Archiv: Rezensionen zu Literatur und Film

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Mittwoch, 30. Oktober 2019

Besprechung: Dao De Jing (Lao Zi)




Anmerkung: Bei den verschiedenen Schreibweisen des Werkes sowie des Autors berufe ich mich auf die vereinfachte Schreibweise, die auch der Verlag für diese Veröffentlichung benutzt. Besonders die Formatierung hier auf dem Blog leidet bei Sonderzeichen sehr, ich bitte diesen Umstand also vorab zu entschuldigen.



China

Dao De Jing
道德經 / 道德经
Verfasser: Lao Zi
Verlag: Manesse
Übersetzung, Herausgeber, Vorwort, Nachwort, Erläuterungen: Michael Hammes
Genre: Klassische Literatur, Philosophie



Aus dem Vorwort: "Obwohl dieses weitverbreitete Werk also seit jeher Sprengstoff für die etablierten Systeme der Macht und Deutungshoheit liefert, ist es nicht indiziert, sondern schlummert harmlos auf den entlegensten Bücherborden. Dass bislang keine detonationsauslösenden Zündungen stattgefunden haben, liegt einerseits an der erwähnten esoterischen Kodierung, andererseits an der grundlegenden Intention einer friedlichen inneren Wandlung und nicht einer gewaltsamen äußeren Revolte."



Als die Germanen ihre Kriege praktisch noch mit Steinschleudern ausgefochten haben, existierte bereits Weltliteratur im fernen China und im römischen Reich. Das Dao De Jing von Lao Zi wird als Gründungsschrift für den Daoismus gesehen und gilt als Vorreiter für andere bekannte Schriften wie die von Marx oder der Chuch'e Ideologie. Auch wenn die Vergleiche weit hergeholt sind, als einen symbolischen Vergleich finde ich sie nicht unpassend. Dass all diese Werke voneinander jedoch grundverschiedene Ansichten teilen, dürfte aber auch dem Laien klar werden.

Genau wie bei den alten Griechen und ihrem Homer gibt es keine eindeutigen Beweise dafür, dass es jemals einen alten Weisen namens Lao Zi gab (was auch viel mehr ein Titel sein könnte) und ob ihm auch wirklich eine der bekanntesten und ältesten chinesischen Schriften zugeschrieben werden kann. All das trägt zu der an sich geheimnisvollen, ja, auch ein wenig kryptischen Natur des Dao De Jing bei. Eine klassische Rezension zu verfassen, also diese Schrift zu bewerten, ist kaum möglich. Aber man kann sie besprechen. Was das Dao De Jing nämlich immer noch für sein Alter so zugänglich macht sind die immer noch zeitgenössischen Themen in den Texten, die auch in der heutigen Gesellschaft noch fantastisch funktionieren.

Das größte Problem an den deutschen Übersetzungen waren bisher immer eigenwillige Interpretationen, die jedoch nie ausführlich erklärt wurden oder interessierten Lesern zugänglich gemacht wurden. Auch hier muss man wieder bedenken, für den perfekten Zugang zu dem Werk in der altchinesischen Sprache sollte man mit großer Wahrscheinlichkeit die Sprache verstehen und bestens in der chinesischen Kultur bewandert sein. Genau wie bei der japanischen Literatur entfaltet sich der volle Sinngehalt nur, wenn man die Schriftzeichen lesen kann. Die symbolische Sprache verwandelt sich während man liest in Bilder und diese Bilder bieten noch ein wesentlich besseres Verständnis des Textes. Für diese zweisprachige neue Ausgabe vom Manesse Verlag war ein Mann mit beeindruckender Vita zuständig, der den Text übersetzt, interpretiert und kommentiert hat. Dr. Michael Hammes. Dieser ist gleichzeitig auch noch als Neurologe und Arzt für chinesische Medizin tätig. Ein Mann vom Fach. Doch wie liest sich seine Interpretation? Die liest sich einfach ausgezeichnet. Auch wenn ich das Buch noch immer nicht als eine gemütliche, entspannte Lektüre bezeichnen würde, hier hat der Übersetzer sein möglichstes getan, um diesen alten Text in eine moderne, deutsche Sprache umzuwandeln. Und das funktioniert. Und das funktioniert gar nicht mal auf Anhieb. Doch hier beruhigt Herr Hammes gleichzeitig auch und verweist darauf, dass man ein Gefühl für das Werk bekommen muss und die teils komplexen Wortspiele selbst in Bildersprache umsetzen muss. Es dauert eine Weile, doch dann bekommt man für die kurzen Passagen allmählich ein Gefühl und besonders ein Gefühl dafür, sich in diese Texte hineinversetzen zu können. Ein generelles Interesse für das Dao De Jing mitzubringen ist hier also unabdingbar.

Das Dao De Jing an sich ist ein relativ kurzer Text, der aus vielen kleinen Passagen, sogenannten "Eröffnungen", besteht. Diese Eröffnungen sind von unterschiedlicher Länge und unterscheiden sich thematisch stark voneinander. Die Texte bringen zwar allesamt eine gewisse Mystik mit sich und klingen teilweise sehr kryptisch, aber nach einer weile ist es faszinierend zu erkennen, wie sehr die kleinen Texte auch aus heutiger Sicht noch funktionieren. Und nein, ich rede hier nicht von irgendwelchen Weisheiten aus Glückskeksen oder dem Hokuspokus eines Horoskop von nächster Woche. Diese Texte haben auf mich, einen absoluten Laien was dieses Werk angeht, einen zeitlosen Eindruck gemacht. Es spielt dabei absolut keine Rolle, ob die Texte nun einer einzelnen Person zugeschrieben worden sind oder ob vielleicht mehrere chinesische Philosophen daran beteiligt waren. Die immer noch sehr geheimnisvolle Entstehungsgeschichte des Dao De Jing ist nicht minder interessant als die gesammelten Texte selbst.

Der Manesse Verlag liefert hier gewohnt gute Qualität ab und präsentiert wie immer das Buch auch optisch in einer schönen, kleinen Hardcover-Ausgabe mit Schutzumschlag und Lesebändchen. Garniert ist die Ausgabe noch mit einem umfangreichen Register mit zahlreichen Erklärungen des Herausgebers.




Abschließende Gedanken

Das Dao De Jing von Lao Zi ist keine Unterhaltungsliteratur. Aber es ist ein interessantes Werk der klassischen Weltliteratur, was heute nicht weniger relevant ist als vor über 2000 Jahren. Ob man die Werte, die in diesem Text verankert sind, für sich verinnerlicht oder ob man einfach neugierig ist, jeder soll diese Texte so angehen, wie er es für richtig hält. Wenn ich aber trotzdem eine Empfehlung abgeben darf: Ich empfehle, das Buch zuerst mit den Erklärungen und Interpretationen von Dr. Michael Hammes zu lesen und anschließend die einzelnen Eröffnungen des Dao De Jing noch ein weiteres mal ohne Erklärungen und Interpretationen. Hier muss man nun nicht zusammenzucken, denn, wie bereits geschrieben, das eigentliche Werk ist verhältnismäßig kurz. Und dennoch steckt in dieser Kürze eine solche Wucht, dass man kaum glauben mag, es hier mit einer so alten Schrift zu tun zu haben. Zu verdanken hat man dies auch der modernen Übersetzung und Interpretation von Michael Hammes. Auf jeder Seite kann man die Passion und Hingabe für dieses Projekt aus jeder Zeile herauslesen. Da macht es große Freude, diese Zeilen als Leser aufrichtig zu verfolgen.

Sonntag, 8. April 2018

Klassiker-Rezension: Frankenstein (Mary Shelley)







Großbritannien 1818

Frankenstein
Alternativ: Frankenstein oder der moderne Prometheus
Autorin: Mary Shelley
Verlag: Manesse
Übersetzung: Alexander Pechmann
Nachwort: Georg Klein
Genre: Drama, Grusel



Die Irrtümer der Menschheit hier aufzuzählen würde ein wenig den Rahmen sprengen. Zum einen wäre da aber die fälschliche Behauptung, die Erde sei flach. Eine weitere bekannte Behauptung, die sich über die Jahre fälschlicherweise etabliert hat, ist, das Monster mit den Daumenschrauben im Hals, vorzugsweise verkörpert von Boris Karloff, heiße Frankenstein. Tatsächlich aber hat dieser große, sensible Zeitgenosse keinen Namen und ist stattdessen die Schöpfung eines Forschers namens Victor Frankenstein. Frankensteins Monster gehört mit zu den wohl populärsten Figuren, die das Horror-Kino erschaffen hat. Sämtliche Verfilmungen von Mary Shelleys weltberühmter Gruselgeschichte hielten sich inhaltlich sehr frei an die Vorlage. Lediglich Multitalent Kenneth Branagh brachte 1994 eine treuere Adaption mit Robert De Niro als Monster auf die große Leinwand.

Was heute als großer Klassiker der Weltliteratur zählt, begann als eher beiläufige Geschichte unter Freunden während eines Ausflugs, wie die Autorin bescheiden im Vorwort anmerkt. Aus dieser Geschichte wurde jedoch mehr und ehe sie sich versah, hat Mary Shelley damals einen Roman verfasst, wie man ihn nur von einem Mann erwarten hätte. Doch sobald man die erste Seite Aufschlägt, wird die feine Feder deutlich, wie sie nur eine Frau zu führen vermag. Über den Inhalt ist in den vergangenen, rund 200 Jahren eine menge diskutiert worden und ich möchte in dieser Rezension auch nicht zu genau darauf eingehen. Interessanter für meine Rezension ist dann schon die hier vorliegende Fassung. Dazu gleich mehr.

Frankenstein wird oftmals dem Horror-Genre zugeteilt. Für die Filme mag das zutreffend sein, der Roman schlägt aber in eine andere Kerbe. Im Kern ist Frankenstein eine Gruselgeschichte, aber die Gesellschaftskritik steht hier wesentlich mehr im Vordergrund. Schon damals befassten die Menschen sich mit der Frage, ob es möglich ist, ob der Mensch in der Lage ist, ein anderes menschliches Wesen zu erschaffen. Das die Menschheit dazu eindeutig in der Lage ist, haben sie nun seit einigen Millionen Jahren bewiesen. Doch kann der Mensch anderes Leben ohne den Geschlechtsakt erschaffen? Eine zentrale Frage, womit sich dieser Roman befasst. So befasste sich die Autorin in diesem 1818 veröffentlichten Werk mit Themen wie Alchemie und einer Frühform des Steam Punk. So dreht sich die zentrale Frage in Frankenstein nicht darum, ob es möglich ist, ein menschenähnliches Wesen auf diese Weise zu erschaffen, sondern, ob man mit seiner Schöpfung zufrieden ist. Der gute Doktor Frankenstein ist es nämlich nicht und überlässt das Monster seinem Schicksal was gleichbedeutend mit seinem eigenen Untergang verbunden ist. So ist das zentrale Thema dann nicht der Grusel, sondern die Frage um Menschlichkeit und Existenz. Diese schwerwiegenden Fragen hat Mary Shelley aber unglaublich gut verpackt und so ist es möglich, diese Tragödie, dieses menschliche Drama auch als Gruselgeschichte anzusehen.

Bei der deutschen Ausgabe, die mir hier vorliegt, handelt es sich um eine neue Ausgabe, eine Jubiläumsausgabe, die ende vergangenen Jahres erschienen ist. Hier wird nicht nur das rund 200 jährige Bestehen dieses Werks gefeiert, der Verlag feiert hier auch gleichzeitig seine neue Manesse Bibliothek die hier die alte "Bibliothek der Weltliteratur" ersetzen wird. Doch nicht nur das Gewand ist hier neu und farbenfroh, auch der Inhalt ist es (natürlich nur von der Übersetzung her). Tatsächlich gab es hier nicht nur ein neues Cover und Design spendiert, auch die Ausgabe selbst unterscheidet sich in vielen Aspekten her der vorherigen Ausgabe, die, ebenfalls bei Manesse, in den 80ern erschienen ist.

Herausgegeben und neu übersetzt wurde der Roman von Alexander Pechmann. Als Ausgangsmaterial stand hier die Erstauflage aus dem Jahr 1818 Pate. Ziel der Übersetzung war es, den ursprünglichen Stil beizubehalten, die Geschichte jedoch in eine moderne deutsche Sprache zu adaptieren. Auch wenn der Text hier und da immer noch einige sehr geschwollene Passagen hat (was natürlich dem Stil Mary Shelleys zugrunde liegt), so war ich überrascht, wie flüssig und verständlich der Text sich liest. Zusätzlich gibt es noch ein ziemlich umfangreiches Register mit verschiedensten Erklärungen zum Roman und zur Epoche. Dieses Register befindet sich auf den letzten Seiten des Buches und bringen den Leser somit nicht aus dem Lesefluss.


"Ich danke Ihnen für Ihre Anteilnahme", sagte er, "aber es hat keinen Zweck. Meine Bestimmung hat sich beinahe erfüllt. Ich warte nur noch auf ein letztes Ereignis, dann werde ich in Frieden ruhen. Ich verstehe Ihre Gefühle", fuhr er fort, da er merkte, dass ich ihm Ins Wort fallen wollte, "aber Sie haben unrecht, mein Freund - wenn Sie mir erlauben, Sie so zu nennen. Nichts kann mein Schicksal ändern. Hören Sie meine Geschichte, dann werden Sie begreifen, wie unwiderruflich alles vorbestimmt ist."



Resümee

Die vermutlich beste Gelegenheit, das Original in seiner ursprünglichen Fassung in einer modernen deutschen Adaption zu lesen, die, trotz ihrer flinken Sprache, nie zu modern wirkt. Der Staub wird von der Oberfläche entfernt, aber tief im Kern dieses Romans ist und bleibt es ein Klassiker der Weltliteratur. Zugänglicher als je zuvor und mit viel Hintergrundwissen hat sich diese handliche, hochwertige Jubiläumsausgabe einen Platz in meiner Sammlung an Klassikern verdient. So schnell und zufriedenstellend konnte ich vermutlich noch nie eine Rezension beenden.

Mittwoch, 14. Dezember 2016

Rezension zum 100. Todestag von Natsume Sōseki: Kokoro







Japan 1914

Kokoro
Autor: Natsume Sōseki
Veröffentlichung (kommentierte und überarbeitete Übersetzung: 26.09.2016 bei Manesse
Übersetzung und ausführliches Nachwort: Oscar Benl
Genre: Klassische Literatur, Belletristik



"<<Oh, da sind Sie ja schon wieder?>>, begrüßte er mich lachend, als ich ins Empfangszimmer trat.
<<Ja, da bin ich wieder>>, erwiderte ich und lachte gleichfalls.
Hätte jemand anderer mich so empfangen, wäre ich wohl zornig geworden, doch da er mich fragte, geschah das genaue Gegenteil. Es stimmte mich fröhlich.
<<Ich bin ein einsamer Mensch>>, wiederholte er an diesem Abend. <<Ich bin einsam, aber fühlen nicht auch Sie sich gelegentlich einsam? Ich kann, weil ich schon alt bin, ganz still so dahinleben, aber Ihnen, der Sie noch jung sind, dürfte das nicht so leichtfallen. Je aktiver Sie sind, desto eher wächst ihr Wunsch nach noch mehr Tätigkeit, nach Kontakten, nach Zusammenstößen mit anderen!>>
<<Ich fühle mich nicht im Mindesten einsam!>>
<<Man ist nie so einsam wie in der Jugend. Ist es aber, wie Sie sagen, warum kommen Sie dann so oft zu mir?>> Und nach einer kurzen Pause fuhr er fort: <<Trotz Ihres Umgangs mit mir bleibt wohl noch immer ein Rest von Einsamkeit in Ihrem Herzen. Und weil ich nicht die Kraft habe, Sie davon zu befreien, werden Sie sich voll Sehnsucht bald anderen zuwenden müssen. Sie werden sehr bald nicht mehr bei mir erscheinen.>> Ein bitteres Lächeln lag um seinen Mund."
(Natsume Sōseki: Kokoro. Übersetzung: Oscar Benl, Manesse)



Wie könnte ich mein persönliches Jahr als Blogger für Literatur und Film zufriedenstellender abschließen als mit japanischer Literatur? Genau! Dies konnte nur noch gekrönt werden, wenn ich das Werk eines Autors lese, über den ich bereits einiges weiß, aber leider nie die Gelegenheit hatte, etwas aus seinem umfangreichen Portfolio zu lesen. Zum 100. Todestag von Natsume Sōseki (bürgerlich Natsume Kinnosuke: 09.02.1867 - 09.12.1916) legt der Manesse Verlag in seiner "Bibliothek der Weltliteratur" sein wohl bekanntestes Werk neu auf. "Kokoro" gilt in Japan als einer der meistgelesensten Romane der japanischen Moderne. Kokoro, ein Titel, der gleich mehrere Bedeutungen hat (eine wörtliche Übersetzung wäre "Herz", Natsume Sōseki wählte den Titel aber mit Bedacht und kann wesentlich melancholischer eingesetzt werden, wie zum Beispiel als "Das Herz der Dinge"), dokumentiert ein Japan im Wandel der Zeit von der Meiji-Ära zur Moderne. Entstanden ist ein ruhiges Werk, was aber in keiner Zeile zu langatmig oder bedrückend ist, dafür aber melancholisch und schlicht und dennoch ungeheuer sprachgewaltig ist. Seit einigen Jahren habe ich mir vorgenommen, etwas von Natsume Sōseki zu lesen. Ein Autor, der generationsübergreifend bis heute einen großen Einfluss auf japanische Schriftsteller ausübt. Akutagawa, Tanizaki und Murakami (Haruki), um einmal 3 großartige Generationen an japanischen Autoren zu nennen, gehören mitunter zu seinen Bewunderern.

Die Geschichte von Kokoro beginnt beinahe beiläufig. Der Leser lernt den namenlosen Ich-Erzähler der Geschichte kennen, ein Student, der in den Sommerferien einen Kommilitone in seiner Sommerpension besucht, der jedoch aus familiären Gründen abreisen muss. Unser Erzähler nimmt das Angebot seines Freundes jedoch an und bleibt alleine noch ein wenig in Kamakura. Dort am Strand, unter unzähligen Badegästen, macht der Erzähler eine Entdeckung, die auf ihn eine pure Faszination ausübt und nicht mehr los lässt. Ein älterer Herr in Gesellschaft eines Ausländers. Jener ältere Herr kommt auch einige Tage später, jedoch alleine, immer wieder zum Strand. Der Erzähler hat das unbändige Verlangen, diesen Mann anzusprechen, seine Aufmerksamkeit gewinnen, sich interessant zu machen um mit ihm ins Gespräch zu kommen. Durch eine glückliche Fügung gelingt es unserem Erzähler auch, die Aufmerksamkeit des älteren Herrn für sich zu gewinnen. Zwischen dem Erzähler und dem Mann, den der Erzähler dem Leser einfach unter "Sensei" vorstellt (und ihn auch privat immer so nennt), entwickelt sich eine etwas kuriose Freundschaft. Der Erzähler will das Rätsel um den alten Mann knacken. Wieso kommt der junge Mann nicht von dem geheimnisvollen, einsamen Mann und seiner Ehefrau los? Unser Erzähler hat so viele Fragen, erhält er aber umso weniger Antworten.

Natsume Sōseki brilliert darin, Tradition mit Moderne zu vereinen. Er porträtiert ein Japan, welches im Wandel der Zeit steckt, sich neu finden muss, aber auch durch die vielen westlichen Einflüsse auch in einer Identitätskrise steckt. Der zweite Weltkrieg ist noch viele Jahre entfernt und die Japaner sind mehr mit sich selbst als mit dem Weltgeschehen beschäftigt. Im Mittelpunkt stehen also keine politischen Machtkämpfe oder vom Krieg zerrüttelte Familientragödien, sondern zwei Männer, wie sie unterschiedlicher nicht sein könnten, sind in dieser Geschichte der zentrale Punkt. Der Leser wird mitten in die Geschichte hinein geworfen. Unser neugieriger Erzähler, der einem sogar häufig sehr aufdringlich erscheint, nimmt uns mit auf eine Reise. Diese Reise führt uns in das Seelenleben des alten Mannes, den wir nur unter der Anrede Sensei kennen. Die Anrede Sensei hat in Japan einen hohen Stellenwert und gilt meistens Doktoren, Professoren oder auch Künstlern. Der Erzähler rechtfertigt die Anrede, indem er dem Sensei sagt, er rede stets weitaus ältere Menschen respektvoll mit dieser Anrede an.
Ziel dieser Reise ist es, mehr über den geheimnisvollen Sensei zu erfahren. Die Unterhaltungen der beiden Protagonisten untereinander bestehen meistens nur aus wenigen Worten, doch Natsume Sōseki wählte jeden Dialog mit bedacht. In jedem Satz steckt unheimlich viel Aussagekraft und obwohl Kokoro niemals in ein Drama epochalen Ausmaßes umschlägt, so gelingt es dem Autor durch seine ganz eigenen Stilmittel, seine Leser regelrecht ans Buch zu binden. Natsume Sōseki ist von seinen Thematiken her ein Pionier und greift empfindliche Themen wie Einsamkeit und Isolation auf. Stilmittel, die besonders bei Autoren der Nachkriegszeit eine menge Anklang fanden.

Ursprünglich sollte diese Besprechung zum 100. Todestag von Natsume Sōseki am 9. Dezember Online gehen. Wie immer, wenn einem unvorhersehbare Ereignisse einen Strich durch die Rechnung machen, muss umgeplant werden. Der Manesse Verlag hat jedoch vorgesorgt und diese Neuauflage bereits am 26.09.2016 veröffentlicht. Für die ausgezeichnete Übersetzung von Kokoro ist wie bereits beim "Tagebuch eines alten Narren (Rezension)" von Jun'ichiro Tanizaki Oscar Benl verantwortlich. Die Übersetzung wurde neu durchgesehen und größtenteils an die neue Rechtschreibung angepasst (den Puristen zum Trotze eine gute Entscheidung). Zusätzlich gibt es noch ein Register an Fremdwörtern, die auf den letzten Seiten genauer erklärt werden. Auch ein ausführliches, sehr interessantes Nachwort von Oscar Benl wurde den Anhängen dieser Ausgabe hinzugefügt. Stilistisch passt sich das kleine gebundene Buch mit Schutzumschlag den Werken der "Bibliothek der Weltliteratur" an. Der Buchdeckel besteht aus Leinen und verwendet wird wie immer bei Manesse ein sehr hochwertiges Papier, was man sofort fühlt, sobald man die erste Seite aufschlägt.



Resümee

Mein längst überfälliger Ausflug in die literarische Welt von Natsume Sōseki endete für mich mit "Kokoro" nicht nur als eines meiner persönlichen Lieblingsbücher in diesem Jahr, ich hätte mir auch ehrlich gesagt kein passenderes Buch für die letzte Besprechung des Jahres 2016 hier auf "Am Meer ist es wärmer" vorstellen können.

Wie ein Maler hat Natsume Sōseki ein Porträt angefertigt, welches regelrecht den Zeitgeist einer Generation im Wandel eingefangen hat. Ohne Überheblichkeit oder literarischer Arroganz entfaltet sich Kokoro zu einer wunderschönen Blume, die bei genauerer Betrachtung seinen Beobachter aber nachdenklich, vielleicht sogar ein wenig einsam macht, ohne ihn jedoch in einen Sog der Traurigkeit zu stürzen. Ein Klassiker der japanischen Literatur, der leicht zu lesen ist, ohne aber plump oder zu simpel zu wirken. Genau so muss sich Belletristik lesen.