Archiv: Rezensionen zu Literatur und Film

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Freitag, 26. März 2021

Rezension: Der große Sommer (Ewald Arenz)

 





Deutschland 2021


Der große Sommer
Autor: Ewald Arenz
Veröffentlichung: 26.03.2021
Genre: Coming of Age Roman
Format: Hardcover, E-Book


"Ich war in einger ganz eigenen Stimmung, wie ich sie vorher noch nicht erlebt hatte. Die halbe Nacht hatte ich an Beate gedacht und war früh aufgestanden. Dann die Urlaubsaufregung der anderen, ihre Abfahrt und ich allein an diesem ersten Ferienmorgen. Es war ein Gefühl wie ... als wäre man ein Instrument, das gestimmt wurde. Sechs Saiten. Aufregung. Verliebtheit. Angst vor dem Sommer. Freude am Sommer. Sich bei Nana zu Hause fühlen. Sich in Großvaters Haus verloren fühlen. Die Töne stimmten noch nicht. Aber da drin geschah irgendwas. Ich hörte Nana weiter zu."


Ich denke, ob bewusst oder unbewusst, waren wir alle schon einmal nach ihnen auf der Suche. Entweder nach der Murakami-Frau (oder Mann) oder aber diesen einen perfekten Sommer. Oder auf der Suche nach beidem. Das eine schließt das andere nicht aus denn dieser eine große Sommer ist eigentlich immer mit der ersten großen Liebe verbunden. Dieser einzigartigen Verliebtheit, die einen um den Schlaf bringt. Ich muss nur den Titel des neuen Romans von Ewald Arenz verinnerlichen: "Der große Sommer". Ich gehe tief in mich und muss überlegen, ihn je erlebt zu haben. Meine Generation kann man wohl als Zwischending ansehen. Geboren 1987 bin ich weder ein Kind der 80er, aber auch kein richtiges Kind der 90er. Leute, die am Ende eines Jahrzehnts geboren werden durchleben irgendwie alles und nichts. In dem Sinne sehe ich mich als Zwischending wo Technik wie Handys und das Internet langsam anfingen, das Leben der Menschen zu beeinflussen. Aber Sommer für mich noch immer bedeute, draußen eine gute Zeit mit Freunden zu haben. Und mit etwas Glück mit Mädchen über Dinge zu quatschen, die nicht in typisches "Ihr Jungs seid so doof" ausarteten. Der Protagonist in "Der große Sommer" muss sich mit zumindest mit der Technik noch nicht befassen. Friedrich (von seinen Freunden Frieder genannt) ist 16 Jahre alt und die Geschichte spielt zu Beginn der 80er. Da waren Begriffe wie Handys und Internet in Deutschland noch sehr weit entfernt. Aber mit 16 hatte man auch in den 80ern halt andere Probleme und vermutlich war man damals noch mehr als heute auf der Suche nach diesem einzigartigen, einmaligen Sommer und der ersten großen Liebe.

Der große deutsche Coming of Age Roman ist in der heutigen Zeit nicht mehr ganz so präsent. Die meisten Stories dieser Art bei neueren Romanen haben zu häufig auch noch historische Bezüge und die Teenager-Probleme des Protagonisten, seine Sorgen, Ängste und Gefühle sind dabei dann eher zweitrangig. Eine Rückkehr zu diesem klassischen Coming of Age Roman, wo wir als Leser zurück in unsere eigene Jugend katapultiert werden, weil wir uns, in welcher weise auch immer, mit den Figuren im Buch verbunden fühlen, ist Ewald Arenz hier mit absoluter Brillanz gelungen. Arenz, 1965 geboren (und wenn ich mich zurecht zurückerinnere, das gleiche Jahr, in dem auch der Protagonist in seinem neusten Roman geboren ist), gilt zumindest als Schriftsteller (denn er ist auch noch als Bühnenautor für das Theater aktiv) trotz all der Erfolge bei vielen Lesern noch als Geheimtipp, obwohl der Lehrer aus dem Süden Deutschlands eine mehr als beachtliche Vita vorzuweisen hat. Ich selbst bin erst durch den zuletzt veröffentlichten Roman "Alte Sorten" (2019) auf ihn aufmerksam geworden. Und ganz selten vermochte es ein deutschsprachiger Autor bisher, mich so sehr von seinem Schreibstil einfangen zu lassen. Wer meinen Blog verfolgt, der weiß, ich befasse mich hier zum größten Teil mit Literatur aus dem asiatischem Raum. Aber in den vergangenen Jahren haben es auch immer wieder sehr gelungene Romane aus dem Raum Deutschland/Schweiz zu mir geschafft.

Die Geschichte selbst ist schnell erklärt und sie kommt auch enorm schnell zum Punkt. Statt Sommerferien steht lernen an. Frieder muss zu den Nachprüfungen und da er schon einmal zuvor sitzengeblieben ist, ist dies seine letzte Chance auf einen Schulabschluss. Die Eltern der Großfamilie beschließen: Frieder bleibt diesen Sommer bei den Großeltern und lernt dort für die Nachprüfungen. Ebenfalls daheim bleibt Frieders Schwester Alma, die ein Praktikum absolvieren muss. Doch ist das nicht schon schlimm genug für einen Teenager, ist der neue Nachhilfelehrer ausgerechnet der unnahbare Großvater, ein hochrangiger Professor in der Bakteriologie. Der Großvater ist der Stiefvater der Mutter und bewandert auf seinen Gebieten, menschlich gesehen wirkt der Großvater aber eher wie ein Eisblock. Bis vor einiger Zeit mussten sowohl seine Stieftochter wie auch all seine Enkelkinder ihn noch siezen. Als sich Frieder dann auch noch in die extrovertierte Beate verliebt, gerät sein Hormonhaushalt komplett durcheinander. Was für Frieder als Horrorsommer beginnt, entpuppt sich aber immer mehr zu einer einmaligen Zeit in seinem Leben. Ein Sommer, wie es ihn nie wieder geben sollte.

"Nana nickte. Das Zimmer hatte ein Fenster nach Osten. Die Läden waren halb geöffnet und das Licht fiel in Streifen in den Raum und auf Nanas Kleid, und zum ersten mal sah sie nicht wie Großmutter aus, sondern wie eine Frau. Siebenundfünfzig, überlegte ich. Das hörte sich einerseits echt alt an. Ich hatte auf keinen Fall vor, so alt zu werden. Aber siebenundfünfzig war anderseits für Nana nicht alt. Die Omas der anderen waren siebzig oder achtzig oder hundertzehn oder tot."

Der Schreibstil von Ewald Arenz ist Sprache zum anfassen. Wenn er etwas beschreibt, dann bauen sich die Bilder auch in meinem Kopf auf. Es scheint ganz natürlich zu sein, als würde ich einen Film schauen. Alleine wenn er die Sommerszenerie beschreibt bekomme ich das extreme Verlangen danach, mich in Sommerkleidung zu werfen, den Hund fertig zu machen und einen langen Spaziergang durch den Wald zu machen. Was im Umkehrschluss allerdings eine schlechte Idee ist, wir haben noch März, es ist relativ kühl und der Sommer scheint aktuell noch so weit entfernt zu sein wie ich von einem erfolgreichem Studium in Theologie oder Literaturwissenschaften.

Das Trio rund um Friedrich, seinem besten Kumpel Johann und Frieders Schwester Alma wird einem schnell sympathisch. Es ist ein Dreiergespann und dennoch fühlt man sich, als gehöre man zu ihnen und erlebt diesen Sommer gemeinsam mit ihnen. Verspielt und mit viel Wortwitz begleitet der junge Ich-Erzähler den Leser durch die Geschichte. Doch, wie Frieder selbst sagt, so ein einmaliger Sommer ist eben was einzigartiges. Die Geschichte selbst wird nicht von dem Teenager-Frieder erzählt sondern von dem erwachsenen Friedrich, einem Mann im mittleren Alter, der etwas geistesabwesend an einem trostlosen Herbsttag einen Friedhof besucht und anscheinend vergebens nach einem bestimmten Grab sucht. Friedrich erinnert sich zurück an seine Jugend, immer wieder mal schwenkt die Geschichte aber zurück zur Gegenwart und wir als Leser werden aus dieser sommerlichen Idylle zurück in die Realität gezogen. Zurück in die Welt der Erwachsenen. In eine Welt, wo Pflichten auf uns warten und der Tod, je älter wir werden, ein Teil unserer Gedankengänge und Zukunft wird. So verspielt der Autor in den Erinnerungen des Ich-Erzählers auch ist, genau so schnell findet er auch zu einem ernsteren Tonfall zurück. Dieser Stil richtet sich frei nach dem japanischen Sprichwort "Mono no aware" (Der Pathos der Dinge). Genau genommen bedeutet das übersetzt, alles ist vergänglich und wir erinnern uns wehmütig zurück, haben uns mit der Vergänglichkeit der Dinge aber abgefunden. Und so kam es nicht selten vor, dass ich mich beim lesen öfters an den Film "Tränen der Erinnerung" des Studio Ghibli (Regie Isao Takahata) zurückerinnern musste.

"Wenn sie mich nicht sehen wollte, dann wäre ja alles klar. Und das wäre wahrscheinlich viel besser, als immer nur aus der Ferne verliebt zu sein. Das glaubte ich mir nicht mal selbst. In Wirklichkeit war es tausendmal besser, nicht Bescheid zu wissen und immer wieder hoffen und träumen zu können. Scheiß auf die Realität. Ich würde es lassen. Um dann doch kurzentschlossen zu klingeln."



Abschließende Worte

"Der große Sommer" von Ewald Arenz ist ein Roman, der mich tief bewegt hat. Auch wenn ich nicht aus der gleichen Generation stamme wie der Ich-Erzähler Frieder, so sehe ich die behandelten Themen in dem Roman als völlig zeitlos an. Er ist vielleicht aktuell sogar noch wichtiger. Er erinnert uns an bessere Zeiten. An Freiheit, an Unbeschwertheit und den Teenager ins uns, der nie ganz verschwindet sondern als ungezähmtes, wildes Tier in uns weiterlebt. Und da ist er wieder, der große deutsche Coming of Age Roman, der sich ein wenig rar gemacht hat. Von Beginn an wird man hier in eine wundervolle Geschichte gesogen und wird Teil dieser so vertrauten Clique. Ewald Arenz ist ein großer Erzähler, der uns hoffentlich mit weiteren Romanen dieses Kalibers bereichern wird.

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"Und, klar, es roch nach Regen und warm nach Diesel, als ein Bus vorbeifuhr. Das erinnerte mich ans Meer und die Schiffe. Da roch es manchmal genauso. Dieser ölig-warme Geruch, zusammen mit dem von Wasser. Reisen. Woanders sein. >>Abenteuer. Sansibar oder der letzte Grund.<< Das hatte ich bestimmt fünf Mal gelesen und ich hatte immer gedacht, dass ich auch so ein Junge sei: einer, der einen Kutter auch allein über die Förde steuern könnte. Aber für heute reichte es, einfach durch die Nacht zu fahren, und keiner wusste, wo ich war."

"Wir hatten es geschafft! Wir hatten es wirklich geschafft und auf einmal fühlte sich alles großartig an, und Beate schnaufte atemlos neben mir: >>Jetzt sollst du mich küssen.<<
Ich glaube, dass ich nie wieder so geküsst habe. Dass es nie wieder so einen vollkommenen Augenblick des Rauschs gegeben hat, so eine perfekte Berührung. Beates kühle Lippen, ihr glatter, nasser Körper, ihre lachenden grünen Augen. Wir ließen uns im Kuss untergehen und es war in Wirklichkeit ein Schweben durchs Wasser auf den Grund zu; küssend, bis wir absolut keine Luft mehr bekamen und zusammen aufstiegen. Das war der wirkliche Anfang dieses verrückten Sommers."

Dienstag, 16. Oktober 2018

Rezension: Tsugumi (Banana Yoshimoto)

(Foto: Aufziehvogel)



Japan 1989

Tsugumi
Originaltitel: TUGUMI
Autorin: Banana Yoshimoto
Verlag: Diogenes
Übersetzung: Annelie Ortmanns
Genre: Coming of Age, Slice of Life



Zu Tsugumi könnte ich einen einzelnen Satz schreiben, der all meine Gedanken zusammenfasst. Dieser würde wohl so lauten: "Tsugumi ist eine wundervolle Geschichte, die kein Bücherfreund verpassen darf". Ende der Rezension. So einfach kann man es sich manchmal machen. Aber so einfach geht es dann noch nicht, denn mit einem einzigen Satz kann man diesen Roman interessierten Lesern wohl nicht zugänglich machen. Ich versuche also den mittellangen Weg zu gehen, um dieses Frühwerk von Banana Yoshimoto etwas besser zu erklären.

Genau wie "Kitchen" ist Tsugumi ein Frühwerk der Autorin, welches ich vorher noch nicht gelesen hatte, es aber eine unverschämt lange Zeit auf meine Leseliste stand. Von 1986 bis 1989 verfasste Banana Yoshimoto in Japan Romane, die unglaublich gut ankamen und sie über Nacht zu einer gefeierten Autorin machten. In nur drei Jahren schaffte es die junge Mahoko Yoshimoto, mit anfang 20, Japans Gegenwartsliteratur komplett aufzumischen. Natürlich kennt man sie heute am besten unter ihrem Pseudonym Banana Yoshimoto. Heute ist die Autorin 54 Jahre alt und blickt mit einem Nachwort in vieler ihrer Romane immer mal wieder auf die Vergangenheit zurück. Tsugumi war ein Roman, der bei der japanischen Presse nicht gut ankam. Man warf der Autorin Ideenlosigkeit vor und stempelte die Geschichte schnell als sentimentalen Kitsch ab. Wenig überraschend, war der Erfolg von Banana Yoshimotos vergangenen Werken noch zu frisch und die kritischen Stimmen zeigten wenig Wirkung. Relativ schnell nach der Veröffentlichung verfilmte der mittlerweile verstorbene Filmemacher Jun Ichikawa (adaptierte 2004 Haruki Murakamis Kurzgeschichte Tony Takitani) Tsugumi. Dies verschaffte dem Roman noch einmal einen zusätzlichen Schub an Popularität.

Tsugumi wäre ohne die prägnante Protagonistin wohl wirklich genau das, was die Kritiker damals bemängelten. Aber die titelgebende Protagonistin ist es, die aus einer gewöhnlichen Coming of Age Geschichte etwas zaubert, was den Lesern in Erinnerung bleiben wird. Ein Blick ins kurze Nachwort verrät bereits wichtige Details über die Entstehungshintergründe. Die Autorin beschreibt darin, dass diese Geschichte sehr wohl einige autobiografische Elemente besitzt. Beinahe beiläufig erwähnt sie, Tsugumi, die titelgebende Romanfigur, sei niemand anders als sie selbst.

Doch wer genau ist Tsugumi? Der Roman beginnt mit ihrem Namen, sie ist praktisch allgegenwärtig, allerdings ist Tsugumi nicht die Erzählerin der Geschichte. Die Ich-Erzählerin ist Maria Shirakawa. Schon nach wenigen Sätzen ist ihre Freundin aus Kindheitstagen beschrieben. Tsugumi ist ein kränkliches, schwaches Mädchen, bestraft mit einer kurzen Lebenserwartung. Wie eine wunderschöne Puppe soll das Mädchen aussehen. Allerdings ist Tsugumi auch ein freches, unverschämtes Biest, was sich gerne in den Mittelpunkt stellt, Streiche spielt, Jungs falsche Hoffnungen macht und respektlos gegenüber sämtlichen Erwachsenen ist. Und dennoch entwickelt sich zwischen den beiden charakterlich sehr unterschiedlichen Mädchen, die auf der idyllischen Halbinsel Izu leben, eine tiefreichende Freundschaft, die noch über viele Jahre andauern sollte.

In ihrer ganz speziellen art, mit viel Melancholie, Fern- wie aber auch Heimweh zu beschrieben, erzählt Banana Yoshimoto sehr feinfühlig diese sehr japanische Geschichte. Ihre sympathische Schreibweise, doch auch die stets präsenten schnippischen Bemerkungen findet man als langjähriger Leser, der vielleicht mit den Frühwerken der Autorin nicht so ganz vertraut ist, auch hier direkt wieder. Wie viele andere Romane von Banana Yoshimoto haftet Tsugumi eine tröstende Wirkung an. Eine Geschichte dieser Gattung könnte oftmals dazu neigen, penetrant auf die Tränendrüse zu drücken, doch diese Hürde hat Banana Yoshimoto schon damals perfekt gemeistert. Mit unter 200 Seiten ist die Geschichte wie immer sehr kompakt gehalten, aber genau hier liegt wieder einmal auch die eigentliche Stärke. Alles ist an seinem Platz und genau da, wo es hingehört. Keine Silbe ist zu viel und kein Kapitel überflüssig.



Resümee

Da es bei mir im privaten Leben selbst derzeit turbulenter zur Sache geht, war "Tsugumi" für mich ein kleiner Ort der Zuflucht und Ruhe. Ich konnte auf die Insel Izu fliehen und dem Meer lauschen. Banana Yoshimoto schafft es beeindruckend, diese simplen Empfindungen in Worte zu fassen und es ist beinahe so, als könne man die frische Meeresbrise fühlen. Es war ein Ausflug mit einem kurzen Aufenthalt, aber ich blicke sehr gern darauf zurück.

Wie immer gibt es keinen perfekten Einstieg für das literarische Werk von Banana Yoshimoto. Tsugumi eignet sich als Start genau so hervorragend wie jede andere Geschichte der Autorin. Da hier übernatürliche Elemente eine eher untergeordnete Rolle spielen, ist Tsugumi vielleicht sogar ihr zugänglichstes Werk. In diesem Sinne: Tsugumi ist eine wundervolle Geschichte, die kein Bücherfreund verpassen darf!




Mein Dank für das Leseexemplar geht an Andrea von "Lohnt das Lesen" :)

Samstag, 11. Juni 2016

Rezension: Das Feld des Regenbogens (Inio Asano)







Japan 2003-2005 (Einzelband, abgeschlossen)

Das Feld des Regenbogens
Originaltitel: Nijigahara Holograph
Verlag: Tokyopop
Story & Art: Inio Asano
Übersetzung: Sakura Ilgert
Genre: Mystery, Coming of Age
Kategorie: Seinen
Altersempfehlung des Verlags: 16





Wer die Rezensionen hier etwas verfolgt, dem wird vermutlich aufgefallen sein, es gibt auf "Am Meer ist es wärmer" einige gern gesehen Gäste. Inio Asano, derzeit vermutlich einer der wichtigsten und kontroversesten Mangaka Japans, ist einer dieser Gäste. Seit nun einigen Jahren bringt der Tokyopop-Verlag das Werk von Inio Asano nach Deutschland. Auch Asanos sehr düsteres wie surreales Werk "Das Feld des Regenbogens" (orig. Nijigahara Holograph) ist Ende 2013 als Sammelband im Großformat erschienen. Doch rechtfertigt die gelungene Ausgabe denn auch den Inhalt?

Erzählt wird die Geschichte von "Das Feld des Regenbogens" in Fragmenten. In 12 Kapiteln (zusätzlich eines Prologs und Epilogs) muss der Leser die Puzzleteile so gut zusammensetzen, wie es ihm möglich ist. Denn auch nach den letztens Panels wird einem die wahre Antwort hinter den unheimlichen Geschehnissen in Asanos Manga wohl verborgen bleiben.
Die Geschichte startet in der Gegenwart mit Amahiko Suzuki, der im Krankenhaus seinen Vater besucht, für den es bereits keine Hoffnungen mehr gibt. Auf dem Dach kommt Suzuki mit einem seltsamen alten Mann ins Gespräch, der Suzuki zu kennen scheint. Ein paar Seiten weiter nimmt die Geschichte von Kota Komatsuzaki ihren Lauf, Suzukis ehemaliger Klassenkamerad. Komatsuzaki scheint desillusioniert zu sein und leidet anscheinend immer noch an den Folgen einer Schlägerei aus seiner Jugendzeit. Seltsame Dinge sind in ihrer Schulzeit auf dem Feld des Regenbogens passiert. Unerklärliche Dinge. Die Kindheit holt die mittlerweile Erwachsenen immer wieder ein. Und dann gabs damals ja auch noch das Gerücht, im Tunnel in der Nähe des Regenbogenfeldes würde ein abscheuliches Monster leben. Ein angeblicher Fluch, für den ein unschuldiges Mädchen büßen musste.

Die stark verschachtelte Geschichte (zu der mir eine passende Inhaltsangabe nur schwerlich eingefallen ist) wirft von Seite zu Seite mehr Fragen auf, als sie beantwortet. Mysteriöse Ereignisse geschehen in beiden erzählten Zeitlinien. Dabei wird harter Tobak geboten, den man selbst als geübter Manga-Leser erst einmal wegstecken muss. Asanos Manga greift natürlich wieder einmal stets aktuelle Themen wie Mobbing und Selbstmord auf. Doch auch Mord, Vergewaltigung, Kindesmisshandlung, Pädophilie sowie Sex per se sind keine Tabuthemen in "Das Feld des Regenbogens". Vermischt mit einer großen Portion an David Lynch Stilelementen hat Asano von Seite 1 an eine mysteriöse wie bedrohliche Atmosphäre geschaffen, die den Leser meistens wie eine Wucht treffen und man die Inhalte erst einmal verarbeiten muss.




Trotz allem muss "Das Feld des Regenbogens" auch hier und da mal federn lassen, weil es Asano etwas zu kompliziert macht. Häufig habe ich mehrere Seiten, manchmal sogar kleinere Abschnitte mehrmals lesen müssen, nur um den Ablauf der Panels und der Handlung als Ergebnis dieser zusätzlichen Lesungen immer noch nicht zu verstehen. Auch nach mehreren Interpretationsversuchen sind noch immer viele Handlungsstränge für mich am Ende ein komplettes Mysterium geblieben. Stilistisch könnte man "Das Feld des Regenbogens" sogar mit einigen Werken des großen Satoshi Kon (2010 verstorben) vergleichen. Thematisch völlig unterschiedlich, besitzt "Das Feld des Regenbogens" von Asano jedoch ähnliche Mystery-Elemente wie beispielsweise "Perfect Blue" und "Paranoia Agent" (beide Werke sind von Kon). Die Suche nach den Antworten stellt sich bei "Das Feld des Regenbogens" aber teilweise wesentlich komplizierter heraus. Hier wird man nicht nur zum selber nachdenken eingeladen, beinahe das komplette Ende muss der Leser sich selbst erklären.

Trotzdem, oder gerade deswegen blätterten sich bei meinem ersten Durchgang die Seiten regelrecht von selbst um. Asano hält die Bedrohung, die von seinen Charakteren ausgeht, stets aufrecht. Hier wird man wohl sehr lang suchen müssen, um einen Charakter zu finden, mit dem man sympathisieren kann.







Resümee

Inio Asano liefert mit "Das Feld des Regenbogens" harte Kost ab. Er vermischt seinen ganz eigenen, einzigartigen Stil mit klassischen Mystery-Elementen im Stile von David Lynch oder Satoshi Kon. Kein Werk, welches man zur Entspannung oder zur Unterhaltung lesen sollte. Man muss sich mehr auf einen Ritt auf einer Achterbahn einstellen, der einem eine menge abverlangen wird. Und kurz, bevor man denkt, man kann die unheimlichen Ereignisse in Asanos Manga aufklären, da kommt auch schon ein weiterer Looping, und ein weiterer, und ein weiterer. Am Ende findet man sich überraschend am Anfang der Attraktion zurück und ohne es zu bemerken, geht die Fahrt von neuem los. Wer das Regenbogenfeld selbst einmal besuchen möchte, sollte sich also dementsprechend vorbereiten und anschnallen.

Samstag, 16. April 2016

Rezension: Am Ende bleiben die Zedern (Pierre Jarawan)




Buch-Trailer




Deutschland 2016

Am Ende bleiben die Zedern
Autor: Pierre Jarawan
Verlag: Berlin Verlag
Genre: Drama, Coming of Age


"Als Junge verspürte ich eine unstillbare Sehnsucht danach, den Libanon zu sehen. Es war die große Neugier nach einer unbekannten Schönheit, um die sich Legenden rankten. Die Art, in der Vater von seiner Heimat sprach, seine Leidenschaft und Begeisterung, griff wie ein Fieber auf mich über. Der Libanon, mit dem ich aufwuchs, war eine Idee. Eine Idee vom schönsten Land der Welt, mit alten und geheimnisvollen Städten, die sich an der steinigen Küste entlangreihten, um sich mit ihren bunten Häfen zum Meer hin zu öffnen. Dahinter; zahlreiche sich windende Passstraßen, an deren Flanken sich Flusstäler ausbreiteten mit fruchtbaren Ufern und dem perfekten Boden für den weltberühmten Wein. Und dann; die dichten Zedernwälder in den höheren und kühleren Gefilden, umgeben vom Libanongebirge, dessen Spitzen auch im Sommer schneebedeckt waren, sichtbar selbst von einer Luftmatratze aus, ganz unten auf dem Meer.
Wir standen an diesem See, atmeten dieselbe Luft und teilten dieselbe Sehnsucht. Ich denke, neben der Liebe zueinander gibt es zwischen zwei Menschen kein stärkeres Band als eine geteilte Sehnsucht."
(Aus: "Am Ende bleiben die Zedern", Pierre Jarawan, Berlin Verlag)



Nicht aufgrund aktueller Ereignisse, sondern aus zeitlichen Gründen ist es mir erst jetzt möglich, die Rezension zu Pierre Jarawans Romandebüt "Am Ende bleiben die Zedern" Online zu stellen. Das ist insofern schade, weil dieses Debüt eine viel frühere Aufmerksamkeit von mir verdient gehabt hätte. Denn hier haben wir mal wieder ein Vorzeigebeispiel, wie viel die junge, deutschsprachige Literatur wert ist. Man könnte meinen, sie sei unbezahlbar.

Als ich den Newsletter des Berlin Verlags vor einiger Zeit in meinem E-Mail Postfach vorfand, in dem das Debüt von Pierre Jarawan, einer der erfolgreichsten deutschen Poetry Slam Künstler, beworben wurde, wusste ich nicht viel damit anzufangen. Ich war, muss ich gestehen, relativ skeptisch. Man könnte schnell zur Annahme kommen, Pierre Jarawan will hier vielleicht auf einen Zug aufspringen, ein aktuelles Thema in Deutschland mit eleganten Worten in Buchform zu verpacken. Doch da war etwas an der Beschreibung des Buches in diesem Newsletter, was meine Aufmerksamkeit weckte. Etwas wie Neugier. Ich kam nicht umhin, dem Roman eine faire Chance zu geben. Was hat Pierre Jarawan hier also abgeliefert? Ein ergreifendes, schmalziges Drama über eine Flüchtlingsfamilie, die verzweifelt versucht, das von Krieg geplagte Heimatland zu verlassen und einen Neuanfang in Europa zu suchen, oder eine Geschichte über Sehnsucht, Fernweh und Verlust? Diesen zarten Spagat zwischen Familiengeschichte und Selbstfindung, Flüchtlingskrise, Melancholie und die Beziehung zwischen Vätern und ihren Söhnen hat Pierre Jarawan in einem großen Roman meisterhaft untergebracht.

Die Geschichte von Samir, unserem Ich-Erzähler dieses Romans, beginnt in der Gegenwart in Beirut bei Nacht. Vor schmerzen krümmt sich Samir auf dem rauen, sandigen Boden und will seinen Peinigern noch etwas nachrufen, etwas wie: "Wir sind doch Brüder". Nach einem kurzen, rätselhaften Prolog springt die Geschichte jedoch zurück ins Jahr 1992. Samir ist circa 8 Jahre alt und genießt eine vermeintlich unbeschwerte Kindheit mit Familie und Freunden in Deutschland. Samir liebt seine Familie. Seine Mutter ist eine wichtige Stütze für ihn, auch um seine kleine Schwester, die noch ein Baby ist, umsorgt er als großer Bruder liebevoll. Mit Yasmin (wenige Jahre älter als Samir), Tochter des ebenfalls eingewanderten Hakim, gewinnt Samir sogar eine gute Freundin.
Es gibt jedoch eine Person, die liebt der junge Samir nicht nur, er verehrt sie auch. Seinen Vater Brahim. Für Samir ist sein Vater ein Vorbild. Der charismatische Mann hat eine Art an sich, andere Menschen in seinen Bann zu ziehen. Stets hilfsbereit und voller Tatendrang, ist Brahim in der Nachbarschaft ein geschätzter Mann und in seiner Familie das wichtige Rad, was das gesamte Konstrukt zusammenhält. Brahim ist außerdem ein begnadeter Geschichtenerzähler. Samir schaut zu seinem Vater auf. Dennoch fällt dem Jungen auf, dass sich sein Vater verändert. Dass in ihm eine Sehnsucht steckt, die tiefer sitzt als es die Familie erahnen könnte. Bis auf Samir scheint es keinem aufzufallen. Von Fernweh geplagt verändert sich Brahim. Der einst lebensfrohe Mann erhält mysteriöse Anrufe, die er mit Ausreden erklärt und lässt seine Familie immer häufiger alleine. Eines Abends, Brahim erzählt seinem Sohn noch einmal eine Gute-Nacht-Geschichte, scheint er seinen Abschied längst geplant zu haben. Denn am nächsten Morgen ist Samirs Vater verschwunden, spurlos. Er hinterlässt ein riesiges Loch, welches nie mehr gefüllt wurde. Samir wächst ohne seinen geliebten Vater auf. Nie hat er ihn vergessen, und rund 20 Jahre später, Samir ist mittlerweile zu einem stattlichen Mann herangewachsen, macht er sich auf in den Libanon, um das mysteriöse Verschwinden seines Vaters zu ergründen, nach Spuren und Antworten zu suchen, warum der wichtigste Mensch in seinem Leben ihn einfach verlassen hat.


"Ich glaube, alle Söhne lieben ihre Väter. Aber ich habe meinen verehrt. Weil er mich so oft teilhaben ließ an seinen beflügelten Gedanken. Weil er mich mitnahm in Wunderwelten, die er in seinem Kopf erschuf. Weil er mich berauschte mit seinen Worten. Es gab noch ein Versprechen, das er mir schon früh abnahm; nie meiner Mutter erzählen, wovon seine Geschichten handelten. >>Wenn sie herausbekommt, dass ich dir Geschichten von Männern erzähle, die sich bei Vollmond in Echsen verwandeln, kriege ich noch Ärger<<, hatte er augenzwinkernd gesagt. Natürlich nickte ich eifrig und versprach, unser Geheimnis zu bewahren."
(Aus: "Am Ende bleiben die Zedern", Pierre Jarawan, Berlin Verlag)


Bereits im ersten Teil der Geschichte geht Pierre Jarawan auf das besondere Verhältnis zwischen Samir und seinem Vater ein, der einfach der wichtigste Baustein in seinem Leben war. Ein Vater, zu dem man hinaufschauen kann, von lernen kann und der seine Familie über alles liebt. Aus mysteriösen, jedoch sich anbahnenden Gründen, verlässt dieser Mann, ohne persönliche Abschiedsworte zu hinterlassen, seine Familie für immer. Wohin hat es ihn verschlagen? Zurück in den Libanon? Jenem Land, welches er besungen hat, jenem Land, wovon er seinem Sohn Samir so wehmütig berichtet hat. Jedoch auch ein Land, geplagt von Krieg und einer ungewissen politischen Zukunft. Der junge Samir, hin und her gerissen, konnte auch über zwei Dekaden nach dem seltsamen Abschied seines Vaters dieses einschneidende Erlebnis nicht vergessen. Seine Reise in den Libanon macht ihm jedoch schnell klar, dass das Land, was einst sein Vater ihm beschrieben hat, nichts weiter als eine Bilderbuchbeschreibung war und er schnell die steinharte, sandige Realität kennen lernt.

Pierre Jarawan, Sohn eines libanesischen Vaters und einer deutschen Mutter, hegt einige Parallelen zu Samir aus dem Roman. Auch seine Familie ist vor dem Bürgerkrieg in der Heimat geflohen, auch sein Vater erzählte ihm phantasievolle Geschichten die ihn prägten. Diese Geschichten sollten ihn später einmal zu seinem Beruf inspirieren.

Ohne Kitsch und Schmalz, dafür aber mit einem gewandtem, sprachgewaltigem Stil fängt "Am Ende bleiben die Zedern" den Leser nahezu magisch ein. Besonders die phantasievollen Passagen um die Figur des Abu Youssef und seinem Dromedar Amir haben mir außerordentlich gut gefallen. Ähnliche Passagen, eine Geschichte in der Geschichte zu erzählen, hatten es mir in Haruki Murakamis 1Q84 bereits angetan, wo Protagonist Tengo über "Die Stadt der Katzen" berichtete. Ein ähnlicher Ort ist das Beirut, was sich Samirs Vater ausdachte. Ein Mix aus Realität und Phantasie. Ein Ort der Abenteuer und unbegrenzten Möglichkeiten. Ein Ort, in dem Dromedare auch mal sprechen können und sich in haarsträubende Abenteuer verwickeln.


Resümee

Mit überraschend wenig Politik kommt Pierre Jarawans Romandebüt "Am Ende bleiben die Zedern" aus. Dafür stehen Einzelschicksale im Mittelpunkt dieser Geschichte. Die Reise von Samir in ein Land, welches er nur aus den abenteuerlichen Gute-Nacht-Geschichten seines Vaters kannte, ist für mich ein beeindruckendes Stück deutsche Literatur. 
Wer lust auf eine großartig erzählte Geschichte hat, vermischt mit einem Hauch aktueller Zeitgeschichte und darüber hinaus noch mit einer Prise Phantasie garniert mit überraschend vielen Wendungen, bitte zugreifen. Pierre Jarawan hat bewiesen, dass er auch außerhalb der Bühne ein verdammt guter Erzähler ist.