Archiv: Rezensionen zu Literatur und Film

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Dienstag, 9. April 2024

Rezension: Die Flucht (Fuminori Nakamura)

 





Japan

Die Flucht
Originaltitel: Tobousha
Autor: Fuminori Nakamura
Übersetzerin: Luise Steggewentz
Format: Hardcover, E-Book
Genre: Noir-Thriller, Mystery, Drama



"In der Stille überkommt mich das Gefühl, selbst nur ein Bett, Regal oder Stuhl in diesem Zimmer zu sein. Ein vergessenes Möbelstück, das die Welt nicht mehr braucht. So eine Geschichte hatte ich mir früher einmal ausgedacht. Eine Geschichte über einsame Männer in einem Hotel im Ausland, die sich einer nach dem anderen in Teile der Einrichtung verwandeln. Am Ende entschließt sich der Hotelbesitzer seufzend, einen Entrümpler kommen zu lassen."


Selten nutze ich Zitate von der Anfangsseite eines Buchs. Aber wenn ein Buch mit so einer wundervollen Metapher beginnt, welche Wahl habe ich da schon? Mit dieser melancholischen Fest- und Vorstellung des Hauptcharakters Kenji Yamamine beginnt eine Geschichte, die ich als Leser und Fan der japanischen Literatur so schnell nicht wieder vergessen werde. Aus zeitlichen Gründen, aber auch weil ich "Die Flucht" erstmal sacken lassen musste, hat sich meine Besprechung ein wenig verschoben. Ich musste meine Gedanken noch etwas ordnen. 
Ich habe ende des vergangenen Jahres erstmals von der Lizensierung zu "Die Flucht" erfahren (im Original Tobousha oder auch Tōbōsha, was man unter anderem als "Ausreißer" und "Verdächtiger" übersetzen kann, aber auch der deutsche Titel eine sehr treffsichere Übersetzung des japanischen Begriffs ist). Der Roman ist 2020 in Japan erschienen und damit auch einer der aktuellsten Romane des japanischen Autors Fuminori Nakamura. In der deutschen Übersetzung sind bereits "Der Dieb", "Die Maske" sowie "Der Revolver" erschienen. Allesamt Buchtitel, die so kurzbündig und auf den Punkt gebracht sind wie Nakamuras furiose Geschichten. Mit "Die Flucht" ist ein erneut kurzer Buchtitel erschienen, der Inhalt aber diesmal verteilt auf fast 600 Seiten. Für einen japanischen Roman ist das schon Marcel Proust Niveau. Ich wusste vorab nicht wirklich, worauf ich mich hier einlasse. Das Buchcover bildet einzig und allein eine Trompete ab. Doch liest man sich auch nur die ersten zwei Seiten des Buches durch, so weiß man, diese Trompete ist der Dreh- und Angelpunkt dieser verstrickten Geschichte.

"Die Flucht" startet mit einem Heimvorteil für deutsche Leser (man beachte später auch die wundervollen Beschreibungen des Kölner Doms). In einer heruntergekommenen Wohnung in Köln versteckt sich der Reporter Kenji Yamamine. Während er über einsame Männer nachdenkt, die sich in Möbelstücke verwandeln die keiner mehr haben möchte, raschelt es am Türschloss. Es treibt Kenji den Schweiß auf die Stirn. Wer könnte es nur sein? Haben sie ihn entdeckt? Wird hier sein Leben enden? Ein unbekannter Mann der in englischer Sprache redet hat das Schloss aufgebrochen. Ein Mann von einer beachtlichen Größe. Ein Mann, der zwar keine wehrlosen Hunde tötet, aber dafür Menschen, die nicht kooperieren wollen, viele Schmerzen zufügen kann. Der Ausländer nimmt auf dem Sofa Platz, nichtsahnend, dass sich darunter das Objekt der Begierde befindet. Nach einem längeren Vortrag verlangt er von Kenji, die Trompete rauszurücken. Ein legendäres Instrument welches von einem nicht minder legendären japanischen Komponisten im zweiten Weltkrieg dazu genutzt wurde, die japanischen Truppen zum Sieg eines bedeutenden Manövers zu führen. Kenji sitzt in der Klemme. Es scheint kein Entkommen vor seinem Widersacher zu geben. Doch hier kann die Geschichte nicht enden, noch nicht. Kenji greift zu einer Beretta aus der Schublade, die der Vormieter dort zurückgelassen hat. Kenji ist sich nicht sicher, ob die Waffe echt ist oder nur eine Attrappe. Er zielt auf den unheimlichen Mann.

Was ich hier nun beschrieben habe umfasst gerade mal den Auftakt des Buches. Die Seiten, wie gewohnt bei Nakamura, scheinen sich ganz von selbst umzublättern. Was hier ein wenig wie eine Neuinterpretation um die Geschichte des Teufelsgeigers Niccolò Paganini klingt, ist in Wahrheit etwas ganz anderes. In dem umfangreichen Roman mag die Trompete zwar das mysteriöse Objekt der Begierde sein, dem nachgesagt wird, es könne Menschen verzaubern und die Moral von Soldaten erhöhen, ist nur ein Teil von vielen Schichten einer großen, verzierten Torte, die uns Fuminori Nakamura hier auftischt. Der Plot nimmt noch viele weitere Formen an, viele zeitgenössische Themen wie die Flüchtlingskrise aber auch der christliche Glaube in Japan (der aktuell ja auch in dem TV-Event Shōgun wieder prominente Bedeutung findet) werden hier ausführlich behandelt. Merklich und dennoch subtil baut Nakamura den Glaube in seine Geschichte mit ein. Allen voran geht es in "Die Flucht" aber auch noch um die Beziehung zwischen Kenji und Anh, die er auf den Philippinen kennenlernt und sich in sie verliebt.

"Die Flucht" ist Literatur, wie sie nur aus Japan stammen kann. Wer bei dem Roman einen aalglatten Thriller erwartet, ist hier falsch bzw. wird merken, falsch abgebogen zu sein. Denn wie üblich bei der japanischen Literatur, ganz besonders aber bei Nakamura, ist dieses Buch allen voran eine Charakterstudie. Ein "Psychologischer-Thriller", wenn ich nun einen Begriff nennen müsste. Die Trompete des Komponisten Suzuki ist natürlich der berüchtigte MacGuffin, um die Geschichte voranzutreiben. Im Fokus stehen hier aber eine menge andere Handlungsstränge und Figuren, die allesamt wichtige Rollen ausfüllen. Wer hier westliche Krimis und Thriller verwöhnt ist, der könnte in Fuminori Nakamuras verstrickten Charakter- und Handlungszweigen schnell mal den roten Faden aus den Augen verlieren. Nakamura ist kein Autor, den man sich, um von einem anstrengenden Tag abzuschalten, zu Gemüte führt. "Die Flucht" ist ein blutiges, schweißtreibendes Abenteuer, dem man seine gesamte Aufmerksamkeit auch widmen muss.


"Ich wache auf. Ich habe das Gefühl, geträumt zu haben, kann mich aber nicht an den Traum erinnern. Im Fernseher meines Hotelzimmers, den ich vergessen habe auszustellen, laufen schwarz-weiße Videoaufnahmen. Sie zeigen ein Konzentrationslager der Nationalsozialisten. Ich verstehe nicht, was auf Deutsch erzählt wird, aber es wird ein Bild von Chiune Sugihara eingeblendet. Sugihara, der ehemalige japanische Vizekonsul in Kaunas in Litauen, widersetzte sich dem Außenministerium und stellte für Juden, die aus Polen geflüchtet waren, Visa aus, womit er vielen das Leben rettete." 


Sehr angetan war ich ebenfalls von der feinfühligen Übersetzung von Luise Steggewentz, ein Name, der mir noch gut durch die ebenso gelungene Übersetzung von Durian Sukegawas "Die Insel der Freundschaft" in Erinnerung geblieben ist. Einen Roman von diesem Kaliber zu übersetzen muss eine unglaubliche Herausforderung gewesen sein, von der ich gerne mehr erfahren möchte.




Abschließende Gedanken

Nicht ist wie es scheint bei Fuminori Nakamura. Wer hier einen linearen Thriller erwartet, wird schon sehr schnell auf hartem Granit landen. "Die Flucht" ist ein spannender, zugleich aber auch unglaublich komplexer Roman, der über mehrere Ebenen verläuft. Nakamura nimmt sich sehr viel zeit für seine Charaktere und deren Beziehungen zueinander. Auch widmet er sich kritischen, zeitgenössischen Themen. Für zartbesaitete ist aber auch dieser Roman nicht geeignet. Wie Martin Scorsese es in seinen Filmen tut, macht es Fuminori Nakamura in seinen Büchern. Wenn er den Stift in blutrote Tinte taucht, dann kommt es unerwartet, aus heiterem Himmel, aber es wirkt nachhallend. Gewalt als Stilmittel um die Geschichte voranzutreiben ist eine Kunst, die ein Autor erst einmal beherrschen muss. Aber Nakamura weiß genau, was er tut. Das gleiche gilt auch für herrliche, kurze Einlagen von einem feinen, trockenen Humor, der mindestens genau so überraschend platziert ist wie so einige blutrünstige Szenen im Buch.

"Die Flucht" ist für mich bereits jetzt in diesem noch jungen Jahr ein literarisches Highlight. Ein Buch, welches ich nicht uneingeschränkt empfehlen kann, da es zu vielschichtig ist, um es Freunden von speziellen Genres nahelegen zu können. Ich würde mir jedoch wünschen, wenn interessierte Leser diesem großartigen Roman eine Chance geben würden. Sowohl die Geschichte als aber auch die fabelhafte Übersetzung hätten es verdient. Fuminori Nakamura liefert mal wieder großartiges literarisches Kino ab. Man sollte sich ins Buch stürzen, ohne den Klappentext zu lesen!




Rezension verfasst von Aufziehvogel

Samstag, 16. März 2024

Fuminori Nakamura: Die Flucht erscheint am 20.03.2024 im Buchhandel

 


Die Flucht
Originaltitel: Tobousha
Autor: Fuminori Nakamura
Übersetzung: Luise Steggewentz
Veröffentlichungsdatum und Verlag: 20.03.2024 bei Diogenes



Nach Haruki Murakami ist vor Fuminori Nakamura. "Die Flucht" ist nach Murakamis großem Epos "Die Stadt und ihre ungewisse Mauer" (2024, DuMont Buchverlag) die zweite namhafte deutschsprachige Übersetzung eines japanischen Romans in dieser Jahreshälfte. Nach "Der Dieb", "Die Maske" sowie "Der Revolver" präsentiert der Diogenes Verlag nach einer Übersetzung von Luise Steggewentz einen der neusten Romane des Autors. Ich habe bereits jetzt das Privileg, den umfangreichen Roman lesen zu dürfen und Nakamura beweist wie kein anderer fernöstlicher oder auch westlicher Romanautor, mir beim lesen so feuchte Hände zu bescheren.

Wie immer ist es schwer, den Preisträger des Akutagawa und des Ōe Kenzaburō Preises in ein bestimmtes Genre unterzuordnen. Fans des Autors wissen sicherlich, auf was für eine Achterbahnfahrt sie sich bei "Die Flucht" mal wieder einstellen können. Neulingen, die das Werk von Nakamura noch nicht kennen, möchte ich nicht zu viel verraten und ich könnte allgemein empfehlen, sich den Klappentext nicht durchzulesen. Aber komplett unwissend soll man sich an so eine Geschichte natürlich nicht heranwagen!

In "Die Flucht" begleiten wir den Journalist Kenji Yamamine, der in den Besitz eines mysteriösen Objekts, der sogenannten Teufelstrompete eines bekannten japanischen Komponisten, gerät. Für Kenji beginnt damit ein regelrechter Abstieg in die Hölle. Das Objekt ist begehrt und bringt viele Schwierigkeiten mit sich. Die Lage für den Journalist scheint aussichtslos zu sein, doch er hat noch eine Aufgabe zu erfüllen.

Wie immer muss man bei Fuminori Nakamura aufpassen, nicht zu viel von der Geschichte preis zu geben. Nakamura ist für seine furiosen Wendungen bekannt und diesem Stilmittel bleibt er treu.

Noch im März wird es auf "Am Meer ist es wärmer" zu "Die Flucht" eine ausführliche Besprechung geben.

Montag, 18. November 2019

Rezension: Der Revolver (Fuminori Nakamura)





Japan 2002/2003 (Neuerscheinung im deutschsprachigen Raum)

Der Revolver
Originaltitel: Jū
Autor: Fuminori Nakamura
Verlag: Diogenes
Übersetzung: Thomas Eggenberg
Genre: Noir-Thriller



"In meinen Augen war der Revolver vor allem dazu da, Leben zu zerstören, und dies möglichst effizient. Eine Emanation von Thanatos sozusagen. Aber warum fand ich Gefallen an einem solchen todbringenden Objekt? Weder hatte ich den Wunsch, jemanden umzubringen, noch die Absicht, mich selbst zu töten. Dass ich jemals mit einer Schusswaffe zu tun haben könnte, hätte ich nie geglaubt. Vielleicht war ich wie ein kleines Kind, das über sein ausgefallenes Spielzeug entzückt war? Der Gedanke gefiel mir. Es war nicht nötig, weiter zu grübeln. Was auch immer der Grund sein mochte - der Revolver gehörte jetzt mir, und das Hochgefühl über diese Tatsache machte meinen Alltag erträglicher, abwechslungsreicher. Jemanden einschüchtern oder auch beschützen. Jemand anderen oder mich selbst töten, kinderleicht. Unabhängig davon, ob ich es irgendwann tun würde oder nicht - wichtig war, dass ich die Möglichkeit in der Hand hatte, erfüllt vom kribbelnden Gefühl der Verlockung."



Was haben Isildur und der Protagonist von Fuminori Nakamuras Debüt gemeinsam? Nun, sie beide sind besessen nach einem kleinen Objekt. War es der Ring der Macht der Isildur ins Verderben stürzte, so ist es in dieser durch und durch in der Gegenwart angesiedelten Geschichte von Nakamura-San ein Revolver, der das Objekt der Begierde darstellt.
Ich war sehr glücklich darüber, als bekannt wurde, Diogenes würde die hauseigene Bibliothek um den Debüt-Roman von Fuminori Nakamura in deutscher Übersetzung erweitern. "Der Revolver" verhalf dem Autor in seiner Heimat damals zum Durchbruch und wurde nach einer Veröffentlichung in einem Magazin im Jahr 2002 abgedruckt und anschließend im Jahr 2003 auch als eigenständiges Buch publiziert. Und so begann die Karriere des Schriftstellers und seinen sehr düsteren Geschichten, mit denen er auch International mittlerweile Erfolge feiert.

"Der Revolver" ist vom Aufbau her typisch japanisch gestrickt. Die Geschichte lebt nahezu ausschließlich von den Gedankengängen des Ich-Erzählers (Boku - nennt man diese erzählerische Variante in Japan). Und der Titel ist hier Programm. "Der Revolver" erzählt die Geschichte eines jungen Mannes namens Nishikawa, der an einem verregneten Abend unter einer Brücke die Leiche eines Mannes entdeckt. Nach dem ersten Schock entspannte sich der introvertierte Nishikawa relativ schnell wieder und sein Blick gewann die Aufmerksamkeit eines Objektes, welches sich neben der Leiche des Mannes befand. Ein Revolver. Ein Colt-Magnum. Wie von einem bösen Geist beseelt wird Nishikawa von dem glänzendem Objekt angezogen, kann ihm nicht widerstehen. Er weiß, sobald er den Revolver berührt, bringt er sich automatisch in Schwierigkeiten. Nishikawas Pflicht als Bürger wäre es den Pfund der Leiche umgehend der Polizei zu melden und den Revolver nicht anzufassen. Doch kann er sich der kleinen Tötungsmaschine nicht widersetzen. Nishikawa greift sich den Revolver und mit ihm soll sich fortan sein komplettes Leben verändern.

Mit nicht ganz 200 Seiten kommt Fuminori Nakamura in seinem Debüt schnell zum Punkt. Beeindruckend bedient sich der Gewinner des Akutagawa-Preises aus dem Jahr 2005 hier an klassischen Elementen der Literatur, ohne dabei von bekannten Größen zu kopieren. Sachlich und gesellschaftskritisch wie Dostojewski, mysteriös und spannend wie ein Werk von James Sallis. Der Revolver dient in dieser Geschichte als klassischer MacGuffin. Er führt Nishikawa durch die Geschichte wie es der Ring in "Der Herr der Ringe" tut. Der Revolver verleiht ihm Macht. Das bloße anschauen des gefährlichen Objekts reicht aus, um ihn zu motivieren, einen Sinn in seiner Monotonie zu finden und sogar dabei die eigene Libido etwas aufzufüllen. Es ist ein Rausch, der seinen Körper durchströmt. Doch wie lange hält dieser Kick an? Wie lange kann sich der Protagonist damit zufrieden geben, den Revolver lediglich anzuschauen? In der Trommel befinden sich noch wenige Patronen. Und getreu nach Anton Checkhov muss eine Waffe, wenn sie in einer Geschichte vorkommt, auch abgefeuert werden. Oder etwa nicht?

"Der Revolver" ist schnell gelesen wenn man einmal dran ist. Man sollte sich den Roman etwas dosieren und ihn auf sich wirken lassen. In der Geschichte finden sich bereits viele Stilmittel, die mich in Nakamuras Roman "Der Dieb" so begeistert haben. Ein unscheinbarer Protagonist der durch ein nahezu zufälliges Ereignis in den Strudel der Unterwelt gerät. Den Thrill sucht Nishikawa in der Geschichte aus eigenem Antrieb heraus. Immer weiter dringen wir in die finstere Gedankenwelt von ihm ein und man weiß irgendwann nicht mehr, ob es einzig und allein der Revolver ist der Nishikawa so handeln lässt oder ob der Revolver lediglich der Dosenöffner für seine an sich schon finsteren Gedanken war.

"Der Revolver" ist zwar schon einige Zeit auch als englische Übersetzung erhältlich, ich kann aber auch hier einmal wieder Entwarnung geben: Die deutschsprachige Übersetzung von Diogenes stammt einmal mehr von Thomas Eggenberg, der hier direkt aus dem Japanischen übersetzt hat. Die Ausgabe ist als Hardcover erschienen und was mir besonders daran gefallen hat ist mal wieder das subtil schicke Motiv von Diogenes für das Cover, die sich hier für ein Werk von Andy Warhole entschieden haben (Gun). Die ersten Seiten sollte man nicht überspringen, hier findet man nämlich noch ein sehr schönes Vorwort von Fuminori Nakamura, welches ausschließlich an seine deutschsprachigen Leser gerichtet ist (und sehr positiv auf seine Lesereise durch Deutschland, Österreich und der Schweiz zurückblickt).





Abschließende Gedanken

Einen Roman von Fuminori Nakamura zu lesen ist für mich mittlerweile zu einem Leckerbissen geworden. Die Seiten blättern sich wie von selbst und das finstere Abenteuer ist schneller vorbei, als einem lieb ist. "Der Revolver" ist nach "Der Dieb" und "Die Maske" bereits die dritte deutschsprachige Übersetzung des Autors, und wie immer drücke ich fest die Daumen, dass das Repertoire an deutschen Übersetzungen von Nakamura-San erweitert wird. "Der Revolver" ist sicherlich keine Feel-Good Story für die düsteren Tage, aber sicherlich auch kein als Folter-Porno getarnter Krimi, wie es bei vielen bekannten deutschen Autoren derzeit leider im Trend liegt. "Der Revolver" ist eine Achterbahnfahrt, die uns einen ähnlichen Rausch beschert wie das gefährliche Objekt in der Geschichte und unseren Erzähler so sehr in Ekstase versetzt. Erstklassig.

Montag, 17. Dezember 2018

Am Meer ist es wärmer 2018: Die Top 3 (Literatur)





Ich breche mit Traditionen und möchte zum Jahresende erstmals eine Top 3 von Titeln veröffentlichen, die mir besonders gut gefallen haben. Denn anders als das für mich schwache Filmjahr 2018, hatte die Literatur einiges zu bieten. Für eine Top 5 hätte es auch noch gereicht, nein, es wäre nur gerecht gewesen, aber ein wenig schwieriger wollte ich mir die Entscheidung schon machen.

Dass meine Wahl so asiatisch angehaucht ist, mag den ein oder anderen Leser von "Am Meer ist es wärmer" nicht wundern, mein Blog legt immerhin den Schwerpunkt auf asiatische Literatur. Allerdings gab es hier eine sehr knappe Entscheidung zwischen "Die Maske" von Fuminori Nakamura und "Der Abgrund" von Dennis Lehane. Beide Werke haben mich durch ihre Spannung und Unberechenbarkeit ans Buch gefesselt. Am Ende fiel die Wahl auf Fuminori Nakamura, der bereits zuvor mit "Der Dieb" einen außergewöhnlich rauen, spannenden und schonungslosen Roman verfasst hat, der mich auch noch eine ganze weile nach dem lesen der letzten Seite beschäftigen sollte.

Anhand meines Titelbildes kann man meine Top 3 schon vorher sehen, was ich bewusst so gewählt habe. Jeden dieser Titel kann man sich als Fan anspruchsvoller Werke bedenkenlos zulegen. Wer aber etwas mehr Zeit hat und meine kurze Begründung zu jedem Titel mal lesen möchte, der hat natürlich nun die Gelegenheit dazu!

Qualifiziert waren Bücher, die 2018 als Erstveröffentlichung in Deutschland erschienen sind.



Die Reihenfolge ist nach dem Erscheinungsdatum der Rezensionen sortiert. Die jeweiligen Links verweisen ausschließlich auf Einträge, die auf "Am Meer ist es wärmer" veröffentlicht wurden, ihr verlasst nicht den Blog und werdet somit nicht auf externe Websites weitergeleitet.



Haruki Murakami - Die Ermordung des Commendatore (Gesamtwerk)



Autor: Haruki Murakami
Verlag: DuMont Buchverlag
Rezensionen: Teil 1, Teil 2


Mein Jahr startete dieses Jahr mit Haruki Murakamis Zweiteiler "Die Ermordung des Commendatore".  Auch wenn Murakami ungewöhnlich viele kontroverse Themen in beiden Bänden anschneidet, so bleibt auch seine typische Lockerheit nicht auf der Strecke. Etwas, was Murakami bei seinen letzten beiden Romanen "1Q84" und "Die Pilgerjahre des farblosen Herrn Tazaki" etwas verloren gegangen ist. Der Japaner bezeichnete seinen neuen Zweiteiler selbst als "Eine seltsame Geschichte". Und unrecht hatte er damit nicht. In "Die Ermordung des Commendatore" geschehen am laufenden Bande seltsame Dinge. Ebenfalls wieder etwas, was mich an frühere Werke des Autors erinnerte und ich sehr zu schätzen weiß. Die Geschichte am Ende richtig einordnen zu können hat mich einige Zeit gekostet, aber noch einmal durch Murakamis engen und unheimlichen Kaninchenbau zu marschieren war mir eine Freude. Nicht nur für Freunde der japanischen Literatur ein Muss, auch die Surrealisten werden hier auf ihre Kosten kommen.



Fuminori Nakamura - Die Maske




Autor: Fuminori Nakamura
Verlag: Diogenes
Rezension: Link


Fuminori Nakamura hat meinen Geschmack getroffen. Seine Geschichten sind pessimistisch und nicht gerade die beste Medizin, eine traurige Person aufzuheitern. Aber wenn dieser Pessimismus mit einem fantastischen Schreibstil kombiniert wird, dann entsteht etwas großartiges daraus. Stilistisch orientiert sich der Japaner an große Schriftsteller wie Dostojewski, hat es aber geschafft, seinen eigenen Stil zu etablieren. "Die Maske" ist ein geniales Verwirrspiel, das viel mehr an ein Theaterstück erinnert und wirklich erst dann beendet ist, wenn der letzte Vorhang fällt. Ein Roman, den man nach dem kryptischen Prolog nicht mehr aus der Hand legen wird. Man kann nur hoffen, dass beide Romane von Nakamura erfolgreich genug waren, um noch weiteren Werken des Autors den Weg in die deutsche Übersetzung zu ebnen.




Cixin Liu - Weltenzerstörer




Autor: Cixin Liu
Verlag: Heyne
Rezension: Link

Eine Entscheidung, die mir ebenfalls nicht leicht gefallen ist. Denn bei meiner Wahl trat Cixin Liu gegen sich selbst an. Einmal mit "Der dunkle Wald", Teil 2 seiner Trisolaris-Trilogie und einmal mit "Weltenzerstörer", einer kompakten Novelle aus der Anthologie "Die wandernde Erde", die der Heyne Verlag vor dem erscheinen der Anthologie im Januar 2019 als Einzelband veröffentlicht hat. Obwohl Chinas Science-Fiction Autor Nr. 1 mit "Der dunkle Wald" eine herausragende Fortsetzung geschrieben hat, so ist es aber am Ende "Weltenzerstörer" gewesen,  die Novelle, die mich noch etwas mehr begeistert hat und mich nach dem lesen noch lange nachdenklich zurückgelassen hat. Hinter der vergleichsweise kurzen Geschichte (im Vergleich zu "Die drei Sonnen" oder "Der dunkle Wald") steckt eine nahezu unberechenbare Wucht. Was als gewöhnliche Science-Fiction Geschichte beginnt, endet in einem epischen wie melancholischen Showdown, der das Ende der Menschheit besiegeln könnte. Eine Geschichte, die mich zutiefst begeistert und aufgewühlt hat und ich mich erneut vor Cixin Lius Gedankenwelt verneigen musste. Bedenkt man dabei noch, dass es sich hier um ein Frühwerk des Autors handelt, so kann man die Qualität dieser Novelle gar nicht hoch genug einschätzen.

Mittwoch, 28. Februar 2018

Rezension: Die Maske (Fuminori Nakamura)


Foto: © Kenta Yoshizawa 



Fuminori Nakamura - Die Maske

Originaltitel: Aku to Kamen no Rūru
Erschienen am 28.02.18 bei Diogenes
Übersetzung aus dem Japanischen: Thomas Eggenberg
Genre: Neo-Noir Thriller


Fuminori Nakamura nimmt uns diesmal mit in die tiefsten Abgründe einer wohlhabenden Familie. Alleine der Prolog zu seinem Roman, der in Japan im Januar in die Kinos kam (und ein internationaler Release nicht unwahrscheinlich ist, da es sich um eine aufwendige Produktion handelt), maßt eine unglaubliche Geschichte an. Eine langjährige Familientradition besagt, dass der jüngste Spross der Familie zu einem "Geschwür" erzogen werden soll. Ein Teufel, der Unheil in der Welt verbreiten soll. Eine absolute Konstanz scheint es bei dieser Tradition nicht zu geben, der junge Fumihiro Kuki hat aber das Unglück, dass sein Vater, ein Mann, der nicht nur Furcht einflößend ist sondern den er auch zutiefst verabscheut, ihn für dieses Schicksal auserkoren hat. Der alte Patriarch will sich damit einen eigenen Traum erfüllen der ihm verwehrt geblieben ist. Fumihiro soll Unheil verbreiten, schlechte Dinge tun und regelrecht Anarchie verbreiten. Aber nicht auf eine plumpe art, er soll das System von innen heraus zerstören. Bereits in jungen Jahren kommt Fumihiro hinter den Absichten seines Vaters. Als der Patriarch das Waisenmädchen Kaori für seine finsteren Pläne in die Familie aufnimmt, will Fumihiro alles tun, um das Mädchen zu beschützen. Es beginnt eine Geschichte, die sich über mehrere Dekaden erstreckt.

"Mein zweiter Sohn hat mit diesem Krieg zu tun", sagte er plötzlich, ohne mich anzuschauen. Im Fernsehen wurde über einen Bürgerkrieg irgendwo in Afrika berichtet. Gerade nannte der Nachrichtensprecher die Zahl der Toten. "Merk dir, was hier passiert. Sie sagen, es sei ein ethnischer Konflikt. Aber sie lügen. Man hetzt die Menschen absichtlich gegeneinander auf, und mein Sohn hat eine Konzession für den Wiederaufbau nach dem Krieg. Ich kann mich nicht erinnern, ihn zu einem Geschwür erzogen haben, aber dennoch benimmt er sich wie eines. Ich muss mir etwas einfallen lassen."

In Japan erschien "Die Maske" rund ein Jahr nach "Der Dieb" im Jahr 2010. Die Vergleiche zum Stil von Dostojewski sind nicht übertrieben. Wie der große russische Autor besitzt Nakamura eine eisige Kälte in seinem Stil, die direkt aus Sibirien kommen könnte. Gleichzeitig besitzt der Japaner eine bildliche Sprache, die während des Lesens nahezu lebendig wird. "Die Maske" kann daher oftmals bereits als ein sehr düsteres Märchen angesehen werden, welches in der modernen Gesellschaft spielt. Diese Geschichte, die im Prolog bereits bizarre Ausmaße annimmt  ist nur ein Bruchteil von dem, welche Wege Nakamuras Plot, der in mehrere Abschnitte und mehreren Zeitspannen aufgeteilt ist, noch zu bieten hat. Der Ich-Erzähler Fumihiro nimmt die Leser mit auf eine furiose Achterbahnfahrt, die trotz über 300 Seiten so schnell endet wie eine Kurzgeschichte.

Der Diogenes Verlag hat hier anscheinend Blut geleckt und setzt das Werk des Autors in deutscher Sprache glücklicherweise fort. Für die Übersetzung ist hier erneut der erfahrene Thomas Eggenberg zuständig (übersetzte mehrere Werke von Banana Yoshimoto), der Nakamuras fröstelnden Stil in eine flüssige deutsche Prosa übersetzt. Hoffen wir, dass Fuminori Nakamuras Werke sich im deutschen Buchhandel fortan etablieren werden.



Resümee

"Der Dieb" hat im letzten Jahr einen persönlichen Trend bei mir gesetzt und dieser hat sich in "Die Maske" fortgesetzt. Wenn ich Fuminori Nakamura lese, fangen meine Hände beim lesen an zu schwitzen. Es ist eine Geschichte, wo man als Leser stets auf alles gefasst sein muss und selbst immer auf der Lauer sein muss, ob der Autor ihn hier nicht auf eine falsche Fährte schickt. Angesiedelt zwischen einem Thriller im Neo-Noir Stil, gemischt mit einem Hauch Großstadtdrama und Coming of Age Geschichte, gelang dem Japaner hier ein erneutes Glanzstück. Beachten wir einmal nicht die Lobpreisungen im Vorfeld und konzentrieren uns auf seine Romane, die in Deutschland nun erhältlich sind. Darin steckt große Qualität, angefangen bei einer spannenden Geschichte bis hin zur Übersetzung und Präsentation. Nakamura wird von der US-Presse oftmals vorgeworfen, seine Werke seien nicht zugänglich genug um ein großes Publikum an Thriller-Fans anzusprechen. Diese Aussage kann ich erneut verneinen und hoffe, man wird sich nicht zu sehr von einigen Kritiken der englischsprachigen Presselandschaft blenden lassen. Sonst ergeht einem etwas, und darauf gebe ich sogar Brief und Siegel. Fuminori Nakamura ist Werbung für die japanische Literatur!


Doch die Aufkleber waren mir nicht wichtig. Ich tat nur so, um in den Augen meines Vaters wie ein Kind zu wirken. Ich wandte meinen Blick ab. Nein, er hatte mich nicht unter Kontrolle. Aber dann kam mir Kaori in den Sinn.
"Das reicht, geh", sagte er mit leiser Stimme. "Was guckst du denn so? So benimmt sich doch kein Kind. Du musst deine Rolle noch üben, Dummkopf. Etwas Einfältigeres als Kinder gibt es nicht."

Dienstag, 20. Juni 2017

Inside: Fuminori Nakamura - Der Dieb



Inside: Eine Zusammenfassung und Analyse zu "Der Dieb"
Auf Deutsch erschienen bei Diogenes.
Erschienen: 2009 in Japan. Übersetzung: Thomas Eggenberg




Über drei Jahre ist es mittlerweile her, wo ich mir vornahm, intensiver über ausgewählte Bücher zu schreiben. Damals war es Sputnik Sweetheart, ein kurzer Roman von Haruki Murakami, dem ich mich näher annahm und ein wenig ins Seelenleben dieser Geschichte blickte. Banana Yoshimoto mit "Ihre Nacht" sollte folgen, aufgrund von Zeitmangel und geringer Relevanz der Leser begrub ich aber weitere Pläne, die Rubrik fortzuführen.

Nun gab es aber erneut einen relativ kurzen Roman, der mich sehr begeistert hat. "Der Dieb", von Japans noch jungem Schriftsteller Fuminori Nakamura, beinhaltet alle Elemente, die dazu einladen, intensiver über das Buch zu diskutieren. Meine Besprechung zum Taschenbuch verfasste ich bereits ende April und kann hier eingesehen werden: Rezension

"Der Dieb" ist ein furioser Ritt. Das Buch ist mit etwas über 200 Seiten recht schlank (bei vielen japanischen Autoren ist dies meistens bereits die Standardlänge eines Romans), dennoch passiert auf jeder Seite etwas. Das besondere an dem Buch ist, es fühlt sich an, als würde man das Drehbuch zu einem Spielfilm lesen. Die Geschichte um einen Taschendieb, der immer tiefer in die japanische Unterwelt gerät, ist rasant erzählt, wirkt aber nie gehetzt. Auch wenn ich mir am Ende wünschte, der Roman hätte noch 20-30 Seiten mehr geboten, so bin ich mit dem Ausgang der Geschichte sehr zufrieden. Anders als bei einem Drehbuch gibt es hier aber dennoch die nötige Zeit, um sich in die Charaktere hineinversetzen zu können. Bei einem Drehbuch ist es meistens schwer, einen Bezug zu den Figuren aufzubauen und wird deshalb durch die Umsetzung als Film dann meistens kompensiert.

Da ich in dieser Analyse auf wichtige Einzelheiten im Buch eingehe und gleichzeitig auch über das Ende diskutiere, folgt an dieser Stelle nicht nur eine Spoiler-Warnung, wer nicht direkt auf den Link zu diesem Eintrag klickt, der wird, sollte er über die Startseite meinen Blog besuchen, den kompletten Text erst sehen, sobald er den Eintrag anklickt. Für die Leute, die direkt über eine Verlinkung einsteigen, vielleicht noch vorhaben, das Buch zu lesen, so wird die gestrichelte Linie den Abschnitt zu der eigentlichen Analyse nun trennen.

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Samstag, 29. April 2017

Rezension: Der Dieb (Fuminori Nakamura)


(Foto: © Sodo Kawaguchi) 



Japan 2009

Der Dieb
Originaltitel: Suri
Autor: Fuminori Nakamura
Verlag: Diogenes
Übersetzung aus dem Japanischen: Thomas Eggenberg
Genre: Unterwelt-Drama



"Ishikawa hatte nicht nur eine flinke Hand, sondern auch ein geschliffenes Mundwerk. Früher hatte er oft seine Jobs gewechselt und sich nur als Taschendieb betätigt, wenn er Geld brauchte. Bevor wir uns begegneten, war er in einer berüchtigten Gruppe von Kapitalanlagebetrügern aktiv gewesen.
>>Wenn ich mich wie unsichtbar durch die Menge bewege, ist das ein besonderes Gefühl. Erleben wir Zeit, je nach Situation, nicht mehr oder weniger intensiv? Wenn du zockst oder irgendeinen Investitionsschwindel aufziehst, spürst du die gleiche prickelnde Anspannung. In dem Moment, wo du das Gesetz übertrittst, wo du mit einer Frau aus dem Yakuza-Milieu schläfst oder sonst mit einer, die total crazy und unberechenbar ist - in dem Moment wird dein Bewusstsein extrem stimuliert, es zieht dich rein, und du hebst ab ... Diese verrückte Erfahrung, dieser Rausch gibt sich aber nicht mit dem einen Mal zufrieden. Er verlangt nach Wiederholung, nach Abwechslung, gierig, unersättlich. Er treibt dich an, wie ein zweites Ich in dir. Will noch einmal dieses Gefühl, noch einmal jenes Gefühl auskosten ... In meinem Fall ist es die Kunst des Klauens. Das gibt mir den größten Kick.<<"
(Der Dieb: Fuminori Nakamura. Verlag: Diogenes. Übersetzung: Thomas Eggenberg)



Ein Buch, welches mich auf meiner stressigen Zeit im April begleitet hat war, "Der Dieb" von Fuminori Nakamura. Ich muss zugeben, ich hatte das Buch vor einigen Wochen zufällig unter den Taschenbuch-Neuheiten in der Buchhandlung entdeckt und kannte den Autor zuvor überhaupt nicht. Interessant zu wissen ist jedoch, der Name "Fuminori Nakamura" ist ein Pseudonym, etwas, was den jungen Autor von einer gewissen mysteriösen Atmosphäre umhüllt. Der Name mag ein Pseudonym sein, der Erfolg in seiner Heimat ist nicht ausgedacht, sondern basiert auf Tatsachen. Besser gesagt, Verkäufen. Mit 39 Jahren gehört Nakamura mitunter zu den Auflagenstärksten Autoren in Japan. 2005 gewann er den begehrten "Akutagawa Preis", 2010 gewann er den "Oe Kenzaburo Preis" für den hier besprochenen Kurzroman "Der Dieb". Mit der englischen Adaption zu "Der Dieb" machte Nakamura auch im Ausland auf sich aufmerksam und heimste für den Roman zahlreiche Preise ein.

Doch was steckt denn hinter den ganzen Lobpreisungen? Viel Rauch um nichts oder doch frischer Wind in der Weltliteratur? Bevor ich die Frage beantworte, müsst ihr euch noch ein wenig gedulden. "Der Dieb" ist kein Kriminalroman. Die Geschichte könnte schnell in die Krimi-Schublade gelegt werden, was allerdings ein Fehler wäre. Zwar bietet der Roman eine menge Elemente, die auch ein Kriminalroman gerne beinhaltet, "Der Dieb" ist allerdings ein knallhartes Unterwelt-Drama. Der Ich-Erzähler, dem der Titel gewidmet ist, ist ein Verbrecher, dessen düstere Geschichte sich im Verlauf des Romans immer weiter entfaltet (den Name des Diebes werde ich nicht verraten, er ist aber nicht namenlos, so viel sei schon einmal gesagt). Der Leser folgt hier keinen überforderten Kriminalisten oder aber überdurchschnittlich intelligenten Professoren (ohne nun die Werke von Keigo Higashino abwerten zu wollen). "Der Dieb" ist eine schnörkellose Geschichte. Eine Geschichte, in der Blut fließt. Eine Geschichte über zwielichtige Gestalten und der Yakuza (die japanische Mafia). Eine Geschichte über den Kick, den Nervenkitzel, den die Protagonisten bei einer Straftat verspüren.

Wie schon mein zuletzt besprochenes Buch, "Lebensgeister" von Banana Yoshimoto, so ist "Der Dieb" ein Kurzroman. Gerade mal etwas über 200 Seiten ist der Roman lang. Wie aber auch Banana Yoshimotos Roman, so profitiert Nakamuras Roman von dieser Kürze. "Der Dieb" beginnt direkt zum Auftakt furios und nimmt den Leser gleich mit auf einen Beutezug des Ich-Erzählers. Der Leser ist hier der Beobachter, er spürt den selben Nervenkitzel wie der Dieb. Diese Spannung entlädt sich, sobald der Dieb an seine Beute gekommen ist. "Der Dieb" liest sich relativ häufig wie ein Filmscript, und genau dieser Stil macht diese Geschichte so einzigartig. Die Charaktere, die Nakamura geschaffen hat, sind relativ kryptisch beschrieben. Für den Leser werden die Handlungen, ganz besonders die Handlungen des Diebs, erst im Verlaufe der Geschichte klar. Der einzige Haken, der sich hinter der furiosen Erzählweise und vergleichsweise kurzen Länge des Romans verbirgt sind einige sehr krasse Szenensprünge. Auch mit den Namen kommt man manchmal etwas durcheinander. Obwohl ich mich relativ sicher fühle, was japanische Namen angeht, so hätte glaube ich dem Dieb ein kleines Personenregister nicht geschadet. Dies sind jedoch kleinere Aspekte, die nicht den Gesamteindruck trüben werden.

Nakamuras Schreibstil ist geprägt, als schaue man sich einen Film von Fukasaku oder Kitano an. Was die Gewalt in "Der Dieb" angeht, so ist der Vergleich zu den Werken Takeshi Kitanos sogar noch viel passender. Gewalt wird hier als ein Stilmittel benutzt, um den Leser zu verstören. Hier gibt es keine wilden Ballereien mit blutigen Schießereien, dafür kommt die Gewalt jedoch wie ein Knall. Unerwartet für Protagonist und Leser. Dieses Element spielt Nakamura brillant aus und setzt der Spannung an sich noch einmal einen drauf.

Wie man es von Diogenes gewohnt ist, hat man hier erneut aus dem japanischen übersetzen lassen. Thomas Eggenberg liefert einmal mehr eine flüssige Übersetzung ab, die sich ausgezeichnet liest. Wie immer bei Thomas Eggenbert gibt es wieder die ein oder andere, gut platzierte Randnotiz. Auch beim Titel des Buches ist man unglaublich nah am Original geblieben. Der japanische Originaltitel lautet "Suri", was übersetzt so viel wie "Taschendieb" bedeutet. Dazu liefert der Verlag noch ein äußerst passendes Cover-Motiv.


"Draußen hingen die Wolken wie graue, schwere Lappen am Himmel, und es goss in Strömen. Mein Pulsschlag wurde schneller, ich dehnte meine Finger. Ich stellte mir vor, ich würde ein Taxi rufen, in einem belebten Stadtviertel aussteigen und meine Hand in die Taschen der Leute schlüpfen lassen; ich stünde mitten im Gewühl, würde ein Portemonnaie nach dem anderen greifen, mit flinken, präzisen Handbewegungen ... Es hörte nicht auf zu regnen, und mein Puls beruhigte sich nicht. Mach schon!, hörte ich die innere Stimme und versuchte zugleich, sie zu besänftigen."
(Der Dieb: Fuminori Nakamura. Verlag: Diogenes. Übersetzung: Thomas Eggenberg) 



Resümee

Angesiedelt zwischen Kitano und Dostojewski, packt "Der Dieb" zu. Er packt sich nicht nur die Portemonnaies von ahnungslosen Passanten, er packt sich auch seine Leser. Dieser Dieb raubt nicht nur, er zieht die Leser gleichermaßen mit in sein Verderben. All das macht Nakamuras Roman zu einem Erlebnis voller Wendungen, Spannung und Pessimismus. Um also nun die Frage aus dem zweiten Absatz dieser Besprechung zu beantworten, so kann ich beruhigt eine Empfehlung aussprechen. Fuminori Nakamuras Roman ist der frische Wind, der dafür sorgte, dass ich das Buch in wenigen Tagen verschlungen habe. Und obwohl "Der Dieb" kein waschechter Krimi ist, so dürften bei diesem Werk durchaus auch Hobby-Kriminalisten ihre Freude haben. Hoffen wir darauf, dass das umfangreiche Werk von Fuminori Nakamura noch das eine oder andere mal den Weg in die deutsche Sprache finden wird.



"Ich widerstand der Versuchung, nochmals über meine Schulter zu blicken, und dachte, dass es besser gewesen wäre, gar nicht erst hierherzukommen. Ich fühlte die Gegenwart des Turms, der von hier aus nicht zu sehen war, fühlte den unaufhörlichen Regen, die gewaltigen Wolken, aus denen es endlos goss - und sah mich selbst, wie ich in dieser Landschaft meines Weges ging."
(Der Dieb: Fuminori Nakamura. Verlag: Diogenes. Übersetzung: Thomas Eggenberg)