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Samstag, 16. April 2016

Rezension: Am Ende bleiben die Zedern (Pierre Jarawan)




Buch-Trailer




Deutschland 2016

Am Ende bleiben die Zedern
Autor: Pierre Jarawan
Verlag: Berlin Verlag
Genre: Drama, Coming of Age


"Als Junge verspürte ich eine unstillbare Sehnsucht danach, den Libanon zu sehen. Es war die große Neugier nach einer unbekannten Schönheit, um die sich Legenden rankten. Die Art, in der Vater von seiner Heimat sprach, seine Leidenschaft und Begeisterung, griff wie ein Fieber auf mich über. Der Libanon, mit dem ich aufwuchs, war eine Idee. Eine Idee vom schönsten Land der Welt, mit alten und geheimnisvollen Städten, die sich an der steinigen Küste entlangreihten, um sich mit ihren bunten Häfen zum Meer hin zu öffnen. Dahinter; zahlreiche sich windende Passstraßen, an deren Flanken sich Flusstäler ausbreiteten mit fruchtbaren Ufern und dem perfekten Boden für den weltberühmten Wein. Und dann; die dichten Zedernwälder in den höheren und kühleren Gefilden, umgeben vom Libanongebirge, dessen Spitzen auch im Sommer schneebedeckt waren, sichtbar selbst von einer Luftmatratze aus, ganz unten auf dem Meer.
Wir standen an diesem See, atmeten dieselbe Luft und teilten dieselbe Sehnsucht. Ich denke, neben der Liebe zueinander gibt es zwischen zwei Menschen kein stärkeres Band als eine geteilte Sehnsucht."
(Aus: "Am Ende bleiben die Zedern", Pierre Jarawan, Berlin Verlag)



Nicht aufgrund aktueller Ereignisse, sondern aus zeitlichen Gründen ist es mir erst jetzt möglich, die Rezension zu Pierre Jarawans Romandebüt "Am Ende bleiben die Zedern" Online zu stellen. Das ist insofern schade, weil dieses Debüt eine viel frühere Aufmerksamkeit von mir verdient gehabt hätte. Denn hier haben wir mal wieder ein Vorzeigebeispiel, wie viel die junge, deutschsprachige Literatur wert ist. Man könnte meinen, sie sei unbezahlbar.

Als ich den Newsletter des Berlin Verlags vor einiger Zeit in meinem E-Mail Postfach vorfand, in dem das Debüt von Pierre Jarawan, einer der erfolgreichsten deutschen Poetry Slam Künstler, beworben wurde, wusste ich nicht viel damit anzufangen. Ich war, muss ich gestehen, relativ skeptisch. Man könnte schnell zur Annahme kommen, Pierre Jarawan will hier vielleicht auf einen Zug aufspringen, ein aktuelles Thema in Deutschland mit eleganten Worten in Buchform zu verpacken. Doch da war etwas an der Beschreibung des Buches in diesem Newsletter, was meine Aufmerksamkeit weckte. Etwas wie Neugier. Ich kam nicht umhin, dem Roman eine faire Chance zu geben. Was hat Pierre Jarawan hier also abgeliefert? Ein ergreifendes, schmalziges Drama über eine Flüchtlingsfamilie, die verzweifelt versucht, das von Krieg geplagte Heimatland zu verlassen und einen Neuanfang in Europa zu suchen, oder eine Geschichte über Sehnsucht, Fernweh und Verlust? Diesen zarten Spagat zwischen Familiengeschichte und Selbstfindung, Flüchtlingskrise, Melancholie und die Beziehung zwischen Vätern und ihren Söhnen hat Pierre Jarawan in einem großen Roman meisterhaft untergebracht.

Die Geschichte von Samir, unserem Ich-Erzähler dieses Romans, beginnt in der Gegenwart in Beirut bei Nacht. Vor schmerzen krümmt sich Samir auf dem rauen, sandigen Boden und will seinen Peinigern noch etwas nachrufen, etwas wie: "Wir sind doch Brüder". Nach einem kurzen, rätselhaften Prolog springt die Geschichte jedoch zurück ins Jahr 1992. Samir ist circa 8 Jahre alt und genießt eine vermeintlich unbeschwerte Kindheit mit Familie und Freunden in Deutschland. Samir liebt seine Familie. Seine Mutter ist eine wichtige Stütze für ihn, auch um seine kleine Schwester, die noch ein Baby ist, umsorgt er als großer Bruder liebevoll. Mit Yasmin (wenige Jahre älter als Samir), Tochter des ebenfalls eingewanderten Hakim, gewinnt Samir sogar eine gute Freundin.
Es gibt jedoch eine Person, die liebt der junge Samir nicht nur, er verehrt sie auch. Seinen Vater Brahim. Für Samir ist sein Vater ein Vorbild. Der charismatische Mann hat eine Art an sich, andere Menschen in seinen Bann zu ziehen. Stets hilfsbereit und voller Tatendrang, ist Brahim in der Nachbarschaft ein geschätzter Mann und in seiner Familie das wichtige Rad, was das gesamte Konstrukt zusammenhält. Brahim ist außerdem ein begnadeter Geschichtenerzähler. Samir schaut zu seinem Vater auf. Dennoch fällt dem Jungen auf, dass sich sein Vater verändert. Dass in ihm eine Sehnsucht steckt, die tiefer sitzt als es die Familie erahnen könnte. Bis auf Samir scheint es keinem aufzufallen. Von Fernweh geplagt verändert sich Brahim. Der einst lebensfrohe Mann erhält mysteriöse Anrufe, die er mit Ausreden erklärt und lässt seine Familie immer häufiger alleine. Eines Abends, Brahim erzählt seinem Sohn noch einmal eine Gute-Nacht-Geschichte, scheint er seinen Abschied längst geplant zu haben. Denn am nächsten Morgen ist Samirs Vater verschwunden, spurlos. Er hinterlässt ein riesiges Loch, welches nie mehr gefüllt wurde. Samir wächst ohne seinen geliebten Vater auf. Nie hat er ihn vergessen, und rund 20 Jahre später, Samir ist mittlerweile zu einem stattlichen Mann herangewachsen, macht er sich auf in den Libanon, um das mysteriöse Verschwinden seines Vaters zu ergründen, nach Spuren und Antworten zu suchen, warum der wichtigste Mensch in seinem Leben ihn einfach verlassen hat.


"Ich glaube, alle Söhne lieben ihre Väter. Aber ich habe meinen verehrt. Weil er mich so oft teilhaben ließ an seinen beflügelten Gedanken. Weil er mich mitnahm in Wunderwelten, die er in seinem Kopf erschuf. Weil er mich berauschte mit seinen Worten. Es gab noch ein Versprechen, das er mir schon früh abnahm; nie meiner Mutter erzählen, wovon seine Geschichten handelten. >>Wenn sie herausbekommt, dass ich dir Geschichten von Männern erzähle, die sich bei Vollmond in Echsen verwandeln, kriege ich noch Ärger<<, hatte er augenzwinkernd gesagt. Natürlich nickte ich eifrig und versprach, unser Geheimnis zu bewahren."
(Aus: "Am Ende bleiben die Zedern", Pierre Jarawan, Berlin Verlag)


Bereits im ersten Teil der Geschichte geht Pierre Jarawan auf das besondere Verhältnis zwischen Samir und seinem Vater ein, der einfach der wichtigste Baustein in seinem Leben war. Ein Vater, zu dem man hinaufschauen kann, von lernen kann und der seine Familie über alles liebt. Aus mysteriösen, jedoch sich anbahnenden Gründen, verlässt dieser Mann, ohne persönliche Abschiedsworte zu hinterlassen, seine Familie für immer. Wohin hat es ihn verschlagen? Zurück in den Libanon? Jenem Land, welches er besungen hat, jenem Land, wovon er seinem Sohn Samir so wehmütig berichtet hat. Jedoch auch ein Land, geplagt von Krieg und einer ungewissen politischen Zukunft. Der junge Samir, hin und her gerissen, konnte auch über zwei Dekaden nach dem seltsamen Abschied seines Vaters dieses einschneidende Erlebnis nicht vergessen. Seine Reise in den Libanon macht ihm jedoch schnell klar, dass das Land, was einst sein Vater ihm beschrieben hat, nichts weiter als eine Bilderbuchbeschreibung war und er schnell die steinharte, sandige Realität kennen lernt.

Pierre Jarawan, Sohn eines libanesischen Vaters und einer deutschen Mutter, hegt einige Parallelen zu Samir aus dem Roman. Auch seine Familie ist vor dem Bürgerkrieg in der Heimat geflohen, auch sein Vater erzählte ihm phantasievolle Geschichten die ihn prägten. Diese Geschichten sollten ihn später einmal zu seinem Beruf inspirieren.

Ohne Kitsch und Schmalz, dafür aber mit einem gewandtem, sprachgewaltigem Stil fängt "Am Ende bleiben die Zedern" den Leser nahezu magisch ein. Besonders die phantasievollen Passagen um die Figur des Abu Youssef und seinem Dromedar Amir haben mir außerordentlich gut gefallen. Ähnliche Passagen, eine Geschichte in der Geschichte zu erzählen, hatten es mir in Haruki Murakamis 1Q84 bereits angetan, wo Protagonist Tengo über "Die Stadt der Katzen" berichtete. Ein ähnlicher Ort ist das Beirut, was sich Samirs Vater ausdachte. Ein Mix aus Realität und Phantasie. Ein Ort der Abenteuer und unbegrenzten Möglichkeiten. Ein Ort, in dem Dromedare auch mal sprechen können und sich in haarsträubende Abenteuer verwickeln.


Resümee

Mit überraschend wenig Politik kommt Pierre Jarawans Romandebüt "Am Ende bleiben die Zedern" aus. Dafür stehen Einzelschicksale im Mittelpunkt dieser Geschichte. Die Reise von Samir in ein Land, welches er nur aus den abenteuerlichen Gute-Nacht-Geschichten seines Vaters kannte, ist für mich ein beeindruckendes Stück deutsche Literatur. 
Wer lust auf eine großartig erzählte Geschichte hat, vermischt mit einem Hauch aktueller Zeitgeschichte und darüber hinaus noch mit einer Prise Phantasie garniert mit überraschend vielen Wendungen, bitte zugreifen. Pierre Jarawan hat bewiesen, dass er auch außerhalb der Bühne ein verdammt guter Erzähler ist.

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