen Charakterrollen. Man konnte Kier überall einsetzen. Ob als Hauptdarsteller oder in winzigen Nebenrollen. In ernsten Dramen oder kultigsten Trashfilmen. Ein Charakterdarsteller der alten Schule. Skandale, Fehlanzeige. Über seine Sexualität hat Kier nie einen großen Hehl gemacht. Erst kürzlich hat man zwei von seinen unbestritten legendärsten Filmen wiederentdeckt, zwei Andy Warhol Produktionen (bei denen bis heute glaube ich nie so ganz aufgeklärt wurde, was der Künstler hier genau mit diesen Filmen eigentlich zu tun hatte). In Deutschland lange aufgrund ihrer damals "skandalösen" Inhalte von der Bildfläche verschwunden, seit einiger Zeit wieder rehabilitiert - Frankenstein und Dracula, beide Filme in Szene gesetzt von Paul Morrissey, der fast zur gleichen Zeit vergangenes Jahr im Alter von 86 Jahren verstorben ist. Es mutet fast schon romantisch an, dass zu diesem Zeitpunkt sowohl Frankenstein als auch Dracula von Guillermo del Toro und Luc Besson neu verfilmt wurden.

Als vergleichsweise noch immer junger Filmfan entdeckte ich Udo Kier in den späten 90ern für mich in Filmen wie Blade und dem mittlerweile nahezu komplett vergessenen Schwarzenegger-Streifen End of Days. Der Mensch hinter den Rollen war weitaus weniger exzentrisch, besaß eine menge Sinn für Humor, ganz besonders rückblickend auf seine vielen verschiedenen Rollen. Es gibt einen Kurzfilm von John Carpenter aus der Masters of Horror Serie (für mich unbestritten eines von Carpenters besten Werken, welches viel zu wenig Beachtung erhalten hat), Cigarette Burns, wo Kier, neben Norman Reedus, die Hauptrolle spielte. Udo Kier spielte in fast schon hypnotischer, furchteinflößender Darstellung den todkranken, exzentrischen Millionär Bellinger, der vor seinem Tod noch einen letzten Film sehen möchte, der mehrere Menschen in den Wahnsinn getrieben haben soll. Es ist die Rolle, die mir von Udo Kier, obwohl das nun auch schon über 20 Jahre her ist, so stark in Erinnerung geblieben ist.

Und jetzt wird man ihn und seine fast schon unheimlich bedrohliche Präsenz auf der Leinwand nie wieder sehen. Und dennoch stimmt es versöhnlich, da wir ihn so lange um uns hatten. Es hätte noch etwas länger sein dürfen, vielleicht noch ein letzter großer Auftritt, der ihm leider verwehrt geblieben ist. Udo Kier sollte sich im kommenden Horrorspiel OD von Hideo Kojima und Jordan Peele verewigen. Aufgrund der Streiks kam die Produktion nicht mehr in die Gänge und mussten auf das kommende Jahr verschoben werden. Für Udo Kier kommt das nun leider zu spät, aber beweisen brauchte er sowieso niemandem mehr etwas. Ob Film oder Videospiel, für ihn hätte es sowieso keine Rolle gespielt. Und genau das schätzten wir all die Jahre so sehr an ihm.

Text: Aufziehvogel

Freitag, 14. November 2025

Kill Bill: Rache wird auch nach zwei Jahrzehnten immer noch am besten kalt serviert

 



„Look Quentin, here's the thing, man. My Uncle Artie would love this movie. I mean, he would love it. He wouldn't love it at 4 hours.“


Die Gerüchte oder viel mehr nie manifestierten Pläne zur "Whole Bloody Affair" von Kill Bill sind beinahe so alt wie die Filme selbst. Tarantino hat nie ein Geheimnis daraus gemacht, die Filme als einen Film geschrieben und an einem Stück gedreht zu haben und das Gesamtwerk gerne als einen einzigen Film veröffentlicht hätte. Dies war aber nie wirklich umsetzbar, teilweise war ein vierstündiger Film ja nicht einmal bei Peter Jacksons Herr der Ringe Spielfilmtrilogie im Kino möglich. Anders aber als bei der Ring-Trilogie, wo relativ zügig Langfassungen nachgereicht wurden, ist Tarantinos großer Wunsch, sein blutiges Magnum Opus als einen kompletten Film zu zeigen, nie in Erfüllung gegangen. Zum Unmut vieler Fans, denn im laufe der Jahre sprach Tarantino immer wieder von seinen Plänen, Kill Bill endlich so zu zeigen, wie er sich das immer gewünscht hatte. Und es wäre ja nicht nur dabei geblieben, die beiden Filme zusammenzuschneiden. Diverse Szenenabläufe wären anders gewesen (der Film würde zum Beispiel mit der Braut um Auto starten, die über ihre finsteren Rachepläne in einem Monolog philosophiert und dem Zuschauer haarklein erklärt, was sie vor hat), sämtliche Zensuren für das R-Rating, die in der japanischen Fassung für den japanischen Markt rückgängig gemacht wurden, hätten ebenfalls ihren Weg in den Film gefunden. Die komplette Anime-Szene, die von Production I.G. einige Zeit nach dem Film noch erweitert und fertiggestellt wurde, hätte ihren Weg in den Film gefunden und wer weiß, was Tarantino am Schneidetisch noch alles gefunden hätte.

Um es kurz zu machen: Über 20 Jahre später wird das nun zur Realität. Leider aktuell nur für Zuschauer aus den USA. Aus Liebe zum Kino wird mit einer Laufzeit von fast 5 Stunden diese exklusive und Unrated "Whole Bloody Affair" Fassung mit all den gerade genannten Extras in amerikanischen Kino auf 70mm Filmband laufen. Ein Grund zur Freude, ein Grund, enttäuscht zu sein. Jeder weiß, wie strikt Tarantino hier agieren kann. Die Japan-Fassung von Kill Bill Vol. 1 blieb exklusiv in Japan und die Asia-Fassung von Vol. 2 blieb exklusiv in Asien (Bootlegs und irgendwelche Fan-Edits mal ausgenommen). Die Roadshow-Fassung von The Hateful Eight wurde meines Wissens nie wieder irgendwo gezeigt und auch ein Extended Cut von Once Upon a Time in Hollywood geistert ja auch noch durch die Weltgeschichte. Bleibt sich Quentin Tarantino treu, wird die Wholy Bloody Affair zu Kill Bill eine einmalige Affäre bleiben. Am 05.12 wird die übrigens in amerikanischen Kinos bereits laufen. Stand jetzt ist zu einer Kino- oder Heimkino-Auswertung in Europa noch rein gar nichts bekannt. So nah und letztendlich doch so fern, wie es scheint. Den Film in dieser Fassung im Kino genießen zu dürfen wäre für meine von aktuellen Filmen geschundene Seele eine Art warme Umarmung, die dringend benötigt wird.

Und genau das bringt mich dazu, noch einmal auf 20 Jahre Kill Bill zurückzublicken. Vol. 1 kam 2003 in die Kinos, das 20 jährige Jubiläum ist, technisch gesehen, auf dem besten Weg zum 25. Jubiläum. Aber das hält mich dann doch nicht ab, diese kleine Retrospektive zu schreiben.

Der 4. Film von Quentin Tarantino, so wurde er beworben, war lange Zeit ein Mysterium an sich. Niemand wusste genau, was in diesem Film nun passieren würde, aber der Titel lies viel erahnen. Genau wie bei der Whole Bloody Affair aktuell war das Kino für mich eine unüberwindbare Hürde, da ich 2003 gerade einmal 16 Jahre alt war und sicherlich 2-3 Jahre jünger aussah. Mit seiner verdienten FSK 18 Freigabe für mich also keine Chance, den im Kino sehen zu können. Das sah bei Vol. 2 schon anders aus, da war ich zwar erst 17 und sah mindestens 2-3 Jahre jünger aus, der Film war aber bereits ab 16 Jahren freigegeben, was eine absolut korrekte Altersfreigabe für diesen Teil ist, da Tarantino sich mit blutigen Gewaltorgien hier nahezu komplett zurückgehalten hat. Kill Bill war damals ein Gesprächsthema auf dem Pausenhof und irgendwie hatten wir dann doch alle Teil 1 gesehen, obwohl die wenigstens von uns alt genug waren, ihn wirklich im Kino sehen zu können. 20 Jahre später stellt sich natürlich die Frage, wie gut beide Teile noch mithalten können. Besonders im direkten Vergleich zu Tarantinos Filmen, die danach folgten. Für mich ist es jedoch so, dass Tarantino hier mit diesem Zweiteiler, und das gilt nach wie vor, seinen Höhepunkt als Filmemacher erreicht hat. Theoretisch könnte ich schon sagen, dass er diesen mit seinem Regiedebüt Reservoir Dogs zuvor erreicht hatte und seinen Stil dann in Pulp Fiction ausgebaut hat, aber Kill Bill war dann doch nochmal etwas ganz besonderes. Wie so oft bei Tarantino glänzt Style over Substance - wirklich originell ist die Rachestory per se nicht. Auch darüber hatte Tarantino nie einen Hehl gemacht, dass die Geschichte seine eigene Interpretation von alten japanischen Klassikern mit Meiko Kaji ist. Lady Snowblood und Sasori zum Beispiel. Generell stand das japanische Kino für Vol. 1 Pate während für Vol. 2 der Eastern und der Italo Western hergehalten haben. Dass Vol. 2 der eigentlich deutlich komplexere, rundere Film ist, wird bis heute nicht so gewürdigt, wie es der Film verdient. Besonders dieser starke Kontrast nach dem Japan-Arc ist es, wieso Kill Bill als Filmprojekt so vielschichtig ist. Obwohl Vol. 2 weder ein reiner Eastern noch ein reiner Italo-Western ist, hat Tarantino hier gleich zwei vermeintlich tote Filmgenres in großem Glanz in einer modernen Interpretation zurück auf die große Leinwand gebracht. Tarantino hat es nicht nur geschafft, die Seele dieser Genres einzufangen, er hat es am Ende auch geschafft, seine eigene Geschichte zu einem runden Abschluss zu bringen. Gelungen ist ihm das natürlich mit der immer wieder viel zitierten Liebe zum Film - zum Beispiel Schauspieler aus dieser Ära zurückzubringen wie David Carradine, Sonny Chiba und Gordon Liu oder aber einzigartige Musikstücke von Ennio Morricone wie "L'arena" aus dem Spaghetti-Western "Il Mercenario" einzubauen. Doch in keinem anderen seiner Filme setzte Tarantino seine eigenen Ideen so konsequent um wie in Kill Bill. Insofern wird es spannend zu sehen sein, wie die Whole Bloody Affair als ein kompletter Film funktionieren wird, besonders, wenn man den dann doch schon relativ eigenbrötlerischen zweiten Teil des Gesamtwerks mit einbezieht.

Und so stelle man sich vor, Kill Bill wäre in der heutigen Zeit entstanden. Wir hätten es vermutlich unlängst mit einem Film-Franchise zu tun wie es aktuell bei John Wick und unzähligen anderen Filmen der Fall ist. Es ist Tarantino umso höher anzurechnen, dass er Kill Bill zur damaligen Zeit zu einem popkulturellen Hit gemacht hat, an den man sich heute noch gerne zurückerinnert. Vielleicht heutzutage noch mehr als jemals zuvor. Tarantino hatte in der Vergangenheit oft über die Lore von Kill Bill gesprochen und auch darüber, wie es durchaus hätte Prequels oder auch ein vermeintliches Sequel hätte geben können. Kill Bill Vol. 3 ist nicht weniger sagenumwoben wie die Whole Bloody Affair. Tarantino, der nach seinem nächsten Film ja gerne seine Karriere als Regisseur an den Nagel hängen möchte, wird auf Kill Bill vielleicht nochmal ganz speziell zurückblicken. Das Filmprojekt war die Kumulation von allem, was er bis zu diesem Punkt in seiner Karriere als Filmemacher erreicht hatte. Bereits mit Jackie Brown bewegte er sich aus seiner Komfortzone, doch mit Kill Bill kehrte er nach seiner bis dahin längsten Filmpause mit etwas zurück, was ihm so vermutlich keiner zugetraut hätte. Kill Bill war der beste Beweis dafür, wie Tarantino als Filmemacher gewachsen ist und nicht zu dem Typen wurde, der insbesondere mit Pulp Fiction für immer in den 90ern gefangen war. Vielleicht der wichtigste Film für ihn in seiner Laufbahn als Regisseur. Für uns Filmfans ein schönes Andenken an eine Zeit, in der das Kino noch einen ganz anderen Stellenwert hatte.


Text und Idee: Aufziehvogel 

Mittwoch, 12. November 2025

Eine Rezension durch die Bundesrepublik: Heimat Deutschland

 



Deutschland 2025

Heimat Deutschland - Ein Gefühl, das mehr ist als ein Ort
Bildband mit Texten
Hardcover
Erschienen beim Kunth Verlag


Das Thema "Heimat" ist nicht nur ein Thema, womit ich mich aktuell persönlich befasse. Das Thema Heimat beschäftigt viele Menschen in der ganzen Bundesrepublik. Wie viel Wert und Bedeutung hat dieses Wort für uns noch? In einer Gesellschaft, die sich stets mehr isoliert und abschottet (eine Menge davon sind noch immer Nachwirkungen der Pandemie), dürfte wohl die berechtigte Frage aufkommen, wie wir zu unserer Heimat stehen. Wie sehen wir Deutschland? Als Westfale aus dem Pott, der in den grauen Ballungsgebieten aufgewachsen ist und von viel Fernweh und Reiselust geplagt ist, möchte ich mehr über meine eigene Heimat erfahren. Mit Optionen wie dem Deutschlandticket und generell Online-Schnäppchen im Zugverkehr steht uns die Bundesrepublik offen, erkundet zu werden. Wir sind mobil, nutzen die Angebote, die uns gegeben sind, noch immer viel zu selten.

In dem Bildband "Heimat Deutschland" wollte ich nicht nur ein zeitgemäßes Thema für meinen Blog finden, sondern mir zeitgleich auch persönliche Inspiration suchen, wohin es mich in kommender Zeit vielleicht führen könnte. Und vielleicht ja auch noch eine Antwort auf die Frage zu finden, was Heimat eigentlich bedeutet.




Als ich den randvoll gefüllten Band vor mir hatte, wusste ich noch nicht exakt, was mich genau erwarten würde. Der Verlag selbst bewirbt das gebundene Buch im Großformat selbst als "Bildband". Doch das wäre nur die halbe Wahrheit. Natürlich ist der über 300 Seiten dicke Band ausgestattet mit unzähligen hochauflösenden Bildern. Mal einseitig, mal kleine Bildchen und mal wuchtige Doppelseiten mit Panoramaaufnahmen - die abgedruckten Bilder/Aufnahmen sind herausragend getroffen und man kann kleinste Details erkennen. Womit ich nicht gerechnet habe sind die ausgiebigen Textpassagen. Jeder Teil der Bundesrepublik, ob Norden, Süden, Westen oder Osten, findet in dem Buch seinen Platz. Berichtet wird in den Texten über Sehenswürdigkeiten hin zu interessanten Aufenthaltsorten und historischen Kulturgütern. Die Texte befassen sich mit Dialekten, kleinen Trivias und sogar Kochrezepten. Manchmal wird ein wenig über Gott und die Welt in diesen Textpassagen gesprochen. Jeder einzelne Text im Buch ist passend und liebevoll zu den Bildern und dem jeweiligem Landesteil gestaltet und mit einzigartigen Designs angepasst. In einem Register am Ende bekommt man noch einmal sämtliche Themen auf einem Blick zum nachschlagen serviert.

Ich habe hier anfangs mit einer langen Bilderstrecke gerechnet, nicht aber mit so ausführlichen, interessanten Texten, die teilweise ein richtiger Reiseführer nicht besser hinbekommt. Es ist die Liebe zum Detail, wie gut die einzelnen Textabschnitte recherchiert sind.




Obwohl ich in NRW schon so lange lebe, konnte ich es natürlich nicht lassen, mir den Abschnitt über das Ruhrgebiet als erstes zu Gemüte zu führen. Auch wenn der Bildband wie andere Vertreter seiner Art nun nicht über die Dortmunder Nordstadt oder das Frankfurter Bahnhofsviertel berichtet (und sicherlich auch nicht passend wäre, um es mal zärtlich auszudrücken), so wird überraschend wenig kitschig romantisiert und dick aufgetragen. Der Einstieg über das Ruhrgebiet war für den Band eine überraschend gute Zerreißprobe. In den einzelnen Abschnitten wird die jeweilige Seele eines Ortes sehr gut eingefangen. Dies geschieht auf eine sehr sympathische Art und Weise. Meine Tour durch das Buch war kein einfacher Foto-Tourismus, es war eine mehr als interessante Expedition durch unsere Heimat mit vielen Geheimtipps und sogar weniger bekannten Orten.



Abschließende Gedanken

"Heimat Deutschland" wird seinem Titel mehr als nur gerecht. Der üppige Bildband bringt uns dem ein Stück näher, was in Vergessenheit gerät - unsere Heimat, ganz ohne die unzählig durchgekauten Reise-Klischees. In Deutschland steckt noch immer viel Schönheit, die entdeckt werden möchte. Mit herausragend schönen Bildern und ausführlichen, interessanten Textpassagen nehmen wir Teil an einer kleinen Reise durch die gesamte Bundesrepublik. Der Bildband selbst ist robust und hochwertig gebunden und kann auch als Reisebegleiter mitgenommen werden, sofern im Gepäck noch etwas Platz für ein etwas größeres Buch ist. Und ja, ich bin tatsächlich fündig geworden, was mein nächstes Reiseziel angeht und es ist noch nicht einmal weit entfernt. Die Heimat ist dann häufig auch nicht weit von der eigenen Haustür entfernt, man muss nur etwas über den Tellerrand der eigenen Wohlfühloase schauen. Eine große Empfehlung von mir.


Rezension: Aufziehvogel




Bildrechte: Kunth Verlag, München und den jeweiligen Künstlern

Eine ausführliche Auflistung der Bildrechte findet sich im Buch auf Seite 360

Dienstag, 14. Oktober 2025

Dorothee Elmiger gewinnt Deutschen Buchpreis

 



Ich hatte die nominierten Kandidaten für die diesjährige Vergabe des Deutschen Buchpreises nicht akribisch verfolgt, freute mich aber dennoch sehr für die Schweizerin Dorothee Elmiger, die für ihren Roman "Die Holländerinnen" auf die Shortlist gesetzt wurde und sich in den letzten Wochen auch zur Favoritin für den Preis mauserte. Nachdem sie bereits 2020 für "Aus der Zuckerfabrik" für den Preis auf der Shortlist stand, heimst sie diesen nun rund 5 Jahre später für "Die Holländerinnen" ein. Ein Buch, welches ich bereits kurz in meiner Berichterstattung zu dem mysteriösen Verschwinden der beiden Niederländerinnen Kris Kremers und Lisanne Froon erwähnt hatte: Link führt in neuem Fenster zu einem Artikel auf meinem Blog

Zwar ist das Buch von Dorothee Elmiger fiktional, aber eben durch diesen echten Fall auch mit wahren Tatsachen angehaucht. Ich hatte bisher lediglich Zeit, eine Leseprobe zu lesen und als jemand, der den Schreibstil der Autorin kennt, wusste ich so ungefähr, dass ich mich auf eine besondere Leseerfahrung einstellen kann. Vor über 11 Jahren, also im Jahr 2014, besprach ich hier auf "Am Meer ist es wärmer" ihren zweiten Roman "Schlafgänger" (Besprechung im Blog-Archiv jederzeit aufrufbar) und bin auch so viele Jahre später von diesem noch angetan.

"Die Holländerinnen" wird von der allgemeinen Leserschaft vermutlich nicht weniger "kontrovers" aufgenommen werden wie ihre vorherigen Werke. Doch genau solche literarischen Experimente sind es, die ich mir von der deutschsprachigen Literatur erwarte, innig wünsche. Unsere Sprache kann so viel, doch häufig wird sie besonders in fiktionalen Romanen viel zu selten intelligent und spielerisch genutzt. Insofern hoffe ich, wird die Verleihung des Preises Dorothee Elmiger den Antrieb geben, mit ihrer Literatur genau so weiterzumachen.