Archiv: Rezensionen zu Literatur und Film

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Mittwoch, 31. Juli 2024

Einwurf und Review: Deadpool & Wolverine: Sympathischer Schabernack

 


Dieser Artikel enthält Spoiler zu Deadpool & Wolverine. Weiterlesen auf eigene Gefahr!



Die Idee zu einer Live-Action-Adaption zu Deadpool & Wolverine ist vermutlich älter als das MCU (Marvel Cinematic Universe) selbst. Bereits vor einigen  Jahren erschien eine vermeintliche Post-Credits-Szene zu Logan*, die sich jedoch schnell als äußerst gelungener Fake entpuppte und aktueller gar nicht sein könnte: Die Szene zeigt Deadpool am Grab des verstorbenen Wolverine, der von den geretteten Kindern in Logan zu Grabe getragen wurde. Was hier als vermeintlicher Teaser für Deadpool 2 galt, ist nun praktisch der Auftakt zum dritten Deadpool Film, dem ersten im MCU. Ein wahrer Schelm, wer böses dabei denkt, dass dieser Fan-Teaser nicht die Inspiration für Deadpool & Wolverine war, den Film am Grab von Logan aka Wolverine zu starten.

Lange war unklar, ob dieser Film jemals zustande kommen würde und welchen Weg Disney hier einschlagen würde, die bis dato eine strikte PG-13 Politik verfolgten. Doch wie könnte Disney nach seiner Übernahme von 20th Century Fox ignorieren, dass Fox eben zwei der erfolgreichsten R-Rated Streifen aller Zeit in die Kinos gebracht hat?

Während sich das MCU nach Endgame in einer nicht enden wollenden Talfahrt mit gelegentlichen Hochs im Serienbereich befindet und nach seiner eigenen Identität sucht, setzten Disney und Produzent Kevin Feige alles auf eine Karte: R-Rated und viel Nostalgie-Bezug auf Filme, die rein gar nichts mit dem MCU zu tun haben. Mit dem Kinostart am 24.07 (deutscher Kinostart) endete eine langjährige Odyssee um einen Film, der mehr Legende und Damoklesschwert war als etwas, was für Fans der Comic-Antihelden wirklich greifbar war. Mit einem Budget von etwas über 200 Millionen Dollar hat der Film weltweit bereits knapp 500 Millionen Dollar eingespielt was ihn zum erfolgreichsten R-Rated Opening aller Zeiten macht.

Doch wie kann ein Film überzeugen, der nicht nur das MCU wieder auf Vordermann bringen sollte sondern zeitgleich auch auf das Erbe längst vergangener Filme eingehen sollte? Die Antwort darauf ist einfach; gar nicht. Man kann denke ich ganz entspannt sagen, Deadpool & Wolverine ist kein Film, der das MCU auf ein neues Level hievt und nach wenigen Minuten im Film wird klar, dass das niemals die Intention war. Etwas, was besonders vielen professionellen Kritiken sauer aufgestoßen ist und bei nicht wenigen für Hyperventilation sorgte. Der von Kritikern auserkorene heilige Gral, der das MCU nachhaltig verändern sollte, kocht letztendlich auch nur mit ganz bewährten Zutaten und genau diese Zutaten sind es, die diesen Film zu dem Feuerwerk gemacht haben, welches er ist. Zelebriert wird das Popcornkino, Toiletten-Humor und absurde Gewaltorgien, wie man sie unter Disneys hauseigenem Label so noch nicht gesehen hat. Und viel weniger wird hier das MCU zelebriert als viel mehr eine glorreiche Vergangenheit an Filmreihen, die unter den alten Besitzern nie einen wirklichen Abschluss fanden. Feige und Regisseur Shawn Levy konnten hier wahrhaftig aus einem *Pool* von Lizenzen an Marvel-Charakteren fischen. Eine regelrechte Lizenz-Angelei!

Während die Magazine den Film dafür abstraften, nicht die Chance wahrgenommen zu haben, sowohl Deadpool als auch die schon etwas länger in das MCU integrierten X-Men sinnvoller in den aktuellen Kanon einzubauen und neue Story-Arcs zu spinnen, entwickelte sich Deadpool & Wolverine binnen kürzester Zeit zu einem Publikumsliebling. Zu behaupten, der Film würde das MCU weitgehend ignorieren, ist übrigens, nur mal so gesagt, ebenfalls eine maßlose Übertreibung. Natürlich muss auch Deadpool & Wolverine Federn lassen wenn es um konfuse Multiversen geht die wiederum den Tod im MCU fast gegenstandslos machen sowie vielleicht 1-2 Meta-Gags zu viel vom Stapel gelassen werden, aber alle Verantwortlichen haben es dann doch geschafft, eine so unfassbare Harmonie und Synergie unter den vielen verschiedenen Charakteren zu erschaffen, dass die nicht so gelungenen Aspekte im Film in den Hintergrund rücken.

Die Hauptmission dürfte gewesen sein, Marvel mit Stil in die Kinos zurückzubringen. Diese Mission dürfte vollends gelungen sein. Nicht nur sprechen dafür die weltweiten Ergebnisse am Box Office, sondern allen voran auch die positiven Reaktionen der Fans, die Freude an dem Film hatten. Und das Wort "Freude" war im Bezug auf Marvel zuletzt etwas, was arg auf der Strecke geblieben ist. Der mutige Schritt, sich weniger auf das MCU als viel mehr auf Legacy-Charaktere zu fokussieren, war ungeheuer riskant.

Während IGN in einem kontroversen Video noch vor Kinostart dafür plädierte, dass die X-Men einen neuen Wolverine bräuchten und man sich nicht länger an die alten Charaktere klammern sollte, so beweist doch besonders das Duo Deadpool und Wolverine, zu welchen Schauspielern sich die Fans eines strauchelnden Filmuniversums hingezogen fühlen. Hugh Jackmans Bedingung, noch einmal in die Rolle zu schlüpfen, die ihm Weltruhm einbrachte, war dieser Film, dieses Duett mit Deadpool. In einem Film, wo es um Konklusion und Abschiede geht, so könnte es für Jackman als Wolverine tatsächlich der finale Schwanengesang gewesen sein. Eine Rolle, die seit exakt 24 Jahren von einem einzigen Schauspieler verkörpert wird, wird verdammt schwer zu ersetzen sein (besonders wenn man bedenkt, dass sämtliche X-Men Schauspieler bereits von mehreren Darstellern im laufe der Jahre gespielt wurden). Um vielleicht auch mal einen kleinen Tusch für das Video von IGN auszusprechen; vielleicht hat man es versäumt, zeitig auch andere Darsteller für die Rolle des Wolverine interessant zu machen. Nach dem Abgang von Sean Connery als James Bond (auch so ein "Never say Never Typ wie Jackman) hatte man schnell geschaltet, den legendären Charakter alle Jubeljahre auch von anderen Darstellern mit eigener Identität spielen zu lassen. Doch besonders Comicfiguren sind so verwurzelt mit ihren Darstellern, die sie zuerst gespielt haben, dass es schwierig ist, passenden Ersatz zu finden. Nicht umsonst feierte man in Spider-Man: No Way Home den endgültig letzten Auftritt von Tobey Maguire als Spidey sowie Wesley Snipes in seinem vermutlich ebenfalls letzten Auftritt als Daywalker Blade in Deadpool & Wolverine. Irgendwann einmal Ryan Reynolds (immerhin auch noch Produzent und Co-Autor des Films) als Deadpool ersetzen zu müssen, scheint ein kaum machbares Unterfangen zu sein.

Insgesamt mussten Fans viele Jahre auf Deadpool & Wolverine warten. Und noch mehr als zwei Jahrzehnte mehr, Wolverine in seinem ikonischen X-Men Dress bewundern zu dürfen. Trotz des Erfolges des Films ist die Zukunft des MCU weiterhin ungewiss. Feige ist sich bewusst, wie wichtig Identität und Wiedererkennungswert für so ein massives Franchise sind. Die Post-Avengers-Ära erwies sich als schwierig, besonders, wenn es um große Kinofilme ging. Dafür konnte man im Segment Serie mehr glänzen, was man vor allem WandaVision und Loki zu verdanken hat. Mit Kang als großen, übergreifenden Bösewicht und Thanos-Nachfolger (und Skandale rund um seinen Darsteller Jonathan Majors) landete man trotz Potential einen gewaltigen Fehltritt, den man nun wieder ausbügeln möchte. Ziel ist nichts geringeres, als weiterhin den Erfolg von Deadpool & Wolverine zu imitieren und die Kinokassen klingeln zu lassen. Auf der diesjährigen San Diego Comic Con hat Feige den Knaller gezündet: Für die beiden neuen Avengers Abenteuer holt man die Russo Brüder auf den Regiestuhl zurück und zaubert Iron Man Robert Downey Jr. als Marvels wohl bekanntesten Bösewicht Victor von Doom (Doctor Doom) aus dem Hut. Ein gefährliches (End)game und Ritt auf der Rasierklinge. Besonders an Star Wars hat man die letzten Jahre mehr als deutlich gespürt, wenn das teuflische Spiel mit der Nostalgie zum Verhängnis werden kann.

Aber die ungewisse Zukunft des MCU soll die Stimmung nicht trüben. Deadpool & Wolverine ist sympathischer Schabernack, wie man ihn schon länger nicht mehr im Kino geboten bekommen hat. Ein Film, dessen Ziel es nicht war, ein gesamtes Filmuniversum miteinander zu verbinden und auf neue Bahnen zu führen, aber vielleicht in einigen Jahren als der Film bezeichnet wird, der dieses Filmuniversum vor seiner endgültigen Bedeutungslosigkeit gerettet hat. Wenn dafür lange in Rente geschickte Superhelden, entstellte Hunde, ein zu den Backstreet Boys *NSYNC tanzender Deadpool, die eingeölten Männerbrüste von Wolverine und sogar die Hilfe von Madonnas Gebetssong nötig waren, dann hat sich das Risiko und der Aufwand dafür in jedem Aspekt gelohnt.



*Link führt in einem neuen Fenster zu YouTube



Artikel: Aufziehvogel

Sonntag, 12. November 2023

Lost Media: Der verlorene Zeichentrickfilm zu Asterix und die goldene Sichel

 



Erst vor wenigen Wochen erschien mit "Asterix und die Weiße Iris" das neuste Asterix-Album Nummer 40, erstmals getextet vom neuen Schreiber Fabcaro (Fabrice Caro). Doch kehren wir zurück ins Jahr 1962, als das zweite offizielle Asterix-Abenteuer (bei uns erst als fünfter Band erschienen) in Frankreich erschienen ist: "Asterix und die goldene Sichel" (Astérix et la Serpe d'Or). Im direkten Vergleich zum Erstling "Asterix der Gallier" etablierte das zweite Abenteuer bereits etliche bekannte Stilmittel, die die Comicreihe über Jahrzehnte noch prägen sollten. Allen voran war es das erste Abenteuer, wo Obelix als zweiter Hauptcharakter neben Asterix etabliert wurde.

Als 1967 die erste Zeichentrick-Adaption zu einem Asterix-Album erschienen ist (Asterix der Gallier), waren die beiden Asterix-Schöpfer Goscinny und Uderzo außer sich. Der Film ist ohne irgendeine Kontaktaufnahme zu den beiden Machern der Comics entstanden und beide erfuhren von der Existenz des Filmes erst kurz vor dessen Fertigstellung. Der Film entstand mithilfe des Comicverlags Dargaud (benannt nach seinem Gründer Georges Dargaud) und für die Animationen zeichnete sich das Studio Belvision aus. Das Fazit von Goscinny und Uderzo fiel bei einer Testvorführung mehr als verhalten aus und beide waren sich einig darüber, so sollen zukünftige Asterix-Adaptionen nicht aussehen.

Was den beiden zu dem Zeitpunkt da schon klar gewesen sein muss, es war nahezu komplett die Filmadaption zum zweiten Album abgeschlossen sowie bereits ein dritter Film in Auftrag gegeben, der später als "Operation Hinkelstein" bekannt werden würde, was jedoch erst viele Jahre später (1989) und nach dem Tod von Goscinny realisiert wurde. Die Verfilmung zu "Die goldene Sichel" sollte mit rund 68 Minuten eine originalgetreue Umsetzung des Comics werden und war laut Aussagen der Verantwortlichen weit in der Produktion fortgeschritten. Erneut war Belvision für die Animationen verantwortlich, diesmal fiel das Fazit der beiden Schöpfer aber noch gnadenloser aus. Goscinny und Uderzo sollen außer sich gewesen sein. Etliche Dekaden später wurde Uderzo noch einmal nach der verworfenen Adaption gefragt worden sein und schmunzelnd soll dieser beteuert haben, dass die Animationsqualität des Films unterirdisch war.

Goscinny und Uderzo ordneten bei ihrem Verleger Dargaud an, sämtliches Material zur Verfilmung zu beseitigen, der anschließend den kritischen Schöpfern gegenüber nachgab.

Es heißt, bis auf einige wenige Negative, die präserviert werden konnten (und in Belgien auf einer Ausstellung namens "Astérix: le Monde Miroir" vorgestellt wurden), sei von dem fertiggestelltem Material nichts mehr übrig geblieben. Zudem muss man bedenken, die komplette Produktion war schon damals noch nicht zu 100% abgeschlossen und der Film wurde vor seiner Fertigstellung bereits abgesägt.

Ob es nicht wirklich noch irgendwo bewegtes Material gibt, kann man nicht mit Gewissheit sagen. Aber bedenkt man, wie ernst es dem Duo war, kann man davon ausgehen, dass diese verlorene Adaption waschechtes Lost Media Material ist.

Die Frage, ob man sich noch einmal an eine Adaption wagen wird, steht ebenfalls in den Sternen. Die meisten der 40 Asterix-Comics wurden nie adaptiert. Und die vorhandenen Adaptionen sind häufig Eigenkreationen die entweder lose auf mehreren Comic-Abenteuern basieren oder komplett aus Originalmaterial bestehen, wie auch schon die neuen 3D animierten Filme, wo lediglich zu Beginn "Asterix und die Trabantenstadt (2014)" relativ authentisch der Comic adaptiert wurde. Da aber besonders die neuen Filme auf Spielfilmlänge setzen und die Comics mit ihren 45-47 Seiten pro Album nur selten genug Material für einen kompletten Spielfilm bieten ohne Lückenfüller-Material einbauen zu müssen, sind weitere originalgetreue Adaptionen der Comics eher auszuschließen.

Aber das soll die Sache nicht schmälern, immerhin kann das wundervolle Original als Comic weiterhin druckfrisch genossen werden. Und durch die vielen Filme kann man sich zumindest seine Lieblingsstimmen aus den deutschen Synchronfassungen zu den Textblasen denken!



 


Alle Bilder stammen aus der Lost Media Wiki. Dort ist zudem noch ein kompletter Artikel zur Adaption (auf Englisch) sowie weiteres seltenes Bildmaterial verfügbar: Lost Media Wiki Eintrag (Link öffnet ein separates Fenster)


Nachtrag 17.11
Wenn schon, dann auch richtig! Als ich gerade in meine eigene kleine Asterix-Sammlung geblickt habe, habe ich sehr häufig auf den Covern von ein paar Sonderausgaben "Dargaud" gelesen. Hierbei handelte es sich nie um die Filmproduktionsfirma, die die Rechte an den Filmumsetzungen besaßen, Dargaud, benannt nach seinem Gründer George Dargaud, ist der Verleger der Asterix Comics in Frankreich und übernahm später das wohl bekannteste Comic-Magazin Frankreichs, Pilote.
Für die Ungereimtheiten bitte ich zu entschuldigen, der Text wurde bereits angepasst. Getrennt hat man sich vom Animationsstudio Belvision.

Mittwoch, 16. August 2023

Einwurf: Rehragout-Wahnsinn und das ewig leidige Thema rund um Buchadaptionen



Heile Welt und Sonnenschein in der gemütlichen fiktiven Provinzidylle Niederkaltenkirchen, Exakt 10 Jahre nun scheinen die Provinzkrimis von Rita Falk gemeinsam mit den Verfilmungen von Constantin Film in friedlicher Harmonie in einer Koexistenz zu leben. Selbst ich, der deutschen Krimis fremder nicht sein kann und bei den Rosenheim Cops sowie Hubert und/ohne Staller schnell das Weite sucht, ist bewusst, wie erfolgreich die Eberhofer-Krimis sowohl als Buch wie auch als Film sind. Für Leser und Filmfans ist jeder neue Fall eine Rückkehr in die zweite Heimat zu guten Freunden. Von den aktuell 11 erhältlichen Romanen wurden via Constantin Film 9 Bücher verfilmt. Die beiden aktuell nicht verfilmten Bücher "Zwetschgendatschikomplott" sowie "Weißwurstconnection" (Bücher 6 und 8) wurden, laut Info von Constantin Film, aktuell aufgrund des Umfangs des Buchstoffes bisher noch nicht realisiert. Die Rechte an diesen beiden Verfilmungen liegen noch immer bei Constantin Film und man hält sich die Möglichkeit offen, diese noch zu adaptieren.

Pünktlich zur Premiere der Adaption von Rehragout-Rendezvous ist im Spiegel ein Interview mit der Autorin Rita Falk erschienen, wo sie noch einmal erläuterte, wieso sie nicht zur Premiere des neusten Films erschienen ist. Da der Artikel von Spiegel hinter einer Paywall steht, werde ich nur die Worte der Autorin hier mal zusammenfassen. So bezeichnete sie den neuen Film als platt, trashig und gar ordinär. Wenn im Abspann "Nach einem Roman von Rita Falk" auf der Kinoleinwand zu sehen sei, sei diese Bezeichnung nicht ganz korrekt, da die Verfilmung mit ihrem Roman nicht mehr viel zu tun habe. Die Autorin habe darüber, laut ihren eigenen Aussagen, sogar Tränen vergossen. Sie bezweifle, dass es weitere Verfilmungen geben wird was vermutlich auch bedeuten mag, die Filmrechte für den nun kommenden 12. Band "Steckerlfischfiasko" im Oktober, scheinen noch nicht ausgehandelt zu sein.

Nun aber die Rolle rückwärts, sowohl von Constantin Film als auch Rita Falk. Man gibt sich versöhnlich. Constantin Film schätze seit Jahren die Zusammenarbeit mit der Autorin und gab sich bestürzt und betonte, wie viel Arbeit und Passion in diesen Filmen stecke, sowohl was die Darsteller als auch die Arbeit hinter der Kamera angeht. Wertschätzung für die Darsteller und die anderen Verfilmungen gab es nun auch von der Autorin, ihre Kritik gegenüber dem neuen Film bleibt jedoch bestehen. Dennoch war es ihr wichtig, dass man ihr nicht die Worte nun im Munde verbiegt. Dazu besteht auch kein Grund, da die Autorin im Originalzitat ausschließlich die neueste Verfilmung im Fokus der Kritik stand. Im Rahmen der Emotionen können dann auch solche Worte fallen wie das vermeintliche Ende weiterer Adaptionen. Natürlich wird hier von beiden Seiten auch Schadensbegrenzung betrieben. Denn bei solchen Geschichten geht es um viel Geld sowie gleich drei Parteien an Fans, die die Bücher schätzen, die die Filme schätzen, die beides schätzen. Eine Reihe, die generell für ihre urdeutsche Provinzidylle und Heimatfeeling geschätzt wird.

Und dennoch dürfte das letzte Wort hier bestimmt noch nicht gesprochen sein. Ob die Zusammenarbeit zwischen beiden Parteien weiterhin möglich sein wird, wird sich erst noch zeigen müssen. Und selbst wenn es nicht so kommt, die Rechte für die aktuell nicht verfilmten Bücher liegen weiterhin bei Constantin Film, die somit im Rahmen dieser Lizenzvergabe diese Bücher jederzeit umsetzen könnten.

Dieses hochaktuelle Thema bringt aber viel mehr ein deutlich älteres Thema zurück auf den Speiseplan. Die Problematik rund um Buchadaptionen. Wie weit darf sich ein Film vom adaptierten Buch unterscheiden? Blockbuster wie Peter Jacksons Herr der Ringe und Harry Potter geben genaue Auskunft darüber. Besonders bei Jacksons Trilogie-Auftakt "Die Gefährten" wurde die Story so dermaßen umgeschrieben, dass ein Kenner des Buchs hier kaum noch irgendwas wieder erkennen dürften. Völlig verschiedene chronologische Abläufe, fehlende Charaktere, fehlende Abschnitte ersetzt durch teilweise Original-Content, den es nur in den Filmen zu sehen gibt. Bei Harry Potter ist es da noch ein wenig anders, dort werden massive Teile der Bücher einfach in späteren Filmen nahezu ersatzlos gestrichen, was besonders in den letzten Filmen zu einer menge Anschlussfehlern führt.

Doch wie soll man ein 800-1000 seitiges Epos originalgetreu umsetzen, wenn bereits eine leichtere Lektüre wie die Provinzkrimis von Rita Falk für den filmischen Massenmarkt gestrafft und gekürzt werden müssen, und natürlich darf es auch nicht zu komplex sein. Während Peter Jackson mit seiner etwas eigenbrötlerischen Adaption dennoch den Nerv der Zeit getroffen hat, bewies etliche Jahre später die Hobbit-Trilogie ja das genaue Gegenteil. Die Adaption eines Kinderbuchs auf 3 epische Filme zu verteilen und dabei Dinge hinzudichten zu müssen, die gar nicht aus diesem Buch stammen war ein Balanceakt, der nie funktionierte.

Buchadaptionen sind auch nach wie vor beliebt wie nie zuvor. Ob The Witcher, Das Rad der Zeit oder House of the Dragon. Fantasy-Schwergewichte konsumentenfreundlich aufbereitet für Fans von TV-Serien. Bei The Witcher, wo nach viel Fanfare in beiden Staffeln zuvor die nun aktuelle dritte Staffel mit Henry Cavills Abschied als Geralt von Riva rekordweise Negativkritiken einfährt, bekommen Netflix und die Showrunner nun die Quittung dafür, wenn man sich zu weit von dem Quellmaterial entfernt.

Und genau hier liegt wohl auch die Crux. En Buch 1:1 als Film oder Serie umzusetzen ist ein hoffnungsloses Unterfangen. Viel wichtiger ist es jedoch, sich nicht vom Ton, der Vision des Autors oder der Autorin und zu weit vom Quellmaterial zu entfernen. Eine menge Adaptionen leiden exakt darunter, dass sie sich zu weit von dem Stil und der geschaffenen Welt des Schriftstellers entfernen. Game of Thrones ist hier weiterhin ein gutes Beispiel, Doch besonders in dem Fall, wenn ausreichend Quellmaterial existiert wie zum Beispiel bei The Witcher und den Eberhofer-Krimis, so sollte es die oberste Priorität sein, das zu adaptierende Buch zu respektieren. In den seltensten Fällen funktioniert die andere Alternative und wenn ich hier die Original Bond-Romane von Ian Fleming anführen würde, würde ich direkt einen weiteren Einwurf benötigen.

Eine Buchadaption ist ein Balanceakt. Fast schon zu vergleichen mit bergsteigen. Eine Debatte, die eigentlich schon zu oft durchgekaut wurde und trotzdem immer aktuell bleiben wird. Aber besonders die Eberhofer-Debatte dürfte allen voran mal wieder Werbung für eines der ältesten Medien dieser Welt sein, das Buch. Für mich eine gute Gelegenheit, mal in die Provinz zu reisen.



 

Quellen:


Dienstag, 30. August 2022

Meercast Episode 6: Murakami-Adaptionen 1 - Burning

 


Aus der etwas verlängerten Sommerpause melde ich mich mit einer neuen Episode des Meercast. In einem zweiteiligem Special möchte ich mich den Haruki Murakami Adaptionen "Burning" sowie "Drive My Car" widmen. Bei diesen Besprechungen handelt es sich um Reviews, keine Interpretationen.
Diesmal kann der Meercast auch endlich wieder direkt über den Blog abgespielt werden. Für den zweiten Teil des Specials gibt es aktuell noch kein Veröffentlichungsdatum, die neue Episode ist aber für Ende September angepeilt! Relevante und wissenswerte Links sind über die Beschreibung im YouTube Video zu finden.


Infos zum Films:

Südkorea 2018

Burning
Regie: Lee Chang-dong
Genre: Mystery-Drama
Laufzeit: Circa 148 Minuten
FSK: 16




Sonntag, 30. Juli 2017

Tag 7 Review: T2 Trainspotting




Großbritannien 2017

T2 Trainspotting
Regie: Danny Boyle
Drehbuch: John Hodge
Vorlage: Irvine Welsh
Darsteller: Ewan McGregor, Ewen Bremner, Jonny Lee Miller, Robert Carlyle, Anjela Nedyalkova
Laufzeit: 117 Minuten
Genre: Komödie, Drama
Verleih: TriStar/Sony
Premiere: 22.01.2017
FSK: Ab 16





Sag Ja zum Leben! Sag Ja zu T2 Trainspotting?



Sequels haben an Bedeutung verloren, Remakes sind Out und der Reboot-Hype ist abgeebbt zu einem kleinen Tümpel. Wenn das moderne Kino alles durch hat, was gibt es da denn noch? Revivals! Im digitalen Zeitalter, wo besonders durch Streaming-Plattformen der Zugriff auf Filmklassiker immer möglich ist, bleibt auch die Zielgruppe eines richtig guten Films immer frisch. Anders als bei einem Remake oder Reboot kommt bei einem Revival, sofern es möglich ist, die gleiche Crew zusammen, die das Original so erfolgreich gemacht hat. Neben dem derzeit erfolgreichen Twin Peaks Revival folgt in einigen Monaten auch die erste offizielle Fortsetzung zu Blade Runner (Regie: Denis Villeneuve). Und so scheint es gar nicht so unmöglich, dass Quentin Tarantino seine Ankündigung einmal in die Tat umsetzen könnte, wo Vernita Greens mittlerweile erwachsene Tochter auf Rachefeldzug geht um sich Beatrix Kiddo in Kill Bill Vol. 3 vorzuknöpfen.

Während Twin Peaks Fans rund 25 Jahre warten musste, mussten Trainspotting Fans lediglich 20 Jahre warten. 1996 ließ Danny Boyle seine Skagboys (mit einem Ensemble aus damals relativ unbekannten britischen Schauspielern) auf die Masse los. Basierend auf dem gleichnamigen Roman von Irivine Welsh war die Filmversion von Trainspotting ein Abgesang auf das schrille Großbritannien der 90er. Ein Land im Wandel, des Widerspruchs und einer gewissen Unsicherheit, So agierten in der gesellschaftskritischen schwarzen Komödie auch die Akteure, die entweder abhängig von Heroin oder anderen Drogen, oder aber psychisch labile Schläger waren. Die ausgestoßenen der Gesellschaft, zumindest nahmen es alle mit Humor.

Obwohl sich Trainspotting Buch und Trainspotting Film teilweise erheblich voneinander abgekapselt haben (das Buch spielt in den 80ern), machte der weltweite Erfolg des Filmes Autor Irvine Welsh, Regisseur Danny Boyle und Hauptdarsteller Ewan McGregor zu internationalen Stars. Buch und Film avancierten zum Kult. Irivine Welsh ließ in seinen nachfolgenden Büchern die Trainspotting Truppe immer wieder auftreten, als Nebendarsteller in anderen Werken oder aber in offiziellen Fortsetzungen und Prequels. Eine dieser Fortsetzungen, auf die T2 Trainspotting lose basiert, ist "Porno". Danny Boyle schloss eine filmische Fortsetzung nie aus, betonte aber immer, er wolle warten, bis die Schauspieler sichtbar älter geworden sind. Während Boyle die Romanvorlage Trainspotting als Meisterwerk bezeichnet, so war er weniger begeistert von Porno. Für die filmische Fortsetzung entschieden sich Boyle und sein langjähriger Weggefährte John Hodge dazu, die literarische Vorlage nur bedingt zu verwenden und stattdessen auf ein Original-Screenplay zu setzen. Irvine Welsh hat sich dagegen anscheinend nicht gesträubt, ist er wieder als Produzent mit an Board und hat im Film auch noch einen Cameo-Auftritt.

2017 war es also so weit. 20 Jahre später erfahren wir, wie es Renton, Spud, Simon und Begbie ergangen ist. Bereits die Eröffnungssequenz mit einem in Amsterdam lebenden Renton, der in einem Fitnessstudio auf einem Laufband einen Herzanfall erleidet (ACS) verrät uns, 20 Jahre gehen an keinem von uns spurlos vorbei. Spud, mittlerweile Vater, hat wieder zum Heroin gefunden und Simon, mal wieder Vater und in Sachen Drogen zum Kokain gewechselt hat, verdient sein Geld mit dubiosen Geschäften im Erotik-Milieu. Letztendlich wäre da noch Begbie, der auch nach 20 Jahren noch nicht auf Bewährung aus dem Gefängnis entlassen wird und noch weitere 5 Jahre absitzen soll. Und dennoch, wie es das Schicksal so will, werden sich die 4 Freunde wiedertreffen, in ihrer alten Heimat in Edinburgh, Schottland.

Danny Boyle ist kein Mann der Fortsetzungen. Bei 28 Weeks Later fungierte er nur noch als Produzent, 28 Months Later ist mittlerweile nicht einmal mehr im Gespräch. Wenn ein so abgeklärter Filmemacher wirklich eine Fortsetzung plant, dann muss es etwas ganz besonderes werden. Es muss sich neu anfühlen, und dennoch darf der Charakter des Originals nicht verloren gehen. Danny Boyle schafft diesen schwierigen Spagat in T2 Trainspotting mit Bravour. Etwas, was besonders dem Twin Peaks Revival abhanden gekommen ist, ist etwas einzigartiges, was das Original zu etwas besonderem machte. Die Wärme, die sich anfühlt, nach vielen Jahre in die Heimat zurückgekehrt zu sein, ist etwas, was Twin Peaks fehlt aber T2 Trainspotting im vollen Umfang besitzt. T2 fühlt sich nach einem völlig neuem Erlebnis an, was aber ebenfalls auf viel Nostalgie setzt, ohne jedoch darin zu ertrinken. "Die alten Zeiten" sind aber natürlich ein zentrales Thema in T2. Die erste Besonderheit ist jedoch, T2 wird nicht mehr von einem Erzähler (im Vorgänger war es Renton) begleitet. Keine Erklärungen mehr durchs Off. Auch mit provokanten Inhalten, furiosen Heroin-Trips oder Sex wird sich stark zurückgehalten. Der Fokus liegt dafür auf gut platziertem britischen Humor, die Charaktere und eine starke Narrative. Was aber nicht bedeutet, dass T2 Trainspotting zu einem Familienfilm avanciert ist, ganz im Gegenteil. Man kann aber sagen, der Film ist genau wie seine Protagonisten gereift und erwachsen geworden. Aber das nötige Maß an Verspieltheit haftet auch noch der Fortsetzung an, was etliche sehr schräge Szenen zufolge hat, die man einfach als Fan der Reihe genießen sollte.

Ab und an gibt es immer wieder Einblendungen ikonischer Szenen des Vorgängers. Diese verschmelzen beinahe nahtlos mit T2 Trainspotting. Aus cineastischer Sicht ist T2 eine absolute Augenweide. Brillante Bilder wechseln sich ab mit einem ebenso erstklassigem Schnitt. Eine erneut perfekte Musikauswahl machen den Film zu einem Fest für die Sinne. Abgerundet wird dieses Fest durch eine nicht minder beeindruckende Leistung des gesamten Casts, auch wenn die Rolle und die Relevanz der Veronika wohl als eine der kontroverseren Entscheidungen zu betrachten ist. Diane, im Vorgänger noch Rentons minderjährige Affäre, die in der Fortsetzung zu einer gestanden Frau und Rechtsanwältin herangewachsen ist, kommt dafür etwas zu kurz (kam sie bereits im Original). In den Deleted Scenes gibt es noch zwei sehr gelungene Szenen mit ihr und Renton, die das Verhältnis beider Charaktere zueinander mehr verdeutlichen und leider der Schere zum Opfer gefallen sind.

Mit einer Nettolaufzeit von 110 Minuten fühlte sich T2 Trainspotting ziemlich komplett und rund an. Nur wenige der 30 Minuten an Deleted Scenes hätten einen wirklichen Nutzen im Film gefunden. Boyle und Hodge haben hier eine sehr komplette Kinofassung abgeliefert, die auch gleichzeitig der Directors Cut sein dürfte. Für Fan-Editoren werden die Deleted Scenes, die hier in High Definition Qualität vorliegen, aber bestimmt nicht ganz uninteressant sein.



Fazit

T2 Trainspotting ist ein Film über das nicht loslassen können der alten Zeiten. Ein Film, der gerne in alten Zeiten schwelgt weil Danny Boyle weiß, wir schwelgen alle gerne darin. Trotz all der Nostalgie ertrinkt die Fortsetzung jedoch nicht darin, ist bereit, neue Stile einzuführen und einen anderen Tonfall anzuschlagen. Stürzte sich der Vorgänger noch gnadenlos auf die schrillen 90er, knöpft sich T2 die Ära nach 2010 vor. Die Smartphone-Ära, die Porno-Ära, die Social Media-Ära. T2 nimmt sich gewissenhaft den aktuellen Zeitgeist vor inklusive aller peinlichen Ausrutscher unseres alltäglichen Lebens ("Sag Ja zum Leben, zu Facebook, Twitter, Instagram und hoffe drauf, dass es irgendwo irgendwen kümmert"). Und genau in diesen wichtigen Aspekten besteht T2 Trainspotting als Fortsetzung, als Revival und als ein verdammt großartiger Film auf ganzer Linie. Um es mit den Worten von Mark Renton auszudrücken:

Sag Ja zu den Skagboys, zu Danny Boyle, John Hodge und Irvine Welsh. Sag Ja zum Soundtrack, zur Cinematographie und den Dialogen und sag Ja zu den guten alten Zeiten. Sag Ja zu T2 Trainspotting!

Sonntag, 30. April 2017

Tag 7 Review: Ghost in the Shell





USA 2017

Ghost in the Shell
Regie: Rupert Sanders
Vorlage: Shirow Masamune
Darsteller: Scarlett Johansson, Pilou Asbæk, Takeshi Kitano, Juliette Binoche, Michael Pitt
Laufzeit: Circa 107 Minuten
Genre: Science Fiction, Cyberpunk
Verleih: Paramount Pictures
Premiere: 30 März 2017
FSK: Ab 16




In Zeiten von IMDb, Metacritic und Rotten Tomatoes haben es Filme bereits im Vorfeld nicht einfach. Schuld daran sind weniger die Seiten mit ihrem Konzept an sich als viel mehr ihre toxischen Communities, die nicht selten über Erfolg oder Niedergang eines Blockbusters mit entscheiden. Erst kürzlich hat die IMDb eine Revision präsentiert, bei der die Foren-Einträge der Benutzer komplett von den Seiten der Filmeinträge entfernt wurden. Ein kleiner, aber wichtiger Schritt um den immer giftiger werdenden Communities vorzubeugen. Bei all dem Gift, was versprüht wird, so war es dann am Ende auch nicht verwunderlich. dass die Allgemeinheit im Netz vorab weniger über die erste Ghost in the Shell Live-Action Adaption gesprochen hat, als viel mehr über Scarlett Johanssons Frisur und der neu entflammten "Whitewashing-Affäre".

Abseits der üblichen Diskussionen im Netz standen aber andere, wesentlich wichtigere Punkte im Mittelpunkt, die betreffen natürlich die Adaption an sich. Keine Frage, Mamoru Oshii's Anime-Adaption aus dem Jahr 1995 zu Shirow Masamunes Manga war wegbereitend für die japanische Animationskunst im Westen. Bereits in den 90ern kannte das westliche Publikum zwar das Studio Ghibli, aber einem Hayao Miyazaki fehlte damals außerhalb Japans einfach noch jener Einfluss, seine Filme einem reiferem Publikum zugänglich zu machen. Mamoru Oshii gelang mit seinem düsteren Cyberpunk-Ansatz jedoch genau dieser Schritt. Ghost in the Shell, eine humorlose und wesentlich ernstere Variante als Masamunes Originalvorlage, profitierte seinerzeit natürlich auch von dem Erfolg, den Terminator 2 einige Jahre zuvor weltweit feierte. Hollywood wurde, ganz überraschend, auf einen japanischen Zeichentrickfilm aufmerksam, der aber ausschließlich für ältere Zuschauer entwickelt wurde. So blieben die Lobpreisungen von James Cameron persönlich nicht aus. Man könnte sagen, es war die angenehme Konsequenz dieses Erfolges.

Die Jahre verstrichen, Oshii lieferte 2004 eine großartige Spielfilm-Fortsetzung zum Original ab (Innocence) und auch im Bereich der animierten TV-Serien startete mit Stand Alone Complex das Ghost in the Shell Franchise durch und feierte 2 hochgelobte Staffeln. Neben den Erfolgen gab es über die vielen Jahren immer wieder Gerüchte und Konzepte zu einer Hollywood-Verfilmung des Franchise. Zahlreiche Regisseure wurden genannt (darunter auch Cameron selbst) und noch wesentlich mehr Studios kamen ins Gespräch, die angeblich eine Verfilmung planten. Am Ende dieser langen Reise dauerte es dann 22 Jahre, bis eben jene Hollywood-Verfilmung realisiert wurde.

Eine Kollaboration zwischen Dream Works und Paramount als Studios, Avi Arad als Produzent und Scarlett Johansson als beinahe schon völlig logische Auswahl für die Rolle des Majors. Das der Brite Rupert Sanders jedoch als Regisseur auserkoren wurde, war die viel größere, ja, vielleicht sogar die einzige Überraschung. In seiner Vita hat Sanders nichts nennenswertes bis auf "Snow White and the Huntsman" vorzuweisen. Überhaupt muss man schon zu den optimistischeren Filmfans gehören, jenen "Show White and the Huntsman" als Bewerbung für ein ambitioniertes Projekt wie Ghost in he Shell zu nennen. Ob Sanders die erste Wahl war, darüber kann ich persönlich nur mutmaßen. Gibt es mit Regisseuren wie Villeneuve (Arrival), Johnson (Looper) und Garland (Ex Machina) doch Leute, die im Science Fiction Genre in den letzten Jahren für eine kleine Renaissance gesorgt haben. Schaut man sich aber nur einmal an, wie beschäftigt diese Leute sind, war wohl relativ schnell klar, dass man diese Herren wohl nicht für das Projekt wird gewinnen können (Villeneuve arbeitet aktuell an Blade Runner 2, Johnson an Star Wars: Episode VIII).

Rückblickend auf den gesamten Film hat sich Rupert Sanders hier aber nicht als Notlösung gezeigt, sondern als ein unglaublich fähiger Regisseur mit einer festen Vision. Bereits die ersten Trailer im letzten Jahr haben gezeigt, dass die Crew weiß, wie man mit CGI umzugehen hat um ein ansprechendes Sci-Fi Setting zu erschaffen. Filmisch, aber auch inhaltlich, macht, den Vorab-Kritikern zum Trotze, die westliche Ghost in the Shell Adaption eine menge richtig. Natürlich muss man immer wieder bedenken, dass der Film, und da machen weder Sanders noch das Drehbuch ein großes Geheimnis draus, auf Unterhaltung ausgelegt ist um ein möglichst breites Publikum zu unterhalten. Ein Beweis dafür ist die zahme PG-13 Freigabe, die sich aber eher als Borderline PG-13 entpuppt und keine Verharmlosungen zelebriert, wie es zum Beispiel Suicide Squad tut. Die Entfernung des synthetischen Cyborg-Blutes dürfte den Film wohl in letzter Instanz vor einem R-Rating bewahrt haben.

Bereits zu Beginn des Filmes und seinem furiosem Auftakt bekommt man einen Vorgeschmack auf die hoch entwickelten Technologien, die es in dieser Filmwelt zu bestaunen gibt. Man behält die Computereffekte unter Kontrolle, sie entgleisen nicht und wirken somit nicht billig oder aufgesetzt (etwas, woran sich Tim Burton in seiner letzten Entgleisung ins Wunderland mal ein Beispiel nehmen sollte). Umstrittene Besetzungen wie Johansson als Major und "Beat" Takeshi Kitano als Aramaki überzeugen überraschenderweise auf Anhieb. Auch als großer Bewunderer Kitanos viel es mir schwer, den großen Zampano als Daisuke Aramaki vorzustellen, Leiter und Taktik-Genie der fiktionalen Sektion 9 Spezialeinheit.

Von sämtlichen  philosophischen Aspekten, die für die Reihe bekannt sind, komplizierten Theorien und Wissenschaften sowie komplexen Fällen der Sektion 9, muss man sich als Zuschauer vorzeitig verabschieden. Wenig überraschend und praktisch vorhersehbar, dass es so kommen musste. Genau genommen ist Ghost in the Shell viel mehr ein Prequel, wie sich Sektion 9 formiert (ähnlich wie in der noch immer neusten Anime-Adaption Arise: Ghost in the Shell). Die Geschichte des Films ist größtenteils eine Eigenkreation, borgt sich dafür aber geschickt Elemente aus allen verfügbaren Ghost in the Shell Umsetzungen. Pate standen hier beide Animationsfilme von Oshii sowie die zweite Staffel der Serie Stand Alone Complex. Hatte ich am Anfang noch die Befürchtung, die Verfilmung könnte schamlos sämtliche Szenen und Ideen aus dem vorhandenem Material klauen, so hat man sich bewusst auf eine handvoll von Szenen geeinigt, die man äußerst gelungen in die Verfilmung implementiert hat. Auch hier überzeugt erneut der gute Einsatz von CGI, der die Realisierung solcher Szenen erst einmal ermöglicht hat.

Was die Entwicklung der Charaktere angeht, so legte man den Fokus beinahe hauptsächlich auf den Major, Batou und Aramaki aus der der Sektion 9. Auch in dieser Verfilmung ist der wahre Gegenspieler eher eine komplette Organisation als ein einzelnes Individuum. So ist es etwas schade, dass die Entwicklung des Cyborgs "Kuze" auf der Strecke bleibt. Leider ist die geringe Entwicklung Kuzes unweigerlich auch mit dem Schicksal des Majors (Johansson) gekoppelt, und so geht die doch sehr vielversprechende gemeinsame Geschichte der beiden leider aufgrund des Zeitdrucks unter. Diese vermeintliche Liebesgeschichte der beiden Figuren wird nahezu meisterhaft in der zweiten Staffel von Ghost in the Shell: Stand Alone Complex erzählt und wirkt in der Verfilmung aufgrund des straffen Zeitplans eher aufgesetzt und unglaubwürdig und wird die Zuschauer sicherlich nicht emotional aus den Sesseln reißen.

Bis auf die überschaubaren inhaltlichen Schwächen und den fehlenden philosophischen Aspekten haben wir hier aber einen ziemlich gelungenen Science Fiction Film, der praktisch alles richtig macht, wo man ihm ein Scheitern prognostiziert hat. Für einen Heimkino-Release wäre sogar noch mehr drin, wenn sich Sanders und der Verleih dazu entscheiden, dem Film vielleicht eine noch etwas längere Fassung zu spendieren.



Resümee

Es wurde nicht nur der berüchtigte Worst Case vermieden, auch darüber hinaus, hier nicht nur keinen Rohrkrepierer abzuliefern, sondern durchaus auch einen sehenswerten Science Fiction Film, da kann sich Ghost in the Shell als Gewinner bezeichnen. Damit war nicht unbedingt zu rechnen. An den Kinokassen lag der Film trotz Johansson-Bonus weit hinter den Erwartungen zurück. Die Produktionskosten sind unlängst aber wieder eingespielt und die Konzentration wird hier wohl erneut mal wieder auf dem Heimkino-Markt liegen, wo der Film definitiv noch zufriedenstellende Umsätze feiern wird.

Bedenkt man einmal, in welch schlechtem Licht Live-Action Adaptionen zu bekannten Manga und Anime stehen (für dessen zweifelhaften Ruf besonders etliche Low Budget Produktionen aus Japan verantwortlich sind, Attack on Titan lässt grüßen), ist das Endergebnis bei der Ghost in the Shell Verfilmung eindeutig hoch einzuschätzen. Ob all das reichen wird, dem Film eine Fortsetzung zu schenken, darf bezweifelt werden, aber auch wenns bei der einmaligen Sache bleibt, werden Verantwortliche aber auch Fans vermutlich versöhnlich zurückblicken. Und im Zeitalter von Netflix ist zumindest die digitale Zukunft des Projektes bestimmt noch nicht vom Tisch.