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Samstag, 11. Juni 2016

Rezension: Das Feld des Regenbogens (Inio Asano)







Japan 2003-2005 (Einzelband, abgeschlossen)

Das Feld des Regenbogens
Originaltitel: Nijigahara Holograph
Verlag: Tokyopop
Story & Art: Inio Asano
Übersetzung: Sakura Ilgert
Genre: Mystery, Coming of Age
Kategorie: Seinen
Altersempfehlung des Verlags: 16





Wer die Rezensionen hier etwas verfolgt, dem wird vermutlich aufgefallen sein, es gibt auf "Am Meer ist es wärmer" einige gern gesehen Gäste. Inio Asano, derzeit vermutlich einer der wichtigsten und kontroversesten Mangaka Japans, ist einer dieser Gäste. Seit nun einigen Jahren bringt der Tokyopop-Verlag das Werk von Inio Asano nach Deutschland. Auch Asanos sehr düsteres wie surreales Werk "Das Feld des Regenbogens" (orig. Nijigahara Holograph) ist Ende 2013 als Sammelband im Großformat erschienen. Doch rechtfertigt die gelungene Ausgabe denn auch den Inhalt?

Erzählt wird die Geschichte von "Das Feld des Regenbogens" in Fragmenten. In 12 Kapiteln (zusätzlich eines Prologs und Epilogs) muss der Leser die Puzzleteile so gut zusammensetzen, wie es ihm möglich ist. Denn auch nach den letztens Panels wird einem die wahre Antwort hinter den unheimlichen Geschehnissen in Asanos Manga wohl verborgen bleiben.
Die Geschichte startet in der Gegenwart mit Amahiko Suzuki, der im Krankenhaus seinen Vater besucht, für den es bereits keine Hoffnungen mehr gibt. Auf dem Dach kommt Suzuki mit einem seltsamen alten Mann ins Gespräch, der Suzuki zu kennen scheint. Ein paar Seiten weiter nimmt die Geschichte von Kota Komatsuzaki ihren Lauf, Suzukis ehemaliger Klassenkamerad. Komatsuzaki scheint desillusioniert zu sein und leidet anscheinend immer noch an den Folgen einer Schlägerei aus seiner Jugendzeit. Seltsame Dinge sind in ihrer Schulzeit auf dem Feld des Regenbogens passiert. Unerklärliche Dinge. Die Kindheit holt die mittlerweile Erwachsenen immer wieder ein. Und dann gabs damals ja auch noch das Gerücht, im Tunnel in der Nähe des Regenbogenfeldes würde ein abscheuliches Monster leben. Ein angeblicher Fluch, für den ein unschuldiges Mädchen büßen musste.

Die stark verschachtelte Geschichte (zu der mir eine passende Inhaltsangabe nur schwerlich eingefallen ist) wirft von Seite zu Seite mehr Fragen auf, als sie beantwortet. Mysteriöse Ereignisse geschehen in beiden erzählten Zeitlinien. Dabei wird harter Tobak geboten, den man selbst als geübter Manga-Leser erst einmal wegstecken muss. Asanos Manga greift natürlich wieder einmal stets aktuelle Themen wie Mobbing und Selbstmord auf. Doch auch Mord, Vergewaltigung, Kindesmisshandlung, Pädophilie sowie Sex per se sind keine Tabuthemen in "Das Feld des Regenbogens". Vermischt mit einer großen Portion an David Lynch Stilelementen hat Asano von Seite 1 an eine mysteriöse wie bedrohliche Atmosphäre geschaffen, die den Leser meistens wie eine Wucht treffen und man die Inhalte erst einmal verarbeiten muss.




Trotz allem muss "Das Feld des Regenbogens" auch hier und da mal federn lassen, weil es Asano etwas zu kompliziert macht. Häufig habe ich mehrere Seiten, manchmal sogar kleinere Abschnitte mehrmals lesen müssen, nur um den Ablauf der Panels und der Handlung als Ergebnis dieser zusätzlichen Lesungen immer noch nicht zu verstehen. Auch nach mehreren Interpretationsversuchen sind noch immer viele Handlungsstränge für mich am Ende ein komplettes Mysterium geblieben. Stilistisch könnte man "Das Feld des Regenbogens" sogar mit einigen Werken des großen Satoshi Kon (2010 verstorben) vergleichen. Thematisch völlig unterschiedlich, besitzt "Das Feld des Regenbogens" von Asano jedoch ähnliche Mystery-Elemente wie beispielsweise "Perfect Blue" und "Paranoia Agent" (beide Werke sind von Kon). Die Suche nach den Antworten stellt sich bei "Das Feld des Regenbogens" aber teilweise wesentlich komplizierter heraus. Hier wird man nicht nur zum selber nachdenken eingeladen, beinahe das komplette Ende muss der Leser sich selbst erklären.

Trotzdem, oder gerade deswegen blätterten sich bei meinem ersten Durchgang die Seiten regelrecht von selbst um. Asano hält die Bedrohung, die von seinen Charakteren ausgeht, stets aufrecht. Hier wird man wohl sehr lang suchen müssen, um einen Charakter zu finden, mit dem man sympathisieren kann.







Resümee

Inio Asano liefert mit "Das Feld des Regenbogens" harte Kost ab. Er vermischt seinen ganz eigenen, einzigartigen Stil mit klassischen Mystery-Elementen im Stile von David Lynch oder Satoshi Kon. Kein Werk, welches man zur Entspannung oder zur Unterhaltung lesen sollte. Man muss sich mehr auf einen Ritt auf einer Achterbahn einstellen, der einem eine menge abverlangen wird. Und kurz, bevor man denkt, man kann die unheimlichen Ereignisse in Asanos Manga aufklären, da kommt auch schon ein weiterer Looping, und ein weiterer, und ein weiterer. Am Ende findet man sich überraschend am Anfang der Attraktion zurück und ohne es zu bemerken, geht die Fahrt von neuem los. Wer das Regenbogenfeld selbst einmal besuchen möchte, sollte sich also dementsprechend vorbereiten und anschnallen.

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