Archiv: Rezensionen zu Literatur und Film

Samstag, 22. August 2026

Einwurf: 60 Jahre Star Trek - Noch nicht tot, aber auch nicht mehr sehr lebendig, Jim

 



Es gibt nur wenige Franchises, die so oft gestorben und wieder zurückgekehrt sind wie Star Trek. Der einstige TV-Flop aus den 60ern entwickelte sich zu einer massiven Marke. Star Trek ist eines der 3 großen Science-Fiction "S" (Star Trek, Star Wars, Stargate) in der Serien- und Filmlandschaft. Das von Gene Roddenberry geschaffene philosophische Science-Fiction Universum feiert im September mal wieder einen runden Geburtstag. 60 Jahre werden es sein. 60 Jahre voller Höhen und Tiefen. Es war eine der aller ersten Nerd-Culture-Serien überhaupt, etliche Jahre, bevor Star Wars das Licht der Welt erblickte. Star Trek war nicht als Erfolg geboren und ist deutlich mehr ein TV-Franchise als ein Kino-Franchise, aber genau genommen kann Star Trek alles sein. Wie man in der heutigen Zeit weiß, Star Trek kann sogar Harry Potter sein. Wieso ich aber glaube, dass Star Trek an einem Punkt angekommen ist, wo man es vielleicht nicht mehr ins Leben zurückholen kann, möchte ich erklären. Oder besser, eigentlich habe ich das schon erklärt. Star Trek ist so vieles in der heutigen Zeit, aber eben nicht mehr Star Trek. Die Situation ist ähnlich wie bei Star Wars, hat es Star Wars aber immer mal wieder zuletzt geschafft, noch den ein oder anderen Hit raus zu hauen. Doch in einer Identitätskrise steckt auch Star Wars, nicht zuletzt wenn man sich hochgelobte Serien wie Andor anschaut, die sich deutlich mehr nach Star Trek anfühlen als nach Star Wars. Es fühlt sich fast schon nach Galgenhumor an, wenn man diese großen Universen sieht, die anscheinend in unserem eigenen Universum keinen Platz mehr zu finden scheinen, weil die Verantwortlichen hinter diesen Marken nicht wissen, wie sie funktionieren und was sie einst zum Kult machten.

Bei Star Trek hat dies ganz besonders drastische Folgen. Nahezu ein Ding der Unmöglichkeit, welches damals aber funktionierte: Regisseur J.J. Abrams und Writer Alex Kurtzman brachten 2009 Star Trek als massives Big Budget Reboot zurück auf die Kinoleinwand und erschufen zeitgleich die neue Kelvin-Timeline (bei Star Trek wird heutzutage zwischen der Prime- und Kelvin-Timeline unterschieden). Bis heute gilt die Reboot-Trilogie bei Fans der ersten Stunde zwar als kontrovers, allerdings ist nicht von der Hand zu weisen, dass die Filme dem Star Trek Franchise einen enormen Boost verpasst haben. Es wurde nicht nur Interesse für die neuen Filme generiert, auch die alten Serien und Filme erlebten eine Renaissance und bekamen von Paramount über die vergangenen Jahre auch wieder einiges an Beachtung in Form von aufwändigen Remasters und Director's Cut Fassungen spendiert. Ironischerweise sind weder Abrams noch Kurtzman glühende Star Trek Fans. Doch für dieses Reboot-Projekt funktionierte diese Mischung, wenn auch nur für eine kurze Zeit. Fans warfen (und werfen noch immer) der Reboot-Trilogie vor, dass vom eigentlichem Star Trek Spirit und der Grundidee von Gene Roddenberry nicht mehr viel übrig geblieben sei. Dies kann man nahezu komplett unterstreichen, sind die Filme als Sci-Fi Action-Blockbuster konzipiert in denen nicht mehr viel Raum für Philosophie und Weltraum-Diplomatie besteht. Dennoch haben die Filme einen Nerv getroffen und eine gesamte Generation an neuen Trekkies geformt.

Rund 17 Jahre nach dem Star Trek Reboot ist von der einstigen Aufbruchstimmung nicht mehr viel zu spüren. Star Trek Anhänger bezeichnen diese nun schon lange andauernde Ära als "Kurtzman-Trek", wenn es darum geht, das moderne Star Trek zu beschreiben. Während Abrams zu Star Wars wechselte und mittlerweile auch in den unendlichen Weiten der Bedeutungslosigkeit verschwunden ist, gilt Kurtzman als großer Franchise-Runner für Star Trek. Mehr oder weniger das männliche Pendant zu Kathleen Kennedy und Star Trek oder das Äquivalent zu Kevin Feige (ein sehr großer Star Trek Fan) bei Marvel. Was in der sogenannten Kurtzman-Era folgte waren, und da sind sie wieder, ein paar Höhen, aber umso mehr Tiefen. Star Trek in die moderne Gesellschaft zu verfrachten, da müsste man doch gar nicht viel für tun, oder? Immerhin war Star Trek schon immer "aufgeweckt". Star Trek hat immer brandaktuelle Themen angefasst und sie in eine Science-Fiction Hülle gesteckt, eine Allegorie aus dem aktuellen Weltgeschehen geformt. All das ist jedoch Kurtzman nie gelungen. Seine Ideen haben relativ wenig mit Star Trek per se zu tun. Stattdessen möchte er, wie er es selbst einmal sagte, Star Trek als eine Art Katalysator benutzen, um Star Trek mit vielen modernen Ideen zu verknüpfen. Unter dieser Devise sind Serien wie Discovery, Picard und Strange New Worlds (als Beispiel) entstanden. Shows, auch entworfen für den noch immer halbwegs neuen Paramount+ Streaming-Dienst. Wo Star Trek jedoch eine viel geringere Rolle spielt, als angenommen.

Das Problem ist hier eindeutig zu erkennen. Immer wieder schaffte es Star Trek, von den Toten aufzuerstehen. Denn immer wieder erschien etwas neues, was so relevant war, dass Star Trek wieder eine neue Generation an Fans fand. In den frühen 90ern war das The Next Generation, in den 00er Jahren dann das Reboot. Doch aktuell ist nichts am Horizont, worauf jüngere Zuschauer aufblicken können. Strange New Worlds hält sich ganz wacker, umfasst aber eher The Best and Worst of modern Star Trek zeitgleich. Mit der bereits abgesetzten Serie Starfleed Academy (eine zweite bereits abgedrehte Staffel erscheint noch) musste Kurtzman eine heftige Schlappe hinnehmen, vielleicht eine noch größere als mit dem ziemlich entgleisten Discovery Spin-Off Section 31, welches wohl eine erwartbare Katastrophe war, da das Projekt (einstmals als Serie geplant), zahlreiche Schwierigkeiten in der Produktion hatte.

Ähnliche kreative Probleme hatte auch Star Trek: Picard. Eine klare kreative Richtung war trotz ikonischer Charaktere in 2 Staffeln nicht zu erkennen, obwohl Staffel 1 noch deutlich besser als ihr Ruf ist. Doch zu häufig setzte Patrick Stewart seinen eigenen Kopf durch und sowohl Alex Kurtzman als auch Akiva Goldsman als Showrunner hatten kaum eine Ahnung davon, wie man das Erbe von The Next Generation richtig handhabt. So entstand eine völlig langweilige, belanglose zweite Staffel bevor man gefühlt alles nochmal überdachte um mit Staffel 3 wieder ein Star Trek zu erschaffen, welches seines Namen würdig war (und zudem den Luxus, den die neuen Star Wars Filme nie hatten, die alte Gang nochmal zu vereinen). Zu verdanken war dies unter anderem Writer Terry Matalas, der eine deutlich größere Rolle in Staffel 3 einnahm. Picard wurde alleine durch die Existent Von Staffel 3 vor einer Komplettentgleisung bewahrt. Darauf hätte man durchaus aufbauen können, besonders, da man sich bewusst am Ende von Staffel 3 Räume für eine Fortsetzung mit neuen, frischen Figuren offen gelassen hat. Doch wie so vieles bei Kurtzman als Franchise-Runner wollte man weniger auf Kontinuität setzen als viel mehr neue Ideen erforschen.

Kurz vor dem 60. Jubiläum von Star Trek scheint Paramount/Skydance selbst resigniert zu haben. Sämtliche neuen Projekte sind größtenteils gefloppt. Alte Fans haben neuen Projekten unlängst den Rücken gekehrt und neue Fans erreicht das Franchise derzeit nicht. Eine Generalüberholung in Sachen Führungskräfte ist hier seit vielen Jahren nötig. Prominente Fans wie Roger Avery (Pulp Fiction) warnen seit vielen Jahren und boten ihre Hilfe an, nicht, um den eigenen Namen ins Spiel zu bringen, sondern um einem geliebten Franchise wieder auf die Beine zu helfen.

Wie gut Star Trek noch funktionieren kann, zeigte jedoch ein exotisches Kurzfilmprojekt aus dem Jahr 2024. In offizieller Zusammenarbeit mit dem Roddenberry Archive und dem Special-Effects Studio OTOY sind zwischen 2022-2024 insgesamt 4 Kurzfilme erschienen, die sowohl die Prime- als auch die Kelvin-Timeline respektieren. Den ultimativen Höhepunkt fand das Projekt im November 2024, als der rund 11 Minuten lange (Nettolaufzeit rund 8 Minuten) Kurzfilm 765874 – Unification erschienen ist. Über den möchte ich hier gar nicht viele Worte verlieren, denn der Kurzfilm schafft es, ohne viele Worte, eine herausragende Geschichte zu erzählen. Mit rund 38 Millionen Aufrufe generierte Unification alleine auf YouTube mehr Aufrufe als sämtliche Projekte der vergangenen Jahre.

Die besagten Kurzfilme können allesamt kostenfrei auf dem offiziellen OTOY YouTube-Kanal geschaut werden: Link führt zu YouTube


Star Trek könnte mit berüchtigter Liebe, Zuneigung und Hingabe erneut von den Toten auferstehen. Doch ich habe die Befürchtung, dass zu viele kulturelle Hürden mittlerweile dazwischen liegen, Star Trek noch einmal in die Relevanz zurückzuführen. Star Trek war einmal eine Einheit. Heutzutage ist das Franchise in Händen von Showrunnern, die wenig Bezug zum Franchise haben und ihr eigenes Ding daraus machen wollen. Ein Problem, mit dem natürlich auch Star Wars und Mittelerde zu kämpfen haben. Vielleicht ist es auch gar nicht schlimm, wenn Star Trek kein großes Comeback mehr startet sondern viel mehr als Vermächtnis bestehen bleibt, zu welchen Größen dieses gewaltige Universum einmal fähig war. Schade wäre nur, dass die vielen jüngeren Generationen somit verpassen würden, zu welchen Größen dieses gewaltige Universum einmal fähig war.



Verfasst von: Aufziehvogel

Samstag, 4. Juli 2026

Rezension: Sommerleuchten über der Freitagsbuchhandlung (Sawako Natori)

 




Japan

Band 2 der Freitagsbuchhandlung

Sommerleuchten über der Freitagsbuchhandlung
Autorin: Sawako Natori
Übersetzerin: Charlotte Scheurer
Verlag: Piper
Veröffentlichung: 29.05.2026
Genre: Healing Fiction, Cozy Literature


"Über uns explodierte weiter das Feuerwerk. Jetzt, ausgerechnet jetzt, stiegen die Raketen pausenlos nach oben und blühten am Himmel auf. Sie waren alle so schön, dass ich hätte weinen können. Ich dachte an die weißen Nächte, die ich noch nie gesehen hatte, in fernen Ländern, in denen ich noch nie gewesen war. Eine Zeile aus "Knütt findet einen Freund" kam mir dabei direkt in den Sinn: >>Plötzlich fühlte er sich mutig, stark und froh, so sehr, dass er ein kaltes, aber glückliches Band im Mondschein nahm.<< Ich konnte den Wunsch nicht unterdrücken, dass mir genau wie Knütt die Welt neu leuchten würde."

In Japan und Südkorea seit vielen Jahren nicht mehr wegzudenken, hat das Literatur-Untergenre "Healing Fiction" auch unlängst in Deutschland Einzug gehalten. Nicht nur in Deutschland, Autoren und Autorinnen aus aller Welt versuchen sich am Genre. Die Popularität und die Nachfrage ist ist leicht zu erklären - wir leben in stressigen, turbulenten Zeiten. Literatur als Rückzugsort funktionierte schon immer, doch was, wenn wir diesem Rückzugsort zu etwas manifestieren, ein Ort, der unscheinbar wirkt, nicht auf Anhieb zu finden ist und dennoch jeden Willkommen heißt? Ein kleines Café, eine Bar oder..... eine Buchhandlung. Tatsächlich kann man all das genannte nun auch nach Belieben miteinander kombinieren. Die Zutatenliste ist einfach, doch daraus ein ansprechendes literarisches Gericht zu kreieren ist wie immer keine leichte Aufgabe.

Mit der vierteiligen "Freitagsbuchhandlung" der japanischen Autorin Sawako Natori, begleitet uns die gemütliche Buchhandlung mit ihren vielen Geschichten durch die Jahreszeiten. Hierbei muss angemerkt werden, ich bespreche hier bereits Band 2 der Reihe. Band 1 hört auf den Titel "Kirschblüte in der Freitagsbuchhandlung" und ist bereits vor einigen Monaten erschienen. Die Romane werden direkt aus dem Japanischen von Charlotte Scheurer übersetzt.

Da ich selbst in turbulenten und stressigen Zeiten lebe, hatte ich mir bereits vor einiger Zeit eine kleine Liste mit Titeln aus dem Genre zusammengestellt. "Sommerleuchten über der Freitagsbuchhandlung" war ein Titel, der aufgrund seines aktuellen Erscheinungsdatums mein Interesse weckte. Dass ich hier direkt mit Band 2 anfange, war mir anfangs noch nicht bewusst (eine Anmerkung gibt es aber auf der Rückseite des Buches), anhand der abgebildeten Jahreszeiten kann man sich dies aber denken. Meine Sorge, dass ich hier vielleicht den Anschluss verpasse, war jedoch unbegründet. Die Geschichten stehen für sich selbst und die Autorin schafft es, beinahe beiläufig die Hintergründe der Figuren, die man schon aus dem ersten Band kennt, den Lesern näher zu bringen.

Im Fokus der Geschichte steht der Ich-Erzähler Fumiya, der als Mitarbeiter der Freitagsbuchhandlung seinen Alltag mit den Lesern teilt. In diesem zweiten Band hat er sich mit der etwas eigensinnigen Art der Buchhandlung und seinen nicht minder eigensinnige Inhabern bereits akklimatisiert. Zu den Inhabern der Buchhandlung gehören Makino, Yasu und Sugawa, allesamt alte Klassenkameraden, die in ihrer Schulzeit den Freitagsleseclub gründeten. Fumiya beneidet das eingespielte Trio um ihre vielen gemeinsamen Erinnerungen und möchte mehr über die Anfänge der Buchhandlung erfahren. Als an einem heißen Sommertag eine Schülerin aus dem angrenzendem Gymnasium die Buchhandlung betritt, könnte Fumiyas Wunsch, mehr über das Trio zu erfahren, sich bald erfüllen.

Das besondere an der Struktur von "Sommerleuchten über der Freitagsbuchhandlung" sind die an und für sich ineinander abgeschlossenen Geschichten. Jedes neue Kapitel baut auf der Handlung des vorherigen zwar auf und bringt die Reise der Charaktere voran, erzählt aber konstant eine neue Rahmenhandlung. Dies macht das Buch zum optimalen Begleiter für kürzere Lese-Sessions.

Der Schreibstil von Sawako Natori ist eingängig und gar beruhigend. Die Autorin verschwendet keine Zeit für langwierige Einführungen und zieht die Leser direkt in die Geschichte. Hintergründe und Beziehungen entfalten sich auf ganz natürliche Art. Man kann sich als Leser entspannt zurücklehnen und sich hier berieseln lassen. Die gesamte Crew wirkt nahbar wie liebenswert und mit dem unverkennbaren Stil der japanischen Literatur fühlt man sich schnell heimisch. Abgerundet wird das ganze von einer absolut flüssigen, gut lesbaren Übersetzung von Charlotte Scheurer.



Abschließende Gedanken

"Sommerleuchten über der Freitagsbuchhandlung" ist ein wundervolles Kleinod der Literatur. Ein Rückzugsort für alle, die gerne in einen anderen Alltag flüchten wollen. Literatur kann besänftigen, trösten und die Energie aufladen. Hierbei handelt es sich um Literatur über Literatur. Der Stellenwert von Büchern in unserer Gesellschaft. Kleine Buchhandlungen sterben immer mehr aus - Orte, an denen wir uns heimisch fühlen und über das reden können, was wir so lieben. Sawako Natori schreibt hier über etwas so alltägliches, was aber schon seit einer längeren Zeit gar nicht mehr so alltäglich ist. Es liegt wie immer an uns, ob das, worüber die Autorin hier schreibt, bald vielleicht ein Relikt aus der Vergangenheit sein wird.

Ich freue mich bereits auf den kommenden dritten Band, der bereits am 31.07.2026 erscheint und auf den Titel "Blätterrascheln in der Freitagsbuchhandlung" hört (alle 4 Bücher nebeneinandergestellt ergeben übrigens ein schönes Muster). Hier steht der Herbst im Fokus, eine wunderschöne Jahreszeit, die gefühlt schon länger ein Relikt der Vergangenheit ist.



Besprochen von: Aufziehvogel

Dienstag, 30. Juni 2026

Einwurf: Hacker wollen eure Accounts - Die Betreiber wollen nur eure Einkäufe

 



Das digitale Zeitalter hat längst auch bei Filmen und Serien Einzug gehalten. Nicht erst seit gestern, sondern es ist ein Trend, der sich schon seit vielen Jahren zeigt. Die meisten werden hier vermutlich direkt an Streaming-Anbieter mit Abo-Modellen denken wie Netflix, Disney+ oder Apple TV (und unzählige andere Anbieter, die hier nun nicht aufgezählt werden). Doch Filme und Serien kann man nicht nur während eines Abo-Models streamen, sondern man kann sie auf diversen digitalen Plattformen verschiedenster Betreiber auch ausleihen und, für diesen Artikel sehr wichtig, zu einem Vollpreis kaufen.

Die Debatte über die sogenannte "Digital Ownership" besteht seit vielen Jahren und ist genau so alt mittlerweile wie der digitale Erwerb von Medien sämtlicher Art. Was steht dem Käufer einer digitalen Lizenz zu? Geht es nach den Betreibern von digitalen Marktplätzen und den Eigentümer der angebotenen Lizenzen, nicht viel. Dass man digitale Medien wie Filme und Videospiele bereits auf Endgeräten herunterladen kann, ist für viele Publisher und Studios eine heikle Angelegenheit. Für die großen Studios ist eines klar: Die volle Kontrolle über ihr geistiges Eigentum. Der Konsument steht am Ende der Nahrungskette.

Dass wir uns im Jahr 2026 aber noch damit befassen müssen, dass Betreiber den vollen Zugriff darauf haben, sich an erworbenen Titeln aus digitalen Bibliotheken der Nutzer zu vergreifen, ist eigentlich ein starkes Stück. Während viele Betreiber sich nach wie vor hüten und so etwas nur in Ausnahmefällen zu tun, geht Sony einmal mehr mit voller Härte gegen seine zahlenden Kunden vor. Erwischt hat es dabei erneut Käufe auf PlayStation Endgeräten, die, in diesem Falle, hauptsächlich mit auslaufenden Verträgen zwischen Sony und dem Filmlabel Studio Canal zu tun haben. In einer nüchternen wie unbeeindruckten E-Mail werden Käufer informiert, dass zum 01.09 zahlreiche Katalogtitel von Studio Canal entfernt werden - betroffen sind auch erworbene Titel, die sich in den Bibliotheken der Nutzer befinden. Hat man bei Videospielen, die aus den digitalen Stores entfernt werden, weiterhin die Gelegenheit, als Käufer jederzeit auf die Titel zuzugreifen, sieht es in diesen Fällen hier düster aus. Die betroffenen Filme und Serien werden ersatzlos aus dem Programm genommen, Nutzer erhalten keine Entschädigung und müssen mit der Entscheidung von Sony leben.

Aktuell betrifft dieser drastische Einschnitt Nutzer aus Großbritannien. Wenig verwunderlich, denn immerhin gab es diese digitale Säuberungsaktion bereits 2022 in Deutschland und Österreich - Sony kam damals noch ohne viel Gegenwind davon. Doch da der Trend zu digitalen Produkten immer beliebter und vielzähliger wird, ist diese Meldung medial diesmal, 4 Jahre später, deutlich stärker vertreten.

Für aufrichtige Kunden ein Schlag ins Gesicht. Inwieweit das ganze nachträgliche Folgen mit sich ziehen wird, ist aktuell nicht ersichtlich. Sony bzw. allgemein Plattformbetreiber von Spielekonsolen rudern in ihren Entscheidungen gerne mal zurück. Doch selbst wenn Sony die Rolle rückwärts machen sollte in dieser Angelegenheit, der Schaden ist nicht mehr umkehrbar. Solche digitalen Säuberungsaktionen innerhalb der Bibliotheken der zahlenden Kundschaft kommen nicht gut an.

EU-Richtlinien zur Rückgabe digitaler Titel sowie einer Absicherung für Nutzer, dauerhaften Zugriff auf ihre erworbenen Titel zu haben, sind schwammig. Erst kürzlich scheiterte die Initiative "Stop Killing Games" vor der EU. Ein herber Rückschlag rund um das Thema "Digital Ownership" und ein temporärer Sieg für Plattformhalter und Publisher. Die EU plane derzeit keine speziellen Änderungen der Gesetzeslage, nehme das Anliegen aber ernst und zur Kenntnis. Man wolle sich mehr mit den Lizenzgebern austauschen und nach besseren Lösungen suchen. Mit anderen Worten: Ein Luftloch, nichts weiter. Besonders die so empfindliche EU mit ihren unzähligen kleinlichen Gesetzeserlassen, die der Umwelt und den Verbrauchern zugute kommen sollen, schiebt hier einen Riegel vor. Wie lange das noch der Fall ist, besonders im Hinblick dessen, dass der digitale Trend wohl kaum in absehbarer Zeit nachlassen wird, ist es schwer vorstellbar, dass die aktuelle Lage der Dauerzustand bleibt. Doch es deutet aktuell auch nichts darauf hin, dass sich im Thema "Digital Ownership" irgendwas positiv für die zahlenden Konsumenten verändern wird.

"Play has no Limits" - Dieser ikonische PlayStation-Banner ziert diese traurige E-Mail. Man könnte meinen, man betreibt hier Galgenhumor mit den zahlenden Kunden.

Was aktuell bleibt: Was du digital für dein Geld erwirbst, kann dir der Eigentümer jederzeit wieder wegnehmen. Hacker wollen dir deinen Account wegnehmen - Die Betreiber haben nur Interesse an einzelnen Inhalten, die ihr für euer hart verdientes Geld erworben habt. Also guckt euch eure Filme und Serien lieber schnell an, bevor die Plattformhalter sie aus euren digitalen Bibliotheken entfernen. Oder, vielleicht auch keine schlechte Idee: DVD's und Blu-rays weilen, mag mag es kaum glauben, immer noch unter uns.



Artikel: Aufziehvogel

Dienstag, 2. Juni 2026

Euphoria: Das Große, das Ganze und ein Selbstzerstörungsmechanismus

 




Dieser Artikel enthält starke Spoiler verteilt auf alle Staffeln!


Am gestrigen Montag haben wir uns nicht nur von 8 Wochen Euphoria Staffel 3 verabschiedet, sondern zeitgleich auch von Euphoria als Serie. Lange, bevor Staffel 3 erschienen ist, war irgendwie allen klar, dass das vermutlich die letzte Gelegenheit sein dürfte, die Darsteller für eine gemeinsame Staffel nochmal vor die Kamera zu bekommen. Im Verlauf der Staffel gab es dazu auch immer wieder Updates von Hauptdarstellerin Zendaya sowie Showrunner Sam Levinson. Kurz bevor die letzten Folge gezeigt wurde, machte man noch einmal ganz deutlich: Staffel 3 wird das Ende des Weges sein. Ein langer, beschwerlicher Weg war es bis zum Serienfinale, aber es ist geschafft.

Ursprünglich plante ich schon vor einigen Wochen, einfach meine mehr als durchwachsenen Eindrücke zu Staffel 3 zu teilen. Doch Euphoria verdient ein wenig mehr als das, ganz gleich dem Schaden, den Staffel 3 unwiderruflich angerichtet haben mag.

Doch gehen wir erst einmal zurück ins Jahr 2019. Euphoria basiert auf einer israelischen Miniserie, geschaffen von Ron Leshem aus dem Jahr 2012. Unter den mittlerweile unzähligen gelisteten Producern (darunter Levinson, Zendaya und Rapper Drake) gesellte sich auch Leshem bei der US-Version, war aber weder als Writer noch Director aktiv. HBO ist bekannt für risikoreiche Projekte und gab Euphoria grünes Licht. Was folgte war ein weltweiter Hit. Die Risikobereitschaft bei HBO zahlte sich einmal mehr aus. Das Teen-Drama fand nicht nur Anklang bei den Zuschauern, es machte zahlreiche der Darsteller zu den heute begehrtesten jungen Darstellern in Hollywood wie beispielsweise Sydney Sweeney und Jacob Elordi. Zeitgleich gab es neue Entdeckungen wie Angus Cloud (1998-2023) und Hunter Schafer. Schauspieler Eric Dane (1972-2026) konnte mit seiner Rolle als Cal Jacobs den berüchtigten McSexy endlich hinter sich lassen. Sam Levinson avancierte zudem als begehrter Showrunner.

Mit anderen Worten: Euphoria war ein Gewinn für alle. Gerne mal bezeichnet als düstere R-Rated und Gen-Z Version von Beverly Hills und Melrose Place, avancierte Euphoria aber zu einem Hit bei vielen Altersklassen. Und warum? Sicherlich nicht, weil die Mehrheit hier ihre eigene Schulzeit sah - denn Euphoria ist so dermaßen Over-the-Top, dass selbst die in der Serie behandelten, sehr ernsten und wichtigen Themen sehr überzeichnet wirken. Anders ausgedrückt erleben die meisten Zuschauer mit Euphoria jene Schulzeit, die sie selbst nie hatten. Ob man das gerne selbst erlebt hätte, was den Charakteren in dieser Serie widerfährt, sei mal dahingestellt und soll jeder ganz für sich selbst ausmachen.

Wichtig war jedoch, Euphoria hatte einen Nerv getroffen. Das Teenager-Drama mit seiner teils melancholisch-verträumten Atmosphäre (die man eindeutig auch Composer Labrinth zu verdanken hat) war mutig, Dinge zu tun, die sich andere Serien so nicht trauten und trotz der vielen finsteren Themen nie seinen schwarzen Humor verlor. Ein Mut, der belohnt werden sollte und man trotzdem nach Staffel 1 bereits wusste, dass es unklar ist, wie viel Saft das Konzept für weitere Staffeln bieten würde. So zeigten sich in Staffel 2 bereits erste narrative Risse und Tempoprobleme, zeitgleich aber auch die größten und stärksten Momente der gesamten Serie. Darauf würde man in einer vermeintlichen dritten Staffel erst einmal aufbauen müssen.

Und hieraus resultierte das größte Problem für das fortbestehen der Serie, wie könnte eine weitere Staffel auf Staffel 2 aufbauen? Die Character-Arcs waren erzählt und größtenteils zufriedenstellend abgeschlossen und wichtige Storylines endeten, boten zeitgleich aber auch noch weiter Gesprächsstoff für Theorien und Diskussionen. Es wäre ein wohlverdienter Abschluss gewesen. Levinson pokerte hoch und setzte sämtliche Ideen, wie man diese Charaktere demütigen und durch die Hölle schicken konnte, in den letzten Episoden von Staffel 2 um. Es wäre ein Ende gewesen, an jenes man sich noch lange erinnert hätte. Ein rundes Ende, welches das Schicksal vieler Charaktere zwar offen lassen würde, aber der Zuschauer dennoch zufrieden ins Bett hätte gehen können. Die Sopranos haben es viele Jahre zuvor vorgemacht.

Doch wenn die Leute immer noch nicht satt sind? Was macht man dann?

Euphoria folgt mit seinen 3 Staffeln einem bekannten Schema. Staffel 1 ist das Original. Das unantastbare Original. Kontrovers, mutig und frech. Mit Zendaya hatte man bereits einen großen Teenager-Star am Start und man konnte eindeutig sagen, was Courntey Cox damals für Friends war, war Zendaya für Euphoria. Sie brachte bereits Fans mit sich. Staffel 1 etablierte viele Charaktere und setzte auf ein Konzept, welches den 8 Episoden eine ständige Frische verleihen sollte: Flashbacks zum Beginn einer jeden Episode, erzählt von Rue Bennett. Jeder dieser Flashbacks bringt uns diese unsympathischen Figuren ein Stück näher, bekommen einen Einblick in ihre komplizierten Kindheiten und teils schwierigen Familienverhältnisse. Wieso ist Rue eigentlich so stark drogenabhängig? Wieso ist Nate so ein Narzisst und wieso hat Cassie so viele Komplexe? Und welche verrückte Vorgeschichte hat eigentlich Rues Kumpel und Drogendealer Fezco? Nun, dafür musste man halt am Ball bleiben, denn diesen besonderen Flashback hob man sich für Staffel 2 auf. Es war eine Erfolgsformel mit Mindesthaltbarkeitsdatum.

Staffel 2 folgte der heiligen Regel des Sequels: Mach nochmal alles so wie im Vorgänger, aber krasser, härter und vor allem und von allem noch viel, viel mehr und zeitgleich hoffen, dass das gut geht. Aufgrund der Pandemie folgte Staffel 2 erst mit einiger Verspätung im Januar 2022. Um die Serie im Gespräch zu halten, gab es zuvor noch Ende 2020 zwei gelungene TV-Specials, die zeitgleich auch als kleiner Prolog für Staffel 2 dienen sollten. Unter schwierigen Umständen wurde Staffel 2 gedreht und das Konzept fühlte sich weiter frisch an. Einige der Hauptdarsteller waren bereits begehrt und standen auf Buchungslisten. Das Konzept mit den Flashbacks wurde weiter ausgebaut und jetzt ging es darum, die etablierten Figuren weiter in ihr Verderben laufen zu lassen. Dies klappte größtenteils, ein paar der 8 Folgen hatten aber auch ihre Längen, manche Plots kamen nicht so recht voran oder verliefen im Sand. All das konnte man aber häufig durch neue, kreative Ideen gut ausgleichen. Doch man wurde das Gefühl nicht los, als würden die Charaktere manchmal etwas planlos durch eine Pen & Paper Rollenspielkampagne laufen und die von einem Spielleiter gesteuert werden, der nicht so recht weiß, wohin seine Story als nächstes geht. Kritik an Levinson wurde da häufiger mal lauter, aber die ebbte auch schnell wieder ab. Denn Euphoria Staffel 2 war eigentlich all das, was man sich von einer Fortsetzung auch wünschte. Und diese schloss man so emotional, ungewöhnlich und Meta ab, wie man es von Euphoria vielleicht auch erwartet hat.

Staffel 3 hat nun folgendes Problem: Entweder krönst du den Abschluss deiner Geschichte, die du erzählen willst, oder gehst daran zugrunde. In den meisten Fällen, so wurde uns das schon oft bewiesen, geht das schief. Ob Mad Max, der Pate, Matrix oder teilweise auch die erste Star Wars Trilogie - es ist ein massives Unterfangen, eine populäre Geschichte zu beenden (Serien können davon ja ein Lied singen von Game of Thrones bis zu Stranger Things). Im Handbuch der Sequels steht folgende Regel: "Teil 3 darf unter keinen Umständen nochmal so sein wie die beiden Vorgänger. Die Leute wollen einen Tapetenwechsel und zeitgleich müssen dennoch die Vorgänger übertrumpft werden. Die Zuschauer wollen eine "Rückkehr des Königs". Teil 3 muss das ausmachen, was Teil 1 und Teil 2 gut gemacht haben und zeitgleich die Charakterreise der vielen Figuren zu einem befriedigenden Ende bringen.

Euphoria Staffel 3 stand nie unter einem guten Stern. Nach wie vor hatte man mit den Nachwirkungen der Pandemie zu kämpfen, zeitgleich aber auch wurde es noch schwieriger, auf die mittlerweile etablierten Schauspieler zurückgreifen zu können. Weitere Erschwerte Situationen kamen noch hinzu. Sam Levinson legte seinen vollen Fokus auf die nicht minder kontroverse Serie "The Idol", die im gleichen Serien-Universum wie Euphoria spielte und mit Musik-Schwergewicht The Weeknd samt seinen limitierten schauspielerischen Talenten und Johnny Depps leicht bekleideter Tochter Lily-Rose als aufstrebende Künstlerin gnadenlos floppte und nach einer Staffel bereits abgesetzt wurde. Levinsons Ruf sollte sich davon nicht mehr so recht erholen. Doch irgendwie musste er ja noch immer, komme was wolle, Euphoria über die Zielgrade bringen.

Das Dilemma von Sam Levinson sollte aber nicht mit The Idol enden. Der Showrunner zerstritt sich mit Schauspielerin Barbie Ferreira, die den durchaus beliebten Charakter Kat Hernandez spielte und im Verlauf von Staffel 2 kaum mehr eine relevante Rolle einnahm. Der vermutlich schwerste Schlag: Der Tod von Fezco Darsteller Angus Cloud, der sich im Alter von nur 25 Jahren das Leben nahm. Für viele Zuschauer das Herz und die Seele der gesamten Serie und einer der populärsten Charaktere hatte zwar einen recht abgeschlossenen Character-Arc in Staffel 2, doch sollte auch in Staffel 3 wieder eine Rolle spielen, genau wie der mittlerweile an den Folgen von ALS verstorbene Eric Dane als Cal Jacobs, der genau wie Fezco eine relativ abgeschlossene Story hatte, aber für Staffel 3 ebenfalls wieder fest eingeplant war. Eric Dane ist in wenigen Folgen in Staffel 3, mittlerweile deutlich gezeichnet durch seine Krankheit, noch kurz zu sehen.

Der endgültige Sargnagel waren vermutlich die kreativen Auseinandersetzungen mit Composer Labrinth, dessen Musik auf akustischem Level das Herz und Seele der gesamte Serie war. In den vorherigen Staffeln wechselten sich Originalmusik von Labrinth und lizensierte Musik im fliegenden Wechsel ab und es funktionierte verdammt gut. Da Labrinth fortan nicht mehr verfügbar war, entschied man sich kurzerhand für Starkomponist Hans Zimmer, dessen Musik gegensätzlicher zu allem, was Euphoria verkörperte, nicht sein kann.

Dass der Soundtrack von Labrinth nun in Staffel 3 fehlt, fällt gar nicht mehr so sehr ins Gewicht, wenn man Staffel 3 schaut. Denn Staffel 3 hat kaum mehr irgendwas mit der Serie zu tun, die Millionen Menschen lieben gelernt hat. Viel mehr fühlt sich die Staffel wie ein Alternativwelt Spin-Off an, in dem Charaktere aus der Serie Euphoria vorkommen. Vielleicht die Pläne, die Levinson einstmals mit The Idol verfolgte. Aus einem verträumten Teenager-Drama wurde ein blutiges, bierernstes Crime-Drama, welches mehr an die Werke von Elmore Leonard, Quentin Tarantino und den Coen Brüdern erinnert. Vielleicht wenig verwunderlich: Levinson ist großer Fan von den Werken Leonards und Tarantino adaptierte Rum Punch von Leonard unter dem Titel Jackie Brown.

Der Genre-Wechsel war kaum zu erklären und wird wohl auch nach wie vor schwer zu rechtfertigen sein. Staffel 3 galt aufgrund der langen Wartezeit viel mehr als Mythos. Wird sie je erscheinen? Würde sie. Levinson und Zendaya gaben immer wieder Updates dazu und Levinson versprach, Staffel 3 würde anders werden und man würde sich von den kleinen Vororten zurückziehen und die große Weite der USA anpeilen. Man würde die Charaktere aus ihrem beschaulichen Teich holen und ins große Haifischbecken werfen, wo an jeder Ecke große Gefahren lauern und es Menschen gibt, die noch viel skrupelloser sind als sie selbst. Was nach einer neuen Pen & Paper Kampagne von Levinson für die Charaktere aus der Serie, die als Euphoria bekannt war, klingt, sollte sich tatsächlich als das Szenario für Staffel 3 herausstellen.

Während das ein mutiger Schritt ist und Euphoria für Mut bisher immer belohnt wurde, gleicht dieser Mut jedoch mittelmäßiges Writing und zahlreiche Probleme innerhalb der Produktion nicht aus. Gerade einmal 6 Figuren des ursprünglichen High School Cast tauchen in Staffel 3 wieder auf. Jacob Elordis Nate Jacobs und Hunter Schafers Jules Vaughn tauchen mit geringer Screentime wieder auf. Ihre Szenen wirkten, als wurden sie gefühlt an 1-2 verschiedenen Sets an wenigen Drehtagen abgedreht. Ihre Präsenz fühlt sich losgelöst an und ihre Charaktere wie ausgewechselt.

Fans können gnadenlos sein und warfen Levinson, der hier in allen Folgen diesmal als Writer, Director und Producer fungierte, sogenannte "Character-Assassination" vor. Die ikonischen Charaktere mussten Platz für schwer bewaffnete Gangster machen. Nicht falsch verstehen, Staffel-Bösewicht Alamo Brown wird hier herausragend gut von Adewale Akinnuoye-Agbaje verkörpert, den ich seit seiner Rolle als Mr. Eko in Lost sehr schätze. Doch diese ganzen neuen Figuren haben kaum mehr Bezug zu irgendwas, was Euhporia einst ausmachte. Allen voran Rue wirkt in dem gesamten Bandenkrieg und späterer Spitzel der Drogenfahndung völlig fehl am Platz. Vieles wirkt, als wäre diese Rolle für Fezco geschrieben worden, der bereits in seinem ganz eigenen Flashback in Staffel 2 bereits ähnliche Themengebiete angeschnitten hat. Doch an die Genialität des Fezco-Flashbacks kommt Staffel 3 auch in 8 neuen Folgen nicht heran.

Konnte man Staffel 2 gelegentlich mal vorwerfen, die Charaktere agieren, als wissen sie nicht so genau, was sie tun, passt in Staffel 3 kaum mehr irgendwas zusammen. Levinson hat eindeutig den Selbstzerstörungsmechanismus aktiviert und vor, dieses Serien-Franchise komplett zu zerstören. Im Zeitalter von "Revert the Expectations" wird wohl kaum jemand damit gerechnet haben, dass die Geschichte so weitergeht. Doch selbst wenn die Aufregung um die Euphoria-Charaktere in dieser Story nicht wäre, so würde Staffel 3 halt über ein durchschnittliches Crime-Drama mit zahlreichen Plotholes, über die man einen eigenen Artikel schreiben könnte, nicht hinauskommen. Viele Ideen wirken aufgewärmt aus zahlreichen Büchern und Filmen, die es mit weniger (Budget, Laufzeit, Darstellern) deutlich besser gemacht haben. Glänzen tut die dritte Staffel von Euphoria in seltensten Momenten, wo einzelne schauspielerische Leistungen mal die Zuschauer für sich gewinnen können oder in den letzten Folgen zwei gelungene Flashbacks zeigen, welche Qualitäten Staffel 1 und Staffel 2 häufig auszeichneten.

Auch die vermeintliche provokante, surreale Szene rund um eine halbnackte Kaiju-Sweeney, die in Godzilla-Manier in dieser Szene feuchte Männerträume zerstört, dürfte kaum jemanden hervorlocken und mehr als ein zucken der Augenbraue eurer Wahl abgewinnen. Eine Szene, die viel zu lange geht und deren Sendezeit man viel besser hätte nutzen können, sofern man irgendwas mit den Charakteren vorgehabt hätte. Stattdessen setzt die Staffel diesmal viel auf Shock-Value. Abgeschnittene Gliedmaßen, Blutfontänen, Folter und Vergewaltigung ersetzen Charakter-Synergien, gut durchdachte Dialoge und die besagten mutigen Ideen. In Folge 8 möchte man mit einer Montage rund um Rue noch ein aller letztes mal mutig sein. Und ohne Frage ist es vermutlich eine der wenigen Ideen der gesamten Staffel, die in Erinnerung bleiben dürfte, aber im Vergleich dazu, dass Staffel 2 in einem metaphysischen Theaterstück und Musical mündete, ist auch das vermeintlich große Highlight dieser Folge eher handzahm. Bei der Qualität von Staffel 1 und Staffel 2 hätte man hieraus etwas machen können, was für immer in Erinnerung bleiben würde. Dennoch möchte ich das ganze jetzt auch nicht zu klein reden, man hat hier seine Hausaufgaben gemacht.

Und wie soll es anders auch sein, endet der große Showdown der Staffel dann in einem Mexican-Standoff in einem Stripclub, eine ikonische, legendäre Euphoria-Location, mit der die Zuschauer so viel verbinden. Eine Szene, die einzig und alleine durch die Performance von Coleman Domingo (den man immerhin noch für 2 Episoden zurückgeholt hat) gerettet wird. Der Zünder für die Franchise-Selbstzerstörung hat bereits 2 Minuten erreicht.

Das bizarre an dieser Staffel ist jedoch die beachtliche Anzahl an Figuren. Was bei Thomas Pynchon ein markantes Stilmittel ist, wirkt in Euphoria Staffel 3 befremdlich. Es tauchen Charaktere aus dem Nichts auf, nur um einige Szenen später schon wieder komplett und für immer zu verschwinden. Von irgendwelchen Influencer-Superstars hin zu skrupellosen armenischen Gangstern, die allesamt auf das Minimum eines Plot-Device reduziert wurden, damit die unnötig kompliziert gestaltete Story vorankommt.

Die letzte Szene endet ungefähr so, wie Gladiator vor über 26 Jahren endete. Welch ein Zufall, dass Hans auch den Score zu diesem Film geschrieben hat. Man könnte über die letzte Szene aber statt Zimmers schwerfälliger Musik, die wenig inspirierend an "Now We Are Free" und diversen Morricone-Stücken erinnert, auch Ariana Grandes neuen Song "hate that i made you love me" legen und es würde vermutlich mehr nach Euphoria klingen als das, was uns hier angeboten wurde. Wobei es halt auch ins Konzept passt, dass sich so wenig wie möglich nach Euphoria anfühlen darf.

Mittlerweile zeigt der Timer zur Selbstzerstörung nur noch 20 Sekunden an und ich bin die letzte verbliebene Person in der East Highland High School. Auf dem großen Beamer in der Turnhalle läuft gerade noch der Abspann zum Serienfinale und während es bedrohlich hinter mir irgendwo piept, stelle ich mir, wie viele andere vermutlich auch, die Frage nach dem großen "Wieso". Die schweren Bedingungen der Produktion von Staffel 3 mit einberechnet und infolgedessen den Verlust vieler Darsteller, allen voran Angus Cloud, nie auffangen konnte, bleibt man dennoch ernüchtert darüber zurück, wie wenig man einstige Stärken genutzt hat und praktisch alles über Board geworfen hat, was diese Serie einst zu einem Fan-Favorite gemacht hat. Sich zu verändern sind nötige und bewusste Schritte, die man machen muss, sich weiterzuentwickeln. Das gehört zum Erwachsenwerden dazu, aber diesen Charakteren nicht vergönnt wurde, da sie gefühlt in Kinderschuhen in die große weite Welt zum sterben rausgeschickt wurden. Aber was man hier mit dieser finalen Staffel vor hatte, hat vermutlich genau so wenig Zukunft wie eine der beiden Identitäten von Thomas A. Anderson aka Neo in The Matrix. Es würde mich wirklich wundern, wenn man in einigen Jahren diese Staffel als "Missverstanden" interpretiert und auf einmal als heimlicher Heilsbringer anerkannt wird.

0 Sekunden. Es war schön mit dir, Euphoria. Bumm.



Verfasst von Aufziehvogel

Freitag, 24. April 2026

Update: Amazon möchte euch höflichst darum bitten, beschädigte Ware zu behalten

 




Zur Weihnachtszeit im Jahr 2021 habe ich einen Einwurf Online gestellt, der relativ wenig mit dem Thema auf meinem Blog zu tun hat, ich meinem persönlichen Unmut jedoch Luft machen wollte. In den ersten Monaten dachte ich mir nachträglich, es wäre besser, diesen Einwurf dann einfach zu löschen und es dabei zu belassen. Doch Zeit verging und der Artikel wurde nicht nur weiterhin geklickt, sondern ich erhielt Feedback von anderen Betroffenen über die Kommentare und per E-Mail. Auch so viele Jahre später erhalte ich noch immer Mails zu dem Einwurf, den ich hier gerne nochmal teilen möchte: OFM at Amazon: Noch eine Retoure, dann Platzverweis!

Ich entschied mich, besagten Artikel als eine Art Verbraucherhinweis hier weiter auf dem Blog verfügbar zu halten.

Der Artikel selbst befasste sich über kettenrasselnde E-Mails von einem sogenannten "OFM Mail-Account" von Amazon. Hierbei handelt es sich nicht um Scam oder Spam sondern um einen legitimen Mail-Account von Amazon, den man tatsächlich ernst nehmen sollte. Hierbei handelt es sich um eine spezielle Abteilung bei Amazon, die Systemmeldungen nachgehen, wenn Kunden in einer gewissen Abfolge Artikel retournieren. Man kann davon ausgehen, dass hier durch einen automatisierten Algorithmus vereinzelt Kunden ausgewählt werden und deren Konten an das dort zuständige Team weitergeleitet werden. Das besagte Team mahnt dann betroffene Kunden ab. Ich selbst habe schon zweimal so eine E-Mail in der Vergangenheit erhalten. Nach einer damaligen Recherche bin ich mit einigen Amazon-Kunden in Kontakt getreten, die ebenfalls eine menge Schrott von Amazon erhielten und gemäß der laut EU gültigen Richtlinien die Artikel reklamiert haben, teilweise Bilder an impressum@amazon.de eingereicht haben oder sich über Amazons hauseigenen Lieferdienst "Amazon Logistics" über unzumutbare Zustellungen beschwert haben. Eine kleine Anekdote von mir aus dem vergangenem Jahr: Dies habe ich erst im letzten Sommer selbst erlebt, als ein Amazon-Bote versuchte, meine Lieferung vor meinen Augen in den Briefkasten zu quetschen und ich ihn darauf am geöffneten Küchenfenster angesprochen habe, was er da eigentlich versuchen würde, da der Briefkasten offensichtlich viel zu klein für das Paket war. Der Lieferant reagierte ohne weitere Umschweife aggressiv, riss das Paket mit Gewalt aus dem Briefkasten und klingelte anschließend Sturm an meiner Haustür. An der Sprechanlage drohte er mir, ich hätte noch exakt eine einzige Chance, das Paket entgegenzunehmen. Da ich nicht komplett wahnsinnig war, habe ich es gelassen und der Bote zog mit meinem Paket davon, warf es auf die Straße, hat es wieder aufgehoben und zurück in seinen Lieferwagen geworfen. Ich kontaktierte den Amazon-Kundenservice, der mit mangelhaften Deutschkenntnissen verzweifelt versuchte, deeskalierend zu wirken. Einen Tag später erhielt ich einen Rückruf von einem anderen Mitarbeiter, der noch viel weniger über deutsche Sprachkenntnisse verfügte und fragte mich, wie wir verbleiben können. Der Bote wäre abgemahnt worden und ich erhalte eine Ersatzlieferung und einen 5 Euro Aktionsgutschein auf nicht preisgebundene Artikel. Brillante Lösung für eine traumatische Erfahrung, die mir eine ganze Nacht lang den Schlaf geraubt hat.

Dieses Abmahn-System von Amazon verfolgt natürlich das Ziel an den Kunden, seltener Waren zurückzusenden. Ich sprach aber auch mit Kunden, deren Accounts temporär oder tatsächlich noch immer gesperrt waren. In diesem Sinne ist es sinnvoll, auf die Anschuldigungen des OFM-Accounts zu reagieren.

Drehen wir nun die Zeit etwas vor ins Jahr 2026. Vor einigen Tagen habe ich folgende E-Mail erhalten (E-Mail unverfälscht, Name wird zu "D" abgekürzt. Vollständige Erlaubnis, den Text in Auszügen teilen zu dürfen):

D. aus NRW: Mahlzeit Aufziehvogel. Ich bin auf deinen Artikel um Abmahnungen von Amazon gestoßen. Jedoch nicht, wie du es beschreibst. Ich hatte zuletzt ein paar zerrissene Bücher reklamiert und zurückgeschickt und habe nun einen Vermerk bei mir im Konto. Sobald ich das Rücksendezentrum noch einmal aufrufe, erscheint als erstes folgende Meldung..... 

Die besagte Mail kürze ich an der Stelle nun um direkt zum Anhang zu kommen, den D. dieser Mail hinzugefügt hat:

 

Für eine detailreichere Ansicht das Bild bitte anklicken. Um mich noch einmal zu vergewissern, fragte ich D., ob diese Meldung immer noch auftaucht, sobald er das Rücksendezentrum aufruft um einen Artikel zu reklamieren. Dies bestätigte er mir noch einmal und zeigte sich auch dementsprechend verunsichert und möchte das etwas zu kleine Shirt aber nun behalten, um vermeintlichen Ärger mit dem Kundenkonto aus dem Weg zu gehen. Damit hätte Amazon sein Ziel erreicht, was man mit diesem ins Kundenkonto eingravierten Hinweis bewirken wollte.

Wenn die Abmahn-Mail von OFM noch viel Peitsche war, ist dieser Vermerk nun viel Zuckerbrot. Die gleiche Wirkung haben aber beide Methoden. Sie verunsichern den Kunden und dieser überlegt sich nun zweimal, einen weiteren Artikel zu reklamieren, selbst, wenn dieser vielleicht beschädigt ist oder aber tatsächlich nicht passt oder für den vorgesehenen Einsatz unbrauchbar ist. Der besagte Hinweis verweist hier auf eine bessere Auswahl des Kunden und bittet diesen, auf Produktbeschreibungen des Herstellers auf der Produktseite, Fotos und Kundenrezensionen zu achten. Das keine der hier angebotenen Hilfestellungen für Kunden auch nur ansatzweise befriedigend sind, ist auch klar. Die Produktbeschreibungen auf den Produktseiten werden miserabel von Amazon verwaltet (oder sind besonders bei Drittanbietern einfach nur schlechte Übersetzungen aus dem Chinesischen ins Deutsche per Google-Translator) und sowohl Fotos als auch Kundenrezensionen können irreführend sein oder nicht die tatsächliche Erfahrung widerspiegeln. In den meisten Fällen hilft es eben nur, das bestellte Produkt in den eigenen Händen zu halten.

Dieser Hinweis ist insofern unterhaltsam, da Amazon auf jahrelange Kritik des kontroversen Lieferdienstes Amazon Logistics nicht weiter eingeht und viele Artikel bereits beschädigt das Lager verlassen. Da aber besonders die großen Online-Shops weiterhin von der EU beobachtet werden, wie man mit Retouren umgeht, muss man mit allen Mitteln nun die Kunden selbst dazu bringen, mehr mangelhafte Lieferungen hinzunehmen. Dass es hier weiterhin betrügerischen Missbrauch zahlreicher Kunden gibt, soll hier mit keiner Silbe bestritten werden. Doch wie immer trifft es auch aufrichtige Kunden wie meinem Mail-Kontakt D., der insgesamt binnen 2 Monate in diesem Jahr 3 beschädigte Buchlieferungen reklamiert hat.

Ich möchte nochmal darauf aufmerksam machen, dass man sich von diesen E-Mails nicht einschüchtern lassen darf. Auch wenn der Kundenservice bei Amazon kaum der Rede wert ist, werden Beschwerden und Feedback jedoch gesammelt. Seinen Unmut sollte man jederzeit mitteilen. Dafür gibt es folgende Adressen:

 

E-Mail: impressum@Amazon.de

          Telefon: 08003638469 (kostenlos) 

  
 

Text: Aufziehvogel

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