Archiv: Rezensionen zu Literatur und Film

Samstag, 28. März 2026

Einwurf: Im freien Fall durch Mittelerde

 

AI-Slop basierend auf meinen Albträumen


Die Idee für diesen Einwurf spukt schon seit vielen Monaten in meinem Kopf herum. Und welch besseren Zeitpunkt könnte es geben, als ihn in solch absurden Zeiten wie jetzt zu veröffentlichen? Lange hatte ich überlegt, diesen Einwurf seriös anzugehen. Doch die neuen Entwicklungen rund um eine kommende neue Verfilmung, die aus der Feder des Mittelerde-Edel-Fans und Late Night Legende Stephen Colbert stammen wird, die immer noch andauernde Übernahme Paramounts (Skydance) von Warner und dem alltäglichen KI-Wahnsinn, möchte ich ein wenig entspannter auf das zurückblicken, was war, was aktuell ist und was noch kommen wird und wieso Professor Tolkien der Endgegner in seinem eigenen Epos zu sein scheint. Der Einwurf sollte ursprünglich nicht einmal ein Titelbild haben, aber, weil es sich so gut anbietet, soll diese kleine Reise durch Mittelerde von einem KI-Kunstwerk eröffnet werden, wo ich keine Kosten und Mühen gescheut habe, meine ganze Fingerfertigkeit einzusetzen, es maschinell erschaffen zu lassen.

Da ich mich derzeit (wie wir alle vermutlich) fühle wie Butter auf zu viel Brot verstrichen, möchte ich mit dieser kleinen Zeitreise durch das filmische Mittelerde auch an Momente erinnern, wo Tolkiens Welt noch epische Fantasy war, die keine Grenzen kannte. Aber aller Anfang ist bekanntlich..... übermütig!


Die Anfänge





Es wäre zu viel, sie alle aufzulisten und detailreich drauf einzugehen, zumal es einige wirklich obskure Adaptionen zum Herrn der Ringe oder aber auch zum Hobbit bereits gab. Aber zwei Dinge sind sicher: Zum einen das Streben der Menschheit, ins Weltall zu fliegen. Zum anderen brannte besonders in den frühen 70ern ein weiterer Drang in der Menschheit: Die Verfilmung von J.R.R. Tolkiens Fantasy-Epos "Der Herr der Ringe". Von Stanley Kubrick einst als nicht verfilmbar gebrandmarkt, lag es in der Neugier und dem Ehrgeiz der Menschen, wie sie selbst in Tolkiens Geschichten häufig dargestellt werden, selbst die beschwerlichsten Hürden zu überwinden und Kubricks These zu widerlegen.

Bereits Anfang der 70er versuchte sich ein schwedischer Low-Budget TV-Film an der Umsetzung und hörte schlicht und ergreifend auf den schwedischen Titel "Sagan om ringen". Anschauen kann man sich (in überraschend guter Qualität) dieses zweiteilige TV-Special auf auf YouTube. Einfach den hier genannten Titel dort eingeben.

Weitere, allerdings animierte, TV-Specials gab es zum Beispiel vom Produktionsteam Bass/Rankin. Angefangen mit einer lizenzrechtlich stark umstrittenen Version des Hobbits aus dem Jahr 1977 für NBC. Der kurze Film, der viele Straffungen hinnehmen muss, gilt bis heute jedoch als eine charmante Umsetzung, die sich trotz seiner Kürzungen (oder vielleicht genau deswegen) deutlich mehr an die Vorlage hält als Jacksons aufgeblähte Trilogie. Für die Animationen holte man sich Unterstützung von einem kleinen japanischen Animationsstudio namens Topcraft, die später einmal zu einem etwas größeren Animationsstudio heranwachsen sollten, welches fortan als Studio Ghibli bekannt sein sollte. Mit einem Budget von rund 3 Millionen Dollar konnte sich der Zeichentrickfilm sehen lassen und fing überraschend gut den Charme des Kinderbuchklassikers ein.

Rankin/Bass und Topcraft sollten 1980 noch einmal für ein TV-Special zusammenkommen, diesmal mit einer Laufzeit von knapp 100 Minuten und einer Adaption zu "Die Rückkehr des Königs". Fälschlicherweise wird dieser TV-Film häufig als Fortsetzung zu dem Bakshi-Kinofilm aus dem Jahr 1978 betitelt, die Filme haben allerdings nichts miteinander zu tun und sind alleine stilistisch gesehen komplett unterschiedlich.

Im laufe der Jahre folgten weitere Adaptionen zum Hobbit und dem Herrn der Ringe aus skandinavischen Ländern wie Finnland oder gar der Sowjetunion. So richtig in Erinnerung geblieben ist nichts. Teilweise waren einige dieser Adaptionen unautorisiert. Tolkien verkaufte Ende der 60er für einige hunderttausend Pfund sämtliche Film- und Merchandise-Rechte an United Artists, die es wiederum nicht schafften, irgendwas von Tolkiens Stoff zu verfilmen und wiederum diese Rechte anderweitig verkauften. Eine Sache hat sich nie geändert: Bis zum heutigen Tag ist es beim Lizenz-Wirrwarr rund um Mittelerde undurchsichtig, wo und wie genau die Rechte zu dem Literaturkosmos verteilt sind. Doch bereits damals waren die Menschen abenteuerlustig genug, sich immer wieder an Adaptionen zu wagen.



1978: Der Herr der Ringe (Ralph Bakshi)

 



Vor knapp 3 Jahren habe ich Ralph Bakshi's ambitionierter Idee, den Herrn der Ringe zu verfilmen, einen großen Artikel über die Entstehungsgeschichte sowie Parallelen zu Peter Jacksons Filmtrilogie gewidmet. Wer darüber gerne mehr erfahren möchte, hier der Artikel vom 08.07.2023: Inside: Als Ralph Bakshi die Idee hatte, den Herrn der Ringe zu verfilmen

Wenn man über Mittelerde-Adaptionen, insbesondere aber den Herrn der Ringe, diskutieren möchte, fängt man in der Regel bei dem Animations- und Live-Action-Hybrid von Zeichentricklegende Ralph Bakshi an. Es führt gar kein Weg daran vorbei, da es der erste, professionell inszenierte Versuch war, Tolkiens Stoff auf die Kinoleinwand zu bringen. Aufgrund der damaligen Limitierungen war es nahezu ausgeschlossen, den Herrn der Ringe als puren Live-Action Film zu verfilmen. Der Weg hin zu dieser Verfilmung war bereits für alle Beteiligten pure Anarchie. Als Tolkien sämtliche Rechte an United Artists verkauft hatte und diese keinen Film zustande gebracht haben (für eine längere Zeit stand ein Musikfilm der Beatles im Raum, die Tolkien, wie viele Dinge aus der modernen Popkultur, verabscheute), gingen die Rechte zu dem Produzenten Saul Zaentz, dessen Produktionsfirma auch nach seinem Tod bis 2022 die meisten Rechte am Mittelerde-Franchise besaß (anschließend machte die Embracer Group auf sich aufmerksam, als man diese Rechte Zaentz/Tolkien Enterprise abgekauft hat). Es folgten lizenzrechtliche Konflikte, die über Jahrzehnte andauerten und teilweise die Produktionen von Jacksons Verfilmungen beeinflussen sollten.

Ralph Bakshi versuchte es bereits zu Zeiten, als die kompletten Rechte noch bei United Artists lagen, sein Interesse an eine Adaption des Herrn der Ringe zu vermelden. Er selbst war großer Fan der Bücher und wünschte sich sehnlichst, die komplette Geschichte als Zeichentrickfilm zu adaptieren. Zum Teil ist dies sogar gelungen. Bei einer Laufzeit von rund 133 Minuten adaptierte Bakshi relativ beachtlich die größten Schlüsselmomente aus "Die Gefährten" und "Die zwei Türme". Bakshi selbst bezeichnete die Produktion als Albtraum und eine der schlimmsten Erfahrungen in seinem Leben. Jugendliche würden diese Verfilmung heute vermutlich als "Fiebertraum" bezeichnen. Eine Mischung aus klassischem Zeichentrick und der Rotoskopie Technologie, verschmolzen hier praktisch Zeichentrickfilm und Live-Action zu einem gemeinsamen Werk. Dreharbeiten für die Live-Action Aufnahmen fanden u.a. in Spanien statt. Bakshi, der eine furchtbare Angst vor Pferden hatte, filmte zum Teil aus einem Wohnwagen heraus, die meisten Aufgaben übernahm jedoch eine Second Unit, um den weiteren Dreh erst einmal möglich zu machen.

Bei einem Budget von gerade einmal 4 Millionen Dollar spielte der Film weltweit über 30 Millionen Dollar ein, was das Studio als Erfolg verbuchte. Obwohl eine Adaption aller 3 Bücher versprochen wurde, endete der Film jedoch nach der Schlacht um Helms Klamm und bliebt für immer unvollständig.

Über die vielen Jahre geriet diese Verfilmung in Vergessenheit, gelangte aber wieder durch die Spielfilmtrilogie von Peter Jackson an die Oberfläche. Dass die Adaption von Bakshi zu großen Teilen Pate für Jacksons Filme stand, wollte der neuseeländische Filmemacher damals nicht zugeben. Dies war insofern seltsam, da Jacksons Filme Szenen beinhalteten, die praktisch 1:1 aus Bakshis Adaption übernommen wurden und gar nicht in Tolkiens Büchern vorkamen. Bakshi war darüber über Jahre erbost und redete Jacksons Verfilmungen schlecht. Irgendwann gab Jackson zu, dass Bakshis Adaption ihn in seiner Jugend begleitet hat und eine große Inspiration war und die beiden begruben irgendwann ihr Kriegsbeil.

Dass hier tatsächlich überhaupt ein Film entstanden ist nach all den Querelen in der Produktion, grenzt wohl bis heute an ein Wunder.



2001-2003: Der Herr der Ringe Trilogie (Peter Jackson)




Anfang der Jahrtausendwende ist Filmgeschichte geschrieben worden. Zwischen 2001-2003 wurden drei Filme in die Kinos gebracht, die die Fantasy-Filmlandschaft nicht nur für immer verändern sollten, sondern auch das Blockbuster-Kino neu erfand. Eine Filmtrilogie, die gar nicht existieren dürfte und, wie es Peter Jackson selbst sagt, in der heutigen Zeit auch gar nicht mehr entstehen würde. Peter Jackson, ein für die breite Masse damals relativ unbekannter Filmregisseur aus Neuseeland, der sich hauptsächlich durch Fun-Splatter wie Bad Taste und Dead Alive einen Namen machte, im Indie-Sektor später durch Filme wie Heavenly Creatures bekannt wurde und mit der Gruselkomödie The Frighteners etwas mehr den Mainstream ansprach, hatte eine Vision: Sein großer Traum war es, King Kong neu zu verfilmen. Die Idee, den Herrn der Ringe auf die Kinoleinwand zu bringen spielte immer irgendwo mit, aber die Bücher galten nach wie vor als nicht verfilmbar. Doch durch einen nicht zu bremsenden Enthusiasmus kamen viele Dinge zusammen, die eigentlich niemals hätten funktionieren dürfen. Peter Jackson, seiner Frau Fran Walsh und Philippa Boyens (die Person, die am meisten Tolkien-Expertise mit in das Projekt brachte) ist etwas gelungen, was nicht einmal dem Paten und Star Wars gelungen ist: Die perfekte Trilogie. Zu verdanken ist dies einer langen Planungsphase, dem absoluten Wahnsinn, die drei Filme an einem Stück zu drehen und einem Geldgeber, der verrückt genug war, sich auf das Unterfangen einzulassen.

Jacksons erste Anlaufstelle war Miramax Films. Harvey Weinstein, der überraschend günstig an die Filmrechte gekommen war, war nicht abgeneigt, dem wenig bekannten Jackson den Zuschlag zu erteilen. Das Risiko war dennoch groß. Zudem konnte sich Miramax kein massives Fantasy-Epos von enormen Budget leisten. Das Klischee, dass sämtliche Fantasyfilme bisher keine gigantischen Box Office Erfolge waren und einen gewissen Videothek-Flair mit sich brachten, bestand zudem. Weinstein willigte dennoch ein. Eine stark gestraffte Geschichte mit limitierten Laufzeiten und insgesamt 2 Filme. Jackson und Walsh sagten vorab zu, kamen aber schnell an ihre Grenzen, dass das Projekt so nicht realisierbar sei.

Nach unzähligen Disputen mit Miramax kam man 1998 zum Schluss, die Rechte an Produzent Bob Shaye und seinem Studio New Line Cinema abzutreten. Miramax sicherte sich zudem einen Cut von 5% der Einnahmen der Einspielergebnisse. Bob Shaye pokerte hoch, hatte jedoch Vertrauen zu der Vision von Jackson und bestand auf 3 Filme und einem Budget von 60 Millionen Dollar pro Film, welches Jackson im Verlauf der Verhandlungen nochmal deutlich nach oben schrauben konnte.

Es sollte sich auszahlen, für alle Beteiligten. Mit einem weltweiten Einspielergebnis von knapp 3 Milliarden Dollar für alle 3 Filme und 17 Oscars, wovon alleine "Die Rückkehr des Königs" 11 Oscars für sich gewinnen konnte, brach man so manche Rekorde.

Peter Jackson und sein Team, der zudem herausragende Designer und Illustratoren wie Alan Lee und John Howe für das Projekt gewinnen konnte, Howard Shore für den unvergesslichen Soundtrack verantwortlich war und Weta Workshop die Welt von Mittelerde mit Leben einhauchten, waren am laufenden Band Glückstreffer, die sich lediglich noch einmal durch ein genau so glückliches Händchen bei dem Casting der Schauspieler übertrafen. Es war das berüchtigte Match made in Heaven. Viel mehr aber ein Filmwunder, dass diese Trilogie jemals in ihren jetzigen Formen entstanden ist. Über die Jahre sollten mit den Extended Editionen Jacksons favorisierte Fassungen erscheinen und lösten mit deutlich mehr Laufzeit die Kinofassungen ab. Zusätzlich sorgten die Extended Editions zum Herrn der Ringe zu einem weiteren Boom, der über Jahre andauern sollte und unzählige Studios und Filmemacher fortan verlängerte Filmfassungen für den Heimkinomarkt veröffentlichten.

Jacksons Filme und die Ästhetik sollten nicht nur das Fantasy-Genre für immer auf der Kinoleinwand verändern, es war auch der Stil der Filme, der Mittelerde fortan prägen sollte. Etwas, was wie ein Segen klingt, sich im späteren Verlauf aber viel mehr als ein Schreckgespenst erweisen soll.

Die Spielfilmtrilogie aber wird für immer in Stein gemeißelt sein. Dabei ist auch Jacksons Interpretation der Bücher bis heute umstritten, wurde unter seiner Regie doch besonders "Die Gefährten" zu dem Film auserkoren, der sich am meisten von seiner literarischen Vorlage abhebt und zudem die meisten Kürzungen erfahren hat. Doch anders wäre der Start dieser Trilogie wohl nie gelungen. Es war ein nötiges Opfer. Jacksons größte Stärke ist jedoch, Tolkiens eigene Mittelerde-Ästhetik herausragend für seine Filme adaptiert zu haben. Auch aus diesen Gründen lassen selbst viele eingefleischte Fans von Tolkien der Filmtrilogie viele Freiheiten und Änderungen durchgehen.

Viele Fans glauben noch immer, Jackson plane zu den Jubiläen der Filme neue Extended Editionen. Dem schob er bereits vor einigen Monaten einen Riegel vor und versicherte, nahezu alles, was gedreht worden sei, auch nun in den Filmen untergebracht wurde. Er hätte nicht irgendwo noch Tom Bombadil versteckt, beteuert er immer wieder.



2009: The Hunt for Gollum & Born of Hope





Nicht nur erwähnenswert sondern auch einen eigenen Eintrag in dieser Auflistung wert sind zwei britische Fan-Filme, die zwar keinerlei Bezug zueinander haben, beide aber 2009 erschienen sind. Beide Filme bedienen sich dabei an den umfangreichen Anhängen des Herrn der Ringe (nichts anderes machen praktisch die großen Studios aktuell, da die Rechtelage, besonders dem Silmarillion gegenüber, weiterhin kompliziert ist). The Hunt for Gollum bezieht zusätzlich noch Material aus einigen Seiten des "The Council of Elrond" Kapitels des ersten Bands. Beide Filme wurden mit schwindend geringen Budgets gedreht (wobei Born of Hope deutlich teurer war als The Hunt for Gollum, aber auch fast doppelt so lang ist) und gelten als "Non-Profit" Filme, da mit einer bestehenden Lizenz ohne Lizenzrecht kein Geld verdient werden darf. Beachtlich bei beiden Filmen sind jedoch die Production Values und Detailverliebtheit. Mit einer Laufzeit von gerade einmal 38 Minuten wird die Jagd von Gollum bereits mehr als großzügig abgedeckt. Der kommende Film von Andy Serkis auf dem Regiestuhl wird sich also mit einem beliebten Fan-Film messen müssen, auch, wenn dieser in Sachen Budget und vermutlich exzessiver Lauflänge seinem britischen Non-Profit-Pendant um ein vielfaches überlegen sein wird.

Bei beiden Fan-Filmen wird aber auch eines wieder deutlich: Stilistisch sind sie vom Peter Jackson Stil geprägt. Es ist ein prägendes Element, welches die filmischen Umsetzungen wohl für immer begleiten wird.

Beide Filme können nach wie vor problemlos auf YouTube geschaut werden. Was ich wärmstens empfehlen kann, bevor Warner irgendwann mal endgültig den Stecker zieht. Ich selbst halte Born of Hope für den besseren Film, da ich das Thema rund um Aragorns Herkunft deutlich spannender finde. Sehenswert sind sie beide und fressen nicht zu viel Zeit.



2012-2014: Die Hobbit Trilogie (Peter Jackson)





Über die dramatische Entstehungsgeschichte dieser Filme brauche ich wohl kaum mehr schreiben. Aber wer gerne mehr darüber erfahren möchte, im Jahr 2015 (so lang ist das schon wieder her!) habe ich einmal auf die komplette Trilogie in einem Artikel zurückgeblickt: Einwurf: Der Hobbit - Eine [un]erwartete Enttäuschung? (Artikel vom 27.11.2015)

Für viele der Anfang vom Ende des filmischen Niedergangs von Mittelerde. Aus heutiger Sicht betrachtet ist die Hobbit Trilogie wohl deutlich höher einzuschätzen, wenn man seine Erwartungen anpasst. Doch je mehr Zeit vergeht, desto mehr wird man auch weiterhin der Gelegenheit hinterhertrauern, dass nicht die beiden ursprünglich geplanten Filme, die die gesamte Story um den Hobbit abdecken sollten, unter der Regie von Guillermo del Toro entstanden sind. Del Toro ist kein bekennender Tolkien-Fan und dies war seine größte Stärke. Bereits hier hätte ein frischer Stil etabliert werden können, der sich völlig von dem abhebt, was Peter Jackson mit seiner Herr der Ringe Trilogie etabliert hat (einige dieser Designs werden im Bonusmaterial des Hobbits präsentiert). Del Toros Welten sind einzigartig, haben einen besonderen Twist, sind mutig und gewagt. Nicht zuletzt räumte Guillermo del Toros Frankenstein Adaption in genau diesen Kategorien bei der diesjährigen Oscarverleihung einmal mehr ab.

Wie wir nun alle wissen, sollte es anders kommen und es ist das entstanden, was wir heute haben. Eine weitere Trilogie von Peter Jackson, da dieser, wenig überraschend und zurecht, nicht das Werk eines anderen Filmemachers fortführen wollte. Jackson bedauerte über Jahre, dass die Zusammenarbeit aufgrund der Studio-Querelen mit Guillermo del Toro nicht zustande kam. Unter Zeitdruck musste Jackson eine neue Trilogie zusammenbasteln. Die Zeit, die er beim Herrn der Ringe noch hatte, gewehrte man ihm hier nicht. Die Dreharbeiten waren turbulent und chaotisch, zwangen Jackson dazu, teilweise am Set zu schlafen. Diesmal sollte alles anders sein. Für die Zuschauer sollte es aber das gleiche Erlebnis werden.

Besonders dieser Aspekt ging nach hinten los. Doch aus heutiger Sicht kann man die Hobbit-Filme ein wenig differenzierter sehen. Jackson konzipierte die Filme als Herr der Ringe Prequel mit eindeutigen und bewusst gewählten Bezügen zu seiner Ring-Trilogie. Tolkien selbst setzte sich nach dem Herrn der Ringe nochmal an den Hobbit und baute mehr Herr der Ringe Referenzen ein, um die Geschichte nahtloser mit dem großen Fantasy-Epos zu verknüpfen. Letztendlich kann man der Vision von Peter Jackson weniger vorwerfen, als man es gerne möchte. Ihm war es wichtig, Brücken zwischen dem Hobbit und dem Herrn der Ringe zu verknüpfen und griff zudem ebenfalls noch auf die Anhänge des Herrn der Ringe zurück, für die in der ersten Trilogie kein Platz mehr war. Wie nötig das ganze nun am Ende war, steht auf einem anderen Blatt Papier.

Ein fast schon bizarres Unterfangen bleibt es aber, ein rund 300 Seiten dickes Kinderbuch in 3 epische Filme zu adaptieren. Mit einem absurd hohen Budget von über 700 Millionen Dollar für die gesamte Trilogie (allerdings zu einem ebenfalls hohen Einspielergebnis von fast 3 Milliarden Dollar weltweit für die beteiligten Parteien wohl dann auch sehr lukrativ gewesen) schaffte man es zudem, dass die Filme billiger denn je wirkten und Tolkiens Mittelerde so künstlich wie nie ausschaute (einige wenige beachtliche Computereffekte sind in Smaug geflossen). Tolkiens Sohn Christopher ging dies zu weit, distanzierte sich von den Filmen und kritisierte Jackson, das Werk seines Vaters nicht mehr wiederzuerkennen. Kritik, die sicherlich nicht zu unrecht kam. Aber Peter Jackson alleine kann man die Schuld nicht geben, da die Planung und Produktion die Hölle waren und es immer wieder Einmischungen der Studios gab.

Was am Ende bleibt sind unterhaltsame Fantasy-Filme, allen voran der erste Teil. Doch durch die vielen Freiheiten, die sich Jackson hier nimmt, angefangen von komplett neuen Charakteren und Charakteren, die in dieser Geschichte eigentlich nichts zu suchen haben, einer aufgezwungenen Love-Story, schlechten Computereffekten und einen fast überflüssigen dritten Film, wird die Trilogie, die trotzdem ihre Höhen hat, wohl ewig als kontrovers betrachtet werden. Schauspielerwahl, Set-Design und Musik reißen hier viel raus und retten die Trilogie vor der völligen Bedeutungslosigkeit. Hier wäre so viel "mehr" mit "weniger" möglich gewesen.

Und so surreal es anmuten mag, so ist die Hobbit Trilogie das bislang letzte unterhaltsame filmische Projekt aus Mittelerde.



2022-2024: Die Ringe der Macht & Die Schlacht der Rohirrim




Es grenzt fast schon an Satire, wenn die Mittelerde-Lizenz einem Konzern wie Amazon in die Hände fällt. Edel-Fan Jeff Bezos wollte nicht nur eine Serie haben, die neue Prime-Mitgliedschaften im Akkord generiert, er wollte auch sein eigenes Game of Thrones und die opulenteste Version von Mittelerde, die je geschaffen wurde. Als erste Herr der Ringe Streaming-Serie (die Serie läuft nämlich unter einem "Herr der Ringe" Banner), ausgelegt auf mehrere Staffeln und ausgestattet mit einem fürstlichen Budget, sollte die Serie neue Maßstäbe setzen. Vielleicht ungefähr vergleichbar mit den Ambitionen, die George Lucas bei seiner nie realisierten Star Wars: Underworld Serie hatte. Das Ergebnis: Nicht nur ein laues Lüftchen, sondern die Ringe der Macht präsentieren in zwei Staffeln eine Lehrdemonstration, wie man ein etabliertes Universum zugrunde richtet. Ich gehörte gefühlt zu den wenigen, die der ersten Staffel ein paar Qualitäten zusprachen und eine geringe Hoffnung hegte, man könne mit Staffel 2 das Ruder vielleicht noch rumreißen. Denn eines muss man der Serie lassen: Hübsch sieht sie aus und schön klingt sie. Aber wie ein Magier seine Zuschauer hinters Licht führt, ist auch diese Herr der Ringe Serie nichts weiter als ein Luftschloss voll billiger Tricks. Auf den zweiten Blick wirkt die Optik künstlich, wenig organisch und allen voran leer. Stilistisch möchte man sich von Peter Jacksons Stil abheben (der für diese Serie nicht konsultiert wurde), aber auch das wirkt nur auf den ersten Blick so. Zahlreiche etablierte Designs wurden 1:1 aus Jacksons Filme übernommen, was sich konsequent mit dem neuen Look beißt. Das Ergebnis könnte aus heutiger Sicht das Werk einer KI sein. 

Der Serie mangelt es nicht nur an Tolkiens-Ästhetik, es mangelt ihr auch an Seele und einer klaren künstlerischen Vision. Dies könnte allen voran daran liegen, dass hier Showrunner am Werk sind, die weder ein großes Know-How mitbringen, was die literarische Vorlage angeht und zudem noch nach eigenem Gusto Änderungen vornehmen. Wie Gandalf zu seinem Namen kam wird vermutlich als größter Fremdschäm-Moment für alle eingehen, die ihn miterlebt haben. Doch auch abseits davon bekleckert die Serie sich nur selten mit Ruhm. Was die abgehackte Story angeht, liegt teilweise auch wieder daran, dass man nur teilweise über Rechte der literarischen Vorlagen verfügt. Ein bisschen zieht man aus dem Silmarillion, ein bisschen aus den Anhängen des Herrn der Ringe. So kann keine kohärente, homogene Story entstehen. Die ganzen Probleme haben sich dann mit Staffel 2 noch einmal verschärft und die ganze Serie in eine Lage gebracht, die es unrealistisch erscheinen lässt, wie die Ringe der Macht jemals über Staffel 3 hinaus existieren soll, da man bereits sämtliches Plot-Pulver verschossen hat. Für Staffel 3 bleiben maximal noch exzessive Szenen von Nahaufnahmen, wie Schauspieler Ringe an ihren Fingern tragen. Charaktere wie Sauron, Galadriel und Elrond sind zu Romantasy-Figürchen umgeschrieben worden, die jeglichen Bezug zu irgendwas verloren haben, was sein Schöpfer jemals für sie vorgesehen hat. Das derzeitige Vermächtnis der Serie nach zwei Staffeln ist Anarchie und Verwüstung. Für wen diese Serie jetzt noch konzipiert ist, weiß vermutlich Bezos selbst nicht mehr. Jetzt muss er vollen Fokus auf die verbliebene Hauptzielgruppe richten: Online-Shipper, die gerne ihre Lieblingscharakter miteinander verkuppelt sehen wollen. Eine Serie, die vielleicht nie hätte entstehen dürfen, sich lange in einer Entwicklungshölle befand und es überraschend schnell voranging, als Christopher Tolkien Anfang 2020 verstarb.

2024 erschien dann noch ein sogenannter License-Refresher, der auf den Titel "Die Schlacht der Rohirrim" hört. Der erste animierte Mittelerde-Spielfilm seit Jahrzehnten wurde ausschließlich produziert, damit weitere Filmrechte bei Warner/New Line sowie Jacksons Produktionsfirma WingNut verbleiben dürfen. Die Vorgabe ist es, dass in einem gewissen Zeitraum mindestens ein neuer Film entsteht, um die Lizenz nicht zu verlieren. Entstanden ist der Film größtenteils bei dem japanischen Animationsstudio Sola Entertainment unter Regisseur Kenji Kamiyama (Ghost in the Shell SAC, Eden of the East). Mitspracherecht bei der Geschichte hatte Sola nicht, die ist wiederum komplett in Neuseeland und den USA entstanden. Allen voran zeigte sich für die Produktion Philippa Boyens verantwortlich, die die wenig funktionierende Idee hatte, Helms bis dato völlig irrelevante Tochter Hera (Tolkien hatte ihr nie einen Namen gegeben) in den Mittelpunkt der Geschichte zu stellen. Für das Screenplay setzte Boyens laut eigenen Aussagen auf eine neue Generation an aufstrebenden Autoren. Mit anderen Worten: Ein ganzer Haufen No-Names. Auffallend ist hier der Name Phoebe Gittins bei den Writing-Credits, die nicht nur eines der süßen Hobbit-Kinder in "Die Gefährten" spielte, sondern rein zufällig auch noch Philippa Boyens Tochter ist.

Das Endergebnis: Ein überlanger, mit wenig Highlights ausgestatteter Animationsfilm, wo nicht einmal die Animationen selbst irgendeinen Zuschauer vom Hocker gehauen haben dürften. Der gesamte Film, wenn auch keine Vollkatastrophe, wirkt hektisch zusammengeschnitten und vom Plot her, der ebenfalls wieder aus den Anhängen zusammengeschustert wurde, kaum spannender ist als der Wetterbericht von den Osterinseln. Um den Film zu bewerben mussten "Die Zwei Türme" aus der Jackson-Trilogie herhalten, um überhaupt etwas, wie es auf Neudeutsch so schön heißt, "Buzz" für den Film zu generieren. Da half es auch nicht, dass unter den Synchronsprechern prominente Namen wie Brian Cox oder Éowyn-Darstellerin Miranda Otto mit von der Partie waren.

Mittelerde ist zum berüchtigten Second-Screen-Content mutiert. Etwas, was im Hintergrund läuft während man sich auf YouTube oder TikTok witzige Clips von Katzen anschaut und Politikvideos kommentiert. Der Mittelerde-Output der letzten Jahre ist genau auf eine einzige Sache beschränkt: Irrelevanz.


2027 und darüber hinaus: The Hunt for Gollum (Andy Serkis) & Shadow of the Past (Stephen Colbert)

  



Die Zukunft der Mittelerde-Filmlizenz sieht aktuell trist aus. Peter Jackson, der nach dem Hobbit einen unrühmlichen Abgang aus dem Franchise hatte, hatte immer noch eine Rechnung damit offen und schloss kategorisch eine Rückkehr nicht aus. Als Regisseur wird er nicht zurückkehren, versprach aber, als Produzent bei den neuen Warner-Projekten dabei zu sein. Was insofern spannend werden dürfte, da Skydance kurz vor der Übernahme von Warner Bros. steht und David Ellison sich somit auch New Line Cinema einverleiben wird. New Line ist seit vielen Jahren ein fester Bestandteil von Warner. Wie viel Konfliktpotential das ganze Spektakel also noch mit sich bringen wird und wie viel Einfluss Paramount am Ende auf kommende Projekte haben wird (insbesondere auf das Projekt von Stephen Colbert) ist noch nicht eindeutig klar. Aber auch abseits davon wirkt keines der bisher angekündigten Projekte auch nur ansatzweise vielversprechend. Anstatt sich darum zu bemühen, die Rechte für weitere große Mittelerde-Geschichten wie Die Kinder Húrins, Beren und Lúthien sowie den Fall von Gondolin zu ergattern, wärmt man stattdessen nur kalte Suppe auf. Nach einem gigantischen Videospielflop (Gollum) möchte man Gollum mit großer Wahrscheinlichkeit weiter als Mittelerde-Maskottchen verwalten. Mir fällt spontan nichts ein, was Warner hier dieser Geschichte eines über 15 Jahre alten Fan-Films hinzufügen könnte außer mehr Budget. Ich hege großen Respekt für Andy Serkis als Mensch, Schauspieler und Hörbuch-Sprecher. Als Regisseur konnte er sich bisher lediglich als Second Unit Director beim Hobbit, einer Dschungelbuch-Adaption für Netflix und Venom: Let There Be Carnage beweisen. Alle Filme von durchwachsener Qualität, von der aber zumindest der Film für Netflix als sehenswert erachtet wird. Man sollte The Hunt for Gollum natürlich faire Chancen einräumen, sich beweisen zu dürfen und mehr als ein weiterer License-Refresher zu werden. Aktuell gibt es noch eine große Geheimhaltung rund um den Film, zumindest ist man aber davon abgerückt, den 67 Jahre alten Viggo Mortensen noch einmal als Aragorn für ein Herr der Ringe Prequel mit ins Boot zu holen (aktuell halten sich hartnäckige Gerüchte, der aufstrebende britische Darsteller Leo Woodall könnte in die Rolle des jüngeren Aragorn schlüpfen). Viggo Mortensen selbst wäre übrigens aktuell im besten Alter, einen alternden König Aragorn zu spielen . Das alleine hätte noch genug Potential, einen düsteren Standalone-Film zu produzieren, wenn man schon unbedingt ein Originalskript verwursten möchte. Aber seien wir darüber nicht zu unglücklich, bevor Aragorn in seinen späten Jahren noch zu einen traurigen, einsamen alten Alkoholiker umgeschrieben wird, der in seinem letzten großen Abenteuer von seinem besserwissenden, nervigen Patenkind begleitet wird und ihm ein heldenhaftes Ableben verwehrt.

Shadow of the Past, das letzte Filmprojekt in dieser Auflistung ist hingegen nochmal ein ganz anderes Biest. Tolkien hatte damals ein eindeutiges Fazit, als er anfing, mit "Return of the Shadow" eine Fortsetzung zum Herrn der Ringe zu schreiben: "Wer braucht so einen deprimierenden Mist?". Tolkien schrieb ein Kapitel und begrub die Idee anschließend, weil er erkannt hat, dass sein Mythos rund um den Ring-Krieg und dem Dritten Zeitalter auserzählt war. Sein fortschreitendes Alter hatte sein übriges getan. Benannt nach dem zweiten Kapitel aus "Die Gefährten" hat sich nun ein weiterer Mittelerde Edel-Fan seinen großen Traum erfüllt: Ein eigenes Mittelerde-Filmprojekt. In einer Ära, wo sich Politik-Millionäre in Deutschland Wünsche erfüllen und alles werden können, große Star Wars Fans ein komplettes Franchise ruinieren dürfen und der Besitzer eines Onlineshops eine eigene Herr der Ringe Serie produzieren darf, weil er sehr viel Geld besitzt, mischt nun auch Late Night Show Host Urgestein Stephen Colbert mit (der mit seiner Show demnächst in Rente geht und somit noch mehr Zeit für sein Hobby hat, welches er aber auch oft in seiner eigenen Show eingebaut hat). Die Nachricht verkündeten Peter Jackson und Stephen Colbert persönlich vor wenigen Tagen in einer Videoankündigung. Was hier wie ein vorgezogener Aprilscherz wirkt, ist Realität. Colbert arbeitete in seiner Freizeit seit einiger Zeit zusammen mit seinem Sohn, der hier lediglich als Peter McGee in den Writing-Credits gelistet wird (genau so wenig ist es auf den ersten Blick ersichtlich, dass Phoebe Gittins und Philippa Boyens miteinander verwandt sind), an einer eigenen Story. Diese nahm konkretere Formen in den letzten 2 Jahren an und Colbert ging damit ehrfürchtig auf Jackson zu. Der..... war angetan von Colberts Script. Was folgte war ein intensiver Austausch zwischen Jackson, Colbert und Boyens, die hier auch wieder mitmischt. Professionelle Writer die Erfahrung mitbringen sind dabei erneut Fehlanzeige. Viel mehr möchte man anscheinend ein familiäres Arbeitsumfeld pflegen, wo Eltern mit ihren Kindern das nächste große Mittelerde-Abenteuer auf die Beine stellen. 

Was die Story angeht, soll dieser ominöse Film wohl eine Mischung aus Prequel und Sequel zum Herrn der Ringe werden. Wir begeben uns also auf abenteuerliches Territorium. Zum einen möchte Colbert die Kapitel aus "Die Gefährten" abdecken, die in Jacksons Filme komplett fehlten. Bedeutet, sämtliche Abenteuer der Hobbits auf dem Weg vom Auenland hin zu Tom Bombadils Hütte und etwas darüber hinaus hin zum Kampf gegen die unheimlich Barrow-wrights (womit man sicherlich einen kompletten Spielfilm füllen könnte). Allerdings hat Jackson die Story in seinen Filmen so umgeschrieben, dass es kaum mehr möglich wäre, diese verlorenen Kapitel rund um die Reise der Hobbits sinnvoll in den Jackson-Kanon einzubauen (worauf ja alle Verantwortlichen seit Jahren so viel wert legen). Ein anderer Teil des Films soll 14 Jahre nach dem Tod von Frodo Beutlin spielen. Angeführt von Sams Tochter Eleanor, die eine faszinierende Entdeckung macht, machen sich Eleanor, Sam, Merry und Pippin auf, die ersten Schritte ihres legendären Abenteuers nachzustellen. Wie genau das ganze aussehen wird und ob der Film hauptsächlich aus Rückblenden und einer kleinen Rahmenhandlung in der Gegenwart bestehen wird, ist unklar. Rein von der Idee her wirkt es, als habe Colbert Frieren geschaut und baut darauf nun seine Herr der Ringe Story auf. Eine ähnlich wilde Idee hatte übrigens mal Russell Crowe, als er seinen guten Freund Nick Cave gebeten hat, eine Fortsetzung zu Gladiator zu schreiben. Wie erfolgreich dieser Versuch endete, kann man jederzeit Online nachlesen.

Mir bleibt kaum etwas anderes übrig, als mit einer gewissen Portion Gleichgültigkeit an die Sache zu gehen. Ohne Frage ist Colbert ein massiver Tolkien-Nerd, der von der Materie her sich vermutlich nicht einmal vor sogenannten "Tolkien Scholars" verstecken muss. Aber qualifiziert ihn dieser Fakt automatisch dazu, den nächsten großen Mittelerde-Spielfilm zu schreiben? Antworten auf die brennenden Fragen wird es für eine lange Zeit nicht geben. Hinzukommt, Colberts Meinung zum künftigen Warner Bros. Eigentümer David Ellison basiert nicht auf Harmonie und Liebe. Hier könnte es also vorab schon etliche Reibereien geben, besonders was Colberts Haltung zu Ellison und der Trump Regierung angeht.

Mich hingegen interessieren politische Debatten nur wenig, wenn es um die Filmleidenschaft geht. Als Filmfan sehe ich bei keinem der kommenden Projekte irgendwelche Anlässe zur Vorfreude. Nichts davon weckt mein Interesse außer einer kuriosen Neugier, weil sowohl das Gollum-Projekt als auch das Colbert-Projekt für mich Kuriositäten sind.

Die Filme scheinen als eine Art Truchsess zu dienen, bis ein Filmemacher, vielleicht einmal so mutig wie Peter Jackson vor so vielen Jahren, den Ehrgeiz hat, wieder gute Fantasy aus Mittelerde zu verfilmen. Mit einem eigenen Stil, weit weg von Nostalgie und etablierten Charakteren. Denn Mittelerde hat noch so viele einzigartige Geschichten zu erzählen, so viele einzigartige Helden und Schurken, blutige Konflikte, unendliche Schönheit und Ideenreichtum. Diese Geschichten wurden über Jahrzehnte mit Passion und Hingabe von einem Menschen kuratiert, dem das Werk seines Vaters so viel bedeutete wie Millionen anderer Menschen, die aktuell mit großem Bedenken verfolgen, was mit dieser einzigartigen fiktiven, beeindruckenden Fantasy-Welt geschieht. Was sicher ist: Sie hat auf alle Fälle besseres verdient als das, was man aktuell mit ihr vor hat.

Hinweis: Bei den Titeln "The Hunt for Gollum" und "Shadow of the Past" handelt es sich derzeit noch um Arbeitstitel, die am Ende vermutlich nicht den tatsächlichen Filmtitel repräsentieren.


Verfasst von
Aufziehvogel
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Postskriptum des Autors: Dieser Text ist über mehrere Tage mit viel Recherche und Hingabe zum Hobby entstanden. Mit Ausnahme des Titelbildes (welches einzig und alleine als satirisches Stilmittel zum Thema des Textes entstanden und eine einmalige Ausnahme ist) ist der Text zu 100% aus Menschenhand entstanden und besitzt einen menschlichen Urheber. Auf "Am Meer ist es wärmer" wird es niemals KI generierte Texte sowie Text-Ideen von KI's geben, die leider immer mehr Einzug im modernen Journalismus finden. Die Texte auf diesem Blog sind keine Input-Prompts sondern Unikate mit Ecken und Kanten.

Dienstag, 24. Februar 2026

Einwurf: Bin ich bereit für den "Next-Impact"? Gedanken zu dem neuen Evangelion Anime

 

Copyright: Khara, CloverWorks



Die gestrige Ankündigung einer neuen Evangelion Anime-Serie kam nicht völlig überraschend. Man könnte sagen, es lag etwas in der Luft. Zum großen 30. Serienjubiläum, welches vom 21.02-23.02 in der Yokohama Arena gefeiert wurde, wurde ein brandneuer, knapp 15 minütiger Kurzfilm gezeigt, der sich Asuka in einem alternativen Szenario widmet und frenetisch vom hiesigen Publikum gefeiert wurde. Für Khara scheint dieser Kurzfilm eine "Once in a Lifetime" Vorführung gewesen zu sein, denn man stellte schnell klar, man werde den Film nicht Online oder auf andere Wege zugänglich machen und warnte gleichzeitig vor drakonischen Strafen, sollten irgendwelche Leaker Material zum Kurzfilm, und seien es nur Bilder, Online stellen. Diese Mitteilung kam dementsprechend gut an bei den Fans, dass das eigentlich freudige Ereignis sehr schnell einen faden Beigeschmack erhalten hat

Doch wenn man einmal genau aufgepasst hat, lag hier schon wesentlich länger etwas in der Luft als nur jetzt zu dem Jubiläum zu einer der einflussreichsten Anime TV-Serien aller Zeiten. Evangelion-Schöpfer und Khara Studioboss Hideaki Anno sprach sich zuletzt immer wieder dafür aus, neue Geschichten aus diesem Universum erzählen zu wollen. Konkrete Pläne hatte er dazu nie und verwies zum Beispiel auf die gelungenen Kurzfilme, die man zwischen 2014-2015 für die Japan Animator Expo produziert hat, einer davon sogar mit einem komplett neuen Cast an Charakteren.

Die letzten Jahre waren für Hideaki Anno und seinem Studio Khara erfolgreich. Mit Shin Godzilla lieferte man den Startschuss für eine ganze Reihe neuer Live-Action-Filme und somit auch Neuinterpretationen aus dem Kaiju und Tokosatsu Genre. Es folgten Shin Ultraman und Shin Kamen Rider, allesamt Filme, die zusammen mit Toho entstanden sind und sich als äußerst profitabel erwiesen. Doch auch in Sachen Animation lief es alles andere als schlecht, der finale Rebuild of Evangelion Film 3.0+1.0 Thrice Upon a Time dominierte das japanische Kino und erfreute sich international durch die Lizensierung von Amazon Prime großer Beliebtheit. Anno konnte seine Geschichte zu Ende erzählen und beruhigten Gewissens endgültig mit Neon Genesis Evangelion abschließen. Doch genau so wenig wie Hayao Miyazaki jemals aufhören kann, neue Filme zu machen, so wird Hideaki Anno sich niemals komplett von Evangelion abkapseln können. Und das ist nicht unbedingt mal eine schlechte Nachricht.

Ich habe die Rebuild of Evangelion Reihe (die auch sehr oft ein Thema hier auf "Am Meer ist es wärmer" war) mit gemischten Gefühlen erlebt. Was 2007 für mich begann sollte gewiss keine Reise sein, die mich für die nächsten knapp 15 Jahre begleiten sollte. Die neue Spielfilmreihe war geplagt von massiven Produktionsproblemen (leider auch teilweise hervorgerufen durch die Naturkatastrophe im Jahr 2011, das sogenannte Tōhoku-Erdbeben und die damit verbundene Katastrophe in Fukushima) und nach dem zweiten Film ist kein einziger mehr planmäßig erschienen. Der letzte Film, der sich tatsächlich noch nach Evangelion anfühlte war Evangelion 2.0: You Can (Not) Advance. Danach wurde es kompliziert. Auch für mich war der finale Spielfilm jedoch eine Art versöhnlicher Abschluss. Es war ein Film, der half, loslassen zu können. Abschied von einer Reihe zu nehmen, die mich selbst seit fast 30 Jahren schon begleitet. Und genau so kam es auch. Die vergangenen rund 5 Jahre hatte ich nichts mit Evangelion zu tun. Ich habe die Perfect Edition des Manga komplettiert, diese aber bis heute nicht einmal angerührt. Neon Genesis Evangelion wird für mich immer präsent sein, einen sentimentalen Wert besitzen, aber ich hatte keinen Drang dazu, einen Re-Watch der Serie zu starten oder mir noch einmal die Filme anzusehen. Daran hatte auch die positive Berichterstattung über den neuen Kurzfilm nichts geändert.

Doch am Ende haben sie mich halt doch noch bekommen. Noch einmal mein Interesse geweckt. Als man eine neue Serie ankündigte, hat man sich für eine relativ trockene Pressemitteilung entschieden. Es waren aber eher die Namen, die an dieser Serie beteiligt sein werden und die für Aufsehen sorgten. Khara wird sich hier zusammen mit dem beliebten Animationsstudio CloverWorks zusammentun. Die Regie wird Gainax sowie Rebuild of Evangelion Veteran Kazuya Tsurumaki übernehmen. Dann hat man sich für einen ungewöhnlichen Schritt entschieden, nämlich ein Zweiergespann aus der beliebten Videospielreihe Nier mit in die Produktion einzubinden: Yoko Taro wird sich für die Story und das Drehbuch verantworten, Keiichi Okabe komponiert den Soundtrack. Aus heutiger Sicht fast schon unfassbar, dass man so etwas unter Verschluss halten konnte. Nur wenige Stunden später wurde ein Teaser-Trailer veröffentlicht, der musikalisch bereits für elektrisierte Körperbehaarung sorgen dürfte. Ein unverkennbarer Okabe-Klang führt fast schon melancholisch mit Cello- und Klavierklängen durch einen postapokalyptischen Konzertsaal. Der kurze Trailer endet mit einer bedrohlichen Nahaufnahme von Eva 01.

Was als erstes auffallen dürfte sind traditionelle Animationen, die sehr schön den Look der TV-Serie widerspiegeln. Waren die Rebuild-Filme mit satten Farben ausgestattet, entschied man sich zumindest für den Trailer für einen weniger farbenfrohen Look. Aktuell weiß noch niemand, ob es sich hier nicht sogar um ein Remake der alten TV-Serie handelt (dafür bräuchte man dann aber nicht Yoko Taro), eine Fortsetzung oder sogar ein Reboot handelt. Die kaputten Musikinstrumente und die verwahrloste Umgebung deuten eher darauf hin, dass wir es hier mit einer Geschichte zu tun bekommen werden, die lang nach den uns bekannten Ereignissen spielen werden. Da Neon Genesis Evangelion mehrere Enden besitzt die laut offiziellen Aussagen alle zum anerkannten Franchise-Canon gehören, sind die Möglichkeiten fast unerschöpflich, wo man bei einer neuen Serien ansetzen kann.

Ein Name, nämlich der von Hideaki Anno, tauchte hier nicht auf. Und das dürfte wenig überraschen. Zum einen war es immer wichtig für ihn, den Staffelstab mal weiterzureichen, zum anderen kann man sich aber ziemlich sicher sein, dass er als eine Art Supervisor weiter mit von der Partie sein wird.

Was ich persönlich nun von alldem halte? Meine Stimmung bleibt vorerst neutral, immerhin hat man noch nichts konkretes zur Serie gesehen. Die hochdekorierten Namen, die am Projekt beteiligt sind und sich allen voran für Yoko Taro als Lead-Writer zu entscheiden hat fast schon etwas positiv kitschiges an sich. Kaum ein Stil wie der seine passt wohl so sehr zu einem Multimedia-Franchise wie Neon Genesis Evangelion. Aber wie immer ist auch eine gewisse Vorsicht geboten. Zu viele Franchise-Revivals mussten zuletzt immer wieder mit Enttäuschungen kämpfen. Evangelion ist davon nicht ausgenommen. Doch es ist dieser kurze Trailer, der unglaublich neugierig auf das macht, was da auf uns zukommen wird. Die ganzen Feierlichkeiten der letzten Tage haben insbesondere eines mal wieder bewiesen: Wir haben wohl alle, genau wie Hideaki Anno, noch nicht mit Evangelion abgeschlossen und werden es wohl auch nie. In dem Boot sitzen wir nun alle zusammen. Man darf vorsichtig optimistisch sein.

Montag, 24. November 2025

Er hätte uns ruhig noch etwas länger Gesellschaft leisten dürfen: Udo Kier (1944-2025)

 


Es gibt Menschen, die uns als Filmfans schon so lange begleiten, man könnte meinen, sie leben schon ewig und würden uns nie verlassen. Umso heftiger musste ich mir heute Morgen die Augen reiben, als die unmögliche Nachricht in der Tageschhau auftauchte: Udo Kier ist im Alter von 81 Jahren in seiner Heimatstad Palm Springs verstorben. Die Anteilnahme ist groß, denn, präsent war der gebürtige Kölner doch irgendwie immer. In über 200 Filmen verteilt auf eine Karriere, die etliche Dekaden andauerte gab es kaum große Namen, die nicht mit Udo Kier bereits einmal zusammengearbeitet haben.

Bekannt wurde er durch seine exzentrischen, teils exotischen Charakterrollen. Man konnte Kier überall einsetzen. Ob als Hauptdarsteller oder in winzigen Nebenrollen. In ernsten Dramen oder kultigsten Trashfilmen. Ein Charakterdarsteller der alten Schule. Skandale, Fehlanzeige. Über seine Sexualität hat Kier nie einen großen Hehl gemacht. Erst kürzlich hat man zwei von seinen unbestritten legendärsten Filmen wiederentdeckt, zwei Andy Warhol Produktionen (bei denen bis heute glaube ich nie so ganz aufgeklärt wurde, was der Künstler hier genau mit diesen Filmen eigentlich zu tun hatte). In Deutschland lange aufgrund ihrer damals "skandalösen" Inhalte von der Bildfläche verschwunden, seit einiger Zeit wieder rehabilitiert - Frankenstein und Dracula, beide Filme in Szene gesetzt von Paul Morrissey, der fast zur gleichen Zeit vergangenes Jahr im Alter von 86 Jahren verstorben ist. Es mutet fast schon romantisch an, dass zu diesem Zeitpunkt sowohl Frankenstein als auch Dracula von Guillermo del Toro und Luc Besson neu verfilmt wurden.

Als vergleichsweise noch immer junger Filmfan entdeckte ich Udo Kier in den späten 90ern für mich in Filmen wie Blade und dem mittlerweile nahezu komplett vergessenen Schwarzenegger-Streifen End of Days. Der Mensch hinter den Rollen war weitaus weniger exzentrisch, besaß eine menge Sinn für Humor, ganz besonders rückblickend auf seine vielen verschiedenen Rollen. Es gibt einen Kurzfilm von John Carpenter aus der Masters of Horror Serie (für mich unbestritten eines von Carpenters besten Werken, welches viel zu wenig Beachtung erhalten hat), Cigarette Burns, wo Kier, neben Norman Reedus, die Hauptrolle spielte. Udo Kier spielte in fast schon hypnotischer, furchteinflößender Darstellung den todkranken, exzentrischen Millionär Bellinger, der vor seinem Tod noch einen letzten Film sehen möchte, der mehrere Menschen in den Wahnsinn getrieben haben soll. Es ist die Rolle, die mir von Udo Kier, obwohl das nun auch schon über 20 Jahre her ist, so stark in Erinnerung geblieben ist.

Und jetzt wird man ihn und seine fast schon unheimlich bedrohliche Präsenz auf der Leinwand nie wieder sehen. Und dennoch stimmt es versöhnlich, da wir ihn so lange um uns hatten. Es hätte noch etwas länger sein dürfen, vielleicht noch ein letzter großer Auftritt, der ihm leider verwehrt geblieben ist. Udo Kier sollte sich im kommenden Horrorspiel OD von Hideo Kojima und Jordan Peele verewigen. Aufgrund der Streiks kam die Produktion nicht mehr in die Gänge und mussten auf das kommende Jahr verschoben werden. Für Udo Kier kommt das nun leider zu spät, aber beweisen brauchte er sowieso niemandem mehr etwas. Ob Film oder Videospiel, für ihn hätte es sowieso keine Rolle gespielt. Und genau das schätzten wir all die Jahre so sehr an ihm.

Text: Aufziehvogel

Freitag, 14. November 2025

Kill Bill: Rache wird auch nach zwei Jahrzehnten immer noch am besten kalt serviert

 



„Look Quentin, here's the thing, man. My Uncle Artie would love this movie. I mean, he would love it. He wouldn't love it at 4 hours.“


Die Gerüchte oder viel mehr nie manifestierten Pläne zur "Whole Bloody Affair" von Kill Bill sind beinahe so alt wie die Filme selbst. Tarantino hat nie ein Geheimnis daraus gemacht, die Filme als einen Film geschrieben und an einem Stück gedreht zu haben und das Gesamtwerk gerne als einen einzigen Film veröffentlicht hätte. Dies war aber nie wirklich umsetzbar, teilweise war ein vierstündiger Film ja nicht einmal bei Peter Jacksons Herr der Ringe Spielfilmtrilogie im Kino möglich. Anders aber als bei der Ring-Trilogie, wo relativ zügig Langfassungen nachgereicht wurden, ist Tarantinos großer Wunsch, sein blutiges Magnum Opus als einen kompletten Film zu zeigen, nie in Erfüllung gegangen. Zum Unmut vieler Fans, denn im laufe der Jahre sprach Tarantino immer wieder von seinen Plänen, Kill Bill endlich so zu zeigen, wie er sich das immer gewünscht hatte. Und es wäre ja nicht nur dabei geblieben, die beiden Filme zusammenzuschneiden. Diverse Szenenabläufe wären anders gewesen (der Film würde zum Beispiel mit der Braut um Auto starten, die über ihre finsteren Rachepläne in einem Monolog philosophiert und dem Zuschauer haarklein erklärt, was sie vor hat), sämtliche Zensuren für das R-Rating, die in der japanischen Fassung für den japanischen Markt rückgängig gemacht wurden, hätten ebenfalls ihren Weg in den Film gefunden. Die komplette Anime-Szene, die von Production I.G. einige Zeit nach dem Film noch erweitert und fertiggestellt wurde, hätte ihren Weg in den Film gefunden und wer weiß, was Tarantino am Schneidetisch noch alles gefunden hätte.

Um es kurz zu machen: Über 20 Jahre später wird das nun zur Realität. Leider aktuell nur für Zuschauer aus den USA. Aus Liebe zum Kino wird mit einer Laufzeit von fast 5 Stunden diese exklusive und Unrated "Whole Bloody Affair" Fassung mit all den gerade genannten Extras in amerikanischen Kino auf 70mm Filmband laufen. Ein Grund zur Freude, ein Grund, enttäuscht zu sein. Jeder weiß, wie strikt Tarantino hier agieren kann. Die Japan-Fassung von Kill Bill Vol. 1 blieb exklusiv in Japan und die Asia-Fassung von Vol. 2 blieb exklusiv in Asien (Bootlegs und irgendwelche Fan-Edits mal ausgenommen). Die Roadshow-Fassung von The Hateful Eight wurde meines Wissens nie wieder irgendwo gezeigt und auch ein Extended Cut von Once Upon a Time in Hollywood geistert ja auch noch durch die Weltgeschichte. Bleibt sich Quentin Tarantino treu, wird die Wholy Bloody Affair zu Kill Bill eine einmalige Affäre bleiben. Am 05.12 wird die übrigens in amerikanischen Kinos bereits laufen. Stand jetzt ist zu einer Kino- oder Heimkino-Auswertung in Europa noch rein gar nichts bekannt. So nah und letztendlich doch so fern, wie es scheint. Den Film in dieser Fassung im Kino genießen zu dürfen wäre für meine von aktuellen Filmen geschundene Seele eine Art warme Umarmung, die dringend benötigt wird.

Und genau das bringt mich dazu, noch einmal auf 20 Jahre Kill Bill zurückzublicken. Vol. 1 kam 2003 in die Kinos, das 20 jährige Jubiläum ist, technisch gesehen, auf dem besten Weg zum 25. Jubiläum. Aber das hält mich dann doch nicht ab, diese kleine Retrospektive zu schreiben.

Der 4. Film von Quentin Tarantino, so wurde er beworben, war lange Zeit ein Mysterium an sich. Niemand wusste genau, was in diesem Film nun passieren würde, aber der Titel lies viel erahnen. Genau wie bei der Whole Bloody Affair aktuell war das Kino für mich eine unüberwindbare Hürde, da ich 2003 gerade einmal 16 Jahre alt war und sicherlich 2-3 Jahre jünger aussah. Mit seiner verdienten FSK 18 Freigabe für mich also keine Chance, den im Kino sehen zu können. Das sah bei Vol. 2 schon anders aus, da war ich zwar erst 17 und sah mindestens 2-3 Jahre jünger aus, der Film war aber bereits ab 16 Jahren freigegeben, was eine absolut korrekte Altersfreigabe für diesen Teil ist, da Tarantino sich mit blutigen Gewaltorgien hier nahezu komplett zurückgehalten hat. Kill Bill war damals ein Gesprächsthema auf dem Pausenhof und irgendwie hatten wir dann doch alle Teil 1 gesehen, obwohl die wenigstens von uns alt genug waren, ihn wirklich im Kino sehen zu können. 20 Jahre später stellt sich natürlich die Frage, wie gut beide Teile noch mithalten können. Besonders im direkten Vergleich zu Tarantinos Filmen, die danach folgten. Für mich ist es jedoch so, dass Tarantino hier mit diesem Zweiteiler, und das gilt nach wie vor, seinen Höhepunkt als Filmemacher erreicht hat. Theoretisch könnte ich schon sagen, dass er diesen mit seinem Regiedebüt Reservoir Dogs zuvor erreicht hatte und seinen Stil dann in Pulp Fiction ausgebaut hat, aber Kill Bill war dann doch nochmal etwas ganz besonderes. Wie so oft bei Tarantino glänzt Style over Substance - wirklich originell ist die Rachestory per se nicht. Auch darüber hatte Tarantino nie einen Hehl gemacht, dass die Geschichte seine eigene Interpretation von alten japanischen Klassikern mit Meiko Kaji ist. Lady Snowblood und Sasori zum Beispiel. Generell stand das japanische Kino für Vol. 1 Pate während für Vol. 2 der Eastern und der Italo Western hergehalten haben. Dass Vol. 2 der eigentlich deutlich komplexere, rundere Film ist, wird bis heute nicht so gewürdigt, wie es der Film verdient. Besonders dieser starke Kontrast nach dem Japan-Arc ist es, wieso Kill Bill als Filmprojekt so vielschichtig ist. Obwohl Vol. 2 weder ein reiner Eastern noch ein reiner Italo-Western ist, hat Tarantino hier gleich zwei vermeintlich tote Filmgenres in großem Glanz in einer modernen Interpretation zurück auf die große Leinwand gebracht. Tarantino hat es nicht nur geschafft, die Seele dieser Genres einzufangen, er hat es am Ende auch geschafft, seine eigene Geschichte zu einem runden Abschluss zu bringen. Gelungen ist ihm das natürlich mit der immer wieder viel zitierten Liebe zum Film - zum Beispiel Schauspieler aus dieser Ära zurückzubringen wie David Carradine, Sonny Chiba und Gordon Liu oder aber einzigartige Musikstücke von Ennio Morricone wie "L'arena" aus dem Spaghetti-Western "Il Mercenario" einzubauen. Doch in keinem anderen seiner Filme setzte Tarantino seine eigenen Ideen so konsequent um wie in Kill Bill. Insofern wird es spannend zu sehen sein, wie die Whole Bloody Affair als ein kompletter Film funktionieren wird, besonders, wenn man den dann doch schon relativ eigenbrötlerischen zweiten Teil des Gesamtwerks mit einbezieht.

Und so stelle man sich vor, Kill Bill wäre in der heutigen Zeit entstanden. Wir hätten es vermutlich unlängst mit einem Film-Franchise zu tun wie es aktuell bei John Wick und unzähligen anderen Filmen der Fall ist. Es ist Tarantino umso höher anzurechnen, dass er Kill Bill zur damaligen Zeit zu einem popkulturellen Hit gemacht hat, an den man sich heute noch gerne zurückerinnert. Vielleicht heutzutage noch mehr als jemals zuvor. Tarantino hatte in der Vergangenheit oft über die Lore von Kill Bill gesprochen und auch darüber, wie es durchaus hätte Prequels oder auch ein vermeintliches Sequel hätte geben können. Kill Bill Vol. 3 ist nicht weniger sagenumwoben wie die Whole Bloody Affair. Tarantino, der nach seinem nächsten Film ja gerne seine Karriere als Regisseur an den Nagel hängen möchte, wird auf Kill Bill vielleicht nochmal ganz speziell zurückblicken. Das Filmprojekt war die Kumulation von allem, was er bis zu diesem Punkt in seiner Karriere als Filmemacher erreicht hatte. Bereits mit Jackie Brown bewegte er sich aus seiner Komfortzone, doch mit Kill Bill kehrte er nach seiner bis dahin längsten Filmpause mit etwas zurück, was ihm so vermutlich keiner zugetraut hätte. Kill Bill war der beste Beweis dafür, wie Tarantino als Filmemacher gewachsen ist und nicht zu dem Typen wurde, der insbesondere mit Pulp Fiction für immer in den 90ern gefangen war. Vielleicht der wichtigste Film für ihn in seiner Laufbahn als Regisseur. Für uns Filmfans ein schönes Andenken an eine Zeit, in der das Kino noch einen ganz anderen Stellenwert hatte.


Text und Idee: Aufziehvogel 

Mittwoch, 12. November 2025

Eine Rezension durch die Bundesrepublik: Heimat Deutschland

 



Deutschland 2025

Heimat Deutschland - Ein Gefühl, das mehr ist als ein Ort
Bildband mit Texten
Hardcover
Erschienen beim Kunth Verlag


Das Thema "Heimat" ist nicht nur ein Thema, womit ich mich aktuell persönlich befasse. Das Thema Heimat beschäftigt viele Menschen in der ganzen Bundesrepublik. Wie viel Wert und Bedeutung hat dieses Wort für uns noch? In einer Gesellschaft, die sich stets mehr isoliert und abschottet (eine Menge davon sind noch immer Nachwirkungen der Pandemie), dürfte wohl die berechtigte Frage aufkommen, wie wir zu unserer Heimat stehen. Wie sehen wir Deutschland? Als Westfale aus dem Pott, der in den grauen Ballungsgebieten aufgewachsen ist und von viel Fernweh und Reiselust geplagt ist, möchte ich mehr über meine eigene Heimat erfahren. Mit Optionen wie dem Deutschlandticket und generell Online-Schnäppchen im Zugverkehr steht uns die Bundesrepublik offen, erkundet zu werden. Wir sind mobil, nutzen die Angebote, die uns gegeben sind, noch immer viel zu selten.

In dem Bildband "Heimat Deutschland" wollte ich nicht nur ein zeitgemäßes Thema für meinen Blog finden, sondern mir zeitgleich auch persönliche Inspiration suchen, wohin es mich in kommender Zeit vielleicht führen könnte. Und vielleicht ja auch noch eine Antwort auf die Frage zu finden, was Heimat eigentlich bedeutet.




Als ich den randvoll gefüllten Band vor mir hatte, wusste ich noch nicht exakt, was mich genau erwarten würde. Der Verlag selbst bewirbt das gebundene Buch im Großformat selbst als "Bildband". Doch das wäre nur die halbe Wahrheit. Natürlich ist der über 300 Seiten dicke Band ausgestattet mit unzähligen hochauflösenden Bildern. Mal einseitig, mal kleine Bildchen und mal wuchtige Doppelseiten mit Panoramaaufnahmen - die abgedruckten Bilder/Aufnahmen sind herausragend getroffen und man kann kleinste Details erkennen. Womit ich nicht gerechnet habe sind die ausgiebigen Textpassagen. Jeder Teil der Bundesrepublik, ob Norden, Süden, Westen oder Osten, findet in dem Buch seinen Platz. Berichtet wird in den Texten über Sehenswürdigkeiten hin zu interessanten Aufenthaltsorten und historischen Kulturgütern. Die Texte befassen sich mit Dialekten, kleinen Trivias und sogar Kochrezepten. Manchmal wird ein wenig über Gott und die Welt in diesen Textpassagen gesprochen. Jeder einzelne Text im Buch ist passend und liebevoll zu den Bildern und dem jeweiligem Landesteil gestaltet und mit einzigartigen Designs angepasst. In einem Register am Ende bekommt man noch einmal sämtliche Themen auf einem Blick zum nachschlagen serviert.

Ich habe hier anfangs mit einer langen Bilderstrecke gerechnet, nicht aber mit so ausführlichen, interessanten Texten, die teilweise ein richtiger Reiseführer nicht besser hinbekommt. Es ist die Liebe zum Detail, wie gut die einzelnen Textabschnitte recherchiert sind.




Obwohl ich in NRW schon so lange lebe, konnte ich es natürlich nicht lassen, mir den Abschnitt über das Ruhrgebiet als erstes zu Gemüte zu führen. Auch wenn der Bildband wie andere Vertreter seiner Art nun nicht über die Dortmunder Nordstadt oder das Frankfurter Bahnhofsviertel berichtet (und sicherlich auch nicht passend wäre, um es mal zärtlich auszudrücken), so wird überraschend wenig kitschig romantisiert und dick aufgetragen. Der Einstieg über das Ruhrgebiet war für den Band eine überraschend gute Zerreißprobe. In den einzelnen Abschnitten wird die jeweilige Seele eines Ortes sehr gut eingefangen. Dies geschieht auf eine sehr sympathische Art und Weise. Meine Tour durch das Buch war kein einfacher Foto-Tourismus, es war eine mehr als interessante Expedition durch unsere Heimat mit vielen Geheimtipps und sogar weniger bekannten Orten.



Abschließende Gedanken

"Heimat Deutschland" wird seinem Titel mehr als nur gerecht. Der üppige Bildband bringt uns dem ein Stück näher, was in Vergessenheit gerät - unsere Heimat, ganz ohne die unzählig durchgekauten Reise-Klischees. In Deutschland steckt noch immer viel Schönheit, die entdeckt werden möchte. Mit herausragend schönen Bildern und ausführlichen, interessanten Textpassagen nehmen wir Teil an einer kleinen Reise durch die gesamte Bundesrepublik. Der Bildband selbst ist robust und hochwertig gebunden und kann auch als Reisebegleiter mitgenommen werden, sofern im Gepäck noch etwas Platz für ein etwas größeres Buch ist. Und ja, ich bin tatsächlich fündig geworden, was mein nächstes Reiseziel angeht und es ist noch nicht einmal weit entfernt. Die Heimat ist dann häufig auch nicht weit von der eigenen Haustür entfernt, man muss nur etwas über den Tellerrand der eigenen Wohlfühloase schauen. Eine große Empfehlung von mir.


Rezension: Aufziehvogel




Bildrechte: Kunth Verlag, München und den jeweiligen Künstlern

Eine ausführliche Auflistung der Bildrechte findet sich im Buch auf Seite 360