Archiv: Rezensionen zu Literatur und Film

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Donnerstag, 21. Juni 2018

Rezension: Erinnerungen aus der Sackgasse (Banana Yoshimoto)




Japan 2003 (Deutsche Ausgabe 2018)

Erinnerungen aus der Sackgasse
Originaltitel: Deddoendo no omoide
Autorin: Banana Yoshimoto
Verlag: Diogenes
Übersetzung: Annelie Ortmanns
Genre: Kurzgeschichten



Genau wie Haruki Murakami, so ist auch Banana Yoshimoto ein Dauergast auf meinem Blog. Wenn mir ein Roman der Japanerin in die Hände fällt, weiß ich, dass ich von Seite 1 an von ihrem Schreibstil verzaubert werde. Es ist diese unbeschwerte Leichtigkeit, die ihren Charakteren und somit auch ihren gesamten Fundus an Geschichten so besonders macht. Ihren Charakteren haften meistens tiefe Schicksalsschläge an, der Verlust von geliebten Menschen oder einschneidenden Lebensereignissen sind wiederkehrende Elemente in ihren Geschichten. Dennoch verfallen ihre Figuren nie in hoffnungslose Depressionen oder all zu trübe Gedanken. Dafür ist es dieser besondere Hauch von Melancholie und eine ganz kleine Prise Übernatürliches, die ihre Werke so wundervoll garnieren und beispielsweise auch mir schon häufig Trost spendeten.

Eine Anthologie an Kurzgeschichten, nun, so etwas ist mir bislang von der Autorin noch nicht untergekommen. Für mich als begeisterter Leser von Kurzgeschichten eigentlich ein Unding, denn von Banana Yoshimoto sind auch in Deutschland mehrere Anthologien erhältlich. Mit "Erinnerungen aus der Sackgasse", eine Anthologie, die in Japan auf den Titel "Deaddoendo no omoide" hört und nahezu 1:1 übersetzt wurde (was bei deutschen Titel oftmals unüblich ist), kam ich endlich in den Genuss von Banana Yoshimoto in kurzer Prosa. Die Sammlung, die in Japan bereits im Jahr 2003 erschienen ist, umfasst fünf völlig unterschiedliche Kurzgeschichten von genau so unterschiedlicher Länge. Bereits wenn man das Buch aufschlägt, wird einem sofort die etwas ungewöhnliche Widmung der Autorin ins Auge fallen. Diese ist nämlich Fujiko F. Fujio (1933-1996), dem Doraemon-Schöpfer, gewidmet. Im Anbetracht der Tatsache, wie populär der mechanische blaue Kater in Japan ist, ist die Widmung vielleicht eher für westliche Leser ungewöhnlich.

Die erste Geschichte "Das Geisterhaus" könnte beim Leser rein vom Titel her falsche Erwartungen wecken. Hier könnte man nämlich glatt eine Gruselgeschichte erwarten. Fans der Autorin wissen natürlich, so einfach macht es sich Banana Yoshimoto nicht. Die Geschichte handelt stattdessen von zwei jungen Menschen, die sich, praktisch gesehen, gesucht und gefunden haben, aber anscheinend dennoch keine romantischen Gefühle füreinander hegen. Wie in den Geschichten von Banana Yoshimoto aber üblich, so ist der Titel hier nicht aus einer Laune heraus gewählt. Das sogenannte "Geisterhaus" spielt in der Geschichte eine zentrale Rolle und auch die typisch japanische art, über den Tod und paranormale Ereignisse zu reden, kommt in dieser Kurzgeschichte wieder einmal gut zur Geltung. "Das Geisterhaus" dürfte auch für neue Leser der Autorin ein guter Einstieg in ihre Welt sein. Die von mir bereits erwähnte Leichtigkeit und die Trost spendenden Elemente sind hier vorhanden und sind richtungsweisend dafür, wenn man vor hat, sich auch mal die Romane der Autorin vorzunehmen.


"Sieh mal, in Friedenszeiten, mit genug Geld und Zeit, ist es keine große Kunst, ein sanftmütiger, großherziger Mensch zu werden, meinst du nicht auch? Und genau so wäre es in meinem Fall: Wenn alles so bleibt, wie es ist, wäre das eine Gutmütigkeit nur in guten Zeiten. Und dadurch würde ich letztlich etwas Hässliches, Dunkles in mir heranzüchten. Oder mein Leben würde möglicherweise verstreichen, ohne, dass ich etwas anderes als diese oberflächliche Gutmütigkeit erreicht hätte. Aber gerade weil ich schon von Natur aus ein großherziger Mensch bin, möchte ich möglichst daran weiterarbeiten, diese Qualität weiter ausbilden. Und nicht die dunkle Seite davon."


Bei der deutschen Ausgabe fungierte erneut nicht Thomas Eggenberg, sondern die Japanologin Annelie Ortmanns. Die erfahrene Übersetzerin dürfte besonders Lesern von Haruki Murakami noch bekannt sein. Wie immer wurde hier direkt aus dem Japanischen übersetzt und trotz verschiedener Übersetzer bei den vergangenen Veröffentlichungen wurde der klare und verständliche Stil von Banana Yoshimoto beibehalten. Erneut werden exotische Begriffe aus der japanischen Kultur kurz am Ende einer Seite erklärt.

Am Ende überrascht die Autorin noch mit einem kurzen Nachwort. Dort geht sie direkt auf die Leser ein und fragt, ob sie die hier abgedruckten Geschichten wohl genau so traurig finden, wie sie sie selbst empfindet. Eine interessante Fragestellung. Wie bereits zu Beginn meiner Besprechung erwähnt, so empfinde ich persönlich die Geschichten der Autorin als melancholisch, aber nicht traurig. Banana Yoshimoto erfasst auch in diesen fünf Kurzgeschichten ihr zentrales Thema, was all ihre Geschichten begleitet, dennoch liest sich jede Kurzgeschichte völlig anders. Ich will nun nicht auf jede Geschichte eingehen, da jede einzelne exakt die perfekte Länge besitzt, sich selbst mit ihr zu befassen. Insofern ist diese Anthologie (die wie bei den Romanen der Autorin weder zu lang noch zu kurz ist) sehr wohl eine gute Gelegenheit, zu prüfen, ob man sich der Meinung von Banana Yoshimoto im Nachwort anschließt oder nicht.



Resümee

"Erinnerungen aus der Sackgasse" ist das perfekte Buch für einen sommerlichen Abend im freien (sei es im Park, auf der Veranda oder gar auf dem Balkon). Dazu am besten ein Glas gekühlten Weißwein und wenn einfach alles passt, sich auch noch von einer angenehmen Brise berieseln lassen. Bereits in der ersten Geschichte wird man mit der Vokabel "Sackgasse" konfrontiert. Glücklicherweise verläuft sich keine der Kurzgeschichten in eine Sackgasse. Die Anthologie wird nicht nur für langjährige Leser der Autorin interessant sein, auch Leser, die sich an das Werk von Banana Yoshimoto herantasten wollen, bekommen hier den wohl perfekten Einstieg geboten. Würde ich also hier eine Rubrik fürs optimale Sommerbuch eröffnen, dann würde ich "Erinnerungen aus der Sackgasse" sehr weit nach oben setzen.


Für Leute, die genau so interessiert sind am Covermotiv des Bandes wie ich: Der titel lautet Tokyo Parrots und stammt von dem Fotograf Yoshinori Mizutani.




(By Yoshinori Mizutani)

Freitag, 9. Juni 2017

Rezension: Denunziation (Bandi)




Da der Autor sein Werk anonym veröffentlicht hat, existiert kein Bildmaterial




Nordkorea circa 1990-1995

Denunziation
Originaltitel: Go-Bal
Autor: Bandi
Vorwort: Thomas Reichart
Nachwort: Do Hee-Yoon
Erschienen/Verlag: 05.02.2017 bei Piper
Übersetzung aus dem Koreanischen: Ki-Hyang Lee
Genre: Kurzgeschichten
Wissenswertes: Weiterleitung zu Piper



"Was war das für ein haariges Monster, das um sich brüllte, je einen Fuß auf den beiden höchsten Wohngebäuden der Stadt? Ja, natürlich, das war Eobi! In Todesangst sprang Kyeong-Hui auf die Füße und rannte so schnell sie konnte davon, ohne Plan und ohne Ziel. Zu ihrer großen Überraschung waren all jene, die zitternd vor Angst die Nasen an die Fensterscheiben ihrer bienenwabenähnlichen Wohneinheiten pressten, keine Menschen, sondern Feldhasen! Haha, was für ein Witz! Das waren doch nur Nagetiere aus einer Geschichte, die ihr Mann mit schöner Regelmäßigkeit erzählte. Das Seltsamste war, dass auch Kyeong-Hui plötzlich in einer dieser Waben kauerte, ohne zu wissen, wie sie dorthin gekommen war. Sie schaute sich um und entdeckte einen besonders stillen Hasen, der auf einem Bett in der Ecke des Zimmers schlief. Völlig bewegungslos lag er da und schnarchte mitleiderregend mit halb offenem Mund. Der Arme, auf der Flucht vor dem Schrei des Eobi war er sehr abgemagert. Sie sah näher hin. Warum standen denn die Schneidezähne so vor, aus dem Mund ihres Mannes? Auch das noch! Das war gar kein Hase, sondern ihr Mann!
>>Ma...mi...<<
>>Oooh... schlaf, schlaf weiter, mein Kleiner>>, murmelte sie mechanisch. Im Halbschlaf streichelte sie ihren Sohn, aber ihre Bewegung wurde immer langsamer. Trotz des tobenden Sturms senkte sich der Schlaf über die erschöpfte Stadt."
(Denunziation: Bandi. Verlag: Piper. Übersetzung: Ki Hyang Lee)



Wenn man einen Blog betreibt, der seinen Schwerpunkt auf Literatur aus Asien legt und diese besonders den Lesern nahelegen will, die vielleicht mal ganz versehentlich hier vorbei spazieren, dann wartet man immer auf ein Highlight, was es nicht alltäglich gibt und man den Lesern unbedingt präsentieren möchte. Aber besonders in der Literatur war alles schon einmal irgendwie da. Literatur aus den unmöglichsten Ländern, Nationen und Gesellschaften. Alles schon einmal da gewesen. So ist es ausgerechnet ein Beitrag aus Nordkorea, mit dem wohl niemand so wirklich rechnen darf. Klar, es gibt genug Bücher über Nordkorea, genügend Autoren mit Herkunft aus Nordkorea, die ihr Werk nach ihrer Flucht in Südkorea verfasst haben (meistens nicht einmal Belletristik sondern häufig handelt es sich hier um Autobiografien und Reportagen). Belletristik, auch noch verfasst im Land des Flüstern, so etwas ist tatsächlich eine literarische Seltenheit. Eine solche Seltenheit, dass der Autor, der die sieben Kurzgeschichten in diesem Band verfasst hat, anonym bleiben will und unter einem Pseudonym schreibt. Die Identität von Bandi (deutsch: Glühwürmchen) ist selbst Nordkorea-Experten ein Rätsel. Wie diese Kurzgeschichten in die Hände einer südkoreanischen Hilfsorganisation gelangten, liest sich mindestens so abenteuerlich wie ein Spionageroman. Doch hier handelt es sich um die Realität, zumindest ist sich da die Mehrheit sicher. Obwohl sich selbst Experten um die Authentizität dieses Buches einig sind, so wird es immer ein gewisses Maß an Restzweifel geben. Es wird nie eine hunderprozentige Sicherheit geben, ob es jemals einen Autor aus Nordkorea gibt/gab, der diese Kurzgeschichten zwischen dem Ende der 80er bis in die Mitte der 90er verfasst hat. Aber vermutlich ist es genau sogar dieser Aspekt, der "Denunziation" so viel Aufmerksamkeit zukommen lässt und zu einem Gesprächsthema gemacht hat.

Denunziation ist bereits 2014 in Südkorea erschienen. Bandis Biografie wie aber auch die Texte wurden nachträglich bearbeitet, um sämtliche Verbindungen zu der Person hinter dem Pseudonym zu tilgen. Die inhaltlichen Änderungen der Geschichte belaufen sich auf Änderungen von Namen und Städten. Mit Ausnahme dieser kleinen Änderungen, um die Identität des Autors zu schützen, versprach die Organisation, dass es darüber hinaus keine weiteren Anpassungen gab. Liest man sich durch die insgesamt sieben Kurzgeschichten, so dürfte auch der Leser nur noch wenige Zweifel an die Authentizität des Autors hegen. Von Beginn an muss angemerkt werden, jede einzelne Geschichte ist dem Regime gegenüber kritisch eingestellt. Diese Kritik gegenüber der seltsamen Diktatur aus Nordkorea wirkt aber nie aufgesetzt oder erzwungen provokant. Mit feiner Prosa erzählt Bandi hier Geschichten, die Menschen, haben sie sich noch nie mit dem Thema Nordkorea befasst, für fantasievolle Märchen halten könnten. Mit einer Portion Humor, Sarkasmus aber auch der nötigen Ernsthaftigkeit zeichnet Bandi ein Bild, was zum Ende der Herrschaft von Kim Il-Sung (verstorben 1994) entstanden ist. Wie beklemmend und paranoid das Leben in der Hauptstadt Pjöngjang sein kann, dies beweist besonders die Geschichte zum Auftakt, "Die Stadt der Gespenster". Im Fokus steht eine junge Mutter mit ihrem kleinen Sohn, der anscheinend einige Neurosen seines ängstlichen Vaters übernommen hat. In der Wohnung muss die selbstbewusste Kyeong-Hui die Fenster abdecken, damit der Junge nicht die riesigen Porträts von Marx und dem geliebten Führer Kim Il-Sung an den Hochhäusern sieht. Beim Anblick dieser Porträts verfällt der Junge in Panik und beginnt fürchterlich zu weinen. Dieses Verhalten wird für Kyeong-Hui und ihrer Familie aber noch einige weitere, verheerende Probleme mit sich bringen. Das ende dieser Kurzgeschichte ist im wahrsten Sinne des Wortes bittersüß und verhängnisvoll.

Bandis Geschichten sind immer wieder gespickt mit fantasievollen Passagen und Metaphern. In der zuletzt erwähnten Geschichte war es "Eobi", ein böses Monster, das unartige Kinder heimsucht. Die Geschichten sind alle leicht zugänglich und könnten besonders auch die Leute überraschen/interessieren, die sich mit den Sitten dieses abgeschotteten Landes bisher noch nicht beschäftigt haben. Für die leichte Verständlichkeit geht das Lob aber auch an die Übersetzerin Ki-Hyang Lee. Die erfahrene Übersetzerin und Verlegerin (Herkunft: Südkorea, Seoul) war hier für die Übersetzung der Ausgabe verantwortlich, die 2014 in Südkorea veröffentlicht wurde. Da das Buch auch in den USA erschienen ist, hätte man auch auf eine englischsprachige Ausgabe zurückgreifen können, doch der Piper-Verlag hat sich, glücklicherweise, dagegen entschieden.




Resümee

"Denunziation" von Bandi ist für mich die Überraschung der ersten Jahreshälfte. Jede Geschichte weiß zu überzeugen, am Ende war ich sogar wehmütig, dass diese Reise durch ein uns so fremdes Land vorbei war. Bedenkt man aber, unter welchen Umständen diese Geschichten entstanden sein müssen und wie alt sie mittlerweile schon sind, so können wir ausländischen Leser jedoch froh sein, überhaupt in den Genuss dieser Kurzgeschichten kommen zu dürfen. "Denunziation" regt zum nachdenken an, jede darin enthaltene Geschichte besitzt aber auch das Potential, seine Leser zu unterhalten. Trotz all der Gesellschaftskritik handelt es sich hier unverkennbar nicht um eine Autobiografie. Und genau dieser Aspekt macht Bandis Kurzgeschichten zu so einer Besonderheit. Besonders aufgrund der Aktualität ein unglaublich wichtiges Buch.

Donnerstag, 11. August 2016

Rezension: Die Komödie von Charleroi (Pierre Drieu La Rochelle)

(Foto: Aufziehvogel, Copyright: Manesse)







Frankreich 1934

Die Komödie von Charleroi
Originaltitel: La Comédie de Charleroi
Autor: Pierre Drieu La Rochelle
Übersetzung: Andrea Springler, Eva Moldenhauer
Nachwort: Thomas Lux
Genre: Kurzgeschichten, Kriegsdrama, Satire



"Die Armee begann auseinanderzufallen. In den ersten Feuerstürmen lösten sich ihre Teile voneinander. Schon jetzt sahen sie sich kaum; bald würden sie sich gar nicht mehr sehen. Vier Jahre lang würden ihre Mühen und Leiden parallel ablaufen, ohne sich je zu treffen. Artillerie und Infanterie suchten sich, und sie fanden sich nicht. Und die Generäle waren anderswo. Schon jetzt waren wir nur noch verlorene Haufen in der entsetzlichen Einsamkeit des modernen Schlachtfelds, jeder grub sich sein eigenes Grab, allein mit seinem Schicksal, das im Übrigen dem des Nebenmanns glich, denn die von der Wissenschaft regulierte Natur geht serienmäßig vor und sucht keine Abwechslung mehr."
(Aus der gleichnamigen Kurzgeschichte "Die Komödie von Charleroi". Pierre Drieu La Rochelle, Manesse Verlag mit einer Übersetzung von Andrea Springler und Eva Moldenhauer)



Pierre Drieu La Rochelle gilt gemeinhin als kontroverser Autor. Nicht unbedingt für die Texte, die er verfasste, sondern für seinen Werdegang. Drieu diente im ersten Weltkrieg für die französische Armee, wurde mehrfach verwundet und kehrte nach Kriegsende als Kriegsveteran, eine jener gezeichneten Figuren der damaligen Zeit, in die Heimat zurück. Wie viele Heimkehrer verarbeitete Drieu seine Erlebnisse in Geschichten, die er zu Papier brachte. Die Weltgeschichte ist natürlich bekannt, der zweite Weltkrieg ließ nicht lange auf sich warten. Drieu machte sich einen Namen als Autor, engagierte sich aber auch mit kritischen Texten gegen Hitler und dem deutschen Naziregime. 1935 sollte sich jedoch vieles für Drieu ändern, denn nach einem Besuch in Nazi-Deutschland, wo er eine regelrechte Reizüberflutung erlebt haben soll, konnte auch er der Indoktrination der Faschisten nicht standhalten und wurde selbst zu einem. Selbstmordgedanken begleiteten Pierre Drieu La Rochelle seit vielen Jahren, einige Monate vor Kriegsende und Deutschlands Kapitulation setzte der Autor seinem Leben ein Ende.

"Die Komödie von Charleroi" sind selbstverständlich keine faschistischen Schriften. Die Kurzgeschichten in diesem Sammelband wurden einige Jahre verfasst, bevor Drieu zum braunen Glauben konvertierte. Trotzdem sind die Kurzgeschichten ein mehr als interessanter Blick auf das, was Lach Rochelle bis zu seinem Lebensende verfolgen sollte: Die bösen Geister des ersten Weltkrieges. Und La Rochelle schreibt nicht nur für sich, er wird für viele Heimkehrer geschrieben haben. Wie schwer es war, sich wieder in die Gesellschaft zu etablieren, wieder am alltäglichem Leben teilzunehmen. Drieu schreibt über diese Erlebnisse aber nicht mit Wehmut und übertriebenem Patriotismus für Vaterland und Flagge, stattdessen haftet seinen Geschichten ein frecher Humor an, ein lockerer Schreibstil ohne verklemmt zu wirken rundet es ab, dass die Geschichten des Franzosen einen schnell mitreißen. So kann man der Titelgeschichte der Sammlung (die vom Umfang her bereits einer Novelle gleichkommt), "Die Komödie von Charleroi", auch ihre satirischen, manchmal sogar leicht surrealen Züge nicht abstreiten. Die Geschichte handelt von einem Ich-Erzähler der, seit Kriegsende mittlerweile, bei der wohlhabenden Madame Pragen als Sekretär arbeitet. Natürlich nicht aus purer Güte der Hausherrin. Der Erzähler war Kriegskamerad des Sohnes der Madame, Claude Pragen. Claude, von seiner Mutter förmlich in den Krieg gedrängt (jedoch mit viel Tatendrang seinen Pflichten in der Armee nachkam), gilt seit der Schlacht von Charleroi, einer Großstadt in Belgien, als vermisst. Mittlerweile sind 4 Jahre durch die Lande gezogen und Claude ist nicht wieder aufgetaucht vermutlich längst tot wenn man den Berichten ihres Sekretärs glaubt. Doch Madame Pragen ist sich sicher, ihr Claude muss noch leben. Gemeinsam mit ihrem Sekretär und großem Anhang besucht Madame am 01. Juli 1919 Charleroi, um der Sache selbst auf den Grund zu gehen. Bei der Rückkehr auf jenes Schlachtfeld von vor einigen Jahren erlebt der Erzähler der Geschichte noch einmal alles so, als hätten sich die seltsamen Ereignisse rund um die Schlacht von Charleroi gestern zugetragen.

Drieus Erzähler ist hierbei nicht immer wirklich vertrauenswürdig, was natürlich gewollt ist. Seine Erzählung wird gerne mal abenteuerlich, wird oft zum Protagonist eines Gefechts, furchtlos und durch den Kugelhagel sprintend. Doch schnell erkennt Drieus Erzähler, der viele autobiografische Elemente mit sich bringt, der Krieg war nie das, wie er ihn sich vorstellte. Desillusioniert und träumerisch ist der Erzähler seinen Dienst angetreten nur um bereits in der ersten Nacht bereits beinahe der Paranoia zu verfallen. Mit Humor aber auch Charme zieht Drieu seine Leser schnell in seinen Bann. Etwas ermüdend dagegen wirken leider die relativ furios beschriebenen Gefechte, die einen oftmals aus den herrlich schnippischen Bemerkungen des Erzählers werfen.

Insgesamt 6 Kurzgeschichten, alle von unterschiedlichem Stil, aber stets mit bekannter Thematik, erwarten uns. Da die Geschichten alle relativ komplex sind, habe ich mir vorgenommen, in dieser Besprechung ausschließlich auf die Titelgeschichte einzugehen, da diese auch den größten Umfang besitzt. Lasst euch aber nicht dadurch beirren, jede Kurzgeschichte im Band ist es auch wert, gelesen zu werden. Kommt man mit Drieus Stil aus der ersten Geschichte nicht zurecht, so wird man wohl aber auch leider keinen Zugang zu den restlichen Geschichten mehr finden. Ein Interesse für das Thema rund um den ersten Weltkrieg sollte vorhanden sein. Auch einiges an Ruhe sollte man mitbringen, wenn man sich "Die Komödie von Charleroi" vornimmt.

In gewohnt hoher Qualität liefert der Manesse Verlag hier eine schöne Hardcover-Edition ab. Der Inhalt ist es aber, der hier das Prunkstück ist. Das ganze ist nämlich eine deutsche Erstübersetzung. Und die kann sich sehen lassen. Verantwortlich dafür waren die beiden erfahrenen französisch Übersetzerinnen Andrea Springler und Eva Moldenhauer, die Drieus Texte in ein flüssiges, modernes Deutsch übertrugen.



Resümee

Belletristik aus der Zeit nach dem ersten Weltkrieg dürfte heutzutage weniger gefragt sein. Dies liegt daran, dass leider nach dem ersten verheerenden Krieg direkt ein zweiter folgte, der in seiner Relevanz natürlich noch ein wesentlich größeres Ausmaß an Zerstörung annahm. Sich aber mal mit der Literatur von Pierre Drieu La Rochelle auseinanderzusetzen war eine für mich mehr als interessante Erfahrung. Ob man nach "Die Komödie von Charleroi" Drieu als Mensch besser versteht, oder man sich noch weiter von der Sichtweise des Autors entfernt, diese Erfahrung muss natürlich jeder Leser oder Leserin für sich selbst machen. Es darf nicht verschwiegen werden dass Drieu die letzten Wege seines Lebens als Faschist und Antisemit bestritt. Davor jedoch war Drieu ein begnadeter Autor der französischen Literatur, der es schaffte, auf eine sehr beeindruckende art und weise das Leben der Veteranen zu beschrieben, die in ihre Heimat zurückgekehrt sind. Auch aus heutiger Sichtweise haben wir es hier noch mit sehr interessanter Literatur zu tun.

Mittwoch, 7. Januar 2015

Rezension: Urwaldgäste (Roman Ehrlich)

(Foto: Aufziehvogel)


(Foto: DuMont)



Deutschland 2014

Urwaldgäste
Autor: Roman Ehrlich
Verlag: DuMont
Genre: Erzählungen, Satire, Drama


"Auf dem Weg von meinem Haus zu diesem Büro fuhr ich zunächst Stationen mit einer die Stadt ringförmig umkreisenden Bahn, die immer nur links um die Kurven bog und dabei viele Werktägige in sich aufnahm. Sie standen dichtgedrängt beisammen, abwesend, müde, grimmig oder schläfrig, hielten sich an den Haltestangen fest, hörten Musik und starrten vor sich auf eine Jackennaht oder direkt ins Nichts. Zwei größere Umsteigbahnhöfe befanden sich auf meiner Strecke, das Wetter war meistens regnerisch und das Fahrgastaufkommen war groß. Aus den Fenstern heraus sah man die Stadt schemenhaft in einer gräulichen Suppe dastehen, versunken und irreal wie in einem Aquarium.
Am südlichsten Rand der ringförmigen Zugstrecke stieg ich aus und lief durch ein Gewerbegebiet mit einem großen Ikeamarkt, Tankstellen und Zufahrtstraßen zur vielspurigen Stadtautobahn, die ich auf einer Fußgängerbrücke überquerte. Auf der anderen Seite befand sich rechts ein Supermarkt mit weitflächigem Parkplatz, auf dem ich an meinem ersten Arbeitstag eine junge Mutter sah, die mit gesenktem Kopf übervolle Plastiktüten in beiden Händen über den Parkplatz trug und neben der ein dicker Junge aufgekratzt herumhopste und ihr die immergleiche Zeile aus einem Nonsenslied vorsang: JuLaLiLaLaLa. JuLaLiLaLaLa. JuLaLiLaLaLa. JuLaLiLaLaLa. Mein Hirn schwang sich sofort auf diese kurze Schleife ein und begann auf ihr zu rotieren, wie ein endlos in seine Umlaufbahn gezwungener Mond."
(Roman Ehrlich, DuMont Verlag: "Dinge, die sich im Rahmen meiner temporären Anstellung bei der Grinello Clean Solutions ereigneten" aus der Anthologie "Urwaldgäste")


Die erste Rezension 2015 sollte eigentlich die letzte Rezension 2014 werden. Denn einen letzten, ganz besonderen Leckerbissen wollte ich mir eigentlich für den Schluss aufheben. Aber wie so oft kann man gewisse Pensen, die man sich selbst setzt, häufig nicht einhalten, selbst dann nicht, wenn man sie noch so sorgfältig geplant hat.

Roman Ehrlich machte mit seinem beeindruckendem Debüt "Das Kalte Jahr" bereits 2013 auf sich aufmerksam. Mit seiner ungewöhnlichen Geschichte, die gleichzeitig zeitgenössische Literatur mit historischen Ereignissen verband, gewann der junge Autor schnell eine Leserschaft. Im deutschsprachigen Raum war solch ein wuchtiges Debüt schon länger nicht in der deutschen Literatur vertreten. Natürlich fragten sich die Leser, die mit diesem erfrischenden Stil angefixt wurden, wann der Autor etwas neues bringt. Und der DuMont Verlag lieferte im September vergangenen Jahres die Antwort. "Urwaldgäste" lautet der skurrile Titel dieser Sammlung an Erzählungen. Zehn an der Zahl sind es (sogar 11, wenn man die in zwei Parts aufgeteilte Geschichte "Die Intelligenz der Pflanzen (Naturtreue)" doppelt zählt). Und jede einzelne Geschichte ist es wert, aufrichtig gelesen zu werden. Jede einzelne Geschichte ist nicht nur umfangreich und geheimnisvoll, sie alle unterscheiden sich auch voneinander und scheinen dennoch miteinander verknüpft zu sein. Es sieht so aus, als habe Deutschland endlich einen Autor gefunden, der mit der einsamen Generation der Großstadtmenschen umzugehen weiß. Ein wenig melancholisch, gesellschaftskritisch und auch wehmütig beschreibt er die Schicksale von gewöhnlichen Menschen, die in ihrem Dschungel aus Beton beinahe erdrückt werden.

Wiederkehrende Motive aus "Das Kalte Jahr" gibt es auch in "Urwaldgäste". Es gibt die Neonröhren, die Tankstellen und die kühlen, beinahe schon irrealen Landschaften. Und genau das gleiche gilt für die Atmosphäre. Denn wie bereits im Vorgänger, ist diese relativ surreal, ja, beinahe schon als träumend zu bezeichnen. Denn ein großes Problem, mit dem Roman Ehrlichs Charaktere zu kämpfen haben, ist die Kommunikation. Sie reden undeutlich, verworren, driften völlig vom Thema ab. So kann der Innenarchitekt Lappert aus der Geschichte "Die Seekuh Tiffany" den Arzt nicht verstehen, der versucht, ihm den Zustand seiner Frau zu erklären. Das gleiche gilt für den Zoologen der Unterwasserwelt, der einem Journalisten vom Radio zuhört, dieser aber einfach nicht zum Punkt kommt. Im Gegenzug schafft der Zoologe es aber auch nicht, zu erklären, was sich nun auf der Kassette befindet, die die Seekuh Tiffany ausgespuckt hat und die Geschichte zu einer großen Attraktion des Zoos werden könnte.

Dieser gewollt, leicht verworrene Stil war es, der mich sehr beeindruckt hat. Roman Ehrlich spielt mit dem Leser indem seine Protagonisten grundsätzlich ein Kommunikationsproblem haben. Häufig bleiben viele mysteriöse Ereignisse in den Geschichten ungeklärt und lassen Spielraum für Interpretation. Ja, genau so fühlen sich meistens auch meine eigenen Träume an. In meinen Träumen unterhalte ich mich mit Menschen, man kommt aber nie zum Punkt, redet aneinander vorbei und man ist irgendwie vom Weg abgekommen, kann sich an sein eigentliches Ziel nicht mehr erinnern. Genau so ergeht es auch den Charakteren im Buch.

Mit einem absolut sicheren, geübten Schreibstil schafft es der Autor, in jeder einzelnen Geschichte ein kleines, düsteres Märchen über die Großstadt zu erzählen. Dabei widersetzt sich Roman Ehrlich sämtlichen gängigen Trends, die derzeit auf dem deutschen Buchmarkt herrschen.

"Der gesamte Urwald strahlte auf, blau, fluoreszierend wie eine Unterwasserwelt, ich schaute in den Himmel, wo plötzlich schwarze Wolken vor einem hellblauen Himmel standen. Als ich meinen Blick wieder senkte, waren die drei Männer verschwunden und das blaue Licht hatte sich irgendwie normalisiert, war dem gewöhnlichen Blau einer Morgendämmerung gewichen."
(Roman Ehrlich, DuMont Verlag: "Dinge, die sich im Rahmen meiner temporären Anstellung bei der Grinello Clean Solutions ereigneten" aus der Anthologie "Urwaldgäste")


Resümee

Hinter dem schicken bunten Cover zu "Urwaldgäste" verbergen sich, tief im Gestrüpp jenes Dschungels, kleine Einzelschicksale von Menschen aus dem Jahr 20XX. Es müssen keine Namen von Städte genannt werden, keine Orte, nicht einmal Namen sind nötig. Roman Ehrlichs kleine Erzählungen könnten überall hier in Deutschland spielen und jeder Leser würde sich auf die eine oder andere Weise mit ihnen verbunden fühlen.

Wie bereits bei Tilman Ramsteds "Der Kaiser von China", Sasa Stanisic "Vor dem Fest" oder aber auch Dorothee Elmigers "Schlafgänger" wurde mir als Leser wieder einmal verdeutlicht, zu was die deutschsprachige Literatur fähig ist. Roman Ehrlich setzt noch einmal eine Schippe drauf. Seine Geschichten sind nicht dazu gemacht, sie an einem Abend durchzulesen. Sie sind auch nicht dafür geschrieben, seichte Unterhaltung zu bieten. Nein, die Geschichten wirken nachhallend auf den Leser ein und die Magie der Kurzgeschichten können sich somit komplett entfalten. Für mich selbst habe ich herausgefunden, zu Roman Ehrlichs melancholische Geschichten liefert der japanische Komponist Ryuichi Sakamoto den besten Soundtrack ab. Ich konnte mich treiben lassen und war versunken in dieser seltsamen, aber doch vertrauten Welt.

Hoffen wir, auch 2015 wieder etwas von Roman Ehrlich lesen zu dürfen. Denn wir werden Live dabei sein, wenn sich hier in kommender Zeit ein großer Erzähler der deutschen Literatur etablieren wird.





Nachträglich geht mein Dank noch an das Team vom DuMont Verlag in Köln, die mir diese Reise in den Urwald ermöglicht haben.


Nachtrag:

Mit einem kleinen Rätsel hat mich Roman Ehrlich dann aber doch noch zu Bett gehen lassen. Eine gewollte Verwechslung oder ein mini Fauxpas? "In einem Land vor unserer Zeit" ist kein Disney Film ;)