Archiv: Rezensionen zu Literatur und Film

Donnerstag, 26. Dezember 2019

Wühlkiste: Gaming The System - Um jeden Preis (Brenna Aubrey)





USA 2015

Gaming The System - Um jeden Preis (Die Gaming The System Serie, Band 1)

Autorin: Brenna Aubrey 
Verlag: Silver Griffon Associates 
Format: eBook 
Genre: New Adult



Lavandula hat sich eingeloggt.

Da bin ich wieder, ich darf nochmal!

Lavandula wählt ein Item aus ihrem Inventar aus.

Und ich habe etwas Besonderes im Gepäck: „Gaming the System – Um jeden Preis“, den Auftakt einer derzeit sechsbändigen Reihe, von der USA TODAY-Bestsellerautorin Brenna Aubrey. Nun sind allerdings viele Folgebände oder die Bezeichnung „Bestsellerautor/in“ nicht unbedingt ein Zeichen von Qualität.

Ich habe mit Vorsicht zu diesem Buch gegriffen. Es ist zwar richtig, dass man ein Buch nicht nach seinem Cover beurteilen sollte … dennoch hätte ich im Regal nicht zugegriffen. Das tat ich tatsächlich wegen der Computerspiele-Thematik, das hat mich neugierig werden lassen. Auch wenn ich meine Erwartungen aufgrund es Genres eher nicht zu hoch geschraubt habe.

Und nun ist Schluss mit dem Hin und Her, denn zu diesem Buch gibt es ganz klare Worte zu sagen.

Mia Strong – ist das etwa schon ein Hinweis, dass da jemand ganz stark sein wird? – ist Computerspiele-Bloggerin und anscheinend gar nicht mal so unbekannt. Zumindest nicht vor dem Hintergrund, dass sie durch die Werbeeinnahmen durch ihren Blog mehr verdient als durch ihren Nebenjob im Krankenhaus. Was genau sie da macht, erfahren wir allerdings nicht so richtig. Bringt die Story aber auch nicht voran. Genug Geld, um ihren Lebensunterhalt zu bezahlen, sowie ihrer krebskranken Mutter finanziell unter die Arme zu greifen, hat sie allerdings dennoch nicht. Ein Medizinstudium ist da schon lange nicht drin, wenn nicht mal genug Essen da ist.

Deshalb kommt Mia auf die Idee, ihre Jungfräulichkeit zu versteigern, denn eigentlich ist sie aus eigenem Antrieb Single, hat keine Lust auf Beziehungen und den ganzen Quatsch. Und das mit 22.

Liebe Mia, halt noch acht Jahre durch, dann wirst du ein Zauberer! Oder gilt das nur für männliche dreißigjährige Jungfrauen? Herausfinden werden wir es in Mias Fall nicht.

Mit flammenden Worten über die Reinheit der Frau, die ja so viel an Wert verloren habe, bietet sie sich, genauer: ihre Unberührtheit, an den Meistbietenden. Die Reinheit der Frau ist schließlich das höchste Gut.

… Sag mal, geht’s noch?! Wir leben in einer relativ (alles ist relativ, meine Lieben) aufgeklärten und fortschrittlichen Welt. Und dann kommt da jemand daher, möchte uns wieder ins Mittelalter zurück katapultieren und sich prostituieren? Gut, nein, vielleicht nicht das Mittelalter, da wäre sie bereits zehn Jahre zuvor verheiratet worden und hätte keine Aussicht auf irgendwelche (finanziellen) Vorteile für sich selbst.

Wir befinden und übrigens noch auf den ersten drei Seiten. Und ich begann mich zu fragen, ob es nicht ein Fehler war, dieses Buch überhaupt anzufangen. Meine armen Nerven.

Zum Abkürzen spulen wir vor: Der Millionär Adam Drake – Adam, der erste Mann, er soll also auch Mias … wisst ihr was, ich lasse das, ihr versteht schon – gewinnt die Auktion. Er ist CEO einer Computerspielefirma, noch keine 30, sieht so wahnsinnig gut aus, dass natürlich auch Mias obligatorischer schwuler bester Freund ihm verfällt und Mia ist schockverliebt.

Und hier wird es wieder seltsam. Es kommt relativ schnell heraus, dass Adam Drake CEO/Chefentwickler des MMORPG Dragon Epoch ist. Das ist das Spiel, in dem Mia ihre gesamte Freizeit verbringt und über das sie lange und regelmäßig bloggt. Trotzdem klingelt nichts bei ihr, als sie seinen Namen hört. Wenn ich mich so intensiv mit einem Spiel oder auch einem anderen Medium auseinandersetze, sind mir zumindest ein paar Namen ein Begriff, und ein solcher wie der des Mannes, der das alles ins Leben gerufen hat, sollte dazu gehören.

Ich möchte weder langweilen noch spoilern. Alles Weitere ist aber im Grunde ohnehin 08/15. Sie will ihn nicht, da sein Auftreten für sie gar nicht ging, er kommt zu ihr, sie entscheidet sich um, sie fliegen nach Europa in die Niederlande, da Prostitution (hoppla, das ist also bereits durchdacht … unsere liebe Mia kapiert es allerdings immer noch nicht, dass sie genau das tut mit ihrem Jungfräulichkeit-gegen-Geld-Quatsch) dort legal ist, sie werden unterbrochen, sie ist immer noch Jungfrau. Sie fliegen zurück, nicht ohne sich gründlich zu zoffen, der Vertrag ist nicht erfüllt, also müssen sie sich wiedersehen, obwohl Mia einen Kontaktabbruch nach dem Vollzug wollte …

Es ist einfach ein wahnsinniges und zähes Ringen. Mia wirkt dabei bei Weitem nicht wie ihre 22 biologischen Jahre, sondern eher wie ein kleines 12jähriges Mädchen. Mal will sie Adam, findet die Glitzermärchenwelt mit dem ganzen Geld absolut toll, dann glaubt sie wieder daran, dass Adam sie nur ausnutze. Außerdem ist es furchtbar vorhersehbar. Zumindest mir war die wirkliche Identität von „FallenOne“, einem Spieler aus Mias Gruppe, der ihre Auktion ziemlich bescheuert fand, und der dann beleidigt verschwindet, direkt klar. Offensichtlicher ging es einfach nicht.

An vielen Stellen wirkt es außerdem, also wolle die Autorin ihre eigenen Ansichten auf plumpe Art und Weise durch Mia transportieren. Diese regt sich in ihren Blogs nämlich wahnsinnig über die Darstellung von Frauen in der Computerspielewelt auf. Oh nein, sexy Kriegerinnen im Kettenbikini! Dass an anderer Stelle von einem lendenschurzbekleideten Barbaren gesprochen wird, ist aber nicht weiter erwähnenswert. Da schützt der Kettenbikini allerdings besser als ein Tüchlein.

Lavandula wirft den Lendenschurz weg und legt den Kettenbikini zurück in ihr Inventar.

Ehrlicherweise muss man anfügen: vielleicht mokiert sich auch deshalb niemand, weil es zu einer Spontanerblindung kommt, sobald man den knapp bekleideten Barbaren erblickt.

Und ich bin noch immer nicht fertig mit Mia. Bezeichnet sie sich einerseits als Hardcore-Gamerin, lässt sie doch an anderer Stelle ihren besten Freund im Spiel einfach verrecken, weil er etwas sagte, was sie nicht hören wollte. Solche Zicken – weibliche wie männliche – fliegen ganz schnell aus der Gilde oder zumindest möchte keiner mehr mit ihnen gemeinsam spielen. Solches Verhalten führt übrigens zu Vorurteilen zockenden Frauen gegenüber, also sollte sich tatsächlich eine tiefere Botschaft der Autorin dahinter verbergen (Gamerinnen aller Länder, vereinigt euch!), geht das nach hinten los, da hier ein Klischee bestätigt wird.

Auch nach dem „Nerd-Kram“ habe ich vergeblich gesucht. Da ist wirklich sogar noch weniger drin als das Mindeste, das Möchtegernerds so von sich geben. Keine Nerdwitze (gut, ein Han Solo-Spruch kommt, wird aber sogleich erläutert, statt ihn einfach mal so stehen zu lassen), kein Nerdkram … nur der Herr der Ringe wird geschaut. Den die Autorin einfach mal direkt fett spoilert, sie haut ohne mit der Wimper zu zucken das Ende raus. Naja, sicherlich hat diese klasse Reihe ihre 20 Jahre schon fast auf dem Buckel – ich fühle mich alt, wenn ich an das kleine Mädchen zurückdenke, das Heiligabend 2003, eigentlich noch ein paar Monate zu jung, ins Kino ging, um diesen Film, den dritten, zu schauen – aber ich kenne genug Leute, die ihn noch nicht gesehen haben, es aber gerne noch wollen, und … man macht sowas einfach nicht!

Die Autorin bezeichnet sich selbst übrigens als Gamerin. Hat dann allerdings nicht mal die Basics drauf, was Begrifflichkeiten angeht. So leid es mir tut, aber nur, weil man Flappy Bird oder ähnliche gespielt hat, ist man noch lange kein Gamer.

Tatsächlich kann ich allerdings ein einzelnes etwas besseres Haar an diesem Buch lassen: Sprachlich ist es erstaunlich ertragbar. Es ist zwar weder besonders gut noch besonders schlecht, aber man wird nicht mit katastrophaler Grammatik oder einem Übermaß an Wortwiederholungen traktiert. Selbst in den – allerdings eintönig geschriebenen – Erotikszenen wird nicht in die tiefste Gossensprache zurückgegriffen und solche Horrorwörter wie „Schwengel“ tauchen glücklicherweise erst gar nicht auf.



Abschließende Gedanken

Ich glaube, dieses Buch kann ich getrost als einen Trittbrettfahrer von der Reihe um einen gewissen Mr. Grey einordnen: Armes Mädchen trifft reichen, jungen,
gutaussehenden, erfolgreichen Mann, der sie auch direkt für sich will, sie misstraut seinen Absichten, und so weiter. Jenes Buch brauchen wir nicht noch einmal aufwärmen. Gulasch und so – wobei es schon vorher nicht schmeckte.

Es ist schade, dass anscheinend heutzutage und besonders in diesem Genre die eigene Fantasie so sehr auf der Strecke bleibt. Stattdessen wird etwas aufgegriffen, das mal Erfolg hatte, ein wenig umgemodelt und dann als etwas Eigenes, total Tolles verkauft. Tatsächlich kann sowas in Ausnahmen gelingen, aber meist, wie auch hier, tut es das nicht.

Wir haben ein Buch, das gern die Gaming-Thematik aufgreifen und mit einer Art Liebesgeschichte verbinden möchte. Nette Idee. Doch der genauere Blick in den Quellcode enttarnt dieses Produkt doch wieder nur als schlechten Klon, der in fremdem Gewand daherzukommen versuchte. Dann wurde rumgejammert wie schlecht und gemein doch alles sei, vor allem in der Gaming-Welt gegenüber den armen Frauen.

Weder die Figuren noch die Handlungen sind authentisch, das ganze Buch ist es nicht, und auf die Art, wie sie ihre Botschaft transportiert, hat auch die Autorin viel davon eingebüßt. Es ist zäh, ein absolut vorhersehbares und unnötiges Hin und Her, und von dem, was ich erwartet habe – Gaming, Nerdkram, sowas eben – habe ich leider sehr wenig gefunden, und das wenige, das ich fand, war ein solch oberflächlicher und teilweise schlicht falscher Kram, dass es mir eher den Blutdruck in die Höhe trieb, statt mich zu erfreuen.

Das Buch habe ich geschafft, und zwar kurz bevor es mich geschafft hat, aber weder werde ich davon ein weiteres lesen noch es wieder in die Hand nehmen. Leere Versprechungen, vorhersehbare Handlungen, unsympathische Protagonistin. Eine große Enttäuschung, und das sogar bei deutlich heruntergeschraubten anfänglichen Erwartungen.

Lavandula bietet das Buch auf dem Markt zum Verkauf an.

Ja, ich hatte etwas Besonderes versprochen.

Lavandula legt den Kettenbikini an.

Das Buch war jedenfalls nichts Besonderes. Schade. Da wäre wirklich viel herauszuholen gewesen.

Lavandula hat sich ausgeloggt.
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Gastrezensentin: Lavandula



Lavandula gehört zum Kult der Bibliophilen und ist neben dem Studium selbst immer mal wieder als Autorin unterwegs, sofern die Zeit es zulässt. Ungefähr in einem Spektrum wie die Zeitsprünge in "Lumera Expedition: Survive" versuche ich sie bereits für einen Beitrag auf "Am Meer ist es wärmer" zu gewinnen. Ich hoffe, mit ihrem frischen Schreibstil wird sie den Blog noch häufiger bereichern.

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