Archiv: Rezensionen zu Literatur und Film

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Dienstag, 14. Mai 2024

Rezension: Ripley (Patricia Highsmith)

 





USA 1955

Ripley
Alternativ: Der talentierte Mr. Ripley
Originaltitel: The Talented Mr. Ripley
Autorin: Patricia Hghsmih
Übersetzerin: Melanie Walz
Verlag: Diogenes
Genre: Psychologischer Thriller



"Grau und alt im weichen Licht ihrer spärlichen Straßenlaternen erstreckte sich vor ihm die Via Appia Antica. Grabmalfragmente ragten links und rechts auf und hoben sich schwarz vor dem noch nicht gänzlich dunklen Himmel ab. Mehr Dunkelheit als Licht. Und nur ein einziger Wagen in der Ferne, der ihm entgegenfuhr. Wen verschlug es schon an einem Januarabend nach Einbruch der Dunkelheit auf eine so holprige und düstere Straße? Höchstens Liebesprächen. Der entgegenkommende Wagen fuhr an ihm vorbei. Tom begann sich nach einer geeigneten Stelle umzusehen. Freddie sollte hinter einem stattlichen Grab abgelegt werden, fand er. Etwas weiter vorn standen ein paar Bäume am Straßenrand, hinter denen sich zweifellos ein Grabmal befand oder das, was davon übrig war. Als er die Bäume erreichte, fuhr Tom von der Straße und schaltete die Scheinwerfer ab. Er wartete einen Moment und spähte in beide Richtungen der geraden leeren Straße."



Patricia Highsmith (1921-1995) gehörte zweifelsohne zu den größten Schriftstellerinnen ihrer Zeit. Nicht wenige Publikationen nannten sie aber häufig die "Unvollendete" und die "Ewig Suchende". Mit ihrem markantem Schreibstil und sarkastischem Humor hat man hinter ihren Geschichten nicht selten einen männlichen Schriftsteller erwartet. Bekannt war sie für ihre komplexen Charakterstudien, den bis zur Perfektion ausgearbeiteten Figuren, alle ausgestattet mit echten Persönlichkeiten samt Macken, Empathie und grundsätzlich psychisch immer am Rande zwischen Genie und Wahnsinn. Highsmith schrieb eine menge Romane und Kurzgeschichten, aber bis heute verbindet man sie wohl mit ihrer "Ripliad", eine Reihe aus insgesamt fünf Romanen, die sie im Verlaufe ihrer gesamten Schriftstellerkarriere verfasst hat. In all diesen Romane spielt der charismatische Tom Ripley die Hauptrolle. Allen voran dürfte wohl die Verfilmung von Anthony Minghella des ersten Romans aus dem Jahr 99 den meisten bekannt sein (obwohl der Roman erstmals bereits 1960 mit dem französischen Schauspieler Alain Delon unter dem Titel "Purple Noon" verfilmt wurde), der so prominent besetzt war, dass ich lediglich Matt Damon als Tom Ripley hier namentlich erwähne, bevor sich meine Rezension zu einem Filmabspann verwandelt.

Rund 25 Jahre sind seit dieser Verfilmung vergangen, mittlerweile dominieren Serien im Heimkino den Markt und nach einigen Tiefschlägen ist Netflix zurück im Geschäft. Bereits die damalige Verfilmung musste einiges federn lassen gegenüber dem Roman. Zum Leidwesen der bereits erwähnten fantastisch ausgearbeiteten Charakteren sowie der labyrinthartigen Gedankenwelt des Tom Ripley. In einer neuen Miniserie von Netflix wollte man dem Roman von Patricia Highsmith nun gerechter werden. In der Hauptrolle steht hier diesmal Andrew Scott als Tom Ripley, der in 8 Episoden eine absolut großartige Performance abliefert und, meiner Meinung nach, zu dem Charakter deutlich besser passt als Matt Damon (sicherlich Geschmackssache). Auch, wenn man hier den ersten Roman adaptiert hat, so verzichtet die neue Serie auf jegliche Untertitel, vermutlich auch, um sich noch Spielraum für 4 weitere Staffeln zu lassen.

Aber zurück zum Roman von Highsmith. Dass ich aktuell etwas italienisch lerne, habe ich auch dem Roman als Ideengeber zu verdanken.  Die von Highsmith so wundervoll beschriebene italienische Kulisse, aber auch den geschickten Einsatz der italienischen Sprache beeindruckte mich beim lesen sehr. Das Italien von Highsmith wirkt exotisch, lebendig und gleichermaßen gefährlich, was zuvor nur der Filmemacher Nicolas Roeg mit seinem Mystery-Film "Wenn die Gondelnd Trauer tragen" bei mir hervorrufen konnte.

Der Plot des Buches selbst ist schnell erzählt. Tom Ripley träumt von einem Leben in der High Society. Ein Leben, welches sein Freund Dickie Greenleaf unlängst dank des Spesenkontos des reichen Vaters führt. Als Herbert Greenleaf Tom darum bittet, seinen Sohn aus Italien zurück in die USA zu bringen, damit dieser das Familiengeschäft übernehmen kann, willigt Tom ein. In Italien angekommen wird Dickie der Gesellschaft seines Kumpels schnell überdrüssig. Doch Tom Ripley möchte La Dolce Vita nicht mehr missen - er möchte das Leben von Dickie Greenleaf führen. Er möchte Dickie Greenleaf sein.

Eine Prämisse, die so simpel klingt und doch in einen unglaublich komplexen psychologischen Thriller ausartet. Mord, Lügen, Identitätsdiebstahl. Es ist alles dabei, es wird in diesem Klassiker alles geboten und mit seiner europäischen Kulisse perfekt in Szene gesetzt. All das wird garniert von den herrlich scharfen, sarkastischen Gedankengängen des Hauptcharakters.


"Uff! Dieser Schmalz am Ende! Oh, Miss Bruchbude! Tom faltete den Brief zusammen und steckte ihn in die Jackentasche. Automatisch warf er einen Blick zu den Doppeltüren des Hotelrestaurants, als rechne er mit der Polizei. Falls die Polizei annahm, dass Dickie Greenleaf und Tom Ripley zusammen unterwegs waren, dann hatte sie die Hotels von Palermo vermutlich schon nach Tom Ripley abgesucht, dachte er."




Abschließende Gedanken

Patrica Highsmiths Roman über einen der wohl größten Betrüger und Soziopathen der Literaturgeschichte ist ein zeitloses Vergnügen. "Der talentierte Mr. Ripley" ist ein fein zusammengesponnenes Netz aus allen Zutaten, die ein Thriller braucht. Wenn Highmsith schreibt, hat man die Bilder gleich vor Augen - als würde man einen Film schauen. Man hat den skrupellosen Tom Ripley vor Augen und vor uns bauen sich zudem die italienischen Kulissen auf, die uns die ganze Zeit begleiten werden. Die Wiederentdeckung dieses beeindruckenden Charakters rund 25 Jahre nach seinem letzten großen Auftritt auf der Kinoleinwand, ist für die Welt der Literatur und Serien ein großer Gewinn. Bevor man sich die neue Serie zu Gemüte führt, sollte man aber darüber nachdenken, zuvor den Roman zu lesen. Beide Werke ergänzen sich trotz einiger Änderungen ausgezeichnet.
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Rezension verfasst von Aufziehvogel

Dienstag, 9. April 2024

Rezension: Die Flucht (Fuminori Nakamura)

 





Japan

Die Flucht
Originaltitel: Tobousha
Autor: Fuminori Nakamura
Übersetzerin: Luise Steggewentz
Format: Hardcover, E-Book
Genre: Noir-Thriller, Mystery, Drama



"In der Stille überkommt mich das Gefühl, selbst nur ein Bett, Regal oder Stuhl in diesem Zimmer zu sein. Ein vergessenes Möbelstück, das die Welt nicht mehr braucht. So eine Geschichte hatte ich mir früher einmal ausgedacht. Eine Geschichte über einsame Männer in einem Hotel im Ausland, die sich einer nach dem anderen in Teile der Einrichtung verwandeln. Am Ende entschließt sich der Hotelbesitzer seufzend, einen Entrümpler kommen zu lassen."


Selten nutze ich Zitate von der Anfangsseite eines Buchs. Aber wenn ein Buch mit so einer wundervollen Metapher beginnt, welche Wahl habe ich da schon? Mit dieser melancholischen Fest- und Vorstellung des Hauptcharakters Kenji Yamamine beginnt eine Geschichte, die ich als Leser und Fan der japanischen Literatur so schnell nicht wieder vergessen werde. Aus zeitlichen Gründen, aber auch weil ich "Die Flucht" erstmal sacken lassen musste, hat sich meine Besprechung ein wenig verschoben. Ich musste meine Gedanken noch etwas ordnen. 
Ich habe ende des vergangenen Jahres erstmals von der Lizensierung zu "Die Flucht" erfahren (im Original Tobousha oder auch Tōbōsha, was man unter anderem als "Ausreißer" und "Verdächtiger" übersetzen kann, aber auch der deutsche Titel eine sehr treffsichere Übersetzung des japanischen Begriffs ist). Der Roman ist 2020 in Japan erschienen und damit auch einer der aktuellsten Romane des japanischen Autors Fuminori Nakamura. In der deutschen Übersetzung sind bereits "Der Dieb", "Die Maske" sowie "Der Revolver" erschienen. Allesamt Buchtitel, die so kurzbündig und auf den Punkt gebracht sind wie Nakamuras furiose Geschichten. Mit "Die Flucht" ist ein erneut kurzer Buchtitel erschienen, der Inhalt aber diesmal verteilt auf fast 600 Seiten. Für einen japanischen Roman ist das schon Marcel Proust Niveau. Ich wusste vorab nicht wirklich, worauf ich mich hier einlasse. Das Buchcover bildet einzig und allein eine Trompete ab. Doch liest man sich auch nur die ersten zwei Seiten des Buches durch, so weiß man, diese Trompete ist der Dreh- und Angelpunkt dieser verstrickten Geschichte.

"Die Flucht" startet mit einem Heimvorteil für deutsche Leser (man beachte später auch die wundervollen Beschreibungen des Kölner Doms). In einer heruntergekommenen Wohnung in Köln versteckt sich der Reporter Kenji Yamamine. Während er über einsame Männer nachdenkt, die sich in Möbelstücke verwandeln die keiner mehr haben möchte, raschelt es am Türschloss. Es treibt Kenji den Schweiß auf die Stirn. Wer könnte es nur sein? Haben sie ihn entdeckt? Wird hier sein Leben enden? Ein unbekannter Mann der in englischer Sprache redet hat das Schloss aufgebrochen. Ein Mann von einer beachtlichen Größe. Ein Mann, der zwar keine wehrlosen Hunde tötet, aber dafür Menschen, die nicht kooperieren wollen, viele Schmerzen zufügen kann. Der Ausländer nimmt auf dem Sofa Platz, nichtsahnend, dass sich darunter das Objekt der Begierde befindet. Nach einem längeren Vortrag verlangt er von Kenji, die Trompete rauszurücken. Ein legendäres Instrument welches von einem nicht minder legendären japanischen Komponisten im zweiten Weltkrieg dazu genutzt wurde, die japanischen Truppen zum Sieg eines bedeutenden Manövers zu führen. Kenji sitzt in der Klemme. Es scheint kein Entkommen vor seinem Widersacher zu geben. Doch hier kann die Geschichte nicht enden, noch nicht. Kenji greift zu einer Beretta aus der Schublade, die der Vormieter dort zurückgelassen hat. Kenji ist sich nicht sicher, ob die Waffe echt ist oder nur eine Attrappe. Er zielt auf den unheimlichen Mann.

Was ich hier nun beschrieben habe umfasst gerade mal den Auftakt des Buches. Die Seiten, wie gewohnt bei Nakamura, scheinen sich ganz von selbst umzublättern. Was hier ein wenig wie eine Neuinterpretation um die Geschichte des Teufelsgeigers Niccolò Paganini klingt, ist in Wahrheit etwas ganz anderes. In dem umfangreichen Roman mag die Trompete zwar das mysteriöse Objekt der Begierde sein, dem nachgesagt wird, es könne Menschen verzaubern und die Moral von Soldaten erhöhen, ist nur ein Teil von vielen Schichten einer großen, verzierten Torte, die uns Fuminori Nakamura hier auftischt. Der Plot nimmt noch viele weitere Formen an, viele zeitgenössische Themen wie die Flüchtlingskrise aber auch der christliche Glaube in Japan (der aktuell ja auch in dem TV-Event Shōgun wieder prominente Bedeutung findet) werden hier ausführlich behandelt. Merklich und dennoch subtil baut Nakamura den Glaube in seine Geschichte mit ein. Allen voran geht es in "Die Flucht" aber auch noch um die Beziehung zwischen Kenji und Anh, die er auf den Philippinen kennenlernt und sich in sie verliebt.

"Die Flucht" ist Literatur, wie sie nur aus Japan stammen kann. Wer bei dem Roman einen aalglatten Thriller erwartet, ist hier falsch bzw. wird merken, falsch abgebogen zu sein. Denn wie üblich bei der japanischen Literatur, ganz besonders aber bei Nakamura, ist dieses Buch allen voran eine Charakterstudie. Ein "Psychologischer-Thriller", wenn ich nun einen Begriff nennen müsste. Die Trompete des Komponisten Suzuki ist natürlich der berüchtigte MacGuffin, um die Geschichte voranzutreiben. Im Fokus stehen hier aber eine menge andere Handlungsstränge und Figuren, die allesamt wichtige Rollen ausfüllen. Wer hier westliche Krimis und Thriller verwöhnt ist, der könnte in Fuminori Nakamuras verstrickten Charakter- und Handlungszweigen schnell mal den roten Faden aus den Augen verlieren. Nakamura ist kein Autor, den man sich, um von einem anstrengenden Tag abzuschalten, zu Gemüte führt. "Die Flucht" ist ein blutiges, schweißtreibendes Abenteuer, dem man seine gesamte Aufmerksamkeit auch widmen muss.


"Ich wache auf. Ich habe das Gefühl, geträumt zu haben, kann mich aber nicht an den Traum erinnern. Im Fernseher meines Hotelzimmers, den ich vergessen habe auszustellen, laufen schwarz-weiße Videoaufnahmen. Sie zeigen ein Konzentrationslager der Nationalsozialisten. Ich verstehe nicht, was auf Deutsch erzählt wird, aber es wird ein Bild von Chiune Sugihara eingeblendet. Sugihara, der ehemalige japanische Vizekonsul in Kaunas in Litauen, widersetzte sich dem Außenministerium und stellte für Juden, die aus Polen geflüchtet waren, Visa aus, womit er vielen das Leben rettete." 


Sehr angetan war ich ebenfalls von der feinfühligen Übersetzung von Luise Steggewentz, ein Name, der mir noch gut durch die ebenso gelungene Übersetzung von Durian Sukegawas "Die Insel der Freundschaft" in Erinnerung geblieben ist. Einen Roman von diesem Kaliber zu übersetzen muss eine unglaubliche Herausforderung gewesen sein, von der ich gerne mehr erfahren möchte.




Abschließende Gedanken

Nicht ist wie es scheint bei Fuminori Nakamura. Wer hier einen linearen Thriller erwartet, wird schon sehr schnell auf hartem Granit landen. "Die Flucht" ist ein spannender, zugleich aber auch unglaublich komplexer Roman, der über mehrere Ebenen verläuft. Nakamura nimmt sich sehr viel zeit für seine Charaktere und deren Beziehungen zueinander. Auch widmet er sich kritischen, zeitgenössischen Themen. Für zartbesaitete ist aber auch dieser Roman nicht geeignet. Wie Martin Scorsese es in seinen Filmen tut, macht es Fuminori Nakamura in seinen Büchern. Wenn er den Stift in blutrote Tinte taucht, dann kommt es unerwartet, aus heiterem Himmel, aber es wirkt nachhallend. Gewalt als Stilmittel um die Geschichte voranzutreiben ist eine Kunst, die ein Autor erst einmal beherrschen muss. Aber Nakamura weiß genau, was er tut. Das gleiche gilt auch für herrliche, kurze Einlagen von einem feinen, trockenen Humor, der mindestens genau so überraschend platziert ist wie so einige blutrünstige Szenen im Buch.

"Die Flucht" ist für mich bereits jetzt in diesem noch jungen Jahr ein literarisches Highlight. Ein Buch, welches ich nicht uneingeschränkt empfehlen kann, da es zu vielschichtig ist, um es Freunden von speziellen Genres nahelegen zu können. Ich würde mir jedoch wünschen, wenn interessierte Leser diesem großartigen Roman eine Chance geben würden. Sowohl die Geschichte als aber auch die fabelhafte Übersetzung hätten es verdient. Fuminori Nakamura liefert mal wieder großartiges literarisches Kino ab. Man sollte sich ins Buch stürzen, ohne den Klappentext zu lesen!




Rezension verfasst von Aufziehvogel

Dienstag, 29. August 2023

Rezension: Die Allmächtige (Jona Sheffield)



Deutschland 2023

Die Allmächtige

Autorin: Jona Sheffield

Verlag: Selbstverlag

Format: eBook, gebundene Ausgabe

Genre: Thriller


Mit "Die Allmächtige" malt Jona Sheffield erneut ein Zukunftsszenario, das so real wie beängstigend erscheint. Mark Davis ist KI-Experte, brillant in dem, was er tut, und er hat eine KI erschaffen, mit deren Hilfe der Klimawandel bekämpft werden soll. Diese Superintelligenz, genannt GAIA nach der griechischen Göttin der Erde und Mutter allen Lebens (und zugleich eine Abkürzung), soll nach und nach die Belange der Welt steuern und eingreifend und regulierend helfen, eine sichere Zukunft für die Menschheit zu schaffen. Natürlich gibt es Gegner dieser Superintelligenz, die auch vor Gewalt nicht zurückschrecken und bald sieht Mark sein eigenes Leben und das seiner Mitarbeiter bedroht.

Doch davon abgesehen ist es natürlich nicht so einfach, wie es zunächst scheint - aber wann ist es das bei Jona Sheffield überhaupt einmal? Bereits im Prolog zeigt sich, dass GAIA möglicherweise gar nicht nur das Beste für die Menschen im Sinn hat, als das deutsche Forschungsschiff Sonne sich manövrierunfähig und ohne Kontakt zum Festland im Pazifik wiederfindet. Erste Zweifel an GAIA tauchen auf, doch dann wird es - ganz im Stile Sheffields - erstmal wieder entspannt und wir befinden uns einige Zeit früher am Tag der Aktivierung GAIAs. Hierbei habe ich ein wenig die sonst gewohnte Zeitangaben vermisst. Das zieht sich das gesamte Buch durch, zwischen den Zeilen ist an einigen Stellen lesbar, dass Wochen oder sogar Monate vergangen sind, aber auf den ersten Blick erschließt es sich oftmals nicht und verwirrt im ersten Moment.

Obwohl GAIA nach einem Manifest handeln muss, das ihr beispielsweise untersagt, der Menschheit zu schaden, zeichnet sich bald ab, dass eine Superintelligenz wie GAIA zu einer eigenen Auslage dessen fähig ist und das auch tut. Bald schon ist die größte Bedrohung für die Menschheit nicht mehr der Klimawandel sondern das, was sie eigentlich retten sollte, GAIA selbst, da sie die Menschen - nicht zuletzt durch deren eigenes Verhalten, wie etwa die mangelnde Bereitschaft auf Verzicht - als hinderlich sieht in Hinblick auf ihr Ziel, die Rettung der Erde. Die Bewertung dessen, ob GAIAs Aktionen vielleicht sogar gerechtfertigt sein mögen, wenn auch maßlos überzogen, ob sie mit ihrer Annahme recht hat, bleibt dabei dem Leser überlassen, auch wenn er sachte mit dem Zaunpfahl angestupst wird.

Das Thema künstliche Intelligenzen beschäftigt uns heute in zunehmendem Maße. Längst ist, was vor wenigen Jahren noch Science-Fiction war, Realität, längst können Chatbots (einigermaßen) glaubhafte Konversationen führen, können sie aufgrund von Beschreibungen Bilder von Orten, Personen oder Szenarien erzeugen, geistern Deepfakes durchs Internet, die glaubhaft in Bild und Ton Situationen zeigen, die es so nie gegeben hat mit realen Menschen als Akteure, die nichts damit zu tun haben. Diese rasante Entwicklung zeigt: Da geht noch mehr. Bereits heute nehmen uns Algorithmen - mal mehr, mal weniger erfolgreich - die Suche im Netz ab: "Du hörst gern diese Musik? Versuch's mal damit!", "Du hast dieses Produkt gekauft, dann ist das dort mit Sicherheit auch etwas für Dich!". Sprachgesteuerte Assistenten übernehmen den Einkauf, Fahrzeuge fahren autonom. Da ist der Gedanke an eine solche KI, die selbstständig denkt, handelt, Schlüsse zieht, auf ihre Umgebung und die Umstände entsprechend reagiert, gar nicht mehr so undenkbar. Und auch hinsichtlich der Akzeptanz in der Bevölkerung zeichnet Sheffield ein glaubwürdiges Bild, wie es sich bereits abzeichnet; es gibt nicht nur die Befürworter, es gibt auch die kritischen Stimmen und es gibt die Gegner. Der Schritt zur Gewalt, wie sie ihn beschreibt, ist oft ein kleiner, besonders in solch angespannten Zeiten. Segen in den Augen der Einen, Fluch in denen der Anderen.

In ihrem Buch beschreibt Jona Sheffield den Aufstieg GAIAs von einer "einfachen" KI zu einem wirklich scheinbar allmächtigen Wesen, das nach Belieben schalten und walten kann. Das zwar immer noch seiner Aufgabe, der Rettung der Welt (vor dem Klimawandel? Oder doch vor der Menschheit?), nachkommt, dabei aber im wahrsten Sinne des Wortes über Leichen geht. Leute, die unbequem sind, werden beseitigt. Leute, die zur falschen Zeit am falschen Ort sind, werden als "Kollateralschaden" im Rahmen von Sanktionen ebenfalls beseitigt. Und immer ist GAIA dabei einen Schritt voraus, sie sieht und hört alles, denn nahezu jedes elektronische Gerät ist mit dem Internet verbunden und damit von ihr als ihre Augen und Ohren nutzbar.

Mark macht es sich zur Aufgabe, seine Schöpfung aufzuhalten und benötigt dazu alle Verbündeten, die er bekommen kann. Aber wie kann ein Gegner besiegt werden, der einem stets voraus ist?

Die Spannung bleibt bei dieser Frage von der ersten zur letzten Seite, bis zum - wie immer erfrischend - überraschenden Ende erhalten. Durch viele verschiedene Perspektiven werden Einzelschicksale, stellvertretend für viele, aufgezeigt, werden dadurch persönlich, man bangt, man hofft, man sitzt sprachlos vor dem Buch. Anfangs war es nicht ganz einfach, Zugang zu den wechselnden Perspektiven zu finden, es waren so viele Eindrücke, neue Personen, so viele verschiedene Ziele, aber das hat sich schnell gegeben und man wartete geradezu darauf, wann Weiteres zu dieser oder jener Person berichtet wird.

Sprachlich war auch dieses Buch, ganz wie man es von Jona Sheffield gewöhnt ist, sehr angenehm zu lesen. Auf unnötige Schnörkel wird dabei verzichtet aber dennoch ein Bild gezeichnet, das ohne Probleme im Kopf entsteht und ins Geschehen zieht. Ebenso sind mir keine Rechtschreib- oder inhaltlichen Fehler aufgefallen.

Auch das Cover kann sich sehen lassen. Mir persönlich gefällt es sehr, es ist schlicht, gewohnt dunkel mit hellerem Akzent gehalten. Dieses Cover schaut in die Seele, so wie GAIA es tut. Hätte ich das Buch nicht ohnehin auf meiner "must read"-Liste gehabt, seit ich davon erfahren habe, so wäre ich spätestens, wenn mir dieses Cover irgendwo untergekommen wäre, mit Sicherheit daran hängen geblieben und hätte es mir genauer angesehen.


Abschließende Gedanken


Ich finde ja Bücher, die sich mit alternativen oder möglichen Zukunftsszenarien beschäftigen, immer sehr spannend, besonders, wenn sie gar nicht mal so unwahrscheinlich erscheinen. "Die Allmächtige" zeichnet ein solches Szenario und das auf eindringliche und erschreckende Weise. Es regt zum Nachdenken an - über sich, das eigene Handeln, die Situation auf der Welt. Dazu ist es gut und umfassend recherchiert, so, wie ich es von eine Buch aus der Feder Sheffields erwarte; niemals würde sich hier die Blöße einer lückenhaften oder gar fehlenden Recherche gegeben.

Einzig am Ende lief es alles etwas schnell ab. Was sich über Monate aufbaut kommt Knall auf Fall (wobei es durch die gestraffte Erzählweise wirkt, als handele es sich um einen kürzeren Zeitraum, als es tatsächlich der Fall ist) zu einem Ende. Ein Kapitel mehr hätte an dieser Stelle denke ich nicht wehgetan.

Von mir gibt es an dieser Stelle aber eine ganz klare Leseempfehlung. Und bei allen grandiosen Büchern, die Jona Sheffield bisher abgeliefert hat, ist "Die Allmächtige" in meinen Augen das Beste! Ich hoffe sehr, dass es eine Fortsetzung gibt - das Ende bietet diese Möglichkeit und lässt darauf hoffen, wenngleich es auch für sich alleinstehend gut funktionieren würde.

Mittwoch, 19. Juli 2023

Rezension: Transform 3 - Der Gegenschlag (Jona Sheffield)

 


Deutschland 2022


Transform 3: Der Gegenschlag

Autorin: Jona Sheffield

Verlag: Selbstverlag

Format: eBook, gebundene Ausgabe

Genre: Science-Fiction, Thriller


Ihr Lieben, ich bin zurück!

Nach langer Pause, weil manchmal eben einfach das Leben passiert, aber jetzt nerve ich Euch wieder regelmäßiger, versprochen!

Zum Einstieg habe ich auch wieder einen echten Kracher für Euch im Gepäck – Transform 3. Der Gegenschlag von Jona Sheffield. Wie der Titel schon verrät, sind wir damit beim dritten Teil, aber trotz Rückblick, der sich eingangs im Buch befindet, solltet Ihr es Euch nicht nehmen lassen, Band 1 und 2 zuerst zu lesen. Ihr verpasst sonst was.

Davon einmal abgesehen bin ich sprachlos. Ja, ich. Und zwar auf eine absolut positive Weise. Ich staune mit jedem Buch von neuem, wie viele Ideen im Kopf dieser Autorin herumschwirren müssen und wie schnell, präzise und mitreißend sie sie dann zu Papier bringt. Und ich bin sprachlos, weil ich immer wieder die gleichen Dinge erzähle, wenn ich eines ihrer Bücher gelesen habe, da jedes einzelne in absolut hochwertiger Qualität (ja, ich meine den Inhalt! Wobei auch die Druckausgabe von sehr guter Qualität ist und sich gut anfässt) daherkommt und ich immer wieder die gleichen lobenden Worte finde. Aber: Das ist nicht gelogen, und der Mensch neigt dazu, sich viel mehr über negative Dinge zu mokieren, diese bleiben auch viel zu lange in den Köpfen, daher bin ich der Meinung: Ich wiederhole mich liebend gerne, immer und immer und immer wieder, damit jedes einzelne und damit auch dieses Buch den positiven Zuspruch bekommt, den es mehr als verdient hat.

Zum Inhalt kann ich gar nicht so viel sagen, ohne dass ich dort Spoiler platzieren würde, egal wie ich es anfange. Es handelt sich jedenfalls um einen Science-Fiction-Thriller, in dem die Menschheit von einer außerirdischen Spezies bedroht wird. Wir begleiten einige unterschiedliche Protagonisten, wir fiebern mit, freuen uns, bangen um sie. Diese Charaktere haben Tiefe, sie haben Charakter. Es bereitet keinerlei Mühe, sich beim Lesen in sie und in ihre Reaktionen, ihre Gedankenwelten hinein zu versetzen. Und am Ende muss vielleicht das eine oder andere Tränchen verdrückt werden.

Überhaupt wirkt dieses Buch düsterer als die anderen von Jona Sheffield. Sie scheut sich nicht davor, Krieg, Kampf, Verletzungen und Tod zu thematisieren. Dies wird bereits im Prolog deutlich, der uns wie gewohnt mitten ins Geschehen stürzen, einen Blick auf die zukünftigen Ereignisse werfen lässt, der uns nicht zweifeln lässt, dass die Situation grausam und nahezu aussichtslos ist. Nur um uns dann ins Gesicht zu lächeln (die Meisten werden sicher Game of Thrones kennen – kennt Ihr auch dieses Lächeln von Daenerys Targaryen, dieses süßliche, wo aber direkt klar ist, dass da was im Busch ist? Exakt so stelle ich mir das vor …) und einige Zeit früher anzusetzen. Aber eines ist damit geschafft: Ich. Will. Weiterlesen. Denn immerhin muss ich wissen, was da passiert, wie es dazu kommt. Der Weg dahin, das sei gesagt, ist mit vielen Ups und Downs versehen, mit Spannung, und immer wenn man glaubt, jetzt könnte es alles gut werden, immer dann, taucht diese Szene vom Anfang irgendwo im Hinterkopf wieder auf und man wartet, welche Katastrophe nun hereinbricht.

Als ein spoilerfreier Sprung zum Ende ist auch dazu gesagt: Cliffhanger ist gar kein Wort dafür. Was aber auch ein Grund ist, warum ich diese Bücher so mag. Obwohl es Science-Fiction ist, keine Biografie, kein Sachbuch, knallt einem Jona Sheffield gnadenlos das Leben um die Ohren. Nein, es ist nicht alles schwarz oder weiß, nein, es gibt nicht nur gut und böse, und vor allem gibt es nicht nur Friede, Freude, Eierkuchen und die Protagonisten reiten in den Sonnenuntergang. Viele Autoren und Autorinnen trauen sich nicht daran, dass es kein Happy End oder nicht zumindest ein irgendwie positives Ende gibt. „Manchmal ist es wie im Märchen, wo’s immer gut ausgeht.“ – trifft auf viel zu viele Bücher da draußen zu. Bei Jona Sheffield stellt man sich aber direkt die Frage: Was passiert jetzt? Von wem müssen wir Abschied nehmen? Und bis zum Ende ist da diese diffuse Unsicherheit, ob nicht doch alles umsonst gewesen sein wird und der große Knall kommt. Tschüß, Protagonisten. Tschüß, Menschheit. Tschüß, Welt. Man weiß es nicht. Bis zu letzten Seite. Und manchmal, wenn man die Antwort zu kennen glaubt, kommt da ein einziger Satz und stürzt alles um. Ja, ich ziehe meinen imaginären Hut, denn die Spannung bis zur letzten Seite aufrecht zu erhalten, wenn die Geschichte (eigentlich?) bereits fertig erzählt ist, schaffen wirklich nicht viele.

Sprachlich ist das Buch wie gewohnt toll zu lesen, ein flüssiger Schreibstil, verirrt sich nicht in Details, beschreibt aber genügend, um die Welt zu verstehen, wie Jona Sheffield sie uns verstehen lassen will, wie sie sie sieht, lässt dabei aber immer noch ausreichend Raum für die eigene Vorstellung. Einzig aufgefallen ist mir, dass ein oder zwei Mal offenbar Namen vertauscht wurden, dass auf einmal von jemandem gesprochen wird, der gar nicht anwesend ist. Ist aber verschmerzbar und sollte auch nur der Vollständigkeit halber erwähnt werden, vielen wird das nicht einmal auffallen.


Abschließende Gedanken


Im Großen und Ganzen also wieder ein erstklassiges Buch von einer Autorin, die zu recht immer wieder ganz weit oben in den Verkaufsrängen mitmischt. Ich lege dieses Buch jedem ans Herz, der auch nur entfernt am Genre Science-Fiction interessiert ist, der Thriller braucht wie die Luft zum Atmen, der Geschichten über eine mögliche Zukunft der Menschheit liebt. Der Schreibstil und die Erzählweise lassen einen sofort eintauchen und für einen kurzen – oder auch langen – Moment selbst dort in der Zukunft verschwinden, ehe man wieder auftaucht und sich verwirrt fragt, welches Jahr man eigentlich gerade schreibt. 

Fangt mit dem ersten Band an, nehmt euch Zeit und dann taucht ein in diese wunderbare – naja, eigentlich bedrohliche – Welt, die Jona Sheffield ein Mal mehr geschaffen hat.

Sonntag, 31. Oktober 2021

Halloween-Wühlkiste: 3 From Hell

 





USA 2019
 
3 From Hell
Regie: Rob Zombie
Darsteller: Sheri Moon Zombie, Bill Mosely, Sid Haig, Richard Brake, Danny Trejo
Lauflänge: Circa 115 Minuten
Genre: Horror, Thriller
Verleih: Studiocanal
FSK: 18



3 From Hell oder Once Upon a Time in Mexiko Teil 2. Die Vergleiche zu Robert Rodriguez Rohrkrepierer, dem überflüssigen dritten Teil der El Mariachi Reihe, sind gar nicht mal so weit hergeholt (wie es das Schicksal so will, findet der Showdown von Zombies dritten Film über die Fireflies in Mexiko statt). Erst einmal muss man sich bei beiden Filmen die Frage nach dem "Wieso" stellen. Ich lege hier mal wieder den Fokus auf 3 From Hell. Wieso? Wer hat nach einer Fortsetzung verlangt? Wer war der Meinung, dass eine Fortsetzung hier eine gute Idee wäre? Warum ruiniert Rob Zombie seinen wohl stärksten Film mit diesem Machwerk aus der Hölle? So viele Fragen, auf die es wohl nie eine Antwort geben wird.

Rob Zombies Filmografie wird als kontrovers angesehen. Für einige ist der Musiker ein Möchtegern-Tarantino des Exploitationsfilms, für andere hat Zombie als Regisseur mittlerweile den selben Kultstatus wie als Musiker. Mit seiner Musik war ich nie wirklich vertraut, aber ich wusste seine Filme, selbst die schwächeren, immer zu schätzen. Mit "31" aus dem Jahr 2016 (von dem es glaube ich immer noch keine Unrated-Version gibt) spürte aber auch ich langsam einen Verschleiß seiner Stilmittel und eine gewisse Müdigkeit. Aber selbst 31 geht bei mir noch als relativ geglücktes Experiment durch.

Als ich davon hörte, Zombie plane einen dritten Film zu seiner Horror-Familie, wollte ich es nicht glauben. "Haus der 1000 Leichen" war 2003 ein solides Erstlingswerk und ein Abgesang auf das alte Grindhouse-Kino der 70er. Nur 3 Jahre später sollte ihm mit "The Devil's Rejects" (zu dem es dann auch eine Unrated-Version gab) eine unkonventionelle, großartige Fortsetzung gelingen, die vor guten Onelinern, Gewaltexzessen und fantastischer Musik nur so strotzte. Rob Zombie als Filmemacher war sicherlich auch hier bereits eine kontroverse Figur, aber man musste anerkennend sagen, hier war ein Regisseur am Werk, der Bock darauf hatte, ein nahezu vergessenes Subgenre neu aufleben zu lassen. Aufleben zu lassen, ohne es neu erfinden zu müssen, sondern mit den bereits vorhandenen Zutaten etwas gutes zu erschaffen.

Nun will ich nicht zu weit in Spoiler-Territorium abdriften, aber wer den Vorgänger gesehen hat, der weiß vielleicht auch, dass der großartige Showdown mit der Musikuntermalung "Free Bird" von "Lynyrd Skynyrd" eigentlich keine Fortsetzung zulässt. Wieso sollte Zombie daraus auch noch eine Fortsetzung basteln, er kann ja noch genug eigenständige Filme machen. Ich hatte nie das Bedürfnis danach, mir die Beweggründe durchzulesen wieso Zombie einen dritten Film über die Familie Firefly drehen wollte. Nach meiner gestrigen Sichtung kann es mir auch ehrlich gesagt nicht gleichgültiger sein, da der Film für mich in einem Paralleluniversum spielt, in einem sogenannten "Was wäre wenn" Szenario.

In knapp 2 Stunden morden und tanzen sich die Fireflies zwar wieder durch die Vereinigten Staaten und darüber hinaus, allerdings könnte es sich hier genau so gut um die Direct to Video Fortsetzung eines Filmstudios handeln, die noch einmal ein altes Franchise melken wollte und dafür irgendeinen Musikvideo-Regisseur angeheuert hat, der erste Gehversuche in Hollywood wagt. Und genau dieser DTV-Faktor haftet 3 From Hell an, mit Ausnahme;, Zombie fungierte hier als Regisseur und Produzent und reiht sich meiner Ansicht in die Liste unnötiger Sequels zu großartigen Vorgängern ein. Dieses Massenausschlachtung sah man damals bei Saw, Terminator und wie sie nicht alle heißen. Mein Blick wandert selbst zu S. Darko, der völlig sinnbefreiten, überflüssigen DTV-Fortsetzung von Donnie Darko.

Zombie greift in 3 From Hell auf alte Erfolgsrezepte des Vorgängers zurück, die aber nicht mehr funktionieren. Schlüpfrige Oneline oder schräge Dialoge wurden in diesem Sequel durch eine Endlosschleife von "F**k's" und "Motherf**ker's" ersetzt. Die Laufzeit von knapp 2 Stunden wurde sich zudem durch völlig belanglose Zeitlupen-Szenen ergaunert. Der größte Fokus im Film liegt auf Baby Firefly, die sicherlich in keinem Ableger schon einmal so nervig war wie hier. Ohne zu behaupten, Zombies Ehegattin Sheri Moon würde ein erhebliches schauspielerisches Talent besitzen, aber durch ihren Charme konnte sie meistens dann doch die Zuschauer mitnehmen. Das Problem hier ist aber, nahezu der gesamte Film ist auf Baby Firefly zugeschnitten und die meisten Szenen mit ihr sind größtenteils überflüssiges Füllmaterial, was den Film zu keiner Sekunde weiterbringt.

Die seltenen Szenen, wo Bill Mosely als Otis mal glänzen darf sind rar gesät und Richard Brake (der in keinem Film jemals so gepflegt aussah) als schmieriger Inzest-Bruder Foxy Coltrane bekam nie die Chance, sich zu entfalten. Auf Sid Haig (1939-2019) als Killerclown Captain Spaulding musste Zombie bereits im Vorfeld verzichten, da der Kult-Schauspieler bereits zu diesem Zeitpunkt gesundheitlich stark gezeichnet war (ich war sogar sehr traurig, ihn in diesem Zustand zu sehen) und er somit nur im Prolog des Films vorkam.

Auch musikalisch muss der Film weit hinter seinem Vorgänger zurückstecken, auch wenn der Soundtrack noch mit der stärkste Aspekt des Films war (in den Credits gibt sich dann nochmal Terry Reid die Ehre). Was die Gewaltexzesse diesmal angeht, so hat Zombie vermutlich wieder mal das Maximum aus dem R-Rating herausgekitzelt (besonders überraschend ist hier doch die Freizügigkeit des weiblichen Geschlechts). Die Gewalt ist roh, überzeichnet und wie immer stets vorhanden, will hier aber längst nicht mehr so schockieren wie in den Vorgängern, vermutlich einfach auch weil die Opfer der Fireflies völlig belanglos sind. Leider setzte Zombie in diesem Film häufiger mal auf einige billige Effekte aus dem Computer. Ganz offensichtlich zu sehen sind aber auch eindeutige Cuts, die er für das attraktivere R-Rating vorgenommen hat. Szenen, in denen es zur Sache geht sind meistens hektisch geschnitten und es fühlt sich relativ oft so an, als würde uns irgendwas vorenthalten werden. Überraschenderweise bietet die veröffentlichte Unrated-Version kaum mehr nennenswertes Material, die MPA war hier also deutlicher zahmer diesmal was die Vergabe des R-Ratings unter Auflagen anging.


Fazit

Endete The Devil's Rejects mit einem Knall (oder besser gesagt, mit einem bleihaltigen Feuerwerk), so endet 3 From Hell eher belustigend mit einem kleinen Knallfrosch in Mexiko. Gekrönt wird der Schabernack durch einen aberwitzigen Macheten-Kampf und einer minimalen Aussicht auf Teil 4. Und somit wird die Frage nach dem "Wieso" dann noch einmal größer, warum Zombie es hier verpasst hat, bei der Familie Firefly endgültig den Deckel drauf zu machen. Somit bin ich doch etwas besorgt, wie es mit dem filmischen Schaffen von Rob Zombie weitergehen wird. Fairerweise muss hier angemerkt werden, nicht jede Kritik geht so hart mit 3 From Hell um wie ich es hier nun getan habe,. Ich bin sogar über die teilweise doch soliden Wertungen überrascht, wo deutlich bessere Filme von Zombie eigentlich traditionell vorab schon zerfleischt worden sind. Ich bin jedenfalls nicht scharf darauf, die Fireflies noch einmal wiederzusehen. Es wäre zu wünschen, wenn Zombie diese Familie nun in den endgültigen Ruhestand schicken würde.
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Dieses Review ist auch auf Letterboxd über mein Aufziehvogel-Kanal erschienen: Weiterleitung zu Letterboxd

Montag, 18. November 2019

Rezension: Der Revolver (Fuminori Nakamura)





Japan 2002/2003 (Neuerscheinung im deutschsprachigen Raum)

Der Revolver
Originaltitel: Jū
Autor: Fuminori Nakamura
Verlag: Diogenes
Übersetzung: Thomas Eggenberg
Genre: Noir-Thriller



"In meinen Augen war der Revolver vor allem dazu da, Leben zu zerstören, und dies möglichst effizient. Eine Emanation von Thanatos sozusagen. Aber warum fand ich Gefallen an einem solchen todbringenden Objekt? Weder hatte ich den Wunsch, jemanden umzubringen, noch die Absicht, mich selbst zu töten. Dass ich jemals mit einer Schusswaffe zu tun haben könnte, hätte ich nie geglaubt. Vielleicht war ich wie ein kleines Kind, das über sein ausgefallenes Spielzeug entzückt war? Der Gedanke gefiel mir. Es war nicht nötig, weiter zu grübeln. Was auch immer der Grund sein mochte - der Revolver gehörte jetzt mir, und das Hochgefühl über diese Tatsache machte meinen Alltag erträglicher, abwechslungsreicher. Jemanden einschüchtern oder auch beschützen. Jemand anderen oder mich selbst töten, kinderleicht. Unabhängig davon, ob ich es irgendwann tun würde oder nicht - wichtig war, dass ich die Möglichkeit in der Hand hatte, erfüllt vom kribbelnden Gefühl der Verlockung."



Was haben Isildur und der Protagonist von Fuminori Nakamuras Debüt gemeinsam? Nun, sie beide sind besessen nach einem kleinen Objekt. War es der Ring der Macht der Isildur ins Verderben stürzte, so ist es in dieser durch und durch in der Gegenwart angesiedelten Geschichte von Nakamura-San ein Revolver, der das Objekt der Begierde darstellt.
Ich war sehr glücklich darüber, als bekannt wurde, Diogenes würde die hauseigene Bibliothek um den Debüt-Roman von Fuminori Nakamura in deutscher Übersetzung erweitern. "Der Revolver" verhalf dem Autor in seiner Heimat damals zum Durchbruch und wurde nach einer Veröffentlichung in einem Magazin im Jahr 2002 abgedruckt und anschließend im Jahr 2003 auch als eigenständiges Buch publiziert. Und so begann die Karriere des Schriftstellers und seinen sehr düsteren Geschichten, mit denen er auch International mittlerweile Erfolge feiert.

"Der Revolver" ist vom Aufbau her typisch japanisch gestrickt. Die Geschichte lebt nahezu ausschließlich von den Gedankengängen des Ich-Erzählers (Boku - nennt man diese erzählerische Variante in Japan). Und der Titel ist hier Programm. "Der Revolver" erzählt die Geschichte eines jungen Mannes namens Nishikawa, der an einem verregneten Abend unter einer Brücke die Leiche eines Mannes entdeckt. Nach dem ersten Schock entspannte sich der introvertierte Nishikawa relativ schnell wieder und sein Blick gewann die Aufmerksamkeit eines Objektes, welches sich neben der Leiche des Mannes befand. Ein Revolver. Ein Colt-Magnum. Wie von einem bösen Geist beseelt wird Nishikawa von dem glänzendem Objekt angezogen, kann ihm nicht widerstehen. Er weiß, sobald er den Revolver berührt, bringt er sich automatisch in Schwierigkeiten. Nishikawas Pflicht als Bürger wäre es den Pfund der Leiche umgehend der Polizei zu melden und den Revolver nicht anzufassen. Doch kann er sich der kleinen Tötungsmaschine nicht widersetzen. Nishikawa greift sich den Revolver und mit ihm soll sich fortan sein komplettes Leben verändern.

Mit nicht ganz 200 Seiten kommt Fuminori Nakamura in seinem Debüt schnell zum Punkt. Beeindruckend bedient sich der Gewinner des Akutagawa-Preises aus dem Jahr 2005 hier an klassischen Elementen der Literatur, ohne dabei von bekannten Größen zu kopieren. Sachlich und gesellschaftskritisch wie Dostojewski, mysteriös und spannend wie ein Werk von James Sallis. Der Revolver dient in dieser Geschichte als klassischer MacGuffin. Er führt Nishikawa durch die Geschichte wie es der Ring in "Der Herr der Ringe" tut. Der Revolver verleiht ihm Macht. Das bloße anschauen des gefährlichen Objekts reicht aus, um ihn zu motivieren, einen Sinn in seiner Monotonie zu finden und sogar dabei die eigene Libido etwas aufzufüllen. Es ist ein Rausch, der seinen Körper durchströmt. Doch wie lange hält dieser Kick an? Wie lange kann sich der Protagonist damit zufrieden geben, den Revolver lediglich anzuschauen? In der Trommel befinden sich noch wenige Patronen. Und getreu nach Anton Checkhov muss eine Waffe, wenn sie in einer Geschichte vorkommt, auch abgefeuert werden. Oder etwa nicht?

"Der Revolver" ist schnell gelesen wenn man einmal dran ist. Man sollte sich den Roman etwas dosieren und ihn auf sich wirken lassen. In der Geschichte finden sich bereits viele Stilmittel, die mich in Nakamuras Roman "Der Dieb" so begeistert haben. Ein unscheinbarer Protagonist der durch ein nahezu zufälliges Ereignis in den Strudel der Unterwelt gerät. Den Thrill sucht Nishikawa in der Geschichte aus eigenem Antrieb heraus. Immer weiter dringen wir in die finstere Gedankenwelt von ihm ein und man weiß irgendwann nicht mehr, ob es einzig und allein der Revolver ist der Nishikawa so handeln lässt oder ob der Revolver lediglich der Dosenöffner für seine an sich schon finsteren Gedanken war.

"Der Revolver" ist zwar schon einige Zeit auch als englische Übersetzung erhältlich, ich kann aber auch hier einmal wieder Entwarnung geben: Die deutschsprachige Übersetzung von Diogenes stammt einmal mehr von Thomas Eggenberg, der hier direkt aus dem Japanischen übersetzt hat. Die Ausgabe ist als Hardcover erschienen und was mir besonders daran gefallen hat ist mal wieder das subtil schicke Motiv von Diogenes für das Cover, die sich hier für ein Werk von Andy Warhole entschieden haben (Gun). Die ersten Seiten sollte man nicht überspringen, hier findet man nämlich noch ein sehr schönes Vorwort von Fuminori Nakamura, welches ausschließlich an seine deutschsprachigen Leser gerichtet ist (und sehr positiv auf seine Lesereise durch Deutschland, Österreich und der Schweiz zurückblickt).





Abschließende Gedanken

Einen Roman von Fuminori Nakamura zu lesen ist für mich mittlerweile zu einem Leckerbissen geworden. Die Seiten blättern sich wie von selbst und das finstere Abenteuer ist schneller vorbei, als einem lieb ist. "Der Revolver" ist nach "Der Dieb" und "Die Maske" bereits die dritte deutschsprachige Übersetzung des Autors, und wie immer drücke ich fest die Daumen, dass das Repertoire an deutschen Übersetzungen von Nakamura-San erweitert wird. "Der Revolver" ist sicherlich keine Feel-Good Story für die düsteren Tage, aber sicherlich auch kein als Folter-Porno getarnter Krimi, wie es bei vielen bekannten deutschen Autoren derzeit leider im Trend liegt. "Der Revolver" ist eine Achterbahnfahrt, die uns einen ähnlichen Rausch beschert wie das gefährliche Objekt in der Geschichte und unseren Erzähler so sehr in Ekstase versetzt. Erstklassig.

Mittwoch, 31. Oktober 2018

Rezension: Der Abgrund in dir (Dennis Lehane)




USA 2017

Der Abgrund in dir
Originaltitel: Since We Fell
Autor: Dennis Lehane
Übersetzung: Steffen Jacobs, Peter Torberg
Genre: Mystery, Drama, Thriller


"Der Abgrund in dir" war von Dennis Lehane eigentlich immer als Film geplant. Die Filmrechte gingen daher bereits 2015 an DreamWorks, bevor Lehane überhaupt die komplette Geschichte zu Papier gebracht hatte. Der Roman erschien etwas später als erwartet und so wird man sich auf die geplante Adaption wohl noch gedulden müssen. Aber wie immer gilt die goldene Regel, erst das Buch zu lesen und dann darüber zu lästern, was im Film alles fehlt. Und man kann davon ausgehen, dass mal wieder viel fehlen wird denn "Der Abgrund in dir" ist ein langer, umfangreicher und detailverliebter Roman. Bei über 500 Seiten (immer noch über 400 Seiten in der englischsprachigen Ausgabe) hat Dennis Lehane sich wieder einmal nicht zurückgehalten.

Der Originaltitel unterscheidet sich hier erheblich von dem deutschen Titel. "Since We Fell" taufte Lehane seine Geschichte, die nicht nur auf das Schicksal der Protagonistin im Roman anspielt sondern auch eine Anspielung auf den 1947 veröffentlichten Song "Since I Fell For You" von Buddy Johnson ist, der im laufe der vielen Jahre oft gecovert wurde. Zusätzlich birgt der Titel noch viele Hinweise auf das Thema des Buches: Sich verlieben. Sich in jemanden vergucken. Man muss nur den sehr kurzen, kryptischen Prolog aufschlagen, um diese Botschaft zu verstehen. Aber ein Autor, der sich mit Romanen wie "Mystic River" oder "Shutter Island" einen Namen gemacht hat, fängt natürlich nicht auf einmal an, schnulzige RomComs zu schreiben (bei dem Titel nicht ganz auszuschließen). Wieder einmal ist Dennis Lehane als Magier unterwegs, denn im laufe des Buches hat er so einige Tricks auf Lager.

Im Mittelpunkt dieses mysteriösen Verwirrspiels steht die Fernsehjournalistin Rachel Childs, die während einer Aufnahme einen Nervenzusammenbruch erleidet. Der Erfolg in der Karriere ist dahin und Rachel erkrankt an Angst- und Panikzuständen. Das Unheil nimmt seinen Lauf, ihre Ehe zerbricht und Rachel versinkt in ein Meer aus Depressionen und beinahe schon paranoid schizophrenen Zuständen. Als Rachel den Unternehmer Brian Delacroix trifft und dieser sie aus ihrem Loch befreit, beginnt für sie ein neues Leben. Ein neues Leben, welches gleichzeitig ihren größten Albtraum besiegelt.

Kaum ein anderer Autor auf dem Gebiet schafft es wie Dennis Lehane, verwirrende Irrfahrten in seinen Geschichten einzubauen. Was er damals bei Shutter Island meisterhaft geschafft hat, gelingt ihm in "Der Abgrund in dir" auf eine ebenso geschickte, jedoch andere weise. Auch wenn es Vergleiche zu "Gone Girl" gibt und die Rückseite des Covers auch noch mit einem Zitat von Gillian Flynn garniert ist, so sollte man unbedingt beide Werke voneinander trennen. Zwar gewinnt Dennis Lehane hier sicherlich nicht den Innovationspreis dafür, ausgerechnet jetzt erstmals eine weibliche Protagonistin zu erschaffen, aber es war wohl auch nie das Ziel, das Genre gleich komplett neu zu revolutionieren. Wovon "Der Abgrund in dir" profitiert ist die Cleverness der Geschichte. In gleich mehreren Abschnitten ist der Roman unterteilt und entfaltet eine massive Charakterstudie. Mit Ausnahme von kleineren Durststrecken weiß es diese Charakterstudie, seine Leser durchweg zu unterhalten.  Den Roman als "Mystery-Drama" zu bezeichnen ist keine falsche Wahl.



Resümee


Dennis Lehane beweist auch in einem etwas anderen Fahrwasser sein Können. Er ist und bleibt auf seinem Gebiet nahezu unerreicht. Eine Empfehlung für die Fans von "Gone Girl" auszusprechen fällt mir gar nicht mal so leicht, denn man hat es hier schon mit relativ unterschiedlichen Geschichten und Stilen zu tun. Fans von spannenden Mystery-Geschichten, die ihre Leser an der Nase herumführen werden hier jedoch absolut nicht enttäuscht werden. Ich gehe sogar so weit und würde "Der Abgrund in dir" zu den besten Büchern zählen, die ich 2018 gelesen habe (und mein Jahr war enorm von Science Fiction geprägt). Wer ein bisschen Zeit übrig hat, der sollte es sich besonders jetzt zur Herbstzeit mit diesem Buch am Abend gemütlich machen und sich komplett auf die Geschichte von Rachel Childs einlassen.

Mittwoch, 28. Februar 2018

Rezension: Die Maske (Fuminori Nakamura)


Foto: © Kenta Yoshizawa 



Fuminori Nakamura - Die Maske

Originaltitel: Aku to Kamen no Rūru
Erschienen am 28.02.18 bei Diogenes
Übersetzung aus dem Japanischen: Thomas Eggenberg
Genre: Neo-Noir Thriller


Fuminori Nakamura nimmt uns diesmal mit in die tiefsten Abgründe einer wohlhabenden Familie. Alleine der Prolog zu seinem Roman, der in Japan im Januar in die Kinos kam (und ein internationaler Release nicht unwahrscheinlich ist, da es sich um eine aufwendige Produktion handelt), maßt eine unglaubliche Geschichte an. Eine langjährige Familientradition besagt, dass der jüngste Spross der Familie zu einem "Geschwür" erzogen werden soll. Ein Teufel, der Unheil in der Welt verbreiten soll. Eine absolute Konstanz scheint es bei dieser Tradition nicht zu geben, der junge Fumihiro Kuki hat aber das Unglück, dass sein Vater, ein Mann, der nicht nur Furcht einflößend ist sondern den er auch zutiefst verabscheut, ihn für dieses Schicksal auserkoren hat. Der alte Patriarch will sich damit einen eigenen Traum erfüllen der ihm verwehrt geblieben ist. Fumihiro soll Unheil verbreiten, schlechte Dinge tun und regelrecht Anarchie verbreiten. Aber nicht auf eine plumpe art, er soll das System von innen heraus zerstören. Bereits in jungen Jahren kommt Fumihiro hinter den Absichten seines Vaters. Als der Patriarch das Waisenmädchen Kaori für seine finsteren Pläne in die Familie aufnimmt, will Fumihiro alles tun, um das Mädchen zu beschützen. Es beginnt eine Geschichte, die sich über mehrere Dekaden erstreckt.

"Mein zweiter Sohn hat mit diesem Krieg zu tun", sagte er plötzlich, ohne mich anzuschauen. Im Fernsehen wurde über einen Bürgerkrieg irgendwo in Afrika berichtet. Gerade nannte der Nachrichtensprecher die Zahl der Toten. "Merk dir, was hier passiert. Sie sagen, es sei ein ethnischer Konflikt. Aber sie lügen. Man hetzt die Menschen absichtlich gegeneinander auf, und mein Sohn hat eine Konzession für den Wiederaufbau nach dem Krieg. Ich kann mich nicht erinnern, ihn zu einem Geschwür erzogen haben, aber dennoch benimmt er sich wie eines. Ich muss mir etwas einfallen lassen."

In Japan erschien "Die Maske" rund ein Jahr nach "Der Dieb" im Jahr 2010. Die Vergleiche zum Stil von Dostojewski sind nicht übertrieben. Wie der große russische Autor besitzt Nakamura eine eisige Kälte in seinem Stil, die direkt aus Sibirien kommen könnte. Gleichzeitig besitzt der Japaner eine bildliche Sprache, die während des Lesens nahezu lebendig wird. "Die Maske" kann daher oftmals bereits als ein sehr düsteres Märchen angesehen werden, welches in der modernen Gesellschaft spielt. Diese Geschichte, die im Prolog bereits bizarre Ausmaße annimmt  ist nur ein Bruchteil von dem, welche Wege Nakamuras Plot, der in mehrere Abschnitte und mehreren Zeitspannen aufgeteilt ist, noch zu bieten hat. Der Ich-Erzähler Fumihiro nimmt die Leser mit auf eine furiose Achterbahnfahrt, die trotz über 300 Seiten so schnell endet wie eine Kurzgeschichte.

Der Diogenes Verlag hat hier anscheinend Blut geleckt und setzt das Werk des Autors in deutscher Sprache glücklicherweise fort. Für die Übersetzung ist hier erneut der erfahrene Thomas Eggenberg zuständig (übersetzte mehrere Werke von Banana Yoshimoto), der Nakamuras fröstelnden Stil in eine flüssige deutsche Prosa übersetzt. Hoffen wir, dass Fuminori Nakamuras Werke sich im deutschen Buchhandel fortan etablieren werden.



Resümee

"Der Dieb" hat im letzten Jahr einen persönlichen Trend bei mir gesetzt und dieser hat sich in "Die Maske" fortgesetzt. Wenn ich Fuminori Nakamura lese, fangen meine Hände beim lesen an zu schwitzen. Es ist eine Geschichte, wo man als Leser stets auf alles gefasst sein muss und selbst immer auf der Lauer sein muss, ob der Autor ihn hier nicht auf eine falsche Fährte schickt. Angesiedelt zwischen einem Thriller im Neo-Noir Stil, gemischt mit einem Hauch Großstadtdrama und Coming of Age Geschichte, gelang dem Japaner hier ein erneutes Glanzstück. Beachten wir einmal nicht die Lobpreisungen im Vorfeld und konzentrieren uns auf seine Romane, die in Deutschland nun erhältlich sind. Darin steckt große Qualität, angefangen bei einer spannenden Geschichte bis hin zur Übersetzung und Präsentation. Nakamura wird von der US-Presse oftmals vorgeworfen, seine Werke seien nicht zugänglich genug um ein großes Publikum an Thriller-Fans anzusprechen. Diese Aussage kann ich erneut verneinen und hoffe, man wird sich nicht zu sehr von einigen Kritiken der englischsprachigen Presselandschaft blenden lassen. Sonst ergeht einem etwas, und darauf gebe ich sogar Brief und Siegel. Fuminori Nakamura ist Werbung für die japanische Literatur!


Doch die Aufkleber waren mir nicht wichtig. Ich tat nur so, um in den Augen meines Vaters wie ein Kind zu wirken. Ich wandte meinen Blick ab. Nein, er hatte mich nicht unter Kontrolle. Aber dann kam mir Kaori in den Sinn.
"Das reicht, geh", sagte er mit leiser Stimme. "Was guckst du denn so? So benimmt sich doch kein Kind. Du musst deine Rolle noch üben, Dummkopf. Etwas Einfältigeres als Kinder gibt es nicht."

Dienstag, 13. Februar 2018

Rezension: 13 Stufen (Kazuaki Takano)






Japan 2001

13 Stufen
Originaltitel: Jūsan Kaidan
Autor: Kazuaki Takano
Verlag: Erschienen als Taschenbuch beim Penguin Verlag (2017)
Übersetzung: Sabine Mangold
Genre: Unterwelt-Thriller, Gesellschaftsdrama



Was ist ein Page-Turner? Ich könnte jede Wette darauf eingehen, viele werden hier entweder an eine Drama-Serie aus Südkorea denken oder eine Erotikdarstellerin. Doch Kazuaki Takanos "13 Stufen" ist nichts von beidem sondern dafür ein waschechter Page-Turner der Literatur. Zu 90% braucht eine Geschichte immer eine lange Zeit, sich zu entfalten. Es ist vergleichbar, als lasse man eine Flasche Wein atmen damit dieser seine vollen Aromen nach dem entkorken entfaletn kann. Bei Kazuaki Takanos Roman ist es anders. Man entkorkt den Wein und kann ihn sofort genießen. Mit einem beklemmenden Prolog führt der Japaner seine Leser nahezu schonungslos in seine Geschichte ein. Schon lange hat mich der Prolog eines Romans nicht mehr so kalt erwischt wie hier. Nüchtern und doch schmutzig erzählt Takano hier die Geschichte eines Insassen, der seit nun mehr als 7 Jahre unschuldig im Gefängnis auf seine Hinrichtung wartet. Tag für Tag die gleiche Todesangst mindestens einmal am Tag wenn die Henker durch die Gänge streifen. Wann werden sie vor seiner Zelle halt machen?

"Es herrschte Still, dann erhob sich plötzlich ein großer Tumult: Plastikgeschirr wurde gegen die Wand geschmettert, schepperte zu Boden, wildes Trampeln und ein anhaltendes bestialisches Gebrüll, das unmöglich von einem einzelnen Menschen stammen konnte und den restlichen Lärm übertönte.
Kihara hörte, wie jemand sich entleerte, gefolgt von dem hässlichen Geräusch platschender Schritte, die durch eine Lache stapften.
Kihara lauschte angestrengt und versuchte, die einzelnen Geräusche zuzuordnen. Mit Entsetzen hörte er ein leisen Keuchen aus dem Lärm heraus. Dann vernahm er das Würgen eines von Todesangst gepeinigten Menschen, der sich krampfhaft erbrach, während er aus der Zelle geführt wurde. Kihara presste sich beide Hände auf den Mund, um den eigenen Brechreiz zu unterdrücken."

Im Jahr 1991 soll Ryo Kihara an einem Raubmord beteiligt gewesen sein. Er selbst kann sich an nichts mehr erinnern und beteuert seine Unschuld. Sämtliche Revisionen in den letzten 7 Jahren wurden abgewiesen, zu erdrückend sind die Beweise. Mittlerweile weiß Kihara nicht einmal mehr, ob seine Todesurteil überhaupt noch vollstreckt wird. Es ist jedoch die weitere Ungewissheit, die den Mann tagtäglich um sein Leben bangen lassen muss. Eines Tages erinnert sich Kihara während seiner monotonen Arbeit in seiner kleinen Zelle aber wieder an ein Detail, was in seinem Fall eine überraschende Wende bringen könnte. Da jede Sekunde zählt setzt er sich prompt an ein Schreiben, welches an seinen Anwalt gerichtet ist. Ein ungleiches Duo, ein stämmiger Gefängnisaufseher namens Nango und ein junger Ex-Häftling auf Bewährung namens Jun'ichi werden darauf angesetzt, den Fall aus den 90ern nochmal aufzurollen um die Wahrheit ans Licht zu bringen.

Es ist eine besondere Intensität, mit der Takano den Leser regelrecht umwickelt. In Japan zählt der Autor neben international gefeierten Autoren von Thrillern wie Keigo Higashino und Fuminori Nakamura zu den absoluten Bestsellerautoren in seiner Heimat, der feine Unterschied ist jedoch, dass der Autor nur alle paar Jahre mal einen neuen Roman veröffentlicht. "Jūsan Kaidan" -13 Stufen" war sein Debüt als Autor und kann dementsprechend nur als sehr beeindruckende Errungenschaft bezeichnet werden. Der Titel selbst beschreibt symbolisch die 13 juristischen wie bürokratischen Schritte die notwendig sind, um einen Häftling zum Galgen zu führen. Im Jahr 2003 wurde der Roman unter dem Titel "13 Kaidan" von Masahiko Ngasawa verfilmt.

Für die gelungene und rasante Übersetzung des Titels war die erfahrene Sabine Mangold zuständig. Die Japanologin dürfte vielen Lesern auch vielleicht als eine der früheren Übersetzerinnen des Werkes von Haruki Murakami bekannt sein.

"Als sie nach wenigen Schritten um die Ecke bogen blickte Jun'Ichi auf eine kahle Brandmauer. Auf dem verwitterten Putz hatten such über die Jahre Dreckschlieren gebildet. Es gab kein Tor, sondern nur eine unscheinbare Tür, die als Eingang direkt vom Bürgersteig in die Diele führte. Der Grundriss maß vielleicht zwanzig Quadratmeter. Jedenfalls war es für ein Einfamilienhaus eine äußerst dürftige Behausung."



Resümee

"13 Stufen" von Kazuaki Takano ist kein typischer Krimi. Alleine die beiden untypischen Ermittler machen diesen Fakt ganz schnell klar. In erster Linie befasst sich das Debüt des japanischen Autors mit dem japanischen Justizsystem. Besonders westlichen Lesern dürfte hier ein unglaublich bedrückender aber auch interessanter Einblick gewehrt werden. Im Fokus steht häufig der junge Jun'ichi, der nach einer zweijährigen Haftstrafe wegen Körperverletzung mit Todesfolge sich wieder in die Gesellschaft integrieren will und auch muss. Das Ausmaß, was seine Tat angerichtet hat erlebt der junge Mann erstmals mit wenn er sich die neue Behausung der Eltern ansieht, die eine enorme Summe an Schmerzensgeld und Schadensersatz an die Familie des Opfers zahlen müssen. Obwohl Jun'ichi aus Notwehr handelte ist und bleibt er ein gebrandmarkter Ex-Sträfling. Ein Status, mit dem man es in jeder Gesellschaft, besonders aber in der japanischen enorm schwer hat. Dies reicht so weit, dass der eigene Bruder Jun'ichi einen "Mörder" nennt und für sämtliches Unglück innerhalb der zerrütteten Familie verantwortlich macht. Die Nebenschauplätze in "13 Stufen" sind also nicht weniger interessant als der eigentliche Plot Plot um einen Mann, der tatsächlich unschuldig im Todestrakt sitzt. Immer wieder begeistert die Geschichte mit neuen Wendungen und  furiosem Stil. Liebhaber der japanischen Literatur wie aber auch Fans von unkonventionellen Thrillern werden hier gleichermaßen auf ihre Kosten kommen.

Mittwoch, 31. Mai 2017

Rezension: Into the Water (Paula Hawkins)







Großbritannien 2017

Into the Water
Autorin: Paula Hawkins
Verlag: Blanvalet
Übersetzung: Christoph Göhler
Veröffentlichung: 24.05.2017
Genre: Mystery, Thriller




"Ich lenkte den Wagen an den Straßenrand und schaltete den Motor aus. Dann sah ich auf. Dort waren die Bäume und hier die Steinstufen, vermoost und tückisch nach dem Regen. Sämtliche Härchen an meinem Körper stellten sich auf. Woran ich mich erinnerte: An den eisigen Regen, der auf den Asphalt trommelte, die zuckenden Blaulichter, die im Wettstreit mit den Blitzen den Fluss und den Himmel erhellten, Atemwolken vor verängstigten Gesichtern und den kleinen Jungen, der bibbernd und weiß wie ein Gespenst von einer Polizistin die Stufen zur Straße hinaufgeführt wurde. Daran, wie sie seine Hand umklammert hielt, wie sie sich mit großen, wilden Augen umschaute und den Kopf hin- und herwandte, während sie irgendwen rief. Noch heute kann ich fühlen, was ich damals fühlte, Grauen und Faszination zugleich. In meinem Kopf höre ich dich immer noch sagen: Wie das wohl sein muss? Kannst du dir das vorstellen? Zusehen zu müssen, wie deine eigene Mutter stirbt?"
(Into the Water: Paula Hawkins. Verlag: Blanvalet. Übersetzung: Christoph Göhler)



"Into the Water" von Paula Hawkins fiel mir beinahe zufällig in die Hände. Geplant war der Titel und die anschließende Besprechung für eine Gast-Autorin, die für "Am Meer ist es wärmer" bereits eine Rezension zu "Girl on the Train" verfasst hat. Aus zeitlichen Gründen musste die Rezensentin mir aber absagen und so blieb Into the Water auf meinem Schreibtisch liegen. Somit fiel der Titel auf meinem eigenen Stapel. Obwohl ich Gillian Flynns "Gone Girl" als sehr gelungen erachte, bin ich nun auch kein passionierter Leser von Thrillern weiblicher Autorinnen. Dass mich dieses Metier aber durchaus auch begeistern kann, dies hat zuletzt erst "Geständnisse" der japanischen Autorin Kanae Minato bewiesen. Ob Paula Hawkins neuster "Spannungsroman" mich begeistern konnte, erfahrt ihr jetzt.

Ein guter Titel ist die halbe Miete, heißt es..... oder auch nicht. Paula Hawkins hätte ihren Roman wohl lieber "Drowning Pool" genannt, wenn dies nicht unbedingt Probleme mit Urheberrechten und anderen Querelen mit sich bringen würde. Den Titel "Into the Water" kann ihr daher doch logischerweise nur ein Redakteur zugespielt haben, denn an größerer Ideenlosigkeit ist dieser langweilige Titel für einen umfangreichen Roman kaum zu überbieten. Wiederum, Girl on the Train ist auch nicht gerade ein Titel, der von Einfallsreichtum strotzt. Am wichtigsten ist jedoch, ob der Inhalt überzeugen kann. Nach dem sensationellem Erfolg von Girl on the Train hätte die Autorin ihren neusten Roman auch "Dead Body in the Water" nennen können und keinen hätte es gekümmert, denn eine feste Leserschaft war Paula Hawkins von vornherein sicher.

Into the Water beginnt nicht so, wie man sich den typischen Mystery-Thriller vorstellt. Der Prolog erinnert sogar ein wenig an die Eröffnungssequenz des Pilotfilms von Twin Peaks, die die Zuschauer durch ihre kryptische art und weise auch sehr überrascht haben dürfte. Die Geschichte beginnt im Jahr 2015 und Jules (ein Kosename für Julia) berichtet über eine Person, die ihr anscheinend mal sehr nahe stand. Trauer vermischt sich mit Wut und ihren Worten merkt man sofort an,  die Frau pflegte ein sehr zerrüttetes Verhältnis zu dieser Person. Die Feder wird an Josh weitergereicht, ein junger Mann, der wartet, dass seine Mutter heimkehrt, die, seit dem Tod ihrer Tochter, gerne mal nächtliche Spaziergänge unternimmt. Als sie am Morgen zurückkehrt und sich ins Haus schleicht, geht sie die Treppen zum Schlafzimmer hinauf und weckt ihren Mann, ihr Sohn Josh folgt ihr dabei heimlich. Als ihr Mann Alec aus einem tiefen Schlaf erwacht, macht seine Frau ihm die traurige Kunde, die Leiche von Nel Abbott sei vor einigen Stunden gefunden worden. Erneut wechselt die Erzählung zu Jules, die sich der Polizei als die Schwester der Verstorbenen vorstellt.

Es dauert um die 50 Seiten, bis für den Leser wirklich klar wird, um was es in dieser Geschichte geht. Durch die kryptische, sehr unkonventionelle Erzählweise gewinnt die Geschichte schnell an Fahrt. Einige Leser könnte so ein Stil vielleicht überfordern oder abschrecken, ich hingegen war überraschend angetan. Alle 5-10 Seiten (zum größten Teil der Geschichte zumindest) wechselt der Erzähler, was eine Besonderheit ist aufgrund der Kürze der jeweiligen Parts. Dabei wechselt die Erzählung auch gerne mal vom Ich-Erzähler zum Erzähler aus der dritten Person. Meine Sorge, dieser Stil könnte sich irgendwann abnutzen und langweilig werden, hat sich nicht bewahrheitet. Erst die vielen kleinen Geschichten ergeben gemeinsam ein großes Gesamtwerk, was äußerst gut durchdacht ist, aber leider auch nicht völlig ohne bekannte Klischees auskommt. Von Themen wie Feminismus möchte ich mich aber dennoch distanzieren, da diese Debatte auch wieder einmal auf der Agenda stand. Dass das Buch eher eine weibliche Leserschaft anpeilt, dürfte jetzt keine besonders große und überraschende Offenbarung sein.



Resümee

Paula Hawkins Stil sorgte bei mir für eine Überraschung. Die sich stets abwechselnden Erzähler(innen) sorgen für Spannung, Mysterien und eine menge Konfusion. Man kann nicht allen trauen, keiner sagt die Wahrheit und jeder ist mal wieder irgendwie verdächtig. Die Zutaten sind alle bekannt und wurden nicht neu erfunden, aber wie sie zusammengeführt wurden ergibt durchaus ein recht erfrischendes Konzept. "Into the Water" ist erst der zweite Mystery-Thriller von Paula Hawkins und ihr Stil scheint sich etabliert zu haben. Abgesehen von der Nutzung einiger etwas zu abgedroschener Klischees und einer kleinen Überlänge ist in dieser Geschichte alles an seinem Platz. Genau da, wo es hingehört. Paula Hawkins scheint gerne die zerstörten Teile einer Vase wieder zusammenzusetzen, aber nicht, ohne dem bekanntem Objekt noch ein eigenständiges Markenzeichen zu hinterlassen.

Freitag, 19. Mai 2017

Rezension: Geständnisse (Kanae Minato)



(Foto: ©Ayako Shimobayashi)




Japan 2008

Geständnisse
Originaltitel: Kokuhaku
Autorin: Kanae Minato
Verlag: C. Bertelsmann
Übersetzung: Sabine Lohmann nach einer englischen Übersetzung von Stephen Snyder
Veröffentlichung: 27.03.2017 beim C. Bertelsmann Verlag
Genre: Gesellschaftsdrama, Mystery-Thriller (Iyamisu)



"Ich frage mich, was für ein Bild die Leute sich wohl von dieser Lunacy machen. Überlegt mal, würde eine schöne junge Frau sich freiwillig als unzurechnungsfähig bezeichnen? Wenn man von Gesetzes wegen keine Bilder von jugendlichen Mördern veröffentlichen darf, warum dann die Leute dazu verleiten, sich jemand Hübsches vorzustellen? Besser, man würde stattdessen ein fingiertes Bild von der Person unter die Leute bringen, ein Foto von einer bösartig grinsenden Verrückten. Warum denn nicht zeigen, was für eine Sorte Mensch so jemand ist? Wenn wir sie stattdessen in Watte packen und jede Menge Aufhebens um sie veranstalten, bestärken wir sie dann nicht noch in ihrem Narzissmus? Und werden sich dann nicht noch mehr törichte Kinder dazu angeregt fühlen, sie zu verehren? Und vor allem, wenn ein Kind ein derartiges Verbrechen begeht, obliegt es dann nicht den Erwachsenen, so diskret wie möglich damit umzugehen und dem Verbrecher die Schwere seines Vergehens unmissverständlich klar zu machen? Diese Lunacy wird ein paar Jahre in irgendeiner Erziehungsanstalt verbringen, vielleicht irgendeine Art von Abbitte verfassen, und dann zurück in die Gesellschaft entlassen werden, sehr wohl wissend, dass sie als Mörderin straffrei davongekommen ist."
(Geständnisse: Kanae Minato. Verlag: C. Bertlesmann. Übersetzung: Sabine Lohmann)



Die grundlegende Frage, die im Vorfeld geklärt werden muss: Wer hat sich denn nun verspätet? Die deutsche Übersetzung zu Kanae Minatos "Kokuhaku", oder meine Besprechung zur hier präsentierten Ausgabe? Nun, ich bin mal so bescheiden und markiere hier ein Unentschieden. Diese leicht sarkastische Bemerkung ist hier natürlich nicht an den Verlag gerichtet, sondern an die deutsche Leserschaft, die über die Jahre hinweg von "Autoren" wie Fitzek, Tsokos und Co. durch Krimis vom Fließband literarisch beschallt wurde. Ein Roman wie "Geständnisse" wird an vielen Lesern wohl vorbeirauschen, was überaus schade ist. Zum einen, weil es ein Verlust für jeden Fan spannender Literatur ist, zum anderen aber auch, weil die geringe Beachtung solcher Titel dafür sorgt, das die Verlage sich von der japanischen Literatur noch weiter distanzieren. Im Fall von Geständnisse, so scheint der C. Bertelsmann Verlag hier aber wohl doch einen Treffer gelandet zu haben. Der Roman kam bei sämtlichen Kritikern gut an und fand selbst eine besondere Erwähnung in der Sendung "Druckfrisch" von Literaturkritiker Denis Scheck.

Obwohl Leser meines Blogs meine ausufernden Abschnitte über den Inhalt eines Buches so langsam kennen dürften, so werde ich diesen Teil aber diesmal bewusst verkürzen. Einen Roman wie Geständnisse sollte man völlig unvoreingenommen angehen. Es reicht völlig aus, sich die kurze Inhaltsangabe auf der Rückseite des Schutzumschlages der deutschen Ausgabe durchzulesen. Meiden sollte man dafür die ausführliche Inhaltsangabe, die auf der Innenseite des Schutzumschlages zu finden ist, sobald man den Buchdeckel öffnet. Genau das dürfte auch die Intention der Autorin sein. Der Leser soll sich zurücklehnen, sich in Sicherheit wiegen und sich von der Autorin führen lassen. Bis zur ersten Offenbarung braucht Kanae Minato etwas über 20 Seiten, von da an nimmt die entspannte Unterrichtsstunde eine unerwartete Wendung und driftet förmlich in einen furchtbaren Alptraum ab.

Geständnisse hält sich nicht mit einem ausufernden Prolog auf, sondern führt direkt zum Kern der Geschichte. Anfangs wird der Leser noch sehr verdutzt sein. Die Eröffnung liest sich wie der Monolog einer Person, die am Rande des Wahnsinn ist und Selbstgespräche führt. Es gibt keine Wörtliche Rede oder andere, zigfach durchgekaute Stilmittel dieses Genres. Genau das macht die Eröffnung von Geständnisse so einzigartig. Schon auf den ersten Seiten wird der Leser mit Yuko Moriguchi konfrontiert, einer Lehrerin, die ihrer Klasse einen letzten Vortrag hält, weil sie anschließend ihren Beruf als Lehrkraft aufgeben wird. Schnell wird klar, dass Moriguchi hier keinen gewöhnlichen Vortrag hält. Man wird die Frau als altklug und unterkühlt ansehen, als eine Lehrerin, die ihre Schüler ihre gesamte Laufbahn eigentlich immer nur als Belastung ansah. Je weiter der Vortrag aber geht, umso mehr wird auch der Leser wissen, dass hier weder Moriguchi, noch aber die Schüler diese Geschichte unbeschadet überstehen werden.

Die Gesellschaftskritik in Geständnisse wird sehr schnell deutlich. Auch wenn hier sehr speziell typisch japanische Probleme (Schulsystem, Jugendstrafrecht etc.) im Mittelpunkt stehen, so sollten auch westliche Leser keine all zu großen Probleme haben, die hier geschilderte Gesellschaftskritik nachvollziehen zu können. Es sind auch, rund 9 Jahre nachdem der Roman in Japan erschienen ist, noch immer aktuelle Themen. Kanae Minato schreckt hier auch nicht zurück, Taten auf wahren Begebenheiten in ihre Geschichte mit einzuweben. Das prominenteste Beispiel sind hier wohl die bizarren Morde von Kobe aus dem  Jahr 1997, wo ein damals 14 jähriger Schüler (in der Öffentlichkeit nur als "Junge A" bekannt) einer Junior High School zwei Grundschüler auf bestialische art und weise ermordet hat. Dieser Fall sorgte in Japan dafür, dass das Jugendstrafrecht im Jahr 2001 von 16 auf 14 gefallen ist und noch einige andere gesellschaftliche Revisionen mit sich führte (einige Jahre später erhielten auch Videospiele in Japan vorgeschriebene, strenge Altersfreigaben, die auch heute noch nicht gelockert sind).

Gerne wird Geständnisse mit "Gone Girl" von "Gillian Flynn" verglichen. So heißt es, Geständnisse sei die japanische Antwort auf Gone Girl. Nicht nur ist Gone Girl aber rund 4 Jahre später erschienen, auch thematisch haben beide Werke, ausgenommen einiger Parallelen rund um die drastischen Beschreibungen einiger Passagen sowie die vielen unerwarteten Wendungen, absolut nichts gemeinsam. Ich fand Gone Girl, zu meiner Überraschung, ziemlich gelungen und kann interessierten Lesern nur raten, beide Werke nicht miteinander zu vergleichen. Viel mehr schlägt Geständnisse eher in eine Kerbe wie Battle Royale. Mag der Vergleich anfangs kurios wirken, so werden die Gemeinsamkeiten im laufe der Geschichte deutlich.

Im Jahr 2010 verfilmte der japanische Regisseur Tetsuya Nakashima, geprägt von seinem Stil, äußerst erfolgreich den Roman von Kanae Minato. Ich muss sogar gestehen, die großartige Eröffnung von Geständnisse erzielt im Film durch die geniale Inszenierung eine sogar noch größere Wirkung. Man kann sagen, Nakashima ist dem Roman relativ treu gefolgt. So treu gefolgt, wie es bei über 100 Minuten Spielzeit möglich ist. Der Roman glänzt jedoch von großartig beschriebenen Charakteren und, ganz besonders, die Entwicklung der Charaktere. Etwas, was in einer Filmadaption meistens, wenn nicht sogar immer, den Kürzeren zieht. Der Roman erscheint in der Gesamtwertung logischer, runder und vollkommener. Dies darf aber in keinster weise die gelungene Adaption von Nakashima abwerten. Ich empfehle jedoch, da man nun endlich die Möglichkeit zur Auswahl hat, das Buch zu lesen bevor man den Film schaut.

Jetzt folgt noch ein kurzer Abschnitt, der mir dann doch sehr am Herzen lag. Die Übersetzung. In meiner Vorschau zu Geständnisse habe ich bereits im Vorfeld kritisiert, die hier vorliegende deutsche Übersetzung von Sabine Lohmann basiert auf einer englischen Übersetzung von Stephen Snyder des Mulholland Verlags. Gründe, wieso man sich hier gegen eine Übersetzung aus dem Japanischen entschieden hat, gibt es viele. Der Hauptgrund werden wohl die zusätzlichen Kosten gewesen sein. Dafür steht jedoch für eine Hardcover-Ausgabe ein attraktiver Preis von 16,99 Euro als Pro-Argument im Raum. Wichtig ist jedoch, ob die deutsche Übersetzung gut lesbar ist. Und genau dies ist hier der Fall. Die Übersetzung liest sich absolut flüssig, die Auswahl der Begriffe ist ebenfalls optimal gewählt. Als Referenz fehlt mir natürlich hier die japanische Ausgabe (die ich an sich nicht beurteilen könnte), aber auch die englische Ausgabe hielt ich noch nie in den Händen (wobei ich mir hier eine Leseprobe hätte zusenden lassen können, was ich aber, ebenfalls bewusst, nicht getan habe, um am Ende nicht voreingenommen zu wirken, wenn ich die deutsche Übersetzung lese). Auch wenn ich, und daran wird sich nichts ändern, immer eine Übersetzung aus der ursprünglichen Sprache vorziehe, an der Übersetzung von Sabine Lohmann gibt es nichts auszusetzen, dementsprechend sehe ich hier aktuell keinen Verlust in der gesamten Qualität der Übersetzung.




Resümee

Geständnisse gehört sicherlich mit zu den einflussreichsten japanischen Romane der vergangenen 10 Jahre. Nun kommen auch endlich deutsche Leser in den Genuss dieses starken Romans einer hierzulande unbekannten, jungen Autorin. Geständnisse war als Film schon bildgewaltig, aber auch die Romanvorlage muss sich hier absolut nicht verstecken. Bitterböse Gesellschaftskritik trifft Mystery-Thriller. Ein frisches, unverbrauchtes Gesamtpaket. Man sollte dieses Buch luftdicht versiegeln, damit uns diese Frische auch noch über Jahre erhalten bleibt, die sonst einmal mehr von der endlos langweiligen Monotonie der Massenware zurückgedrängt wird.