Archiv: Rezensionen zu Literatur und Film

Donnerstag, 28. Dezember 2023

Rezension: A Breath of Winter - Rabenwinter Saga 1 (Carina Schnell)

A Breath of Winter Cover



Deutschland 2023

A Breath of Winter - Rabenwinter Saga 1
Autorin: Carina Schnell
Verlag: Knaur
Genre: Fantasy
Format: Softcover, eBook


"Wie konnte man bei einem solchen Anblick nicht an die Existenz der Götter glauben? Es war, als würde die Große Mutter höchstpersönlich zu ihr sprechen. [...] Noch war sie jedoch nicht bereit, ihren Platz am Tor zum Himmel aufzugeben. Mit feuchten Augen ließ sie sich vom Ruf des Meeres locken und flog im Geist zu den Sternen hinauf." (S. 352)


Auf der Suche nach neuem Lesestoff bin ich bereits länger um "A Breath of Winter", den ersten Teil einer Fantasy-Dilogie, von Carina Schnell herumgeschlichen - wobei "länger" nicht mehr als zwei, drei Wochen waren, denn tatsächlich ist das Buch von Anfang November diesen Jahres und damit sehr frisch. Zwar prangt auf dem Cover sehr prominent der "Spiegel Bestseller"-Sticker, aber von persönlichen Vorlieben einmal ganz abgesehen ist das meiner Erfahrung nach schon lange kein verlässlicher Hinweis auf ein gutes - oder zumindest solides - Buch, was Inhalt, World-Building, Storytelling usw. angeht. Abgeschreckt hat mich der englische Titel, fühlte ich mich doch sehr an Game of Thrones erinnert und zugleich drängt sich immer mehr der Eindruck auf, dass verschiedenste Autoren und Autorinnen mit englischen Buchtiteln sich selbst internationaler darstellen wollen, mehr sein wollen als am Ende da ist. Auch "Enemies-to-lovers" und das gesamte Romantasy-Genre sind in letzter Zeit einfach zu überladen, zu ausgelutscht, und im Endeffekt ist jede Geschichte gleich aufgebaut, zu vorhersehbar. 

Meine Kaufentscheidung ist am Ende wegen des Settings gefallen, denn "A Breath of Winter" spielt in einer nordischen Fantasy-Welt und ich bin ein sehr großer Fan nordischer Mythologien und Erzählungen. Dabei bedient sich Carina Schnell immer wieder geschickt an verschiedenen Elementen dieser Welten, verflicht sie in ihre eigene Geschichte und wandelt sie nach Bedarf zu einem passenden Gesamtpaket ab.

Erzählt wird die Geschichte der Hexe Smilla. Nachdem der Hexenschlächter, der seit einiger Zeit durchs Land zieht und nur Hexen und Hexer ermordet, Smillas gesamte Familie, ihren Zirkel, alle jene, die sie gekannt und geliebt hat, ausgelöscht hat, ist sie auf der Suche nach Rache. Dem Rat einer Seherin folgend sucht sie Anschluss bei der Wilden Jagd, einer Truppe von Söldnern, gefürchtet, bekannt und vor allem eine eingeschworene kleine Gemeinschaft, die Smilla zunächst nichts als Misstrauen und Ablehnung entgegen bringen. Doch mit ihrer Hilfe erhofft Smilla sich, ihre Rache zu bekommen - dabei hält sie lediglich geheim, dass sie selbst eine Hexe ist. Dabei kommt sie Gent, dem düsteren Anführer der Truppe, der so viel mehr ist, als Carina Schnell uns anfangs sehen und wissen lässt, näher.

A Breath of Winter Charaktere
Allgemein ist die Söldnertruppe ein sympathischer Haufen. Teilweise bleiben die Charaktere etwas flach, aber andererseits ist es vor allem Smillas und Gents Geschichte, dafür sind die Informationen und Hintergründe doch ausreichend und zumindest mir sind fast alle sehr ans Herz gewachsen. Alle verkörpern dabei verschiedene Rollen, vor allem sind sie aber nicht die perfekten Helden. Frigga, der bis Smilla hinzustößt einzigen Frau in der Truppe, fehlt ein Arm, allerdings hat sie den Umgang mit der Peitsche gemeistert und trinkt nahezu jeden unter den Tisch. Óinn ist Barde, auch wenn die anderen seine Geschichten teilweise bereits nicht mehr hören können - mich persönlich erinnert das ein wenig an Troubadix, aber der Umgang ist viel freundlicher als der mit dem schrulligen Barden in jenem kleinen gallischen Dorf. Außerdem ist Óinn der Natur sehr verbunden, sein Glaube an die Götter und umgebende Mächte ist sehr stark und er sieht Dinge, die für die anderen im Verborgenen liegen. Andórr und Jofur sind Partner und ich mochte besonders den stummen Jofur, der zudem der Heiler und der beste Späher der Söldnertruppe ist, sehr. Einzig mit Leif, dem besten Freund und Vertrauten Gents, zudem Spurenleser, konnte ich nicht viel anfangen. Zwar wird ein wenig zu seinem Hintergrund erzählt, warum er und Gent so verbunden sind, aber für mich blieb er nicht greifbar und sonderlich viele Sympathiepunkte sammeln konnte er nicht. Er lehnt Smilla offen ab, sieht in ihr eine Gefahr für Gent und die gesamte Gruppe, und auch wenn ich sein Misstrauen zu einem gewissen Grad nachvollziehen kann, mich zeitweise gefragt habe, ob Eifersucht im Spiel ist und er in Gent vielleicht mehr als nur seinen besten Freund sieht, hat ihn das nicht gerade sympathischer gemacht. Zumal in der Vergangenheit ja auch andere Mitglieder zur ursprünglich nur aus Gent und ihm bestehenden Truppe hinzu kamen, also kann es nicht nur daran liegen, dass Smilla eine Neue ist. Seine Loyalität zu Gent ist allerdings unglaublich groß und persönlich hoffe ich, dass das Ganze in Band 2 eine Erklärung findet.

A Breath of Winter Smilla
Auch Smilla mochte ich das gesamte Buch über sehr. Anders als in so vielen anderen Büchern des Genres Romantasy ist sie nicht die starke Heldin, die in allem die Beste und ungeschlagen ist, sobald ein Mann ins Spiel kommt aber nur noch von diesem gerettet werden muss und nicht mal mehr zwei Schritte gehen kann ohne in Lebensgefahr zu geraten. Sie ist weiterhin stark, nicht übermächtig, sie braucht aber niemanden, der ihr beim Trinken hilft, um das mal überspitzt auszudrücken. Stattdessen retten sie und Gent sich mehrfach gegenseitig das Leben, machen fast eine Art Wettkampf daraus.

Erzählt wird aus wechselnder Perspektive, mal aus Gents Sicht, mal aus Smillas. Das beleuchtet die verschiedenen Seiten und Gedanken, macht Handlungen nachvollziehbar und verständlich und dennoch verrät die Autorin an keiner Stelle zu viel. Beide Seiten haben ihre Geheimnisse, die sie vor aller Welt bewahren, die an ihnen nagen oder sie zerreißen, die sie menschlich machen; gewissermaßen zumindest. Und trotz dieser scheinbar umfassenden Perspektive, die wir beim Lesen geboten bekommen, kommt zum Ende hin ein richtiger Hammer. Kurz kam mir zwar ein Gedanke in die entsprechende Richtung, das habe ich dann aber wieder verworfen, denn das kann aus allem, was wir wissen, ja gar nicht sein. Nicht wahr. Nicht wahr?!

A Breath of Winter Gent
Sprachlich lässt das Buch sich sehr angenehm lesen, es ist eine bildhafte Sprache, die allerdings nicht überladen ist, die die Welt lebendig macht, dabei aber nicht in unendlich scheinende Beschreibungen abdriftet. Hier und da gab es manche Wiederholungen - Gent hat sehr oft lose Haarsträhnen in den Knoten auf seinem Hinterkopf zurück verfrachtet - aber nichts Dramatisches.

Wirklich gut gelungen ist wie oben bereits erwähnt der Griff in die Kiste dessen, was in nordischer Mythologie und Sage vorhanden ist. Bekanntes wurde verwendet, teilweise aber geändert, nicht bis zur Unkenntlichkeit aber so weit, dass es der Erzählung diente. Zudem wurden Ereignisse angedeutet, die noch nicht mit dem Gesamten verknüpft sind, bei denen ich mir allerdings sicher bin nach Blick in den Klapptext von Band 2 (tut es NICHT, schaut den nicht an, ehe Ihr Band 1 gelesen habt!!!) und dem gesamten Aufbau des ersten Bandes, dass diese in nächsten Teil zu einem Ziel führen und erklärt werden. Mein Favorit ist ja die Frage danach, was aus den Walküren wurde: Hier werden sie als harpyienartig beschrieben, die blutdürstig und mordend durch die Lande ziehen, allerdings findet sich an einer Stelle ein Verweis, dass sie früher menschenartige Frauen waren, die die Gefallenen vom Schlachtfeld leiteten. Dann geschah vor wenigen Monaten etwas, alles wurde anders. Die Götter - deren Existenz weder eindeutig bestätigt noch bestritten wird - sollen verschwunden sein, nachdem die Walküren sich gegen sie wandten ... Da ist sehr viel Potential für Band 2, alles scheint mit den Ereignissen aus diesem Band zusammen zu hängen und ich hoffe auf eine gute Auflösung.

Das Cover sticht selbst übrigens nicht besonders heraus, sehr schön ist aber die Abbildung im Innendeckel, die die Söldnertruppe zeigt. Außerdem gibt es zwei Overlay-Pages, die Gent und Smilla zeigen. Zwar passen die Bilder nicht so ganz zu dem Bild, das ich im Kopf hatte, sie sind aber auch absolut nicht unpassend und ein nettes Extra, das meiner Meinung nach auch definitiv den Kauf des Buches aus Papier rechtfertigt (ich habe eventuell die gedruckte Ausgabe gekauft, nachdem ich das eBook durchgelesen habe, man munkelt zumindest sowas) - mal abgesehen davon, dass ich immer noch das Gefühl eines echten Buches aus Papier mit keinem elektronischen Buch auf Handy oder Reader vergleichen kann.



Abschließende Gedanken

Lesen. Sofort. Besser heute als gestern!

"A Breath of Winter" ist ein Buch, das mich von der ersten Seite an gepackt hat, ein Buch, in dem einfach alles stimmte, von den Charakteren über die Erzählweise bin hin zur gesamten Geschichte. Es ist zwar nicht ganz frei von Momenten, die vielleicht nicht ganz passend sind - wie zur Hölle ist es möglich, dass sich Schwertscheide und Axt auf dem Rücken zweier unterschiedlicher Personen so miteinander verhaken, dass sie untrennbar verbunden sind? Für das, was erzählt werden soll, durchaus sinnig, aber irgendwie insgesamt eher unsinnig - aber das ist die echte Ausnahme. Insgesamt ist es ein toll geschriebenes Buch, spannend, überraschend, ich habe wirklich mitgefiebert, gehofft, war fassungslos. Toll übrigens Smillas Reaktion auf ein späteres Ereignis im Buch, das ich aus Spoilergründen nicht weiter ausführe - die reagiert erwachsen, menschlich. Zwar war ich in keiner vergleichbaren Situation, es ist eine Ausnahmesituation, aber obwohl es sie wirklich fertig macht, reagiert sie so, wie ich es für durchaus realistisch halte; nicht so wie andere Protagonistinnen aus gewissen Büchern, die ihre Geliebten abstechen wollen, weil diese ein Geheimnis hatten, während die selber diesen Geliebten ganz andere Dinge verheimlicht und angetan haben. Also, Hut ab.

Genannt habe ich das Genre Romantasy übrigens bewusst nicht, da es sich in meinen Augen in erster Linie um eine Fantasy-Erzählung handelt. Es geht zwar auch darum, wie Gent und Smilla sich näher kommen, es gibt auch ein, zwei explizite Szenen, aber das alles hat es bevor das Genre Romantasy erfunden wurde, auch schon gegeben. Passt daher meiner Meinung nach so besser, sollte aber erwähnt werden für diejenigen, für die es dann doch ein Ausschlusskriterium ist.

Einen Kritikpunkt zum Schluss: Es dauert so laaaaaange, bis der zweite Band erscheint!!! (Den Punkt nicht zu ernst nehmen, ich warte lieber und erhalte dann eine solide, in sich runde Fortsetzung als dass ich Fließbandarbeit erhalte, die einfach wahllose zusammengestückelt ist.)




Rezension verfasst von Lavandula

Samstag, 2. Dezember 2023

Review: Godzilla Minus One

 




Japan 2023

Godzilla Minus One
Regie: Takashi Yamazaki
Distribution: Toho (lizenziert durch Peppermint in Deutschland)
Genre: Kaiju
Darsteller: Ryunosuke Kamiki, Minami Hamabe, Sakura Ando, Yuki Yamada, Munetaka Aoki
Laufzeit: Circa 125 Minuten
FSK:  Ab 12



Seit dem Release von Godzilla: Final Wars aus dem Jahr 2004 geht es Godzilla-Rechteinhaber Toho eher ruhig mit neuen Ablegern an. Nach Ryuhei Kitamuras Final Wars sollte es 12 Jahre bis zum nächsten Live-Action Film dauern. Als Shin Godzilla 2016 unter der Regie von Neon Genesis Evangelion Schöpfer Hideaki Anno sowie Shinji Higuchi erschienen ist, brach auch unter den Toho Godzilla-Streifen ein neues Zeitalter an. War der neue Godzilla doch so anders als jemals zuvor. Ja, irgendwie verhielt er sich wie ein Zombie, war zerstörungswillig wie nie zuvor und absolut unberechenbar. Den Japanern war er ein wenig zu distanziert und man hielt Anno und Higuchi vor, keine Helden zu bieten, zu denen man aufschauen kann. Obwohl Shin Godzilla mit vielen Fragezeichen endete, ist die Fortsetzung bis heute nie realisiert worden. Von dem Film war ich damals wie heute begeistert, gehe sogar noch einen Schritt weiter und bezeichne ihnen als einen der besten japanischen Filme seit der Jahrtausendwende und einen der besten Filme der vergangenen Dekade. 2017 verfasste ich auf Am Meer ist es wärmer ein Review.

Seit Shin Godzilla sind nun wieder über 7 Jahre vergangen und in Sachen Toho-Godzilla gab es nur die animierte Spielfilmtrilogie, die zwischen 2017 und 2018 auf Netflix erschienen ist (mittlerweile auch ganz normal im Heimkino erhältlich). Toho verwies hier immer wieder auf das sogenannte MonsterVerse von Legandy Pcitures, welches kürzlich mit der TV-Serie Monarch auf Apple TV fortgesetzt wurde. Doch das Verlangen nach einem neuen Godzilla aus Japan von Toho war ungebrochen. Mit Godzilla Minus One ist man den Wünschen nun nachgekommen und liefert den ersten Live-Action-Godzilla seit Shin Godzilla ab. Das Ergebnis? Ich kann meine Gefühle noch nicht so ganz einordnen.

Mit Godzilla Minus One geht man ins Japan der Nachkriegszeit zurück. Minus One ist kein direktes Remake des Originals aus dem Jahr 1954 von Ishiro Honda, obwohl es mehr Anlehnungen an diesen Film gibt als man an zwei Händen abzählen kann. Man bräuchte vermutlich 50 verschiedene Hände, um die Parallelen abzählen zu können, die es zwischen Godzilla (1954) und Minus One (2023) in dem Moment gibt, als Godzilla Tokyo überfällt.

Eines war aber von vornherein klar. War Shin Godzilla noch sehr politisch und gesellschaftskritisch angehaucht und verzichtete auf einen übergeordneten Hauptcharakter/Held (einen Shujinko) sowie einer Liebesgeschichte, hat man bei Minus One dafür gesorgt, einen emotionalen, teilweise schon kitschigen Subplot in die Geschichte einzuweben der Gefahr läuft, dem eigentlichen Star des Filmes unfreiwillig den Rang abzulaufen. Zwar wartet Minus One mit großartigen Darstellern auf, die alle eine fantastische Performance abliefern, doch nicht selten drängt das Drehbuch die Darsteller in eine Ecke, melodramatisch zu agieren. Von den etwas mehr als 120 Minuten Spielzeit geht also eine Menge dieser Spielzeit darauf zurück, den Subplot zwischen dem Kamikaze-Deserteur Koichi (Ryunosuke Kamichi) und seiner ungewöhnlichen Beziehung zur schönen Ersatzmutter Noriko (Minami Hamabe) voranzutreiben. Habe ich mich hier auf ein spannendes Porträt der japanischen Gesellschaft kurz nach der Stunde Null gefreut, bekommt man davon im Film leider relativ wenig mit, zieht man den Angriff von Godzilla auf Tokyo sowie den Showdown mal ab. Die Botschaft des Films wird aber dann aller spätestens zum Ende klar: Werfe dein Leben nicht einfach weg, wenn du einen Krieg überlebt hast, lebe dein Leben. Eine überraschende Botschaft, wirkt Minus One doch über einen weiten Teil eher so, als glorifiziere er so furchtbare Selbstmord-Truppen wie die Kamikaze.

Und an meinem Review bemerke ich es nun selbst wieder: Beinahe könnte man meinen, man schaue ein J-Drama mit gelegentlichen Auftritten von Godzilla. Das Pacing in Minus One hätte deutlich besser zu einer TV-Serie gepasst. Doch taucht das Riesenmonster einmal auf, ist Spektakel geboten. Das Design von Godzilla ist auch in diesem Film wieder absolut herausragend. Die Spezialeffekte müssen sich grundsätzlich vor keinem Film verstecken, die im US MonsterVerse produziert wurden. Hier glänzt Minus One natürlich. Ob Godzilla selbst oder sämtliche Kulissen, alles wirkt wie aus einem Guss. Wenn Godzilla auftaucht, herrscht Chaos und Anarchie. War Shin Godzilla schon ein zerstörungswilliges Monstrum, agiert der Godzilla in Minus One noch einmal brachialer, was daran liegt, dass er wesentlich organischer wirkt. Godzilla, der sich nach dem Angriff mit seinem Atomatem stolz die Verwüstung ansieht, die er hinterlassen hat, lässt ihn nahbarer erscheinen als vielleicht in keinem Film zuvor. Das Schicksal von Godzilla und Koichi, der hilflos die Verwüstung des Monsters mit ansieht, ist eng miteinander verflochten. Hier glänzt Minus One dann auch mal dann bei den Emotionen, wenn Godzilla mit in die Geschichte rund um die Hauptcharaktere mit eingebunden wird. Leider geschieht das nicht so oft, wie ich mir das gerne gewünscht hätte und der Film driftet zu häufig in jenen Subplot ab, der sich ausschließlich mit Koichis Trauma und sein gemeinsames Leben mit Noriko abspielt. So vergeudet der Film auch einmal wertvolle Zeit, als Koichi Noriko noch einmal ganz von vorn erzählt, was ihm auf dem Fliegerstützpunkt auf Odo passiert ist. Eine Information, die dem Zuschauer unlängst bekannt ist, da es sich hier um die Eröffnungsszene des Films handelt. Diese Zeit hätte man durchaus dafür nutzen können, mehr auf das japanische Alltagsleben nach dem Krieg einzugehen. Zum Beispiel indem man Noriko etwas länger bei ihrem Alltag begleitet hätte, die einen neuen Job in der neu aufgebauten Tokioter Innenstadt angenommen hat.
In den letzten rund 25 Minuten schafft man es aber wieder, die Gesellschaft, die kleinen Menschen, als Kollektiv gegen das große Böse, in den Film einzubinden. Hier geht Minus One dann nicht einmal so andere Wege als zum Beispiel Shin Godzilla.


Copyright: Toho


Bei der Auswahl bezüglich der Regie blieb sich Toho treu. Mit Takashi Yamazaki hat man sich ähnlich wie bei dem Gespann Anno/Higuchi einen Mann gesucht, der mit Spezialeffekten bewandert ist und sowohl Know-How aus Live-Action Filmen aber auch aus der Animationskunst mit sich bringt. Yamazaki zeichnete sich schon für einige bekannte Adaptionen aus, zu denen Umsetzungen wie Space Battleship Yamato, Parasyte, Dragon Quest und Lupin III zählen. Die Herangehensweise von Yamazaki könnte aber kaum unterschiedlicher sein, besonders wenn man hier die letzten Godzilla-Filme mit einbezieht wie Final Wars und Shin Godzilla. Diese Freiheiten überlässt Toho dann auch den Filmemachern und Drehbuchschreibern, dem Film ihren Stempel aufzudrücken.




Fazit

Godzilla Minus One ist ein abendfüllendes, bildgewaltiges Kaiju-Abenteuer. Durch seinen etwas trägen und melodramatischen Subplot um einen in Ungnade gefallenen Kriegsdeserteur steht sich die neuste Godzilla-Verwüstung ein wenig selbst im Weg. Etwas mehr Straffung hätte dem Film gut getan und ein besserer Ausblick auf die Gesellschaft des Japans im Jahr 1947 hätten sicherlich zusätzlich eine noch deutlich dichtere Atmosphäre geschaffen. Dennoch möchte ich Godzilla Minus One (eine Anspielung auf die Stunde Null) nicht kleiner reden, als er ist. Allen voran zeigt der Film wieder einmal die große Kluft zwischen den West und Ost Varianten des Monsters und welchen einzigartigen Touch die Filme aus Japan nochmal hinzufügen. Genau wie Shin Godzilla endet Minus One mit einem ähnlichen Cliffhanger, ob dieser noch einmal aufgegriffen wird? So schnell wird es darauf wohl keine Antwort geben. Was bleibt ist ein gut gespielter und technisch beeindruckender Kaiju-Film der uns einmal mehr mit dem puren Zorn von Godzilla auf die von Menschen geschaffene Gesellschaft konfrontiert. Eine Zerstörungsgewalt, die, würde sie wirklich existieren, unsere Existenz wohl schnell auslöschen würde. Dieses Monstrum hinter einer Kinoleinwand oder einem Fernsehbildschirm in Schach zu halten macht sie nicht weniger furchteinflößend.
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Rezension verfasst von Aufziehvogel