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Dienstag, 24. Dezember 2019

Rezension: Der Sprung (Simone Lappert)

(Foto: Aufziehvogel)





Schweiz 2019

Der Sprung
Autorin: Simone Lappert
Verlag: Diogenes
Veröffentlichung: September 2019
Genre: Gesellschaftsdrama




"Durch die saubersten Flure hatte er schon die übelsten Kerle abgeführt, und in den schicken Wohnungen waren einfach nur die Teppiche feiner, unter die der Dreck gekehrt wurde. Schweinereien waren Schweinereien, und Blut war ihm zuwider, ob es nun auf Linoleum oder Marmor vergossen wurde."



"Der Sprung" der jungen Schweizer Autorin Simone Lappert beginnt mit einem Sprung. Hatte ich es in meiner letzten Besprechung noch mit einem Revolver zu tun, ist es in diesem Roman nun ein Sprung. Ein Sprung, der aber so eine Wucht hat wie eine abgefeuerte Kugel aus einem Revolver. Es ist nur ein kurzer Prolog, eine minimale Einführung. Eine Einführung, die dem Leser nichts anderes als einen grandiosen Sprung beschreibt. Ein Sprung, so die Dame, die gerade fällt, der sich lohnen muss. Ein Sprung der sitzen muss, denn man kann ihn, logischerweise, nur ein einziges mal ausführen.

Als ich den Roman vor einigen Tagen ausgelesen habe zeigte mir Spotify in meinem Mix der Woche den Song "Time Rider" von den Chromatics an. Und schon musste ich wieder an den Roman von Simone Lappert denken, der mir noch immer so lebhaft im Gedächtnis sitzt, es sich dort regelrecht bequem gemacht hat. Ich dachte mir, der Song wäre der perfekte Soundtrack für diese Geschichte.
Die Autorin macht ihren Titel zum Programm. Nach dem Sprung folgt bekanntlich der Aufprall. Der Aufprall ist in diesem Sinne die Wucht oder besser gesagt sind es die Worte, die diesen Roman verfasst haben.

"Der Sprung" ist alle voran erst einmal ein Point of View Roman. Mehrere Charaktere, die allesamt ihre eigene Geschichte besitzen, erzählen die Rahmenhandlung des Romans. Menschen, die auf den ersten Blick alle relativ wenig miteinander zu tun haben stellen sich dem Leser kurz vor und der Stein kommt ins Rollen. Schon ganz zu Beginn bekommen wir es mit zwei recht starken Figuren zu tun. Felix, ein grimmig dreinschauender aber herzensguter Polizist. Ein muskulöser, furchtlos dreinblickender Typ. Doch scheint er sich laut seinen eigenen Aussagen eher als Kind zu sehen, das es immer noch nicht verstanden hat, wie es in diesen kräftigen Körper gelandet ist. Ein Junge, der in Wahrheit ängstlich ist und von pessimistischen Gedanken verfolgt wird. Ein ähnlich melancholisches Schicksal erwartet einige Seiten später Maren, eine etwas pummelige Frau ende dreißig, die ihren Mann, ihren Seelenverwandten, an einen Fitnesswahn verloren hat und sich beide immer weiter auseinanderleben. All diese kleineren wie größeren Nebenschauplätze führen selbstverständlich alle zu jener Frau aus dem Prolog, die so spektakulär gesprungen ist. Und ganz genau hier liegt die große Stärke des Romans. Man hat nicht nur eine etwas mysteriöse Rahmenhandlung die dem Leser das "Wie" und "Warum eigentlich" schmackhaft macht. Es sind auch die einzelnen Schicksale der POV-Charaktere, die hier so wunderbar funktionieren. Normalerweise vermag es nur Haruki Murakami mich direkt von der ersten Seiten an abzuholen. Simone Lappert versteht es anscheinend so gut wie der Japaner, die magischen Worte, die Zauberformel zu sprechen, die mich sofort in den Bann einer Geschichte zieht. Und jeder, der meinen Blog verfolgt der weiß, wie sehr ich auf Autoren und Autorinnen stehe, die eine gute Geschichte zu erzählen haben.

Obwohl "Der Sprung" mit etwas über 300 Seiten nicht unbedingt dünn ist schafft die Autorin es nahezu mühelos, ein flottes Tempo beizubehalten. Nie verfallen die Charaktere dabei in unangenehmes Selbstmitleid, was solchen Geschichten gerne schon einmal anhaftet. "Der Sprung" wirkt dabei sogar überraschend filmisch, verspielt und ausgestattet mit gut gewählten Referenzen auf die Populärkultur, ohne peinlich zu wirken. Die Geschichte profitiert enorm durch den Erzählstil und wie die einzelnen Schicksale miteinander verwoben sind. All das geschieht auf einer Ebene, wo eine anspruchsvolle Geschichte erzählt wird, aber nie zu kompliziert wirkt oder mit steif geschwollenen Worten gespickt wurde.





Abschließende Gedanken

Life is Strange. Simone Lappert erzählt von ganz normalen Menschen und macht daraus für mich ein literarisches Highlight im Jahr 2019. "Der Sprung" ist für mich ein Roman, den ich mir am heutigem 24.12 noch einmal in Form einer Rezension unter dem virtuellen Weihnachtsbaum lege. Sprachlich absolut treffsicher und mit interessanten Charakteren ausgestattet, hat die Schweizer Autorin eine Geschichte auf Lager, die es wert war, erzählt zu werden. Vielleicht die letzte Rezension in diesem Jahrzehnt auf "Am Meer ist es wärmer", die von mir verfasst wurde. Aber wenn ich mit so einem Roman das Jahrzehnt abschließe, dann ich entspannt zur Winterpause die Türen schließen.

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