Archiv: Rezensionen zu Literatur und Film

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Mittwoch, 29. Mai 2024

Hörbuch-Rezension: Die Therapie (Sebastian Fitzek)

 




Deutschland 2006

Die Therapie
Autor: Sebastian Fitzek
Verlag (Print und E-Book): Droemer Knaur
Hörbuch: Audible Studios
Sprecher: Simon Jäger
Laufzeit: 6 Stunden und 3 Minuten (Ungekürzte Version)
Genre: Psychologischer-Thriller, Mystery



Mein Verhältnis zu Sebastian Fitzek, Deutschlands erfolgreichstem Autor, würde ich als kaum existent bezeichnen. Da ich subtile Thriller mit Mystery-Elementen mag und weniger grafische Beschreibungen, kamen der Autor und ich bisher nicht zusammen. Ich habe es allerdings vor einigen Jahren mal mit "Abgeschnitten" probiert, ein Thriller, der in Zusammenarbeit mit dem Rechtsmediziner und unlängst auch Autor Michael Tsokos entstanden ist. Nach nicht einmal 50 Seiten war da dann aber auch schon gut. Sebastian Fitzek hat seine Fans, millionenfach vermutlich, sonst würden sich Romane, die mittlerweile auch über Thriller hinausgehen (und ich diesen Ansatz durchaus begrüße), sich nicht jedes mal wieder aufs neue rekordverdächtig verkaufen. Ob ich da als Leser nun dazugehöre oder nicht, wird die Karriere und die Geldbörse des Autors nicht weiter kümmern.

Auf "Die Therapie" bin ich auch nur durch die Serien-Adaption von Amazon mit Stephan Kampwirth in der Hauptrolle (und den viele sicherlich noch gut aus Dark kennen) aufmerksam geworden. Ich habe kurz in die Serie reingeschaut und es konnte für die Rolle des Viktor Larenz wohl kaum eine bessere Besetzung geben. Es war das Gesicht, welches ich neben Simon Jägers Stimme rund 6 Stunden beim hören bildlich vor mir hatte. Ich dachte eigentlich, zum Zeitpunkt der Besprechung des Hörbuchs hätte ich mittlerweile auch die Serie durch, aber dies war zeitlich dann vorerst doch nicht mehr zu vereinbaren. Auf Unterschiede zwischen Roman und Serie werde ich also nicht eingehen können.

Das Romandebüt von Sebastian Fitzek liegt mittlerweile fast unglaubliche 20 Jahre zurück. Als "Die Therapie" 2006 erschien, war Fitzek wohl selbst noch nicht bewusst, wie steil seine Karriere als Autor nach oben gehen würde, welchen Hype er entfachen würde. Rein von der Prämisse her sprach mich der Titel an. Ein Isolationsroman auf einer kleinen, einsamen Insel. Ein nach vielen Schicksalsschlägen mittlerweile psychisch labiler Mann, der selbst ein Star-Psychiater war und dessen Tochter vor einigen Jahren unter mysteriösesten Umständen verschwand. All das könnten die besten Zutaten für ein interessantes Theaterstück sein. Aber das hatte ich bereits von "Abgeschnitten" damals erwartet, so wollte ich nicht zu viele Erwartungen an "Die Therapie" hegen.

Das Hörbuch wurde exklusiv für Audible von Simon Jäger eingesprochen, ganz ohne Frage mitunter eine meiner Lieblingsstimmen (und ich gerne mal gemeinsam mit David Nathan Live sehen würde). Dabei war der Beginn des Hörbuchs so holprig, wie man es sich nur vorstellen kann. Die ersten knapp 20 Minuten klingen von der Tonqualität her, als wären sie in irgendeinem Keller oder auf der Toilette aufgenommen worden. Ich war eigentlich schon bereit, das Hörbuch wieder zu reklamieren. Doch auf Knopfdruck veränderte sich die Tonqualität merklich und nach den ersten kurzen Kapiteln hört man ausschließlich das, was der Hörer auch hören soll. Nämlich die Stimme von Simon Jäger, ohne Nebengeräusche.

Es ist nicht sonderlich schwer, den Inhalt von "Die Therapie" wiederzugeben. Erzählt wird die Geschichte des bereits erwähnten Psychiaters Viktor Larenz, einstmals ein gefeierter Mann seines Fachs mit einem Schwerpunkt auf Schizophrenie. Die behandelnden Ärzte sind komplett ratlos, Larenz zwölfjährige Tochter Josy scheint von einer unbekannten Krankheit dahingerafft zu werden. Als Larenz sie eines Tages zum Arzt zu einer weiteren Untersuchung bringt, kehrt das Mädchen nicht aus dem Behandlungszimmer zurück. Weder Arzthelferinnen noch der Arzt können sich aber daran erinnern, Josy an diesem Tag gesehen zu haben. Das Mädchen bleibt verschwunden, ganze vier Jahre vergehen, ohne, dass Larenz und seine Frau Isabell wieder was von ihr hören. Während Isabell langsam mit dem Thema abschließen konnte, verfällt Larenz immer tiefer in Depressionen und dem Alkohol. Nach einiger Zeit scheint sich auch Larenz wieder allmählich zu rehabilitieren. Er ist weg vom Alkohol, möchte sich den bösen Geistern nun stellen. Er nimmt die Interviewanfrage einer bekannten Illustrierten an und macht sich samt seinem trauen Begleiter, dem Hund Sindbad, auf nach Parkum, einer kleinen Nordseeinsel mit Familienanwesen der Familie Larenz. Kurz nach der Ankunft von Larenz zieht ein Unwetter auf, welches mehrere Tage anhält und somit niemand mehr die Insel besuchen, aber auch nicht verlassen kann. Larenz Gesundheitszustand verschlechtert sich tagtäglich. Und dann wird er auf einmal von der mysteriösen, psychisch kranken Anna besucht. Eine vermeintliche Kinderbuchautorin, die die lange Reise auf sich genommen hat, nur um den einstigen renommierten Psychiater ihre Geschichte zu erzählen, die sich zufälligerweise sehr mit den Ereignissen überschneidet, die seine verschwundene Tochter Josy vor so vielen Jahren erlebt hat.

So simpel die Struktur von "Die Therapie" aufgebaut ist, war ich mehr als überrascht, wie viele Schichten an Komplexität die Geschichte dann doch bietet. Nicht nur lebt die Geschichte von einer beunruhigenden Spannung, auch auf sehr grafische Elemente verzichtet Fitzek mit sehr wenigen Ausnahmen. "Die Therapie" lebt also nicht von Shock-Values, sondern ausschließlich von einem spannenden Plot, der mit unzähligen Wendungen garniert ist. Die Kritik, die ich am Ende dann doch hatte, war jene, ob Fitzek hier vielleicht nicht 1-2 unerwartete Wendungen zu viel eingebaut hat und besonders die Auflösung, vielleicht aber auch eher nur der Epilog, dann doch schon zu "überzogen" wirkte. Die Auflösung der Ereignisse (fernab von dem, was man so vermutet) war für mich nun aber auch nicht so haarsträubend, dass die gesamte Geschichte am Ende nachhaltig darunter leiden musste. Immer wieder schafft es Fitzek, die richtige Ausfahrt zu finden. Für ein Debütwerk ist das in allen Maßen sehr beeindruckend.

Das ganze wird abgerundet durch eine absolut großartige Performance von Simon Jäger, der einen förmlich aus der Realität zieht und sobald der Hörer seine Augen schließt, sich in Larenz Arbeitszimmer auf der fiktiven Insel Parkum befindet. Ein guter Sprecher besitzt einfach diese Fähigkeit, den Leser so dermaßen mitzunehmen, dass er regelrecht von der Geschichte absorbiert wird. Am Ende lag selbst ich mit feuchten Händen auf dem (Therapie)Sofa und wollte wissen, welch bizarre Wendungen die Geschichte rund um Viktor Larenz noch nimmt.




Fazit

"Die Therapie" hat mich in allen Maßen positiv überrascht. Nicht nur das, sie hat einen bleibenden Eindruck bei mir hinterlassen. Etwas, was ich Sebastian Fitzek nicht zugetraut hätte. Ob das nun der Anbeginn einer großen Liebesgeschichte ist? Ich bezweifle es. Ich habe mir Inhaltsangaben zu Fitzeks anderen Romanen durchgelesen, alleine an diesen Inhaltsangaben gemessen, passen die Romane nicht wirklich in mein Beuteschema. Ich konnte es nicht lassen, mir im Angebot noch "Das Kind" als E-Book zuzulegen. Auch setzt Audible seit einiger Zeit mit viel Aufwand ausgewählte Romane von Fitzek als Hörspiel um (der Hörbuch und Hörspiel Markt ist etwas, was man sich als Autor und Verlag sicherlich nicht entgehen lassen möchte). Erst vor wenigen Tagen erschien das Hörspiel zu "Das Paket". Ob mich dieses Hörspiel genau so packen wird wie Simon Jäger mit dem Hörbuch zu "Die Therapie", welches er im Alleingang liest, bleibt natürlich abzuwarten. Ich will nicht ausschließen, dass der Autor es vermag, mich noch ein weiteres mal zu packen. Ich hätte aber auch absolut kein Problem damit, wenn es bei dieser einmaligen Affäre bleiben würde, denn "Die Therapie" kann mir nun niemand mehr nehmen. Und für die gibt es beide Daumen nach oben.
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Rezension verfasst von Aufziehvogel

Freitag, 11. August 2023

Hörbuch-Rezension: Ein Sommer in Niendorf (Heinz Strunk)





Deutschland 2022

Ein Sommer in Niendorf

Autor: Heinz Strunk
Genre: Satire, Tragikomödie
Hörbuch Verlag: Roof Music
Printausgabe und E-Book: Rowohlt
Kaufoptionen: CD, Audible
Sprecher: Heinz Strunk
Laufzeit:  4 Stunden und 43 Minuten (Ungekürzte Lesung)



Ostsee-Romantik von Heinz Strunk

Ein Ostsee-Albtraum von Heinz Strunk


Als ich damals den "Goldenen Handschuh" von Heinz Strunk las, wollte ich nicht so recht mit seinem Stil klarkommen. Als Leser sucht man bei so etwas bekanntlich den berüchtigten Dosenöffner. Ein Buch, welches man eigentlich sehr gerne gut finden möchte, aber man gefühlt nie den Zugang zur Geschichte findet. Und irgendwann war der Zug für den Goldenen Handschuh bei mir dann abgefahren. Allerdings nicht für Heinz Strunk, dem ich mit "Ein Sommer in Niendorf" unbedingt nochmal eine Chance geben wollte. Hierbei handelt es sich noch immer um den aktuellsten Roman des Autors, denn seine neuste Veröffentlichung "Der gelbe Elefant" ist eine Sammlung an diversen Texten von Strunk.

Bei "Ein Sommer in Niendorf" wurde mir jedoch das Hörbuch empfohlen. Gelesen vom Autor persönlich. Autorenlesungen sind natürlich immer eine besondere Angelegenheit. Autoren sind oftmals keine ausgebildeten Schauspieler und somit schwingt immer wieder ein Bedenken mit, der Autor selbst könne sein Buch vielleicht nicht so gut vortragen wie ein professioneller Synchronsprecher. Darum bräuchte ich mir keine Sorgen machen, Heinz Strunk zuzuhören sei ein "Erlebnis". Seine Hörbücher würden vielleicht noch das gewisse "Extra" mit sich bringen, was man beim lesen seiner Bücher nicht erhält.
Wie ich Heinz Strunk als Sprecher einschätze, dazu folgt gleich mehr. Widmen wir uns zuerst dem Roman.

"Ein Sommer in Niendorf" ist ein wahrer Ostsee-Albtraum. Eine moderne Neuinterpretation und Ostsee-Version" von "Tod in Venedig" von Thomas Mann (der bekannte Zauberberg wird von Strunk gleich mehrmals erwähnt). Die  kleine, Titelgebende Ostseeidylle Niendorf (nicht weit entfernt vom Timmendorfer Strand) wird für einen Durchschnittstypen in seinen 50ern zu einer lebensverändernden Reise. Im Fokus steht hier der Jurist Dr. Georg Roth, geschieden, eine Tochter, der sich ein sogenanntes "Sabat-Quartal" gönnt und sich im friedlichen Niendorf für einige Zeit niederlassen möchte, um ein Buch zu schreiben. Roth möchte sich als Autor wagen, die Erinnerungen an den Vater niederschreiben. Dafür hat er sich einen Kassettenrekorder und ein Dutzend Tapes mit Sprachaufnahmen des verstorbenen Vaters gesichert. Während Roth schon von der Vermarktung des kommenden Bestsellers träumt, greift aber auch schnell wieder der Realismus durch und bringt ihn zurück auf den Boden der Tatsachen. Wenn es mit der späten schriftstellerischen Karriere nichts wird, dann hat er halt immer noch ein gutes Leben, zu dem er zurückkehren wird. Die Ankunft in Niendorf gestaltet sich für Roth bereits als Abenteuer, als er den unästhetischen, übergewichtigen Vermieter des Apartments kennenlernt: Markus Breda. Roth verkehrt nicht in solchen Kreisen wie Breda, würde sich niemals auf dessen Stufe herablassen. Roth hat in seinem Leben ja noch nicht einmal einen Döner probiert. Was auf dem Papier einfach erscheint, so gestaltet es sich für Roth schwierig, dem penetranten Vermieter zu entkommen. Neben seiner Aufgabe als Vermieter kümmert dieser sich auch noch um die Strandkörbe und ist zudem Pächter des hiesigen Schnapsladens, bei dem er und seine Lebensgefährtin Simone die einzigen Mitarbeiter sind. Was Roth nicht auffällt, ist seine Transformation zu dem, was er nie war, nie sein wollte. Als dann auch noch Alkohol ins Spiel kommt, driftet Roth allmählich das geregelte Leben aus den Händen und am Ende seines Trips wird er sich fragen müssen, was ihn noch von Breda unterscheidet und ob es nicht auch in Ordnung ist, sich nicht mehr mit der erstbestem, sondern vielleicht mit der fünftbesten Wahl zufrieden zu geben.

Auch wenn der Kern von "Ein Sommer in Niendorf" teilweise sehr ernst ist, habe ich selten bei einem Hörbuch schon einmal so gelacht. Und dabei war der Einstieg gar nicht so einfach. Heinz Strunk liest schnell, kam mir Anfangs noch wenig emotional vor. Doch meine Skepsis sollte sich schnell verflüchtigen. Strunk als Vorleser ist grandios. Als Mitglied des Comedy-Gespanns Studio Braun und seinen Podcasts bringt er hier all das mit ein, was er über die Jahrzehnte in der Industrie gelernt hat. Und so geschieht auch beim Leser und Zuhörer eine Verwandlung. Während Dr. Roth immer mehr zu dem wird, was er zutiefst verabscheut, werden wir, die Leser und Zuhörer, zu Roth. Und ich kann garantieren, wir werden uns mehr als nur einmal dabei ertappen, wo wir kaum anders sind als Strunks Durschnitt-Protagonist der im Verlauf dieser Geschichte zu einer Art Trash-Promi verkommt. Strunk schafft es einfach herrlich, den deutschen Zeitgeist in dieser Geschichte einzufangen. Wie er es vollbringt, aus einer Ostseeidylle einen schaurigen, beklemmenden Ort zu machen, da ist ihm ein beachtliches Kunststück gelungen. Zudem wird die Geschichte nahezu durchgehend von einem subtilen Ekel begleitet, den man in Worten kaum beschreiben kann. Heinz Strunk nimmt uns mit in jede versiffte Ecke und am Ende landen wir in der wohl dubioseste Kneipe, die man in der gesamten Ostsee nur finden kann - "Der Spinner" (vielleicht ja das Niendorfer-Äquivalent zum Goldenen Handschuh)

Strunk gibt beim vorlesen einfach alles. Mal sachlich nüchtern, mal dreist, mal verspielt, mal mit Gesangseinlagen und am Ende sogar mit einem Orgasmus. Es ist ein wahres Fegfeuer von einem Absturz und man kann sich gewiss sein auf dem rauen Kopfsteinpflaster zu landen oder irgendwo, noch immer im Vollrausch, an der Strandpromenade aufzuwachen. Und dennoch, trotz all der herrlichen Gags und Situationskomik, des Galgenhumors und was nicht noch alle dazu gehört, den Ernst der Lage verpasst und vergisst Strunk nie. Wann immer es der Roman möchte, kehrt er auch zu sehr ernsten und düsteren Themen zurück.



Fazit

"Ein Sommer in Niendorf" ist sicherlich ein Roman, der die Leser zweigeteilt hat. Wie immer bei Heinz Strunk gewollt provokant und ganz genau so gewollt kontrovers. Für mich war das Hörbuch-Erlebnis eine Lehrstunde darin, welche Richtungen die deutsche Literatur bestreiten kann. Ein Feuerwerk der Emotionen, in dem alles geboten wird von perfekter Unterhaltung bis hin zur absoluten Fremdscham. "Ein Sommer in Niendorf" ist fast schon eine schonungslose Dokumentation, die sich mit Abstürzen, Lebenskrisen und anderen Absurditäten auseinandersetzt. Kein Roman, kein Hörbuch, welches einfach so uneingeschränkt empfohlen werden kann. Aber wer bereit ist, sich auf diesen Trip einzulassen, der wird am Ende belohnt werden. Ich für meinen Teil habe jede einzelne Minute genossen.

Mittwoch, 14. Juni 2023

Hörbuch-Rezension: Das Silmarillion (J.R.R. Tolkien)

 

Großbritannien 1977


Das Silmarillion

Autor: J..R.R. Tolkien
Herausgeber: Christopher Tolkien
Genre: Fantasy und Mythen
Kaufoptionen: CD, Audible
Sprecher: Achim Höppner
Laufzeit: 15 Stunden und 26 Minuten (Ungekürzte Lesung)



Ein Buch, das kaum mehr eine große Einführung benötigt, gilt es doch als eines der größten Fantasy-Werke der Neuzeit. Und doch ist es bis heute eines der größten unvollendeten Fantasy-Werke aller Zeiten. Das Silmarillion galt als das Hauptwerk Tolkiens, zu Lebezeiten konnte er dieses aber weder vollenden noch veröffentlichen. Das verfügbare Material zu den Chroniken Mittelerdes nahm schier unendliche Züge an, für Tolkiens Sohn Christopher eine Mammutaufgabe, die Werke seines Vaters posthum zu etwas "Ganzem" zu machen. Angefangen von der Schöpfung Mittelerdes durch des allmächtigen Ilúvatar und seinen Ainur bis hin zum Ende des dritten Zeitalters, wo der letzte Elb Mittelerde verlässt. Einstmals geplant als Nachfolgewerk zum Überraschungserfolg "Der kleine Hobbit", war Tolkien in Grund und Boden gestürzt, als das eingereichte Werk, sein Silmarillion, den Verlag eher verdutzt zurückließ. Diese wünschten sich eine direkte Fortsetzung zum Hobbit und keine trocken anmutende wie düstere Schöpfungsgeschichte mit einer Myriade komplizierter Namen und Begriffe. Als Sprachwissenschaftler verewigte Tolkien mit Sindarin und Quenya gleich zwei funktionierende Sprachen im Silmarillion, die beide ihre eigenen einzigartigen Begriffe und Aussprachen besitzen. Tolkiens Antwort auf die Kritik des Verlages war "Der Herr der Ringe", eine direkte, jedoch epischere, massive Fortsetzung zum Hobbit (kann man ja mal so machen). Mit dem Silmarillion hingegen hat Tolkien jedoch nie abgeschlossen. Bis an sein Lebensende werkelte und bastelte er daran, arbeitete sogar an eine Fortsetzung zum Herrn der Ringe im vierten Zeitalter angesiedelt, die er schnell wieder verworfen hat (der Prolog dazu ist in Christopher Tolkiens Abschlussband "The Peoples of Middle-earth" zu seiner zwölfbändigen Reihe "The History of Middle-earth" zu finden"). Tolkiens Perfektionismus und sein fortschreitendes Alter hinderten ihn daran, seinen Mittelerde-Zyklus jemals komplett fertigzustellen. Doch zu seinen Lebzeiten ist vieles zusammengekommen, Christopher Tolkien musste in dem ineinander verwobenem Werk seines Vaters "nur" eine Struktur finden. Eine Aufgabe, zu der vermutlich nur ein Sohn im Stande ist, der seinen Vater und sein Werk verehrte. Was 1977 entstanden und publiziert wurde, ist das Silmarillion, wie wir es heute kennen. Im laufe der Jahre erschienen mehrere Revisionen und Ergänzungen und zu seinen eigenen Lebzeiten schaffte es Christopher Tolkien (1924-2020) dann sogar noch, einen Wunsch seines Vaters wahr werden zu lassen und 3 der großen Geschichten im Silmarillion als lange Geschichten zu veröffentlichen.

Aber alles, was nach dem Silmarillion kam, waren Ergänzungen. Keine unnötigen Ergänzungen, aber fast alles aus dem Mittelerde-Zyklus findet man in ähnlicher Forum, meistens etwas kürzer, bereits im Silmarillion. Somit ist das Hauptwerk von J.R.R. Tolkien die erste Anlaufstelle, um die Schöpfungsgeschichte von Mittelerde in seiner Gänze erleben zu dürfen. Und das Unterfangen ist als Leser bereits eine Herausforderung. War der Hobbit noch ein Kinderbuch (an dem sich aber genau so gut auch Erwachsene, egal wie Alt, dran erfreuen können), ging es im Herrn der Ringe schon wesentlich düsterer zu Werke. Doch beide Bücher lockern die Stimmung mit Tolkiens herrlich britischem Humor auf, der immer wieder zum Vorschein kommt. Das ist beim Silmarillion anders. Die Stimmung dieser teils blutig brutalen aber auch traurigen Schöpfungsgeschichte ist durchgehend düster, finster, melancholisch. Ist nicht bereits der düstere Ton der Kurzgeschichten eine Herausforderung, so ist das Buch besonders zu Beginn wenig einsteigerfreundlich, sperrig und teilweise durch die vielen Namen von Personen sowie Ortschaften verwirrend. Ich selbst habe es mehrmals mit dem Buch probiert, aber konnte mich nie komplett dazu durchringen, es vollständig zu lesen.

Doch irgendwann kam ich auf eine Idee; wenn ich mich beim lesen so schwer tue, wieso lasse ich mir das Silmarillion nicht vorlesen? Aufgrund einer komplizierten Rechtelage war es Anfang der 2010er Jahre ein kleines Wunder, dass der gesamte Mittelerde-Zyklus als Hörbücher nun auch bei Audbible erscheinen konnte. Ich habe mich also kürzlich dazu entschlossen, das Silmarillion digital zu erwerben, alles kompakt in einer einzigen Datei vor mir auf meinem iPad zu haben und immer dann hören zu können, wenn ich die Zeit dazu habe. Für das bessere Verständnis wurde der Datei noch eine ausführliche PDF hinzugefügt, die auch über das Personenregister im Buch verfügt. Meine letzten Sorge war also, werde ich der Geschichte denn vorgelesen folgen können? Hier könnte noch alles schiefgehen, dachte ich mir. Aber ich wusste bereits vorab, dass hier mit Joachim "Achim" Höppner ein Sprecher engagiert wurde, der bereits mit Mittelerde vertraut war, werden ihn die meisten doch als deutsche Synchronstimme von Ian McKellen in der Filmtrilogie zum Herrn der Ringe kennen, wo er Gandalf seine Stimme lieh. Und an dieser Stelle muss ich direkt eines loswerden: Diese etwas mehr als 15 Stunden mit der Stimme von Achim Höppner zu verbringen war ein Hochgenuss, ein Erlebnis. Er hatte die richtige Stimme, um Tolkiens Worte einzufangen. Mit einer engelsgleichen Ruhe liest Achim Höppner die Schöpfungsgeschichte, kann aber auch gleichzeitig in dramatischen Momenten wie ein Vulkan ausbrechen und im richtigen Moment auch emotional sein. All das gepaart mit einer beeindruckenden Aussprache (die es in der Vertonung in den Filmen leider noch nicht gab) die, zusammen mit seiner markanten Stimme, dem ganzen die Krone aufsetzen.

Die Übersetzung des Silmarillion stammt vom mittlerweile verstorbenen Tolkien-Kenner Wolfgang Krege, der besonders durch seine kontroverse Neuübersetzung des Herrn der Ringe (auf denen die anderen Hörbücher des Hörverlags ebenfalls basieren) vielen in Erinnerung geblieben ist. Die Lesung ist rein vom Inhalt her ungekürzt, leider fehlen jedoch Hintergrundinformationen wie der lange Brief von J.R.R. Tolkien an seinen Verleger sowie das Vorwort von Christopher Tolkien, die allesamt nicht eingesprochen wurden. Was man also bekommt ist der pure Inhalt des Silmarillion und als Begleitheft die umfangreiche PDF, die jederzeit angewählt werden kann. Da ich hier ausschließlich die digitale Version bespreche, kann ich leider nicht sagen, ob diese PDF nicht das eingescannte Booklet ist, welches sehr wahrscheinlich der CD-Version beiliegen könnte.

Mit Ausnahme winziger Tonprobleme die vermutlich beim Zusammenschnitt entstanden sind, ist die Aufnahme glasklar und fehlerfrei.

Der Hörverlag setzte die Arbeit mit Achim Höppner für den ersten Teil des Herrn der Ringe fort. Die Arbeiten am zweiten Teil konnte Achim Höppner bereits nicht mehr beenden, da er Ende 2007 im Alter von nur 60 Jahren verstorben ist. Eine Nachricht, die mich bereits damals sehr traurig gemacht hat. Nicht minder beeindruckend wurde der verstorbene Achim Höppner durch Gert Heidenreich ersetzt, der seinen ganz eigenen Stil mit sich brachte, die ausstehenden beiden Herr der Ringe Bücher eingesprochen hat und auch heute noch als die deutsche Hörbuch-Stimme von Mittelerde gilt.



Fazit

Da es sich hier um eine Hörbuch-Rezension handelt, war es mir wichtig, weniger auf den direkten Inhalt des Buches einzugehen. Der wäre sowieso viel zu komplex für nur eine einzige Rezension und das wäre nicht zielführend. Abschließend dazu kann ich halt sagen, man muss dem Silmarillion ein wenig Zeit geben, bevor sich die Faszination dieser großartigen Fantasy-Geschichten entfaltet. Den Geschichten haftet teilweise eine große Melancholie an, sie sind blutig und voller Verrat und Misstrauen. Tolkien zeichnet hier eine Welt, die, wie es ihm oft nachgesagt wurde, eine Allegorie auf unsere echte Welt sein könnte. Herausragend eingesprochen und erzählt von Achim Höppner wurde das Hörbuch schon beinahe zu einem Hörspiel, und das ganz ohne Musikuntermalung und Soundeffekte. Und exakt daran erkennt man die Macht, die ein beeindruckender Sprecher besitzt, wenn er seine Hörer so sehr in den Bann ziehen kann. Wer Probleme hat, einen Zugang zum Buch zu finden, dem sei wärmstens empfohlen, dem Hörbuch mal eine Chance zu geben. Vorausgesetzt sind natürlich ein wenig Ruhe und Konzentration. Das Silmarillion ist keine seichte Unterhaltung und eignet sich, wenig überraschend, eher nicht für die Fahrt in Bus und Bahn, im Auto oder als unterhaltsame Ablenkung beim kochen.