Archiv: Rezensionen zu Literatur und Film
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Freitag, 15. September 2017
Mit ergiebiger Ausbeute zurück aus der Sommerpause
Ein wenig muss ich über mich selbst schmunzeln, wen ich ein Wort wie "Sommerpause" benutze. Da es sich bei diesem Blog-Projekt um ein passioniertes Hobby handelt, hat dieses Wort in meinem Portfolio eigentlich nichts zu suchen. Und dennoch, wenn der Geist träge ist und die Finger müde, dann tut so eine Pause ungeheuerlich gut. Mit viel Elan möchte ich über die Bücher sprechen, die mich während dieser Pause begleitet haben.
Als ich zuletzt im August einen Beitrag verfasst habe, war die Grill-Saison noch im vollen Gange. Mittlerweile, während ich diesen Beitrag hier verfasse, fallen langsam bereits die Blätter von den Bäumen. Es wird herbstlich. Die vergangenen Tage stürmte und regnete es, als würde die kleine Insel hier regelrecht davongeweht werden oder im Meer ertrinken. Kaum eine Jahreszeit lädt mehr dazu ein, außergewöhnliche Literatur zu konsumieren.
In den letzten Wochen haben mich zahlreiche interessante Titel begleitet, die in der kommenden Zeit ausführlich auf "Am Meer ist es wärmer" präsentiert werden. Ich kann keine genauen Daten zu den Besprechungen abliefern, aber folgende Besprechungen werden demnächst hier zu finden sein:
- Eine heitere Wehmut von Amélie Nothomb (Diogenes)
- Ich war Hitlers Trauzeuge von Peter Keglevic (Knaus)
- Gotland von Michael Stavarič (Luchterhand)
- Die Insel der Freundschaft von Durian Sukegawa (DuMont)
All diese Besprechungen werden in den kommenden 4-5 Wochen hier erscheinen. Wer neugierig geworden ist sollte also den Trip zu meinem kleinen Domizil buchen (in diesem Falle diesen Blog euren Favoriten hinzufügen). Genießt also den sich anbahnenden Herbst und versüßt ihn euch mit Büchern!
Ein entspanntes Wochenende wünscht,
Aufziehvogel
Dienstag, 4. Juli 2017
Rezension: Moshi Moshi (Banana Yoshimoto)
(Foto: © Jayne Wexler)
Japan 2010
Moshi Moshi
Originaltitel: Moshi-moshi Shimokitazawa
Autorin: Banana Yoshimoto
Verlag: Diogenes (Besprochen wird hier die Taschenbuchausgabe)
Übersetzung: Matthias Pfeifer
Genre: Slice of Life
"Warum sollte ich meine eigenen vier Wände, in denen sich nur wenige Dinge von mir befanden, mit meiner Mutter teilen? Das war irgendwie unnatürlich. Ich hatte mir alles für meinen Liebsten in spe so schön ausgemalt. Nicht zusammenwohnen, sondern nur gelegentliche Übernachtungen; noch dazu wollte ich mich auf meine Arbeit konzentrieren und in meinem eigenen Rhythmus leben.
Eigentlich hätte ich, wenn es mir wirklich ernst mit meiner Selbstständigkeit gewesen wäre, zornig werden müssen, ihr böse Worte an den Kopf werfen und sie aus meiner Wohnung jagen sollen. Wäre ich ihr Sohn gewesen, hätte ich das bestimmt gemacht.
In dem Moment stützte meine Mutter die Ellbogen auf den Tisch, legte ihren Kopf in die Hände und blickte wie ein kleines Mädchen versonnen auf die regenverhangene Chazawa-Straße.
Dieser Anblick gab mir einen Stich ins Herz.
Alle Argumente, die mir durch den Kopf tobten, waren auf einmal wie weggewischt. Keine Worte konnten deutlicher ihren Wunsch ausdrücken, bei mir zu bleiben, als diese Pose. Das war nicht die Haltung einer erwachsenen Frau. Um sie lag ein Schleier, flüchtig wie ein Traum. Es war der Schleier, der eine besorgte junge Frau umgibt, ein Schleier aus Hoffnung und Einsamkeit."
(Moshi Moshi: Banana Yoshimoto. Verlag: Diogenes. Übersetzung: Matthias Pfeifer)
"Moshi Moshi" sagen die Japaner fast immer, wenn sie ein Telefonat beantworten. Dabei ist es etwas vielschichtiger als unser gewöhnliches "Hallo", der Sinngehalt aber durchaus vergleichbar. Der japanische Titel von Banana Yoshimotos Roman fügt dem "Moshi Moshi" sogar noch etwas hinzu - "Shimokitazawa". Für deutsche Leser wäre der Titel vermutlich etwas lang gewesen und nur die wenigsten hätten mit diesem Wort etwas anfangen können. Auch mir war der Name fremd, wird man im Buch aber relativ schnell aufgeklärt. Bei "Shimokitazawa", auch "Shimokita" von den Einwohnern genannt, handelt es sich um ein Stadtviertel in Setagaya, Tokyo. Bekannt ist das Viertel für Lokalitäten wie Bars, Cafes oder auch Musik. In diesem etwas illustrem Viertel ist Banana Yoshimotos Roman angesiedelt. Mit knapp 300 Seiten gehört "Moshi Moshi" außerdem zu den umfangreicheren Werken der Japanerin. Und wieder einmal ist Banana Yoshimoto in dieser Geschichte etwas außergewöhnliches gelungen, sie macht den tristen Großstadtroman zu einem Erlebnis. Kann Tokyo mit Fernweh verbunden werden? Diese geschäftige, überfüllte, niemals schlafende Stadt. Mit Shimokitazawa scheint dieses wundersame Viertel in der einsamen Weltstadt zu existieren. Ein Slice of Life Roman über das Erwachsenwerden, dem Leben in einer Gemeinschaft und einer großen Menge an Kultur.
Erzählerin der Geschichte ist die zwanzigjährige Yoshie (von Freunden und Familie "Yotchan" genannt). Beinahe beiläufig erzählt sie, ihr Vater, der Keyboarder einer recht bekannten Rockband, habe Selbstmord begangen. Selbstmord begangen gemeinsam mit einer weit entfernten Verwandten, die weder Mutter noch Tochter kannten. Tod durch Erstickung, ein natürlicher Tod ohne Fremdeinwirkung, inklusive eindeutiger Beweise am Ort des Geschehens. Dennoch ranken sich um den Tod des Vaters noch immer viele Geheimnisse, so soll Yotchans Vaters wohl schon vorher von besagter Frau mit Schlafmittel gefügig gemacht worden sein. Obwohl die beiden von dem lockeren Lebensstil des Vaters/Ehemannes wussten, gaben sie ihm seine Freiheiten, selbst eine Affäre hätte man wohl unter den Lastern eines Musikers verbucht. Der überraschende wie rätselhafte Tod des Vaters warf Yotchan und ihre Mutter gleichermaßen in ein tiefes Loch. Die Tochter hielt es nicht mehr aus und zog aus dem gemeinsamen Apartment aus um auf eigenen Beinen zu stehen. In Shimokitazawa, in einer etwas modrigen, kleinen Wohnung, lebt Yotchan nun losgelöst von der Vergangenheit in direkter nähe zu ihrem neuen Arbeitsplatz. Ihr Leben beginnt noch einmal von neuem. Die Freude über die Unabhängigkeit hält so lange an, bis Yotchans Mutter eines Abends vor ihrer Tür steht und ihr mitteilt, dass sie für einige Zeit gerne bei ihr wohnen wolle. Für die beiden Frauen beginnt ein neuer Lebensabschnitt in einem schillernden Viertel in der Großstadt Tokyo.
Wie ich es von Banana Yoshimoto gewohnt bin, so zog mich die Geschichte von Seite 1 an in ihren Bann. Habe ich kürzlich noch eine Kolumne über die Startschwierigkeiten eines Romans berichtet, so ist es eine Eigenart der japanischen Literatur, schon zu Beginn an zum Punkt zu kommen (ausgenommen sind hier die bereits in der Kolumne angesprochenen Light Novels, die allesamt ihre eigenen Probleme mit sich bringen). Yotchans Vergangenheit ist schnell erzählt, der Leser weiß sofort, in welche Richtung die Geschichte einschlagen wird. Es gibt keinen langwierigen Prolog, das zentrale Thema rund um den Verlust eines geliebten Menschen bleibt aber ein enorm wichtiges Element in "Moshi Moshi". Der Titel , eine Liebeserklärung an ein Stadtviertel, funktioniert aber auf mehreren Ebenen. Es ist die persönliche Geschichte einer jungen Frau, die sich uns, den Lesern, offenbart. Dies passiert, in typischer Banana Yoshimoto Manier, auf eine sehr charmante weise.
Dabei erfindet die Autorin sich hier selbst nicht neu. Routinierte Leser könnten sogar behaupten, es gäbe in ihren Geschichten nur selten eine Weiterentwicklung. Bereits vor einigen Jahren schrieb ich in einer anderen Kolumne darüber, dass dieses Merkmal auch auf andere bekannte japanische Autoren wie zum Beispiel Haruki Murakami oder Yoko Ogawa zutrifft. Der gewohnte Schreibstil und der gewohnte Aufbau der Geschichten inklusive der Einführung der bekannten Themen sehe ich aber als ein Stilmittel. Ich weiß, was mich erwartet wenn ich einen Roman dieser Autoren lese. Und doch werde ich immer wieder gleichermaßen auch überrascht. Dies sind Aspekte, die Leser der japanischen Literatur eher schätzen als diese als tatsächlichen Kritikpunkt zu betrachten.
Für die Übersetzung aus dem Japanischen war diesmal nicht Thomas Eggenbert verantwortlich. Für die Übersetzung von "Moshi Moshi" übernahm Matthias Pfeifer das Szepter. Den flüssigen, bildhaften Stil von Banana Yoshimoto hat auch er in eine schöne deutsche Sprache übertragen. Die Übersetzung knüpft von der Qualität her nahtlos an andere Werke an, die der Diogenes Verlag veröffentlicht hat (Ihre Nacht, Lebensgeister und so fort).
Resümee
"Moshi Moshi" ist eine ruhige Geschichte, die, wie bei Banana Yoshimoto üblich, Sehnsüchte weckt und gleichzeitig Trost spendet. Dabei spielt der Tod auch in dieser Geschichte wieder einmal eine wichtige Rolle. Zu keiner Zeit driftet der Roman aber in gefühlsduseligen Kitsch oder gar Esoterik ab. Die Art und Weise, auf spektakuläre Momente oder waghalsige Wendungen zu verzichten, aber dennoch eine emotionale, aufwühlende Geschichte zu erzählen, dies macht Banana Yoshimotos Stil aus. Tod und Leben reichen sich in "Moshi Moshi" die Klinke und beides geschieht auch noch in einer kraftvollen Harmonie. Ein starker Roman über Neuanfänge mit der typischen Yoshimoto-Magie.
Shimokitazawa in Tokyo: Gefunden bei Wayfaring Minimalist. Wissenswertes zum Viertel befindet sich in englischer Sprache im Link.
Freitag, 9. Juni 2017
Rezension: Denunziation (Bandi)
Da der Autor sein Werk anonym veröffentlicht hat, existiert kein Bildmaterial
Nordkorea circa 1990-1995
Denunziation
Originaltitel: Go-Bal
Autor: Bandi
Vorwort: Thomas Reichart
Nachwort: Do Hee-Yoon
Erschienen/Verlag: 05.02.2017 bei Piper
Übersetzung aus dem Koreanischen: Ki-Hyang Lee
Genre: Kurzgeschichten
Wissenswertes: Weiterleitung zu Piper
"Was war das für ein haariges Monster, das um sich brüllte, je einen Fuß auf den beiden höchsten Wohngebäuden der Stadt? Ja, natürlich, das war Eobi! In Todesangst sprang Kyeong-Hui auf die Füße und rannte so schnell sie konnte davon, ohne Plan und ohne Ziel. Zu ihrer großen Überraschung waren all jene, die zitternd vor Angst die Nasen an die Fensterscheiben ihrer bienenwabenähnlichen Wohneinheiten pressten, keine Menschen, sondern Feldhasen! Haha, was für ein Witz! Das waren doch nur Nagetiere aus einer Geschichte, die ihr Mann mit schöner Regelmäßigkeit erzählte. Das Seltsamste war, dass auch Kyeong-Hui plötzlich in einer dieser Waben kauerte, ohne zu wissen, wie sie dorthin gekommen war. Sie schaute sich um und entdeckte einen besonders stillen Hasen, der auf einem Bett in der Ecke des Zimmers schlief. Völlig bewegungslos lag er da und schnarchte mitleiderregend mit halb offenem Mund. Der Arme, auf der Flucht vor dem Schrei des Eobi war er sehr abgemagert. Sie sah näher hin. Warum standen denn die Schneidezähne so vor, aus dem Mund ihres Mannes? Auch das noch! Das war gar kein Hase, sondern ihr Mann!
>>Ma...mi...<<
>>Oooh... schlaf, schlaf weiter, mein Kleiner>>, murmelte sie mechanisch. Im Halbschlaf streichelte sie ihren Sohn, aber ihre Bewegung wurde immer langsamer. Trotz des tobenden Sturms senkte sich der Schlaf über die erschöpfte Stadt."
(Denunziation: Bandi. Verlag: Piper. Übersetzung: Ki Hyang Lee)
Wenn man einen Blog betreibt, der seinen Schwerpunkt auf Literatur aus Asien legt und diese besonders den Lesern nahelegen will, die vielleicht mal ganz versehentlich hier vorbei spazieren, dann wartet man immer auf ein Highlight, was es nicht alltäglich gibt und man den Lesern unbedingt präsentieren möchte. Aber besonders in der Literatur war alles schon einmal irgendwie da. Literatur aus den unmöglichsten Ländern, Nationen und Gesellschaften. Alles schon einmal da gewesen. So ist es ausgerechnet ein Beitrag aus Nordkorea, mit dem wohl niemand so wirklich rechnen darf. Klar, es gibt genug Bücher über Nordkorea, genügend Autoren mit Herkunft aus Nordkorea, die ihr Werk nach ihrer Flucht in Südkorea verfasst haben (meistens nicht einmal Belletristik sondern häufig handelt es sich hier um Autobiografien und Reportagen). Belletristik, auch noch verfasst im Land des Flüstern, so etwas ist tatsächlich eine literarische Seltenheit. Eine solche Seltenheit, dass der Autor, der die sieben Kurzgeschichten in diesem Band verfasst hat, anonym bleiben will und unter einem Pseudonym schreibt. Die Identität von Bandi (deutsch: Glühwürmchen) ist selbst Nordkorea-Experten ein Rätsel. Wie diese Kurzgeschichten in die Hände einer südkoreanischen Hilfsorganisation gelangten, liest sich mindestens so abenteuerlich wie ein Spionageroman. Doch hier handelt es sich um die Realität, zumindest ist sich da die Mehrheit sicher. Obwohl sich selbst Experten um die Authentizität dieses Buches einig sind, so wird es immer ein gewisses Maß an Restzweifel geben. Es wird nie eine hunderprozentige Sicherheit geben, ob es jemals einen Autor aus Nordkorea gibt/gab, der diese Kurzgeschichten zwischen dem Ende der 80er bis in die Mitte der 90er verfasst hat. Aber vermutlich ist es genau sogar dieser Aspekt, der "Denunziation" so viel Aufmerksamkeit zukommen lässt und zu einem Gesprächsthema gemacht hat.
Denunziation ist bereits 2014 in Südkorea erschienen. Bandis Biografie wie aber auch die Texte wurden nachträglich bearbeitet, um sämtliche Verbindungen zu der Person hinter dem Pseudonym zu tilgen. Die inhaltlichen Änderungen der Geschichte belaufen sich auf Änderungen von Namen und Städten. Mit Ausnahme dieser kleinen Änderungen, um die Identität des Autors zu schützen, versprach die Organisation, dass es darüber hinaus keine weiteren Anpassungen gab. Liest man sich durch die insgesamt sieben Kurzgeschichten, so dürfte auch der Leser nur noch wenige Zweifel an die Authentizität des Autors hegen. Von Beginn an muss angemerkt werden, jede einzelne Geschichte ist dem Regime gegenüber kritisch eingestellt. Diese Kritik gegenüber der seltsamen Diktatur aus Nordkorea wirkt aber nie aufgesetzt oder erzwungen provokant. Mit feiner Prosa erzählt Bandi hier Geschichten, die Menschen, haben sie sich noch nie mit dem Thema Nordkorea befasst, für fantasievolle Märchen halten könnten. Mit einer Portion Humor, Sarkasmus aber auch der nötigen Ernsthaftigkeit zeichnet Bandi ein Bild, was zum Ende der Herrschaft von Kim Il-Sung (verstorben 1994) entstanden ist. Wie beklemmend und paranoid das Leben in der Hauptstadt Pjöngjang sein kann, dies beweist besonders die Geschichte zum Auftakt, "Die Stadt der Gespenster". Im Fokus steht eine junge Mutter mit ihrem kleinen Sohn, der anscheinend einige Neurosen seines ängstlichen Vaters übernommen hat. In der Wohnung muss die selbstbewusste Kyeong-Hui die Fenster abdecken, damit der Junge nicht die riesigen Porträts von Marx und dem geliebten Führer Kim Il-Sung an den Hochhäusern sieht. Beim Anblick dieser Porträts verfällt der Junge in Panik und beginnt fürchterlich zu weinen. Dieses Verhalten wird für Kyeong-Hui und ihrer Familie aber noch einige weitere, verheerende Probleme mit sich bringen. Das ende dieser Kurzgeschichte ist im wahrsten Sinne des Wortes bittersüß und verhängnisvoll.
Bandis Geschichten sind immer wieder gespickt mit fantasievollen Passagen und Metaphern. In der zuletzt erwähnten Geschichte war es "Eobi", ein böses Monster, das unartige Kinder heimsucht. Die Geschichten sind alle leicht zugänglich und könnten besonders auch die Leute überraschen/interessieren, die sich mit den Sitten dieses abgeschotteten Landes bisher noch nicht beschäftigt haben. Für die leichte Verständlichkeit geht das Lob aber auch an die Übersetzerin Ki-Hyang Lee. Die erfahrene Übersetzerin und Verlegerin (Herkunft: Südkorea, Seoul) war hier für die Übersetzung der Ausgabe verantwortlich, die 2014 in Südkorea veröffentlicht wurde. Da das Buch auch in den USA erschienen ist, hätte man auch auf eine englischsprachige Ausgabe zurückgreifen können, doch der Piper-Verlag hat sich, glücklicherweise, dagegen entschieden.
Resümee
"Denunziation" von Bandi ist für mich die Überraschung der ersten Jahreshälfte. Jede Geschichte weiß zu überzeugen, am Ende war ich sogar wehmütig, dass diese Reise durch ein uns so fremdes Land vorbei war. Bedenkt man aber, unter welchen Umständen diese Geschichten entstanden sein müssen und wie alt sie mittlerweile schon sind, so können wir ausländischen Leser jedoch froh sein, überhaupt in den Genuss dieser Kurzgeschichten kommen zu dürfen. "Denunziation" regt zum nachdenken an, jede darin enthaltene Geschichte besitzt aber auch das Potential, seine Leser zu unterhalten. Trotz all der Gesellschaftskritik handelt es sich hier unverkennbar nicht um eine Autobiografie. Und genau dieser Aspekt macht Bandis Kurzgeschichten zu so einer Besonderheit. Besonders aufgrund der Aktualität ein unglaublich wichtiges Buch.
Montag, 20. Februar 2017
Rezension: Faber oder Die verlorenen Jahre (Jakob Wassermann)
Deutschland 1924
Faber oder Die verlorenen Jahre
Autor: Jakob Wassermann
Verlag: Manesse
Nachwort: Insa Wilke
Genre: Heimkehrerroman, Drama
"Faber kam mit dem Abendzug in seiner Vaterstadt an, in der er als Architekt gewirkt hatte, bis der Krieg ausgebrochen und er, im ersten Monat schon, in Gefangenschaft geraten war. Seitdem waren fünfeinhalb Jahre vergangen.
Mit ihm reisten ein paar Kameraden, letzte Nachzügler unter den Heimkehrern wie er selbst, Bürgersöhne wie er selbst, aber anders als er befanden sie sich während der zu Ende gehenden Fahrt in einer Erregung, in der sie unzusammenhängende Reden führten wie die Fieberkranken. Da sie beim Verlassen des Schiffs nach Hause telegrafiert hatten, konnten sie gewiss sein, von ihren Angehörigen und Freunden empfangen zu werden. Nüchterne Leute sonst, verstiegen sie sich bis zur Rührseligkeit, wenn sie von Frau und Kind, von Müttern und Schwestern, ja sogar von Häusern und Stuben sprachen. Faber war in nicht freundlicher Weise schweigsam. Einer fragte ihn: <<Wird deine Frau da sein?>> Er zog die dicken schwarzen Brauen hoch und antwortete nicht. Als der Zug in die Halle fuhr, reichte er den Gefährten vieler Monate kühl die Hand und drückte sich mit seinem Holzköfferchen abseits. Von der lärmenden Begrüßung, die ihnen zuteilwurde, war er nur vorüberhastender Zeuge."
(Faber oder Die verlorenen Jahre, Jakob Wassermann. Manesse)
Relativ selten wähle ich für das anfängliche Zitat für meine Besprechung direkt einen Part von der ersten Seite. "Faber oder Die verlorenen Jahre" könnte aber kaum einen besseren Einstieg finden als diese Einführung in die Geschichte. Faber ist mehr als ein Heimkehrerroman. Dies liegt aber auch daran, dass mit Jakob Wassermann hier ein begnadeter Erzähler am Werk war, der eben nicht nur die Geschichte eines heimkehrenden Kriegsgefangenen erzählt, Faber ist auch ein Familiendrama und gleichzeitig auch Gesellschaftskritik an ein trostloses Deutschland nach dem 1. Weltkrieg. Und gleichzeitig schwingt in diesem Werk nicht minder eine Vorahnung mit. Eine Vorahnung auf eine Zeit, die nur wenige Jahre später folgen und Deutschland danach für immer verändern sollte.
Eugen Faber, Architekt, 30 Jahre alt, kehrt nach einer knapp 6 jährigen Kriegsgefangenschaft zurück in seine Heimatstadt. Geflüchtet von Sibirien nach Peking und dann mit einem Schiff quer über den Pazifik, wirkt der junge Mann ausgemergelt und teilnahmslos. Wassermann bemüht sich gar nicht erst, diesen Charakter, den Protagonist dieser Geschichte, auch nur ansatzweise auf den Leser sympathisch wirken zu lassen. Versunken in Melancholie und Einsamkeit, sucht Faber weder seine Frau samt Sohnemann auf, der bisher eine längere Zeit ohne Vater verbracht hat als mit, noch das Elternhaus auf. Er vertraut sich einem alten Freund der Familie an, Doktor Fleming, der ehemalige Hauslehrer (und Mädchen für alles) der Kinder der Fabers. Mit gespielter Kühle und Teilnahmslosigkeit tritt Faber seinem alten Mentor gegenüber, der ihn, noch immer völlig überwältigt von der Rückkehr des Mannes, in das einweiht, was er in all den Jahren verpasst hat. Für Faber ist es unmöglich, sofort ins normale Leben zurückzukehren. Obwohl Fleming ihn ermutigt nach Frau und Kind zu sehen, bleibt Faber skeptisch. Und er sollte nicht unrecht behalten. In den verlorenen Jahren ging das Leben weiter, ohne ihn. Was bleibt ist ein Mann, für den es anscheinend keinen Platz mehr in der Gesellschaft gibt.
Jakob Wassermann, ein großartiger Schriftsteller deutsch-jüdischer Abstammung, suchte selbst viele Jahre nach Anerkennung und einen Platz unter den deutschsprachigen Schriftstellern. Kaum hatte er diesen Berg erklommen, fielen dunkle Zeiten über Deutschland herein, allen voran natürlich der Holocaust. Wassermanns Werk wurde Opfer der Bücherverbrennung von Schriftstellern jüdischer Abstammung. Ausgestoßen aus der Gesellschaft starb Jakob Wassermann im Jahr 1934 veramt und vereinsamt. Wassermann (Caspar Hauser oder Die Trägheit des Herzens) galt Seinerzeit als einer der meistgelesenen Autoren in Deutschland. Faber erschien im Jahr 1924, wenige Jahre vor dem Ruin. Die Geschichte von Eugen Faber wirkt nicht nur einmal im laufe der Geschichte wie eine unheilvolle Prophezeiung für den Autor. Umso interessanter war das Werk für mich persönlich, um diese feinen Parallelen zu Wassermanns eigenem Schicksal zu entdecken.
Einfühlsam, ja beinahe schon mit einer faszinierenden Ruhe erzählt Wassermann langsam und bedächtig, aber nicht träge und zäh, die Geschichte des Heimkehrers. Aus der Sicht von Doktor Fleming erfährt der Leser alles über die teils seltsamen Zustände in der Familie Faber. Der Vater, ein Doktor der Medizin, der aufgrund seiner Güte selten Geld von seinen Patienten verlangte und sich in Schulden stürzte, seine Frau, eine emanzipierte Dame und Frauenrechtlerin die einen großen Einfluss auf die gesamte Familie ausübte sowie die 4 Kinder, ein Ziehkind und weitere Eskapaden der Söhne. Das kuriose, teils schon absurde tragische Schicksal von Eugen Fabers Brüdern und der perfekte Bund zu eben jenem Ziehkind der Familie, die bezaubernde Martina, die er später einmal heiraten sollte. Wassermann spart es sich, diese Familiengeschichte und damit verbundenen Schicksale, langatmig auf unzählige Seiten auszudehnen. Für den Autor war es dafür umso wichtiger, Fabers Leben nach seiner Kriegsgefangenschaft zu dokumentieren. Das beeindruckende an der Geschichte ist jedoch, Wassermann übertreibt hier und da gerne absichtlich, beinahe wirkt der Roman an manchen Stellen gar wie eine Satire. Allerdings längst nicht so offensichtlich wie in einer anderen, von mir besprochenen Sammlung an Kurzgeschichten aus der Zeit nach dem 1. Weltkrieg: Die Komödie von Charleroi von Pierre Drieu La Rochelle.
Resümee
"Faber oder Die verlorenen Jahre" ist keineswegs so kompliziert wie es der Titel des Romans vielleicht vermuten lässt. Der Einstieg in die Geschichte ist leicht, man wird dank Wassermanns Erzählkunst direkt in die Geschichte gesogen. Und genau in diesem Tempo geht es auch weiter. Faber ist wesentlich zugänglicher als die von mir bereits erwähnte Komödie von Charleroi. Man muss die beiden Werke aber auch klar voneinander distanzieren.
Ich kann hier natürlich nun schlecht schreiben, ich hatte meine Freude an Faber, so etwas wäre eine unpassende Aussage zu einem solchen Roman. Ich kann aber sagen, ich habe mit Faber etliche interessante Stunden verbracht. Besonders Romane aus der Zeit nach dem 1. Weltkrieg zu eben jener Thematik sind rar gesät oder erhalten längst nicht die Aufmerksamkeit, die ihnen gebührt. Deutschland hat diese sehr finstere Zeit hinter sich gebracht und nun gibt es selbstverständlich keine Ausflüchte mehr, Jakob Wassermann nicht zu lesen. Und wieso sollte man nicht mit diesem Werk anfangen? Auch wenn der Roman zum Ende von Wassermanns Karriere entstanden ist, so sticht dieses Werk aus dem Portfolio des Autors aufgrund seiner Bedeutung heraus. Ein Klassiker der deutschen Nachkriegsliteratur.
"Faber ließ ihn noch eine Weile toben, dann tippte er ihn am Ärmel; als Fleming stille hielt, legte er ihm beide Hände auf die Schultern und schaute ihn mit seinen schönen großen Tieraugen ruhig an. <<Kannst du dir einen Begriff davon machen, wie lang ein Jahr dauert, wenn man einsam ist?>>, fragte er mit umwölktem Lächeln. <<Stell dir's vor: ein einziges Jahr. Und dann verfünffache das Furchtbare. Jeder Traum, den man träumt, ist ein Wahrgesicht, und die Worte, die einem von außerhalb zukommen, haben eine Bedeutung, eine unheimliche Doppeltheit und Durchsichtigkeit, vor denen keine Illusion mehr standhält.>>"
(Faber oder Die verlorenen Jahre, Jakob Wassermann. Manesse)
Mittwoch, 14. Dezember 2016
Rezension zum 100. Todestag von Natsume Sōseki: Kokoro
Japan 1914
Kokoro
Autor: Natsume Sōseki
Veröffentlichung (kommentierte und überarbeitete Übersetzung: 26.09.2016 bei Manesse
Übersetzung und ausführliches Nachwort: Oscar Benl
Genre: Klassische Literatur, Belletristik
"<<Oh, da sind Sie ja schon wieder?>>, begrüßte er mich lachend, als ich ins Empfangszimmer trat.
<<Ja, da bin ich wieder>>, erwiderte ich und lachte gleichfalls.
Hätte jemand anderer mich so empfangen, wäre ich wohl zornig geworden, doch da er mich fragte, geschah das genaue Gegenteil. Es stimmte mich fröhlich.
<<Ich bin ein einsamer Mensch>>, wiederholte er an diesem Abend. <<Ich bin einsam, aber fühlen nicht auch Sie sich gelegentlich einsam? Ich kann, weil ich schon alt bin, ganz still so dahinleben, aber Ihnen, der Sie noch jung sind, dürfte das nicht so leichtfallen. Je aktiver Sie sind, desto eher wächst ihr Wunsch nach noch mehr Tätigkeit, nach Kontakten, nach Zusammenstößen mit anderen!>>
<<Ich fühle mich nicht im Mindesten einsam!>>
<<Man ist nie so einsam wie in der Jugend. Ist es aber, wie Sie sagen, warum kommen Sie dann so oft zu mir?>> Und nach einer kurzen Pause fuhr er fort: <<Trotz Ihres Umgangs mit mir bleibt wohl noch immer ein Rest von Einsamkeit in Ihrem Herzen. Und weil ich nicht die Kraft habe, Sie davon zu befreien, werden Sie sich voll Sehnsucht bald anderen zuwenden müssen. Sie werden sehr bald nicht mehr bei mir erscheinen.>> Ein bitteres Lächeln lag um seinen Mund."
(Natsume Sōseki: Kokoro. Übersetzung: Oscar Benl, Manesse)
Wie könnte ich mein persönliches Jahr als Blogger für Literatur und Film zufriedenstellender abschließen als mit japanischer Literatur? Genau! Dies konnte nur noch gekrönt werden, wenn ich das Werk eines Autors lese, über den ich bereits einiges weiß, aber leider nie die Gelegenheit hatte, etwas aus seinem umfangreichen Portfolio zu lesen. Zum 100. Todestag von Natsume Sōseki (bürgerlich Natsume Kinnosuke: 09.02.1867 - 09.12.1916) legt der Manesse Verlag in seiner "Bibliothek der Weltliteratur" sein wohl bekanntestes Werk neu auf. "Kokoro" gilt in Japan als einer der meistgelesensten Romane der japanischen Moderne. Kokoro, ein Titel, der gleich mehrere Bedeutungen hat (eine wörtliche Übersetzung wäre "Herz", Natsume Sōseki wählte den Titel aber mit Bedacht und kann wesentlich melancholischer eingesetzt werden, wie zum Beispiel als "Das Herz der Dinge"), dokumentiert ein Japan im Wandel der Zeit von der Meiji-Ära zur Moderne. Entstanden ist ein ruhiges Werk, was aber in keiner Zeile zu langatmig oder bedrückend ist, dafür aber melancholisch und schlicht und dennoch ungeheuer sprachgewaltig ist. Seit einigen Jahren habe ich mir vorgenommen, etwas von Natsume Sōseki zu lesen. Ein Autor, der generationsübergreifend bis heute einen großen Einfluss auf japanische Schriftsteller ausübt. Akutagawa, Tanizaki und Murakami (Haruki), um einmal 3 großartige Generationen an japanischen Autoren zu nennen, gehören mitunter zu seinen Bewunderern.
Die Geschichte von Kokoro beginnt beinahe beiläufig. Der Leser lernt den namenlosen Ich-Erzähler der Geschichte kennen, ein Student, der in den Sommerferien einen Kommilitone in seiner Sommerpension besucht, der jedoch aus familiären Gründen abreisen muss. Unser Erzähler nimmt das Angebot seines Freundes jedoch an und bleibt alleine noch ein wenig in Kamakura. Dort am Strand, unter unzähligen Badegästen, macht der Erzähler eine Entdeckung, die auf ihn eine pure Faszination ausübt und nicht mehr los lässt. Ein älterer Herr in Gesellschaft eines Ausländers. Jener ältere Herr kommt auch einige Tage später, jedoch alleine, immer wieder zum Strand. Der Erzähler hat das unbändige Verlangen, diesen Mann anzusprechen, seine Aufmerksamkeit gewinnen, sich interessant zu machen um mit ihm ins Gespräch zu kommen. Durch eine glückliche Fügung gelingt es unserem Erzähler auch, die Aufmerksamkeit des älteren Herrn für sich zu gewinnen. Zwischen dem Erzähler und dem Mann, den der Erzähler dem Leser einfach unter "Sensei" vorstellt (und ihn auch privat immer so nennt), entwickelt sich eine etwas kuriose Freundschaft. Der Erzähler will das Rätsel um den alten Mann knacken. Wieso kommt der junge Mann nicht von dem geheimnisvollen, einsamen Mann und seiner Ehefrau los? Unser Erzähler hat so viele Fragen, erhält er aber umso weniger Antworten.
Natsume Sōseki brilliert darin, Tradition mit Moderne zu vereinen. Er porträtiert ein Japan, welches im Wandel der Zeit steckt, sich neu finden muss, aber auch durch die vielen westlichen Einflüsse auch in einer Identitätskrise steckt. Der zweite Weltkrieg ist noch viele Jahre entfernt und die Japaner sind mehr mit sich selbst als mit dem Weltgeschehen beschäftigt. Im Mittelpunkt stehen also keine politischen Machtkämpfe oder vom Krieg zerrüttelte Familientragödien, sondern zwei Männer, wie sie unterschiedlicher nicht sein könnten, sind in dieser Geschichte der zentrale Punkt. Der Leser wird mitten in die Geschichte hinein geworfen. Unser neugieriger Erzähler, der einem sogar häufig sehr aufdringlich erscheint, nimmt uns mit auf eine Reise. Diese Reise führt uns in das Seelenleben des alten Mannes, den wir nur unter der Anrede Sensei kennen. Die Anrede Sensei hat in Japan einen hohen Stellenwert und gilt meistens Doktoren, Professoren oder auch Künstlern. Der Erzähler rechtfertigt die Anrede, indem er dem Sensei sagt, er rede stets weitaus ältere Menschen respektvoll mit dieser Anrede an.
Ziel dieser Reise ist es, mehr über den geheimnisvollen Sensei zu erfahren. Die Unterhaltungen der beiden Protagonisten untereinander bestehen meistens nur aus wenigen Worten, doch Natsume Sōseki wählte jeden Dialog mit bedacht. In jedem Satz steckt unheimlich viel Aussagekraft und obwohl Kokoro niemals in ein Drama epochalen Ausmaßes umschlägt, so gelingt es dem Autor durch seine ganz eigenen Stilmittel, seine Leser regelrecht ans Buch zu binden. Natsume Sōseki ist von seinen Thematiken her ein Pionier und greift empfindliche Themen wie Einsamkeit und Isolation auf. Stilmittel, die besonders bei Autoren der Nachkriegszeit eine menge Anklang fanden.
Ursprünglich sollte diese Besprechung zum 100. Todestag von Natsume Sōseki am 9. Dezember Online gehen. Wie immer, wenn einem unvorhersehbare Ereignisse einen Strich durch die Rechnung machen, muss umgeplant werden. Der Manesse Verlag hat jedoch vorgesorgt und diese Neuauflage bereits am 26.09.2016 veröffentlicht. Für die ausgezeichnete Übersetzung von Kokoro ist wie bereits beim "Tagebuch eines alten Narren (Rezension)" von Jun'ichiro Tanizaki Oscar Benl verantwortlich. Die Übersetzung wurde neu durchgesehen und größtenteils an die neue Rechtschreibung angepasst (den Puristen zum Trotze eine gute Entscheidung). Zusätzlich gibt es noch ein Register an Fremdwörtern, die auf den letzten Seiten genauer erklärt werden. Auch ein ausführliches, sehr interessantes Nachwort von Oscar Benl wurde den Anhängen dieser Ausgabe hinzugefügt. Stilistisch passt sich das kleine gebundene Buch mit Schutzumschlag den Werken der "Bibliothek der Weltliteratur" an. Der Buchdeckel besteht aus Leinen und verwendet wird wie immer bei Manesse ein sehr hochwertiges Papier, was man sofort fühlt, sobald man die erste Seite aufschlägt.
Resümee
Mein längst überfälliger Ausflug in die literarische Welt von Natsume Sōseki endete für mich mit "Kokoro" nicht nur als eines meiner persönlichen Lieblingsbücher in diesem Jahr, ich hätte mir auch ehrlich gesagt kein passenderes Buch für die letzte Besprechung des Jahres 2016 hier auf "Am Meer ist es wärmer" vorstellen können.
Wie ein Maler hat Natsume Sōseki ein Porträt angefertigt, welches regelrecht den Zeitgeist einer Generation im Wandel eingefangen hat. Ohne Überheblichkeit oder literarischer Arroganz entfaltet sich Kokoro zu einer wunderschönen Blume, die bei genauerer Betrachtung seinen Beobachter aber nachdenklich, vielleicht sogar ein wenig einsam macht, ohne ihn jedoch in einen Sog der Traurigkeit zu stürzen. Ein Klassiker der japanischen Literatur, der leicht zu lesen ist, ohne aber plump oder zu simpel zu wirken. Genau so muss sich Belletristik lesen.
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Sonntag, 13. November 2016
Rezension: Das Buch vom Meer (Morten A. Strøksnes)
Norwegen 2015
Das Buch vom Meer
Alternativ: Das Buch vom Meer oder wie zwei Freunde in einem Schlauchboot ausziehen, um im Nordmeer einen Eishai zu fangen, und dafür ein ganzes Jahr brauchen
Originaltitel: Havboka – eller Kunsten å fange en kjempehai fra en gummibåt på et stort hav gjennom fire årstider
Autor: Morten A. Strøksnes
Veröffentlichung: 29.08.2016 bei DVA
Übersetzung: Ina Kronenberger, Sylvia Kall
Genre: -
"Seeleute an Land wirken häufig wie rastlose Gäste. Selbst wenn sie nie wieder zur See fahren werden, erwecken sie in Gesprächen und in ihrem Verhalten den Anschein, als wären sie nur kurz zu Besuch. Die Sehnsucht nach dem Meer werden sie nie ganz los. Das Meer, das nach ihnen ruft, muss sich jedoch mit ausweichenden Antworten begnügen.
Einen solchen geheimnisvollen Drang muss auch mein Ururgroßvater verspürt haben, als er das schwedische Binnenland verließ und durch Täler und über Berge nach Westen wanderte. Wie ein Lachs folgte er den großen Flüssen, zuerst gegen den Strom, dann mit ihm, bis er das Meer erreichte. Als Grund für die Wanderung soll er angegeben haben, er müsse unbedingt das Meer mit eigenen Augen sehen. Er hatte aber ganz sicher nicht die Absicht, jemals wieder dorthin zurückzukehren, von wo er gekommen war. Vielleicht ertrug er den Gedanken nicht, für den Rest seines Lebens mit gebeugtem Haupt über die kargen Äcker einer schwedischen Berglandschaft zu laufen. Er muss ein Mensch gewesen sein, der sich von Stimmungen leiten ließ, ein Träumer mit kräftigen Beinen, denn er schaffte es bis zur norwegischen Küste. Hier gründete er eine Familie und heuerte später auf einem Frachtschiff an. Irgendwo im Pazifik ging sein Schiff dann unter, und alle an Bord ertranken, ganz so, als wäre der Mensch vom Meeresgrund gekommen und müsste auch wieder dahin zurück. Als gehörte er eigentlich dorthin und hätte es die ganze Zeit über gewusst. So stelle ich es mir jedenfalls vor."
("Das Buch vom Meer", Morten A. Strøksnes. Übersetzung Ina Kronenberger und Sylvia Kall für DVA)
Der Blog vom Meer bekommt nun Unterstützung durch "Das Buch vom Meer". Morten A. Strøksnes Geschichte über 2 Freunde, die das Meer lieben und einen Eishai (besser bekannt als Grönlandhai) fangen wollen, hat sich zu einem kleinen Geheimtipp avanciert. Strøksnes ist in seiner Heimat natürlich kein unbekanntes Lichtchen. Als Journalist und Autor sind seine Aktivitäten relativ umfangreich. In Norwegen schätzt man Strøksnes Schreibkunst besonders im Segment der Sachbücher. Bei seinem neunten Buch, nämlich dem hier besprochenem "Buch vom Meer", hat der Autor sich dazu entschieden, das Sachbuch mit der Belletristik zu verbinden. Auf dem Papier ist der Roman Fiktion, verziert ist dieser aber mit Passagen, die genau so gut in eines seiner Sachbücher passen könnte. Zwischen Fiktion, etwas Naturwissenschaften und Wortwitz ist dem Norweger ein interessanter wie kurzweiliger Genremix gelungen. Leser, die ein gewaltiges Abenteuer im Stile von Moby Dick erwarten, könnten jedoch enttäuscht werden.
"Das Buch vom Meer" benötigt nicht lange, um direkt zum Punkt zu kommen. Strøksnes hält sich nicht lange mit Vorbereitungen auf und führt besonders die Charaktere zügig ein. Da hätten wir einmal den Ich-Erzähler, der den Leser durch die Geschichte geleitet (und ihm einen Platz auf dem Boot reserviert), gleichzeitig aber auch als Naturwissenschaftler agiert und die ganze Geschichte wie eine Dokumentation, aber auch einen Reisebericht beschreibt. Als zweiten Protagonist haben wir den langjährigen Kumpel des Erzählers, Hugo Aasjord. Der Erzähler nimmt sich keine Zeit uns Hugo bei der Begrüßung näher vorzustellen. Stattdessen webt er Hugos Hintergrundgeschichte (inklusive seiner Beschreibung) intelligent in separate Erzählungen beinahe beiläufig ein. Hugo ist ein etwas kauziger Zeitgenosse der am Meer aufgewachsen ist und regelrecht vernarrt und verliebt in seine Boote ist (und so ziemlich alles, was mit der See zu tun hat). Die Geschichte dieser beiden Herren beginnt an einem milden Sommertag. Die Vorbereitungen sind so gut wie getroffen, das teure Schlauchboot ist aufgepumpt und beide Männer wollen ihren Traum erfüllen, den sie lange im voraus geplant haben: Sie wollen einen Eishai fangen. Was beinahe schon simpel klingt, entpuppt sich für die beiden als eine langwierige Odyssee.
Wie ich schon beschrieben habe ist "Das Buch vom Meer" kein furioser Abenteuerroman. Stattdessen fährt Morten A. Strøksnes hier etwas ruhigere Gewässer an. Was aber nicht heißt, der Roman ist langweilig oder schwer zu lesen. Man muss ein wenig eigenen Enthusiasmus mitbringen, wenn man das Buch liest, sich besonders für die vielen dokumentarischen Anmerkungen des Erzählers interessieren, sich darin hineinversetzen können. Im laufe der Geschichte gibt es sicherlich immer mal wieder weniger interessante oder gar langwierige Abschnitte, die werden aber häufig durch wunderbar eingesetzten trockenen Humor kompensiert. Eines der Grundthemen des Buches ist die Sehnsucht und die Faszination des Meeres. Genau diese Mischung macht "Das Buch vom Meer" zu einem würdigen Vertreter, auf meinem Blog präsentiert und besprochen zu werden. Denn genau das ist die außergewöhnliche, exotische Literatur, nach der ich suche. So gesehen teile ich hier eine Leidenschaft mit den Protagonisten, auch wenn es wohl nun leicht an der Absurdität grenzen würde, wenn ich ein Buch mit einem Eishai vergleichen würde..... oder etwa.....
Resümee
"Der Weg ist das Ziel". Ein moosbewachsener Spruch, der zu diesem Roman aber großartig passt. Bei all den wundervollen Beschreibungen rund um die Natur und der See, da gerät das eigentliche Ziel dieser zwei relativ ungleichen Freunde schon einmal aus den Augen. Und dies gilt nicht als Kritik gemeint, die Beschreibungen, ganz besonders die Erklärungen, machen den Reiz dieser Geschichte aus.
Auf den letzten Seiten des Buches findet sich noch ein ausführliches Register, bei dem man Begriffe und Ereignisse nachschlagen kann. Auf dem Meer mag man sich als Laie verloren und hilflos vorkommen, in diesem ruhigen Abenteuer aus Norwegen haben wir mit Morten A. Strøksnes jedoch einen ausgezeichneten Reiseführer. "Das Buch vom Meer" ist Lesestoff für die kalte Jahreszeit. Und wenn einem das norwegische Klima doch einmal etwas zu nasskalt ist, hilft bestimmt ein warmer Glühwein aus.
(Steigen, Engeløya: Mehr Infos auf Norwegen Service)
Dienstag, 2. Juni 2015
Haruki Murakami wird auf die Spiegel-Bestsellerliste geweht
(Foto: Hörbuch Hamburg. Printausgabe als Sammlung beim Dumont Verlag erhältlich)
Seit dem 20. Mai sind Haruki Murakamis beinahe verschollene Erstwerke auch in deutscher Übersetzung (Übersetzung von Ursula Gräfe) beim DuMont Verlag Köln erhältlich. Viele Jahrzehnte hat der japanische Bestseller-Autor sich geweigert, seine beiden Erstwerke neu auflegen zu lassen. Tatsächlich existiert aber für die Kodansha English-Library eine englische Übersetzung von Alfred Birnbaum.
Umso erfreulicher ist es, dass nach Jahren des Schweigens Murakami sich endlich erbarmt hat, diese beiden Geschichten freizugeben. Denn "Wenn der Wind Singt", "Pinball 1973" und "Wilde Schafsjagd" ergeben zusammen die "Trilogie der Ratte". Theoretisch gehört auch noch noch "Tanz mit dem Schafsmann" dazu, da die Geschichte rund um "Ratte" aber bereits in Wilde Schafsjagd endet, gehörte der finale Akt nicht mehr zu dieser Reihe.
Spiegel-Online berichtete gestern in einem separaten Artikel über die neue Veröffentlichung von DuMont: Haruki Murakami auf der Spiegel-Bestsellerliste: Besser als Bier schmeckt nur die Liebe
Gleichzeitig wurde dort auch vermeldet, der Doppelband hat es auf Platz 9 der Spiegel-Bestsellerliste geschafft. Nach "1Q84", "Die Pilgerjahre des farblosen Herrn Tazaki" und "Von Männern, die keine Frauen haben" scheint Haruki Murakami sich auch in Deutschland zum Dauergast in den deutschen Bestsellerlisten zu etablieren. Für die japanische Literatur ist dies mal wieder ein Gewinn, da sich neue Veröffentlichungen in Deutschland sehr zurückhalten, und dieser Begriff schmeichelt der aktuellen Situation eigentlich noch.
Auch wenn ich mich bereits auf die deutsche Ausgabe freue, so habe ich die englische Ausgabe von Kodansha zu "Wenn der Wind singt" bereits 2011 gelesen und für ziemlich gelungen befunden. Die Besprechung gibt es ebenfalls auf "Am Meer ist es wärmer": "Hear the Wind Sing": Rezension
Freitag, 13. März 2015
Preis der Leipziger Buchmesse 2015: Die Gewinner
Die Gewinner wurden am 12. März 2015 Live auf der Leipziger Buchmesse verkündet.
Ein wenig ist die diesjährige Leipziger Buchmesse an mir vorbeigerauscht. Weniger die Festivitäten als viel mehr die Preisverleihung. Daher gibt es in diesem Jahr auch keinen gesonderten Beitrag über die Nominierten, sondern es geht direkt zu den Gewinnern!
Zu meiner eigenen Überraschung musste ich feststellen, ich kenne kein einziges Werk der diesjährigen Preisträger. Ganz alleine scheine ich aber nicht dazustehen, denn besonders in der begehrten Kategorie "Belletristik" gab es eine Überraschung: Erstmals gewann ein Lyriker den Preis in dieser Kategorie. Der Hamburger Jan Wagner wurden mit seinem Gedichtband "Regentonnenvariationen" von der Jury ausgezeichnet. Der Aufziehvogel sendet beste Grüße an die Stadt Hamburg!
Gewinner Belletristik: Jan Wagmer, "Regentonnenvariationen", Hanser Berlin Verlag
Gewinner Sachbuch/Essayistik: Philipp Ther, "Die neue Ordnung auf dem alten Kontinent. Eine Geschichte des neoliberalen Europa", Suhrkamp Verlag
Gewinnerin Übersetzung: Mirjam Pressler übersetzte aus dem Hebräischem "Amos Oz: Judas", Suhrkamp Verlag
Am Meer ist es wärmer beglückwünscht alle Preisträger!
Weitere Infos über das Programm der Leipziger Buchmesse und den Preisträgern gibt es auf der offiziellen Homepage: Klick
Sonntag, 2. Februar 2014
Banana Yoshimoto: Ihre Nacht (Rezension)
Japan 2008
Ihre Nacht
Autorin: Banana Yoshimoto
Originaltitel: Kanojo ni tsuite
Erscheinungsjahr: 2008 (Japan), 2012 (Deutsch, Diogenes)
Übersetzung: Thomas Eggenberg
Genre: Familiendrama, Mystery
"Zum Beispiel, wie Shoichi sich langsam verändert; wie jedes Mal, wenn wir uns berühren, und mit jedem Tag die Glut von neuem und immer heftiger sich entfacht. Shoichi selbst nimmt es wohl kaum wahr, es ist nicht der Moment dafür. Er kommt mit vor wie leicht beschwipst. Ich verstehe ihn ja, er hat eine anstrengende Zeit hinter sich und gönnt sich jetzt ein wenig Abwechslung, ein wenig Urlaub. Ohne Verpflichtungen und ohne Telefoniererei, ohne allzu viele Gedanken an das, was kommen wird, fern von der wirklichen Welt.
Natürlich hat unser gemeinsames Abenteuer für mich eine ähnliche Bedeutung. Zwar weiß ich, wie es um mich steht, mit geradezu brutaler Sicherheit kann ich sagen, dass es keine Zukunft gibt. Aber dennoch genieße ich den Urlaub und bin meinen Gönnern, Shoichi und seiner Mutter, dankbar dafür. Diese Reise ist ein Geschenk. Nicht zuletzt auch deshalb, weil ich mich allein nie auf dem Weg gemacht hätte, ja nicht einmal geahnt hätte, wie ungeheuer wichtig es mich für sein könnte.
Innerlich zur Ruhe kommen - das bedeutet weder betrübtes Alleinsein noch übertriebenes Fröhlichsein; vielmehr ist es so, wie wenn man an einem kalten Wintertag in der warmen Strube sitzt und in die Schneelandschaft hinausschaut, über der ein silberweißer Schleier liegt. Auch ohne Sonnenschein und Himmelblau fügt sich alles zu einem bezaubernden, harmonischen Ganzen."
(Banana Yoshimoto, Ihre Nacht, Diogenes Verlag, in einer Übersetzung von Thomas Eggenberg)
"Tokio wird immer mehr zu einer Stadt voller einsamer und isolierter Menschen. Aber ich versuche, immer noch etwas Hoffnung in meinen Büchern zu hinterlassen." (Banana Yoshimoto in einem Interview)
Gelangt man zum Ende von Ihre Nacht, so fällt es schwer, Banana Yoshimoto dieses Zitat zu glauben. Aber dieses Gefühl wird man nur im ersten Moment haben. Wie immer ist es eine Sache der Interpretation, wie man das Ende der Geschichte auffasst.
Die Bestsellerautorin zählt in ihrem Heimatland zu den populärsten und auflagenstärksten Autorinnen. Auch im Westen machte sie bereits vor vielen Jahren mit ihrem Werk Kitchen auf sich aufmerksam. Gerne wird Banana Yoshimoto (geboren als Mahoko Yoshimoto) von westlichen Kritikern mit Haruki Murakami verglichen. Was aber auch ein gewagter Vergleich ist, denn die beiden Autoren unterscheiden sich vom Stil her ziemlich. Was die Thematik und Atmosphäre angeht, so würde ich jedoch teilweise zustimmen.
Das Stilmittel von Banana Yoshimoto dürfte die stets düstere, geheimnisvolle Atmosphäre sein, die ihre Geschichten zeichnet. Diese Atmosphäre spiegelt sich in fast allen ihrer Werke wieder. Im Gegensatz zu Haruki Murakami, der gerne westliche Elemente in seine Geschichten einbaut, sind Frau Yoshimotos Geschichten aber durch und durch japanisch. Man muss einfach eine gewisse Kenntnis sowie auch ein wenig Verständnis gegenüber der japanischen Kultur und Denkweise mitbringen. Erst dann entfalten sich die Geschichten der Autorin zu einem wunderschönen Gemälde.
"Ihre Nacht" hat es mir aber dennoch zu Beginn schwer gemacht. Das Buch fängt an als ein flüssig erzähltes Familiendrama, besitzt einen Mittelteil, dem es manchmal sogar etwas an Elan fehlt. Das Ende ist jedoch so überraschend konzipiert, dass wohl kaum ein Leser mit den Auflösungen der Ereignisse in dieser art rechnen dürfte. So spielte anfängliche Ernüchterung und Begeisterung eine wichtige Rolle bei meinen abschließenden Gedanken, als ich die Lektüre schloss. In meiner Rezension versuche ich selbst noch einmal ein wenig über die Geschehnisse im Buch zu sinnieren.
Erzählt wird die Geschichte von Ich-Erzählerin Yumiko. Die Vergangenheit von Yumiko kann man nur als tragisch bezeichnen. Ihre Familie machte sich mit einem Geschäft für Feinschmecker Produkte einen Namen. Schnell floss das Geld und alle beteiligten führten fortan ein sorgloses Leben. Yumikos Mutter hingegen wurde stets gieriger. Immer mehr veränderte Yumikos Mutter sich und wurde noch gieriger, bis es sogar so weit ging, dass sie fragwürdige Seancen hielt, um mit Geistern zu kommunizieren. Diese Seancen sollten zur Folge haben, dass das Familiengeschäft fortan noch besser laufen sollte. Immer mehr driftete die fanatische Geschäftsfrau ab, bis es sogar einen Krach in der Familie gab und sie sich mit ihrer Teilhaberin und Zwillingsschwester für immer auseinanderlebte. Obwohl es Yumiko an nichts mangelte in ihrem Leben, bekam sie von ihrem Vater, der immer mehr den Fußabtreter seiner Frau spielte, nicht die Aufmerksamkeit, die sie sich wünschte. Der mental schwache Vater gehorchte seiner Frau aufs Wort. Bei der letzten Seance, die im Anwesen von Yumikos Eltern gehalten wurde, kam es zu einem dramatischen Ereignis als ihre Mutter endgültig den Verstand verlor. Jahre später, Yumiko ist bereits eine Erwachsene Frau, besucht sie auf einmal ihr Cousin Shoichi, der, den letzten Wunsch seiner verstorbenen Mutter erfüllend, Yumiko auffinden sollte. Erneut konfrontiert mit ihrer Vergangenheit nimmt die vom Weg abgekommene Yumi es noch einmal mit den Geistern vergangener Tage auf, denn irgendwann muss man sich diesen stellen. Für Yumi und Shoichi beginnt eine Reise, bei der das Ziel bisher noch unbekannt ist.
Einsamkeit, Isolation, Selbstfindung. Dies sind die Themen, die Banana Yoshimoto in ihrem Roman aufgreift. Protagonistin Yumiko hat eine schreckliche Vergangenheit hinter sich und konnte nicht ein einziges mal in ihrem Leben ruhe finden. Immer wieder verfolgten sie die Ereignisse aus ihrer Kindheit. Die rastlose und nachtaktive Yumiko (daher könnte der deutsche Titel rühren, der sich doch stark vom Originaltitel unterscheidet) lebt von einen Tag in den nächsten hinein. So richtig zuhause fühlt sie sich ebenfalls nirgendwo. Sie wurde von der Familie enterbt und führt ein Leben in völliger Bedeutungslosigkeit. All das soll sich aber ändern, als ihr Cousin Shoichi vor ihrer Tür steht, den sie zuletzt in ihrer Kindheit sah. Die Geschichte handelt von zwei sehr ungleichen Menschen. Ein Unterschied wie Tag und Nacht, könnte man sagen. Die Reise mit Shoichi wird für Yumiko zu einer Art Pilgerreise. Die Vergangenheit hält sie, je weiter sie kommen, immer mehr für einen schlechten Traum. In ihrer Vorstellung macht sich ein Anachronismus breit, der Yumikos gesamte Vergangenheit in einen Nebel hüllt.
Als Leser nahm ich natürlich an Yumikos Reise teil. Als schweigsamer Begleiter ging ich gemeinsam mit ihr an all die verschiedenen Orte aus ihrer Vergangenheit.
Banana Yoshimotos Schreibstil ist leicht und verständlich, sogar recht locker. Für eine Autorin, die in den Sechzigern geboren ist, kann sie sich noch sehr gut in eine Frau in ihren Zwanzigern hineinversetzen. Als eher lästig empfand ich jedoch, wie oft Yumiko regelrecht in einem Meer aus Selbstmitleid zerfloss. Obwohl Yumi jedes Recht dazu hat, hätte die Autorin hier und da etwas sparsamer damit umgehen können.
Wie ich bereits zu Beginn der Rezension erwähnt habe, fehlt es dem Mittelteil an echten Höhepunkten. Man könnte sagen, die Geschichte plätschert wie ein kleiner Bach, in einer abgelegenen Gegend von Kyoto, ein wenig vor sich hin. Was jetzt nicht bedeutet, die Geschichte würde dadurch langweilig werden. Die Seiten blättern sich zu jeder Zeit im Buch leicht und locker um. Allerdings fragt man sich irgendwann, ob "Ihre Nacht" auf etwas bestimmtes hinausläuft. Ob dieser Roman überhaupt ein Ziel hat. Doch dann kommt auf einmal das Ende, und man ist ganz regelrecht sprachlos
Die Übersetzung von Thomas Eggenberg ließt sich ebenfalls flüssig und ist mit interessanten Randbemerkungen versehen (Kudos für die Biohazard/Resident Evil Anmerkung). Die wurden sehr sparsam hinzugefügt und immer genau passend gewählt.
Resümee
Obwohl sich "Ihre Nacht" so leicht ließt, bleibt am Ende sogar ein recht schweres Werk zurück.
Neben bereits besprochenen Themen wie Einsamkeit und Isolation spielt auch das Thema um Liebschaften in der eigenen Familie keine unwichtige Rolle. Auch der Leser wird hier eine Achterbahn der Gefühle miterleben. Nach einem mehr als soliden Auftakt folgt ein etwas [zu] ruhiger Mittelteil um jeden Leser anschließend am Ende durch den Looping zu schießen.
Banana Yoshimoto hat, und da muss man "Ihre Nacht" loben, einen sehr geheimnisvollen Großstadtroman geschrieben, der irgendwo zwischen düsterer Wirklichkeit und Traum wandelt. Die Thematik ist ernst und macht nachdenklich, die Protagonistin hingegen scheint sich, glaubt man ihren Worten, gar nicht mehr in der Realität zu befinden. Die wirklich sehr pessimistische Protagonistin öffnet sich dem Leser nur spärlich und doch kann man ungefähr erahnen, wie ihr Leben bis zu dem Auftauchen ihres Cousins bisher abgelaufen sein muss. Die Pessimisten unter uns werden die Geschichte wohl nicht als hoffnungsvoll erachten, die Optimisten dagegen werden bestimmt jene Hoffnung aus Banana Yoshimotos Buch angeln, von der sie am Anfang dieser Rezension gesprochen hat. Als Lektüre für die Nacht eignet sich ihr Roman bestens und sollte von Freunden der japanischen Literatur unbedingt mal näher betrachtet werden.
Abschließen möchte ich diese Besprechung mit einem Song, der nicht nur den Originaltitel des Romans enthält, sondern auch noch sehr gut zur Stimmung der Geschichte passt.
Malcolm McClaren - About Her
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