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Dienstag, 16. Oktober 2018

Rezension: Tsugumi (Banana Yoshimoto)

(Foto: Aufziehvogel)



Japan 1989

Tsugumi
Originaltitel: TUGUMI
Autorin: Banana Yoshimoto
Verlag: Diogenes
Übersetzung: Annelie Ortmanns
Genre: Coming of Age, Slice of Life



Zu Tsugumi könnte ich einen einzelnen Satz schreiben, der all meine Gedanken zusammenfasst. Dieser würde wohl so lauten: "Tsugumi ist eine wundervolle Geschichte, die kein Bücherfreund verpassen darf". Ende der Rezension. So einfach kann man es sich manchmal machen. Aber so einfach geht es dann noch nicht, denn mit einem einzigen Satz kann man diesen Roman interessierten Lesern wohl nicht zugänglich machen. Ich versuche also den mittellangen Weg zu gehen, um dieses Frühwerk von Banana Yoshimoto etwas besser zu erklären.

Genau wie "Kitchen" ist Tsugumi ein Frühwerk der Autorin, welches ich vorher noch nicht gelesen hatte, es aber eine unverschämt lange Zeit auf meine Leseliste stand. Von 1986 bis 1989 verfasste Banana Yoshimoto in Japan Romane, die unglaublich gut ankamen und sie über Nacht zu einer gefeierten Autorin machten. In nur drei Jahren schaffte es die junge Mahoko Yoshimoto, mit anfang 20, Japans Gegenwartsliteratur komplett aufzumischen. Natürlich kennt man sie heute am besten unter ihrem Pseudonym Banana Yoshimoto. Heute ist die Autorin 54 Jahre alt und blickt mit einem Nachwort in vieler ihrer Romane immer mal wieder auf die Vergangenheit zurück. Tsugumi war ein Roman, der bei der japanischen Presse nicht gut ankam. Man warf der Autorin Ideenlosigkeit vor und stempelte die Geschichte schnell als sentimentalen Kitsch ab. Wenig überraschend, war der Erfolg von Banana Yoshimotos vergangenen Werken noch zu frisch und die kritischen Stimmen zeigten wenig Wirkung. Relativ schnell nach der Veröffentlichung verfilmte der mittlerweile verstorbene Filmemacher Jun Ichikawa (adaptierte 2004 Haruki Murakamis Kurzgeschichte Tony Takitani) Tsugumi. Dies verschaffte dem Roman noch einmal einen zusätzlichen Schub an Popularität.

Tsugumi wäre ohne die prägnante Protagonistin wohl wirklich genau das, was die Kritiker damals bemängelten. Aber die titelgebende Protagonistin ist es, die aus einer gewöhnlichen Coming of Age Geschichte etwas zaubert, was den Lesern in Erinnerung bleiben wird. Ein Blick ins kurze Nachwort verrät bereits wichtige Details über die Entstehungshintergründe. Die Autorin beschreibt darin, dass diese Geschichte sehr wohl einige autobiografische Elemente besitzt. Beinahe beiläufig erwähnt sie, Tsugumi, die titelgebende Romanfigur, sei niemand anders als sie selbst.

Doch wer genau ist Tsugumi? Der Roman beginnt mit ihrem Namen, sie ist praktisch allgegenwärtig, allerdings ist Tsugumi nicht die Erzählerin der Geschichte. Die Ich-Erzählerin ist Maria Shirakawa. Schon nach wenigen Sätzen ist ihre Freundin aus Kindheitstagen beschrieben. Tsugumi ist ein kränkliches, schwaches Mädchen, bestraft mit einer kurzen Lebenserwartung. Wie eine wunderschöne Puppe soll das Mädchen aussehen. Allerdings ist Tsugumi auch ein freches, unverschämtes Biest, was sich gerne in den Mittelpunkt stellt, Streiche spielt, Jungs falsche Hoffnungen macht und respektlos gegenüber sämtlichen Erwachsenen ist. Und dennoch entwickelt sich zwischen den beiden charakterlich sehr unterschiedlichen Mädchen, die auf der idyllischen Halbinsel Izu leben, eine tiefreichende Freundschaft, die noch über viele Jahre andauern sollte.

In ihrer ganz speziellen art, mit viel Melancholie, Fern- wie aber auch Heimweh zu beschrieben, erzählt Banana Yoshimoto sehr feinfühlig diese sehr japanische Geschichte. Ihre sympathische Schreibweise, doch auch die stets präsenten schnippischen Bemerkungen findet man als langjähriger Leser, der vielleicht mit den Frühwerken der Autorin nicht so ganz vertraut ist, auch hier direkt wieder. Wie viele andere Romane von Banana Yoshimoto haftet Tsugumi eine tröstende Wirkung an. Eine Geschichte dieser Gattung könnte oftmals dazu neigen, penetrant auf die Tränendrüse zu drücken, doch diese Hürde hat Banana Yoshimoto schon damals perfekt gemeistert. Mit unter 200 Seiten ist die Geschichte wie immer sehr kompakt gehalten, aber genau hier liegt wieder einmal auch die eigentliche Stärke. Alles ist an seinem Platz und genau da, wo es hingehört. Keine Silbe ist zu viel und kein Kapitel überflüssig.



Resümee

Da es bei mir im privaten Leben selbst derzeit turbulenter zur Sache geht, war "Tsugumi" für mich ein kleiner Ort der Zuflucht und Ruhe. Ich konnte auf die Insel Izu fliehen und dem Meer lauschen. Banana Yoshimoto schafft es beeindruckend, diese simplen Empfindungen in Worte zu fassen und es ist beinahe so, als könne man die frische Meeresbrise fühlen. Es war ein Ausflug mit einem kurzen Aufenthalt, aber ich blicke sehr gern darauf zurück.

Wie immer gibt es keinen perfekten Einstieg für das literarische Werk von Banana Yoshimoto. Tsugumi eignet sich als Start genau so hervorragend wie jede andere Geschichte der Autorin. Da hier übernatürliche Elemente eine eher untergeordnete Rolle spielen, ist Tsugumi vielleicht sogar ihr zugänglichstes Werk. In diesem Sinne: Tsugumi ist eine wundervolle Geschichte, die kein Bücherfreund verpassen darf!




Mein Dank für das Leseexemplar geht an Andrea von "Lohnt das Lesen" :)

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