Archiv: Rezensionen zu Literatur und Film

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Dienstag, 16. Oktober 2018

Rezension: Tsugumi (Banana Yoshimoto)

(Foto: Aufziehvogel)



Japan 1989

Tsugumi
Originaltitel: TUGUMI
Autorin: Banana Yoshimoto
Verlag: Diogenes
Übersetzung: Annelie Ortmanns
Genre: Coming of Age, Slice of Life



Zu Tsugumi könnte ich einen einzelnen Satz schreiben, der all meine Gedanken zusammenfasst. Dieser würde wohl so lauten: "Tsugumi ist eine wundervolle Geschichte, die kein Bücherfreund verpassen darf". Ende der Rezension. So einfach kann man es sich manchmal machen. Aber so einfach geht es dann noch nicht, denn mit einem einzigen Satz kann man diesen Roman interessierten Lesern wohl nicht zugänglich machen. Ich versuche also den mittellangen Weg zu gehen, um dieses Frühwerk von Banana Yoshimoto etwas besser zu erklären.

Genau wie "Kitchen" ist Tsugumi ein Frühwerk der Autorin, welches ich vorher noch nicht gelesen hatte, es aber eine unverschämt lange Zeit auf meine Leseliste stand. Von 1986 bis 1989 verfasste Banana Yoshimoto in Japan Romane, die unglaublich gut ankamen und sie über Nacht zu einer gefeierten Autorin machten. In nur drei Jahren schaffte es die junge Mahoko Yoshimoto, mit anfang 20, Japans Gegenwartsliteratur komplett aufzumischen. Natürlich kennt man sie heute am besten unter ihrem Pseudonym Banana Yoshimoto. Heute ist die Autorin 54 Jahre alt und blickt mit einem Nachwort in vieler ihrer Romane immer mal wieder auf die Vergangenheit zurück. Tsugumi war ein Roman, der bei der japanischen Presse nicht gut ankam. Man warf der Autorin Ideenlosigkeit vor und stempelte die Geschichte schnell als sentimentalen Kitsch ab. Wenig überraschend, war der Erfolg von Banana Yoshimotos vergangenen Werken noch zu frisch und die kritischen Stimmen zeigten wenig Wirkung. Relativ schnell nach der Veröffentlichung verfilmte der mittlerweile verstorbene Filmemacher Jun Ichikawa (adaptierte 2004 Haruki Murakamis Kurzgeschichte Tony Takitani) Tsugumi. Dies verschaffte dem Roman noch einmal einen zusätzlichen Schub an Popularität.

Tsugumi wäre ohne die prägnante Protagonistin wohl wirklich genau das, was die Kritiker damals bemängelten. Aber die titelgebende Protagonistin ist es, die aus einer gewöhnlichen Coming of Age Geschichte etwas zaubert, was den Lesern in Erinnerung bleiben wird. Ein Blick ins kurze Nachwort verrät bereits wichtige Details über die Entstehungshintergründe. Die Autorin beschreibt darin, dass diese Geschichte sehr wohl einige autobiografische Elemente besitzt. Beinahe beiläufig erwähnt sie, Tsugumi, die titelgebende Romanfigur, sei niemand anders als sie selbst.

Doch wer genau ist Tsugumi? Der Roman beginnt mit ihrem Namen, sie ist praktisch allgegenwärtig, allerdings ist Tsugumi nicht die Erzählerin der Geschichte. Die Ich-Erzählerin ist Maria Shirakawa. Schon nach wenigen Sätzen ist ihre Freundin aus Kindheitstagen beschrieben. Tsugumi ist ein kränkliches, schwaches Mädchen, bestraft mit einer kurzen Lebenserwartung. Wie eine wunderschöne Puppe soll das Mädchen aussehen. Allerdings ist Tsugumi auch ein freches, unverschämtes Biest, was sich gerne in den Mittelpunkt stellt, Streiche spielt, Jungs falsche Hoffnungen macht und respektlos gegenüber sämtlichen Erwachsenen ist. Und dennoch entwickelt sich zwischen den beiden charakterlich sehr unterschiedlichen Mädchen, die auf der idyllischen Halbinsel Izu leben, eine tiefreichende Freundschaft, die noch über viele Jahre andauern sollte.

In ihrer ganz speziellen art, mit viel Melancholie, Fern- wie aber auch Heimweh zu beschrieben, erzählt Banana Yoshimoto sehr feinfühlig diese sehr japanische Geschichte. Ihre sympathische Schreibweise, doch auch die stets präsenten schnippischen Bemerkungen findet man als langjähriger Leser, der vielleicht mit den Frühwerken der Autorin nicht so ganz vertraut ist, auch hier direkt wieder. Wie viele andere Romane von Banana Yoshimoto haftet Tsugumi eine tröstende Wirkung an. Eine Geschichte dieser Gattung könnte oftmals dazu neigen, penetrant auf die Tränendrüse zu drücken, doch diese Hürde hat Banana Yoshimoto schon damals perfekt gemeistert. Mit unter 200 Seiten ist die Geschichte wie immer sehr kompakt gehalten, aber genau hier liegt wieder einmal auch die eigentliche Stärke. Alles ist an seinem Platz und genau da, wo es hingehört. Keine Silbe ist zu viel und kein Kapitel überflüssig.



Resümee

Da es bei mir im privaten Leben selbst derzeit turbulenter zur Sache geht, war "Tsugumi" für mich ein kleiner Ort der Zuflucht und Ruhe. Ich konnte auf die Insel Izu fliehen und dem Meer lauschen. Banana Yoshimoto schafft es beeindruckend, diese simplen Empfindungen in Worte zu fassen und es ist beinahe so, als könne man die frische Meeresbrise fühlen. Es war ein Ausflug mit einem kurzen Aufenthalt, aber ich blicke sehr gern darauf zurück.

Wie immer gibt es keinen perfekten Einstieg für das literarische Werk von Banana Yoshimoto. Tsugumi eignet sich als Start genau so hervorragend wie jede andere Geschichte der Autorin. Da hier übernatürliche Elemente eine eher untergeordnete Rolle spielen, ist Tsugumi vielleicht sogar ihr zugänglichstes Werk. In diesem Sinne: Tsugumi ist eine wundervolle Geschichte, die kein Bücherfreund verpassen darf!




Mein Dank für das Leseexemplar geht an Andrea von "Lohnt das Lesen" :)

Donnerstag, 21. Juni 2018

Rezension: Erinnerungen aus der Sackgasse (Banana Yoshimoto)




Japan 2003 (Deutsche Ausgabe 2018)

Erinnerungen aus der Sackgasse
Originaltitel: Deddoendo no omoide
Autorin: Banana Yoshimoto
Verlag: Diogenes
Übersetzung: Annelie Ortmanns
Genre: Kurzgeschichten



Genau wie Haruki Murakami, so ist auch Banana Yoshimoto ein Dauergast auf meinem Blog. Wenn mir ein Roman der Japanerin in die Hände fällt, weiß ich, dass ich von Seite 1 an von ihrem Schreibstil verzaubert werde. Es ist diese unbeschwerte Leichtigkeit, die ihren Charakteren und somit auch ihren gesamten Fundus an Geschichten so besonders macht. Ihren Charakteren haften meistens tiefe Schicksalsschläge an, der Verlust von geliebten Menschen oder einschneidenden Lebensereignissen sind wiederkehrende Elemente in ihren Geschichten. Dennoch verfallen ihre Figuren nie in hoffnungslose Depressionen oder all zu trübe Gedanken. Dafür ist es dieser besondere Hauch von Melancholie und eine ganz kleine Prise Übernatürliches, die ihre Werke so wundervoll garnieren und beispielsweise auch mir schon häufig Trost spendeten.

Eine Anthologie an Kurzgeschichten, nun, so etwas ist mir bislang von der Autorin noch nicht untergekommen. Für mich als begeisterter Leser von Kurzgeschichten eigentlich ein Unding, denn von Banana Yoshimoto sind auch in Deutschland mehrere Anthologien erhältlich. Mit "Erinnerungen aus der Sackgasse", eine Anthologie, die in Japan auf den Titel "Deaddoendo no omoide" hört und nahezu 1:1 übersetzt wurde (was bei deutschen Titel oftmals unüblich ist), kam ich endlich in den Genuss von Banana Yoshimoto in kurzer Prosa. Die Sammlung, die in Japan bereits im Jahr 2003 erschienen ist, umfasst fünf völlig unterschiedliche Kurzgeschichten von genau so unterschiedlicher Länge. Bereits wenn man das Buch aufschlägt, wird einem sofort die etwas ungewöhnliche Widmung der Autorin ins Auge fallen. Diese ist nämlich Fujiko F. Fujio (1933-1996), dem Doraemon-Schöpfer, gewidmet. Im Anbetracht der Tatsache, wie populär der mechanische blaue Kater in Japan ist, ist die Widmung vielleicht eher für westliche Leser ungewöhnlich.

Die erste Geschichte "Das Geisterhaus" könnte beim Leser rein vom Titel her falsche Erwartungen wecken. Hier könnte man nämlich glatt eine Gruselgeschichte erwarten. Fans der Autorin wissen natürlich, so einfach macht es sich Banana Yoshimoto nicht. Die Geschichte handelt stattdessen von zwei jungen Menschen, die sich, praktisch gesehen, gesucht und gefunden haben, aber anscheinend dennoch keine romantischen Gefühle füreinander hegen. Wie in den Geschichten von Banana Yoshimoto aber üblich, so ist der Titel hier nicht aus einer Laune heraus gewählt. Das sogenannte "Geisterhaus" spielt in der Geschichte eine zentrale Rolle und auch die typisch japanische art, über den Tod und paranormale Ereignisse zu reden, kommt in dieser Kurzgeschichte wieder einmal gut zur Geltung. "Das Geisterhaus" dürfte auch für neue Leser der Autorin ein guter Einstieg in ihre Welt sein. Die von mir bereits erwähnte Leichtigkeit und die Trost spendenden Elemente sind hier vorhanden und sind richtungsweisend dafür, wenn man vor hat, sich auch mal die Romane der Autorin vorzunehmen.


"Sieh mal, in Friedenszeiten, mit genug Geld und Zeit, ist es keine große Kunst, ein sanftmütiger, großherziger Mensch zu werden, meinst du nicht auch? Und genau so wäre es in meinem Fall: Wenn alles so bleibt, wie es ist, wäre das eine Gutmütigkeit nur in guten Zeiten. Und dadurch würde ich letztlich etwas Hässliches, Dunkles in mir heranzüchten. Oder mein Leben würde möglicherweise verstreichen, ohne, dass ich etwas anderes als diese oberflächliche Gutmütigkeit erreicht hätte. Aber gerade weil ich schon von Natur aus ein großherziger Mensch bin, möchte ich möglichst daran weiterarbeiten, diese Qualität weiter ausbilden. Und nicht die dunkle Seite davon."


Bei der deutschen Ausgabe fungierte erneut nicht Thomas Eggenberg, sondern die Japanologin Annelie Ortmanns. Die erfahrene Übersetzerin dürfte besonders Lesern von Haruki Murakami noch bekannt sein. Wie immer wurde hier direkt aus dem Japanischen übersetzt und trotz verschiedener Übersetzer bei den vergangenen Veröffentlichungen wurde der klare und verständliche Stil von Banana Yoshimoto beibehalten. Erneut werden exotische Begriffe aus der japanischen Kultur kurz am Ende einer Seite erklärt.

Am Ende überrascht die Autorin noch mit einem kurzen Nachwort. Dort geht sie direkt auf die Leser ein und fragt, ob sie die hier abgedruckten Geschichten wohl genau so traurig finden, wie sie sie selbst empfindet. Eine interessante Fragestellung. Wie bereits zu Beginn meiner Besprechung erwähnt, so empfinde ich persönlich die Geschichten der Autorin als melancholisch, aber nicht traurig. Banana Yoshimoto erfasst auch in diesen fünf Kurzgeschichten ihr zentrales Thema, was all ihre Geschichten begleitet, dennoch liest sich jede Kurzgeschichte völlig anders. Ich will nun nicht auf jede Geschichte eingehen, da jede einzelne exakt die perfekte Länge besitzt, sich selbst mit ihr zu befassen. Insofern ist diese Anthologie (die wie bei den Romanen der Autorin weder zu lang noch zu kurz ist) sehr wohl eine gute Gelegenheit, zu prüfen, ob man sich der Meinung von Banana Yoshimoto im Nachwort anschließt oder nicht.



Resümee

"Erinnerungen aus der Sackgasse" ist das perfekte Buch für einen sommerlichen Abend im freien (sei es im Park, auf der Veranda oder gar auf dem Balkon). Dazu am besten ein Glas gekühlten Weißwein und wenn einfach alles passt, sich auch noch von einer angenehmen Brise berieseln lassen. Bereits in der ersten Geschichte wird man mit der Vokabel "Sackgasse" konfrontiert. Glücklicherweise verläuft sich keine der Kurzgeschichten in eine Sackgasse. Die Anthologie wird nicht nur für langjährige Leser der Autorin interessant sein, auch Leser, die sich an das Werk von Banana Yoshimoto herantasten wollen, bekommen hier den wohl perfekten Einstieg geboten. Würde ich also hier eine Rubrik fürs optimale Sommerbuch eröffnen, dann würde ich "Erinnerungen aus der Sackgasse" sehr weit nach oben setzen.


Für Leute, die genau so interessiert sind am Covermotiv des Bandes wie ich: Der titel lautet Tokyo Parrots und stammt von dem Fotograf Yoshinori Mizutani.




(By Yoshinori Mizutani)

Dienstag, 4. Juli 2017

Rezension: Moshi Moshi (Banana Yoshimoto)


(Foto: © Jayne Wexler)




Japan 2010

Moshi Moshi
Originaltitel: Moshi-moshi Shimokitazawa
Autorin: Banana Yoshimoto
Verlag: Diogenes (Besprochen wird hier die Taschenbuchausgabe)
Übersetzung: Matthias Pfeifer
Genre: Slice of Life




"Warum sollte ich meine eigenen vier Wände, in denen sich nur wenige Dinge von mir befanden, mit meiner Mutter teilen? Das war irgendwie unnatürlich. Ich hatte mir alles für meinen Liebsten in spe so schön ausgemalt. Nicht zusammenwohnen, sondern nur gelegentliche Übernachtungen; noch dazu wollte ich mich auf meine Arbeit konzentrieren und in meinem eigenen Rhythmus leben.
Eigentlich hätte ich, wenn es mir wirklich ernst mit meiner Selbstständigkeit gewesen wäre, zornig werden müssen, ihr böse Worte an den Kopf werfen und sie aus meiner Wohnung jagen sollen. Wäre ich ihr Sohn gewesen, hätte ich das bestimmt gemacht.
In dem Moment stützte meine Mutter die Ellbogen auf den Tisch, legte ihren Kopf in die Hände und blickte wie ein kleines Mädchen versonnen auf die regenverhangene Chazawa-Straße.
Dieser Anblick gab mir einen Stich ins Herz.
Alle Argumente, die mir durch den Kopf tobten, waren auf einmal wie weggewischt. Keine Worte konnten deutlicher ihren Wunsch ausdrücken, bei mir zu bleiben, als diese Pose. Das war nicht die Haltung einer erwachsenen Frau. Um sie lag ein Schleier, flüchtig wie ein Traum. Es war der Schleier, der eine besorgte junge Frau umgibt, ein Schleier aus Hoffnung und Einsamkeit."
(Moshi Moshi: Banana Yoshimoto. Verlag: Diogenes. Übersetzung: Matthias Pfeifer)


"Moshi Moshi" sagen die Japaner fast immer, wenn sie ein Telefonat beantworten. Dabei ist es etwas vielschichtiger als unser gewöhnliches "Hallo", der Sinngehalt aber durchaus vergleichbar. Der japanische Titel von Banana Yoshimotos Roman fügt dem "Moshi Moshi" sogar noch etwas hinzu - "Shimokitazawa". Für deutsche Leser wäre der Titel vermutlich etwas lang gewesen und nur die wenigsten hätten mit diesem Wort etwas anfangen können. Auch mir war der Name fremd, wird man im Buch aber relativ schnell aufgeklärt. Bei "Shimokitazawa", auch "Shimokita" von den Einwohnern genannt, handelt es sich um ein Stadtviertel in Setagaya, Tokyo. Bekannt ist das Viertel für Lokalitäten wie Bars, Cafes oder auch Musik. In diesem etwas illustrem Viertel ist Banana Yoshimotos Roman angesiedelt. Mit knapp 300 Seiten gehört "Moshi Moshi" außerdem zu den umfangreicheren Werken der Japanerin. Und wieder einmal ist Banana Yoshimoto in dieser Geschichte etwas außergewöhnliches gelungen, sie macht den tristen Großstadtroman zu einem Erlebnis. Kann Tokyo mit Fernweh verbunden werden? Diese geschäftige, überfüllte, niemals schlafende Stadt. Mit Shimokitazawa scheint dieses wundersame Viertel in der einsamen Weltstadt zu existieren. Ein Slice of Life Roman über das Erwachsenwerden, dem Leben in einer Gemeinschaft und einer großen Menge an Kultur.

Erzählerin der Geschichte ist die zwanzigjährige Yoshie (von Freunden und Familie "Yotchan" genannt). Beinahe beiläufig erzählt sie, ihr Vater, der Keyboarder einer recht bekannten Rockband, habe Selbstmord begangen. Selbstmord begangen gemeinsam mit einer weit entfernten Verwandten, die weder Mutter noch Tochter kannten. Tod durch Erstickung, ein natürlicher Tod ohne Fremdeinwirkung, inklusive eindeutiger Beweise am Ort des Geschehens. Dennoch ranken sich um den Tod des Vaters noch immer viele Geheimnisse, so soll Yotchans Vaters wohl schon vorher von besagter Frau mit Schlafmittel gefügig gemacht worden sein. Obwohl die beiden von dem lockeren Lebensstil des Vaters/Ehemannes wussten, gaben sie ihm seine Freiheiten, selbst eine Affäre hätte man wohl unter den Lastern eines Musikers verbucht. Der überraschende wie rätselhafte Tod des Vaters warf Yotchan und ihre Mutter gleichermaßen in ein tiefes Loch. Die Tochter hielt es nicht mehr aus und zog aus dem gemeinsamen Apartment aus um auf eigenen Beinen zu stehen. In Shimokitazawa, in einer etwas modrigen, kleinen Wohnung, lebt Yotchan nun losgelöst von der Vergangenheit in direkter nähe zu ihrem neuen Arbeitsplatz. Ihr Leben beginnt noch einmal von neuem. Die Freude über die Unabhängigkeit hält so lange an, bis Yotchans Mutter eines Abends vor ihrer Tür steht und ihr mitteilt, dass sie für einige Zeit gerne bei ihr wohnen wolle. Für die beiden Frauen beginnt ein neuer Lebensabschnitt in einem schillernden Viertel in der Großstadt Tokyo.

Wie ich es von Banana Yoshimoto gewohnt bin, so zog mich die Geschichte von Seite 1 an in ihren Bann. Habe ich kürzlich noch eine Kolumne über die Startschwierigkeiten eines Romans berichtet, so ist es eine Eigenart der japanischen Literatur, schon zu Beginn an zum Punkt zu kommen (ausgenommen sind hier die bereits in der Kolumne angesprochenen Light Novels, die allesamt ihre eigenen Probleme mit sich bringen). Yotchans Vergangenheit ist schnell erzählt, der Leser weiß sofort, in welche Richtung die Geschichte einschlagen wird. Es gibt keinen langwierigen Prolog, das zentrale Thema rund um den Verlust eines geliebten Menschen bleibt aber ein enorm wichtiges Element in "Moshi Moshi". Der Titel , eine Liebeserklärung an ein Stadtviertel, funktioniert aber auf mehreren Ebenen. Es ist die persönliche Geschichte einer jungen Frau, die sich uns, den Lesern, offenbart. Dies passiert, in typischer Banana Yoshimoto Manier, auf eine sehr charmante weise.

Dabei erfindet die Autorin sich hier selbst nicht neu. Routinierte Leser könnten sogar behaupten, es gäbe in ihren Geschichten nur selten eine Weiterentwicklung. Bereits vor einigen Jahren schrieb ich in einer anderen Kolumne darüber, dass dieses Merkmal auch auf andere bekannte japanische Autoren wie zum Beispiel Haruki Murakami oder Yoko Ogawa zutrifft. Der gewohnte Schreibstil und der gewohnte Aufbau der Geschichten inklusive der Einführung der bekannten Themen sehe ich aber als ein Stilmittel. Ich weiß, was mich erwartet wenn ich einen Roman dieser Autoren lese. Und doch werde ich immer wieder gleichermaßen auch überrascht. Dies sind Aspekte, die Leser der japanischen Literatur eher schätzen als diese als tatsächlichen Kritikpunkt zu betrachten.

Für die Übersetzung aus dem Japanischen war diesmal nicht Thomas Eggenbert verantwortlich. Für die Übersetzung von "Moshi Moshi" übernahm Matthias Pfeifer das Szepter. Den flüssigen, bildhaften Stil von Banana Yoshimoto hat auch er in eine schöne deutsche Sprache übertragen. Die Übersetzung knüpft von der Qualität her nahtlos an andere Werke an, die der Diogenes Verlag veröffentlicht hat (Ihre Nacht, Lebensgeister und so fort).




Resümee

"Moshi Moshi" ist eine ruhige Geschichte, die, wie bei Banana Yoshimoto üblich, Sehnsüchte weckt und gleichzeitig Trost spendet. Dabei spielt der Tod auch in dieser Geschichte wieder einmal eine wichtige Rolle. Zu keiner Zeit driftet der Roman aber in gefühlsduseligen Kitsch oder gar Esoterik ab. Die Art und Weise, auf spektakuläre Momente oder waghalsige Wendungen zu verzichten, aber dennoch eine emotionale, aufwühlende Geschichte zu erzählen, dies macht Banana Yoshimotos Stil aus. Tod und Leben reichen sich in "Moshi Moshi" die Klinke und beides geschieht auch noch in einer kraftvollen Harmonie. Ein starker Roman über Neuanfänge mit der typischen Yoshimoto-Magie.



Shimokitazawa in Tokyo: Gefunden bei Wayfaring Minimalist. Wissenswertes zum Viertel befindet sich in englischer Sprache im Link.

Donnerstag, 23. März 2017

Rezension: Lebensgeister (Banana Yoshimoto)


(Foto: © Jayne Wexler)




Japan 2011

Lebensgeister
Originaltitel: Sweet Hereafter
Autorin: Banana Yoshimoto
Verlag: Diogenes
Übersetzung: Thomas Eggenberg
Genre: Drama, Slice of Life



"Das benachbarte Apartmenthaus war so dicht an meine >>Villa<< herangebaut, dass sich vor dem seitlichen Fenster meines Zimmers eine Wand befand. Neugierig streckte ich den Kopf hinaus. Schräg gegenüber war ein Fenster. Von dort hörte ich winselnde Schreie, wie von einer Katze. Unwillkürlich dachte ich, jetzt hat dich die Geisterwelt wieder. Ich lauschte mit angehaltenem Atem. Es waren aber nur die Laute eines Paares, das sich miteinander vergnügte. Ob in Wirklichkeit oder in einem Porno, wusste ich nicht. Eine Frau stöhnte und keuchte heftig. Gedankenverloren hörte ich dem Treiben zu und fühlte mich auf einmal einsam. Nicht nur mein inneres Sträuben gegen zu viel körperliche Nähe - auch dass die Schreie keinerlei Lust weckten, ließ in mir meine Verlassenheit umso deutlicher bewusst werden. Nachts allein am Fenster zu stehen und ins Dunkel hinauszustarren - wie traurig ist das denn?, flüsterte ich vor mich hin. Die Traurigkeit schien geradezu physisch in mich einzudringen."
(Lebensgeister: Banana Yoshimoto. Verlag: Diogenes. Übersetzung: Thomas Eggenberg)



Liest man sich die Inhaltsangabe von Banana Yoshimotos verträumten Kurzroman "Lebensgeister" durch, könnte so mancher Leser, unvertraut gegenüber der Autorin und der japanischen Literatur an sich, denken, hier handle es sich um ein Werk welches in die Richtung Paulo Coelho trifft "Ghost - Nachricht von Sam" geht. Doch weder ist "Lebensgeister" entspanntes flanieren auf der Esoterik-Meile, noch wartet in der Mitte des Buches Whoopi Goldberg auf den verunsicherten, vielleicht sogar verstörten Leser und überbringt der nicht minder verdutzten Protagonistin der Geschichte Nachrichten ihres verstorbenen Lovers. Nein, "Lebensgeister" schlägt tatsächlich in eine ganz andere Kerbe. Hier handelt es sich um einen feinen, kurzen Roman, wie er nur aus Japan kommen kann. Oder, noch besser, wie ihn vermutlich nur Banana Yoshimoto schreiben kann. Irgendwo mal wieder angesiedelt zwischen der realen Welt, der Welt des Traumes und der Welt der Toten, da wandelt ihr 2011 in Japan veröffentlichter Roman "Lebensgeister", der in seinem Heimatland unter dem Titel "Sweet Hereafter" bekannt ist. Eine kleine Rarität, dass die Autorin hier einen komplett englischen Titel verwendet hat. "Lebensgeister" berichtet von dem Verlust eines geliebten Menschen, den Start in ein neues Leben und ganz besonders: Fernweh und Sehnsüchte.

Lover Lover Lover

Mit jenem bekannten Song von Leonhard Cohen beginnt die Geschichte. Im Mittelpunkt steht die junge Sayoko, die nach einem Autounfall um ihr Leben kämpft. An einem wunderschönen Sommerabend in Kyoto kommen Sayo und ihr Partner von der Straße ab, ihr Auto überschlägt sich und wird über eine Uferböschung geschleudert. Sayo bemerkt, wie sich eine rostige Eisenstange in ihren Bauch gebohrt hat, sie verliert das Bewusstsein und bucht einen Kurztrip ins Jenseits. Dort angekommen trifft sie sogleich auf ihren geliebten Hund, der vor einigen Jahren verstorben ist. Kurz darauf kommt auch noch Sayos längst verstorbener Opa, ein zu Lebzeiten geselliger und offener Mensch, auf seiner Harley angebraust und nimmt seine Enkelin auf eine kleine Spritztour mit. Sayoko, die sich mit ihrem Ableben unlängst abgefunden hat und allmählich beginnt, sich mit dieser unwirklich schönen Welt zu arrangieren, bekommt von ihrem Großvater jedoch mitgeteilt, ihre Zeit sei noch nicht gekommen und sie müsse zurück in die Welt der Lebenden. Ihr Lebensgefährte jedoch, teilt ihr Großvater seiner Enkelin mit, der habe den schweren Unfall nicht überlebt. Wie aus einem Fiebertraum erwacht Sayoko im Krankenhaus. Von einer schweren Bauchwunde und tiefer Trauer über den Verlust ihres Lebensgefährten gezeichnet, beginnt für die junge Frau ein langer Weg der Rehabilitation in ein neues Leben. Nicht nur ihre körperlichen Wunden müssen heilen, auch ihre mentalen Wunden haben einen langen Weg der Heilung vor sich.

Mit gerade mal etwas über 150 Seiten ist "Lebensgeister" ein eher kürzeres Lesevergnügen, welches man sich vielleicht besser gut aufteilen sollte. Die Autorin ist sowieso nicht für ausufernd lange Romane bekannt. Der Leser wird nach der Lektüre aber feststellen, diese Geschichte hat keine Seite zu wenig und keine Seite zu viel. Die Geschichte von Sayo folgt nicht unbedingt einem roten Faden. Viel eher erinnert das Buch an eine Dokumentation, in der ein Team von Kameraleuten einer Person über einen Zeitraum von mehreren Tagen folgt und ihr tägliches Leben dokumentiert. Die übernatürlichen Elemente implementiert Banana Yoshimoto so elegant in ihre Geschichte, als würden sie zum ganz normalen Alltag der Menschen gehören. Sayo nimmt ihr Schicksal an und, obwohl sie es befremdlich findet, die Erscheinungen verstorbener Menschen zu sehen, so entwickelt sich relativ schnell eine Routine in ihrem Leben. Geschuldet ist diese Unbekümmertheit unter anderem auch ihrer Nahtoderfahrung.


"In dem Moment, als mir bewusst wurde, dass es auch für mich kein Entkommen gab, dass ich weder entkommen konnte noch wollte, verstand ich zum ersten Mal den Sinn jener Worte: Du hast den Nabel verloren. Die Vertrautheit mit dem Tod ähnelt stark dem Gefühl, das dich nachts in einer Herberge überfällt, am Ziel deiner Reise, mutterseelenallein, und du hast vergessen, woher du eigentlich gekommen bist."(Lebensgeister: Banana Yoshimoto. Verlag: Diogenes. Übersetzung: Thomas Eggenberg)


Die üblichen Themen, die man in den Romanen von Banana Yoshimoto findet (Melancholie, Einsamkeit, Sehnsüchte), die findet man natürlich auch in "Lebensgeister" wieder. Anders aber als in, beispielsweise, "Ihre Nacht", ein Roman, der mir das ein oder andere Problem bereitete, wirkt "Lebensgeister" strukturierter, durchdachter und verzichtet auf komplizierte Beziehungen unter den Charakteren. Was aber nicht bedeutet, dass es in "Lebensgeister" keine interessanten Charaktere gibt. Sayoko selbst war mir auf Anhieb sympathisch. Nach dem Tod ihres Lebensgefährten ist es für sie beinahe noch unmöglich, an eine neue Beziehung zu denken. Dennoch gibt es zwei Männer in ihrem Leben, zu denen sie sich seit dem Tod ihres Partners hingezogen fühlt. Der emotionale Barbesitzer Shingaku mit seinem Okinawa-Temperament, der emotional relativ nah am Wasser gebaut zu sein scheint, und der homosexuelle, ebenfalls Bar-Besitzer, Ataru, mit dem Sayoko praktisch durch einen Zufall Bekanntschaft macht. Anders als es einige Leser aber erwarten würden, entsteht hier keine Dreiecksbeziehung mit viel Drama und Kitsch. Die Charaktere interagieren stattdessen viel natürlicher untereinander. Sie alle wissen, eine Liebesbeziehung zu Sayo könnte ihre Bindung zur jungen Frau komplett zerstören. Genau aus diesen Gründen wirken die Protagonisten der Geschichte menschlich und man kann sich gut in sie hineinversetzen.

Auch die Übersetzung ist einmal mehr eine separate Erwähnung wird. Fand ich die Übersetzung von Thomas Eggenberg in "Ihre Nacht" noch ein wenig befremdlich damals, so habe ich mich, auch rückblickend gesehen, sehr mit den Übersetzungen des Schweizers angefreundet. Nicht nur liest sich die Übersetzung sehr flüssig in einer leicht verständlichen, lockeren Ausdrucksweise, auch sind etliche interessante Anmerkungen des Übersetzers zu Referenzen aus dem Bereich Kultur und Popkultur enthalten, die die Leser durch die Geschichte führen.



Resümee

"Lebensgeister" ist Banana Yoshimotos Liebeserklärung an Kyoto. Man kann ihre Leidenschaft und Verehrung dieser magischen Stadt der Tempel gegenüber auf jeder Seite spüren. Das Schicksal von Sayoko ist eng an diese Stadt gekoppelt. So viele unvergessliche Erinnerungen haften an diese Stadt. Diese Magie hat sich auch automatisch auf mich übertragen. Manche Szenen hatte ich regelrecht bildlich vor mir.

Letztendlich bleibt nicht mehr viel zu schreiben. "Lebensgeister" hat mich in den Stunden, in denen ich in das Buch eintauchte, vollkommen für sich eingenommen und mir bleibt kaum etwas anderes übrig, als mich zu wiederholen: So ein Roman, der kann nur aus Japan kommen. Alles, was die japanische Literatur so einzigartig macht, diese ganze Quintessenz, die ist in "Lebensgeister" enthalten.
Es ist eine Geschichte, die mit Leonard Cohen beginnt und mit dem Eröffnungslied zur Anime-Serie "Takarajima" (die älteren Lesern meines Blogs vermutlich als "Die Schatzinsel" bekannt ist) schließt. Ein wundervolles, rundes Ende, wonach sich selbst so manches Schwergewicht der Weltliteratur noch sehnt.






Mein bester Dank geht an Andrea von "Lohnt das Lesen", die mir "Lebensgeister" zur Verfügung gestellt hat.

Sonntag, 2. Februar 2014

Banana Yoshimoto: Ihre Nacht (Rezension)






Japan 2008

Ihre Nacht
Autorin: Banana Yoshimoto
Originaltitel: Kanojo ni tsuite
Erscheinungsjahr: 2008 (Japan), 2012 (Deutsch, Diogenes)
Übersetzung: Thomas Eggenberg
Genre: Familiendrama, Mystery


"Zum Beispiel, wie Shoichi sich langsam verändert; wie jedes Mal, wenn wir uns berühren, und mit jedem Tag die Glut von neuem und immer heftiger sich entfacht. Shoichi selbst nimmt es wohl kaum wahr, es ist nicht der Moment dafür. Er kommt mit vor wie leicht beschwipst. Ich verstehe ihn ja, er hat eine anstrengende Zeit hinter sich und gönnt sich jetzt ein wenig Abwechslung, ein wenig Urlaub. Ohne Verpflichtungen und ohne Telefoniererei, ohne allzu viele Gedanken an das, was kommen wird, fern von der wirklichen Welt.
Natürlich hat unser gemeinsames Abenteuer für mich eine ähnliche Bedeutung. Zwar weiß ich, wie es um mich steht, mit geradezu brutaler Sicherheit kann ich sagen, dass es keine Zukunft gibt. Aber dennoch genieße ich den Urlaub und bin meinen Gönnern, Shoichi und seiner Mutter, dankbar dafür. Diese Reise ist ein Geschenk. Nicht zuletzt auch deshalb, weil ich mich allein nie auf dem Weg gemacht hätte, ja nicht einmal geahnt hätte, wie ungeheuer wichtig es mich für sein könnte.
Innerlich zur Ruhe kommen - das bedeutet weder betrübtes Alleinsein noch übertriebenes Fröhlichsein; vielmehr ist es so, wie wenn man an einem kalten Wintertag in der warmen Strube sitzt und in die Schneelandschaft hinausschaut, über der ein silberweißer Schleier liegt. Auch ohne Sonnenschein und Himmelblau fügt sich alles zu einem bezaubernden, harmonischen Ganzen." 
(Banana Yoshimoto, Ihre Nacht, Diogenes Verlag, in einer Übersetzung von Thomas Eggenberg)




 "Tokio wird immer mehr zu einer Stadt voller einsamer und isolierter Menschen. Aber ich versuche, immer noch etwas Hoffnung in meinen Büchern zu hinterlassen." (Banana Yoshimoto in einem Interview)

Gelangt man zum Ende von Ihre Nacht, so fällt es schwer, Banana Yoshimoto dieses Zitat zu glauben. Aber dieses Gefühl wird man nur im ersten Moment haben. Wie immer ist es eine Sache der Interpretation, wie man das Ende der Geschichte auffasst.

Die Bestsellerautorin zählt in ihrem Heimatland zu den populärsten und auflagenstärksten Autorinnen. Auch im Westen machte sie bereits vor vielen Jahren mit ihrem Werk Kitchen auf sich aufmerksam. Gerne wird Banana Yoshimoto (geboren als Mahoko Yoshimoto) von westlichen Kritikern mit Haruki Murakami verglichen. Was aber auch ein gewagter Vergleich ist, denn die beiden Autoren unterscheiden sich vom Stil her ziemlich. Was die Thematik und Atmosphäre angeht, so würde ich jedoch teilweise zustimmen.
Das Stilmittel von Banana Yoshimoto dürfte die stets düstere, geheimnisvolle Atmosphäre sein, die ihre Geschichten zeichnet. Diese Atmosphäre spiegelt sich in fast allen ihrer Werke wieder. Im Gegensatz zu Haruki Murakami, der gerne westliche Elemente in seine Geschichten einbaut, sind Frau Yoshimotos Geschichten aber durch und durch japanisch. Man muss einfach eine gewisse Kenntnis sowie auch ein wenig Verständnis gegenüber der japanischen Kultur und Denkweise mitbringen. Erst dann entfalten sich die Geschichten der Autorin zu einem wunderschönen Gemälde.

"Ihre Nacht" hat es mir aber dennoch zu Beginn schwer gemacht. Das Buch fängt an als ein flüssig erzähltes Familiendrama, besitzt einen Mittelteil, dem es manchmal sogar etwas an Elan fehlt. Das Ende ist jedoch so überraschend konzipiert, dass wohl kaum ein Leser mit den Auflösungen der Ereignisse in dieser art rechnen dürfte. So spielte anfängliche Ernüchterung und Begeisterung eine wichtige Rolle bei meinen abschließenden Gedanken, als ich die Lektüre schloss. In meiner Rezension versuche ich selbst noch einmal ein wenig über die Geschehnisse im Buch zu sinnieren.

Erzählt wird die Geschichte von Ich-Erzählerin Yumiko. Die Vergangenheit von Yumiko kann man nur als tragisch bezeichnen. Ihre Familie machte sich mit einem Geschäft für Feinschmecker Produkte einen Namen. Schnell floss das Geld und alle beteiligten führten fortan ein sorgloses Leben. Yumikos Mutter hingegen wurde stets gieriger. Immer mehr veränderte Yumikos Mutter sich und wurde noch gieriger, bis es sogar so weit ging, dass sie fragwürdige Seancen hielt, um mit Geistern zu kommunizieren. Diese Seancen sollten zur Folge haben, dass das Familiengeschäft fortan noch besser laufen sollte. Immer mehr driftete die fanatische Geschäftsfrau ab, bis es sogar einen Krach in der Familie gab und sie sich mit ihrer Teilhaberin und Zwillingsschwester für immer auseinanderlebte. Obwohl es Yumiko an nichts mangelte in ihrem Leben, bekam sie von ihrem Vater, der immer mehr den Fußabtreter seiner Frau spielte, nicht die Aufmerksamkeit, die sie sich wünschte. Der mental schwache Vater gehorchte seiner Frau aufs Wort. Bei der letzten Seance, die im Anwesen von Yumikos Eltern gehalten wurde, kam es zu einem dramatischen Ereignis als ihre Mutter endgültig den Verstand verlor. Jahre später, Yumiko ist bereits eine Erwachsene Frau, besucht sie auf einmal ihr Cousin Shoichi, der, den letzten Wunsch seiner verstorbenen Mutter erfüllend, Yumiko auffinden sollte. Erneut konfrontiert mit ihrer Vergangenheit nimmt die vom Weg abgekommene Yumi es noch einmal mit den Geistern vergangener Tage auf, denn irgendwann muss man sich diesen stellen. Für Yumi und Shoichi beginnt eine Reise, bei der das Ziel bisher noch unbekannt ist.

Einsamkeit, Isolation, Selbstfindung. Dies sind die Themen, die Banana Yoshimoto in ihrem Roman aufgreift. Protagonistin Yumiko hat eine schreckliche Vergangenheit hinter sich und konnte nicht ein einziges mal in ihrem Leben ruhe finden. Immer wieder verfolgten sie die Ereignisse aus ihrer Kindheit. Die rastlose und nachtaktive Yumiko (daher könnte der deutsche Titel rühren, der sich doch stark vom Originaltitel unterscheidet) lebt von einen Tag in den nächsten hinein. So richtig zuhause fühlt sie sich ebenfalls nirgendwo. Sie wurde von der Familie enterbt und führt ein Leben in völliger Bedeutungslosigkeit. All das soll sich aber ändern, als ihr Cousin Shoichi vor ihrer Tür steht, den sie zuletzt in ihrer Kindheit sah. Die Geschichte handelt von zwei sehr ungleichen Menschen. Ein Unterschied wie Tag und Nacht, könnte man sagen. Die Reise mit Shoichi wird für Yumiko zu einer Art Pilgerreise. Die Vergangenheit hält sie, je weiter sie kommen, immer mehr für einen schlechten Traum. In ihrer Vorstellung macht sich ein Anachronismus breit, der Yumikos gesamte Vergangenheit in einen Nebel hüllt.

Als Leser nahm ich natürlich an Yumikos Reise teil. Als schweigsamer Begleiter ging ich gemeinsam mit ihr an all die verschiedenen Orte aus ihrer Vergangenheit.
Banana Yoshimotos Schreibstil ist leicht und verständlich, sogar recht locker. Für eine Autorin, die in den Sechzigern geboren ist, kann sie sich noch sehr gut in eine Frau in ihren Zwanzigern hineinversetzen. Als eher lästig empfand ich jedoch, wie oft Yumiko regelrecht in einem Meer aus Selbstmitleid zerfloss. Obwohl Yumi jedes Recht dazu hat, hätte die Autorin hier und da etwas sparsamer damit umgehen können.
Wie ich bereits zu Beginn der Rezension erwähnt habe, fehlt es dem Mittelteil an echten Höhepunkten. Man könnte sagen, die Geschichte plätschert wie ein kleiner Bach, in einer abgelegenen Gegend von Kyoto, ein wenig vor sich hin. Was jetzt nicht bedeutet, die Geschichte würde dadurch langweilig werden. Die Seiten blättern sich zu jeder Zeit im Buch leicht und locker um. Allerdings fragt man sich irgendwann, ob "Ihre Nacht" auf etwas bestimmtes hinausläuft. Ob dieser Roman überhaupt ein Ziel hat. Doch dann kommt auf einmal das Ende, und man ist ganz regelrecht sprachlos

Die Übersetzung von Thomas Eggenberg ließt sich ebenfalls flüssig und ist mit interessanten Randbemerkungen versehen (Kudos für die Biohazard/Resident Evil Anmerkung). Die wurden sehr sparsam hinzugefügt und immer genau passend gewählt.


Resümee

Obwohl sich "Ihre Nacht" so leicht ließt, bleibt am Ende sogar ein recht schweres Werk zurück.
Neben bereits besprochenen Themen wie Einsamkeit und Isolation spielt auch das Thema um Liebschaften in der eigenen Familie keine unwichtige Rolle. Auch der Leser wird hier eine Achterbahn der Gefühle miterleben. Nach einem mehr als soliden Auftakt folgt ein etwas [zu] ruhiger Mittelteil um jeden Leser anschließend am Ende durch den Looping zu schießen. 

Banana Yoshimoto hat, und da muss man "Ihre Nacht" loben, einen sehr geheimnisvollen Großstadtroman geschrieben, der irgendwo zwischen düsterer Wirklichkeit und Traum wandelt. Die Thematik ist ernst und macht nachdenklich, die Protagonistin hingegen scheint sich, glaubt man ihren Worten, gar nicht mehr in der Realität zu befinden. Die wirklich sehr pessimistische Protagonistin öffnet sich dem Leser nur spärlich und doch kann man ungefähr erahnen, wie ihr Leben bis zu dem Auftauchen ihres Cousins bisher abgelaufen sein muss. Die Pessimisten unter uns werden die Geschichte wohl nicht als hoffnungsvoll erachten, die Optimisten dagegen werden bestimmt jene Hoffnung aus Banana Yoshimotos Buch angeln, von der sie am Anfang dieser Rezension gesprochen hat. Als Lektüre für die Nacht eignet sich ihr Roman bestens und sollte von Freunden der japanischen Literatur unbedingt mal näher betrachtet werden.


Abschließen möchte ich diese Besprechung mit einem Song, der nicht nur den Originaltitel des Romans enthält, sondern auch noch sehr gut zur Stimmung der Geschichte passt.


Malcolm McClaren - About Her