Archiv: Rezensionen zu Literatur und Film

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Dienstag, 24. Dezember 2019

Rezension: Der Sprung (Simone Lappert)

(Foto: Aufziehvogel)





Schweiz 2019

Der Sprung
Autorin: Simone Lappert
Verlag: Diogenes
Veröffentlichung: September 2019
Genre: Gesellschaftsdrama




"Durch die saubersten Flure hatte er schon die übelsten Kerle abgeführt, und in den schicken Wohnungen waren einfach nur die Teppiche feiner, unter die der Dreck gekehrt wurde. Schweinereien waren Schweinereien, und Blut war ihm zuwider, ob es nun auf Linoleum oder Marmor vergossen wurde."



"Der Sprung" der jungen Schweizer Autorin Simone Lappert beginnt mit einem Sprung. Hatte ich es in meiner letzten Besprechung noch mit einem Revolver zu tun, ist es in diesem Roman nun ein Sprung. Ein Sprung, der aber so eine Wucht hat wie eine abgefeuerte Kugel aus einem Revolver. Es ist nur ein kurzer Prolog, eine minimale Einführung. Eine Einführung, die dem Leser nichts anderes als einen grandiosen Sprung beschreibt. Ein Sprung, so die Dame, die gerade fällt, der sich lohnen muss. Ein Sprung der sitzen muss, denn man kann ihn, logischerweise, nur ein einziges mal ausführen.

Als ich den Roman vor einigen Tagen ausgelesen habe zeigte mir Spotify in meinem Mix der Woche den Song "Time Rider" von den Chromatics an. Und schon musste ich wieder an den Roman von Simone Lappert denken, der mir noch immer so lebhaft im Gedächtnis sitzt, es sich dort regelrecht bequem gemacht hat. Ich dachte mir, der Song wäre der perfekte Soundtrack für diese Geschichte.
Die Autorin macht ihren Titel zum Programm. Nach dem Sprung folgt bekanntlich der Aufprall. Der Aufprall ist in diesem Sinne die Wucht oder besser gesagt sind es die Worte, die diesen Roman verfasst haben.

"Der Sprung" ist alle voran erst einmal ein Point of View Roman. Mehrere Charaktere, die allesamt ihre eigene Geschichte besitzen, erzählen die Rahmenhandlung des Romans. Menschen, die auf den ersten Blick alle relativ wenig miteinander zu tun haben stellen sich dem Leser kurz vor und der Stein kommt ins Rollen. Schon ganz zu Beginn bekommen wir es mit zwei recht starken Figuren zu tun. Felix, ein grimmig dreinschauender aber herzensguter Polizist. Ein muskulöser, furchtlos dreinblickender Typ. Doch scheint er sich laut seinen eigenen Aussagen eher als Kind zu sehen, das es immer noch nicht verstanden hat, wie es in diesen kräftigen Körper gelandet ist. Ein Junge, der in Wahrheit ängstlich ist und von pessimistischen Gedanken verfolgt wird. Ein ähnlich melancholisches Schicksal erwartet einige Seiten später Maren, eine etwas pummelige Frau ende dreißig, die ihren Mann, ihren Seelenverwandten, an einen Fitnesswahn verloren hat und sich beide immer weiter auseinanderleben. All diese kleineren wie größeren Nebenschauplätze führen selbstverständlich alle zu jener Frau aus dem Prolog, die so spektakulär gesprungen ist. Und ganz genau hier liegt die große Stärke des Romans. Man hat nicht nur eine etwas mysteriöse Rahmenhandlung die dem Leser das "Wie" und "Warum eigentlich" schmackhaft macht. Es sind auch die einzelnen Schicksale der POV-Charaktere, die hier so wunderbar funktionieren. Normalerweise vermag es nur Haruki Murakami mich direkt von der ersten Seiten an abzuholen. Simone Lappert versteht es anscheinend so gut wie der Japaner, die magischen Worte, die Zauberformel zu sprechen, die mich sofort in den Bann einer Geschichte zieht. Und jeder, der meinen Blog verfolgt der weiß, wie sehr ich auf Autoren und Autorinnen stehe, die eine gute Geschichte zu erzählen haben.

Obwohl "Der Sprung" mit etwas über 300 Seiten nicht unbedingt dünn ist schafft die Autorin es nahezu mühelos, ein flottes Tempo beizubehalten. Nie verfallen die Charaktere dabei in unangenehmes Selbstmitleid, was solchen Geschichten gerne schon einmal anhaftet. "Der Sprung" wirkt dabei sogar überraschend filmisch, verspielt und ausgestattet mit gut gewählten Referenzen auf die Populärkultur, ohne peinlich zu wirken. Die Geschichte profitiert enorm durch den Erzählstil und wie die einzelnen Schicksale miteinander verwoben sind. All das geschieht auf einer Ebene, wo eine anspruchsvolle Geschichte erzählt wird, aber nie zu kompliziert wirkt oder mit steif geschwollenen Worten gespickt wurde.





Abschließende Gedanken

Life is Strange. Simone Lappert erzählt von ganz normalen Menschen und macht daraus für mich ein literarisches Highlight im Jahr 2019. "Der Sprung" ist für mich ein Roman, den ich mir am heutigem 24.12 noch einmal in Form einer Rezension unter dem virtuellen Weihnachtsbaum lege. Sprachlich absolut treffsicher und mit interessanten Charakteren ausgestattet, hat die Schweizer Autorin eine Geschichte auf Lager, die es wert war, erzählt zu werden. Vielleicht die letzte Rezension in diesem Jahrzehnt auf "Am Meer ist es wärmer", die von mir verfasst wurde. Aber wenn ich mit so einem Roman das Jahrzehnt abschließe, dann ich entspannt zur Winterpause die Türen schließen.

Dienstag, 5. März 2019

Rezension: Serotonin (Michel Houellebecq)





Frankreich 2019

Serotonin
Originaltitel: Sérotonine
Autor: Michel Houellebecq
Verlag: DuMont
Übersetzung: Stephan Kleiner
Genre: Drama



Als 2010 "Karte und Gebiet" erschienen ist konnte ich nicht so recht einordnen, was Michel Houellebecq mit diesem Roman eigentlich aussagen wollte.  Ich habe es ungefähr bis Seite 100 geschafft bis ich den Roman enttäuscht zur Seite gelegt habe. Bis Heute habe ich mein Exemplar auch nicht mehr angerührt. Aber das Leben ist bekannt für zweite Chancen und nach "Unterwerfung (2015)" und "Serotonin" möchte ich dem Provokateur aus Frankreich eine weitere Chance geben. Denn wer mich zum zweiten mal in Folge begeistern kann, der hat meine Aufmerksamkeit sicher.

Serotonin (eine Anspielung auf die Antidepressiva, um die es in der Geschichte geht) ist eine emotionale Odyssee die irgendwo zwischen Drama, Liebesroman und Satire pendelt. Houellebecq, der seit den Anschlägen in Paris aus dem Jahr 2015 anscheinend keinen öffentlichen Auftritt mehr abgelegt hat, mag vielleicht irgendwo wie ein Eremit leben, aber was er schriftstellerisch noch immer zustande bringt ist eine Wucht. Eine provokante Wucht, wie nicht anders zu erwarten. So offensichtlich provokant, dass es selbst den größten Kritikern des Franzosen auffallen muss, dass der Autor gerne mit ihnen spielt. Houellebecq liefert seinen Kritikern einmal mehr neuen Zündstoff, rechnet zugleich aber auch gnadenlos mit der aktuellen EU-Politik ab. Die feine Kluft zwischen Satire und bitterem Ernst verschwimmt bei Houellebecq einmal mehr, doch besonders in Zeiten wo Artikel 13 düstere Realität werden könnte, ist der neue Roman von Houellebecq aber mal wieder zur richtigen Zeit erschienen.


"Seinen Vornamen zu ändern, ist nicht schwierig, wobei ich das nicht aus behördlicher Sicht meine, aus behördlicher Sicht ist so gut wie gar nichts möglich, das Ziel der Behörden ist eine maximale Beschränkung der Lebensmöglichkeiten, sofern es ihnen nicht gelingt, sie schlicht ganz zu vernichten, aus behördlicher Sicht ist ein guter Staatsbürger ein toter Staatsbürger, ich rede ganz einfach von der praktischen Anwendung: Es genügt, sich unter einem neuen Vorname vorzustellen, und nach ein paar Monaten oder sogar Wochen haben sich alle daran gewöhnt, es kommt den Leuten gar nicht mehr in den Sinn, dass man einmal anders geheißen haben könnte."

Bereits zu  Beginn feuert Houellebecq einen Giftpfeil gegen die in Papierkram versinkenden Behörden ab. Ein Bild, welches in Deutschland, Frankreich, Italien oder wo auch immer man sich in der EU befindet, vermutlich überall gleich ausschaut. Obwohl die Bürokraten hier schnell ihr Fett wegbekommen, ist Serotonin kein überwiegend politisch/gesellschaftskritisch angehauchter Roman. Genau so war auch "Unterwerfung" kein klassisches Gesellschaftsdrama. Im Mittelpunkt stehen wie immer Houellebecq's Protagonisten aus der Mittelschicht. Allesamt nicht unbedingt die besten und geselligsten Gesprächspartner. Gleich zu Beginn des Buches macht der Erzähler Florent-Claude darauf aufmerksam, wie überaus dankbar er seinen Eltern dafür ist, ihn zu einer aufrichtigen Person erzogen zu haben. Allerdings wäre da die Sache mit dem Vorname, der so gar nicht zu ihm passt und er seine Eltern in dem Punkt nie verstanden habe, wie sie diesen Namen für ihn wählen konnten. Florent-Claude würde diesen Namen am liebsten ablegen, tat dies jedoch aus Bequemlichkeiten bisher nie. Als Florent-Claude mit seiner japanischen Freundin Schluss machte, geriet er anschließend in einen depressiven Strudel. Daraufhin verschrieb ihm sein Arzt ein neues Antidepressivum namens Captorix, dieses ist weitaus zahmer als bekannte Antidepressiva, bringt jedoch Nebenwirkungen wie Libidoverlust bis hin zur Impotenz mit sich. Florent-Claude, 46 Jahre alt, bleibt auch nichts erspart.

Der stets trockene Humor begleitet einmal mehr Houellebecq's Dialoge. Wie von ihm gewohnt sind die meisten seiner Sätze ausufernd lang. überraschend dabei ist jedoch, dass man dabei nicht den Faden verliert. Zu verdanken hat man dies mit großer Wahrscheinlichkeit auch der sehr flüssigen und gut lesbaren Übersetzung von Stephan Kleiner. Es müsste eigentlich nicht erwähnt werden, aber da eine englische Ausgabe noch nicht existiert, wurde hier, wie bei DuMont üblich, aus der Originalsprache übersetzt.

Ob es auch wieder irgendwelche Tabubrüche in Serotonin gibt? Wer Houellebecq kennt, der weiß, dass es ohne pikant beschriebene Sex-Szenen nicht geht. Es gibt in diesem Roman noch die ein oder andere berüchtigte Szene, die jedoch einige Leser vielleicht verstören könnten. Auch hier ist Houellebecq wieder ganz das klassische Enfant Terrible.
Ein bisschen geht Serotonin auch in die Richtung Existentialismus, was ein stets wiederkehrendes Thema nicht nur von Houellebecq ist sondern die französische Literatur schon begleitet, noch bevor Satre die Thematik in Europa populär gemacht hat


"Diese wenigen Sätze entfalteten eine magische Wirkung, ich spürte, wie sie sie beruhigten, natürlich gibt man lieber den Antidepressiva des anderen die Schuld als seinen eigenen Fettwülsten, aber es huschte auch ein mitfühlender Ausdruck über ihr Gesicht, und zum ersten Mal an diesem Abend wirkte sie an mir interessiert, als sie mich fragte, ob ich eine depressive Phase durchliefe, weshalb und seit wann."
 


Fazit


Mit "Serotonin" läuft Michel Houellebecq zur Höchstform auf. Eine revitalisierende, aber auch eine kuriose Geschichte zugleich. Es ist schwer, diese Höchstform in Worte zu fassen wenn der Gegenüber das Buch selbst nicht gelesen hat. Wie genau macht man einen so vulgären Roman schmackhaft? Wie genau kann man Skeptikern erklären, dass vielleicht diese unverschämt vulgäre art von Houellebecq den Charme seiner Geschichten ausmacht? Denn eines ist sicher, Houellebecq provoziert gewollt und absichtlich, mal vollkommen überzogen, mal mit brutaler Ernsthaftigkeit. Doch hinter all dem steckt eine unglaublich ehrliche Geschichte, die sich mit modernen Problemen unserer Gesellschaft auseinandersetzt. So zu schreiben vermag nur dieser kauzige Franzose. Ein Mann, der sich bewusst dazu entschieden hat, die Öffentlichkeit, mit der er noch nie viel anfangen konnte, zu meiden. Genau diese Philosophie spiegelt Serotonin wider. Ein beeindruckender Start ins Bücherjahr 2019.

Dienstag, 17. April 2018

Klassiker-Rezension: Der Bergmann (Natsume Sōseki)

 







Japan 1908

Der Bergmann
Originaltitel: Kōfu
Autor: Natsume Sōseki
Verlag: DuMont, be.bra (Hardcover ohne Vorwort)
Vorwort: Haruki Murakami
Übersetzung: Franz Hintereder-Emde, Ursula Gräfe (Vorwort)
Genre: Gesellschaftsdrama


"Der Bergmann" von Natsume Sōseki ist bereits als gebundene Ausgabe im Jahr 2016 beim be.bra Verlag erschienen. Schon damals fasste ich den Roman in mein Blickfeld, leider aber war die Ausgabe für einige Zeit nicht erhältlich und ist anschließend von meinem Radar verschwunden. Vor etwas über 4 Wochen ist die Neuausgabe beim DuMont Buchverlag als handliches Taschenbuch mit neuem Cover erschienen. Die Neuausgabe basiert hier auf der bereits bekannten Übersetzung von Franz Hintereder-Emde, jedoch gibt es exklusiv bei der Ausgabe von DuMont ein nettes Extra. Nämlich das ausführliche Vorwort von Haruki Murakami. Übersetzt wurde dieses von Murakamis deutscher Übersetzerin Ursula Gräfe und Stammleser werden sich hier sofort heimisch fühlen. Murakamis Bezug zur japanischen Literatur ist nicht die größte Liebschaft. Das Werk Natsume Sōseki hingegen schätzt der Autor enorm, ein Fakt, der schon lange öffentlich bekannt ist. Für "Der Bergmann" hatte er Ende 2014 ein ausführliches Vorwort geschrieben. Murakami selbst zählt den Bergmann zu einem literarischen Highlight, geht aber auch offen kritisch auf das Spätwerk von Natsume Sōseki ein. Der japanische Autor geht hier noch sehr ins Detail und liefert viele interessante Einblicke in die Geschichte, sowie aber auch in die Entstehungsgeschichte des Romans. Murakami geht allerdings auch auf das Ende der Geschichte ein, vielleicht wäre es daher nicht verkehrt, sich dieses Vorwort als Nachwort aufzubewahren (funktioniert auch so herum).

Wie schon in meiner Einführung dieser Besprechung erwähnt, "Der Bergmann" ist ein Spätwerk des Autors, veröffentlicht rund 8 Jahre vor seinem recht frühen Tod mit 49 Jahren. Im Vorwort geht Murakami darauf ein, dass der Roman ziemlich experimentell ist und keinem festen Plot folgt. Zur Zeit der Veröffentlichung war Natsume Sōseki bereits Vertragsautor und dem Verlag ein weiteres Werk schuldig. Ein junger, ehemaliger Minenarbeiter der Kupfermine von Ashio bot der Asahi Shimbun an, seine Story zu verkaufen. Was dann folgte ist heute nicht mehr wirklich zurückzuverfolgen. Der Minenarbeiter erzählte Sōseki die Geschichte und dieser verwendete sie für seinen eigenen Roman. Wie viel letztendlich von der Geschichte des jungen Mannes in Sōsekis Roman eingeflossen ist, dies bleibt Spekulation aber man kann davon ausgehen, dass es nicht mehr als die Umrisse sind. "Der Bergmann" stieß in Japan zur Veröffentlichung auf heftige Kritik, ein Grund dafür ist unter anderem der nicht gerade nahbare und sympathische Ich-Erzähler. Doch genau in diesem Punkt muss ich persönlich widersprechen. Der Erzähler ist vermutlich genau so ein Charmebolzen wie J.D. Salingers Holden Caulfield aus "Der Fänger im Roggen". Und dennoch ist es seine rücksichtslose Ehrlichkeit, die ich dem Erzähler hoch anrechne. Zusätzlich sind etliche seiner Schilderungen auch noch mit einem herrlich trockenem Humor versehen, der mich das ein oder andere mal zum schmunzeln brachte.

Im Mittelpunkt der Geschichte steht hier der von mir angesprochene Ich-Erzähler. Aus gutem Hause kommt er, doch bewegte ihn etwas, aus seinem behütetem Heim in Tokyo fortzulaufen und sich auf ein unbestimmtes Ziel aufzumachen. Die Beweggründe für den Ausriss erfährt man später in der Geschichte (das weibliche Geschlecht ist hieran nicht unbeteiligt). Mit nichts weiter am Leib als einem Kimono und ärmlichen 32 Sen in seiner Geldbörse, marschiert der Erzähler planlos durch die Weltgeschichte. In Gedanken versunken weiß er nichts mehr so recht mit seinem Leben anzufangen und denkt selbst über den Freitod nach. Doch nach reichlicher Überlegung, kommt unser Erzähler zum Schluss: "Dafür lohnte es sich nicht zu leben, aber anders herum konnte ich mich auch nicht zum Sterben durchringen."
Das innere Zerwürfnis und die Sehnsucht an einen dunklen, menschenleeren Ort zu flüchten, zerbersten, als der Erzähler einer bizarren Gestalt begegnet. Findet der Erzähler das auftreten dieser seltsamen Person zu Beginn noch als unverschämt und penetrant als dieser ihn musterte, änderte sich diese Sichtweise, als der zwielichtige Mann ihn zu sich ruft. Unser Erzähler weiß zwar nicht so ganz, was er von ihm will, doch die Worte des Fremden spenden Trost und wecken die Lebensgeister in ihm. Der Fremde möchte ihm einen Job anbieten, einen Job in einer Mine. Ohne lange darüber nachzudenken (die Bezahlung ist unserem Erzähler völlig gleichgültig), nimmt er das Jobangebot an.

Unser Erzähler wird also Bergmann und lernt kurz darauf auch die harte Arbeit und das Klientel kennen, welches an dieser harten Arbeit beteiligt ist. "Der Bergmann" ist nicht nur der Abstieg in die tiefsten Tiefen einer Mine, es ist auch der Abstieg in das menschliche Unterbewusstsein. Wir lernen den Erzähler und seine Beweggründe besser kennen, zusätzlich erfahren wir, wieso er Tokyo mit so finsteren Gedanken hinter sich gelassen hat. "Der Bergmann" entfaltet sich hier besonders durch die Sichtweise des Erzählers zu den anderen Bergmännern zu einem Gesellschaftsdrama, was aber in keiner Sekunde melodramatisch oder theatralisch wirkt. Wie schon erwähnt, Sōseki folgt hier keinem festen Plot, aber diese Experimentierfreudigkeit machte für mich den Reiz der Geschichte aus und ließ mich enorm begeistert zurück. Auch das durch und durch offene Ende (welches nicht ganz so fies ist wie in "Kokoro") steht für Sōsekis Experimentierfreudigkeit.

Die Übersetzung von Franz Hintereder-Emde ist bestens bemüht darin, bei den Dialogen den recht eigenwilligen Stil einzufangen. Kompliziertere Begriffe befinden sich als Anhang auf den letzten Seiten des Buches. "Der Bergmann" lässt sich abseits einiger kultureller Begriffe absolut unbeschwert lesen, und erneut merkt man einem Roman von Natsume Sōseki nicht sein Alter an.


"Ich hatte bislang vorgehabt zu sterben. Ich hatte vorgehabt, wenn nicht zu sterben, an einen menschenleeren Ort zu gehen. Da mir das alles nicht gelang, sah ich mich veranlasst, für mein Weiterleben zu arbeiten. Geldmachen oder nicht, diese Frage war mir in dem Augenblick völlig egal. Und nicht nur jetzt, auch als ich noch meinen Eltern in Tokyo auf der Tasche lag, hatte ich nicht die Spur Interesse daran. Nicht nur das, Gewinnstreben als solches war mir zutiefst verhasst gewesen. Ich glaubte sogar, dass egal wo in Japan, ein jeder Mensch genau so dachte."



Resümee

Natsume Sōseki konnte bereits mit "Kokoro" viel Eindruck bei mir hinterlassen. Mit "Der Bergmann" wird dieser Eindruck noch einmal bekräftigt. Der Roman wird vermutlich eher die Zielgruppe "Fans der japanischen Literatur" bedienen und widersetzt sich zudem gängigen Erzählstrukturen. Das Vorwort von Haruki Murakami festigt aber auch noch einmal meine Annahme, dass hier auch Leser Murakamis etwas für sich entdecken könnten. Das Werk Murakamis ist ohne Zweifel geprägt von Sōsekis Erzählkunst. Für mich war es daher auch noch spannend, parallelen zwischen den beiden Autoren zu finden. Doch dazu mehr in einem kommenden Artikel.

"Der Bergmann" war eine außergewöhnliche Reise in das Werk eines herausragenden Autors. Es dauerte viele Jahre, bis der Roman seine verdiente Anerkennung in seinem Heimatland fand. In unseren westlichen Gefilden ist der Bergmann noch ein überraschend junger Roman, der erst in den letzten Jahren wirklich in Erscheinung getreten ist. Eine fantastische Gelegenheit, diesen Klassiker nun kostengünstig nachzuholen.

Dienstag, 13. Februar 2018

Rezension: 13 Stufen (Kazuaki Takano)






Japan 2001

13 Stufen
Originaltitel: Jūsan Kaidan
Autor: Kazuaki Takano
Verlag: Erschienen als Taschenbuch beim Penguin Verlag (2017)
Übersetzung: Sabine Mangold
Genre: Unterwelt-Thriller, Gesellschaftsdrama



Was ist ein Page-Turner? Ich könnte jede Wette darauf eingehen, viele werden hier entweder an eine Drama-Serie aus Südkorea denken oder eine Erotikdarstellerin. Doch Kazuaki Takanos "13 Stufen" ist nichts von beidem sondern dafür ein waschechter Page-Turner der Literatur. Zu 90% braucht eine Geschichte immer eine lange Zeit, sich zu entfalten. Es ist vergleichbar, als lasse man eine Flasche Wein atmen damit dieser seine vollen Aromen nach dem entkorken entfaletn kann. Bei Kazuaki Takanos Roman ist es anders. Man entkorkt den Wein und kann ihn sofort genießen. Mit einem beklemmenden Prolog führt der Japaner seine Leser nahezu schonungslos in seine Geschichte ein. Schon lange hat mich der Prolog eines Romans nicht mehr so kalt erwischt wie hier. Nüchtern und doch schmutzig erzählt Takano hier die Geschichte eines Insassen, der seit nun mehr als 7 Jahre unschuldig im Gefängnis auf seine Hinrichtung wartet. Tag für Tag die gleiche Todesangst mindestens einmal am Tag wenn die Henker durch die Gänge streifen. Wann werden sie vor seiner Zelle halt machen?

"Es herrschte Still, dann erhob sich plötzlich ein großer Tumult: Plastikgeschirr wurde gegen die Wand geschmettert, schepperte zu Boden, wildes Trampeln und ein anhaltendes bestialisches Gebrüll, das unmöglich von einem einzelnen Menschen stammen konnte und den restlichen Lärm übertönte.
Kihara hörte, wie jemand sich entleerte, gefolgt von dem hässlichen Geräusch platschender Schritte, die durch eine Lache stapften.
Kihara lauschte angestrengt und versuchte, die einzelnen Geräusche zuzuordnen. Mit Entsetzen hörte er ein leisen Keuchen aus dem Lärm heraus. Dann vernahm er das Würgen eines von Todesangst gepeinigten Menschen, der sich krampfhaft erbrach, während er aus der Zelle geführt wurde. Kihara presste sich beide Hände auf den Mund, um den eigenen Brechreiz zu unterdrücken."

Im Jahr 1991 soll Ryo Kihara an einem Raubmord beteiligt gewesen sein. Er selbst kann sich an nichts mehr erinnern und beteuert seine Unschuld. Sämtliche Revisionen in den letzten 7 Jahren wurden abgewiesen, zu erdrückend sind die Beweise. Mittlerweile weiß Kihara nicht einmal mehr, ob seine Todesurteil überhaupt noch vollstreckt wird. Es ist jedoch die weitere Ungewissheit, die den Mann tagtäglich um sein Leben bangen lassen muss. Eines Tages erinnert sich Kihara während seiner monotonen Arbeit in seiner kleinen Zelle aber wieder an ein Detail, was in seinem Fall eine überraschende Wende bringen könnte. Da jede Sekunde zählt setzt er sich prompt an ein Schreiben, welches an seinen Anwalt gerichtet ist. Ein ungleiches Duo, ein stämmiger Gefängnisaufseher namens Nango und ein junger Ex-Häftling auf Bewährung namens Jun'ichi werden darauf angesetzt, den Fall aus den 90ern nochmal aufzurollen um die Wahrheit ans Licht zu bringen.

Es ist eine besondere Intensität, mit der Takano den Leser regelrecht umwickelt. In Japan zählt der Autor neben international gefeierten Autoren von Thrillern wie Keigo Higashino und Fuminori Nakamura zu den absoluten Bestsellerautoren in seiner Heimat, der feine Unterschied ist jedoch, dass der Autor nur alle paar Jahre mal einen neuen Roman veröffentlicht. "Jūsan Kaidan" -13 Stufen" war sein Debüt als Autor und kann dementsprechend nur als sehr beeindruckende Errungenschaft bezeichnet werden. Der Titel selbst beschreibt symbolisch die 13 juristischen wie bürokratischen Schritte die notwendig sind, um einen Häftling zum Galgen zu führen. Im Jahr 2003 wurde der Roman unter dem Titel "13 Kaidan" von Masahiko Ngasawa verfilmt.

Für die gelungene und rasante Übersetzung des Titels war die erfahrene Sabine Mangold zuständig. Die Japanologin dürfte vielen Lesern auch vielleicht als eine der früheren Übersetzerinnen des Werkes von Haruki Murakami bekannt sein.

"Als sie nach wenigen Schritten um die Ecke bogen blickte Jun'Ichi auf eine kahle Brandmauer. Auf dem verwitterten Putz hatten such über die Jahre Dreckschlieren gebildet. Es gab kein Tor, sondern nur eine unscheinbare Tür, die als Eingang direkt vom Bürgersteig in die Diele führte. Der Grundriss maß vielleicht zwanzig Quadratmeter. Jedenfalls war es für ein Einfamilienhaus eine äußerst dürftige Behausung."



Resümee

"13 Stufen" von Kazuaki Takano ist kein typischer Krimi. Alleine die beiden untypischen Ermittler machen diesen Fakt ganz schnell klar. In erster Linie befasst sich das Debüt des japanischen Autors mit dem japanischen Justizsystem. Besonders westlichen Lesern dürfte hier ein unglaublich bedrückender aber auch interessanter Einblick gewehrt werden. Im Fokus steht häufig der junge Jun'ichi, der nach einer zweijährigen Haftstrafe wegen Körperverletzung mit Todesfolge sich wieder in die Gesellschaft integrieren will und auch muss. Das Ausmaß, was seine Tat angerichtet hat erlebt der junge Mann erstmals mit wenn er sich die neue Behausung der Eltern ansieht, die eine enorme Summe an Schmerzensgeld und Schadensersatz an die Familie des Opfers zahlen müssen. Obwohl Jun'ichi aus Notwehr handelte ist und bleibt er ein gebrandmarkter Ex-Sträfling. Ein Status, mit dem man es in jeder Gesellschaft, besonders aber in der japanischen enorm schwer hat. Dies reicht so weit, dass der eigene Bruder Jun'ichi einen "Mörder" nennt und für sämtliches Unglück innerhalb der zerrütteten Familie verantwortlich macht. Die Nebenschauplätze in "13 Stufen" sind also nicht weniger interessant als der eigentliche Plot Plot um einen Mann, der tatsächlich unschuldig im Todestrakt sitzt. Immer wieder begeistert die Geschichte mit neuen Wendungen und  furiosem Stil. Liebhaber der japanischen Literatur wie aber auch Fans von unkonventionellen Thrillern werden hier gleichermaßen auf ihre Kosten kommen.

Freitag, 19. Mai 2017

Rezension: Geständnisse (Kanae Minato)



(Foto: ©Ayako Shimobayashi)




Japan 2008

Geständnisse
Originaltitel: Kokuhaku
Autorin: Kanae Minato
Verlag: C. Bertelsmann
Übersetzung: Sabine Lohmann nach einer englischen Übersetzung von Stephen Snyder
Veröffentlichung: 27.03.2017 beim C. Bertelsmann Verlag
Genre: Gesellschaftsdrama, Mystery-Thriller (Iyamisu)



"Ich frage mich, was für ein Bild die Leute sich wohl von dieser Lunacy machen. Überlegt mal, würde eine schöne junge Frau sich freiwillig als unzurechnungsfähig bezeichnen? Wenn man von Gesetzes wegen keine Bilder von jugendlichen Mördern veröffentlichen darf, warum dann die Leute dazu verleiten, sich jemand Hübsches vorzustellen? Besser, man würde stattdessen ein fingiertes Bild von der Person unter die Leute bringen, ein Foto von einer bösartig grinsenden Verrückten. Warum denn nicht zeigen, was für eine Sorte Mensch so jemand ist? Wenn wir sie stattdessen in Watte packen und jede Menge Aufhebens um sie veranstalten, bestärken wir sie dann nicht noch in ihrem Narzissmus? Und werden sich dann nicht noch mehr törichte Kinder dazu angeregt fühlen, sie zu verehren? Und vor allem, wenn ein Kind ein derartiges Verbrechen begeht, obliegt es dann nicht den Erwachsenen, so diskret wie möglich damit umzugehen und dem Verbrecher die Schwere seines Vergehens unmissverständlich klar zu machen? Diese Lunacy wird ein paar Jahre in irgendeiner Erziehungsanstalt verbringen, vielleicht irgendeine Art von Abbitte verfassen, und dann zurück in die Gesellschaft entlassen werden, sehr wohl wissend, dass sie als Mörderin straffrei davongekommen ist."
(Geständnisse: Kanae Minato. Verlag: C. Bertlesmann. Übersetzung: Sabine Lohmann)



Die grundlegende Frage, die im Vorfeld geklärt werden muss: Wer hat sich denn nun verspätet? Die deutsche Übersetzung zu Kanae Minatos "Kokuhaku", oder meine Besprechung zur hier präsentierten Ausgabe? Nun, ich bin mal so bescheiden und markiere hier ein Unentschieden. Diese leicht sarkastische Bemerkung ist hier natürlich nicht an den Verlag gerichtet, sondern an die deutsche Leserschaft, die über die Jahre hinweg von "Autoren" wie Fitzek, Tsokos und Co. durch Krimis vom Fließband literarisch beschallt wurde. Ein Roman wie "Geständnisse" wird an vielen Lesern wohl vorbeirauschen, was überaus schade ist. Zum einen, weil es ein Verlust für jeden Fan spannender Literatur ist, zum anderen aber auch, weil die geringe Beachtung solcher Titel dafür sorgt, das die Verlage sich von der japanischen Literatur noch weiter distanzieren. Im Fall von Geständnisse, so scheint der C. Bertelsmann Verlag hier aber wohl doch einen Treffer gelandet zu haben. Der Roman kam bei sämtlichen Kritikern gut an und fand selbst eine besondere Erwähnung in der Sendung "Druckfrisch" von Literaturkritiker Denis Scheck.

Obwohl Leser meines Blogs meine ausufernden Abschnitte über den Inhalt eines Buches so langsam kennen dürften, so werde ich diesen Teil aber diesmal bewusst verkürzen. Einen Roman wie Geständnisse sollte man völlig unvoreingenommen angehen. Es reicht völlig aus, sich die kurze Inhaltsangabe auf der Rückseite des Schutzumschlages der deutschen Ausgabe durchzulesen. Meiden sollte man dafür die ausführliche Inhaltsangabe, die auf der Innenseite des Schutzumschlages zu finden ist, sobald man den Buchdeckel öffnet. Genau das dürfte auch die Intention der Autorin sein. Der Leser soll sich zurücklehnen, sich in Sicherheit wiegen und sich von der Autorin führen lassen. Bis zur ersten Offenbarung braucht Kanae Minato etwas über 20 Seiten, von da an nimmt die entspannte Unterrichtsstunde eine unerwartete Wendung und driftet förmlich in einen furchtbaren Alptraum ab.

Geständnisse hält sich nicht mit einem ausufernden Prolog auf, sondern führt direkt zum Kern der Geschichte. Anfangs wird der Leser noch sehr verdutzt sein. Die Eröffnung liest sich wie der Monolog einer Person, die am Rande des Wahnsinn ist und Selbstgespräche führt. Es gibt keine Wörtliche Rede oder andere, zigfach durchgekaute Stilmittel dieses Genres. Genau das macht die Eröffnung von Geständnisse so einzigartig. Schon auf den ersten Seiten wird der Leser mit Yuko Moriguchi konfrontiert, einer Lehrerin, die ihrer Klasse einen letzten Vortrag hält, weil sie anschließend ihren Beruf als Lehrkraft aufgeben wird. Schnell wird klar, dass Moriguchi hier keinen gewöhnlichen Vortrag hält. Man wird die Frau als altklug und unterkühlt ansehen, als eine Lehrerin, die ihre Schüler ihre gesamte Laufbahn eigentlich immer nur als Belastung ansah. Je weiter der Vortrag aber geht, umso mehr wird auch der Leser wissen, dass hier weder Moriguchi, noch aber die Schüler diese Geschichte unbeschadet überstehen werden.

Die Gesellschaftskritik in Geständnisse wird sehr schnell deutlich. Auch wenn hier sehr speziell typisch japanische Probleme (Schulsystem, Jugendstrafrecht etc.) im Mittelpunkt stehen, so sollten auch westliche Leser keine all zu großen Probleme haben, die hier geschilderte Gesellschaftskritik nachvollziehen zu können. Es sind auch, rund 9 Jahre nachdem der Roman in Japan erschienen ist, noch immer aktuelle Themen. Kanae Minato schreckt hier auch nicht zurück, Taten auf wahren Begebenheiten in ihre Geschichte mit einzuweben. Das prominenteste Beispiel sind hier wohl die bizarren Morde von Kobe aus dem  Jahr 1997, wo ein damals 14 jähriger Schüler (in der Öffentlichkeit nur als "Junge A" bekannt) einer Junior High School zwei Grundschüler auf bestialische art und weise ermordet hat. Dieser Fall sorgte in Japan dafür, dass das Jugendstrafrecht im Jahr 2001 von 16 auf 14 gefallen ist und noch einige andere gesellschaftliche Revisionen mit sich führte (einige Jahre später erhielten auch Videospiele in Japan vorgeschriebene, strenge Altersfreigaben, die auch heute noch nicht gelockert sind).

Gerne wird Geständnisse mit "Gone Girl" von "Gillian Flynn" verglichen. So heißt es, Geständnisse sei die japanische Antwort auf Gone Girl. Nicht nur ist Gone Girl aber rund 4 Jahre später erschienen, auch thematisch haben beide Werke, ausgenommen einiger Parallelen rund um die drastischen Beschreibungen einiger Passagen sowie die vielen unerwarteten Wendungen, absolut nichts gemeinsam. Ich fand Gone Girl, zu meiner Überraschung, ziemlich gelungen und kann interessierten Lesern nur raten, beide Werke nicht miteinander zu vergleichen. Viel mehr schlägt Geständnisse eher in eine Kerbe wie Battle Royale. Mag der Vergleich anfangs kurios wirken, so werden die Gemeinsamkeiten im laufe der Geschichte deutlich.

Im Jahr 2010 verfilmte der japanische Regisseur Tetsuya Nakashima, geprägt von seinem Stil, äußerst erfolgreich den Roman von Kanae Minato. Ich muss sogar gestehen, die großartige Eröffnung von Geständnisse erzielt im Film durch die geniale Inszenierung eine sogar noch größere Wirkung. Man kann sagen, Nakashima ist dem Roman relativ treu gefolgt. So treu gefolgt, wie es bei über 100 Minuten Spielzeit möglich ist. Der Roman glänzt jedoch von großartig beschriebenen Charakteren und, ganz besonders, die Entwicklung der Charaktere. Etwas, was in einer Filmadaption meistens, wenn nicht sogar immer, den Kürzeren zieht. Der Roman erscheint in der Gesamtwertung logischer, runder und vollkommener. Dies darf aber in keinster weise die gelungene Adaption von Nakashima abwerten. Ich empfehle jedoch, da man nun endlich die Möglichkeit zur Auswahl hat, das Buch zu lesen bevor man den Film schaut.

Jetzt folgt noch ein kurzer Abschnitt, der mir dann doch sehr am Herzen lag. Die Übersetzung. In meiner Vorschau zu Geständnisse habe ich bereits im Vorfeld kritisiert, die hier vorliegende deutsche Übersetzung von Sabine Lohmann basiert auf einer englischen Übersetzung von Stephen Snyder des Mulholland Verlags. Gründe, wieso man sich hier gegen eine Übersetzung aus dem Japanischen entschieden hat, gibt es viele. Der Hauptgrund werden wohl die zusätzlichen Kosten gewesen sein. Dafür steht jedoch für eine Hardcover-Ausgabe ein attraktiver Preis von 16,99 Euro als Pro-Argument im Raum. Wichtig ist jedoch, ob die deutsche Übersetzung gut lesbar ist. Und genau dies ist hier der Fall. Die Übersetzung liest sich absolut flüssig, die Auswahl der Begriffe ist ebenfalls optimal gewählt. Als Referenz fehlt mir natürlich hier die japanische Ausgabe (die ich an sich nicht beurteilen könnte), aber auch die englische Ausgabe hielt ich noch nie in den Händen (wobei ich mir hier eine Leseprobe hätte zusenden lassen können, was ich aber, ebenfalls bewusst, nicht getan habe, um am Ende nicht voreingenommen zu wirken, wenn ich die deutsche Übersetzung lese). Auch wenn ich, und daran wird sich nichts ändern, immer eine Übersetzung aus der ursprünglichen Sprache vorziehe, an der Übersetzung von Sabine Lohmann gibt es nichts auszusetzen, dementsprechend sehe ich hier aktuell keinen Verlust in der gesamten Qualität der Übersetzung.




Resümee

Geständnisse gehört sicherlich mit zu den einflussreichsten japanischen Romane der vergangenen 10 Jahre. Nun kommen auch endlich deutsche Leser in den Genuss dieses starken Romans einer hierzulande unbekannten, jungen Autorin. Geständnisse war als Film schon bildgewaltig, aber auch die Romanvorlage muss sich hier absolut nicht verstecken. Bitterböse Gesellschaftskritik trifft Mystery-Thriller. Ein frisches, unverbrauchtes Gesamtpaket. Man sollte dieses Buch luftdicht versiegeln, damit uns diese Frische auch noch über Jahre erhalten bleibt, die sonst einmal mehr von der endlos langweiligen Monotonie der Massenware zurückgedrängt wird.