Archiv: Rezensionen zu Literatur und Film

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Montag, 22. April 2024

Buchvorstellung: Die rätselhaften Honjin-Morde in der Ausgabe der Büchergilde Gutenberg

 





Japan 1946

Die rätselhaften Honjin-Morde
Autor: Seishi Yokomizo
Übersetzerin: Ursula Gräfe
Illustratorin: Ann-Kathrin Peuthen
Verlag: Aufbau Verlag
Sonderausgabe: Büchergilde Gutenberg
Format: Hardcover
Genre: Krimi, Mystery



Der Name Seishi Yokomizo ist unverkennbar mit der japanischen Nachkriegsliteratur verknüpft. Insofern ist es, auch wenn es stilistische Gemeinsamkeiten gibt, völlig falsch Yokomizo als japanische Antwort auf Agatha Christie zu nennen. Man tut es trotzdem, weil man natürlich somit einen für uns eher unbekannten Autor besser vermarkten kann. Die Werke von Yokomizo sind natürlich stark geprägt durch westliche Kriminalliteratur, doch auf der anderen Seite haftet ihnen auch der einprägsame Stil der japanischen Literatur an. Seishi Yokomizos Texte haben neben dem prominenten fiktiven Kriminalfall häufig auch sozialkritische Untertöne, wie man sie besonders von der frühen Nachkriegszeit her kennt.

Dass das umfangreiche Werk des Autors nun auch für westliche Leser zugänglich ist liegt an geschicktem Marketing und der allgemeinen Popularität von Kriminalromanen. In den USA veröffentlicht der Verlag Pushkin Press schon seit ein paar Jahren das Werk von Yokomizo, allen voran die bekannte Kosuke Kindaichi Reihe, jener Ermittler, der auch bei den rätselhaften Honjin-Morden im Fokus steht. Doch sind es auch die japanischen Rechteinhaber an Yokomizos Werk, die sich dem westlichen Markt geöffnet haben und die Romane von ausländischen Verlagen lizensieren lassen.

Ein Trend, den auch der Aufbau Verlag aus Deutschland erkannt hat. Da fernöstliche Literatur für den Verlag kein fremdes Territorium ist, hat man sich die Rechte für deutschsprachige Veröffentlichungen gesichert (die Hardcover-Ausgaben werden unter dem "Blumenbar" Label veröffentlicht). Übersetzt wird nicht aus der vorhandenen englischen Sprache sondern direkt aus dem Japanischen. Für die deutschsprachige Übersetzung hat man dafür ins Regal nach ganz oben gegriffen und mit dieser Aufgabe die Japanlogin Ursula Gräfe betraut, die hier keiner weiteren Erwähnung bedarf, da ich ihre Übersetzungen seit Anbeginn dieses Blogs in den höchsten Tönen lobe.

Zufällig bin ich kürzlich auf eine besondere Ausgabe der Honjin-Morde bei dem Bücherklub "Büchergilde Gutenberg" gestoßen und möchte diese Ausgabe, die rein textlich inhaltsgleich mit der Ausgabe vom Aufbau Verlag ist, gerne etwas hervorheben.

Einer der ältesten Bücherklubs in Deutschland veröffentlicht nationale und internationale Titel in kleinen Auflagen. Oftmals sind auch illustrierte Ausgaben dabei, wie bei den rätselhaften Honjin-Morden. Die Ausgabe kommt als robust gebundenes Hardcover daher und unterscheidet sich optisch vollständig von den erhältlichen deutschen und englischen Ausgaben (die beide das gleiche Cover-Artwork benutzen). Zusätzlich zum neuen Cover-Artwork und eigenständiger Bindung befinden sich im Buch noch aufwendige Illustrationen der Illustratorin Ann-Kathrin Peuthen mit einem Stil, der sich an alte japanische Holzschnitte orientiert und kunstvoll in Schwarzweiß präsentiert wird. Die teils abstrakten Illustrationen erinnern beinahe schon an Graphic Novels.

Es ist unklar, ob die Büchergilde auch noch die kommenden Romane des Autors in einer illustrierten Klubausgabe veröffentlichen wird, aber die hier erhältliche Klubausgabe ist für alle Fans der bibliophilen Kunst sicherlich einen Blick wert.









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*Hierbei handelt es sich nicht um eine gesponserte Empfehlung. "Am Meer ist es wärmer" hat keine Leseexemplare vom Aufbau Verlag oder der Büchergilde Gutenberg angefragt. Die hinterlegten Links sind keine Affiliate-Links. Mein Ziel mit solchen Beiträgen ist es, uneigennützig auf schöne Buchausgaben besonderer Titel aufmerksam zu machen : )

Mittwoch, 16. August 2023

Einwurf: Rehragout-Wahnsinn und das ewig leidige Thema rund um Buchadaptionen



Heile Welt und Sonnenschein in der gemütlichen fiktiven Provinzidylle Niederkaltenkirchen, Exakt 10 Jahre nun scheinen die Provinzkrimis von Rita Falk gemeinsam mit den Verfilmungen von Constantin Film in friedlicher Harmonie in einer Koexistenz zu leben. Selbst ich, der deutschen Krimis fremder nicht sein kann und bei den Rosenheim Cops sowie Hubert und/ohne Staller schnell das Weite sucht, ist bewusst, wie erfolgreich die Eberhofer-Krimis sowohl als Buch wie auch als Film sind. Für Leser und Filmfans ist jeder neue Fall eine Rückkehr in die zweite Heimat zu guten Freunden. Von den aktuell 11 erhältlichen Romanen wurden via Constantin Film 9 Bücher verfilmt. Die beiden aktuell nicht verfilmten Bücher "Zwetschgendatschikomplott" sowie "Weißwurstconnection" (Bücher 6 und 8) wurden, laut Info von Constantin Film, aktuell aufgrund des Umfangs des Buchstoffes bisher noch nicht realisiert. Die Rechte an diesen beiden Verfilmungen liegen noch immer bei Constantin Film und man hält sich die Möglichkeit offen, diese noch zu adaptieren.

Pünktlich zur Premiere der Adaption von Rehragout-Rendezvous ist im Spiegel ein Interview mit der Autorin Rita Falk erschienen, wo sie noch einmal erläuterte, wieso sie nicht zur Premiere des neusten Films erschienen ist. Da der Artikel von Spiegel hinter einer Paywall steht, werde ich nur die Worte der Autorin hier mal zusammenfassen. So bezeichnete sie den neuen Film als platt, trashig und gar ordinär. Wenn im Abspann "Nach einem Roman von Rita Falk" auf der Kinoleinwand zu sehen sei, sei diese Bezeichnung nicht ganz korrekt, da die Verfilmung mit ihrem Roman nicht mehr viel zu tun habe. Die Autorin habe darüber, laut ihren eigenen Aussagen, sogar Tränen vergossen. Sie bezweifle, dass es weitere Verfilmungen geben wird was vermutlich auch bedeuten mag, die Filmrechte für den nun kommenden 12. Band "Steckerlfischfiasko" im Oktober, scheinen noch nicht ausgehandelt zu sein.

Nun aber die Rolle rückwärts, sowohl von Constantin Film als auch Rita Falk. Man gibt sich versöhnlich. Constantin Film schätze seit Jahren die Zusammenarbeit mit der Autorin und gab sich bestürzt und betonte, wie viel Arbeit und Passion in diesen Filmen stecke, sowohl was die Darsteller als auch die Arbeit hinter der Kamera angeht. Wertschätzung für die Darsteller und die anderen Verfilmungen gab es nun auch von der Autorin, ihre Kritik gegenüber dem neuen Film bleibt jedoch bestehen. Dennoch war es ihr wichtig, dass man ihr nicht die Worte nun im Munde verbiegt. Dazu besteht auch kein Grund, da die Autorin im Originalzitat ausschließlich die neueste Verfilmung im Fokus der Kritik stand. Im Rahmen der Emotionen können dann auch solche Worte fallen wie das vermeintliche Ende weiterer Adaptionen. Natürlich wird hier von beiden Seiten auch Schadensbegrenzung betrieben. Denn bei solchen Geschichten geht es um viel Geld sowie gleich drei Parteien an Fans, die die Bücher schätzen, die die Filme schätzen, die beides schätzen. Eine Reihe, die generell für ihre urdeutsche Provinzidylle und Heimatfeeling geschätzt wird.

Und dennoch dürfte das letzte Wort hier bestimmt noch nicht gesprochen sein. Ob die Zusammenarbeit zwischen beiden Parteien weiterhin möglich sein wird, wird sich erst noch zeigen müssen. Und selbst wenn es nicht so kommt, die Rechte für die aktuell nicht verfilmten Bücher liegen weiterhin bei Constantin Film, die somit im Rahmen dieser Lizenzvergabe diese Bücher jederzeit umsetzen könnten.

Dieses hochaktuelle Thema bringt aber viel mehr ein deutlich älteres Thema zurück auf den Speiseplan. Die Problematik rund um Buchadaptionen. Wie weit darf sich ein Film vom adaptierten Buch unterscheiden? Blockbuster wie Peter Jacksons Herr der Ringe und Harry Potter geben genaue Auskunft darüber. Besonders bei Jacksons Trilogie-Auftakt "Die Gefährten" wurde die Story so dermaßen umgeschrieben, dass ein Kenner des Buchs hier kaum noch irgendwas wieder erkennen dürften. Völlig verschiedene chronologische Abläufe, fehlende Charaktere, fehlende Abschnitte ersetzt durch teilweise Original-Content, den es nur in den Filmen zu sehen gibt. Bei Harry Potter ist es da noch ein wenig anders, dort werden massive Teile der Bücher einfach in späteren Filmen nahezu ersatzlos gestrichen, was besonders in den letzten Filmen zu einer menge Anschlussfehlern führt.

Doch wie soll man ein 800-1000 seitiges Epos originalgetreu umsetzen, wenn bereits eine leichtere Lektüre wie die Provinzkrimis von Rita Falk für den filmischen Massenmarkt gestrafft und gekürzt werden müssen, und natürlich darf es auch nicht zu komplex sein. Während Peter Jackson mit seiner etwas eigenbrötlerischen Adaption dennoch den Nerv der Zeit getroffen hat, bewies etliche Jahre später die Hobbit-Trilogie ja das genaue Gegenteil. Die Adaption eines Kinderbuchs auf 3 epische Filme zu verteilen und dabei Dinge hinzudichten zu müssen, die gar nicht aus diesem Buch stammen war ein Balanceakt, der nie funktionierte.

Buchadaptionen sind auch nach wie vor beliebt wie nie zuvor. Ob The Witcher, Das Rad der Zeit oder House of the Dragon. Fantasy-Schwergewichte konsumentenfreundlich aufbereitet für Fans von TV-Serien. Bei The Witcher, wo nach viel Fanfare in beiden Staffeln zuvor die nun aktuelle dritte Staffel mit Henry Cavills Abschied als Geralt von Riva rekordweise Negativkritiken einfährt, bekommen Netflix und die Showrunner nun die Quittung dafür, wenn man sich zu weit von dem Quellmaterial entfernt.

Und genau hier liegt wohl auch die Crux. En Buch 1:1 als Film oder Serie umzusetzen ist ein hoffnungsloses Unterfangen. Viel wichtiger ist es jedoch, sich nicht vom Ton, der Vision des Autors oder der Autorin und zu weit vom Quellmaterial zu entfernen. Eine menge Adaptionen leiden exakt darunter, dass sie sich zu weit von dem Stil und der geschaffenen Welt des Schriftstellers entfernen. Game of Thrones ist hier weiterhin ein gutes Beispiel, Doch besonders in dem Fall, wenn ausreichend Quellmaterial existiert wie zum Beispiel bei The Witcher und den Eberhofer-Krimis, so sollte es die oberste Priorität sein, das zu adaptierende Buch zu respektieren. In den seltensten Fällen funktioniert die andere Alternative und wenn ich hier die Original Bond-Romane von Ian Fleming anführen würde, würde ich direkt einen weiteren Einwurf benötigen.

Eine Buchadaption ist ein Balanceakt. Fast schon zu vergleichen mit bergsteigen. Eine Debatte, die eigentlich schon zu oft durchgekaut wurde und trotzdem immer aktuell bleiben wird. Aber besonders die Eberhofer-Debatte dürfte allen voran mal wieder Werbung für eines der ältesten Medien dieser Welt sein, das Buch. Für mich eine gute Gelegenheit, mal in die Provinz zu reisen.



 

Quellen:


Samstag, 5. Juni 2021

Nach 14 Jahren: David Peace schließt seine Tokio-Trilogie ab

 

Foto: Aufziehvogel - Verlag: Liebeskind


Es gibt Dinge, die ich eigentlich gar nicht mehr für möglich gehalten habe. Fans des Videospiels Half-Life 2 warten seit nun 15 Jahren auf die Veröffentlichung der dritten Erweiterung. Noch viel länger warten Hip-Hop Fans auf das finale, dritte Studioalbum von Dr. Dre, welches unter dem Titel "Detox" erscheinen sollte. Schrauben wir das Spektrum des Bekanntheitsgrades mal ein kleines bisschen zurück, so warten Fans gepflegter Krimi/Mystery Literatur seit 14 Jahren auf den Abschluss der sogenannten Tokio-Trilogie des britischen Autors David Peace.


2007: Tokyo Year Zero (dt. 2009 als Tokio im Jahr Null)
2009: Occupied City (dt. 2010 als Tokio, besetzte Stadt)
2021: Tokyo Redux (dt. 2021 als Tokio, neue Stadt)


David Peace hielt sich über die Jahre etwas bedeckt was den Abschluss der Trilogie anging, aber saß er in seiner schriftstellerischen Tätigkeit nicht untätig rum. 2013 erschien mit "Red or Dead" ein Sachbuch über den schottischen Fußballer Bill Shankly in seiner Zeit als Trainer beim FC Liverpool. Deutlich interessanter für Fans der Tokio-Trilogie dürfte aber der 2018 veröffentlichte Roman "Patient X" sein, ein experimenteller Roman der sich mit dem ikonischen japanischen Autor Ryunosuke Akutagawa auseinandersetzt, allerdings nicht so trocken, wie man es bei einer üblichen Biografie vielleicht erwarten dürfte. Beide Werke sind nach meinen Informationen nicht in deutscher Übersetzung erschienen.

Im Jahr 2013 hatte ich eine Rezension zu Tokio im Jahr Null hier auf "Am Meer ist es wärmer" veröffentlicht. Damals sagte ich mir, ich werde den zweiten Band wohl nicht eher lesen, bis die Trilogie vollendet ist. Dass es nach der Rezension noch einmal rund 8 Jahre dauern würde, bis ich mein Exemplar des zweiten Teils endlich mal lesen würde, hätte ich auch nicht erwartet. Allerdings bin ich hier auch ehrlich, Band 2 (den ich seit 2011 besitze) zu lesen ist über die Jahre bei mir einfach in Vergessenheit geraten. Ich hätte nicht mehr mit einem Abschluss der Trilogie gerechnet, insofern hätte ich den Roman schon längst gelesen, hätte ich ihn mit der Zeit nicht vergessen. Die Geschichten sind übrigens alle nur lose miteinander verknüpft, teilen aber alle das gemeinsame Thema um ein Tokio in der frühen Nachkriegszeit während der Besatzung der Amerikaner im besiegten Japan.

"Tokio, neue Stadt" sollte nach meiner eigenen Recherche wohl schon 2020 erscheinen, der offizielle Startschuss der englischen Ausgabe war nun der 03.06.2021. Dies betone ich insofern, da die deutschsprachige Ausgabe vom Liebeskind Verlag zu meiner Verblüffung bereits still und heimlich am 26.04.2021 erschienen ist.

Im dritten und letzten Teil der Tokio-Trilogie geht es um den mysteriösen Mordfall des Präsidenten der japanischen Eisenbahngesellschaft. Dieser finale Akt spielt zeitlich somit rund 3 Jahre nach Teil 1 und rund 1 Jahr nach Teil 2.

Wer von dem Release ebenfalls nichts mitbekommen hat und schon lange wartet, hier ist er, der lang ersehnte Abschluss einer experimentellen Krimi-Trilogie. Für alle Neulinge die interessiert sind: Gebt diesem außergewöhnlichem Autor eine Chance! Die deutschsprachige Übersetzung ist ab sofort beim Liebeskind Verlag als Hardcover für 24 Euro erhältlich und glücklicherweise in Folie verschweißt, was in diesen Zeiten auch kein unwichtiger Faktor ist, besonders für den Einkauf in Buchhandlungen.

Dienstag, 29. Dezember 2020

Review: Pflicht und Schande (Giri/Haji)

 



Japan/Großbritannien 2019


Pflicht und Schande aka Giri/Haji
Idee und Drehbuch: Joe Barton
Regie: Julian Farino, Ben Cessell
Darsteller: Takehiro Hira, Kelly Macdonald, Yosuke Kubozuka, Justin Long, Aoi Okuyama
Episoden: 8
Distributor: BBC Two (Großbritannien), Netflix (International)
FSK: 16
Genre: Krimi, Unterwelt-Drama



Wenn man die babylonische Sprachverwirrung verfilmen würde, würde vermutlich die 8 teilige Crime-Series "Pflicht und Schande" dabei rauskommen. Denn dem berüchtigten Kulturschock scheinen in dieser kurzen Serie weder die japanischen, noch aber die britischen Schauspieler gewachsen zu sein.

Pflicht und Schande oder aber auch Duty and Shame, so wurde die Serie international getauft. Einfacher ist natürlich der japanische Titel der lediglich aus den Silben Giri (Pflicht) und Haji (Schande) besteht. Um mir etwas Zeit zu sparen werde ich diesen Titel für das Review benutzen.
Die Ambitionen für dieses Projekt waren durchaus groß. Ein Ensemble aus teilweise international bekannten Schauspielern und jungen Darstellern mit wenig Erfahrung, die man aus beiden Ländern hat engagiert. Das Budget ist für eine Krimiserie beachtlich und mit BBC Two und Netflix hat man nicht nur Budget im Rücken, sondern auch Aussicht auf eine Fortsetzung. Diese Hoffnungen müssen Fans aber nun begraben, im September gaben beiden Distributoren das Ende der Zusammenarbeit und somit auch von der Serie bekannt. Die Trauer wird sich vermutlich in Grenzen halten, so bleiben am Ende doch nur wenig Fragen offen und sollte man nicht auf eine komplett neue Story sowie Charaktere setzen, würde wohl die Luft aus Staffel 2 schnell raus sein.

Auf dem Papier klingt die Prämisse mal wieder besser als die Umsetzung. In den 8 Episoden von denen jede knapp eine Stunde Laufzeit vorzuweisen hat, erlebt der Zuschauer eine wilde Achterbahnfahrt an Emotionen. Positive sowie negative Erfahrungen habe ich gemacht, komme aber zum Schluss, dass das Positive sich hier am Ende noch durchsetzen konnte. Doch Giri/Haji hätte weitaus mehr sein können, hätte man die Ambitionen runtergeschraubt. Charaktere werden verheizt, Sprachbarrieren zwischen den Schauspielern scheinen die allgemeine Harmonie unter den Darstellern zu behindern und zu viele Style over Substance Elemente, die der Serie durchgehend im Weg stehen, sind ein stetiger Begleiter dieser Miniserie.

Die Story selbst ist schnell zusammengefasst. Giri/Haji möchte gerne Yakuza-Drama und Krimi in einem sein. Daher wird die Geschichte der beiden ungleichen Brüder Kenzo (ein Polizist) und Yuto (ein Taugenichts der zu einem Gangster wird) sowohl in Japan als auch in Großbritannien erzählt. Der Yakuza-Anteil spielt in den japanischen Segmenten der Serie, der vermeintliche Krimi-Anteil spielt in Großbritannien. Bei der Story selbst griff man relativ tief in die Klischeekiste, was aber gar nicht mal das Problem ist. Das Rad kann man bei solch einem Genre unmöglich neu erfinden. Es hapert eher an der Umsetzung dieser Thematik. Yuto baut Mist, flüchtet aus Japan und landet irgendwie in Großbritannien und sein großer Bruder erhält den Auftrag, Yuto wieder einzufangen. Schnell wird jedoch klar, auch Kenzo als Polizist ist kein Saubermann und schreckt nicht davor zurück, für den Schutz seines kriminellen Bruders, zu töten. Als Kenzo in Großbritannien ankommt erwartet ihn nicht nur eine düstere Such-Odyssee nach seinem Bruder, es herrscht auch ein lokaler Bandenkrieg und Kenzos familiäre Probleme werden deutlicher, als je zuvor als dann auch noch seine junge Tochter Taki sich nach Großbritannien aufgemacht hat.

Die erzählerischen Schwächen der Serie machen sich immer wieder bemerkbar. Sowohl in Großbritannien als auch in Japan herrschen erbitterte Bandenkriege. Auf die wird jedoch nur viel zu selten eingegangen. Besonders darunter leiden die verstrickten Angelegenheiten der japanischen Bandenkriege unter den verfeindeten Yakuza-Klans. Mir war es am Ende unmöglich, die Beziehungen unter den einzelnen Klans und deren Probleme nachvollziehen zu können. Doch auch die Beziehung unter den beiden Brüdern sowie Kenzos Probleme mit seinen alternden Eltern, seiner Frau und seiner rebellischen Tochter bringen strukturelle Schnitzer mit sich. Das größte Mysterium selbst war für mich jedoch Kenzo, der als sehr labiler, gleichzeitig aber gerissener und eiskalter Typ daherkommt. Mir scheint es, als konnte sich der Schreiber Joe Barton nie so richtig entscheiden, in welche Richtung es mit dieser Figur nun gehen wird. Unter der gleichen Krankheit leiden aber auch die Nebencharaktere wie die Polizistin Sarah (Kelly Macdonald), die hier als ein unsicherer, eifersüchtiger, scheinbar nymphomanischer Sukkubus dargestellt wird. Auch der quirlige, homosexuelle Toshio, der das seltsame Gespann den ganzen Weg lang begleitet, macht eine ähnliche Achterbahnfahrt mit. Ich konnte mich einfach nie entscheiden, ob die Charaktere einfach völlig unsympathisch sind und ich daher keinen Bezug zu ihnen finde, oder aber all das so gewollt ist und das ganze eine düstere Charakterstudie ist. Ich bin zum Schluss gekommen, es ist vermutlich beides. Zudem kommen die angesprochenen Probleme, wo die Schauspieler sich untereinander sprachlich nicht so ganz zu verstehen scheinen. Man versucht durchgehend zu kaschieren, dass Takis Schauspielerin Aoi Okuyama vermutlich kaum ein Wort Englisch beherrscht. So, wie die Charaktere untereinander agieren wirkt es hölzern, manchmal unfreiwillig komisch, als ob besonders die japanischen Darsteller die Regieanweisungen nicht komplett verstanden hätten. Sobald diese sich wieder in ihrer Muttersprache unterhalten, kommt die Souveränität zurück. Auch Kenzo Mori Darsteller Takehiro Hira macht bei den englischsprachigen Szenen nicht gerade das souveränste Bild.

Wesentlich interessanter hingegen waren dann die in Japan gedrehten Segmente für die Serie. Da schafft es Giri/Haji dann, wie ein traditionelles Yakuza-Drama zu wirken, oder, sagen wir, die Serie schafft es, typisch japanisch zu wirken. Die Yakuza selbst sind nur ein Element dieser Szenen. Im Fokus stehen die familiären Hintergründe der beiden Brüder, die beide unterschiedliche Wege eingeschlagen haben, sich aber doch mehr ähneln, als man zuerst denkt. Hier liegen die Stärken von Giri/Haji. Umso untröstlicher ist es, dass besonders die Bandenkriege in den Japan-Szenen so stark vernachlässigt werden. Diese Szenen gibt es übrigens ausschließlich nur in japanischer Sprache mit Untertiteln.

Sobald es zurück nach Großbritannien geht (die Serie wechselt munter hin und her, was aber bei mir nie für Verwirrung gesorgt hat), kommen auch die alten Probleme wieder. Und da ist dann Vickers (Justin Long) das nächste Problem. Das reiche amerikanische Vatersöhnchen, das auf eigenen Beinen stehen möchte. Ich würde nie auf den Gedanken kommen, Justin Long als großen Hollywooddarsteller zu bezeichnen, aber zusammen mit Kelly Macdonald dürfte er wohl der prominenteste Name unter den westlichen Darstellern sein. Wenn man sich also schon Justin Long ins Boot holt, sollte man ihn auch nutzen, denn Potential für seine Rolle war da. Sogar so viel, dass er, meiner Meinung nach, am Ende noch für viel Abwechslung und Entscheidungen hätte sorgen können. Stattdessen verfallen die Macher immer wieder in technische Spielereien die absolut nichts zur Story beitragen und vermutlich einfach cool und stylisch aussehen sollen. Doch so einfach funktioniert das halt nicht und diese Szenen tragen einen großen Anteil daran, dass es manchmal schwer ist, die Serie ernst zu nehmen, weil sie sehr gezwungen ernst und cool und stylisch wirken möchte, man damit aber eher das Gegenteil erreicht. Dies wird noch einmal deutlich, wenn man den Showdown auf dem Dach sieht und die Episode in einen Tanzspektakel ausartet.

Doch ausgerechnet die zuerst unscheinbare Geschichte mit den drei Frauen (Kenzos Frau, Mutter und die Tochter des Yakuza-Bosses, mit der Yuto ein Verhältnis hatte) und ihrem Road Trip war es, die mir persönlich mit am besten gefallen hat, da hier weitaus weniger wert auf irgendwelche hippen Fabrfilter, Kameraeinstellungen oder Gangster-Gelaber gelegt wurde.




Abschließende Gedanken

Giri/Haji kann durchaus mit vielen starken Momenten überraschen. Sein volles Potential schöpft die Serie jedoch nie aus. Das Ende finde ich jedoch überraschend zufriedenstellend und lässt eigentlich auch keinen großen Spielraum für eine Fortsetzung (zumindest nicht mit diesen Charakteren). Es ist eine ausgewogene Mischung aus beantworteten Fragen, abgeschlossenen Character-Arcs und einigen unbeantworteten Passagen, die aber wiederum eher dafür sorgen sollen, sich nachträglich noch über die Serie zu unterhalten und sich vielleicht ein Schlupfloch für eine Fortsetzung in Reserve zu halten. Wie wir nun wissen, wurde daraus nichts und BBC Two und Netflix haben die Lichter ausgeschaltet und den Rausschmeißer bereits verständigt. Wenn man vielleicht weniger mit der japanischen Filmlandschaft vertraut ist, könnte Giri/Haji durchaus besser funktionieren. Leider wollen die Macher aber zu oft die großen Vorbilder kopieren und wissen selbst nicht, was genau den Charme dieser Filme ausmacht. Da, wo Giri/Haji zu verspielt ist, hätte die Serie wesentlich bodenständiger sein müssen. Besonders die ersten fünf Folgen leiden unter dem Style over Substance Konzept. Danach fängt sich die Serie und bietet einen exotischen Ausflug in eine düstere Geschichte. Muss man mögen, könnte man eine Chance geben, aber eine klare Empfehlung kann ich hier halt auch nicht aussprechen.

Freitag, 29. Juli 2016

Rezension: Heilige Mörderin (Keigo Higashino)






Japan 2008

Heilige Mörderin
Originaltitel: Seijo no Kyūsai
Reihe: Physikprofessor-Yukawa Band 2 (Detective Galileo Series)
Autor: Keigo Higashino
Taschenbuchausgabe: Erschienen beim Piper Verlag (Deutsche Erstveröffentlichung bei Klett-Cotta)
Übersetzung: Ursula Gräfe
Genre: Krimi


">>Als die Kollegen den Tatort untersuchten, klingelte das Handy des Toten. Der Anruf kam von einem Restaurant in Ebisu. Mashiba hatte dort für acht Uhr einen Tisch bestellt. Für zwei Personen. Da er nicht aufgetaucht ist, wollten sie nachfragen. Die Reservierung hatte er gegen halb sieben vorgenommen. Wie gesagt, hat Frau Wakayama Herrn Mashiba gegen sieben angerufen und nicht erreicht. Schon ein bisschen ungewöhnlich, oder? Ein Mensch, der um halb sieben einen Tisch in einem Restaurant reserviert und dann um sieben Selbstmord begeht.<<
Kusanagi runzelte die Stirn und kratzte sich mit einem Finger die Augenbraue. >>Das hättest du mir auch gleich sagen können.<<
>>Wegen Ihrer Fragen bin ich noch nicht dazu gekommen.<<
>>Ist ja gut.<< Kusanagi schlug sich auf die Knie und stand auf.
Utsumi kam aus der Küche und stellte sich erneut vor den Wandschrank."



Yoshitaka Mashiba, erfolgreicher Unternehmer, wurde ermordet! Vergiftet von dem Kaffee, den er so gerne trank. Seiner nicht minder erfolgreichen Frau Ayane, eine bekannte Patchwork-Designerin, gab er einige Tage zuvor bereits zu verstehen, dass er die Ehe bald auflösen wird, da sie ihm keine Kinder gebären kann. Ersatz steht aber schon bereit mit Ayanes Musterschülerin (und enge vertraute) Hiromi, die nicht nur jünger als Ayane ist, sondern anscheinend auch bereit dazu ist, Yoshitakas Kinder zu bekommen. Kurz vor der offiziellen Bekanntgabe bei der "noch" Ehefrau verstirbt Yoshitaka jedoch, gefunden wird seine Leiche von Hiromi, mit der er an diesem Abend verabredet war. Seine Frau Ayane war zum Zeitpunkt des Mordes jedoch zu Besuch bei ihren Eltern, weit außerhalb des Geschehens also. Einen Selbstmord schließt die Polizei schnell aus und bekommt dies auch schnell auf dem Papier bestätigt. Inspektor Kusanagi und seine Partnerin Utsumi stehen vor einem Rätsel, da es bisher nicht einmal verdächtige Personen im Umfeld des Opfers gab. Die scharfsinnige Utsumi ist sich aber relativ sicher, auch wenn Ayane, die Frau des ermordeten Ehemannes, ein perfektes Alibi hat, so kann nur sie für den Mord in Frage kommen. Zumindest sagt ihr das ihr Gespür. Um Hilfe bittet sie jedoch einen alten Bekannten, der bereits ihrem Chef Kusanagi schon oft zur Seite stand: Physikprofessor Kusanagi, der hier vor seinem bislang schwierigstem Rätsel steht.


Ich fange nur selten mit dem Inhalt eines Buches eine Besprechung an. Das faszinierende an den Kriminalromanen von Keigo Higashino ist jedoch, relativ früh steht fest, wer es war, aber nicht, wie es geschehen ist. Und doch wiederum ist durch ein perfektes Verwirrspiel dafür gesorgt, dass der Leser bis auf der Zielgeraden absolut im Unklaren über die gesamten Geschehnisse ist. Bereits im Vorgänger "Verdächtige Geliebte" hat der Japaner dies eindrucksvoll bewiesen.

Higashinos Werke sind in Japan Bestseller in Millionenhöhe an verkauften Exemplaren. Sowohl die Physikprofessor-Yukawa Reihe als aber auch die Kommissar Kaga Reihe feierten gleichermaßen Erfolge, und das nicht nur in Japan. Auch in Deutschland (ein Land, wo Kriminalromane sich allgemein extremer Beliebtheit erfreuen) wurden die Leser auf Keigo Higashino aufmerksam und machten ihn vermutlich neben Haruki Murakami zum erfolgreichsten japanischen Schriftsteller in Deutschland.  Hierzulande ist bisher jedoch nur ein Bruchteil von dem erschienen, was Higashino in Japan publiziert hat. Besonders seine viel gelobten Frühwerke haben es bisher noch nicht in die deutschen Bücherregale geschafft.

Doch was macht Higashinos Schreibkunst so erfolgreich? "Heilige Mörderin" glänzt nicht unbedingt durch anspruchsvolle (wenn auch wesentlich anspruchsvoller als die Mehrheit der meisten Krimis) oder tiefgründige Prosa. Dafür gibt es von Seite 1 an ein Konzept. Ein Konzept, welches einem erst schlüssig wird, wenn man die letzten Seiten gelesen hat. Der Autor trägt uns durch die Geschichte, ohne dass wir dies jedoch bemerken. Für die Leser bleibt eine menge Spielraum, selbst zu knobeln, sich Gedanken zu machen und sich in die Charaktere hineinzuversetzen. Und genau hier punktet Heilige Mörderin. Die 3 Ermittler besitzen alle eine eigene Persönlichkeit, wirken nicht austauschbar (auch wenn der exzentrische Professor Yukawa sicherlich seine Kontroversen mit sich bringt und polarisieren dürfte, vielleicht sogar als unsympathisch angesehen wird) und wirken längst nicht so überzeichnet wie die Ermittler in so manchen skandinavischen Krimis. Womit ich nicht sagen will, "Heilige Mörderin" oder Higashinos Werke kämen ohne Klischees aus. Klischees gehören zu einem Krimi wie Finger an Hände. Es kommt jedoch drauf an, wie geschickt man diese Klischees einsetzt.

Für mich war es eine große Freude, an den Gedankenspielen der Protagonisten teilnehmen zu dürfen. Bei etwas über 300 Seiten (Taschenbuchausgabe) wirkt "Heilige Mörderin" absolut rund und sehr kurzweilig.
Für die flüssige Übersetzung ist einmal mehr Ursula Gräfe verantwortlich, die einen weiteren japanischen Autor uneigennützig in die deutsche Sprache übersetzt hat.


Resümee

"Heilige Mörderin" ist japanische Handarbeit. Wer denkt, Japaner können keinen Whiskey brennen oder Bier brauen, der sollte mal kosten. Das gleiche gilt für Krimis, wieder etwas, wo man nicht automatisch an Japan denkt. Doch was die Japaner anfassen, da fließt Hingabe. Keigo Higashino weiß, wie man einen Krimi schreibt und wie er seine Leser ein komplettes Buch lang unterhält. Und dabei verzichtet der Autor auf unnötig brutale Beschreibungen der Morde oder widmet 20 Seiten der Obduktion des Opfers. Dass es sich hier um japanische Literatur handelt, wird man wohl nur an den Namen der Charaktere und Ortsnamen sofort erkennen. Was aber nicht bedeutet, dass die Essenz der japanischen Literatur in "Heilige Mörderin" nicht vorhanden ist. Fans japanischer Literatur wie auch Krimis werden hier gleichermaßen exzellent unterhalten. Und vielleicht ja sogar auch Krimi-Muffel.

Hoffen wir, dass uns Keigo Higashino noch mit vielen weiteren deutschsprachigen Veröffentlichungen spannende Abende bereiten wird.

Donnerstag, 2. Juni 2016

Review: The Perfect Insider




PV (Japanisch)




Japan 2015

The Perfect Insider
Originaltitel: Subete ga F ni Naru
Vorlage (Roman): Hiroshi Mori
Regie: Mamoru Kanbe
Designs: Inio Asano
Studio: A1-Pictures
Sprecher: Yasuyuki Kase, Atsumi Tanezaki, Ibuki Kido usw.
Episoden: 11
Verleih: Kostenlos, legal und mit deutschen Untertitel im Stream bei Crunchyroll* und ab 05. August im Heimkino bei Universum Anime
Genre: Mystery, Krimi
FSK: Ab 12


Für viele dürfte "The Perfect Insider" ein vollständig neues Werk sein. In Japan ist die leicht futuristisch angehauchte Agatha Christie trifft Edgar Wallace und Arthur Conan Doyle Geschichte aber schon seit Mitte der Neunziger bekannt. Die gesamte Geschichte basiert auf einen Roman, den (das etwas von sich eingenommene) Multitalent Hiroshi Mori 1996 veröffentlicht hat, bereits 2001 als Manga, 2002 als Videospiel (Visual Novel) für die PlayStation und Ende 2014 als Live-Action TV-Drama umgesetzt wurde. Nun haben die kreativen Köpfe von A-1 Pictures "Subete ga F ni Naru", so der japanische Originaltitel der sich ungefähr in "Alles wird F" übersetzen lässt, eine Anime-Adaption spendiert. Die 11 teilige Serie lief in Japan zwischen Oktober und Dezember 2015. Aktuell kann man die Serie auch mit deutschen Untertitel via Stream auf Crunchyroll schauen oder man wartet auf eine deutsch synchronisierte Fassung fürs Heimkino, die Universum kurz nach der AnimagiC im August veröffentlichen wird.

Hinterlassen hat die Serie eine sehr geteilte Zuschauerschaft. Einige finden "The Perfect Insider" zu ambitioniert, einigen anderen waren zu viele Fragen nach dem Finale offen geblieben, wiederum andere, und dazu zähle ich mich, konnten "The Perfect Insider" einiges abgewinnen. In 11 Episoden wird eine klassische "Murder Mystery in a locked room on a remote island" Geschichte erzählt. In einer relativ unspektakulären, teils konfusen ersten Episode nimmt der erste Fall der beiden Hauptakteure, dem Professor für Architektur Sohei Saikawa und der Studentin Moe Nishinosono seinen Lauf. Nishinosono ist die Tochter von Saikawas ehemaligem Mentor, der gemeinsam mit seiner Frau bei einem Flugzeugunglück ums Leben kam. Als mittlerweile 19 jährige junge Frau gelingt Nishinosono etwas, was in den letzten 15 Jahren keiner anderen Person gelungen ist; ein Interview (wenn auch nur per Videoschaltung) mit Shiki Magata, einem Wunderkind unter den Programmierern. Als Teenager ermoderte sie kaltblütig ihre Eltern, wurde von der Regierung aufgrund Unzurechnungsfähigkeit freigesprochen und verbarrikadierte sich anschließend ungezwungen in einer unterirdischen Behausung im Forschungslabor ihrer Eltern, wo sie eine künstliche Intelligenz entwickelte. Shiki Magata findet gefallen an der Genialität von Nishinosono. Nach dem Interview mit Magata schlägt Nishinosono ihrem Professor vor, den Campingausflug auf die Insel zu verlegen, auf der sich die Forschungseinrichtung von Magata befindet. Saikawa gibt nach einiger Bedenkzeit sein Ok und die Gruppe reist gemeinsam zur Insel. Auf der isolierten Insel angekommen, nimmt in der ersten Nacht das Unglück bereits seinen Lauf.




Nach der ersten Episode, die nicht unbedingt sehr dau einlädt, die Serie weiterzuverfolgen, nimmt bereits ab Episode 2 "The Perfect Insider" erheblich an Fahrt auf. Viel Zeit kann man sich bei nur 11 Episoden auch nicht lassen. Man sollte sich daher von der Langatmigkeit der ersten Episode ganz sicher nicht abschrecken lassen. Was folgt ist nicht nur ein kurzweiliger Anime, was ich bereits erwähnt habe, sondern auch eine spannende und visuell ansprechende Serie. Besonders aus der Sicht der Inszenierung ist "The Perfect Insider" ein echter Hingucker. Verdanken hat man dies unter anderem den Designs von Mangaka Inio Asano, desssen Zeichnungen erstmals in einem Anime zum Leben erweckt wurden. Wie üblich bei Asanos Werken legt er bei seinen Character-Designs den Fokus auf realistische Gesichter/Gesichtszüge und Proportionen. A1- Pictures hat gute Arbeit darin geleistet, den speziellen Stil umzusetzen, wenn auch die Zeichnungen aus Asanos Portfolio einzigartig bleiben und nicht kopiert werden können.

Für die Inszenierung der mysteriösen Ereignisse war Mamoru Kanbe zuständig. Den dürften die meisten noch für die mehr oder wenige gelungene Adaption von Elfen Lied in Erinnerung haben. Bei "The Perfect Insider" hingegen hat Kanbe von der ersten bis zur letzten Episode alles richtig gemacht. Bei einer kurz gehaltenen Serie bleibt die Entwicklung vieler Charaktere etwas auf der Strecke. Einen großen Fokus legte man ganz besonders auf die wichtige wie tragische Geschichte von Shiki Magata. Etwas konfus wird es, sobald ab der zweiten Episode Flashbacks aus dem leben der jungen Magata gezeigt werden. Diese kommen so unerwartet, dass man meinen könnte, all die gezeigten Ereignisse spielen in der gleichen Zeitlinie. Nach kurzer Eingewöhnung kommt man mit dem Erzählstil jedoch relativ schnell zurecht. Einen nicht ganz so bedeutenden, aber immer noch relevanten Part nimmt auch immer noch das Verhältnis zwischen Saikawa und seiner Studentin Nishinosono und derer nicht minder tragischer Vergangenheit ein. Besonders auf die komplizierte Beziehung zwischen den beiden wird eingegangen, denn bereits in Episode 1 wird schnell klar, dass Nishinosono mehr für den jungen Professor empfindet. Der größte Teil von "The Perfect Insider" fokussiert sich allerdings auf das, was wirklich wichtig ist: Zwei äußerst bizarre wie mysteriöse Mordfälle, die gelöst werden müssen. Ich kann schon einmal so viel verraten, dass man sich für die endgültige Auflösung tatsächlich bis zur letzten Episode Zeit genommen hat. Zum miträtseln um die Aufdeckung der Tat ist man natürlich gerne eingeladen.

Dennoch hat "The Perfect Insider" aber auch noch einige Mängel im Gepäck. Im Gegensatz zu vielen anderen stört mich hier aber weniger die komplexe Handlung, die etwas kompliziert an einigen Ecken der Serie erzählt wird. Größtenteils sind es kleinere Patzer im Writing oder aber auch zu gut platzierte Zufälle für das Ensemble. Eine große Sünde hat man jedoch mal wieder in Sachen Fremdsprache begangen. Auf das große Problem japanischer Sprecher mit der englischen Sprache bin ich schon häufig eingegangen. In Episode 7, in einer Unterhaltung mit Seikawa und Shiki Magatas Schwester Miki, die aus den USA angereist ist, treibt man das sogenannte "Engrish" auf die Spitze. Die großartigen Sprecher Yasuyuki Kase und Yuuko Kaida verwandeln sich in Fünftklässler, die zum ersten mal längere englische Dialoge sprechen. Nicht nur klingt das Script in dieser rund fünf minütigen Szene improvisiert und schlecht verfasst, die ganze Szene nimmt eine unfreiwillige Komik an (welche ganz besonders durch die fehlende Musik- und Effektuntermalung noch intensiver wird), welche der angespannten Atmosphäre der Serie keinen Gefallen tut. Immer wieder packen die Japaner gerne solche Szenen in ihre Werke, die durch mangelnde Sprachkenntnisse der Autoren und der Synchronsprecher nicht richtig umgesetzt werden kann. Hier wird denke ich die kommende deutsche Synchronisation einen großen Vorteil haben, ob die deutschen Sprecher nun deutsch oder englisch in der besagten Szene sprechen werden, es wird eine große Verbesserung zu dem sein, was die japanische Originalfassung hier anbietet.






Abschließende Gedanken

"The Perfect Insider" macht nicht nur einen soliden Job, sondern sogar einen richtig guten. So gut, dass man sich wünscht, weitere Abenteuer der beiden Protagonisten zu sehen. In Japan hat es die Reihe von Saikawa und Nishinosono auf 9 Romane gebracht. Das gleichnamige Live-Action TV-Drama aus Japan bringt übrigens weitaus mehr aus den Romanen bekannte Fälle mit sich, als der hier besprochene Anime, der sich lediglich mit einem Fall (dafür jedoch ausführlich) beschäftigt.

Optisch ansprechend und spannend inszeniert weiß "The Perfect Insider" bis auf einige kleine Schönheitsfehler zu überzeugen. Eine weitere Staffel ist vermutlich nicht unrealistisch und sogar willkommen. Inhaltlich setzt die Serie auf Anspruch und verlangt eine menge Aufmerksamkeit ab und sollte besonders ältere Zuschauer ansprechen, die vielleicht von den aktuellen Entwicklungen im Bereich Manga und Anime weniger begeistert sind. Meinen Segen hat "The Perfect Insider" und ich kann die kurzweilige Serie allen Fans von Mystery und klassischen Krimis im Stile Edgar Wallace nur wärmstens empfehlen. Aber bitte, ihr großen Visionäre aus Japan, verzichtet auf die englische Sprache in euren Werken, ihr würdet besonders dem internationalem Publikum einen Gefallen tun.



*Crunchyroll: Zuschauer ohne Premiummitgliedschaft müssen Werbeunterbrechungen in den jeweiligen Serien hinnehmen.

Mittwoch, 2. September 2015

Einwurf: "Das Mädchen, welches gegen die Vergessenheit kämpft": Über Verschwörung




In Skandinavien brodelt es. Stieg Larssons elfter Todestag nähert sich, ein neuer "Millennium-Roman" ist erschienen und Jussi-Adler Olsen, der Paulo Coelho des Kriminalromans, ruft zum Boykott des Buches auf. Puh! Da ist ja einiges im Gange. Ich konnte mir ein Schmunzeln nicht verkneifen, als ich las, ausgerechnet der Meister der Fließband-Literatur, Adler Olsen, boykottiert die erste legitime Fortsetzung einer Reihe, die vor rund 8 Jahren endete.

Vor einigen Wochen erfuhr ich ausgerechnet über eine Mail, die mir Amazon sendete, von der bevorstehenden Veröffentlichung von "Verschwörung", dem vierten, offiziellen Roman der "Millennium-Reihe". Da alle 3 Romane, die Stieg Larsson schrieb, posthum veröffentlicht wurden, lag es nahe, dass der im Jahr 2004 verstorbene schwedische Journalist und Autor mit großer Wahrscheinlichkeit nicht an der Fortsetzung beteiligt sein wird. Und dies ist kein Galgenhumor meinerseits, denn die Chance bestand durchaus, dass ein neuer Millennium-Roman von Larsson erscheinen könnte. Laut Larssons Lebensgefährtin, Eva Gabrielsson, existiert ein zu rund 30% fertiggestelltes Manuskript zu einem vierten Roman der Reihe ("Guds hämd", übersetzt: "Die Rache Gottes"), welches Larsson aber zu Lebzeiten nicht mehr beenden konnte. Es ranken sich um dieses mysteriöse Manuskript seit Jahren Gerüchte und es gab bislang keinen beweis dafür, das dieses überhaupt und tatsächlich existiert (auch wenn es keinen Grund gibt, Eva Gabrielsson nicht zu glauben). Rund 200 Seiten soll dieses Manuskript füllen. Der Ausgang dieser teils schon kuriosen Rechtslage ist jedoch bekannt. Da Larsson durch seinen links ausgerichteten Journalismus häufig ein Ziel von Rechtsextremen war, kam für ihn eine Heirat zum Schutze seiner Lebensgefährtin, die nicht ins Fadenkreuz geraten sollte, nie in Frage. Durch Stieg Larssons überraschenden Tod jedoch gab es keine Dokumente, in denen vermerkt war, das die Rechte für Larssons posthum veröffentlichte Millennium-Romane an seine Lebensgefährtin gehen sollten. Somit wanderten die Rechte automatisch an Stieg Larssons Familie, und fortan sollten sein Vater und sein Bruder nicht nur die Millionen erben, sondern auch sämtliche Rechte. Eva Gabrielsson ging, zumindest war dies die Version für die Öffentlichkeit, leer aus. Laut eigenen Aussagen hätte sie das unfertige Manuskript beenden können. Laut Kurdo Baksi, einem Freund von Larsson und Gabrielsson, existiere wohl sogar noch Material für gar einen fünften oder sechsten Roman, also eine zweite Trilogie. Somit sei nicht geklärt, dass das zu 30% fertiggestellte Material des vierten Bandes auch wirklich dem vierten Band zugeordnet werden kann, da Larsson anscheinend gerne in nicht chronologischer Reihenfolge arbeitete. Wie begeistert Eva Gabrielsson über den neuen Roman ist, der nun weltweit Ende August erschienen ist, kann man sich vermutlich denken (sie hat ihrem Unmut auch schon öffentlich Luft gemacht).




Auch ich staunte nicht schlecht, dass sich Larssons Familie gegen das vorhandene Material entschieden hat. Damit ist ein versöhnliches Ende dieses Rechtsstreites auch weiterhin nicht in Sicht. Einen Ghostwriter zu engagieren war für beide Parteien jedoch nie eine Option. Also musste ein Autor her, der ähnlich veranlagt ist wie Larsson, sich aber doch erheblich von ihm unterscheidet. Die Wahl fiel auf einen Routinier, nämlich auf den schwedischen Journalist und Autor David Lagercrantz. Hier enden die Parallelen aber auch schon. Lagercrantz stammt aus einer bekannten, schwedischen Familie von Intellektuellen (Lagercrantz selbst sieht seine gehobene Herkunft als großen Malus an). Als Redakteur für die bekannte schwedische Tageszeitung Expressen machte sich Lagercrantz in den 80er und 90er Jahren jedoch einen Namen als Journalist für Kriminalfälle. Als Autor ist Lagercrantz sowohl für Sachbücher (Biografien) als auch Belletristik in seinem Heimatland bekannt. Außerhalb von Schweden dürfte er Bekanntheit gewonnen haben, weil er es war, der die Interviews, die er mit dem schwedischen Fußballprofi und Enfant Terrible Zlatan Ibrahimovic führte, zu einem Bestseller machte (deutscher Titel: "Ich bin Zlatan Ibrahimovic").

Larsson und Lagercrantz bewegten sich auf ähnlichen Territorien, doch bereits von ihrer journalistischen Karriere her könnten sie sich nicht weiter voneinander unterscheiden. Und vielleicht ist genau dieser Punkt ausschlaggebend. In einem Statement sprach Lagercrantz großes Lob für Larssons Werk aus. Er hätte es schade gefunden, wenn Lisbeth Salander und Mikael Blomkvist, zwei so wunderbare Charaktere, irgendwann in Vergessenheit geraten könnten. Man muss kein Geheimnis drum machen, Stieg Larsson revolutionierte nicht mit seinen komplexen Plots das Genre des Kriminalromans. Seine Plots waren dank unerwarteter Wendungen solide und unterhaltsam, mehr aber auch nicht (teilweise aber auch zu politisch und enorm linkslastig ausgelegt). Das Prunkstück waren stets seine stark ausgearbeiteten Charaktere die dem eigentlichem Plot häufig die Show stahlen (auch wenn in den letzten beiden Millennium-Romanen Lisbeth Salander eng mit dem Plot verknüpft war). In diesem Punkte hat Larssons Trilogie einiges mit der US-Amerikanischen TV-Serie True Detective gemein, wo die beiden Protagonisten dem eigentlichem Plot die Aufmerksamkeit gestohlen haben.

Durch ein striktes Embargo konnte größtenteils verhindert werden, dass zu Millennium 4: "Det some inte dödar oss" (dt. "Das, was uns nicht tötet", deutscher Titel des Verlages: "Verschwörung") keine Vorab-Rezensionen veröffentlicht wurden. Eine interessante Methode, um die Leser nicht bereits im Voraus zu beeinflussen.

Und ich gehe nun einmal mal so weit zu sagen, die Leser haben auf einen neuen Millennium Roman so sehr gewartet, wie die Fans von Harry Potter auf einen achten Band warten.
Und auch ich habe gewartet. Natürlich wird es schwer sein, unvoreingenommen an "Verschwörung" heranzugehen. Besonders mit dem Wissen, es existieren anscheinend noch unvollendete Manuskripte von Stieg Larsson selbst.
Da mein Exemplar heute eingetroffen ist, werde ich schon bald schlauer sein was die Qualität des Romans angeht. Liest man sich Online mal durch, scheint trotz erheblicher Skepsis im Vorfeld Autor David Lagercrantz eine gute Fortsetzung gelungen zu sein (er bestätigte, von einigen nicht vollendeten Plot-Ideen Larssons Gebrauch gemacht zu haben). Ein Autor, der, wie er sagte, unbedingt mit seiner Interpretation vermeiden wollte, eine Kopie von Stieg Larsson zu werden. Hoffen wir, der Autor hat seine Freiheiten intelligent genutzt, denn auf ähnliche weise sind einige extrem gute 007-Romane entstanden, die nach Ian Flemings Ableben entstanden sind.

"Verschwörung" ist am 27. August bei Heyne erschienen.