Archiv: Rezensionen zu Literatur und Film

Montag, 31. Oktober 2022

Halloween-Rezension: Sensor (Junji Ito)

 



Japan

Sensor
Originaltitel: Muma no Kikou
Autor und Zeichner: Junji Ito
Verlag: Carlsen
Format: Hardcover
Übersetzung: Jens Ossa
Genre: Horror, Mystery


Japans Horrormeister Junji Ito beglückt seine wartenden Fans immer seltener mit brandneuen Werken. Er lässt sich für seine Fieberträume gerne Zeit. Doch wenn Ito an einem neuen Einzelband oder neuen Kurzgeschichten sitzt, dann beschwört er die pure Anarchie hinauf. Sensor entstand zwischen 2018-2019 und die einzelnen Kapitel wurden kurze Zeit später in seiner Heimat dann auch als einzelner Sammelband veröffentlicht. Sensor zählt somit zur "Horror World of Junji Ito", eine riesige Anthologie, die Itos One-Shots und Kurzgeschichten beinhaltet.

Es hat zwar etwas gedauert, aber nun hat sich auch nach kleineren Versuchen vor einigen Jahren mit Uzumaki und Gyo der Carlsen Verlag etabliert, was die Veröffentlichungen von Junji Ito angeht. Man veröffentlicht in einem schicken, einheitlichem Design Hardcover-Ausgaben zu bezahlbaren Preisen. Somit dürfte Junji Ito auch in Deutschland nun eine feste Heimat haben.

Sensor ist, wie nicht anders zu erwarten, wieder einmal eine bizarre Geschichte, die ich nicht wirklich erklären oder beschreiben kann. Ein Fiebertraum passt hier schon, aber die Geschichte hat besonders durch seine abstrakten Illustrationen etwas hypnotisierendes. Beim lesen der Geschichte ist mir daher folgendes aufgefallen: Sensor könnte völlig ohne Probleme eine zusätzliche Geschichte in "Der König in Gelb" von Robert Chambers sein, ein Mythos, den später auch H.P. Lovecraft weiterführen sollte.




Sensor ist auf den ersten Blick nicht der gewohnte blanke Horror, den man von ihm kennt. Im Fokus steht ein wenig japanische Folklore, allen voran der stille Vulkan Sengoku und ein kleines, ländliches Dorf direkt in der Nähe. Das Dorf ist vollkommen bedeckt von Pele-Haar (zum besseren Verständnis führt hier ein Link in einem separaten Fenster zu Wikipedia). Diese goldenen Fäden, so die Dorfbewohner, verleihen ihnen übernatürliche Fähigkeiten. Als eine junge Frau das Dorf besucht, wird sie bereits mit offenen Armen empfangen - ihr Besuch wurde von den Dorfbewohnern vorhergesehen und sie soll das auserwählte Medium sein, dessen Ankunft schon lange vorausgesagt wurde. Der Albtraum für alle Beteiligten beginnt damit erst und es finden seltsame und bizarre  Ereignisse über ganz Japan verteilt statt.

Wie üblich bei Junji Itos One-Shot Geschichten, besitzt jedes Kapitel das Potential dazu, als eigenständige kleine Kurzgeschichte durchzugehen. Ein Reporter ist dem Mysterium auf der Spur und gerät dabei immer tiefer in eine Geschichte, die ihn regelrecht den Verstand rauben wird. Je weiter die Geschichte in Sensor geht, desto mehr kommt Itos klassischer Horror, Extremsituationen und sein herrlicher schwarzer Humor zur Geltung. Ito scheut sich auch in Sensor nicht vor Absurditäten, die nur er in ein Horrorgewand verpacken kann, welches die Leser noch für einige Zeit nach Beendigung der Geschichte begleiten wird. Daher geht die Warnung gleich mal raus: Obwohl Sensor relativ bodenständig beginnt, gibt es auch hier wieder eine ordentliche Portion Body-Horror, der vor einem gewissen Grad an Ekel nicht zurückschreckt. Doch wie immer kommen auch eine subtile Gesellschaftskritik und die ganz menschlichen Abgründe der verschiedenen Charaktere hier nicht zu kurz.





Abschließende Gedanken

Nach Remina ging es für mich geradewegs weiter zu Sensor. In beiden Werken entfaltet sich der ganze Wahnsinn von Junji Itos Horrorwelt. Ich habe aufgegeben zu versuchen, Itos Stil und Geschichten zu erklären. Wie in meinem Beitrag von 2017 schon erwähnt: Man muss die Geschichten selbst erleben und auf sich wirken lassen. Ohne Frage sind Itos Geschichten aber auch der perfekte Begleiter zu Halloween. Am besten, man deckt sich mit so vielen Bänden wie möglich ein und, sofern es die Zeit zulässt, verbringt eine komplette Nacht damit, sie in einem gedimmten Raum, ohne Technikgedöns in Reichweite und laufenden Fernseher im Hintergrund, zu lesen. Dem Wahnsinn wird man nach so einer Nacht sicherlich ein Stück näher gekommen sein.

Donnerstag, 27. Oktober 2022

Mit Dokico geht in Deutschland nächstes Jahr der erste Light Novel Verlag an den Start

 

Copyright: Dokico


Eine Meldung, die mich in den vergangenen Tagen sehr erfreute war die Ankündigung des ersten eigenständigen Light Novel Verlags in Deutschland. Das Team hört auf den Name "Dokico", welches sich aus den Worten "Doki-Doki" und "Comedy" auseinandersetzt und auch gleichzeitig das Verlagsmotto zur Geltung bringt: Emotionen und Unterhaltung. Man möchte die bunte Vielfalt der japanischen Belletristik deutschen Lesern näher bringen und möchte Genres wie RomComs, Drama, Slice of Life und Mystery abdecken. Von Isekai möchte man sich wohl vorerst fernhalten.
Für das Logo des Verlags gab es bereits prominente Unterstützung: Hierfür war der Highschool DxD Mangaka Hiroji Mishima verantwortlich.

Der Verlag soll 2023 seine ersten Titel veröffentlichen. Veröffentlichen will man Printausgaben und E-Books, zudem soll es über den hauseigenen Shop wohl noch Spezialeditionen geben.
Aktuell gibt es zwar noch keine angekündigten Lizenzen, man sollte aber wachsam die Website des Verlags beobachten, was sich da in kommender Zeit tun wird.

Sofern man sich an gewisse Spielregeln hält, kann man dem sehr sympathischen Team vom Dokico Verlag auch Lizenzwünsche schicken. Was man beachten muss erfährt man in einem kleinen FAQ. Da ich mich hier nicht selbst jinxen möchte, verrate ich in diesem Absatz einfach mal nicht, was ich mir gewünscht habe ;P

Der Aufziehvogel drückt dem Team alle verfügbaren Daumen, da das Thema Light Novels in Deutschland immer noch eine Herausforderung sein dürfte. Was in anderen Ländern wie den USA oder Frankreich unlängst etabliert ist, ist bei uns in Deutschland noch immer eine Nische. Auf diesen Verlag aufmerksam zu machen war also Pflichtprogramm!


Link zur Website (Öffnet neues Browserfenster zur Website des Verlags): Dokico

Samstag, 1. Oktober 2022

Durchgeschaut und durchgelesen: Das ABC der Videospiele Level 2 (Gregor Kartsios)

 



Deutschland 2022


Das ABC der Videospiele Level 2
Autor: Gregor Kartsios
Format: Hardcover, E-Book
Genre: Sachbuch, Videospiele



Es ist nicht ganz ein Jahr vergangen, da habe ich kurz vor Jahresende im Dezember in meinem ersten "Durchgeschaut und durchgelesen" den ersten Band zu "Das ABC der Videospiele" von Gregor Kartsios besprochen, den die meisten vermutlich trotz mittlerweile zwei erfolgreicher Bücher wohl immer noch als Retro-Meister bei Rocket Beans und JRPG-Fanatiker auf seinem eigenen YouTube Kanal am besten kennen. Und letztes Jahr gab es von mir den Hinweis als Fan der guten alten Retrozeit das Sachbuch von Gregor nicht zu verpassen. Besonders für ein Debütwerk (und ganz besonders zu einem sehr sympathischen Preis) war das ABC der Videospiele eine mehr als interessante Lektüre, auch ganz abseits des wöchentlichen Retro Klubs bei den Rocket Beans.

Von A-Z schrieb sich Gregor in dem ausführlichen ersten Band durch die frühen Anfänge der Videospielwelt. Kritik zu vergeben hatte ich kaum. Einige Themen hätten ein wenig ausführlicher besprochen werden können, ein paar Themen hätten etwas nischiger sein können und die Auswahl der Bilder und die Größe der Bilder war nicht ganz so optimal. Keine 12 Monate später zähle ich das ABC erneut auf und muss feststellen: An genau diesen Stellschrauben wurde gearbeitet. Während ich krank im Bett lag begleitete mich die Fortsetzung, diesmal noch umfangreicher, erneut von A wie Activision bis Z wie Zilog Z80.

Dank des größeren Inhalts konnten in Level 2 die Themen noch ausführlicher besprochen werden, die Themen sind allgemein ein wenig "nischiger" geworden (besonders für Fans japanischer Videospiele ist hier einiges dabei) und die Auswahl und Auflösung der abgedruckten Bilder hat sich noch einmal deutlich verbessert. Und dann gibt es auch noch für alle Masochisten die mal mit Konami sympathisierten besonders emotionale Themengebiete die nicht unter K wie Konmai, sondern unter H wie Hideo Kojima oder S wie Silent Hill zu finden sind!


                                                                 Metal Gear Solid


Die Zutaten aus dem ersten Band wurden zudem in dieser Fortsetzung weiterverwendet. Nur ganze 2 Seiten benötigt Gregor für ein Vorwort, hält sich nicht an staubigen Belanglosigkeiten auf und kommt direkt zur Sache. Die Texte haben alle eine optimale Länge, sind weiterhin gut verständlich und sympathisch verfasst und ausgezeichnet recherchiert. Der Autor hat sich hier aber nun selbst die Freiheit genommen, sich nicht selbst durch die Länge eines jeweiligen Artikels unter Druck zu setzen. Jedes Thema bekommt so viel Zuwendung, bis es abgearbeitet ist. So gibt es in Level 2 eine recht üppige Besprechung über die gefühlt zweihundertjährige Entwicklungszeit von Duke Nukem Forever.

Für alle Fans von "Spiele mit Bart" (Rocket Beans Showformat mit Gregor und Simon) gibt es übrigens auf Seite 22 ein kleines Easter Egg).


                                                                       Silent Hill



Besonders hervorheben möchte ich hier die Auswahl der Bilder, die stimmig aus offiziellen Postern, Promomaterial, Screenshots, Artworks und Covern zusammengestellt wurde. Es gibt hier zudem auch noch einige schöne Vintage-Scans, die alle sehr gut in die Artikel eingebunden wurden.

Zu den weiteren Themen im ABC gehört auch ein großer Abschnitt zu Mortal Kombat, welches geschickt mit dem Thema Jugendschutz und der damaligen Problematik nicht nur in Deutschland verknüpft wurde. Die guten Nachrichten: Über die Anfangszeit von Mortal Kombat darf auch endlich in der Bundesrepublik wieder berichtet werden, was besonders für die Videospielhistorie relevant ist, zuletzt wurden zahlreiche ältere Mortal Kombat Titel vom Index entfernt, nachdem neuere Titel bereits zügig in Deutschland eine Altersfreigabe bereits erhalten hatten.

Level 2 widmet sich auch dem Thema Videospiel Engine. Unter U wie Unreal Engine befindet sich ein sehr interessanter Artikel über die wohl geschichtsträchtigste Engine in der Welt der Videospiele.

Während die ruhmreiche Historie auch für Videospiele bereits geschrieben ist, merkt man aber immer wieder wie kurzlebig die Gegenwart doch ist. In einem der letzten großen Artikel - nämlich unter Y wie Yu Suzuki, berichtet der Autor noch über eine geplante Fortsetzung des Shenmue Anime und einer Hoffnung für einen vierten Teil der Videospielreihe; erst vorgestern wurde die Serie trotz guter Klickzahlen und sehr zum Unmut der Produzenten eingestampft.



Abschließende Gedanken


Das ABC der Videospiele Level 2 ist praktisch das Mortal Kombat 2 unter den Sachbüchern. Es übernimmt die Stärken des Originals und expandiert sinnvoll in zahlreiche verschiedene Richtungen. So ist auch hier erneut ein umfangreiches Sachbuch über das Thema Videospielhistorie entstanden, welches immer bei der Themenauswahl und ganz besonders die Länge der Themen On Point ist. Die Hardcover-Aufmachung passt sich nahtlos dem Erstling an und ist für einen Preis von 16 Euro erneut robust verarbeitet. Gregor Kartsios hat nun schon zweimal bewiesen, dass er das Alphabet von A-Z drauf hat. Und wer weiß schon, ob er nicht auch noch ein drittes mal das Alphabet runterbeten kann. Da fällt mir ein, Super Mario Spiele haben ja meistens 8 Welten!

Sonntag, 18. September 2022

Rezension: Papyrus (Irene Vallejo)





Spanien


Papyrus
Originaltitel: El infinito en un junco. La invención de los libros en el mundo antiguo
Autorin: Irene Vallejo
Veröffentlichung: 27.04.2022 
Verlag: Diogenes
Übersetzung: Maria Meinel und Luis Ruby
Genre: Sachbuch, Antike Literatur



"Niemand hat die Farben Alexandrias und die körperlichen Eindrücke, die der Ort in ihm auslöste, präziser beschrieben als er. Die erdrückende Stille und den hohen Sommerhimmel. Die Tage in sengender Hitze. Das strahlende Blau des Meeres, die Wellenbrecher, die gelben Ufer. Im Landesinneren der Mariout, zuweilen konturenlos wie eine Fata Morgana. Zwischen den Wassern des Hafens und des Sees unzählige Straßen voller Staub, Bettler und Fliegen. Palmen, Luxushotels, Haschisch, Trunkenheit. Die trockene, vor Elektrizität knisternde Luft. Abende in Zitronengelb und Lila. Fünf große Ethnien, fünf Sprachen, ein Dutzend Religionen, das Spiegelbild von fünf Flotten im öligen Wasser. In Alexandria, schreibt Durrell, erwacht das Fleisch zum Leben und rüttelt an den Gitterstäben seines Gefängnisses. Im Zweiten Weltkrieg erlebte die Stadt schwere Zerstörungen. Im letzten Roman des Quartetts beschreibt Clea eine melancholische Landschaft. Gestrandete Panzer am Meeresufer, die Dinosaurierskeletten gleichen, die großen Kanonen wie umgestürzte Bäume in einem versteinerten Wald, die Beduinen, die sich in Minenfelder verirren. Die Stadt, schon immer ein Ort der Perversionen, schließt er, ähnelt jetzt einem riesigen öffentlichen Pissoir."


Ich habe hier schon etliche interessante Sachbücher besprochen. Es ist noch gar nicht so lang her, da besprach ich mit Life Lessons auf dem Amazonas bereits ein unglaublich gelungenes Sachbuch, welches sich nicht trocken mit einem Thema auseinandersetzte sondern sich beinahe schon so abenteuerlich wie ein richtiger Roman las. Obwohl thematisch auf einem komplett anderen Ufer angesiedelt, schlägt die Spanierin Irene Vallejo mit "Papyrus" in eine ähnliche Kerbe. Der Titel ist Programm. Ein Buch über Bücher. Auf über 700 Seiten (in der deutschen Übersetzung) verteilt könnte das Thema also so staubig wie ein antiker Papyrus sein, doch die Philologin mit einer Liebe für die Antike hat es vollbracht, aus dieser Thematik etwas einzigartiges zu erschaffen. Dies wird direkt im Prolog deutlich, der auch zum Auftakt eines großen, historischen Romans gehören könnte.

Die Autorin stellt sich nach dem abenteuerlichen Prolog vor. Vor lauter Büchern weiß sie in ihrer Wohnung manchmal gar nicht, wo sie hin tritt. Sie berichtet über die riesige Überwindung, die es kostete, dieses Buch zu verfassen. Die schier unendliche Recherche und dazu noch die Gabe zu besitzen, die antike Thematik in eine flotte, moderne Sprache umzuwandeln sehe ich jedoch als größte Hürde, wenn man sich so ein ambitioniertes Projekt vornimmt. Beim hervorheben meines Eröffnungszitats für diese Rezension konnte ich mich kaum bremsen und beinahe noch den Rest der Seite hier hinzugefügt.

Irene Vallejo nimmt uns hier mit auf eine Zeit- und Weltreise durch die Geschichte der Bücher. Angefangen im antiken Griechenland, hin zu der Bibliothek von Alexandria, weit hinaus über den Eroberungsfeldzuges von Alexander dem Großen der zum einschlafen keinen Teddybär brauchte, sondern sein Exemplar der Ilyas. Der Weg dieser langen Reise geht bis in unsere Moderne Gegenwart, wo das E-Book mittlerweile ein alter Hut ist und gedruckte Buch aber bis heute nicht abgelöst hat. Die Autorin verpackt all diese verschiedenen Epochen des Buches in kleine, unterhaltsame Geschichten, die historisch alle großartig recherchiert wurden. Mit einer lockeren Sprache garniert blättern sich die einzelnen Seiten dieses doch recht umfangreichen Buches wie von selbst.


"Das ägyptische Alexandria wurde, wie könnte es anders sein, aus einem literarischen Traum geboren, einem homerischen Wispern. Im Schlaf sah Alexander, wie ein grauhaariger alter Mann an seine Seite trat. Der rätselhafte Unbekannte rezitierte einige Verse aus der Odyssee, in denen von einer Insel namens Pharos die Rede ist, die umgeben vom Meeresrauschen vor der ägyptischen Küste liegt. Die Insel gab es wirklich, nahe der Schwemmebene, in der sich das Nildelta mit den Wassern des Mittelmeers vereint. Alexander sah in dieser Vision, wie damals üblich, ein Vorzeichen und gründete dort die vorbestimmte Stadt."


Von Unordnung, antikem Chaos oder babylonischer Sprachverwirrung ist in Papyrus keine Spur. Die junge Autorin geht im Schongang von einem Thema zum nächsten und erzählt jede historische Anekdote wie eine kleine Kurzgeschichte. Die Hingabe, die in dieses Buch geflossen ist liest man an genau dieser präzisen Ordnung, die man auf jeder Seite, in jedem Kapitel vorfinden wird.



Abschließende Gedanken


In einer schönen Hardcover-Ausgabe wird der Diogenes Verlag dem Papyrus gerecht. Es ist eine schöne Edition für das Bücherregal. Auch die beiden Übersetzer haben hier eine hervorragende Arbeit abgeliefert, indem sie eine flüssige Sprache präsentieren und den Wortwitz der Autorin gut in die deutsche Sprache übertragen haben. Für mich als einstigen Sachbuch-Muffel erlebe ich derzeit ein wunderschönes Repertoire an gelungenen Titeln. Für jemanden wie mich, der selbst seit Ewigkeiten wissbegierig ist was die Antike angeht, hat diese ausführliche Weltreise eine menge Spaß gemacht. Im Anhang gibt es noch ein riesiges Quellenverzeichnis. Ich hätte es ganz schön gefunden, wenn es in einem separaten Abschnitt im Buch vielleicht noch ein paar bebilderte Seiten gegeben hätte, die sich mit antiken Schriftrollen auseinandersetzen. Ich kenne die Originalausgabe nun nicht und kann daher nicht mit einer Bestimmtheit sagen, ob solche Abbildungen dort vielleicht enthalten sind.

Irene Vallejo hat hier nicht nur eine Liebeserklärung an ihren Hang zur Antike abgeliefert, es ist auch eine Liebe an die Bücher selbst. An das Papier. An den Druck, An alles, was so ein Buch nun einmal ausmacht. Doch ein Buch ist eben nicht nur das von mir aufgezählte, ein Buch ist auch unsere Weltgeschichte. Hinter jeder noch so kleinen Anekdote steckt ein Stück unser Weltgeschichte. Irene Vallejo hat hier ihren Beitrag geleistet, diese kleinen und großen Geister der literarischen Vergangenheit zu sammeln und uns von ihnen zu erzählen.

Dienstag, 13. September 2022

Eine Charakterstudie in Lila: Rent-a-Girlfriend: Sad Simping

 



In einer für mich stressigen, turbulenten Zeit suche ich nach Entspannung für das beanspruchte Gehirn. Ich will etwas schauen, wobei ich mich wohlfühle und meine Synapsen nicht beanspruchen muss bzw. maximal um das Signal vom Kopf zur Hand zu senden, welche mir das gut gekühlte Bierglas reichen soll. Ich schaue relativ wenig Anime im Jahr. Mir kommt es vor, als würden es jährlich weniger werden. Vermutlich beläuft es sich auf zwei, vielleicht maximal drei Serien pro Jahr und die haben besser weniger als 24 Folgen und eine abgeschlossene Geschichte. Eine Serie, wo ich mich komplett fallen lassen konnte und mich nur auf mein kühles Bier konzentrieren musste: Laid Back Camp (Yuru Camp). Ich dachte, dies könnte ich wiederholen und schien fündig zu werden, als ich folgenden Clip über den Crunchyroll YouTube Kanal entdeckte:




Ich war gewarnt: Bei Rent-a-Girlfriend (Kanojo, Okarishimasu) handelt es sich um einen sogenannte Harem-Anime. Ein gefährliches Gebräu wo der verzweifelte Hauptcharakter von den süßen Ladies umzingelt ist und nie einen Treffer landen wird, denn die wahre Liebe findet man bekanntlich nur im True Ending in der Monogamie. Wenn der Hauptcharakter also der ewigen Jungfräulichkeit entkommen möchte, muss er sich für die einzig Wahre entscheiden. Was konnte also schief gehen? Ich war vorgewarnt und habe mich auf die Standardprozedur eingelassen. Auf den trotteligen Hauptcharakter fliegen die Mädels, er vergeigt dennoch alles und am Ende steht er mit 4 Damen vor dem Traualtar.

Was aber folgte war etwas ganz anderes. Ich habe seichte Unterhaltung erwartet, bekam aber stattdessen eine bizarre Charakterstudie vor den Latz geknallt. Diese Charakterstudie traf mich mit solcher Wucht, dass ich keine Kraft mehr hatte, zum Bierglas zu greifen. Es ist eine Charakterstudie namens Kazuya Kinoshita, der traurigste Simp auf Erden.




Kazuya ist 21 Jahre alt, hatte noch nie eine richtige Freundin und sein Leben auf der Uni beginnt denkbar schlecht. Seine vermeintliche erste große Liebe Mami hat ihn bereits nach wenigen Wochen wieder abgeschossen, sie scheint bereits einen neuen Freund zu haben. In Kazuyas Mülleimer in seinem Zimmer stapelt sich das benutzte Küchenpapier, er ist selbst über sich überrascht, dass ihn Phantasien anturnen wo Mami mit ihrem vermutlich neuem Lover Sex hat. Eine Freundin scheint für Kazuya nicht in Sicht zu sein. Die sich sorgende Familie (allen voran seine Großmutter) haben die Hoffnung scheinbar aufgegeben: Der Liebes-Versager wird niemals eine andere Freundin finden als seine Hand. Das Küchenpapier im Mülleimer wird sich weiter stapeln und irgendwann werden selbst Kazuyas Kommilitonen, ebenfalls allesamt Single und Jungfrauen, eine feste Freundin haben mit der sie irgendwann Sex haben werden. Kazuya kommt also auf eine brillante Idee: Wieso sich ernsthaft eine Freundin suchen, wenn er sich auch einfach eine Freundin für Geld mieten kann?

Um die wichtigste Frage, die sich vielleicht einige schon länger stellen (ob man die Serie nun kennt oder vielleicht auf sie aufmerksam wird wie durch einen solchen Einwurf hier): Kann man sich in Japan wirklich eine Freundin mieten? Kann man, aber man sollte nicht überrascht sein, dass die Dating App in Rent-a-Girlfriend ein reales Vorbild hat, immerhin reden wir hier von und über Japan. Die inspirierende Website hinter dem Manga nennt sich "Puchikano" (die genaue Bedeutung des Begriffs kenne ich nicht, aber das "Kano" am Ende ist auf "Kanojo" bezogen, was "Freundin (romantisch)" bedeutet). Wenn man also etwas mehr Kleingeld als im Manga und Anime mitbringt, kann man sich hier für 1-2 Stunden eine Freundin mieten, die einen im wahren Leben vermutlich nicht einmal als Fußabtreter benutzen würde. Wer mehr darüber erfahren möchte: Anime Corner (Link)

Kazuya mietet also eine Freundin und bereits in der ersten Folge wird kein Geheimnis daraus gemacht, dass das für Kazuya und alle Beteiligten in einer großen Katastrophe enden wird. Kazuya mietet für einige Tausend Yen Chizuru, die perfekte Freundin. Sie ist unaussprechlich hübsch, gebildet, witzig, charmant und hat große Brüste. Alles Eigenschaften, die nicht nur Kazuya liebt sondern vermutlich auch unzählige andere Männer. Chizuru spielt Kazuya die perfekte Freundin vor - für wenige Stunden kann sie Kazuya und jeden anderen Mann zur glücklichsten Person in diesem Universum machen. Doch schnell bemerkt Kazuya, als er noch bei Sinnen ist, dass das ganze Gehabe und Getue von Chizuru natürlich nur ein Schauspiel ist. Er trifft sich mit ihr, ist von ihr verzaubert und doch schlau genug zu erkennen, dass Chizuru ein absoluter Profi ist. Kazuya ist ihr Kunde, er bezahl sie, um sie für eine kurze Zeit als seine Freundin ausgeben zu können. Kazuya ist frustriert und gibt Chizuru eine negative Bewertung, bucht sie erneut um ihr noch einmal persönlich sagen zu können, ob sie ihren Job gewissenhaft ausführen kann wenn sie genau weiß, dass sie Männern hier praktisch nur eine Illusion vorspielt. In dieser ersten Episode denkt Kazuya rational und logisch. In seiner Phantasie hat er natürlich Sex mit Chizuru und verbrauchte vermutlich in dieser einen Nacht eine ganze Rolle Küchenpapier, aber er dachte noch rational genug um seinem ganz persönlichem Simp-Abtraum zu entkommen.
Doch, wie man sich sicherlich denken kann, kommt es ganz anders. Durch eine Verkettung sehr unglücklicher Zufälle sind Kazuya und Chizuru mehr oder weniger gezwungen, eine Fake-Beziehung zu führen um eine Lüge aufrecht zu erhalten. Dies endet für Kazuya letztendlich damit, dass er sich in Chizuru verliebt. Kazuyas Lebensinhalt wird fortan aus Chizuru bestehen. Dass er eine feste Freundin haben könnte scheint ihm bewusst zu sein, aber er bringt lieber sich und sein gesamtes Umfeld in eine missliche Lage, denn für Kazuya gibt es nur Chizuru, die sich zwar auch in Kazuya verliebt, dies aber niemals zugeben würde und ihm circa pro Folge 30 mal sagt, dass da nie etwas zwischen den beiden laufen wird.




Die Serie suggeriert, dass sich die Mietfreundinnen nicht ausschließlich mit jungen Männern verabreden. Man sieht in einigen wenigen Szenen auch mal Silhouetten, die auf deutlich ältere Männer zurückzuführen sind: Der sogenannte Ugly Bastard.
Es scheint kein Mindestalter für die Klienten zu geben, vielleicht gibt es im Serviceangebot also auch die Kategorie Miettochter?

Von den widerlichen Vorstellungen mal abgesehen wer sich alles eine Mietfreundin mieten kann, möchte ich gerne auf Kazuya zurückkommen. Meiner Meinung nach ist Kazuya ein extrovertierter, etwas trotteliger aber liebenswürdiger Twen, der nicht halb so schlecht aussieht, dass er nicht auf normalem Wege eine Freundin finden würde. Er ist lebensfreudig und scheint Ziele in seinem Leben zu haben. Zumindest schien er die noch zu haben, bevor er Chizuru kennenlernte und sein Lebensinhalt fortan Sie sein sollte. Wie es der Zufall so will ist Chizuru auch noch Kazuyas Nachbarin und sie gehen auch noch auf die gleiche Uni, was weitere Probleme mit sich bringen wird. Kazuya ist aber auch ein extrem unentschlossener Typ. Wie schon erwähnt geilt es ihn auf, wenn er daran denkt, dass seine manisch-psychotische Ex-Freundin Mami mit ihrem neuen Freund gerade Sex haben könnte. Zur Verteidigung von Kazuya: In diesem Alter denkt man vielleicht öfters mal darüber nach, was und mit wem es die Ex so treibt. Bis zu einem gewissen Grad ist dies vielleicht normale Neugier. Doch hat er diese Phantasien letztendlich auch bei jeder anderen Frau, mit der er länger als 5 Minuten gemeinsam an einer Stelle verweilt. Im Verlauf der Serie lernt Kazuya neben Mami und Chizuru auch noch Ruka (die sich unsterblich in Kazuya verliebt und ihn als ultimativen Liebesbeweis in ein Love Hotel mitnimmt, Kazuya aber nur an Chizuru denken kann und mal wieder eine Gelegenheit verstreichen lässt die Jungfrau hinter sich zu lassen) und die einsilbige, schüchterne Sumi kennen. Sie alle scheinen sich in Kazuya zu verlieben, der in dieser kurzen Zeit bereits zum Stalker geworden ist und sehr häufig seiner Angebeteten nachspioniert oder ihre privaten Gespräche belauscht.


Spoiler zum Ende der ersten Staffel

Am Ende der ersten Staffel könnte man meinen, dass Chizuru durch Kazuyas 12 monatiges Gesimpe letztendlich weich geworden ist. Ihr fällt allmählich auf, dass der junge Mann bei den hübschen Mädels gar nicht so schlecht ankommt. Und auch ihr ist in dieser Zeit anscheinend etwas aufgefallen, nämlich die Lüge, die sie gemeinsam mit Kazuya lebt, eigentlich gar nicht mal so unangenehm ist. Kazuya wittert seine Chance, da er es bereits in dieser finalen Folge verpasst hat, Ruka endlich seine Liebe zu gestehen. Am Ende bekommt er also die ultimative Gelegenheit dazu, Chizuru seine Gefühle zu gestehen, die sich unlängst durstig auf Kazuya ist mehr mit Kazuya vorstellen kann. Nun können sich all die Erniedrigungen, das viele Geld und die vielen verbrauchten Rollen Küchenpapier auszahlen: Chizuru endlich zu sagen, was er fühlt. Das Tor steht völlig frei, er muss nur noch einnetzen. Und er tut es: Er gesteht Chizuru, dass er sie gerne weiter als Mietfreundin buchen möchte.

Das eigentlich faszinierende an Kazuya ist, dass er, wie ich finde, eine Blaupause für viele Männer ist, nicht nur Männer in dieser Altersklasse. Und sicherlich nicht nur japanische Männer. Ich erinnerte mich beim schauen von Rent-a-Girlfriend immer wieder mal an meine eigene Jugend und welche Hürden man als talentloser Durchschnittstyp auf sich nehmen musste, um sich bei den Damen ins Gespräch zu bringen. Obwohl das noch alles gar nicht so extrem lang her ist, so waren zumindest die virtuellen Möglichkeiten, eine Freundin zu finden, limitiert. Heute gibt es unzählige Dating-Apps die ihren teils verzweifelten Kunden das Geld aus den Taschen ziehen. Sicherlich könnte man bei den heutigen Möglichkeiten ins grübeln kommen, den einfachen Weg zu wählen indem man einfach eine Freundin mietet und weiter in einer Scheinwelt lebt. Männer wie Kazuya, die ehrliche und aufrichtige Intentionen haben und einfach nicht den passenden Partner finden, gibt es wie Sand am Meer. Aber wenn Kazuya für eine Sache die perfekte Blaupause ist, dann ist dies die folgende: Unerwiderte Liebe kann sich über Jahre hinziehen und wenn die Serie eines lehrt, dann, dass man sich damit verdammt unglücklich machen kann.

Und somit bleibt mir bei dieser interessanten Charakterstudie nur noch folgendes zu sagen: Sei nicht wie Kazuya, sei kein Simp und gib nicht dein ganzes Geld für Küchenrollen aus.


Bis dahin, seid artig und denkt immer dran: Der November ist nicht mehr so weit entfernt.
Euer Dr. Aufziehvogel


Dieser Einwurf ist D. Thered gewidmet: Ein unverbesserlicher Simp, der eine 8 gesimpt hat