Archiv: Rezensionen zu Literatur und Film

Posts mit dem Label Selbstverlag werden angezeigt. Alle Posts anzeigen
Posts mit dem Label Selbstverlag werden angezeigt. Alle Posts anzeigen

Donnerstag, 25. September 2025

Der ungeklärte Fall von Kris Kremers und Lisanne Froon Teil 2: Verschollen in Panama (Rezension)

 



Verschollen in Panama: Die wahre Tragödie vom Pianista Trail

Verschollen in Panama
Autoren: Christian Hardinghaus, Annette Nenner
Verlag: Selbstverlag (Self-Publishing)
Genre: True-Crime, Mystery


Das war so nicht geplant. Klingt nun wie die Fehlermeldung, wenn eine beliebte Seite, die man gerne im Internet besuchen würde, mal wieder nicht erreichbar ist. In meinem Falle geht es hier um meine kleine True-Crime Reihe um das mysteriöse verschwinden der beiden jungen niederländischen Frauen Kris Kremers und Lisanne Froon, die im Jahr 2014 bei einer für dortige Verhältnisse alltäglichen Wanderung verloren gegangen und, wie Knochenfunde bewiesen haben, dort ihr Leben lassen mussten. Meine Besprechung zu dem Buch "Verschollen in Panama" war bereits vor einigen Monaten geplant. Aber vieles kommt wie immer anders, besonders, als man denkt.

Der Fall ist in True-Crime Communities seit seiner Bekanntmachung ein Dauerthema, medial war der Fall aber lediglich in den Niederlanden und in Panama wirklich relevant. Woher kommt also nun auf einmal ein so gestiegenes Interesse dem Fall von Kris und Lisanne gegenüber? Nun, zum einen liegt das natürlich daran, dass wir heute, man mag es ja kaum glauben, deutlich besser vernetzt sind als noch vor über 10 Jahren. Die Tragödie um die beiden jungen Frauen und die vielen Ungereimtheiten bei der Ermittlung waren Futter für unzählige True-Crime Kanäle auf YouTube sowie diverser Podcasts. Doch es war ein Podcast, der diesem Fall eine Frische verliehen hat, die einen Dominoeffekt mit sich brachte: Lost in Panama, ein Zusammenspiel der beiden Journalisten Mariana Atencio und Jeremy Kryt. Letzterer ist mit dem Fall sehr gut vertraut, gehörte er zu den ersten englischsprachigen Journalisten, die den Fall prominent besprochen haben. Und dieser Podcast war, obwohl ich mit dem Fall seit einigen Jahren vertraut bin, auch eine meiner Anlaufstellen. Besprochen habe ich diesen Podcast im April: Lost in Panama - Podcast Review (Link öffnet neues Fenster, ihr bleibt auf meinem Blog)

In meiner Besprechung habe ich den Podcast für gelungene Production-Values, großartiger Soundkulisse und generell dafür gelobt, diesem Cold-Case wieder neues Leben eingehaucht zu haben - gleichzeitig aber auch stark für eine extrem reißerische Berichterstattung kritisiert, die damit anfängt, wahllos Menschen an den Pranger zu stellen und damit endet, irgendwelche Gerüchte, die man vom Hörensagen aufgeschnappt hat, als blutrünstige, grafische Tatsachen im Podcast unterzubringen. Ein zweischneidiges Schwert und man muss für sich als Hörer abwiegen, wie man selbst zu den Inhalten im siebenteiligen Podcast steht und damit umgeht.

Der April ist hier bei Veröffentlichungsdaten, wie auch bei meinem Podcast-Review, nicht zufällig gewählt. Es war das Unglück, welches sich am 01.04.2014 ereignete. Und so ist das Veröffentlichungsdatum des hier besprochenen Buches zweier deutscher Autoren natürlich auch nicht zufällig gewählt. Am 01.04.2024, exakt 10 Jahre nach dem Unglück von Kris und Lisanne, veröffentlichten in gemeinsamer Sache der Historiker Christian Hardinghaus und die studierte Germanistin und Weltenbummlerin Annette Nenner ihr eigenes Buch zu diesem Fall. Der Titel ist dabei so einprägsam wie ein wenig verwunderlich, haben sie ihr eigenes Buch doch nach jenem Podcast benannt, den sie in ihrem Werk auf fast jeder einzelnen Seite einmal kritisieren. Verschollen in Panama: Die wahre Tragödie vom Pianista Trail.

Vorab muss ich sagen, völlig unvoreingenommen an das Buch herangegangen zu sein. Ich las gemischte Meinungen zum Buch, die weit auseinandergingen. Rezensionen, die das Buch von Christian und Annette feierten und andere, die es deutlich kritischer sahen. Ich selbst sehe mich wohl irgendwo in der Mitte und denke mir, dass man gute Arbeit geleistet hat, den Fall einmal gründlich aufzuarbeiten und ein paar Missverständnisse aus der Welt zu schaffen, zeitgleich es aber auch versäumt hat, sich durch viele unglückliche Entscheidungen fast schon selbst im Wege steht, diesen Fall weiterzubringen, geschweige den beiden jungen Frauen aus den Niederlanden den nötigen Respekt zu zollen. Doch alles nach der Reihe.

Verschollen in Panama besticht besonders im ersten Teil des Buches durch eine klare Sprache, eine sachliche Aufarbeitung der Geschehnisse und einem gelungenen Schreibstil. Deutsche Nüchternheit könnte man dazu sagen, im positiven Sinne. Ich konnte den Kindle nicht aus der Hand legen, denn noch nie zuvor habe ich in so einem Detailgrad über so viele Hintergründe und allen voran Details zu den Anfängen der Reise von Kris und Lisanne erfahren. Von der Abreise und der emotionalen Verabschiedung der Eltern hin zu dem malerischen Aufenthalt in Bocas del Toro hin zu ihrem verhängnisvollen ersten Tag in Boquete, wo einfach alles schief gehen sollte. Hier zeigt das Buch seine wahren Stärken und ungefähr das war es, was ich mir gewünscht habe. Eine nüchterne Aufarbeitung der Geschehnisse, vielleicht ein wenig garniert mit eigenen Theorien und Recherchen. Besonders die Zwischenkapitel mit Annette, die vor Ort in Boquete anwesend war und ihr Reiselogbuch mit den Lesern teilt, fand ich bis zu einem gewissen Punkt sehr stimmig.

Doch bereits sehr früh fielen mir Dinge auf, die mir weniger gefallen haben. Immer wieder werden Nadelstiche und Giftpfeile der Autoren zu anderen Berichterstattern gesendet. Sei es die niederländischen Autoren Marja West und Jürgen Snoeren, die immer wieder in fast jedem Kapitel eine volle Breitseite zu spüren bekommen, wie auch die Behörden sowie die ermittelnde Staatsanwältin aus Panama und, nicht zu vergessen, Mariana Atencios und Jeremy Kryt. Zuerst war ich fein damit, dass hier Dinge korrigiert und richtiggestellt werden, allen voran auch mal ein wenig schärfer kritisiert werden. Immerhin war ich selbst der gleichen Meinung, dass der Podcast zu viele Grenzen des guten Geschmacks überschritten hat. Doch nach einer Weile wurden die ständigen Anfeindungen gegenüber den Journalistenkollegen ermüdend und befremdlich, besonders, weil es in einem geschriebenen Buch natürlich keine Gegenwehr derer gibt, die man gerade kritisiert. Irgendwann nervte es mich und ich rollte tatsächlich während des lesens mit den Augen. Chris Hardinghaus und Annette Nenner nehmen am Ende Bezug auf diese Anfeindungen und erklären diese so:

[...]Unseren Lesern wird nicht entgangen sein, dass wir als Journalisten enttäuscht sind von den Arbeiten unserer Vorgänger West/Snoeren und Kryt/Atencio. Unsere Enttäuschung ist natürlich nicht persönlicher oder abspenstiger Natur. Da ihre Publikationen aber eine äußerst hohe Reichweite haben, ist uns nichts anderes übrig geblieben, als die daraus abgeleiteten Versäumnisse und Falschinformationen darzulegen. [...]

Für mich liest sich das nach sehr seltsamen Rechtfertigungen, immerhin muss es ja der Podcast oder eine andere kritisierte Berichterstattung gewesen sein, der die beiden Autoren erstmal auf die Idee brachte, sich dem Fall selbst anzunehmen. Man hätte sich einem separaten Kapitel widmen können, diese vermeintlichen Falschinformationen richtigzustellen. Stattdessen genießt man es viel zu sehr, andere Journalistenkollegen hier an den Pranger zu stellen. Etwas, was man ja selbst unbedingt vermeiden wollte, indem man die Ungerechtigkeit dem armen Tourguide Feliciano reinwaschen wollte, zeitgleich diesen als Heiligen porträtiert und mit dem Tourguide Plinio (der sich, meiner Meinung nach, Annette absolut vorbildlich gegenüber verhalten hat) sich einen neuen Candyman sucht, den man sich ja mal näher anschauen sollte. Meine eigene Meinung: Lasst die Tourguides, die hier einen harten Job erledigen und westliche Touristen durch die Gegend führen, einfach allesamt in Frieden. Hier wurden bereits zu viele Menschen in irgendetwas hineingezogen, womit sie offensichtlich nichts zu tun haben.

Die eigenen Theorien von Chris Hardinghaus und Annette Nenner widersprechen sich gerne häufiger. Mal liest man, der Ausflug zum Pianista sei von den jungen Frauen längerfristig geplant gewesen. Nur zwei Seiten später liest man hingegen wieder, dass das sehr wahrscheinlich doch eine sehr spontan getroffene Entscheidung war, allen voran geboren aus der Enttäuschung, nicht wie geplant den Ferienjob in der Aura Grundschule antreten zu können.

Zu oft entgleisen leider die eigenen Theorien und Recherchen, ruht sich stattdessen auf Lorbeeren aus, Akteneinsicht zu besitzen. Interessant hingegen fand ich die Recherche um das mittlerweile legendäre, unscharfe Schwimmfoto, welches Kris und Lisanne mit einer lokalen Jugendgang zeigen soll. Durch eine Befragung von Annette kommt hier jedoch zu Tage, dass auf den besagten Fotos keine der beiden Niederländerinnen zu sehen ist sondern viel mehr der unter mysteriösen Umständen verstorbene junge Mann Osmane und ein paar Freunde. Auch hier fehlen zwar absolut klärende Beweise, jedoch hat die Berichterstattung um das sogenannte Schwimmfoto noch mit die meiste Substanz von den eigenen Recherchen der beiden Autoren.

Da die Autoren Verfechter einer Verbrechenstheorie sind, möchte man am Ende noch etwas bringen, worauf niemand zuvor gekommen ist: Der rote Pickup-Truck. Gegen Ende des Buches möchte man seine eigene Recherche um diesen besagten roten Pickup-Truck schmackhaft machen und verhaspelt sich dabei nach wenigen Seiten durch irgendwelche Zeugenaussagen bereits in eine Sackgasse. Für mich führt die Verbrechenstheorie rund um den roten Pickup Truck ins Nichts und ist für mich an dieser Stelle auch nicht relevant genug, weiter auf dieses Kapitel einzugehen.

Auch hier, gegen Ende dieser Besprechung des Buches, möchte ich nochmal erwähnen, kein Anhänger irgendeiner Theorie zu sein. Gerne wird im Netz über die sogenannte "Lost" und "Foulplay" Theorie debattiert. Beides wäre denkbar. Vielleicht sind sogar beide Möglichkeiten eingetroffen. Aber für mich ist davon nichts greifbar und würde mich somit niemals einem Lager anschließen. Man darf letztendlich nicht vergessen, hierbei handelt es sich nicht um ein Spiel oder einen Wettbewerb, sondern um die Aufklärung eines Cold-Case.



Abschließende Gedanken

Egal ob als Podcast, Non-Fiction Buch oder Internetforen - der mysteriöse Fall rund um Kris Kremers und Lisanne Froon bewegt Menschen weltweit. Doch die Faszination scheint noch deutlich weiter zugehen. So stand dieser Fall Pate für den neusten Roman von Dorothee Elmiger der ganz schlicht "Die Hölländerinnen" lautet (sicherlich eine Anspielung auf die in Panama gebräuchliche Bezeichnung "Holandesas" im Zusammenhang mit diesem Fall). Ein fiktionaler Roman, der es nun sogar auf die Shortlist für den Deutschen Buchpreis geschafft hat und ich sicherlich demnächst hier auch noch besprechen werde.

"Verschollen in Panama" von Christian Hardinghaus und Annette Nenner ist eine weitere Interpretation des Falles. Nicht fiktional sondern als Non-Fiction Werk. Auch wenn beide Autoren ihre Aufarbeitung als die gründlichste verkaufen wollen, so bleibt vieles im Rahmen der eigenen Interpretationen und Auslegungen beider Autoren. Zieht man ständige Seitenhiebe gegen andere Journalisten ab, erhält man hier immer noch ein gut geschriebenes, teilweise exzellent recherchiertes True-Crime Buch geboten. Aber nach so einem starken Auftakt habe ich mir hier mehr erwartet. Mehr sachliche Aufarbeitung, weniger Emotionalität. Aber auch meine eigene Meinung zum Buch ist, wie zu dem Fall selbst, natürlich rein persönlich und subjektiv. Generell würde ich das Buch dem Podcast von Atencio und Kryt in allen Belangen vorziehen. Aber die gleichen Spielregeln wie beim letzten mal gelten auch für "Verschollen in Panama": Das Buch ist nur eine Meinung von sehr vielen zu dem gleichen Thema. Das solltet ihr als Leser immer beachten.


Rezension: Aufziehvogel
-------------------------------------------


Mehr zum Fall inklusive Bildmaterial über viele der hier angesprochenen Bilder und Situationen findet man gut kuratiert bei der niederländischen Bloggerin Scarlet R.

Link führt in einem neuen Fenster auf eine externe Website: Koude Kaas

Donnerstag, 14. September 2023

Rezension: Wechselbalg (Clarissa Bühler)

 


Großbritannien 2023

Wechselbalg
Autorin: Clarissa Bühler
Verlag: Selbstverlag
Genre: Roman
Format: E-Book



Vor über 12 Jahren habe ich meinen Blog gegründet, um hauptsächlich japanische Schriftsteller eine virtuelle Bühne zu geben. Eine Nische in einer Nische, die mein Blog, ganz besonders damals, war. Doch im Laufe der der Jahre habe ich auch die junge deutschsprachige Literatur für mich entdeckt. Spannende Autoren und Autorinnen aus Deutschland, Österreich und der Schweiz. Verschiedenste Genre wurden abgedeckt, ich habe die unterschiedlichsten Facetten dieser jungen Literatur kennengelernt. Schaut man sich auf "Am Meer ist es wärmer" also etwas im Archiv um, wird man so manche spannende Titel finden, die ich in den vergangenen Jahren besprochen habe. In dieses Archiv gesellt sich nun eine weitere junge Autorin die zwar aus Deutschland stammt, aber bereits seit einigen Jahren auf einer nicht so weit entfernten Insel lebt (Luftlinie von meiner kleinen Privatinsel hier zum Vereinigten Königreich ist aber doch noch etwas zu weit zum hinschwimmen). Ich hatte bereits kleineren Kontakt zu ein paar der hier auf dem Blog besprochenen Autoren, aber bei Clarissa Bühler hatte ich das große Vergnügen, sie als Mensch und Schriftstellerin besser kennenlernen zu dürfen (hier folgt in einigen Tagen noch ein kleines Autorenprofil). Dies hat meine Erfahrung unglaublich bereichert, noch tiefer in ihr Debütwerk eintauchen zu können.

Dabei wusste ich zu Beginn absolut noch gar nicht, worauf ich mich hier genau einlassen würde. Ich sage es frei heraus, unter dem Titel "Wechselbalg" habe ich keinen bodenständigen Roman mit Coming of Age Elementen erwartet, der sehr ernste Themen anspricht. Stattdessen habe ich eher seichte Young Adult Fantasy-Kost erwartet. Doch schon nach der Leseprobe wurde ich eines besseren belehrt. Wechselbalg könnte gar nicht weiter entfernt von einer Fantasy-Welt sein. Was die Autorin stattdessen hier in ihrem Debütwerk abgeliefert hat, ist eine überraschend komplexe Charakterstudie über 3 völlig verschiedene Menschen. Allen voran stehen hier im Mittelpunkt die beiden sehr ungleichen Brüder Maurice und Jerome (im Buch aber nennen die Brüder sich untereinander Mo und Joe, was es besonders einfach gemacht hat, sich die Namen zu merken), Söhne des Vaters eines Verlagsimperiums, der sich weniger um seine Kinder sorgt als viel mehr darum, die Familiendynastie aufrecht zu erhalten. Während der jüngere Bruder Joe eher das Abfallprodukt des Patriarchen ist, lebt sein älterer Bruder Mo praktisch nach dem Drehbuch seines Vaters. Sein Werdegang ist unlängst vorherbestimmt, in absehbarer Zeit soll er das Familiengeschäft übernehmen, ohne Widerrede. Als die Brüder von einem schweren Verlust informiert werden als ihr Onkel bei einem Autounfall stirbt, die vermutlich wichtigste Person im Leben der beiden jungen Männer, geraten einige Dinge ins Rollen, die vielleicht vom Drehbuch des mächtigen Vaters abweichen könnten. Parallel zu der Geschichte der beiden Brüder kommt aber noch eine dritte Person ins Spiel: Marie. Marie ist schüchtern, besitzt kein nennenswertes Selbstbewusstsein und möchte sich dennoch von ihrem kleinen Provinzdorf in die große Stadt aufmachen, nach Freiburg. Marie kommt aus nicht minder komplizierten Familienverhältnissen. Die Eltern, streng gläubig und konservativ, sehen die Zukunft ihrer Tochter auf dem Hof, dort, wo die Familie halt schon seit Generationen lebt. Auch ihr Schicksal scheint vorherbestimmt, sieht sie sich doch aber zu einem anderen Leben bestimmt. Marie möchte aus ihrem Gefängnis ausbrechen und ihren Eltern das Gegenteil beweisen. Noch ist ihr nicht bewusst, dass das Abenteuer Großstadt noch eng mit dem Schicksal weiterer Menschen verknüpft sein wird.


"Vier Tage später ließ Mo seinen Kopf gegen die weiche Lehne des Erste.Klasse-Sitzes sinken. Durch das Fenster blickte er auf die dunkle, verregnete Startbahn des Hamburger Flughafens. Als die Maschine langsam zu rollen begann, schloss er die Augen. Er hatte gehofft, der räumliche Abstand würde ihm etwas Ruhe und Entspannung verschaffen, aber die Wolke dunkler Sorgen hatte sich als dumpfer Schmerz in seinem Kopf festgesetzt. Der Ärger mit Joe - seine Nutzlosigkeit und völliger Mangel an Ehrgeiz, an Produktivität - die Auseinandersetzung mit seinem Vater - der in seiner Dummheit die Bereicherung nicht sah, die Mo durch ein Philosophie-Studium in den Verlag bringen würde - Er wollte ihn, Mo, nur zu einer jüngeren Ausgabe von sich selbst machen. Von dem Ideal, das er selbst nie hatte erreichen können."

Das beeindruckende an Wechselbalg ist der leichte Einstieg in die Geschichte. Der Schreibstil der Autorin ist für ein Debütwerk unglaublich souverän, liest sich enorm flüssig und flott. Durch die verschiedenen Point of View Kapitel kommt ein angenehmes Pacing in die Geschichte, das wenig Raum für unangenehme Prolog-Längen lässt. Man lernt die Charaktere auf eine ganz natürliche Art kennen, besonders hervorzuheben hier ist, dass alle 3 Charaktere im Buch grundverschieden sind. Angefangen bei Mo mit seiner professionellen, kühlen Art hin zu dem aufmüpfigen, rebellischen Bruder Joe mit seiner vulgären, von oben herabblickenden Art (die ich teilweise als überraschend derb und krass empfunden habe). Doch auch Maries Entwicklung in dem Buch ist höchst spannend zu beobachten, da sie zu Beginn noch nicht mehr als ein schüchternes Mauerblümchen vom Lande ist. Die große Frage, die ich mir hier recht lange gestellt habe, war die, wann die verschiedenen Erzählstränge ineinandergreifen würden. Ob sie überhaupt ineinandergreifen werden. Ich habe mich hier ein wenig an 1Q84 von Haruki Murakami zurückerinnert, wo der Leser bis auf die letzten Seiten dieses massiven Werkes qualvoll warten mussten, bis sich die Wege von Tengo und Aomame erstmals kreuzen würden. Nun, wenn ich hier nun zu viel schreiben würde, würde ich zu sehr ins Spoiler-Territorium eindringen, aber die Erzählstränge in Wechselbalg finden noch zueinander. Vielleicht nicht so, wie man es sich denken mag, aber bereits früh im Buch bekommt man einen Hinweis darauf, dass das Schicksal der handelnden Charaktere miteinander verknüpft ist.

Was ich als besonders interessant und mutig empfand ist der experimentelle Schreibstil der Autorin. Nicht nur haben wir es hier mit verschiedenen Erzählern zu tun, auch greift Joe mit einigen sehr frechen Bemerkungen gerne mal in ein aktuelles Kapitel ein. Da ich hier schon das Wort "Experimentell" benutze, bedeutet dies auch, dass das mal mehr und mal weniger gut klappt. Manchmal sorgt der Twist für Überraschungen, manchmal wird aber auch der Lesefluss dadurch ein wenig gehemmt und man fühlt sich als Leser etwas aus dem Tunnel gerissen. Doch je weiter man im Buch kommt, desto mehr gewöhnt man sich an die verschiedenen Stilmittel der Autorin.

Die Kapitel in Wechselbalg haben immer die perfekte Länge, was das Buch trotz seiner beachtlichen Länge von weit über 400 Seiten deutlich kurzweiliger macht, als es die Seitenzahl vermuten lässt. Garniert werden die Übergänge zu neuen Kapitel wie in einer japanischen Light Novel immer wieder mit einer Illustration, die eng mit der Thematik in dem Buch verknüpft ist.

Manchmal gibt es wenige Phasen, wo sich die Autorin aber auch klassischen Debütfehlern hingeben muss. Das fängt bei kleineren Logiklöchern wie Maries Herkunft an, als Joe erzählt, sie komme aus einem winzigen Dorf in NRW, Marie sich mit ihren Eltern allerdings in einem bayrischen Dialekt unterhält. Auch ist Joe gerne mal über Dinge im Bilde bei Marie, wo ich mich frage, woher er das wissen könnte. Bei einem Werk dieser Größenordnung sehe ich das nicht ein all zu großes Problem. Das Ende des Buches lässt auf eine Fortsetzung schließen und ich habe so viel Vertrauen zur Autorin, zu wissen, dass sie diese kleinen Stolpersteine bei einer Fortsetzung beheben würde. Für ein Debütwerk mit dieser Seitenanzahl überwiegt die Souveränität und es steckt eine menge Recherche im Buch.


"Es war ein bemitleidenswertes Beispiel von Sozialisation: Die anderen Studenten, aufgewachsen in Familien mit einem bildungsnäheren Hintergrund, hatten Zeit ihres Lebens die Worte aufgesogen, mit denen Marie nun so zu kämpfen hatte. Ihnen war diese Sprache geläufig, und selbst wenn sie nicht jedes Fachwort kannten, so waren sie doch in der Lage, sich den Sinn der Sätze zu erschließen. Sie waren strukturiertes, analysierendes Denken gewohnt, das Zusammenhänge erschloss und Vergleiche anstellte. Marie hingegen ... nun, sie hatte gelernt, einen mehrköpfigen Haushalt aus dem Dorf zu führen und Windeln zu wechseln."




Abschließende Gedanken


Clarissa Bühler liefert mit Wechselbalg einen beachtlichen Debütroman ab. Das Buch scheut sich nicht davor, ernste Themen anzugehen und besonders die Direktheit der Dialoge hat mich freudig überrascht. Die Kapitel sind kurzweilig aufgebaut und trotzdem geben sie den Charakteren genug Zeit, sich zu entwickeln. Für eine etwaige Fortsetzung würde ich mir in der Seitenanzahl etwas mehr Kompaktheit wünschen und vielleicht ein paar weniger experimentelle Handlungsstränge, ohne aber die freche, direkte Art aus dem Erstling über Board zu werfen. 
Was die Autorin aber hier abgeliefert hat ist ein Werk, worin viel Arbeit geflossen ist und als Leser habe ich das auch auf jeder Seiten förmlich aufsaugen können. Ich werde den Weg von Clarissa Bühler aufmerksam verfolgen und bin bereits sehr gespannt, was es als nächstes von ihr zu lesen geben wird.
---------------------------------------------------------



Vertriebsform: Wechselbalg ist als E-Book direkt von der Autorin als Self-Publish Ausgabe erschienen und kann digital über Amazon erworben werden.

Mittwoch, 19. Januar 2022

Rezension: Shepard of Sins (Martin Gancarczyk)

 




Deutschland 2021
Shepard of Sins
Autor: Martin Gancarczyk
Verlag: Selbstverlag
Format: eBook, Taschenbuch
Genre: Urban Fantasy


So, meine Lieben, dieses Mal ein vielleicht ungewöhnlich ernster Start: Ich bin hier nicht die Hausherrin, aber dennoch nehme ich mir an dieser Stelle heraus, vorab eines klar zu stellen: Anfeindungen, Angriffe, Homophobie und was auch immer bestimmten Menschen noch so einfällt, haben hier nichts und zwar absolut GAR NICHTS verloren! Wer keine Lust hat, quere Bücher (verständlich für alle auf das Einfachste heruntergebrochen: Jede_r kann Jede_n lieben) zu lesen: Kauft sie nicht. Wer keine Lust hat, einen Blogbeitrag darüber zu lesen: Weiterscrollen zum nächsten Eintrag. Wer meint, stänkern zu müssen: Bitte (habe ich wirklich „bitte“ gesagt? Höflich – kann ich) entferne Dich einfach von diesem Blog.

Damit geht es nun aber richtig los. Mit „Shepard of Sins“, einem deutschen Titel, nicht verwirren lassen, liefert Martin Gancarczyk meinen ersten Favoriten des Jahres 2022 – erschienen zwar im Dezember 2021, aber gelesen habe ich es erst am zweiten und dritten Januar als erstes Buch in 2022. Schlaf wurde überbewertet, obwohl ich zugeben muss, dass ich vorher schon immer mal ein wenig im eBook gelesen habe. Die Messlatte für mein Buchjahr 2022 liegt damit hoch.

Warum? Verrate ich Euch gleich. Vorher muss ich mich in aller Form bei Martin Gancarczyk beschweren! Was haben wir getan, um so ein Ende zu verdienen? Die Bezeichnung „Cliffhanger“ ist dafür noch sowas von untertrieben! Kennt Ihr das Lied „Habgier und Tod“ von Saltatio Mortis (reinhören, lohnt sich)? Dann stellt Euch mich als Zombie vor, der statt „Braaaaaiiiiiiiiins“ immer wieder den Refrain murmelt: „Ich will meeeehr! […] Gib mir meeeeehr!“ 

Ich meine, das … das geht doch einfach nicht. Einfach vorbei, nach gerade mal 400 Seiten? Nein, schämen sollte er sich! 

Ja, das war Sarkasmus, auch wenn das Buch für meinen Geschmack auch problemlos doppelt so dick hätte sein können. Beim Lesen ist man in einer ganz eigenen persönlichen Zeitblase, man fängt zu lesen an und plötzlich, gerade mal fünf Minuten später, fällt der Blick auf die Seitenzahl, nur dass da nicht eine um fünf Seiten, oder wie schnell auch immer man liest, höhere Seitenzahl steht, sondern eine um zweihundert Seiten höhere. Upsi.

Bevor ich zum eigentlichen Inhalt komme, etwas zur Gestaltung vorneweg. Never judge a book by its cover, das gilt nicht nur im metaphorischen Sinne, sondern auch für richtige Bücher. Trotzdem ist es natürlich so, dass interessante oder auffällige Cover den Blick schneller anziehen als das dreihundertfünfundneunzigste Cover einer Frau aus der viktorianischen Zeit, wie sie in die Ferne in die Landschaft oder über das Meer blickt (gilt aber da selbstverständlich auch, da sind auch tolle Bücher dabei). „Shepard of Sins“ ist einer dieser interessanten Fälle. Es ist nicht hell und es ist nicht dunkel, es beobachtet Dich und schaut gleichzeitig durch Dich hindurch, es zieht geradezu den Blick auf sich und lenkt ihn doch an keine bestimmte Stelle. Dieses Vorhandensein von Gegensätzen findet sich übrigens auch im Inhalt das eine oder andere Mal wieder, so wie die Motte und die Schmetterlinge auf der Rückseite. Persönlich mag ich außerdem goldene Töne nicht so gerne wie silberne, ich ziehe normalerweise eine Gestaltung mit silbernen Akzenten immer vor, auch weil Gold oft zu überladen wirkt. Hier ist sogar der Schnitt goldfarben besprüht (vom Autoren selber, er hat sich wirklich hingestellt und hat alle diese vorbestellten Bücher von Hand eingesprüht, find ich richtig cool) aber irgendwie ist es genau richtig, das passt wie Arsch auf Eimer (sorry, wie die Faust auf’s Auge … ach, lassen wir das, wird nicht besser). Ich hab’s jedenfalls selbst jetzt beim Schreiben neben mir liegen und schaue es immer wieder an.




Die tolle Gestaltung setzt sich auch im Innern fort. Der Einband hat zwei tolle Illustrationen bekommen und alle Seiten sind am unteren Rand unaufdringlich aber prägnant gestaltet. Das gilt ebenfalls für Kapitelanfänge und die Episoden, wenn der Protagonist Nicolas Schäfer träumt, obwohl sie nicht zu übersehen sind. Von so einem Kapitelanfang, recht zu Beginn, wegen Spoilern und so, habe ich Euch ein Foto mitgebracht und versucht so viel wie möglich von der restlichen Gestaltung mit drauf zu packen: Die anderen Kapitel sind übrigens „normal“, schwarze Buchstaben auf weißem Grund, gehalten. Hier seht ihr alles in einem Bild. Im eBook geht das leider weitestgehend verloren, das sollte eBook-Fans aber nicht vom Kaufen und Lesen der digitalen Version abhalten. Schließlich geht es in erster Linie („endlich hört die Alte auf, immer drumrum zu labern“, werden sich einige wohl schon denken) um den Inhalt.

Wir befinden uns im Hamburg des Jahres 2022, da wir uns hier aber in Richtung Urbanfantasy mit ein paar Cyberpunk-Einsprenklern bewegen, ist es nicht unser bekanntes Hamburg sondern das der Neuen Weltordnung. Diese besteht seit 2000, als die Schattenwesen die Herrschaft übernommen und die ihnen unterlegenen Menschen von der Spitze der Evolution vertrieben haben. Die Menschen werden als schwach angesehen, belächelt, stehen sogar in Europa unter Naturschutz. Hamburg selbst, die neue Hauptstadt in diesem Europa der Neuen Weltordnung, ist explosionsartig gewachsen, vor allem ist es dabei in die Höhe expandiert und in sogenannte City-Level aufgeteilt, wobei City-Level 0 das am Boden gelegene ursprüngliche Hamburg bezeichnet.

Mitten in dieser Welt lebt Nicolas Schäfer. Ein Paracog (ja, den Wortwitz bekommt Ihr recht zu Anfang auch um die Ohren geknallt, ich schenke ihn mir daher an dieser Stelle, und egal wie flach der ist, ich fand ihn gut), also ein Mensch, der Magie wirken kann, und zugleich der Schäfer der Sünden (Achtung, da kommt der nächste Wortwitz angeflogen, ducken!). Ich will gar nicht zu viel vorweg nehmen, er ist jedenfalls jemand, der sich die Erinnerungen anderer einverleiben kann und diese dann im Traum durchwandert. Eigentlich eine ziemlich coole Sache, diese ganze Schäfer der Sünden-Geschichte kommt noch mit weiteren tollen Extras daher, aber sie hat auch ihre Schattenseiten. Erfahrt Ihr aber alles, wenn Ihr das Buch lest, das kann ich gar nicht dem ursprünglichen Inhalt und Hintergrund gerecht werdend auf ein paar Zeilen herunter brechen.

Nic zur Seite stehen drei Dobermänner, Wandler, die in ihrer menschlichen Gestalt reichlich pubertär und in ihrer tierischen sehr instinktgesteuert daherkommen, die aber dennoch zu Nicolas‘ besten Freunden zählen, ihn mit ihrem Leben beschützen würde und wenn sie wollen auch Vollprofis sind. Zu allem Überfluss wohnen die vier übrigens zusammen, gemeinsam mit Aiden, der der Sohn vom Schäfer der Sünden und … naja, einer anderen sehr wichtigen Person ist. Werdet Ihr früh genug erfahren, wahrscheinlich auch erstmal genervt sein, dann schwanken zwischen „hey, eigentlich ist der ja doch ganz cool“, „Nic, ich halte ihn fest, dann kannst Du ihm ein paar auf’s Maul geben“ und „Waaaaaaaaas?“ und kompletter Verwirrung.

Da gibt es aber noch weitere ziemlich coole Charaktere, wie beispielsweise Nics beste Freudin Sal, eine Sirene und Diebin, die Waffen vermutlich etwas zu sehr liebt und – erst sehr spät auftauchend aber direkt zu einem meiner Lieblinge emporgestiegen – Wilma bzw. Delphi. Wie in das Orakel von Delphi, ja, und die im Körper von Wilma lebt und eigentlich, zumindest nach eigener Aussage, bedient sich Wilma der Fähigkeiten des Orakels und ist sie selbst. Ist aber eigentlich auch egal, denn die alte Dame – immerhin ist Wilma 180 Jahre alt – hat eine diebische Freude daran, ihre Freunde etwas zu spät vor kleinen Missgeschicken wie verschüttetem Kaffee zu warnen. Ebenfalls super sind Wish und Alexis, zwei Häuser, die überall und nirgends existieren und verdammt alt und manchmal verdammt launisch sind. Wish ist ein Markt, wo einfach alles zu finden ist, während Alexis quasi die Bibliothek zu Alexandria ist aber so ganz nebenbei auch alles andere, das jemals geschrieben wurde, beinhaltet. Ihre Rivalitäten bringen dabei stets frischen Wind in die alten Gemäuer.

Da gibt es noch mehr, aber das sind die Wichtigsten, und irgendwie halten sie alle zusammen, helfen einander, können sich aufeinander verlassen. Sie haben nämlich einen irrwitzigen Plan: In die bestgesicherte Bank einzubrechen und die bestgesicherten Geheimnisse, die Geheimnisse von Europa, aber auch die über Nics Vergangenheit zu klauen. Dadurch werden sie zur Zielscheibe ganz anderer Mächte und Organisationen und finden sich nicht nur einmal in Lebensgefahr wieder.

Gewürzt wird das Ganze mit viel Humor und flotten Sprüchen. Besonders auf die Sprache der Charaktere bezogen ist mir aufgefallen, dass sie realistisch sprechen, womit ich nicht nur das Fluchen meine. Viele Autoren und Autorinnen neigen dazu, auch ihre Figuren eher eine geschriebene Sprache sprechen zu lassen, korrekte Zeitformen und umgangssprachlich seltenst genutzte Wörter inklusive. Ich glaube, dass es eine Kunst für sich ist, die Charaktere natürlich klingen zu lassen ohne dabei zu sehr ins Umgangssprachliche abzudriften aber es eben dennoch zu schaffen, auf diesem schmalen Grat zu bleiben anstatt vor lauter verkniffener Mühe ins Konstruierte und ins gestellte Sprechen zu stürzen. In diesem Fall: Kunststück geglückt, ich bin begeistert.

Die Charaktere selbst sind toll beschrieben, sie haben Tiefe und werden lebendig. Bei ihnen allen verbirgt sich unter der Oberfläche und unter dem ersten Eindruck viel mehr, sie alle haben ihr eigenes Päckchen zu tragen. Das gilt natürlich vor allem für Nicolas, der bald an seiner eigenen Vergangenheit zu zweifeln beginnt. Auch die Dynamik zwischen den Charakteren ist super beschrieben, Verwicklungen, Entwicklungen und Probleme inklusive. Das fügt sich gut in die gesamte Geschichte ein. Viel zu oft ist soetwas zu gewollt, dann müssen Autoren oder Autorinnen unbedingt ein Liebesdrama einfügen und es wirkt einfach nur aufgesetzt, konstruiert. Das ist hier definitiv nicht der Fall, es gehört einfach zu der gesamten Geschichte dazu, es ergänzt sie.

An der Stelle kann ich jetzt auch den Bogen zum Einstieg zurück schlagen. Bei Martin Gancarczyk ist vollkommen egal, ob ein Mensch oder eines der vielen verschiedenen Wesen, ob weiblich oder männlich oder non-binary (haben wir hier nicht, soweit ich es überblickt habe), das alles spielt keine Rolle, Jede_r kann sich in Jede_n verlieben, eine Beziehung eingehen, Sex haben, völlig egal wer das ist.

Dem Autoren selber ist Diversity ein großes Anliegen, das vertritt er und dafür setzt er sich ein, er ist, wie er selber deutlich macht, laut, offen und engagiert. Dafür und für das Aufgreifens dieses Themas in seinen Büchern wurde er bereits angefeindet und beleidigt und dennoch – oder vielleicht gerade deswegen – tritt er weiter dafür ein. Davor ziehe ich meinen virtuellen Hut und verweise diejenigen, die es bis hierher zu lesen geschafft haben, auf die Social-Media-Kanäle des Autors (gebt einfach seinen Namen in die jeweilige Suche ein), wo er über Diversity, sein Autorenleben, seine Bücher aber auch über andere Bücher schreibt. Es lohnt sich auf jeden Fall und ich habe den Eindruck, dass er ein ziemlich cooler Typ ist, der zudem auf dem Teppich bleibt. Denn „Shepard of Sins“ geht jetzt im Januar direkt in die zweite Auflage, ist nämlich bis auf einige Restexemplare ausverkauft. Das, besonders im Selfpublishing, spricht für sich und ich denke, das kann ich so stehen lassen.



Abschließende Gedanken

Wie ich bereits sagte, die Messlatte liegt hoch. Sehr hoch. Dass Bücher mich in einem Maße begeistern und fesseln wie „Shepard of Sins“ es getan hat, kommt selten vor. Ich habe zwar böse Vorahnungen in Bezug auf einige Charaktere im weiteren Verlauf der Geschichte, aber da muss ich durch und das wird mich auch nicht aufhalten, den nächsten Band sobald das angekündigt und möglich sein wird, vorzubestellen. Dieser hier war übrigens auch vorbestellt, da bestand die Wahl verschiedener Paketgrößen, die unterschiedliche Extras umfassten. Es war unglaublich liebevoll verpackt und ich mochte das Buch erst gar nicht aus seiner Schutzverpackung holen.

Aufmerksam wurde ich auf Martin Gancarczyk übrigens dank einer in Social Media aufploppenden Werbung, da ging es um „Cold Blooded“. Auch sehr lesenswert, wer es noch nicht kennt, kann es direkt im Anschluss an Shepard of Sins lesen oder vielleicht sogar vorweg, da sich einige Querverweise finden lassen und beide Bücher in derselben Welt, wenn auch einmal in Europa und einmal in Amerika spielen. Denn eine Leseempfehlung spreche ich hier ganz klar aus. Aber auch eine Warnung: „Shepard of Sins“ macht wahnsinnig süchtig, das Warten auf den nächsten Band wird eine Herausforderung werden.
-----------------------------------------------------------------

Rezension: Lavandula


Lavandula gehört zum Kult der Bibliophilen und ist neben dem Studium selbst immer mal wieder als Autorin unterwegs, sofern die Zeit es zulässt. Ungefähr in einem Spektrum wie die Zeitsprünge in "Lumera Expedition: Survive" versuche ich sie bereits für einen Beitrag auf "Am Meer ist es wärmer" zu gewinnen. Ich hoffe, mit ihrem frischen Schreibstil wird sie den Blog noch häufiger bereichern.

Montag, 3. Januar 2022

Rezension: Prion - Lumera Expedition 5 (Jona Sheffield)






Deutschland 2021

Prion – Lumera Expedition 5
Autorin: Jona Sheffield
Verlag: Selbstverlag
Format: eBook, gebundene Ausgabe
Genre: Science-Fiction


Kennt ihr das? Ihr stoßt eher zufällig auf ein interessantes Thema, ein Buch, einen Film, ein Spiel. Ihr schaut es euch kurz an. Und dann, ehe ihr es euch verseht, umfängt es euch und lässt euch nicht mehr los. So ging es mir mit Lumera. Umso besser also, dass Jona Sheffield mit „Prion“ erneut Nachschub geliefert hat. Und auch ein weiterer Band, „Syndikat“, soweit ich das verfolgen konnte, quasi fertig ist und demnächst erscheinen wird. An dieser Stelle dürft ihr mich übrigens teeren und federn, ich habe nämlich wieder mal verdammt lange gebraucht für diese Rezension – gelesen ist das Buch ruckzuck, mal in der Bahn ein paar Seiten, vorm Schlafgehen ein paar, aber im „echten Leben“ steppt der Bär und da ich diese Rezension nicht einfach runtertippen, sondern ihr die verdiente Zeit einräumen möchte muss ich nun Abbitte leisten.

Doch zurück nach Lumera. An anderer Stelle hatte ich bereits einmal erwähnt, dass ich es spannend finde, dass das ganze Thema nicht mit dem Ende der Trilogie abgeschlossen ist und Friede, Freude Eierkuchen herrscht. Das wäre es in der Realität auch nicht – ich meine, wir sehen allein an unserer eigenen Geschichte doch schon, dass wir nicht einfach ein neues Gebiet besiedeln können und nachdem wir ein viel länger schon dort lebendes Volk entdecken mit diesem einträglich in Frieden leben können. So ähnlich verhält es sich mit den der Lumera-Trilogie nachfolgenden Bänden: Zwist zwischen den Völkern, politische Verwicklungen, Fragen nach der aufzubauenden Infrastruktur, aber auch das Leben der ärmeren Bevölkerungsgruppen, wo der Drogenhandel blüht.

Ihr merkt schon, was ich so kurz zusammenzufassen versuche, lässt sich eigentlich gar nicht in einen oder zwei Sätze pressen. Und das liegt nicht nur an mir, sondern an der unglaublichen Komplexität und Tiefe, die Jona Sheffield wieder einmal geschaffen hat. Sie erzählt von so vielen unterschiedlichen Charakteren – sowohl alten Bekannten als auch von neuen. Sie erzählt ihre Geschichten, gibt ihnen Tiefe, Leben, und zugleich hängen alle diese einzelnen Schicksale auf oft unvorhersehbare Art zusammen.

Ich persönlich bin ja, nachdem Jona Sheffield einen echten Game of Thrones-Moment geschaffen und eine meiner anderen liebsten Figuren einfach ausradiert hat, ein riesen Fan von Radascha, der Königin der Kidj’Dan. In „Prion“ wird auch über sie und ihre Beweggründe mehr erzählt, mehrere Kapitel sind aus ihrer Sicht geschrieben. Das gefällt mir sehr, andererseits wird damit ein weiterer möglicher Konflikt angedeutet. Zwei sogar, aber nur einer davon findet bereits in diesem Band ein Ende. Das macht direkt wieder Lust auf mehr, auch wenn ich mir eigentlich Frieden zwischen Kidj’Dan und Menschen wünschen würde.

Zur Handlung will ich gar nicht zu viel sagen. Nach wie vor kommen immer mehr Menschen zum Portal, wollen nach Lumera, allerdings haben die Kidj’Dan die Kontrolle über das Portal, lassen nur wenige Menschen hindurch. Zugleich sehen die Menschen auf Lumera sich mit der Frage konfrontiert, wie sie die Menschen in die sich im Aufbau befindliche Stadt schaffen sollen, da sich der Landweg als sehr gefährlich erwiesen hat. Die Lösung: Ein weiteres Portalpaar muss her, doch mit den Raumarchen ist das ein hoffnungsloses Unterfangen, weshalb die Menschen die Kidj’Dan um Hilfe bitten müssen, da diese über ein Raumschiff mit einem Antrieb verfügen, der die Flugzeit auf einen Sprung verkürzt.

Da Radascha eigene Pläne verfolgt, gewährt sie die Hilfe überraschend, sodass sich eine Gruppe aus Menschen und Kidj’Dan auf den Weg macht. Doch wer kann wem trauen? Zudem wartet auf dem Raumschiff, auf dem sich die Portale befinden, eine ganz andere tödliche Bedrohung, die das gesamte Blatt wenden kann.

Auch für „Prion“ gilt ganz klar: Lesen, lesen, lesen! Ich denke, dieser Band könnte sogar ohne die vorangegangenen Bände gelesen und verstanden werden, allerdings sind die vorangegangenen Bücher zu gut, als dass man sie ignorieren sollte, daher mein Rat, wenn ihr Lumera noch nicht kennt: Fangt mit „Lumera Expedition – Survive“ an und lest sie der Reihe nach, sonst entgeht euch viel zu viel. Die weiteren Bände zu lesen, wieder nach Lumera aufbrechen zu können, ist jedes Mal ein bisschen, wie nach Hause zu kommen. Ein wenig schwingt zwar die Sorge mit, wann das Potential ausgeschöpft ist, denn es wird der Punkt kommen, an dem man trotz wundervoller Ideen nichts mehr zu erzählen haben wird, an dem die Leser sich nicht mehr abholen lassen, weil sie sich überladen und vielleicht von dem Thema gelangweilt fühlen. Allerdings ist das mit „Prion“ definitiv noch nicht der Fall und ich vertraue auf Jona Sheffield, dass sie erkennt, wann der Zeitpunkt zum Absprung gekommen ist – bis dahin hoffe ich auf viele weitere spannende Erzählungen von Lumera. Vielleicht sogar, aber das ist vermutlich Wunschdenken, im Stile des genialen Darkover-Zyklus von Marion Zimmer Bradley (es tut mir leid, Leute, ich muss an dieser Stelle einfach rumnerden – ich habe damals den gesamten im Handel verfügbaren Darkover-Zyklus auf einmal bestellt und aus der Buchhandlung getragen, was der Verkäuferin ein fassungsloses Kopfschütteln entlockte, und es geradezu verschlungen): Hier erfolgt, direkt nach Band 1 allerdings, ein gewaltiger Zeitsprung; Bruchlandung, keine Aussicht auf Rettung, Erkundung des neuen Planeten, Besiedelung, das ist in etwa dieser Band, nur damit Band zwei viele viele Jahre in die Zukunft springt. Mit anderen Worten: Ich möchte wissen, was aus Lumera wird oder vielmehr werden wird, da momentan zeitlich alles sehr dicht beisammen ist. Und dass Jona Sheffield durchaus zwei weit auseinanderliegenden Zeitstränge parallel erzählen und wunderbar verknüpfen kann, hat sie längst bewiesen.



Abschließende Gedanken


Aber bis dahin – oder auch nicht, dann eben bis zum Erscheinen weiterer Bände – hilft es auch, die bereits erschienenen Bücher das ein oder andere Mal erneut zu lesen. Also, ihr Lieben, Weihnachten ist vorbei, also schlage ich vor, dass ihr euer Weihnachtsgeld von Eltern, Verwandten oder Freunden sinnvoll einsetzt: Gönnt euch „Prion“ oder falls noch nicht vorhanden am besten direkt die gesamte Lumera-Reihe. Ihr werde es nicht bereuen, euch erwarten auch in diesem Band wieder Unterhaltung, Tiefgang, Verwicklungen und Intrigen und ihr werden bangen und hoffen, den Kopf schütteln, vielleicht in hilfloser Wut die Fäuste ballen – denn wen Lumera einmal packt, den lässt es nicht mehr los.

--------------------------------------------------------------------------

Rezension: Lavandula



Lavandula gehört zum Kult der Bibliophilen und ist neben dem Studium selbst immer mal wieder als Autorin unterwegs, sofern die Zeit es zulässt. Ungefähr in einem Spektrum wie die Zeitsprünge in "Lumera Expedition: Survive" versuche ich sie bereits für einen Beitrag auf "Am Meer ist es wärmer" zu gewinnen. Ich hoffe, mit ihrem frischen Schreibstil wird sie den Blog noch häufiger bereichern.

Montag, 6. April 2020

Gastrezension: Lumera Expedition: War (Jona Sheffield)





Deutschland 2020

Lumera Expedition: War
Autorin: Jona Sheffield
Verlag: Selbstverlag
Format: eBook, gebundene Ausgabe
Genre: Science-Fiction



Mit „Lumera Expedition: War“ nimmt Jona Sheffield uns erneut mit in eine Zukunft, in der die Erde durch den Klimawandel unwirtlich geworden und der Planet Lumera die Hoffnung der überlebenden Menschheit ist.
Ich habe lange voller Spannung auf diese Fortsetzung gewartet und als ich das Buch endlich in der Hand halten durfte, hat mich das Cover schon umgehauen. Ja, gut, das ist fast (ja, nur fast, denn das Gestirn hinter dem Planeten scheint sich ein wenig mehr hinter ihm hervorgeschoben zu haben) das gleiche wie das vom ersten Band, das mich damals auch direkt gefangen hatte – ich finde es übrigens schön, wenn Buchreihen auch beim Cover einer Linie treu bleiben, das macht sich sehr gut im Regal – nur eben in Rot, aber dieses Rot hat es in sich. Und nun gerate ich ins Schwärmen, ehe das Buch überhaupt aufgeschlagen wurde. Dass man ein Buch nicht nach seinem Cover beurteilen soll, gilt in beide Richtungen, ein schlechtes Cover muss kein schlechtes Buch beinhalten und umgekehrt.
Also schauen wir mal. Bereits der Blick ins Inhaltsverzeichnis zeigt, dass wir viele alte Bekannte, wie Julia, John und Peter, wiedertreffen werden, wir allerdings auch die Ereignisse aus der Sicht anderer Beteiligter, wie etwa Elias Fox, erfahren werden.

Vom Prolog werden wir direkt mitten ins Geschehen zu John auf einen Kriegsschauplatz katapultiert. Der Titel macht also schon einmal keine falschen Versprechungen. Und wie es schon im ersten Band mit Julia war, ist auch hier unklar, ob dieses Mal John überlebt. Und da spannt Jona Sheffield uns auch erstmal auf die Folter, denn das erste Kapitel beginnt ein paar Monate zuvor. Ich empfehle übrigens dringend, immer auf die Zeitangaben am Kapitelbeginn zu schauen, das spart viel Verwirrung. Nein, ich rede natürlich nicht aus Erfahrung, ich war natürlich nicht so scharf auf das Buch, dass ich es erstmal in einem Zug weginhaliert und dieses kleine Detail in den ersten Kapiteln außer Acht gelassen habe, ehe ich es noch mal in Ruhe las, um euch diese Rezension verfassen zu können. Keine Ahnung, wer auf solche Ideen kommt!
Schnell wird klar, dass die Kolonie auf Lumera inzwischen zu einer kleinen Stadt herangewachsen ist, auch wenn noch immer nicht alle Archen mit Überlebenden angekommen sind. Auch die politischen Machtverhältnisse verschieben sich, als der Ausnahmezustand beendet wird und der Julia und den Anderen offenbar leicht gewogene General James Lenoir die politische Macht in die Hände des radikaleren und weniger gemäßigten Elias Fox legt.
Währenddessen haben Julia, John und die Anderen Zuflucht in Dumras bei den Kidj’Dan gefunden. Dies sind die Aliens, in deren Heimat sie am Ende des ersten Bandes gestolpert waren. Diese vertrauen den Fremden zwar auch nach mehreren Monaten nicht vollends, haben ihnen aber Unterschlupf gewährt. Offenbar sind sie die Ureinwohner Lumeras, insektenartig, aber telepathisch höher entwickelt. Doch es wäre zu einfach, wenn es nur das wäre, das genügt einer Jona Sheffield nicht und wäre auch nicht das, was ich von dieser Autorin nach dem starken ersten Band erwarten würde, und so lässt sie uns hier schnell erkennen, dass auch bei den Kidj’Dan nicht alles so ist, wie es zunächst scheint.

Auch in der Basis, die nun den Namen Three Moon trägt, ist die Situation angespannt und mündet, nach verschiedenen Verstrickereien, schließlich darin, dass Fox den Kidj’Dan, die die Kolonisten eher zufällig entdeckt haben, den Krieg erklärt. Zu dem es, wie der Prolog vermuten lässt, auch kommt. Mehr möchte ich allerdings an dieser Stelle nicht verraten, um nicht zu viel vorweg zu nehmen.
Ein netter kleiner Schlenker wird übrigens kapitelweise zur auf der Erde zurückgebliebenen Fay gemacht. Über 100 Jahre nachdem Julia und die anderen die Erde mit der Aristoteles verlassen haben, zeigen ihre Erlebnisse, wie es auf der Erde aussieht. Die Situation ist katastrophal, aber die Menschheit ist auch auf der Erde noch nicht tot. Sie versucht wieder auf die Beine zu kommen, baut Kuppeln, in denen sie sich selbst, ihre Tiere und ihre Felder vor Zyklonen und Umweltkatastrophen schützen wollen. Somit ist es alles andere als Friede, Freude, Eierkuchen. Das, muss ich gestehen, war ein wenig meine Sorge, denn auch wenn die Menschen auf Lumera die Erde für von menschlichem Leben ausgestorben halten, konnte es so einfach nicht sein, da mussten einfach noch Menschen leben. Aber zum Glück, das muss ich hier wirklich sagen, nicht in einer wieder reparierten Natur, die sich durch den Aufbruch so vieler anderer Menschen erholt hat, und in einer heilen, modernen Gesellschaft. Ich bin gespannt, wie es auf der Erde weitergehen wird.

Der Schreibstil ist flüssig, klar und schön zu lesen. Am Anfang holpert es manchmal ein klein wenig und es tauchen überflüssige Wortwiederholungen auf, aber das verläuft sich sehr schnell und tut dem Lesevergnügen keinen Abbruch. Die Charaktere haben ihre Authentizität beibehalten, und auch da sind verschiedene Dinge im Umbruch. Zwischen Ethan und Julia kriselt es, dafür scheinen kleine Fünkchen zwischen John und Julia zu knistern. Ich will nicht sagen, dass das überraschend kommt. Aber so ist eben das Leben, man befindet sich nicht nur in der Verbannung und in Aussicht auf einen möglichen Krieg, sondern man hat auch noch ein privates Leben und auch da herrscht nicht immer eitel Sonnenschein. Aber das gefällt mir ohnehin an diesem Buch – wie auch am ersten Band – so gut: Es gibt nicht nur die eine, große Handlung, sondern diverse kleine Nebenschauplätze. Und das ist es, was die Charaktere, die Geschichte, das gesamte Buch so lebendig macht, das große Ganze, der Krieg, aber dann eben auch die Menschlichkeit in ihrer ganzen Alltäglichkeit. Und dieses Mal heißt es tatsächlich Abschied nehmen von einem lieben Charakter. So ist das Leben zwar, aber puh, da musste ich erstmal durchatmen.
Das Ende ist, auch das kennen wir vom ersten Band, mal wieder ein Cliffhanger, und zwar ein ziemlich … „großer “ ist gar kein Ausdruck, der ist gigantisch! Und hier wurde eine vorher vor sich hin schwelende Sorge direkt wieder beruhigt, denn ursprünglich hatte ich befürchtet, dass eine andere dieser kleinen Nebengeschichten vollkommen unspektakulär zu Ende gegangen und verpufft wäre. Aber weit gefehlt, die meldet sich nämlich mit einem gigantischen Knall zurück. Und lässt mich jetzt, nachdem ich den zweiten Band verschlungen habe, nägelkauend vor Ungeduld – naja, ihr versteht schon, was ich damit sagen will – zurück.



Abschließende Gedanken

Natürlich ist hier der Fokus weniger auf den Klimawandel und seine direkten Folgen gelegt, so wie es im ersten Band der Fall war, sondern es geht mehr um Lumera und die Ereignisse dort als um die auf der Erde. Es zeigt sich aber auch schnell, dass es mit der Ankunft auf einem neuen Planeten und einem begonnenen Wiederaufbau nicht getan ist. Dieses Mal empfand ich es weniger als ein Aufrütteln in Bezug auf den Klimawandel und auf das, was die Folgen sein könnten – denn wie ich in zum ersten Band schrieb, das Buch war aufrüttelnd und zeichnete eine definitiv vorstellbare Zukunft. Nein, dieses Buch empfand ich mehr als einen mahnenden Fingerzeig auf die Gesellschaft, auf das Miteinander, auf den Umgang mit anderen Kulturen. Dass nur ein Neuanfang definitiv keine Rettung bedeutet, wenn alte Fehler wiederholt werden. 
Mich hat dieses Buch auf ganzer Linie überzeugt, die Geschichte geht spannend und absolut glaubwürdig weiter, der Stil ist super, die Charaktere haben ihre Tiefe beibehalten … und da ist natürlich dieses wahnsinnig tolle Cover, davon komme ich einfach nicht los, man sehe es mir nach.
Wem „Lumera Expedition: Survive“ gefiel, der wird „Lumera Expedition: War“ lieben. Versprochen!

--------------------------------------------


Gastrezensentin: Lavandula



Lavandula gehört zum Kult der Bibliophilen und ist neben dem Studium selbst immer mal wieder als Autorin unterwegs, sofern die Zeit es zulässt. Ungefähr in einem Spektrum wie die Zeitsprünge in "Lumera Expedition: Survive" versuche ich sie bereits für einen Beitrag auf "Am Meer ist es wärmer" zu gewinnen. Ich hoffe, mit ihrem frischen Schreibstil wird sie den Blog noch häufiger bereichern.

Mittwoch, 9. Oktober 2019

Gastrezension: Lumera Expedition: Survive (Jona Sheffield)





Deutschland 2019

Lumera Expedition: Survive
Autorin: Jona Sheffield
Verlag: Selbstverlag
Format: eBook
Genre: Science-Fiction



Eine Gastrezension von Lavandula für "Am Meer ist es wärmer"



Mit ihrem Debüt-Roman „Lumera Expedition: Survive“, dem ersten Band einer geplanten Trilogie, hat Jona Sheffield auf Anhieb den Sprung in die Bestsellerlisten Space Opera und Dystopien bei Amazon geschafft. Dass dies geschehen ist, liegt meiner Meinung nach nicht nur an dem angenehmen, flüssig zu lesenden Schreibstil, sondern mindestens genauso an der düsteren Zukunftsvision, die sie in ihrem Roman zeichnet – und von der es gar nicht mal so abwegig erscheint, dass sie wahr werden könnte.

Auslöser für die Ereignisse, die Jona Sheffield hier beschreibt, ist, platt gesagt, der Klimawandel. Sie denkt die Ereignisse weiter, die er zur Folge haben kann: Immer schneller schmelzende Pole, Überflutungen, schließlich Nahrungsmittelknappheit, eine zusammenbrechende Wirtschaft, Gewalt auf den Straßen, der reine Kampf ums Überleben. Die Hoffnung: Riesige Raumschiffe, die die Menschen nach Lumera, einem Planeten in einem anderen Sonnensystem, bringen sollen, damit sie dort neu anfangen können. Mittendrin sind Julia, Peter und John, die die Ereignisse jeweils aus ihrer ganz eigenen Sichtweise erleben und damit umgehen.

Im Prolog werden wir in das Jahr 2042 geworfen. Wir befinden uns auf der Erde und werden, wie uns bereits die Überschrift verrät, etwas über Julia lesen. Julia befindet sich auf einer Mission, die offensichtlich gewaltig schief gelaufen ist und ist auf der Flucht. Der Leser wird mit Begriffen wie „BID“ oder „Nantech“, einer Firma offensichtlich, beworfen, ohne, dass es hierzu an dieser Stelle weitere Erklärungen gibt. Die braucht es allerdings auch nicht.

Der Prolog endet damit, dass Julia mit recht großer Wahrscheinlichkeit ums Leben kommt. Hm. Na gut, aber vielleicht war sie auch nicht weiter wichtig, obwohl zumindest ich sie schon auf den wenigen ersten Seiten liebgewonnen hatte. Und obwohl sie im Klappentext erwähnt wird. Hm.

Der Eindruck verstärkt sich zunächst, als wir ins Jahr 2384 zu Peter katapultiert werden, der sich an einem Ort names „Platon“ befindet. Hatte er noch vor fast 370 Jahren unheilbar an Krebs gelitten, erwacht er nun aus dem Kryoschlaf und ist geheilt. Den Wundern der modernen – nun ja, der zukünftigen – Medizin sei Dank. Langsam kommt Licht ins Dunkel, denn Peter hat natürlich von den technologischen Fortschritten, wie auch von allem anderen, was in den letzten Jahrhunderten geschehen ist, nichts mitbekommen. Jona Sheffield wählt hier einen sehr eleganten Weg, den Leser mit allerlei wichtigen Informationen zu versorgen: Sie lässt es durch Jason, Peters Sohn, an Peter gerichtet berichten, anstatt ihre Erzählung immer wieder durch erklärende Einschübe zu unterbrechen.

Moment, Peters Sohn?

Richtig, Peters Sohn. Doch hierfür bekommen wir schon bald eine schlüssige und stimmige Erklärung geliefert.

Danach befinden wir uns im Jahr 2041, bei Julia – ist sie also doch nicht so unwichtig. Und die übrigens Peters Tochter zu sein scheint, Jasons Schwester.

So geht es weiter: Mal befinden wir uns Jahrhunderte in der Zukunft, mal befinden wir uns bei Julia, wo erklärt wird, wie sie in die Situation aus dem Prolog geraten ist, und dann tritt auch noch John
auf, ein FBI-Agent, der auf der anderen Seite steht. Dadurch werden nach und nach viele Puzzleteile der Geschichte offenbart und schließlich auch Stück für Stück an den richtigen Platz gerückt.

Wie eingangs bereits gesagt, wird hier eine Zukunftsvision aufgezeigt, die so unwahrscheinlich gar nicht ist. Mit teilweise dramatischen Bildern wird eine Zukunft gezeigt, in der mit Sicherheit niemand von uns leben möchte. Das Buch rüttelt auf, und das soll es auch.

Die Geschichte – oder vielmehr: die Geschichten, da aus der Sicht verschiedener Protagonisten zu teilweise Jahrhunderte auseinander liegenden Zeitpunkten erzählt wird – wirkt auf mich in sich stimmig. Es gibt keine an den Haaren herbeigezogenen Lösungen für Probleme oder Ereignisse. Sogar die einzelnen Schicksale laufen irgendwann zusammen, und das wirkt nicht konstruiert oder zu gewollt.

Die Protagonisten handeln realistisch, sie haben Tiefe und – haltet Euch fest! – Gefühle. Etwas, das viel zu viele Helden und Heldinnen aus Film und Literatur nicht haben. Hier jedoch haben wir es nicht mit Übermenschen zu tun, die bestenfalls ein dramatisches Erlebnis aus ihrer Vergangenheit aufzuarbeiten haben und nur deshalb heute so sind, wie sie sind, sondern mit normalen Menschen. Menschen mit ihren ganz normalen Sorgen, Menschen mit einem Gewissen, Menschen im Zwiespalt. Menschen, die im Laufe des Buches eine Entwicklung durchlaufen. Und nicht nur Menschen. Zu meinem ganz persönlichen Lieblingscharakter möchte ich an dieser allerdings Stelle nichts verraten, da er erst spät auftaucht, und ich keine Spoiler verbreiten werde.

Der Erzählstil ist flüssig und lässt sich angenehm lesen. Selten stolperte ich hier oder da mal über ein Satzkonstrukt, aber das lässt sich verzeihen und tut dem Spaß am Lesen auch keinen Abbruch.

Zum Ende hin kommt es zu der einen oder anderen überraschenden Wendung. Vielleicht kam der Anfang vom Ende des Buches sogar etwas zu schnell, nachdem so viel Vorbereitung in den Weg dahin gesteckt wurde – aber wie gesagt, es ist realistisch. Und die Realität ist eben nicht unbedingt, dass ein ausgeklügelter Plan auch wirklich funktioniert. Nein, da kommt dann die Grätsche von links und – ätsch – Plan hinüber.

Das mochte ich im Übrigen auch sehr, dass das Buch im Großen und Ganzen unvorhersehbar wurde. Natürlich hatte ich hier und da eine Vermutung, die wurde auch manchmal in ähnlich bestätigt, aber es waren mehr als genug überraschende Momente dabei. Inklusive Cliffhanger am Ende.




Abschließende Gedanken

Jona Sheffield möchte mit „Lumera Expedition: Survive“ auf ein ganz akutes Thema aufmerksam machen: Den Klimawandel. Hierzu hat sie auch die Bewegung #ScifiForFuture gestartet und leistet unter anderem mit ihrem Buch ihren Beitrag dazu. Ich bin auch gar nicht sicher, inwieweit ihr Buch überhaupt noch „Fiktion“ ist. Es rüttelt auf, keine Frage. Und es schafft eine lockere, um nicht zu sagen spielerische Annäherung an das Thema, indem uns der Ernst in einer hübschen Verpackung (das beziehe ich nun nicht auf das Cover, das unverdienter Weise allerdings noch gar nicht zu Wort kam, denn es ist wirklich schön und war das Erste, wodurch ich an diesem Buch hängen blieb), in einem Medium, dass selbst in heutiger Zeit noch viele Menschen verstehen, überreicht wird. Lesen ist für viele Menschen eine Art der Entspannung, der Ablenkung oder schlicht ein Hobby. Weshalb also nicht das Angenehme mit dem, das unbedingt gesagt werden muss, verbinden?

Für mich ist dies auf jeden Fall gelungen. Es ist ein sehr lesenswertes Buch, gut geschrieben, aufrüttelnd. Ich freue mich auf den zweiten Band und hoffe, dass da die Verbindung zu den Ursprüngen nicht gekappt wird.
--------------------------------------------------------------------------



Gastrezensentin: Lavandula


Lavandula gehört zum Kult der Bibliophilen und ist neben dem Studium selbst immer mal wieder als Autorin unterwegs, sofern die Zeit es zulässt. Ungefähr in einem Spektrum wie die Zeitsprünge in "Lumera Expedition: Survive" versuche ich sie bereits für einen Beitrag auf "Am Meer ist es wärmer" zu gewinnen. Ich hoffe, mit ihrem frischen Schreibstil wird sie den Blog noch häufiger bereichern.