Archiv: Rezensionen zu Literatur und Film

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Dienstag, 14. Mai 2024

Rezension: Ripley (Patricia Highsmith)

 





USA 1955

Ripley
Alternativ: Der talentierte Mr. Ripley
Originaltitel: The Talented Mr. Ripley
Autorin: Patricia Hghsmih
Übersetzerin: Melanie Walz
Verlag: Diogenes
Genre: Psychologischer Thriller



"Grau und alt im weichen Licht ihrer spärlichen Straßenlaternen erstreckte sich vor ihm die Via Appia Antica. Grabmalfragmente ragten links und rechts auf und hoben sich schwarz vor dem noch nicht gänzlich dunklen Himmel ab. Mehr Dunkelheit als Licht. Und nur ein einziger Wagen in der Ferne, der ihm entgegenfuhr. Wen verschlug es schon an einem Januarabend nach Einbruch der Dunkelheit auf eine so holprige und düstere Straße? Höchstens Liebesprächen. Der entgegenkommende Wagen fuhr an ihm vorbei. Tom begann sich nach einer geeigneten Stelle umzusehen. Freddie sollte hinter einem stattlichen Grab abgelegt werden, fand er. Etwas weiter vorn standen ein paar Bäume am Straßenrand, hinter denen sich zweifellos ein Grabmal befand oder das, was davon übrig war. Als er die Bäume erreichte, fuhr Tom von der Straße und schaltete die Scheinwerfer ab. Er wartete einen Moment und spähte in beide Richtungen der geraden leeren Straße."



Patricia Highsmith (1921-1995) gehörte zweifelsohne zu den größten Schriftstellerinnen ihrer Zeit. Nicht wenige Publikationen nannten sie aber häufig die "Unvollendete" und die "Ewig Suchende". Mit ihrem markantem Schreibstil und sarkastischem Humor hat man hinter ihren Geschichten nicht selten einen männlichen Schriftsteller erwartet. Bekannt war sie für ihre komplexen Charakterstudien, den bis zur Perfektion ausgearbeiteten Figuren, alle ausgestattet mit echten Persönlichkeiten samt Macken, Empathie und grundsätzlich psychisch immer am Rande zwischen Genie und Wahnsinn. Highsmith schrieb eine menge Romane und Kurzgeschichten, aber bis heute verbindet man sie wohl mit ihrer "Ripliad", eine Reihe aus insgesamt fünf Romanen, die sie im Verlaufe ihrer gesamten Schriftstellerkarriere verfasst hat. In all diesen Romane spielt der charismatische Tom Ripley die Hauptrolle. Allen voran dürfte wohl die Verfilmung von Anthony Minghella des ersten Romans aus dem Jahr 99 den meisten bekannt sein (obwohl der Roman erstmals bereits 1960 mit dem französischen Schauspieler Alain Delon unter dem Titel "Purple Noon" verfilmt wurde), der so prominent besetzt war, dass ich lediglich Matt Damon als Tom Ripley hier namentlich erwähne, bevor sich meine Rezension zu einem Filmabspann verwandelt.

Rund 25 Jahre sind seit dieser Verfilmung vergangen, mittlerweile dominieren Serien im Heimkino den Markt und nach einigen Tiefschlägen ist Netflix zurück im Geschäft. Bereits die damalige Verfilmung musste einiges federn lassen gegenüber dem Roman. Zum Leidwesen der bereits erwähnten fantastisch ausgearbeiteten Charakteren sowie der labyrinthartigen Gedankenwelt des Tom Ripley. In einer neuen Miniserie von Netflix wollte man dem Roman von Patricia Highsmith nun gerechter werden. In der Hauptrolle steht hier diesmal Andrew Scott als Tom Ripley, der in 8 Episoden eine absolut großartige Performance abliefert und, meiner Meinung nach, zu dem Charakter deutlich besser passt als Matt Damon (sicherlich Geschmackssache). Auch, wenn man hier den ersten Roman adaptiert hat, so verzichtet die neue Serie auf jegliche Untertitel, vermutlich auch, um sich noch Spielraum für 4 weitere Staffeln zu lassen.

Aber zurück zum Roman von Highsmith. Dass ich aktuell etwas italienisch lerne, habe ich auch dem Roman als Ideengeber zu verdanken.  Die von Highsmith so wundervoll beschriebene italienische Kulisse, aber auch den geschickten Einsatz der italienischen Sprache beeindruckte mich beim lesen sehr. Das Italien von Highsmith wirkt exotisch, lebendig und gleichermaßen gefährlich, was zuvor nur der Filmemacher Nicolas Roeg mit seinem Mystery-Film "Wenn die Gondelnd Trauer tragen" bei mir hervorrufen konnte.

Der Plot des Buches selbst ist schnell erzählt. Tom Ripley träumt von einem Leben in der High Society. Ein Leben, welches sein Freund Dickie Greenleaf unlängst dank des Spesenkontos des reichen Vaters führt. Als Herbert Greenleaf Tom darum bittet, seinen Sohn aus Italien zurück in die USA zu bringen, damit dieser das Familiengeschäft übernehmen kann, willigt Tom ein. In Italien angekommen wird Dickie der Gesellschaft seines Kumpels schnell überdrüssig. Doch Tom Ripley möchte La Dolce Vita nicht mehr missen - er möchte das Leben von Dickie Greenleaf führen. Er möchte Dickie Greenleaf sein.

Eine Prämisse, die so simpel klingt und doch in einen unglaublich komplexen psychologischen Thriller ausartet. Mord, Lügen, Identitätsdiebstahl. Es ist alles dabei, es wird in diesem Klassiker alles geboten und mit seiner europäischen Kulisse perfekt in Szene gesetzt. All das wird garniert von den herrlich scharfen, sarkastischen Gedankengängen des Hauptcharakters.


"Uff! Dieser Schmalz am Ende! Oh, Miss Bruchbude! Tom faltete den Brief zusammen und steckte ihn in die Jackentasche. Automatisch warf er einen Blick zu den Doppeltüren des Hotelrestaurants, als rechne er mit der Polizei. Falls die Polizei annahm, dass Dickie Greenleaf und Tom Ripley zusammen unterwegs waren, dann hatte sie die Hotels von Palermo vermutlich schon nach Tom Ripley abgesucht, dachte er."




Abschließende Gedanken

Patrica Highsmiths Roman über einen der wohl größten Betrüger und Soziopathen der Literaturgeschichte ist ein zeitloses Vergnügen. "Der talentierte Mr. Ripley" ist ein fein zusammengesponnenes Netz aus allen Zutaten, die ein Thriller braucht. Wenn Highmsith schreibt, hat man die Bilder gleich vor Augen - als würde man einen Film schauen. Man hat den skrupellosen Tom Ripley vor Augen und vor uns bauen sich zudem die italienischen Kulissen auf, die uns die ganze Zeit begleiten werden. Die Wiederentdeckung dieses beeindruckenden Charakters rund 25 Jahre nach seinem letzten großen Auftritt auf der Kinoleinwand, ist für die Welt der Literatur und Serien ein großer Gewinn. Bevor man sich die neue Serie zu Gemüte führt, sollte man aber darüber nachdenken, zuvor den Roman zu lesen. Beide Werke ergänzen sich trotz einiger Änderungen ausgezeichnet.
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Rezension verfasst von Aufziehvogel

Dienstag, 9. April 2024

Rezension: Die Flucht (Fuminori Nakamura)

 





Japan

Die Flucht
Originaltitel: Tobousha
Autor: Fuminori Nakamura
Übersetzerin: Luise Steggewentz
Format: Hardcover, E-Book
Genre: Noir-Thriller, Mystery, Drama



"In der Stille überkommt mich das Gefühl, selbst nur ein Bett, Regal oder Stuhl in diesem Zimmer zu sein. Ein vergessenes Möbelstück, das die Welt nicht mehr braucht. So eine Geschichte hatte ich mir früher einmal ausgedacht. Eine Geschichte über einsame Männer in einem Hotel im Ausland, die sich einer nach dem anderen in Teile der Einrichtung verwandeln. Am Ende entschließt sich der Hotelbesitzer seufzend, einen Entrümpler kommen zu lassen."


Selten nutze ich Zitate von der Anfangsseite eines Buchs. Aber wenn ein Buch mit so einer wundervollen Metapher beginnt, welche Wahl habe ich da schon? Mit dieser melancholischen Fest- und Vorstellung des Hauptcharakters Kenji Yamamine beginnt eine Geschichte, die ich als Leser und Fan der japanischen Literatur so schnell nicht wieder vergessen werde. Aus zeitlichen Gründen, aber auch weil ich "Die Flucht" erstmal sacken lassen musste, hat sich meine Besprechung ein wenig verschoben. Ich musste meine Gedanken noch etwas ordnen. 
Ich habe ende des vergangenen Jahres erstmals von der Lizensierung zu "Die Flucht" erfahren (im Original Tobousha oder auch Tōbōsha, was man unter anderem als "Ausreißer" und "Verdächtiger" übersetzen kann, aber auch der deutsche Titel eine sehr treffsichere Übersetzung des japanischen Begriffs ist). Der Roman ist 2020 in Japan erschienen und damit auch einer der aktuellsten Romane des japanischen Autors Fuminori Nakamura. In der deutschen Übersetzung sind bereits "Der Dieb", "Die Maske" sowie "Der Revolver" erschienen. Allesamt Buchtitel, die so kurzbündig und auf den Punkt gebracht sind wie Nakamuras furiose Geschichten. Mit "Die Flucht" ist ein erneut kurzer Buchtitel erschienen, der Inhalt aber diesmal verteilt auf fast 600 Seiten. Für einen japanischen Roman ist das schon Marcel Proust Niveau. Ich wusste vorab nicht wirklich, worauf ich mich hier einlasse. Das Buchcover bildet einzig und allein eine Trompete ab. Doch liest man sich auch nur die ersten zwei Seiten des Buches durch, so weiß man, diese Trompete ist der Dreh- und Angelpunkt dieser verstrickten Geschichte.

"Die Flucht" startet mit einem Heimvorteil für deutsche Leser (man beachte später auch die wundervollen Beschreibungen des Kölner Doms). In einer heruntergekommenen Wohnung in Köln versteckt sich der Reporter Kenji Yamamine. Während er über einsame Männer nachdenkt, die sich in Möbelstücke verwandeln die keiner mehr haben möchte, raschelt es am Türschloss. Es treibt Kenji den Schweiß auf die Stirn. Wer könnte es nur sein? Haben sie ihn entdeckt? Wird hier sein Leben enden? Ein unbekannter Mann der in englischer Sprache redet hat das Schloss aufgebrochen. Ein Mann von einer beachtlichen Größe. Ein Mann, der zwar keine wehrlosen Hunde tötet, aber dafür Menschen, die nicht kooperieren wollen, viele Schmerzen zufügen kann. Der Ausländer nimmt auf dem Sofa Platz, nichtsahnend, dass sich darunter das Objekt der Begierde befindet. Nach einem längeren Vortrag verlangt er von Kenji, die Trompete rauszurücken. Ein legendäres Instrument welches von einem nicht minder legendären japanischen Komponisten im zweiten Weltkrieg dazu genutzt wurde, die japanischen Truppen zum Sieg eines bedeutenden Manövers zu führen. Kenji sitzt in der Klemme. Es scheint kein Entkommen vor seinem Widersacher zu geben. Doch hier kann die Geschichte nicht enden, noch nicht. Kenji greift zu einer Beretta aus der Schublade, die der Vormieter dort zurückgelassen hat. Kenji ist sich nicht sicher, ob die Waffe echt ist oder nur eine Attrappe. Er zielt auf den unheimlichen Mann.

Was ich hier nun beschrieben habe umfasst gerade mal den Auftakt des Buches. Die Seiten, wie gewohnt bei Nakamura, scheinen sich ganz von selbst umzublättern. Was hier ein wenig wie eine Neuinterpretation um die Geschichte des Teufelsgeigers Niccolò Paganini klingt, ist in Wahrheit etwas ganz anderes. In dem umfangreichen Roman mag die Trompete zwar das mysteriöse Objekt der Begierde sein, dem nachgesagt wird, es könne Menschen verzaubern und die Moral von Soldaten erhöhen, ist nur ein Teil von vielen Schichten einer großen, verzierten Torte, die uns Fuminori Nakamura hier auftischt. Der Plot nimmt noch viele weitere Formen an, viele zeitgenössische Themen wie die Flüchtlingskrise aber auch der christliche Glaube in Japan (der aktuell ja auch in dem TV-Event Shōgun wieder prominente Bedeutung findet) werden hier ausführlich behandelt. Merklich und dennoch subtil baut Nakamura den Glaube in seine Geschichte mit ein. Allen voran geht es in "Die Flucht" aber auch noch um die Beziehung zwischen Kenji und Anh, die er auf den Philippinen kennenlernt und sich in sie verliebt.

"Die Flucht" ist Literatur, wie sie nur aus Japan stammen kann. Wer bei dem Roman einen aalglatten Thriller erwartet, ist hier falsch bzw. wird merken, falsch abgebogen zu sein. Denn wie üblich bei der japanischen Literatur, ganz besonders aber bei Nakamura, ist dieses Buch allen voran eine Charakterstudie. Ein "Psychologischer-Thriller", wenn ich nun einen Begriff nennen müsste. Die Trompete des Komponisten Suzuki ist natürlich der berüchtigte MacGuffin, um die Geschichte voranzutreiben. Im Fokus stehen hier aber eine menge andere Handlungsstränge und Figuren, die allesamt wichtige Rollen ausfüllen. Wer hier westliche Krimis und Thriller verwöhnt ist, der könnte in Fuminori Nakamuras verstrickten Charakter- und Handlungszweigen schnell mal den roten Faden aus den Augen verlieren. Nakamura ist kein Autor, den man sich, um von einem anstrengenden Tag abzuschalten, zu Gemüte führt. "Die Flucht" ist ein blutiges, schweißtreibendes Abenteuer, dem man seine gesamte Aufmerksamkeit auch widmen muss.


"Ich wache auf. Ich habe das Gefühl, geträumt zu haben, kann mich aber nicht an den Traum erinnern. Im Fernseher meines Hotelzimmers, den ich vergessen habe auszustellen, laufen schwarz-weiße Videoaufnahmen. Sie zeigen ein Konzentrationslager der Nationalsozialisten. Ich verstehe nicht, was auf Deutsch erzählt wird, aber es wird ein Bild von Chiune Sugihara eingeblendet. Sugihara, der ehemalige japanische Vizekonsul in Kaunas in Litauen, widersetzte sich dem Außenministerium und stellte für Juden, die aus Polen geflüchtet waren, Visa aus, womit er vielen das Leben rettete." 


Sehr angetan war ich ebenfalls von der feinfühligen Übersetzung von Luise Steggewentz, ein Name, der mir noch gut durch die ebenso gelungene Übersetzung von Durian Sukegawas "Die Insel der Freundschaft" in Erinnerung geblieben ist. Einen Roman von diesem Kaliber zu übersetzen muss eine unglaubliche Herausforderung gewesen sein, von der ich gerne mehr erfahren möchte.




Abschließende Gedanken

Nicht ist wie es scheint bei Fuminori Nakamura. Wer hier einen linearen Thriller erwartet, wird schon sehr schnell auf hartem Granit landen. "Die Flucht" ist ein spannender, zugleich aber auch unglaublich komplexer Roman, der über mehrere Ebenen verläuft. Nakamura nimmt sich sehr viel zeit für seine Charaktere und deren Beziehungen zueinander. Auch widmet er sich kritischen, zeitgenössischen Themen. Für zartbesaitete ist aber auch dieser Roman nicht geeignet. Wie Martin Scorsese es in seinen Filmen tut, macht es Fuminori Nakamura in seinen Büchern. Wenn er den Stift in blutrote Tinte taucht, dann kommt es unerwartet, aus heiterem Himmel, aber es wirkt nachhallend. Gewalt als Stilmittel um die Geschichte voranzutreiben ist eine Kunst, die ein Autor erst einmal beherrschen muss. Aber Nakamura weiß genau, was er tut. Das gleiche gilt auch für herrliche, kurze Einlagen von einem feinen, trockenen Humor, der mindestens genau so überraschend platziert ist wie so einige blutrünstige Szenen im Buch.

"Die Flucht" ist für mich bereits jetzt in diesem noch jungen Jahr ein literarisches Highlight. Ein Buch, welches ich nicht uneingeschränkt empfehlen kann, da es zu vielschichtig ist, um es Freunden von speziellen Genres nahelegen zu können. Ich würde mir jedoch wünschen, wenn interessierte Leser diesem großartigen Roman eine Chance geben würden. Sowohl die Geschichte als aber auch die fabelhafte Übersetzung hätten es verdient. Fuminori Nakamura liefert mal wieder großartiges literarisches Kino ab. Man sollte sich ins Buch stürzen, ohne den Klappentext zu lesen!




Rezension verfasst von Aufziehvogel

Samstag, 16. März 2024

Fuminori Nakamura: Die Flucht erscheint am 20.03.2024 im Buchhandel

 


Die Flucht
Originaltitel: Tobousha
Autor: Fuminori Nakamura
Übersetzung: Luise Steggewentz
Veröffentlichungsdatum und Verlag: 20.03.2024 bei Diogenes



Nach Haruki Murakami ist vor Fuminori Nakamura. "Die Flucht" ist nach Murakamis großem Epos "Die Stadt und ihre ungewisse Mauer" (2024, DuMont Buchverlag) die zweite namhafte deutschsprachige Übersetzung eines japanischen Romans in dieser Jahreshälfte. Nach "Der Dieb", "Die Maske" sowie "Der Revolver" präsentiert der Diogenes Verlag nach einer Übersetzung von Luise Steggewentz einen der neusten Romane des Autors. Ich habe bereits jetzt das Privileg, den umfangreichen Roman lesen zu dürfen und Nakamura beweist wie kein anderer fernöstlicher oder auch westlicher Romanautor, mir beim lesen so feuchte Hände zu bescheren.

Wie immer ist es schwer, den Preisträger des Akutagawa und des Ōe Kenzaburō Preises in ein bestimmtes Genre unterzuordnen. Fans des Autors wissen sicherlich, auf was für eine Achterbahnfahrt sie sich bei "Die Flucht" mal wieder einstellen können. Neulingen, die das Werk von Nakamura noch nicht kennen, möchte ich nicht zu viel verraten und ich könnte allgemein empfehlen, sich den Klappentext nicht durchzulesen. Aber komplett unwissend soll man sich an so eine Geschichte natürlich nicht heranwagen!

In "Die Flucht" begleiten wir den Journalist Kenji Yamamine, der in den Besitz eines mysteriösen Objekts, der sogenannten Teufelstrompete eines bekannten japanischen Komponisten, gerät. Für Kenji beginnt damit ein regelrechter Abstieg in die Hölle. Das Objekt ist begehrt und bringt viele Schwierigkeiten mit sich. Die Lage für den Journalist scheint aussichtslos zu sein, doch er hat noch eine Aufgabe zu erfüllen.

Wie immer muss man bei Fuminori Nakamura aufpassen, nicht zu viel von der Geschichte preis zu geben. Nakamura ist für seine furiosen Wendungen bekannt und diesem Stilmittel bleibt er treu.

Noch im März wird es auf "Am Meer ist es wärmer" zu "Die Flucht" eine ausführliche Besprechung geben.

Mittwoch, 29. November 2023

Rezension: Seid friedlich mit Loriot

 



Deutschland 2023

Seid friedlich mit Loriot
Text und Illustration: Loriot
Herausgeber: Susanne von Bülow und Peter Geyer
Genre: Satire, Kunstbuch
Format: Hardcover



100 Jahre Loriot. Die älteren unter uns werden ihn sich mehr als je zuvor zurückwünschen, ein Stoßgebet an höhere Mächte senden ihn in solch unruhigen Zeiten noch einmal ins Leben zurückzurufen. Die etwas jüngere Generation wird sich vielleicht fragen, wer oder was Loriot ist und ob er, sie oder es einen TikTok Account besitzt. Wundern würde es vermutlich keinen, wenn diese Frage gestellt werden würde. Deutschlands vermutlich größter Humorist ist 2011 im Alter von 87 Jahren verstorben. Vor einigen Tagen wäre er 100 Jahre alt geworden. Die Berichterstattung war groß, zudem gab/gibt es anlässlich des Geburtstages noch einige Ausstellungen zu Ehren Loriots. Eine gute Gelegenheit, Loriot zu diesem Anlass wiederzuentdecken oder erstmals für sich zu entdecken.

Doch wer war eigentlich Loriot? Üblich sind solche kurzen Pseudonyme eher für frankobelgische Künstler. Hinter Loriot versteckt sich Bernhard-Viktor Christoph-Carl von Bülow. Die meisten werden ihn wohl eher unter der Kurzform des Namens kennen, Vicco von Bülow. Übersetzt wird das französische Wort Loriot zum deutschen Pirol, ein Vogel und auch das Familienwappen der von Bülows.




In dem kompakten Hardcover-Büchlein "Seid friedlich mit Loriot" widmet sich Loriot Themen, die aktueller nicht sein könnten. Geopolitisch aber auch lokal erleben wir schwere Zeiten, wie schon lange nicht mehr. Es herrschen weltweit kriegerische Konflikte und die Lage in der guten alten Bundesrepublik ist so angespannt wie lange nicht mehr. In frechen Illustrationen nimmt sich Loriot den Krieg vor, die Armee, die Raumfahrt und Altkanzler Adenauer. Die kleinen Comics sind thematisch herrlich überzeichnet, surreal und dennoch auf den Punkt gebracht. Loriot nimmt hier ernste Themen nicht unsensibel aufs Korn, er geht den Kern der Sache an und fertigt Karikaturen der weltlichen Probleme. Doch die Botschaft kommt immer unmissverständlich an: Seid friedlich zueinander. Loriot besitzt nur eine Waffe und diese heißt Humor, kaum wer beherrschte diese mächtige Waffe mehr als er.

Doch Loriot nimmt sich nicht nur den schweren Themen in diesem Band an. Er zeichnete auch immer die kleinen Menschen, die nicht täglich im Rampenlicht stehen. Dich, den Leser dieses Artikels. Mich, den Verfasser dieses Artikels und deine Eltern, deinen Friseur und alle Leute, die du vermutlich noch so kennst. Loriots Karikaturen, Sketche und Comics richteten sich immer auch an die Durchschnittsbürger unserer Gesellschaft. Die chronisch unzufriedene, meckernde Bevölkerung. Hier gibt in diesem Band mit der Firma Poppe & Co. einige herrlich überspitzte Firmenideen und Situationen. "Für einen Poppe gibt es kein Unmöglich". So wird gerne mal provisorisch das ausgesessene Sofa von Senioren sabotiert repariert, den einzig verfügbaren Klempner für einen tropfenden Wasserhahn aus seinem Urlaub in Ägypten zu entführen einfliegen zu lassen und ein ganz besonders ausgeklügelter Personenschutz für den Bundeskanzler. Bei den Poppe-Comics wird schnell klar, worum es geht: Sinnlose Verschwendung oder einfach nur eine herrliche Präsentation der sogenannten Rube-Goldberg-Maschine.

Das Hardcover-Buch umfasst 130 Zeichnungen, einige davon teilweise koloriert und etliche mit humoristischen Texten unterlegt. Was ich mir hier vielleicht noch gewünscht hätte wäre ein Vor- und Nachwort gewesen (vielleicht ein älterer Text von Loriot oder etwas aktuelles aus dem Umfeld von Loriot), um das Buch zum 100. Geburtstag des Künstlers noch etwas persönlicher zu gestalten. Ein paar chronologische Angaben zu den Illustrationen wären ebenfalls noch ganz nett gewesen, viele davon kann man bei ihrer Thematik aber auch problemlos einem Jahrzehnt zuordnen.



 


Abschließende Gedanken

"Seid friedlich mit Loriot" ist ein gelungenes kleines Buch zum 100. Geburtstag des großen Humoristen. Frech, witzig aber sich auch immer der ernsten Lage bewusst zu sein - dies war eine der Stärken von Loriot und all diese Eigenschaften machen sein so umfassendes Werk auch heute noch so zeitlos. Loriot ist ein Künstler, der in 1-2 Bildern und wenigen Sätzen eine komplette Geschichte erzählen kann. Manchmal ist der Text dazu nicht einmal nötig. In dieser Hardcover-Ausgabe (von der es auch noch weitere Bände gibt) bekommt man einen perfekten Einblick in die Welt, die uns Loriot hinterlassen hat. Der Titel des Buches erzählt in zwei Wörtern dann nochmal eine ganz eigene Geschichte, die heutzutage wohl eine so große Bedeutung hat wie nie zuvor: Seid friedlich.




Rezension verfasst von Aufziehvogel

Sonntag, 18. September 2022

Rezension: Papyrus (Irene Vallejo)





Spanien


Papyrus
Originaltitel: El infinito en un junco. La invención de los libros en el mundo antiguo
Autorin: Irene Vallejo
Veröffentlichung: 27.04.2022 
Verlag: Diogenes
Übersetzung: Maria Meinel und Luis Ruby
Genre: Sachbuch, Antike Literatur



"Niemand hat die Farben Alexandrias und die körperlichen Eindrücke, die der Ort in ihm auslöste, präziser beschrieben als er. Die erdrückende Stille und den hohen Sommerhimmel. Die Tage in sengender Hitze. Das strahlende Blau des Meeres, die Wellenbrecher, die gelben Ufer. Im Landesinneren der Mariout, zuweilen konturenlos wie eine Fata Morgana. Zwischen den Wassern des Hafens und des Sees unzählige Straßen voller Staub, Bettler und Fliegen. Palmen, Luxushotels, Haschisch, Trunkenheit. Die trockene, vor Elektrizität knisternde Luft. Abende in Zitronengelb und Lila. Fünf große Ethnien, fünf Sprachen, ein Dutzend Religionen, das Spiegelbild von fünf Flotten im öligen Wasser. In Alexandria, schreibt Durrell, erwacht das Fleisch zum Leben und rüttelt an den Gitterstäben seines Gefängnisses. Im Zweiten Weltkrieg erlebte die Stadt schwere Zerstörungen. Im letzten Roman des Quartetts beschreibt Clea eine melancholische Landschaft. Gestrandete Panzer am Meeresufer, die Dinosaurierskeletten gleichen, die großen Kanonen wie umgestürzte Bäume in einem versteinerten Wald, die Beduinen, die sich in Minenfelder verirren. Die Stadt, schon immer ein Ort der Perversionen, schließt er, ähnelt jetzt einem riesigen öffentlichen Pissoir."


Ich habe hier schon etliche interessante Sachbücher besprochen. Es ist noch gar nicht so lang her, da besprach ich mit Life Lessons auf dem Amazonas bereits ein unglaublich gelungenes Sachbuch, welches sich nicht trocken mit einem Thema auseinandersetzte sondern sich beinahe schon so abenteuerlich wie ein richtiger Roman las. Obwohl thematisch auf einem komplett anderen Ufer angesiedelt, schlägt die Spanierin Irene Vallejo mit "Papyrus" in eine ähnliche Kerbe. Der Titel ist Programm. Ein Buch über Bücher. Auf über 700 Seiten (in der deutschen Übersetzung) verteilt könnte das Thema also so staubig wie ein antiker Papyrus sein, doch die Philologin mit einer Liebe für die Antike hat es vollbracht, aus dieser Thematik etwas einzigartiges zu erschaffen. Dies wird direkt im Prolog deutlich, der auch zum Auftakt eines großen, historischen Romans gehören könnte.

Die Autorin stellt sich nach dem abenteuerlichen Prolog vor. Vor lauter Büchern weiß sie in ihrer Wohnung manchmal gar nicht, wo sie hin tritt. Sie berichtet über die riesige Überwindung, die es kostete, dieses Buch zu verfassen. Die schier unendliche Recherche und dazu noch die Gabe zu besitzen, die antike Thematik in eine flotte, moderne Sprache umzuwandeln sehe ich jedoch als größte Hürde, wenn man sich so ein ambitioniertes Projekt vornimmt. Beim hervorheben meines Eröffnungszitats für diese Rezension konnte ich mich kaum bremsen und beinahe noch den Rest der Seite hier hinzugefügt.

Irene Vallejo nimmt uns hier mit auf eine Zeit- und Weltreise durch die Geschichte der Bücher. Angefangen im antiken Griechenland, hin zu der Bibliothek von Alexandria, weit hinaus über den Eroberungsfeldzuges von Alexander dem Großen der zum einschlafen keinen Teddybär brauchte, sondern sein Exemplar der Ilyas. Der Weg dieser langen Reise geht bis in unsere Moderne Gegenwart, wo das E-Book mittlerweile ein alter Hut ist und gedruckte Buch aber bis heute nicht abgelöst hat. Die Autorin verpackt all diese verschiedenen Epochen des Buches in kleine, unterhaltsame Geschichten, die historisch alle großartig recherchiert wurden. Mit einer lockeren Sprache garniert blättern sich die einzelnen Seiten dieses doch recht umfangreichen Buches wie von selbst.


"Das ägyptische Alexandria wurde, wie könnte es anders sein, aus einem literarischen Traum geboren, einem homerischen Wispern. Im Schlaf sah Alexander, wie ein grauhaariger alter Mann an seine Seite trat. Der rätselhafte Unbekannte rezitierte einige Verse aus der Odyssee, in denen von einer Insel namens Pharos die Rede ist, die umgeben vom Meeresrauschen vor der ägyptischen Küste liegt. Die Insel gab es wirklich, nahe der Schwemmebene, in der sich das Nildelta mit den Wassern des Mittelmeers vereint. Alexander sah in dieser Vision, wie damals üblich, ein Vorzeichen und gründete dort die vorbestimmte Stadt."


Von Unordnung, antikem Chaos oder babylonischer Sprachverwirrung ist in Papyrus keine Spur. Die junge Autorin geht im Schongang von einem Thema zum nächsten und erzählt jede historische Anekdote wie eine kleine Kurzgeschichte. Die Hingabe, die in dieses Buch geflossen ist liest man an genau dieser präzisen Ordnung, die man auf jeder Seite, in jedem Kapitel vorfinden wird.



Abschließende Gedanken


In einer schönen Hardcover-Ausgabe wird der Diogenes Verlag dem Papyrus gerecht. Es ist eine schöne Edition für das Bücherregal. Auch die beiden Übersetzer haben hier eine hervorragende Arbeit abgeliefert, indem sie eine flüssige Sprache präsentieren und den Wortwitz der Autorin gut in die deutsche Sprache übertragen haben. Für mich als einstigen Sachbuch-Muffel erlebe ich derzeit ein wunderschönes Repertoire an gelungenen Titeln. Für jemanden wie mich, der selbst seit Ewigkeiten wissbegierig ist was die Antike angeht, hat diese ausführliche Weltreise eine menge Spaß gemacht. Im Anhang gibt es noch ein riesiges Quellenverzeichnis. Ich hätte es ganz schön gefunden, wenn es in einem separaten Abschnitt im Buch vielleicht noch ein paar bebilderte Seiten gegeben hätte, die sich mit antiken Schriftrollen auseinandersetzen. Ich kenne die Originalausgabe nun nicht und kann daher nicht mit einer Bestimmtheit sagen, ob solche Abbildungen dort vielleicht enthalten sind.

Irene Vallejo hat hier nicht nur eine Liebeserklärung an ihren Hang zur Antike abgeliefert, es ist auch eine Liebe an die Bücher selbst. An das Papier. An den Druck, An alles, was so ein Buch nun einmal ausmacht. Doch ein Buch ist eben nicht nur das von mir aufgezählte, ein Buch ist auch unsere Weltgeschichte. Hinter jeder noch so kleinen Anekdote steckt ein Stück unser Weltgeschichte. Irene Vallejo hat hier ihren Beitrag geleistet, diese kleinen und großen Geister der literarischen Vergangenheit zu sammeln und uns von ihnen zu erzählen.

Dienstag, 31. August 2021

Sommerlektüre 2021: Der Brand - Daniela Krien (Rezension)

 



Deutschland 2021


Der Brand
Autorin: Daniela Krien
Verlag: Diogenes
Veröffentlichung: 28.07.2021
Genre: Beziehungsdrama



"Peter sitzt in einem Abstand von einem guten Meter neben ihr. Er streichelt die einohrige Katze, die in monotonem Rhythmus mit dem Schwanz auf sein Hosenbein klopft. Ihr Schnurren ist so laut, dass es beinahe bedrohlich klingt. Seine ganze Aufmerksamkeit gilt diesem reizlosen Tier. Früher hätten sie sich nach solch einem Essen verschwörerisch angelächelt, und dieses wissende Lächeln hätte ihre Einheit betont. Heute ist Peter vollauf zufrieden, wenn ein alter Gaul, eine lädierte Katze und ein pflegebedürftiger Storch ihm Gesellschaft leisten."


Bei meiner diesjährigen Sommerlektüre handelt es sich nicht um die gleichnamige Biografie des Fußballers, wo der Biograf auf einmal beim Titel vergessen hat, wie der Junge eigentlich geschrieben wird. Bei "Der Brand" handelt sich stattdessen um den neusten Roman der Schriftstellerin Daniela Krien, die mich bereits im vergangenem Jahr zur gleichen Zeit mit ihrem Roman "Die Liebe im Ernstfall" begeistern konnte, dementsprechend ist der Zeitpunkt für die Veröffentlichung meiner Besprechung ihres neusten Romans nicht ganz zufällig gewählt.

In "Der Brand" befasst sich die Autorin diesmal nicht mit einer Gruppe von Frauen und ihren unterschiedlichen Schicksalsschlägen, sondern mit einem Ehepaar, deren Ehe kurz davor ist, auszubrennen. In diesem Brennpunkt stehen Rahel (aus ihrer Sicht wird die Geschichte erzählt), eine Psychologin, und Peter, ein Professor an einer Uni. Entstanden sind aus der Ehe zwei Kinder. Über Jahrzehnte war das Ehepaar ein Bündnis, die eine Person hat die andere unterstützt. Doch vieles hat sich schleichend bei den beiden verändert. Rahel ist eine Frau in den Wechseljahren, die mit ihren Hormonen und Emotionen kämpft, Verlangen verspürt und mit ihren eigenen Problemen und Spleens alle Hände voll zu tun hat. Peter durchlebt eine Midlife Crisis, geriet bei seinem Posten an der Uni in einen Skandal und fühlte sich von Rahel während dieser Zeit missverstanden und, für ihn der wohl wichtigste Punkt, vernachlässigt. Peter distanzierte sich durch den Vorfall immer weiter von Rahel bis zu einem Punkt, wo besonders sexuelle Aktivitäten kein Thema mehr für Peter sind und ihr dies schonungslos mitteilt. Rahel versucht, ihre Ehe zu retten und plant mit Peter zu verreisen, nur sie zwei, weg von den Problemen, von dem Virus und von dem kompliziertem Verhältnis von Rahel zu ihrer Tochter Selma. Doch ein Brand sollte verhindern, dass die Destination das Ehepaar zu dem Ort hinführt, den Rahel und Peter eigentlich dafür nutzen wollten, ihre kriselnde Ehe wieder geradezurücken.

Wie eine Zen-Meisterin geht Daniela Krien das schwierige Thema in aller Gelassenheit und Ruhe an. Nimmt sich Zeit für jede Szenerie, für jede Gefühlssituation ihrer Charaktere und lässt ihnen besonders in den Dialogen Zeit, miteinander zu kommunizieren. Ich konnte mich nicht nur in das Ehepaar hineinversetzen, sondern auch in ihre Tochter Selma, die ihren Platz im Leben nie wirklich gefunden zu haben scheint und teilweise eine anstrengende, rastlose junge Frau ist. Die Geschichte entwickelt sich schnell zu einer interessanten Charakterstudie, die sicherlich nicht nur für Leute in einem reiferen Alter interessant sein dürfte. Die Geschichte von Rahel und Peter finde ich insofern interessant, weil sie authentisch ist und ohne viel Drama, Kitsch oder sonstigen Ablenkungen auskommt. Ich hatte zahlreiche Momente, wo ich mit Rahel mitfühlen konnte. Eine Frau, die sich nach dem sexuellen Verlangen ihres Ehemanns sehnt, genau so häufig aber fand ich auch Gelegenheiten, sie zu kritisieren und das gleiche gilt selbstverständlich auch für Peter. Hier spielt die Autorin all ihre Stärken aus, indem sie ihre Charaktere diesen Feinschliff verleiht. Und dieser Feinschliff besteht daraus, dass die Charaktere selbst ungeschliffen sind. Rahel, Peter wie auch Selma bringen all ihre Probleme und Unvollkommenheiten mit sich. Sie sind genau so wie die Personen, die gerade dieses Buch in den Händen halten. Nachdenklich, mit Ticks versehen und auf der Suche nach Zuneigung. Im Falle von Peter wird sehr schnell jedoch deutlich, wie weit er sich von seiner Frau entfernt, indem er Tieren mehr Zuneigung schenkt als seiner Frau, was insofern eine Ironie des Schicksals ist, da Peter mit Tieren nie etwas anfangen konnte und den Kindern nach unzähligem Versuchen des Bettelns nie ein Haustier gestattet hatte.

Daniela Krien ist hier noch einmal nach ihrem letzten Roman gewachsen, was auch daran liegt, dass sie sich hier auf deutlich weniger Figuren beschränken muss. Brachte "Die Liebe im Ernstfall" durch die vielen Protagonistinnen noch ein gewisses Chaos mit sich, verhält es sich in "Der Brand" komplett anders. Die Geschichte wirkt durch den Aufbau natürlich linearer, dies kommt der Geschichte aber stets entgegen. Eine Sache, die ich jedoch vielleicht ein wenig "ausgebrannt" finde, sind die Anspielungen auf Ost- und Westdeutsche Familien. Sobald die Autorin darauf anspielt, fühlt es sich ein wenig erzwungen an, einfach um des Willens, dieses Thema irgendwie einzubauen. Damit will ich das Thema nicht runterspielen da es besonders für das Verhältnis zwischen Rahel und ihrer Tochter Selma wichtig ist. "Der Brand" ist jedoch eigentlich eine Geschichte, die komplett ohne die alten Dämonen der Vergangenheit auskommt. Da ich jedoch aus einer anderen Generation stamme, habe ich natürlich hier eine andere Sichtweise.


"Ein Bild schießt ihr in den Kopf: Die winzige Selma, die in ihrem Gitterbettchen liegt und schreit. Doch niemand kommt, um sie zu trösten. Und sie erinnert sich an die stolzen Berichte von Peters Mutter: Mit sechs Monaten schlief Selma durch, mit achtzehn Monaten war sie tagsüber windelfrei, und sie lachte immer. So ein freundliches Kind, sagten die Nachbarn, so ein Sonnenschein."




Abschließende Worte

Daniela Krien ist mit "Der Brand" erneut ein großer Wurf gelungen. Diesmal noch strukturierter und geordneter als noch bei ihrem letzten Roman. Es ist eine Geschichte, mit der wir uns alle identifizieren können oder uns irgendwann mal damit identifizieren werden, ganz gleich wie alt wir sind oder welches Geschlecht wir haben. Sie schreibt hier über ein zeitloses Thema und baut glaubhafte Charaktere ein, die diese Zeitlosigkeit bestens vermitteln. Meine Sommerlektüre 2021, ganz und gar nicht ausgebrannt.

Dienstag, 24. Dezember 2019

Rezension: Der Sprung (Simone Lappert)

(Foto: Aufziehvogel)





Schweiz 2019

Der Sprung
Autorin: Simone Lappert
Verlag: Diogenes
Veröffentlichung: September 2019
Genre: Gesellschaftsdrama




"Durch die saubersten Flure hatte er schon die übelsten Kerle abgeführt, und in den schicken Wohnungen waren einfach nur die Teppiche feiner, unter die der Dreck gekehrt wurde. Schweinereien waren Schweinereien, und Blut war ihm zuwider, ob es nun auf Linoleum oder Marmor vergossen wurde."



"Der Sprung" der jungen Schweizer Autorin Simone Lappert beginnt mit einem Sprung. Hatte ich es in meiner letzten Besprechung noch mit einem Revolver zu tun, ist es in diesem Roman nun ein Sprung. Ein Sprung, der aber so eine Wucht hat wie eine abgefeuerte Kugel aus einem Revolver. Es ist nur ein kurzer Prolog, eine minimale Einführung. Eine Einführung, die dem Leser nichts anderes als einen grandiosen Sprung beschreibt. Ein Sprung, so die Dame, die gerade fällt, der sich lohnen muss. Ein Sprung der sitzen muss, denn man kann ihn, logischerweise, nur ein einziges mal ausführen.

Als ich den Roman vor einigen Tagen ausgelesen habe zeigte mir Spotify in meinem Mix der Woche den Song "Time Rider" von den Chromatics an. Und schon musste ich wieder an den Roman von Simone Lappert denken, der mir noch immer so lebhaft im Gedächtnis sitzt, es sich dort regelrecht bequem gemacht hat. Ich dachte mir, der Song wäre der perfekte Soundtrack für diese Geschichte.
Die Autorin macht ihren Titel zum Programm. Nach dem Sprung folgt bekanntlich der Aufprall. Der Aufprall ist in diesem Sinne die Wucht oder besser gesagt sind es die Worte, die diesen Roman verfasst haben.

"Der Sprung" ist alle voran erst einmal ein Point of View Roman. Mehrere Charaktere, die allesamt ihre eigene Geschichte besitzen, erzählen die Rahmenhandlung des Romans. Menschen, die auf den ersten Blick alle relativ wenig miteinander zu tun haben stellen sich dem Leser kurz vor und der Stein kommt ins Rollen. Schon ganz zu Beginn bekommen wir es mit zwei recht starken Figuren zu tun. Felix, ein grimmig dreinschauender aber herzensguter Polizist. Ein muskulöser, furchtlos dreinblickender Typ. Doch scheint er sich laut seinen eigenen Aussagen eher als Kind zu sehen, das es immer noch nicht verstanden hat, wie es in diesen kräftigen Körper gelandet ist. Ein Junge, der in Wahrheit ängstlich ist und von pessimistischen Gedanken verfolgt wird. Ein ähnlich melancholisches Schicksal erwartet einige Seiten später Maren, eine etwas pummelige Frau ende dreißig, die ihren Mann, ihren Seelenverwandten, an einen Fitnesswahn verloren hat und sich beide immer weiter auseinanderleben. All diese kleineren wie größeren Nebenschauplätze führen selbstverständlich alle zu jener Frau aus dem Prolog, die so spektakulär gesprungen ist. Und ganz genau hier liegt die große Stärke des Romans. Man hat nicht nur eine etwas mysteriöse Rahmenhandlung die dem Leser das "Wie" und "Warum eigentlich" schmackhaft macht. Es sind auch die einzelnen Schicksale der POV-Charaktere, die hier so wunderbar funktionieren. Normalerweise vermag es nur Haruki Murakami mich direkt von der ersten Seiten an abzuholen. Simone Lappert versteht es anscheinend so gut wie der Japaner, die magischen Worte, die Zauberformel zu sprechen, die mich sofort in den Bann einer Geschichte zieht. Und jeder, der meinen Blog verfolgt der weiß, wie sehr ich auf Autoren und Autorinnen stehe, die eine gute Geschichte zu erzählen haben.

Obwohl "Der Sprung" mit etwas über 300 Seiten nicht unbedingt dünn ist schafft die Autorin es nahezu mühelos, ein flottes Tempo beizubehalten. Nie verfallen die Charaktere dabei in unangenehmes Selbstmitleid, was solchen Geschichten gerne schon einmal anhaftet. "Der Sprung" wirkt dabei sogar überraschend filmisch, verspielt und ausgestattet mit gut gewählten Referenzen auf die Populärkultur, ohne peinlich zu wirken. Die Geschichte profitiert enorm durch den Erzählstil und wie die einzelnen Schicksale miteinander verwoben sind. All das geschieht auf einer Ebene, wo eine anspruchsvolle Geschichte erzählt wird, aber nie zu kompliziert wirkt oder mit steif geschwollenen Worten gespickt wurde.





Abschließende Gedanken

Life is Strange. Simone Lappert erzählt von ganz normalen Menschen und macht daraus für mich ein literarisches Highlight im Jahr 2019. "Der Sprung" ist für mich ein Roman, den ich mir am heutigem 24.12 noch einmal in Form einer Rezension unter dem virtuellen Weihnachtsbaum lege. Sprachlich absolut treffsicher und mit interessanten Charakteren ausgestattet, hat die Schweizer Autorin eine Geschichte auf Lager, die es wert war, erzählt zu werden. Vielleicht die letzte Rezension in diesem Jahrzehnt auf "Am Meer ist es wärmer", die von mir verfasst wurde. Aber wenn ich mit so einem Roman das Jahrzehnt abschließe, dann ich entspannt zur Winterpause die Türen schließen.

Montag, 18. November 2019

Rezension: Der Revolver (Fuminori Nakamura)





Japan 2002/2003 (Neuerscheinung im deutschsprachigen Raum)

Der Revolver
Originaltitel: Jū
Autor: Fuminori Nakamura
Verlag: Diogenes
Übersetzung: Thomas Eggenberg
Genre: Noir-Thriller



"In meinen Augen war der Revolver vor allem dazu da, Leben zu zerstören, und dies möglichst effizient. Eine Emanation von Thanatos sozusagen. Aber warum fand ich Gefallen an einem solchen todbringenden Objekt? Weder hatte ich den Wunsch, jemanden umzubringen, noch die Absicht, mich selbst zu töten. Dass ich jemals mit einer Schusswaffe zu tun haben könnte, hätte ich nie geglaubt. Vielleicht war ich wie ein kleines Kind, das über sein ausgefallenes Spielzeug entzückt war? Der Gedanke gefiel mir. Es war nicht nötig, weiter zu grübeln. Was auch immer der Grund sein mochte - der Revolver gehörte jetzt mir, und das Hochgefühl über diese Tatsache machte meinen Alltag erträglicher, abwechslungsreicher. Jemanden einschüchtern oder auch beschützen. Jemand anderen oder mich selbst töten, kinderleicht. Unabhängig davon, ob ich es irgendwann tun würde oder nicht - wichtig war, dass ich die Möglichkeit in der Hand hatte, erfüllt vom kribbelnden Gefühl der Verlockung."



Was haben Isildur und der Protagonist von Fuminori Nakamuras Debüt gemeinsam? Nun, sie beide sind besessen nach einem kleinen Objekt. War es der Ring der Macht der Isildur ins Verderben stürzte, so ist es in dieser durch und durch in der Gegenwart angesiedelten Geschichte von Nakamura-San ein Revolver, der das Objekt der Begierde darstellt.
Ich war sehr glücklich darüber, als bekannt wurde, Diogenes würde die hauseigene Bibliothek um den Debüt-Roman von Fuminori Nakamura in deutscher Übersetzung erweitern. "Der Revolver" verhalf dem Autor in seiner Heimat damals zum Durchbruch und wurde nach einer Veröffentlichung in einem Magazin im Jahr 2002 abgedruckt und anschließend im Jahr 2003 auch als eigenständiges Buch publiziert. Und so begann die Karriere des Schriftstellers und seinen sehr düsteren Geschichten, mit denen er auch International mittlerweile Erfolge feiert.

"Der Revolver" ist vom Aufbau her typisch japanisch gestrickt. Die Geschichte lebt nahezu ausschließlich von den Gedankengängen des Ich-Erzählers (Boku - nennt man diese erzählerische Variante in Japan). Und der Titel ist hier Programm. "Der Revolver" erzählt die Geschichte eines jungen Mannes namens Nishikawa, der an einem verregneten Abend unter einer Brücke die Leiche eines Mannes entdeckt. Nach dem ersten Schock entspannte sich der introvertierte Nishikawa relativ schnell wieder und sein Blick gewann die Aufmerksamkeit eines Objektes, welches sich neben der Leiche des Mannes befand. Ein Revolver. Ein Colt-Magnum. Wie von einem bösen Geist beseelt wird Nishikawa von dem glänzendem Objekt angezogen, kann ihm nicht widerstehen. Er weiß, sobald er den Revolver berührt, bringt er sich automatisch in Schwierigkeiten. Nishikawas Pflicht als Bürger wäre es den Pfund der Leiche umgehend der Polizei zu melden und den Revolver nicht anzufassen. Doch kann er sich der kleinen Tötungsmaschine nicht widersetzen. Nishikawa greift sich den Revolver und mit ihm soll sich fortan sein komplettes Leben verändern.

Mit nicht ganz 200 Seiten kommt Fuminori Nakamura in seinem Debüt schnell zum Punkt. Beeindruckend bedient sich der Gewinner des Akutagawa-Preises aus dem Jahr 2005 hier an klassischen Elementen der Literatur, ohne dabei von bekannten Größen zu kopieren. Sachlich und gesellschaftskritisch wie Dostojewski, mysteriös und spannend wie ein Werk von James Sallis. Der Revolver dient in dieser Geschichte als klassischer MacGuffin. Er führt Nishikawa durch die Geschichte wie es der Ring in "Der Herr der Ringe" tut. Der Revolver verleiht ihm Macht. Das bloße anschauen des gefährlichen Objekts reicht aus, um ihn zu motivieren, einen Sinn in seiner Monotonie zu finden und sogar dabei die eigene Libido etwas aufzufüllen. Es ist ein Rausch, der seinen Körper durchströmt. Doch wie lange hält dieser Kick an? Wie lange kann sich der Protagonist damit zufrieden geben, den Revolver lediglich anzuschauen? In der Trommel befinden sich noch wenige Patronen. Und getreu nach Anton Checkhov muss eine Waffe, wenn sie in einer Geschichte vorkommt, auch abgefeuert werden. Oder etwa nicht?

"Der Revolver" ist schnell gelesen wenn man einmal dran ist. Man sollte sich den Roman etwas dosieren und ihn auf sich wirken lassen. In der Geschichte finden sich bereits viele Stilmittel, die mich in Nakamuras Roman "Der Dieb" so begeistert haben. Ein unscheinbarer Protagonist der durch ein nahezu zufälliges Ereignis in den Strudel der Unterwelt gerät. Den Thrill sucht Nishikawa in der Geschichte aus eigenem Antrieb heraus. Immer weiter dringen wir in die finstere Gedankenwelt von ihm ein und man weiß irgendwann nicht mehr, ob es einzig und allein der Revolver ist der Nishikawa so handeln lässt oder ob der Revolver lediglich der Dosenöffner für seine an sich schon finsteren Gedanken war.

"Der Revolver" ist zwar schon einige Zeit auch als englische Übersetzung erhältlich, ich kann aber auch hier einmal wieder Entwarnung geben: Die deutschsprachige Übersetzung von Diogenes stammt einmal mehr von Thomas Eggenberg, der hier direkt aus dem Japanischen übersetzt hat. Die Ausgabe ist als Hardcover erschienen und was mir besonders daran gefallen hat ist mal wieder das subtil schicke Motiv von Diogenes für das Cover, die sich hier für ein Werk von Andy Warhole entschieden haben (Gun). Die ersten Seiten sollte man nicht überspringen, hier findet man nämlich noch ein sehr schönes Vorwort von Fuminori Nakamura, welches ausschließlich an seine deutschsprachigen Leser gerichtet ist (und sehr positiv auf seine Lesereise durch Deutschland, Österreich und der Schweiz zurückblickt).





Abschließende Gedanken

Einen Roman von Fuminori Nakamura zu lesen ist für mich mittlerweile zu einem Leckerbissen geworden. Die Seiten blättern sich wie von selbst und das finstere Abenteuer ist schneller vorbei, als einem lieb ist. "Der Revolver" ist nach "Der Dieb" und "Die Maske" bereits die dritte deutschsprachige Übersetzung des Autors, und wie immer drücke ich fest die Daumen, dass das Repertoire an deutschen Übersetzungen von Nakamura-San erweitert wird. "Der Revolver" ist sicherlich keine Feel-Good Story für die düsteren Tage, aber sicherlich auch kein als Folter-Porno getarnter Krimi, wie es bei vielen bekannten deutschen Autoren derzeit leider im Trend liegt. "Der Revolver" ist eine Achterbahnfahrt, die uns einen ähnlichen Rausch beschert wie das gefährliche Objekt in der Geschichte und unseren Erzähler so sehr in Ekstase versetzt. Erstklassig.

Dienstag, 13. August 2019

Rezension: Die Liebe im Ernstfall (Daniela Krien)




Deutschland 2019


Die Liebe im Ernstfall
Autorin: Daniela Krien
Verlag: Diogenes
Genre: Slice of Life Drama




"In jenen Wochen erwähnte Ludger oft, wie glücklich er sei. Paula erschien es, als bezahlte sie den Preis für dieses Glück. Als lebte er von ihr. Je mehr Energie er hatte, umso schwächer fühlte sie sich. Je besessener er Pläne schmiedete, umso antriebsloser wurde sie.
Es war die Zeit, als er sich einen Bart stehen ließ, als er aufhörte, Fleisch zu essen und Insekten zu töten. Als er einen Wasserfilter installierte und eine Kornquetsche kaufte. Als er begann, einen erheblichen Teil seines Gehalts an Tierschutzorganisationen und Menschenrechtsverbände zu spenden und den Umzug ihres Bankkontos zu einer ethisch vertretbaren Bank organisierte. Und die Begründung für sein Handeln war so schlicht wie wahr: weil es nicht falsch sein konnte, das Richtige zu tun."



"Die Liebe im Ernstfall" wurde bereits zu seinem Erscheinen im März als der deutschsprachige Roman bezeichnet, der die Leser im Sommer begleiten könnte. Eine vielversprechende Aussicht, die der Literaturkritiker Denis Scheck erst kürzlich in seiner Sendung "Druckfrisch" noch einmal bestätigte.

Bereits 2011 erlangte die Autorin und zweifache Mutter Daniel Krien viel Aufmerksamkeit als ihr Roman "Irgendwann werden wir uns alles erzählen" erschien. Eine neue, deutsche literarische Hoffnung, die ausnahmsweise mal keinen Krimi schreibt. Dafür aber anscheinend einen Roman über frustrierte Frauen mittleren Alters, die unzufrieden mit ihrem Liebesleben sind. Und die Kerle sind sowieso immer an allem Schuld.
Es wäre tatsächlich so einfach, Daniela Kriens rund 300 Seiten langen Roman in eine Schublade zu packen. Schon auf den ersten Seiten könnte sich eine art Klischee breit machen, doch ich garantiere, diese ersten Seiten kratzen lediglich an der Oberfläche einer sehr interessanten Charakterstudie. Und diese kurze Zeit zur Entfaltung muss man dem Roman einfach geben. Selbstverständlich und vermutlich auch nicht ungewollt von der Autorin wurde "Die Liebe im Ernstfall" unter Lesern relativ kontrovers aufgenommen. Besonders das Schubladendenken des Lesers sehe ich hier jedoch als eine art Stilmittel an, welches die verschiedenen Geschichten rund um die fünf Frauen noch einmal intensiviert.

Paula, Judith, Brida, Malika und Jorinde teilen alle ein gemeinsames Schicksal. Sie sind teilweise sehr unglücklich, hatten über die letzten Jahre keine glücklichen Lose gezogen und immer wieder spielte Amor ihnen einen Streich. Die volle Breitseite zu spüren bekam Paula, mit der die Geschichte auch beginnt (siehe Zitat aus dem Buch). Brida hingegen muss schmerzlich erfahren, dass ihr Mann sie gegen eine jüngere Version ausgetauscht hat. Das Konzept der Geschichte ist klar, die fünf Frauen teilen ähnliche Schicksalsschläge. Die Geschichten selbst erzählt Daniela Krien meistens aus Rückblicken und wie es zu den jeweiligen Ereignissen kam. Die Autorin springt, ohne, dass es für den Leser verwirrend wird, vor und zurück in den zeitlichen Ereignissen und setzt sich ausgiebig mit ihren Protagonistinnen auseinander. Der Roman befasst sich, ohne aufgesetzt zu wirken, mit Themen wie Depressionen, Burnout aber auch einem gesunden Maß an Selbstfindung. Doch es ist auch eine Geschichte über zweite Chancen und den Weg, Krisen zu bewältigen. Dabei ist "Die Liebe im Ernstfall" sicherlich kein Lehrbuch oder ein Buch, welches stark zu nachdenken anregen soll. Allen voran will Daniela Krien hier eine kurzweilige Geschichte über die Höhen und Tiefen moderner Frauen zu erzählen. Beim lesen der Lektüre wusste ich es daher sehr zu schätzen, dass das Buch nicht auf irgendwelche Trends aufspringt und die Leser mit Feminismus-Tiraden penetriert. Die Männer sind Schuld, die Frauen aber auch. Die Geschichten werden aus der Sicht der fünf Frauen erzählt, jedoch glorifiziert die Autorin ihre Protagonistinnen nicht. Zwar insgesamt ein bekanntes Thema, allerdings aus einer frischen Sichtweise erzählt.

Ist denn Daniela Kriens Roman nur etwas für Frauen? Sicherlich nicht. Ich fand die Geschichte bis zur letzten Seite sehr interessant und der Schreibstil ist so kurzweilig, dass das Lesevergnügen sogar relativ schnell endete. "Die Liebe im Ernstfall" ist ein Roman, den man völlig unabhängig des eigenen Geschlechts lesen kann. Allerdings sollte man gefasst sein, dass das Buch auch einige pikante Themen aufgreift und vielleicht nicht die Stimmung aufheitert, wenn man einen schlechten Tag hatte.





Abschließende Worte

"Die Liebe im Ernstfall" gehört bereits jetzt zu meinen literarischen Überraschungen aus dem Jahr 2019. Obwohl ich in diesem Jahr als Blogger ein wenig kürzer trete, war es mir ein regelrechtes Bedürfnis, den Roman von Daniela Krien hier vorzustellen. Es ist eine Geschichte über die Liebe, aber kein Liebesroman. Es ist eine Geschichte über tragische Schicksale und gescheiterte Beziehungen, aber keine melodramatische Tragödie in mehreren Akten. Alles ist hier wunderbar dosiert, ohne von einer Zutat zu viel hinzuzufügen. Wenn also energischer Applaus aus den hinteren Reihen für "Die Liebe im Ernstfall" ertönt, der kommt von mir.

Mittwoch, 30. Januar 2019

Rezension: Die allertraurigste Geschichte (Ford Madox Ford)





Großbritannien 1915

Die allertraurigste Geschichte
Originaltitel: The Good Soldier
Autor: Ford Madox Ford
Verlag: Diogenes
Übersetzung: Fritz Lorch, Helene Henzel, Gertraude Krueger (Nachwort)
Nachwort: Julian Barnes
Genre: Klassiker, Drama




"Wenn ich neun Jahre lang einen schönen Apfel habe, der im Innern faul ist, und seine Fäulnis erst nach neun Jahren und sechs Monaten minus vier Tage entdecke, darf ich dann nicht sagen, ich hätte neun Jahre lang einen schönen Apfel gehabt?"


Normalerweise ist es bei deutschsprachigen Ausgaben seit jeher Usus, den Titel des Buches zu verändern. Bei dem wohl bekanntesten Roman des britischen Schriftstellers Ford Madox Ford (geb. Ford Hermann Hueffer 1873-1939) war es jedoch genau umgekehrt. Der ursprüngliche Titel des Buches lautete "The Saddest Story", wurde aber aufgrund der Wirren des 1. Weltkrieges in "The Good Soldier: A Tale of Passion" umbenannt. In englischsprachigen Territorien ist das Buch häufig unter beiden Titeln bekannt.

"Die allertraurigste Geschichte" könnte auch als Vorreiter für den Unzuverlässigen-Erzähler und großen amerikanischen Romane wie "Der große Gatsby" angesehen werden. Obwohl sprachlich ein wenig in die Jahre gekommen, so steckt in diesem Klassiker immer noch eine solche Wucht, dass es schwer ist, dieses Buch aus den Händen zu legen. Besonders für die damalige Zeit war das Konzept einer Geschichte, die nicht immer chronologisch erzählt wird und der Erzähler gerne mal die Tatsachen vertauscht, ziemlich frisch und in dem Stil, wie es Ford Madox Ford tut, gar revolutionär. Doch auch die hier angeschnittenen Themen wirken für das Jahr 1915 (Ford schrieb das Buch seit 1913) nicht nur unverbraucht, sie können auch problemlos in unsere heutige Zeit importiert werden.

Der Roman wird aus der Sicht von John Dowell erzählt, der sich direkt an den Leser wendet. Hier kann man eigentlich schon Metafiktion reden, denn der Erzähler wendet sich mehrmals ganz klar an den Leser und geht sogar auf seine Stimmungslage ein. John möchte dem Leser die, seiner Meinung nach, allertraurigste Geschichte erzählen. Die Geschichte über die vermeintliche Freundschaft zweier Ehepaare. Der Erzähler schwelgt in Erinnerungen die sich lesen, als hätte er die letzten rund 10 Jahren im Garten Eden gelebt. Doch bereits während des Prologs wird dem Leser schnell klar, dass die bunten Erinnerungen des Erzählers nichts weiter als eine Fassade sind. Das Viergespann selbst spielt die Hauptrolle in einem inszeniertem Theaterstück, was sie sich über Jahre selbst aufgebaut haben. In dieser Geschichte, wo es um Verlustängste und Einsamkeit, sowie Heuchelei, Intrigen und Misstrauen geht, entfaltet der Erzähler eine Geschichte, über dessen Ausgang der Leser nur staunen wird. Die Frage, die bleibt, ist, kann man als Leser dem Erzähler überhaupt trauen?

Gleich zu Beginn des Buches wurde dieser Ausgabe ein Brief von Ford Madox Ford abgedruckt, den er damals an seine Lebenspartnerin Stella verschickt hat (im Verzeichnis wird diese zwar als Ehefrau bezeichnet, ich bin mir da allerdings nicht ganz sicher, ob dem wirklich so war). Nachträglich widmet Ford dieses Buch Stella mit beeindruckenden Worten. Er selbst resümiert noch einmal über die Entstehungsgeschichte des Buches und es hat mir sehr imponiert, diese Worte zu lesen. Ford sieht "Die allertraurigste Geschichte" als sein persönliches Opus Magnum, auf das er stolz ist und dieses Werk als den Höhepunkt in seiner Karriere als Schriftsteller verzeichnet. Diese Worte jedoch nicht arrogant oder erheblich zu verfassen ist die eigentliche Kunst dieses Briefes.

Tatsächlich könnte man meinen, der Brief an Fords Lebenspartnerin gehöre zur Geschichte. Der Roman basiert teilweise auf wahren Begebenheiten, allerdings ist "Die allertraurigste Geschichte" größtenteils pure Fiktion die aus der Feder eines Schriftstellers stammt. Besonders gefallen haben mir die philosophischen Passagen, die mich des öfteren zum nachdenken angeregt haben. Die hier überarbeitete Übersetzung in die neue deutsche Rechtschreibung liest sich sehr flüssig, wirkt aber in so mancher Wortwahl gerne mal etwas angestaubt. Zugrunde liegen hier aber auch die teils komplizierten Begriffe der englischen Ausgabe, die bewusst von Ford so gewählt wurden. Besonders, wenn der Erzähler in seiner eigentlichen Geschichte immer weitere Anekdoten einbaut und somit abdriftet, machen diese Eskapaden den Reiz des Romans aus, können aber auch dafür sorgen, dass man als Leser öfters mal aus dem Konzept kommt. Da der Erzähler sich immer wieder an den Leser richtet, kann man auch davon ausgehen, dass einige dieser Irrfahrten des Erzählers absichtlich so gewählt sind.

Die Neuauflage des Diogenes Verlag beinhaltet zusätzlich noch ein Nachwort des britischen Schriftstellers Julian Barnes (1946*). Das in schickem Leinen gebundene Buch (kein Lesebändchen, leider) befindet sich in einem sehr robusten Pappschuber, der das Buch anstelle eines Schutzumschlags trägt.




Fazit (Das allerkürzeste Fazit dieses Blogs)

"Die allertraurigste Geschichte" ist ein beeindruckender Klassiker eines Autors, den ich praktisch nie auf dem Radar hatte. Ford Madox Ford schwingt in diesem Drama eine feine Feder und präsentiert einen Inhalt, der auch heute nichts von seiner Relevanz eingebüßt hat. Eine schöne Lektüre für die eisigen Tage.

Montag, 17. Dezember 2018

Am Meer ist es wärmer 2018: Die Top 3 (Literatur)





Ich breche mit Traditionen und möchte zum Jahresende erstmals eine Top 3 von Titeln veröffentlichen, die mir besonders gut gefallen haben. Denn anders als das für mich schwache Filmjahr 2018, hatte die Literatur einiges zu bieten. Für eine Top 5 hätte es auch noch gereicht, nein, es wäre nur gerecht gewesen, aber ein wenig schwieriger wollte ich mir die Entscheidung schon machen.

Dass meine Wahl so asiatisch angehaucht ist, mag den ein oder anderen Leser von "Am Meer ist es wärmer" nicht wundern, mein Blog legt immerhin den Schwerpunkt auf asiatische Literatur. Allerdings gab es hier eine sehr knappe Entscheidung zwischen "Die Maske" von Fuminori Nakamura und "Der Abgrund" von Dennis Lehane. Beide Werke haben mich durch ihre Spannung und Unberechenbarkeit ans Buch gefesselt. Am Ende fiel die Wahl auf Fuminori Nakamura, der bereits zuvor mit "Der Dieb" einen außergewöhnlich rauen, spannenden und schonungslosen Roman verfasst hat, der mich auch noch eine ganze weile nach dem lesen der letzten Seite beschäftigen sollte.

Anhand meines Titelbildes kann man meine Top 3 schon vorher sehen, was ich bewusst so gewählt habe. Jeden dieser Titel kann man sich als Fan anspruchsvoller Werke bedenkenlos zulegen. Wer aber etwas mehr Zeit hat und meine kurze Begründung zu jedem Titel mal lesen möchte, der hat natürlich nun die Gelegenheit dazu!

Qualifiziert waren Bücher, die 2018 als Erstveröffentlichung in Deutschland erschienen sind.



Die Reihenfolge ist nach dem Erscheinungsdatum der Rezensionen sortiert. Die jeweiligen Links verweisen ausschließlich auf Einträge, die auf "Am Meer ist es wärmer" veröffentlicht wurden, ihr verlasst nicht den Blog und werdet somit nicht auf externe Websites weitergeleitet.



Haruki Murakami - Die Ermordung des Commendatore (Gesamtwerk)



Autor: Haruki Murakami
Verlag: DuMont Buchverlag
Rezensionen: Teil 1Teil 2


Mein Jahr startete dieses Jahr mit Haruki Murakamis Zweiteiler "Die Ermordung des Commendatore".  Auch wenn Murakami ungewöhnlich viele kontroverse Themen in beiden Bänden anschneidet, so bleibt auch seine typische Lockerheit nicht auf der Strecke. Etwas, was Murakami bei seinen letzten beiden Romanen "1Q84" und "Die Pilgerjahre des farblosen Herrn Tazaki" etwas verloren gegangen ist. Der Japaner bezeichnete seinen neuen Zweiteiler selbst als "Eine seltsame Geschichte". Und unrecht hatte er damit nicht. In "Die Ermordung des Commendatore" geschehen am laufenden Bande seltsame Dinge. Ebenfalls wieder etwas, was mich an frühere Werke des Autors erinnerte und ich sehr zu schätzen weiß. Die Geschichte am Ende richtig einordnen zu können hat mich einige Zeit gekostet, aber noch einmal durch Murakamis engen und unheimlichen Kaninchenbau zu marschieren war mir eine Freude. Nicht nur für Freunde der japanischen Literatur ein Muss, auch die Surrealisten werden hier auf ihre Kosten kommen.



Fuminori Nakamura - Die Maske




Autor: Fuminori Nakamura
Verlag: Diogenes
Rezension: Link


Fuminori Nakamura hat meinen Geschmack getroffen. Seine Geschichten sind pessimistisch und nicht gerade die beste Medizin, eine traurige Person aufzuheitern. Aber wenn dieser Pessimismus mit einem fantastischen Schreibstil kombiniert wird, dann entsteht etwas großartiges daraus. Stilistisch orientiert sich der Japaner an große Schriftsteller wie Dostojewski, hat es aber geschafft, seinen eigenen Stil zu etablieren. "Die Maske" ist ein geniales Verwirrspiel, das viel mehr an ein Theaterstück erinnert und wirklich erst dann beendet ist, wenn der letzte Vorhang fällt. Ein Roman, den man nach dem kryptischen Prolog nicht mehr aus der Hand legen wird. Man kann nur hoffen, dass beide Romane von Nakamura erfolgreich genug waren, um noch weiteren Werken des Autors den Weg in die deutsche Übersetzung zu ebnen.




Cixin Liu - Weltenzerstörer




Autor: Cixin Liu
Verlag: Heyne
Rezension: Link

Eine Entscheidung, die mir ebenfalls nicht leicht gefallen ist. Denn bei meiner Wahl trat Cixin Liu gegen sich selbst an. Einmal mit "Der dunkle Wald", Teil 2 seiner Trisolaris-Trilogie und einmal mit "Weltenzerstörer", einer kompakten Novelle aus der Anthologie "Die wandernde Erde", die der Heyne Verlag vor dem erscheinen der Anthologie im Januar 2019 als Einzelband veröffentlicht hat. Obwohl Chinas Science-Fiction Autor Nr. 1 mit "Der dunkle Wald" eine herausragende Fortsetzung geschrieben hat, so ist es aber am Ende "Weltenzerstörer" gewesen,  die Novelle, die mich noch etwas mehr begeistert hat und mich nach dem lesen noch lange nachdenklich zurückgelassen hat. Hinter der vergleichsweise kurzen Geschichte (im Vergleich zu "Die drei Sonnen" oder "Der dunkle Wald") steckt eine nahezu unberechenbare Wucht. Was als gewöhnliche Science-Fiction Geschichte beginnt, endet in einem epischen wie melancholischen Showdown, der das Ende der Menschheit besiegeln könnte. Eine Geschichte, die mich zutiefst begeistert und aufgewühlt hat und ich mich erneut vor Cixin Lius Gedankenwelt verneigen musste. Bedenkt man dabei noch, dass es sich hier um ein Frühwerk des Autors handelt, so kann man die Qualität dieser Novelle gar nicht hoch genug einschätzen.

Mittwoch, 31. Oktober 2018

Rezension: Der Abgrund in dir (Dennis Lehane)




USA 2017

Der Abgrund in dir
Originaltitel: Since We Fell
Autor: Dennis Lehane
Übersetzung: Steffen Jacobs, Peter Torberg
Genre: Mystery, Drama, Thriller


"Der Abgrund in dir" war von Dennis Lehane eigentlich immer als Film geplant. Die Filmrechte gingen daher bereits 2015 an DreamWorks, bevor Lehane überhaupt die komplette Geschichte zu Papier gebracht hatte. Der Roman erschien etwas später als erwartet und so wird man sich auf die geplante Adaption wohl noch gedulden müssen. Aber wie immer gilt die goldene Regel, erst das Buch zu lesen und dann darüber zu lästern, was im Film alles fehlt. Und man kann davon ausgehen, dass mal wieder viel fehlen wird denn "Der Abgrund in dir" ist ein langer, umfangreicher und detailverliebter Roman. Bei über 500 Seiten (immer noch über 400 Seiten in der englischsprachigen Ausgabe) hat Dennis Lehane sich wieder einmal nicht zurückgehalten.

Der Originaltitel unterscheidet sich hier erheblich von dem deutschen Titel. "Since We Fell" taufte Lehane seine Geschichte, die nicht nur auf das Schicksal der Protagonistin im Roman anspielt sondern auch eine Anspielung auf den 1947 veröffentlichten Song "Since I Fell For You" von Buddy Johnson ist, der im laufe der vielen Jahre oft gecovert wurde. Zusätzlich birgt der Titel noch viele Hinweise auf das Thema des Buches: Sich verlieben. Sich in jemanden vergucken. Man muss nur den sehr kurzen, kryptischen Prolog aufschlagen, um diese Botschaft zu verstehen. Aber ein Autor, der sich mit Romanen wie "Mystic River" oder "Shutter Island" einen Namen gemacht hat, fängt natürlich nicht auf einmal an, schnulzige RomComs zu schreiben (bei dem Titel nicht ganz auszuschließen). Wieder einmal ist Dennis Lehane als Magier unterwegs, denn im laufe des Buches hat er so einige Tricks auf Lager.

Im Mittelpunkt dieses mysteriösen Verwirrspiels steht die Fernsehjournalistin Rachel Childs, die während einer Aufnahme einen Nervenzusammenbruch erleidet. Der Erfolg in der Karriere ist dahin und Rachel erkrankt an Angst- und Panikzuständen. Das Unheil nimmt seinen Lauf, ihre Ehe zerbricht und Rachel versinkt in ein Meer aus Depressionen und beinahe schon paranoid schizophrenen Zuständen. Als Rachel den Unternehmer Brian Delacroix trifft und dieser sie aus ihrem Loch befreit, beginnt für sie ein neues Leben. Ein neues Leben, welches gleichzeitig ihren größten Albtraum besiegelt.

Kaum ein anderer Autor auf dem Gebiet schafft es wie Dennis Lehane, verwirrende Irrfahrten in seinen Geschichten einzubauen. Was er damals bei Shutter Island meisterhaft geschafft hat, gelingt ihm in "Der Abgrund in dir" auf eine ebenso geschickte, jedoch andere weise. Auch wenn es Vergleiche zu "Gone Girl" gibt und die Rückseite des Covers auch noch mit einem Zitat von Gillian Flynn garniert ist, so sollte man unbedingt beide Werke voneinander trennen. Zwar gewinnt Dennis Lehane hier sicherlich nicht den Innovationspreis dafür, ausgerechnet jetzt erstmals eine weibliche Protagonistin zu erschaffen, aber es war wohl auch nie das Ziel, das Genre gleich komplett neu zu revolutionieren. Wovon "Der Abgrund in dir" profitiert ist die Cleverness der Geschichte. In gleich mehreren Abschnitten ist der Roman unterteilt und entfaltet eine massive Charakterstudie. Mit Ausnahme von kleineren Durststrecken weiß es diese Charakterstudie, seine Leser durchweg zu unterhalten.  Den Roman als "Mystery-Drama" zu bezeichnen ist keine falsche Wahl.



Resümee


Dennis Lehane beweist auch in einem etwas anderen Fahrwasser sein Können. Er ist und bleibt auf seinem Gebiet nahezu unerreicht. Eine Empfehlung für die Fans von "Gone Girl" auszusprechen fällt mir gar nicht mal so leicht, denn man hat es hier schon mit relativ unterschiedlichen Geschichten und Stilen zu tun. Fans von spannenden Mystery-Geschichten, die ihre Leser an der Nase herumführen werden hier jedoch absolut nicht enttäuscht werden. Ich gehe sogar so weit und würde "Der Abgrund in dir" zu den besten Büchern zählen, die ich 2018 gelesen habe (und mein Jahr war enorm von Science Fiction geprägt). Wer ein bisschen Zeit übrig hat, der sollte es sich besonders jetzt zur Herbstzeit mit diesem Buch am Abend gemütlich machen und sich komplett auf die Geschichte von Rachel Childs einlassen.