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Montag, 13. Oktober 2025

Einwurf: Als Netflix mit "The Witcher" sein eigenes Game of Thrones im Programm hatte und sich irgendwie verzockt hat

 




Es war einmal.....

Ok, wo fängt man bei diesem Thema am besten an? Die Idee zu diesem Einwurf ist mir schon vor längerer Zeit gekommen, aber bei diesem Gewirr aus äußerst komplexen Themen rund um den Witcher wie das Ursprungsmaterial, die Videospiele, eine Netflix-Adaption, eigenbrötlerischen Showrunnern, Drehbuchautoren, Netflix als Auftraggeber und einem Hauptdarsteller, der die vermeintliche Hauptfigur prägend dargestellt hat und nun ersetzt werden musste - hin zu dem unrühmlichem Ende der Serie auf Netflix, puh, da kommt einiges zusammen. Und ich kann da auch unmöglich auf alles eingehen. Aber besonders jetzt, so kurz vor dem Start der vierten und vorletzten Witcher-Staffel (30.10), ist es denke ich die Mühen wert, das Thema einmal aufzuarbeiten.

Wenn man wirklich ganz am Anfang starten möchte, dann muss man vermutlich ins Jahr 1986 nach Polen zurückreisen. In diesem Jahr reichte ein bereits 38 jähriger Fantasy-Liebhaber namens Andrzej Sapkowski auf Empfehlung seines Sohnes eine Kurzgeschichte bei einem beliebten polnischen Fantasy-Magazin ein. Der Rest ist für Fans vielleicht Geschichte, für die breite Masse eher weniger, denn die Romane fanden außerhalb von Osteuropa erst mit der Veröffentlichung der Videospiele größere Beachtung und entwickelten sich im Laufe der Jahre von einem Fantasy-Geheimtipp zu einer wahren Größe im Fantasy-Genre. Mit dem Start der Netflix-Adaption im Jahr 2019 witterten viele Verlage ihre Chance. Mit der Bekanntmachung, die TV-Serie werde die Bücher adaptieren, entschieden sich viele Verlage dazu, die komplette die Reihe noch einmal neu zu publizieren. Entweder wurde gleich eine neue Übersetzung angefertigt oder die Bücher wurden in neuem Gewand mit moderner Covergestaltung noch salonfähiger gemacht. Die Abenteuer des Hexers Geralt von Riva und seiner Ziehtochter Ciri sind zum Start der TV-Serie auf ihren Höhepunkt der Popularität angelangt.

Einer der schärfsten Kritiker der Videospiele war schon immer der Schöpfer selbst. Andrzej Sapkowski ist damals beim Verkauf der Nutzungsrechte keinen wirklich guten Deal eingegangen. Bei der Produktion der Videospiele des polnischen Entwicklerstudios CD Project Red hatte er nicht nur wenig Mitspracherecht, auch die finanzielle Vergütung war für den Autor kein gutes Geschäft. Das ist insofern nicht ungewöhnlich, da Videospielentwicklung in Polen damals noch kaum der Rede wert war und niemand mit so einem bahnbrechendem Erfolg gerechnet hat. Im Jahr 2025 allerdings gehört die polnische Gaming-Industrie mit zu den führenden Studios der Welt. Dies ist auch dem mittlerweile 77 Jahre alten Schriftsteller nicht entgangen, wollte gerne ein größeres Stück vom Kuchen und verhandelte neu über die Lizenzrechte, diesmal zu seinen Gunsten. Der Rechtsstreit zog sich lange hin und obwohl die Sache mittlerweile aus der Welt geschafft ist, beklagt Sapkowski sich auch heute noch häufiger darüber, wie die Videospiele mit der etablierten Lore der Bücher umgehen bzw. diese doch falsch interpretieren würden.

Wie einmal sein Fazit zur Serien-Adaption des Streaming-Riesen Netflix ausfallen wird, ist nicht so bekannt, da vermutlich auch Sapkowski noch unter einer NDA-Klausel steht und sich mit Kritik zurückhalten muss. Über die vergangenen Jahre sind die seltenen Interviews aber deutlich zynischer geworden. Er lächelt den Frust weg, besonders, wenn er von der Hilfe spricht, die er den Autoren angeboten habe. Andrzej Sapkowski haben die Showrunner jedoch nie kontaktiert und zu Rate gezogen. Anders als bei George R.R. Martin und Game of Thrones - doch dort kam es ja auch immer wieder zu kreativen Problemen, so lange, bis GRRM sich komplett von den Dreharbeiten und aus der Produktion zurückgezogen hatte (genau so sollte es dann auch ab Staffel 2 von House of the Dragon laufen). Die roten Flaggen der Netflix-Adaption wurden im laufe der Staffeln vielzähliger. Wenn man schon die Hilfe des Schöpfers nicht in Anspruch nimmt, dann wird man zumindest aber auf seinen Hauptdarsteller hören wenn man die lauten Stimmen der Zuschauer und Fans der Bücher und Videospiele schon geschickt ausblendet, oder? Das besagte "Oder" verhallt gerade in einem vielsagendem Echo.


Die goldene Ära

Hier wird das Thema rund um die komplette Witcher-Reihe erstmal so richtig komplex. Gehen wir zurück ins Jahr 2019. Ich sah ein Promo-Interview über den offiziellen YouTube Kanal von Netflix, geführt von einer jungen Frau, die, etwas nervös, Andrzej Sapkowski interviewte. Zu diesem Zeitpunkt dachte ich noch, dass man hier eine etwas unerfahrene Promo-Dame, die für Netflix arbeitet, ins Rennen geschickt hat, um die üblichen Vorbereitungen vor Serienstart abzuarbeiten. Aber in Wahrheit saß da keine Mitarbeiterin aus dem Marketing-Department, sondern die Showrunnerin Lauren Schmidt-Hissrich selbst. Neben ihr, später im Interview gut zu erkennen, lagen auf dem Tisch Taschenbücher der englischen Ausgabe zu Sapkowskis Hexer-Reihe verteilt. Die Bücher waren ausgelesen, stark benutzt, übersät mit Sticky-Notes und anderen Markierungen. Und hier bekam ich auf einmal als Zuschauer ein gutes Gefühl. Diese Frau hat die Bücher verinnerlicht, ist selbst ein Fan und möchte die Romane bestmöglich adaptieren.

Ein Unterfangen, welches in Staffel 1 eigentlich noch gut funktionierte. Die Reihe zu adaptieren ist aufgrund der Fülle an Material und der Chronologie nicht ganz so einfach. Ein Grund, warum die Videospiele nach den Ereignissen der Hauptgeschichte aus den Büchern spielen. Bereits hier tun sich aber teilweise auch die Videospiele schwer - zahlreiche relevante Charaktere aus den Romanen hatten bisher noch keinen Auftritt in den Videospielen. Der große Vorteil aber, den Netflix von Beginn an hatte; die Romanreihe ist seit mehr als 25 Jahren abgeschlossen. Aber auch hier wird es wieder kompliziert, denn erst vergangenes Jahr hat Sapkowski unter großem Erfolg in Polen einen neuen Roman veröffentlicht: "Kreuzweg der Raben". Der Roman wurde kürzlich in zahlreiche weitere Sprachen international veröffentlicht. Hier kommt nun der eigentliche Clou. Sapkowski hat die Reihe unlängst beendet, hat aber vor, sie weite zu schreiben. Sapkowski hat mit der "Hussite Trilogie" bereits zwischen 2002-2006 eine andere Reihe erfolgreich beendet und widmete sich immer mal wieder auch dem Hexer. Es existieren neben der Hauptgeschichte also noch zahlreiche Prequel-Romane sowie ein Dutzend Kurzgeschichten. Hier war von vornherein wohl klar, dass man unmöglich alles adaptieren kann. Aber man hatte mit den 5 Romanen rund um die Hauptgeschichte um Geralt und Ciri die beste Möglichkeit, eine vollständige Geschichte für Netflix zu adaptieren. Ein Luxus, den Game of Thrones bekanntermaßen nie hatte.

Mit Henry Cavill fand man dann auch zugleich seinen Hexer. Jeder, der sich ein wenig mit dem Werdegang des einstigen "Man of Steel" beschäftigt hat, der weiß, es gibt kaum mehr Darsteller wie ihn, die mit mehr Passion und Hingabe an eine Rolle gehen. Um sich auf die Rolle vorzubereiten, las Cavill die Bücher und spielte die Spiele. Er wurde am Set wortwörtlich zu Geralt von Riva, was so weit ging, dass er sich das ein oder andere mal am Set sehr kritisch über die Drehbücher äußerte und lautstark klar machte, dass der Geralt, den er durch die Bücher und Videospiele kennengelernt hat, gerade nicht so handeln würde wie sein Gegenstück in der Serie. Die Showrunner mussten Cavill beschwichtigen und baten ihn hingegen, sich bitte an das Script zu halten. Die Frage, die gestellt werden muss, wie lange lässt sich der vermeintliche Star der Serie so etwas bieten? Da ich nun schon zum zweiten mal von "Vermeintlicher Hauptdarsteller" spreche, hat seinen Sinn und Zweck. Henry Cavill's Geralt wird nämlich im Verlauf der Serie immer mehr zu einer Randfigur. Kommt mir bekannt vor: Phantastische Tierwesen: Ein phantastisches Missverständnis (Link führt zu einem Artikel auf meinem Blog in einem neuen Fenster)

In Staffel 1 sollte all das aber noch gut enden. Der Zusammenhalt zwischen Sapkowski, Cavill und den Showrunnern war zumindest zu dieser Zeit noch zu spüren. Ein Kritikerliebling war die erste Staffel bereits schon damals nicht. Kritisiert wurde hier von der Story hin zum Kostümdesign so einiges. Dennoch, bei den Zuschauern und zu dieser Zeit auch noch bei den meisten Fans der Bücher war die Netflix-Adaption ein Volltreffer und sorgte für Rekorde beim Streaming-Giganten. Zu verdanken hatte man dies vermutlich hauptsächlich der Performance von Henry Cavill. Doch auch andere Figuren konnten in dieser ersten Staffel noch glänzen wie Yennefer, die hier äußerst charismatisch von Anya Chalotra verkörpert wird sowie Lars Mikkelsen (Bruder von Mads Mikkelsen) als zwielichtiger Antagonist Stregobor. Aufrichtigen Fans der Büchern ist hier bereits aufgefallen, dass man sich bei Story-Arcs und Charakterisierung schon viele Freiheiten gelassen hat. Aber man gab sich sichtlich Mühe, aus dem Kurzgeschichtengewirr der beiden Bände "Der letzte Wunsch" und "Das Schwert der Vorsehung" eine kohärente Story zu erzählen. Kritisiert wurden zudem die verworrenen Zeitsprünge der ersten Staffel, aber hier ging es erstmal darum, sich ein solides Grundgerüst in einer komplexen Fantasy-Welt aufzubauen. Das ist eine Mammutaufgabe. Mit Staffel 2 würde man sich dem ersten großen Witcher-Band annähern und versuchen "Das Erbe der Elfen" zu adaptieren. Doch da stand intern bereits fest, dass Lauren Schmidt-Hissrich und ihr Team lieber ihre eigene Version der Geschichte erzählen wollen.


Der schleichende Niedergang

Staffel 2 wurde dann 2 Jahre später unter immer noch viel Antizipation erwartet und konnte, wenn auch nicht mehr auf gleichem Level, immer noch Fans überzeugen. Der Zusammenhalt der Verantwortlichen war nicht mehr ganz groß, aber Henry Cavill bewarb die Staffel über seine Social Media Accounts immer noch intensiv. Hinter den Kulissen brodelte es da bereits mehr. Dass die Serie zu diesem Zeitpunkt fast nur noch von Cavill getragen wurde, war etwas, was die Showrunner nicht einsehen wollten. Kritisiert wurden diesmal nicht nur viele Freiheiten, die man sich gegenüber der Vorlage erlaubt hat, es wurde generell kritisiert, dass die Serie kaum einem nachvollziehbaren Plot verfolgt. Ciri, die Person, die einmal Geralts Platz einnehmen würde, wurde für die Zuschauer immer mehr zum Nerv-Faktor. Ebenfalls ein Grund zur Kritik war, wie anders sich auf einmal etablierte, beliebte Charaktere nun verhielten. Da war es umso unglücklicher, dass nun auch die Netflix Content-Policy so richtig griff und die Serie so "Konform" und "Divers" an modernen ethischen Standards wie möglich angepasst und ausgeschmückt werden musste.

Dies sollte für Staffel 3 dann sehr wichtig werden. Intern wurde das Buchmaterial wohl als "Schund" bezeichnet und somit hatte das zu adaptierende Material einen schweren Stand bei den Produzenten und Writern. Besonders die sogenannte "Toxic Masculinity" der Bücher wurden wohl scharf kritisiert. Dem wirkte man zudem später entgegen, dass in der Serie der Barde, treuer Gefolgsmann von Geralt und Frauenheld Rittersporn sexuell umgepolt wurde - etwas, was in den Büchern nie passiert. 
Vor Staffel 2 erschien bereits mit "Nightmare of the Wolf" ein müder animierter Prequel-Film auf Netflix. Nach Staffel 2 erschien mit der Live-Action Prequel-Miniserie "Blood Origin" die wohl bisher größte Sünde des Franchise, wurde sie von professionellen Kritiken und Fans gleichermaßen in Grund und Boden gestampft. Die Franchise-Risse begangen für Netflix allmählich zu bröckeln. Doch der Zug steuerte hier bereits ohne Bremsung auf eine Mauer zu. In Staffel 3 entschied man sich endgültig dazu, seine eigene Geschichte zu erzählen und die Romane nur noch als Referenzmaterial zu benutzen. Staffel 3 erschien 2023. Der Zusammenhalt zwischen Sapkowski, Cavill und sämtlichen Verantwortlichen von Netflix war nicht mehr existent. Cavill bewarb die Staffel nicht mehr großartig auf seinen Social Media Kanälen und äußerte sich durch die Blume in Interviews kritisch zu der Entwicklung der Serie. Mehr noch als die zweite Staffel verrennt Staffel 3 sich in Plot-Sackgassen. Charakterentwicklung ist kaum noch erkennbar, wichtige Figuren sind entweder verändert oder fehlen komplett. Der Hexer selbst hat weniger Screentime als je zuvor und stattdessen verschwendet man eine komplette Episode damit, wie Ciri alleine durch die Korath Wüste flaniert. Hier sind bereits alle Dämme gebrochen, indem wichtige Character-Arcs aus den Büchern vollständig umgeschrieben wurden. Man könnte mittlerweile meinen, man verfolgt hier eine Fanfiction mit Romantasy-Elementen. Zwar kam Staffel 3 noch immer besser als "Blood Origin" an, aber die Serie hat sich hier unlängst verloren. Was wir hier in Staffel 3 geboten bekommen ist nicht mehr die Adaption von Sapkowskis Fantasy-Reihe, sondern eine Nacherzählung basierend auf den Vorstellungen von Showrunnerin Lauren Schmidt-Hissrich unter der Aufsicht von Netflix. Fast gebetsmühlenartig hatte Hissrich bei der Promophase darum gebeten, der Neuausrichtung eine Chance zu geben. Es sei schlicht und ergreifend nicht machbar, die umfangreichen Bücher umzusetzen. Dass aber genau diese Bücher schon viel früher intern in Ungnade gefallen sind bei den Showrunnern sowie dem Autorenteam, wird hingegen nicht erwähnt. Sapkowski habe mehrmals seine Hilfe bei der Umsetzung des Stoffes angeboten und hatte einige Ideen, wie man den Stoff artgerecht für eine TV-Serie umsetzen könnte. Doch darin bestand nie Interesse, da man lange vorher den Plan verfolgte, sich vom Material der Bücher zu distanzieren und diese nur noch als eine Art Handbuch zu verwenden, wo man sich Ideen herauspickte, die man irgendwie noch für die Serie nutzen konnte.

Am Ende kam es, wie es sich angedeutet hat. Henry Cavill gab kurze Zeit später sein Serien-Aus bekannt. Die wahren Gründe werden vermutlich für immer unbekannt bleiben. Zum einen zertritt sich Cavill zu diesem Zeitpunkt mit seiner langjährigen Managerin (Ex-Ehefrau von Ex-Wrestling-Star The Rock), die ihm immer wieder herausragend schlechte Deals bescherte, wenn man sich Cavills unglückliche Karriere mal so anschaut. Danach hat sich wohl die gesamte Enttäuschung rund um die Entwicklung der Witcher Serie entladen und vermutlich wehte in Cavill noch ein Fünkchen Hoffnung, sich doch nochmal auf Warner und Super Man einzulassen. Aber das ist letztendlich eine andere, nicht weniger komplexe Geschichte. Fakt ist aber, der Mann, der eine strauchelnde Serie auf seinen starken Schultern getragen hat, ist weg. Für Netflix kam dies überraschend und ungünstig.


Da steckte nie ein großer Plan hinter

Ein Traum endet. Was für Netflix und unzählige Beteiligte als erfolgreiches Märchen begann, endete in einem Fiasko. Was als das "Game of Thrones von Netflix" bekannt wurde, ist heute auf einem ähnlichen Meme-Level wie die letzten 2-3 Staffeln von Game of Thrones. Früh genug verkündete Netflix, dass nach den kommenden Staffeln 4-5 die Witcher-Serie auf Netflix ihr Ende finden wird. Geralt von Riva wird in diesen letzten beiden Staffeln durch Liam Hemsworth ersetzt. Ein Erbe, welches weniger eine Herausforderung und Chance für die Karriere ist, als viel mehr ein Schleudersitz ohne wirklichen Pay-Off. Fans beschwichtigen seit Monaten Online, Hemsworth (der in den erstmals gezeigten Teasern und  Trailern zur vierten Staffel ein wenig Ähnlichkeit mit dem jungen Val Kilmer in "Willow" aufweist) nicht Teil von irgendwelchen frustrierten Hetzkampagnen werden zu lassen. Neben einigen "Geralt auf Temu bestellt" Onelinern, hält sich die Kritik gegenüber dem jüngsten der Hemsworth-Sprösslinge zurück. Und das ist auch richtig so. Grundsätzlich ist nichts, was jetzt folgt, mehr zu ändern und zu korrigieren. Wenn überhaupt sollte sich Frust sachlich aber spürbar gegen Netflix und die Showrunner wenden, die hier die Chance hatten, eine gelungene Fantasy-Reihe zum Leben zu erwecken und sämtliche Kritik abgeschüttelt und ignoriert haben. Und dies über Jahre. Dazwischen war eine menge Zeit für Kurskorrektur.

Was Netflix lange Zeit verschwiegen hat: Staffel 4-5 wurden wohl Back-to-Back gedreht. Soll heißen, alle verbliebenen Folgen sind, ähnlich wie bei Squid Game, längst abgedreht und werden hier als separate Staffeln nun vermarktet und veröffentlicht. Insofern dürfte dann auch mit einem zügigen Release der finalen Staffel 5 zu rechnen sein. Denn Netflix möchte die Angelegenheit jetzt auch schnell hinter sich bringen. Laut aktuellen Zahlen, die öffentlich geworden sind, hat Netflix über die Jahre (Nightmare of the Wolf und Blood Origin mitgezählt) über 700 Millionen Dollar in das Witcher-Projekt gesteckt. Eine absurde Summe für ein Streaming-Projekt. Dementsprechend dürfte es nicht wundern, dass das Budget für die letzten beiden Staffeln zurückgefahren wurde. Ich habe keinen Zweifel daran, dass wohl auch Staffel 4 einen gewissen Erfolg verbuchen wird. Zumindest was die ersten Folgen angeht. Alle wollen nun einmal den neuen Geralt sehen. Danach wird das Interesse wohl immer weiter weichen. Denn, wie schon erwähnt, einen spannenden, großen Plot und ein spannendes Serienfinale, auf das die Serie zusteuert, ist nicht in Sicht. Und das ist letztendlich wohl eine noch größere Sünde, als sich nicht an vorhandenes Buchmaterial zu orientieren, was man hätte adaptieren können. Am Ende sind Netflix und die Showrunner daran gescheitert, nie einen wirklichen Plan gehabt zu haben. Und das ist insofern traurig, da sich in den kommenden Jahren wohl niemand noch einmal an so ein ambitioniertes Projekt aus dem Witcher-Universum wagen wird (die Videospiele ausgenommen). Für Netflix hingegen wird die Witcher-Adaption aber wohl als größter anzunehmender Serien-Fumble der Firmengeschichte eingehen. Und nach der mittelschweren Enttäuschung rund um Squid Game und Sandman beweist Netflix einmal mehr, dass man kein gutes Händchen beweist, eine Serie langfristig zu einem bleibenden Erfolg zu krönen. Die nächste Gelegenheit hat man dann bei Stranger Things, wo die letzten Episoden auch schon zu viele Jahre auf sich warten lassen. Aber hier wird man wohl noch am ehesten die Chance haben, ein versöhnliches Ende mit seinen Zuschauern zu finden.
(Kleiner Nachtrag: Ja, Cobra Kai hat man anständig zu Ende gebracht*)


Toss a coin to your poor Witcher


Autor: Aufziehvogel

Dienstag, 29. Dezember 2020

Review: Pflicht und Schande (Giri/Haji)

 



Japan/Großbritannien 2019


Pflicht und Schande aka Giri/Haji
Idee und Drehbuch: Joe Barton
Regie: Julian Farino, Ben Cessell
Darsteller: Takehiro Hira, Kelly Macdonald, Yosuke Kubozuka, Justin Long, Aoi Okuyama
Episoden: 8
Distributor: BBC Two (Großbritannien), Netflix (International)
FSK: 16
Genre: Krimi, Unterwelt-Drama



Wenn man die babylonische Sprachverwirrung verfilmen würde, würde vermutlich die 8 teilige Crime-Series "Pflicht und Schande" dabei rauskommen. Denn dem berüchtigten Kulturschock scheinen in dieser kurzen Serie weder die japanischen, noch aber die britischen Schauspieler gewachsen zu sein.

Pflicht und Schande oder aber auch Duty and Shame, so wurde die Serie international getauft. Einfacher ist natürlich der japanische Titel der lediglich aus den Silben Giri (Pflicht) und Haji (Schande) besteht. Um mir etwas Zeit zu sparen werde ich diesen Titel für das Review benutzen.
Die Ambitionen für dieses Projekt waren durchaus groß. Ein Ensemble aus teilweise international bekannten Schauspielern und jungen Darstellern mit wenig Erfahrung, die man aus beiden Ländern hat engagiert. Das Budget ist für eine Krimiserie beachtlich und mit BBC Two und Netflix hat man nicht nur Budget im Rücken, sondern auch Aussicht auf eine Fortsetzung. Diese Hoffnungen müssen Fans aber nun begraben, im September gaben beiden Distributoren das Ende der Zusammenarbeit und somit auch von der Serie bekannt. Die Trauer wird sich vermutlich in Grenzen halten, so bleiben am Ende doch nur wenig Fragen offen und sollte man nicht auf eine komplett neue Story sowie Charaktere setzen, würde wohl die Luft aus Staffel 2 schnell raus sein.

Auf dem Papier klingt die Prämisse mal wieder besser als die Umsetzung. In den 8 Episoden von denen jede knapp eine Stunde Laufzeit vorzuweisen hat, erlebt der Zuschauer eine wilde Achterbahnfahrt an Emotionen. Positive sowie negative Erfahrungen habe ich gemacht, komme aber zum Schluss, dass das Positive sich hier am Ende noch durchsetzen konnte. Doch Giri/Haji hätte weitaus mehr sein können, hätte man die Ambitionen runtergeschraubt. Charaktere werden verheizt, Sprachbarrieren zwischen den Schauspielern scheinen die allgemeine Harmonie unter den Darstellern zu behindern und zu viele Style over Substance Elemente, die der Serie durchgehend im Weg stehen, sind ein stetiger Begleiter dieser Miniserie.

Die Story selbst ist schnell zusammengefasst. Giri/Haji möchte gerne Yakuza-Drama und Krimi in einem sein. Daher wird die Geschichte der beiden ungleichen Brüder Kenzo (ein Polizist) und Yuto (ein Taugenichts der zu einem Gangster wird) sowohl in Japan als auch in Großbritannien erzählt. Der Yakuza-Anteil spielt in den japanischen Segmenten der Serie, der vermeintliche Krimi-Anteil spielt in Großbritannien. Bei der Story selbst griff man relativ tief in die Klischeekiste, was aber gar nicht mal das Problem ist. Das Rad kann man bei solch einem Genre unmöglich neu erfinden. Es hapert eher an der Umsetzung dieser Thematik. Yuto baut Mist, flüchtet aus Japan und landet irgendwie in Großbritannien und sein großer Bruder erhält den Auftrag, Yuto wieder einzufangen. Schnell wird jedoch klar, auch Kenzo als Polizist ist kein Saubermann und schreckt nicht davor zurück, für den Schutz seines kriminellen Bruders, zu töten. Als Kenzo in Großbritannien ankommt erwartet ihn nicht nur eine düstere Such-Odyssee nach seinem Bruder, es herrscht auch ein lokaler Bandenkrieg und Kenzos familiäre Probleme werden deutlicher, als je zuvor als dann auch noch seine junge Tochter Taki sich nach Großbritannien aufgemacht hat.

Die erzählerischen Schwächen der Serie machen sich immer wieder bemerkbar. Sowohl in Großbritannien als auch in Japan herrschen erbitterte Bandenkriege. Auf die wird jedoch nur viel zu selten eingegangen. Besonders darunter leiden die verstrickten Angelegenheiten der japanischen Bandenkriege unter den verfeindeten Yakuza-Klans. Mir war es am Ende unmöglich, die Beziehungen unter den einzelnen Klans und deren Probleme nachvollziehen zu können. Doch auch die Beziehung unter den beiden Brüdern sowie Kenzos Probleme mit seinen alternden Eltern, seiner Frau und seiner rebellischen Tochter bringen strukturelle Schnitzer mit sich. Das größte Mysterium selbst war für mich jedoch Kenzo, der als sehr labiler, gleichzeitig aber gerissener und eiskalter Typ daherkommt. Mir scheint es, als konnte sich der Schreiber Joe Barton nie so richtig entscheiden, in welche Richtung es mit dieser Figur nun gehen wird. Unter der gleichen Krankheit leiden aber auch die Nebencharaktere wie die Polizistin Sarah (Kelly Macdonald), die hier als ein unsicherer, eifersüchtiger, scheinbar nymphomanischer Sukkubus dargestellt wird. Auch der quirlige, homosexuelle Toshio, der das seltsame Gespann den ganzen Weg lang begleitet, macht eine ähnliche Achterbahnfahrt mit. Ich konnte mich einfach nie entscheiden, ob die Charaktere einfach völlig unsympathisch sind und ich daher keinen Bezug zu ihnen finde, oder aber all das so gewollt ist und das ganze eine düstere Charakterstudie ist. Ich bin zum Schluss gekommen, es ist vermutlich beides. Zudem kommen die angesprochenen Probleme, wo die Schauspieler sich untereinander sprachlich nicht so ganz zu verstehen scheinen. Man versucht durchgehend zu kaschieren, dass Takis Schauspielerin Aoi Okuyama vermutlich kaum ein Wort Englisch beherrscht. So, wie die Charaktere untereinander agieren wirkt es hölzern, manchmal unfreiwillig komisch, als ob besonders die japanischen Darsteller die Regieanweisungen nicht komplett verstanden hätten. Sobald diese sich wieder in ihrer Muttersprache unterhalten, kommt die Souveränität zurück. Auch Kenzo Mori Darsteller Takehiro Hira macht bei den englischsprachigen Szenen nicht gerade das souveränste Bild.

Wesentlich interessanter hingegen waren dann die in Japan gedrehten Segmente für die Serie. Da schafft es Giri/Haji dann, wie ein traditionelles Yakuza-Drama zu wirken, oder, sagen wir, die Serie schafft es, typisch japanisch zu wirken. Die Yakuza selbst sind nur ein Element dieser Szenen. Im Fokus stehen die familiären Hintergründe der beiden Brüder, die beide unterschiedliche Wege eingeschlagen haben, sich aber doch mehr ähneln, als man zuerst denkt. Hier liegen die Stärken von Giri/Haji. Umso untröstlicher ist es, dass besonders die Bandenkriege in den Japan-Szenen so stark vernachlässigt werden. Diese Szenen gibt es übrigens ausschließlich nur in japanischer Sprache mit Untertiteln.

Sobald es zurück nach Großbritannien geht (die Serie wechselt munter hin und her, was aber bei mir nie für Verwirrung gesorgt hat), kommen auch die alten Probleme wieder. Und da ist dann Vickers (Justin Long) das nächste Problem. Das reiche amerikanische Vatersöhnchen, das auf eigenen Beinen stehen möchte. Ich würde nie auf den Gedanken kommen, Justin Long als großen Hollywooddarsteller zu bezeichnen, aber zusammen mit Kelly Macdonald dürfte er wohl der prominenteste Name unter den westlichen Darstellern sein. Wenn man sich also schon Justin Long ins Boot holt, sollte man ihn auch nutzen, denn Potential für seine Rolle war da. Sogar so viel, dass er, meiner Meinung nach, am Ende noch für viel Abwechslung und Entscheidungen hätte sorgen können. Stattdessen verfallen die Macher immer wieder in technische Spielereien die absolut nichts zur Story beitragen und vermutlich einfach cool und stylisch aussehen sollen. Doch so einfach funktioniert das halt nicht und diese Szenen tragen einen großen Anteil daran, dass es manchmal schwer ist, die Serie ernst zu nehmen, weil sie sehr gezwungen ernst und cool und stylisch wirken möchte, man damit aber eher das Gegenteil erreicht. Dies wird noch einmal deutlich, wenn man den Showdown auf dem Dach sieht und die Episode in einen Tanzspektakel ausartet.

Doch ausgerechnet die zuerst unscheinbare Geschichte mit den drei Frauen (Kenzos Frau, Mutter und die Tochter des Yakuza-Bosses, mit der Yuto ein Verhältnis hatte) und ihrem Road Trip war es, die mir persönlich mit am besten gefallen hat, da hier weitaus weniger wert auf irgendwelche hippen Fabrfilter, Kameraeinstellungen oder Gangster-Gelaber gelegt wurde.




Abschließende Gedanken

Giri/Haji kann durchaus mit vielen starken Momenten überraschen. Sein volles Potential schöpft die Serie jedoch nie aus. Das Ende finde ich jedoch überraschend zufriedenstellend und lässt eigentlich auch keinen großen Spielraum für eine Fortsetzung (zumindest nicht mit diesen Charakteren). Es ist eine ausgewogene Mischung aus beantworteten Fragen, abgeschlossenen Character-Arcs und einigen unbeantworteten Passagen, die aber wiederum eher dafür sorgen sollen, sich nachträglich noch über die Serie zu unterhalten und sich vielleicht ein Schlupfloch für eine Fortsetzung in Reserve zu halten. Wie wir nun wissen, wurde daraus nichts und BBC Two und Netflix haben die Lichter ausgeschaltet und den Rausschmeißer bereits verständigt. Wenn man vielleicht weniger mit der japanischen Filmlandschaft vertraut ist, könnte Giri/Haji durchaus besser funktionieren. Leider wollen die Macher aber zu oft die großen Vorbilder kopieren und wissen selbst nicht, was genau den Charme dieser Filme ausmacht. Da, wo Giri/Haji zu verspielt ist, hätte die Serie wesentlich bodenständiger sein müssen. Besonders die ersten fünf Folgen leiden unter dem Style over Substance Konzept. Danach fängt sich die Serie und bietet einen exotischen Ausflug in eine düstere Geschichte. Muss man mögen, könnte man eine Chance geben, aber eine klare Empfehlung kann ich hier halt auch nicht aussprechen.

Donnerstag, 30. August 2018

Aufziehvogel's Wühlkiste - Day of the Dead: Bloodline




USA/Bulgarien 2018

Day of the Dead: Bloodline
Basierend auf: George A. Romeros Day of the Dead (1985)
Regie: Hèctor Hernández Vicens
Darsteller: Johnathon Schaech, Sophie Skelton, Jeff Gum, Marcus Vanco, Mark Rhino Smith
Produktion/Distribution: Millennium Films, Lionsgate
Laufzeit: Circa 90 Minuten
Genre: Horror
FSK: Ab 18


Selbst zu Lebzeiten von George Romero (1940-2017) war sein "Of the Dead" Franchise nicht vor billigen Kopien oder Schund sicher. Die relativ undurchsichtige Rechtelage zu einigen Filmen, besonders jedoch zu Night of the Living Dead, lud in der Vergangenheit sogar Hobby-Filmemacher dazu ein, den Film zu remaken oder Romeros Original zu verunstalten. Doch nicht alle Neuverfilmungen/Remakes waren zum scheitern verurteilt. Gelungene Vertreter stellen Tom Savinis Night of the Living Dead Interpretation und Zack Snyders Remake zu Dawn of the Dead dar. Romeros großartiger Day of the Dead aus dem Jahr 1985 war jedoch nicht mit so viel Glück gesegnet. Bereits das erste Remake aus dem Jahr 2008 von Steve Miner galt gemeinhin unter Fans und Kritikern als Gurke. Da ist es praktisch nur logisch, dass man eine Gurke nur noch durch einen echten Stinker toppen kann. Ein Stinker, der mindestens genau so modrig und vermutlich auch übel riechend ist wie Romeros hungrige Zombies. Das oberste Ziel bei Day of the Dead: Bloodline kann also nur gewesen sein, das Remake aus dem Jahr 2008 noch einmal zu unterbieten. Und darin war man etwas über 80 Minuten sehr erfolgreich. Hier darf man sich nicht von der Laufzeit von 90 Minuten täuschen lassen, alleine über 7 Minuten fallen auf den überlangen Abspann zurück.

Regie bei diesem Stinker führte Hèctor Hernández Vicens, der 2015 mit "Die Leiche der Anna Fritz" einen kleinen Indie-Hit landen konnte. Wie viel der Misere bei Day of the Dead Bloodline auf das Konto von Vicens geht, wage ich hier nicht zu vermuten. Einen großen Einfluss schien hier auch Produzentin Christa Campbell gehabt zu haben. Auch was die Produktion angeht, bin ich mir nicht ganz sicher, wem man nun den goldenen Kaktus zuschieben soll. Bloodline riecht stark nach Millennium Films, die aber nicht alleinig für den Film verantwortlich waren. Sobald man jedoch Millennium Films hört, riecht es förmlich nach Osteuropa. Bei Bloodline ist das, wie bei so vielen anderen Filmen des Studios, nicht anders. Gedreht wurde größtenteils kostengünstig in Bulgarien, so, wie zuletzt schon der letzte Chainsaw Massacre Film ("Leatherface", der sich jedoch qualitativ in einer ganz anderen Dimension befindet) erstmals in Osteuropa gedreht wurde und nicht mehr in den USA.

Inhaltlich bedient sich Bloodline relativ sparsam am Plot von Romeros Film. Grundrisse wie den Bunker, die Soldaten und einen speziellen Zombie findet man auch in Bloodline, die Storyline, der Ausgang der Geschichte aber auch die Charaktere kann man als unabhängig bezeichnen. Nichts davon rettet Bloodline, aber es ist auch nicht wirklich eine 1:1 Kopie. Wie aber auch im Original steht hier eine Frau im Mittelpunkt der Geschichte und es gibt auch wieder einen fiesen Army-Boy, der jedoch dem großartigen Joseph Pilato aus Original nicht das Wasser reichen kann. Es sind tatsächlich die markanten Charaktere aus Romeros Film, die hier schmerzlich vermisst werden. Romero setzte in seinem Film größtenteils auf Schauspieler aus dem Bereich Theater. Dieser Fakt spielte im zusätzlich in die Karten, denn wie auch schon Night of the Living Dead ist Day of the Dead aufgebaut wie ein Theaterstück, welches von seinen Charakteren und Dialogen lebt, die Gewalt und sensationellen Effekte von Tom Savini waren so gesehen nur der Bonus. Und genau da wird es für das Remake extrem dünn. Die Dialoge sind unterirdisch und die Schauspieler haben auch nicht die nötigen Fähigkeiten, das schwache Drehbuch auszugleichen. Durch die Bank weg hat man es mit Charakteren zu tun, für die man nichts empfindet und die einem regelrecht gleichgültig sind. Hinzukommt fragwürdiger Fanservice und man Hauptdarstellerin Sophie Skelton bei jeder halbwegs passenden Gelegenheit mit offener Bluse präsentiert. Besonders die völlig übertriebene Eröffnungssequenz hätte aus einer schlechten Parodie stammen können.

Die Spezialeffekte bewegen sich glücklicherweise auf einem nicht ganz so unterirdischem Level. Wenn sie mal nicht komplett vom Computer generiert werden, sehen sie sogar recht ansehnlich aus. Ruiniert werden die blutigen Effekte dann fast immer durch hektische Kamerafahrten oder Schnitte. Um wirklich Wirkung zu zeigen, hätten die Effekte länger zu sehen sein müssen. Ein Beispiel hätte man sich hier an das Evil Dead Remake nehmen können. Da Bloodline jedoch aus der Low Budget Spate stammt, kann man ihm zumindest hier nicht wirklich einen großen Vorwurf machen.




Fazit

Unwichtige Leute werden von Zombies gefressen. Aber Zombies nennt man sie, wie in vielen anderen Filmen dieser art, nicht. Hier musste ein Begriff her der cool klingt, also nannte man sie "Rotter". Die Untoten sind auch in diesem Remake relativ hungrig, jedoch hätte man den Stoff belangloser und uninteressanter nicht umsetzen können. Einfach alles an "Day of the Dead: Bloodline" hinkt hinterher. Ob Plot, Drehbuch oder Produktionskosten (die Schauspieler würde ich hier nicht einmal verurteilen), nichts davon wird irgendeinen Zuschauer vom Sofa fegen. Es ist die Ideenlosigkeit, die hier furchterregender ist als die Zombies. Hier wirbt man einfach mit einem großen Name, sämtliche Vergleiche mit Romeros Day of the Dead verbieten sich hier und bereits zu Beginn kann man sich von der kleinen Hoffnung verabschieden, es hier mit einem einigermaßen sehenswerten Film zu tun zu kriegen. Warum Ressourcen für so ein Filmprojekt verbrannt werden, wird nicht nur Fans des Genre ein Rätsel sein, sondern, vielleicht nicht sofort aber wenn etwas Zeit vergangen ist, den Verantwortlichen dieser Produktion. Diesen Schund also ignorieren und darauf hoffen, dass das Original in Deutschland, längst überfällig, nicht mehr beschlagnahmt ist und somit auch anschließend vom Index marschiert.

Dienstag, 13. März 2018

Review: Hibana: Spark




Japan 2016

Hibana: Spark
Romanvorlage: Naoki Matayoshi
Regie: Ryuichi Hiroki u.v.m.
Darsteller: Kento Hayashi, Kazuki Namioka, Masao Yoshii, Tomorowo Taguchi, Mugi Kadowaki
Episoden: 10
Distributor: Netflix
Genre: Drama-Serie


Leichte Spoiler zu Episode 8-9


Durch eine Berichterstattung bei NHK World wurde ich bereits vor einigen Jahren auf Naoki Matayoshis Roman "Hibana: Spark" aufmerksam. In Japan löste das Buch einen regelrechten Hype aus und bescherte dem jungen Manzai-Künstler (geboren 1980) im Jahr 2015 sogar den begehrten Akutagawa Preis, der Literatur-Debütanten überreicht wird. Zwischen der Veröffentlichung des Buches, des Akutagawa Preises und der TV-Serie von Netflix liegen gerade einmal rund 2 Jahre. Doch der Erfolg dieser Geschichte war damit noch nicht am Ende. Erst zum Ende vergangenen Jahres erschien ein exklusiv in Japan veröffentlichter, alternativer Kinofilm mit einem komplett neuem Ensemble an Darstellern. Da Matayoshis Roman meines Wissens nach bisher nicht im Westen erschienen ist und es weder eine deutsch- oder englischsprachige Übersetzung gibt, fehlt mir leider die Referenz zu dem Buch und daher sind mir Vergleiche zur Originalvorlage leider nicht möglich.

Wenn das Buch also nicht verfügbar ist, dann muss halt die Serie herhalten. Aufgrund einiger Empfehlungen (besonders zur Zeit des Japanuary) habe ich mir die Serie vor einiger Zeit auf meine Watchlist gepackt. Mit 10 Episoden und über 50 Minuten Laufzeit pro Episode bei einer Vorlage, die keine 200 Seiten umfasst, ist diese Netflix-Produktion üppig ausgestattet. Ich tue mich bei Serien bekanntlich sehr schwer und normalerweise bin ich für eine Serie bei einer rund 10 stündigen Laufzeit pro Staffel bereits nicht mehr zu haben. Hibana ist glücklicherweise eine der Serien, die unglaublich gut auf meine Interessen und Sehgewohnheiten abgestimmt ist und keinen so extremen Spannungsbogen besitzt, dass man sich genötigt fühlt, mehr als 2 Episoden pro Tag zu schauen.

Im Fokus der Geschichte steht die japanische Form der Comedy "Manzai". Diese extrem beliebte art der Komik umfasst in den meisten Fällen ein Duo an Komikern und ist berüchtigt für ihre extrem schnellen Wortwechsel die oftmals auf Missverständnissen und Wortspielen basieren. Im Mittelpunkt selbst steht in dieser Serie aber nicht die Komik sondern die Leute, die mit Manzai groß rauskommen wollen. Ziel des Erfolges sind in Japan nicht einmal die Live-Bühnen sondern das Fernsehen.
Das zentrale Thema der Serie dreht sich jedoch um eine Freundschaft, Bewunderung, Träume und eigentlich alles, was normalerweise ein Großstadtroman zu bieten hat. Dafür, dass es in Hibana um die Komik geht, werden am Ende tatsächlich mehr Tränen vergossen als man Leute zum lachen gebracht hat. Hibana: Spark ist eine waschechte Drama-Serie, oftmals sehr experimentell, ausgestattet mit wunderschönen Bildern und einem exzellent aufgewählten Cast. Für eine japanische Drama-Serie ist Hibana fast schon bodenständig.

Über einen Zeitraum von 10 Jahren erstreckt sich die Geschichte und wir begleiten den aufstrebenden Comedian Tokunaga mit seinem Manzai-Partner Yamashita, gemeinsam haben sie die Formation "Sparks" gegründet. Nach einem missglückten Auftritt lernt Tokunaga den älteren, extrovertierten Comedian Kamiya des Duos "Ahondara" (Schwachkopf) kennen. Schnell ist Tokunaga von der art Kamiyas und seinem Manzai fasziniert und bittet ihn schließlich darum, ihn als Schüler zu akzeptieren. Als Kamiya ebenfalls nach Tokio zieht, beginnt eine einzigartige Freundschaft, die viele Hürden zu überstehen hat.

Bereits die Pilotfolge ist optisch ein Fest für die Sinne. Die mehr als anständigen Produktionskosten werden hier auf den ersten Blick deutlich. Die Serie entfaltet einen wundervollen Charme und man möchte wissen, wie es mit diesen ungleichen Charakteren weitergeht. Inhaltlich haben wir es hier natürlich lediglich mit einer typischen "streben nach Ruhm" Geschichte zu tun. Doch es ist die Art, wie diese Geschichte erzählt wird, genau darin liegt die eigentliche Stärke von Hibana. Oftmals passiert in den einzelnen Folgen nicht einmal dramatisch viel (worin automatisch auch der größte Kritikpunkt liegt). Erstmals empfand ich diese Leere jedoch in Episode 5 und dabei sollte es auch bis auf wenige Segmente in den weiteren Folgen bleiben. Trotzdem bleiben aber auch automatisch einige Chancen ungenutzt. Über die Charaktere und ihrer Vergangenheit erfährt man nur selten etwas. Tokunagas Kindheit wird öfters mal angeschnitten aber nie wirklich zufriedenstellend zu einem Ende gebracht (seine Kindheit in einem Elternhaus der unteren Mittelschicht zum Beispiel oder das persönliche Verhältnis zu seiner Schwester). Auch die heftigen Zeitsprünge von mehreren Monaten bis zu einem Jahr pro Episode machen sich bemerkbar. Bei der langen Laufzeit muss man da inhaltlich eigentlich wesentlich mehr zu sehen bekommen oder aber man hätte sich auf 30-40 Minuten Laufzeit pro Episode einigen sollen. Besonders zu leiden haben darunter die letzten beiden Episoden. Feierten die Sparks in Episode 8 noch unerwartete Erfolge und konnten von ihrem Einkommen als Comedians leben, so rangen sie in Episode 9 auf einmal wieder um ihre Existenz und mussten wieder in Supermärkten auftreten. Die Geschicke wurden hier nicht wirklich konsequent fortgeführt und es kam mir des öfteren mal vor, als gäbe es immer mal wieder größere Lücken in der Geschichte.

Diese erzählerischen Schwächen werden aber immer wieder durch herausragende schauspielerische Leistungen von Kento Hayashi und Kazuki Namioka gerettet. Obwohl die Serie durch die Bank weg stark besetzt ist (in einer etwas kleineren Rolle ist auch "Tetsuo: The Iron Man" Tomorowo Taguchi ein fester Bestandteil der Besetzung), so sind es diese beiden Schauspieler, die die Serie tragen. Besonders interessant sind die Unterschiede beider Charaktere. Ist Tokunaga schüchtern, zurückhaltend und beinahe introvertiert, so ist der hektische Kamiya das passende Gegenstück zu ihm.

Angemerkt muss noch werden, es fließen verdammt viele Männer-Tränen in dieser Serie. So viele, dass einige Zuschauer hier vielleicht sogar etwas abgeschreckt werden könnten. Die emotionalen Momente habe ich jedoch nie als Overacting wahrgenommen. Viele japanische Drama-Serien driften oftmals gerne in eine zu theatralische Darstellung ab, was gleichzeitig für eine gewisse unfreiwillige Komik sorgt. Den salzigen Geschmack der Tränen kann man als Zuschauer von Hibana beinahe schmecken. Es sind ehrliche Tränen über geplatzte Träume, Freundschaften und über falsche Entscheidungen. Vermutlich kann sich mit der ein oder anderen vergossenen Träne auch der Zuschauer Dann und Wann mal identifizieren. Die ganze Inszenierung wird dabei noch von unglaublich passender Musik begleitet.



Resümee

"Hibana: Spark" hat mich 10 Episoden lang auf eine beeindruckende Reise durch Tokio mitgenommen. Beinahe kann man diese Mini-Serie auch als einen kleinen Reiseführer bezeichnen. Mit dem sympathischen Cast wird man lachen, mitfiebern und vielleicht auch mal weinen. Streiten kann man sich über die üppige Laufzeit der Episoden und ob manchmal nicht etwas Straffung angebrachter gewesen wäre. Dennoch weiß die Serie auch in der veröffentlichten Form zu überzeugen. Mehr noch, die Serie bringt eigentlich alles mit, was der japanischen Filmwirtschaft derzeit fehlt. Es wäre schön, irgendwann mal die Romanvorlage lesen zu können, auch wenn eine Übersetzung derzeit wohl ziemlich unwahrscheinlich sein dürfte. Die Serie uneingeschränkt zu empfehlen wäre falsch und vielleicht liege ich eher mit der Empfehlung als Geheimtipp richtig (am ehesten kann man Hibana mit Takeshi Kitanos Film "Kid's Return" aus dem Jahr 1996 vergleichen). Ein Hang zur japanischen Kultur sollte vorhanden sein, vielleicht auch noch etwas Experimentierfreude. Eine faire Chance sollte man der Serie aber auch geben, wenn man meint, man würde Netflix bestens kennen.