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Dienstag, 29. Dezember 2020

Review: Pflicht und Schande (Giri/Haji)

 



Japan/Großbritannien 2019


Pflicht und Schande aka Giri/Haji
Idee und Drehbuch: Joe Barton
Regie: Julian Farino, Ben Cessell
Darsteller: Takehiro Hira, Kelly Macdonald, Yosuke Kubozuka, Justin Long, Aoi Okuyama
Episoden: 8
Distributor: BBC Two (Großbritannien), Netflix (International)
FSK: 16
Genre: Krimi, Unterwelt-Drama



Wenn man die babylonische Sprachverwirrung verfilmen würde, würde vermutlich die 8 teilige Crime-Series "Pflicht und Schande" dabei rauskommen. Denn dem berüchtigten Kulturschock scheinen in dieser kurzen Serie weder die japanischen, noch aber die britischen Schauspieler gewachsen zu sein.

Pflicht und Schande oder aber auch Duty and Shame, so wurde die Serie international getauft. Einfacher ist natürlich der japanische Titel der lediglich aus den Silben Giri (Pflicht) und Haji (Schande) besteht. Um mir etwas Zeit zu sparen werde ich diesen Titel für das Review benutzen.
Die Ambitionen für dieses Projekt waren durchaus groß. Ein Ensemble aus teilweise international bekannten Schauspielern und jungen Darstellern mit wenig Erfahrung, die man aus beiden Ländern hat engagiert. Das Budget ist für eine Krimiserie beachtlich und mit BBC Two und Netflix hat man nicht nur Budget im Rücken, sondern auch Aussicht auf eine Fortsetzung. Diese Hoffnungen müssen Fans aber nun begraben, im September gaben beiden Distributoren das Ende der Zusammenarbeit und somit auch von der Serie bekannt. Die Trauer wird sich vermutlich in Grenzen halten, so bleiben am Ende doch nur wenig Fragen offen und sollte man nicht auf eine komplett neue Story sowie Charaktere setzen, würde wohl die Luft aus Staffel 2 schnell raus sein.

Auf dem Papier klingt die Prämisse mal wieder besser als die Umsetzung. In den 8 Episoden von denen jede knapp eine Stunde Laufzeit vorzuweisen hat, erlebt der Zuschauer eine wilde Achterbahnfahrt an Emotionen. Positive sowie negative Erfahrungen habe ich gemacht, komme aber zum Schluss, dass das Positive sich hier am Ende noch durchsetzen konnte. Doch Giri/Haji hätte weitaus mehr sein können, hätte man die Ambitionen runtergeschraubt. Charaktere werden verheizt, Sprachbarrieren zwischen den Schauspielern scheinen die allgemeine Harmonie unter den Darstellern zu behindern und zu viele Style over Substance Elemente, die der Serie durchgehend im Weg stehen, sind ein stetiger Begleiter dieser Miniserie.

Die Story selbst ist schnell zusammengefasst. Giri/Haji möchte gerne Yakuza-Drama und Krimi in einem sein. Daher wird die Geschichte der beiden ungleichen Brüder Kenzo (ein Polizist) und Yuto (ein Taugenichts der zu einem Gangster wird) sowohl in Japan als auch in Großbritannien erzählt. Der Yakuza-Anteil spielt in den japanischen Segmenten der Serie, der vermeintliche Krimi-Anteil spielt in Großbritannien. Bei der Story selbst griff man relativ tief in die Klischeekiste, was aber gar nicht mal das Problem ist. Das Rad kann man bei solch einem Genre unmöglich neu erfinden. Es hapert eher an der Umsetzung dieser Thematik. Yuto baut Mist, flüchtet aus Japan und landet irgendwie in Großbritannien und sein großer Bruder erhält den Auftrag, Yuto wieder einzufangen. Schnell wird jedoch klar, auch Kenzo als Polizist ist kein Saubermann und schreckt nicht davor zurück, für den Schutz seines kriminellen Bruders, zu töten. Als Kenzo in Großbritannien ankommt erwartet ihn nicht nur eine düstere Such-Odyssee nach seinem Bruder, es herrscht auch ein lokaler Bandenkrieg und Kenzos familiäre Probleme werden deutlicher, als je zuvor als dann auch noch seine junge Tochter Taki sich nach Großbritannien aufgemacht hat.

Die erzählerischen Schwächen der Serie machen sich immer wieder bemerkbar. Sowohl in Großbritannien als auch in Japan herrschen erbitterte Bandenkriege. Auf die wird jedoch nur viel zu selten eingegangen. Besonders darunter leiden die verstrickten Angelegenheiten der japanischen Bandenkriege unter den verfeindeten Yakuza-Klans. Mir war es am Ende unmöglich, die Beziehungen unter den einzelnen Klans und deren Probleme nachvollziehen zu können. Doch auch die Beziehung unter den beiden Brüdern sowie Kenzos Probleme mit seinen alternden Eltern, seiner Frau und seiner rebellischen Tochter bringen strukturelle Schnitzer mit sich. Das größte Mysterium selbst war für mich jedoch Kenzo, der als sehr labiler, gleichzeitig aber gerissener und eiskalter Typ daherkommt. Mir scheint es, als konnte sich der Schreiber Joe Barton nie so richtig entscheiden, in welche Richtung es mit dieser Figur nun gehen wird. Unter der gleichen Krankheit leiden aber auch die Nebencharaktere wie die Polizistin Sarah (Kelly Macdonald), die hier als ein unsicherer, eifersüchtiger, scheinbar nymphomanischer Sukkubus dargestellt wird. Auch der quirlige, homosexuelle Toshio, der das seltsame Gespann den ganzen Weg lang begleitet, macht eine ähnliche Achterbahnfahrt mit. Ich konnte mich einfach nie entscheiden, ob die Charaktere einfach völlig unsympathisch sind und ich daher keinen Bezug zu ihnen finde, oder aber all das so gewollt ist und das ganze eine düstere Charakterstudie ist. Ich bin zum Schluss gekommen, es ist vermutlich beides. Zudem kommen die angesprochenen Probleme, wo die Schauspieler sich untereinander sprachlich nicht so ganz zu verstehen scheinen. Man versucht durchgehend zu kaschieren, dass Takis Schauspielerin Aoi Okuyama vermutlich kaum ein Wort Englisch beherrscht. So, wie die Charaktere untereinander agieren wirkt es hölzern, manchmal unfreiwillig komisch, als ob besonders die japanischen Darsteller die Regieanweisungen nicht komplett verstanden hätten. Sobald diese sich wieder in ihrer Muttersprache unterhalten, kommt die Souveränität zurück. Auch Kenzo Mori Darsteller Takehiro Hira macht bei den englischsprachigen Szenen nicht gerade das souveränste Bild.

Wesentlich interessanter hingegen waren dann die in Japan gedrehten Segmente für die Serie. Da schafft es Giri/Haji dann, wie ein traditionelles Yakuza-Drama zu wirken, oder, sagen wir, die Serie schafft es, typisch japanisch zu wirken. Die Yakuza selbst sind nur ein Element dieser Szenen. Im Fokus stehen die familiären Hintergründe der beiden Brüder, die beide unterschiedliche Wege eingeschlagen haben, sich aber doch mehr ähneln, als man zuerst denkt. Hier liegen die Stärken von Giri/Haji. Umso untröstlicher ist es, dass besonders die Bandenkriege in den Japan-Szenen so stark vernachlässigt werden. Diese Szenen gibt es übrigens ausschließlich nur in japanischer Sprache mit Untertiteln.

Sobald es zurück nach Großbritannien geht (die Serie wechselt munter hin und her, was aber bei mir nie für Verwirrung gesorgt hat), kommen auch die alten Probleme wieder. Und da ist dann Vickers (Justin Long) das nächste Problem. Das reiche amerikanische Vatersöhnchen, das auf eigenen Beinen stehen möchte. Ich würde nie auf den Gedanken kommen, Justin Long als großen Hollywooddarsteller zu bezeichnen, aber zusammen mit Kelly Macdonald dürfte er wohl der prominenteste Name unter den westlichen Darstellern sein. Wenn man sich also schon Justin Long ins Boot holt, sollte man ihn auch nutzen, denn Potential für seine Rolle war da. Sogar so viel, dass er, meiner Meinung nach, am Ende noch für viel Abwechslung und Entscheidungen hätte sorgen können. Stattdessen verfallen die Macher immer wieder in technische Spielereien die absolut nichts zur Story beitragen und vermutlich einfach cool und stylisch aussehen sollen. Doch so einfach funktioniert das halt nicht und diese Szenen tragen einen großen Anteil daran, dass es manchmal schwer ist, die Serie ernst zu nehmen, weil sie sehr gezwungen ernst und cool und stylisch wirken möchte, man damit aber eher das Gegenteil erreicht. Dies wird noch einmal deutlich, wenn man den Showdown auf dem Dach sieht und die Episode in einen Tanzspektakel ausartet.

Doch ausgerechnet die zuerst unscheinbare Geschichte mit den drei Frauen (Kenzos Frau, Mutter und die Tochter des Yakuza-Bosses, mit der Yuto ein Verhältnis hatte) und ihrem Road Trip war es, die mir persönlich mit am besten gefallen hat, da hier weitaus weniger wert auf irgendwelche hippen Fabrfilter, Kameraeinstellungen oder Gangster-Gelaber gelegt wurde.




Abschließende Gedanken

Giri/Haji kann durchaus mit vielen starken Momenten überraschen. Sein volles Potential schöpft die Serie jedoch nie aus. Das Ende finde ich jedoch überraschend zufriedenstellend und lässt eigentlich auch keinen großen Spielraum für eine Fortsetzung (zumindest nicht mit diesen Charakteren). Es ist eine ausgewogene Mischung aus beantworteten Fragen, abgeschlossenen Character-Arcs und einigen unbeantworteten Passagen, die aber wiederum eher dafür sorgen sollen, sich nachträglich noch über die Serie zu unterhalten und sich vielleicht ein Schlupfloch für eine Fortsetzung in Reserve zu halten. Wie wir nun wissen, wurde daraus nichts und BBC Two und Netflix haben die Lichter ausgeschaltet und den Rausschmeißer bereits verständigt. Wenn man vielleicht weniger mit der japanischen Filmlandschaft vertraut ist, könnte Giri/Haji durchaus besser funktionieren. Leider wollen die Macher aber zu oft die großen Vorbilder kopieren und wissen selbst nicht, was genau den Charme dieser Filme ausmacht. Da, wo Giri/Haji zu verspielt ist, hätte die Serie wesentlich bodenständiger sein müssen. Besonders die ersten fünf Folgen leiden unter dem Style over Substance Konzept. Danach fängt sich die Serie und bietet einen exotischen Ausflug in eine düstere Geschichte. Muss man mögen, könnte man eine Chance geben, aber eine klare Empfehlung kann ich hier halt auch nicht aussprechen.

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