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Donnerstag, 25. September 2025

Der ungeklärte Fall von Kris Kremers und Lisanne Froon Teil 2: Verschollen in Panama (Rezension)

 



Verschollen in Panama: Die wahre Tragödie vom Pianista Trail

Verschollen in Panama
Autoren: Christian Hardinghaus, Annette Nenner
Verlag: Selbstverlag (Self-Publishing)
Genre: True-Crime, Mystery


Das war so nicht geplant. Klingt nun wie die Fehlermeldung, wenn eine beliebte Seite, die man gerne im Internet besuchen würde, mal wieder nicht erreichbar ist. In meinem Falle geht es hier um meine kleine True-Crime Reihe um das mysteriöse verschwinden der beiden jungen niederländischen Frauen Kris Kremers und Lisanne Froon, die im Jahr 2014 bei einer für dortige Verhältnisse alltäglichen Wanderung verloren gegangen und, wie Knochenfunde bewiesen haben, dort ihr Leben lassen mussten. Meine Besprechung zu dem Buch "Verschollen in Panama" war bereits vor einigen Monaten geplant. Aber vieles kommt wie immer anders, besonders, als man denkt.

Der Fall ist in True-Crime Communities seit seiner Bekanntmachung ein Dauerthema, medial war der Fall aber lediglich in den Niederlanden und in Panama wirklich relevant. Woher kommt also nun auf einmal ein so gestiegenes Interesse dem Fall von Kris und Lisanne gegenüber? Nun, zum einen liegt das natürlich daran, dass wir heute, man mag es ja kaum glauben, deutlich besser vernetzt sind als noch vor über 10 Jahren. Die Tragödie um die beiden jungen Frauen und die vielen Ungereimtheiten bei der Ermittlung waren Futter für unzählige True-Crime Kanäle auf YouTube sowie diverser Podcasts. Doch es war ein Podcast, der diesem Fall eine Frische verliehen hat, die einen Dominoeffekt mit sich brachte: Lost in Panama, ein Zusammenspiel der beiden Journalisten Mariana Atencio und Jeremy Kryt. Letzterer ist mit dem Fall sehr gut vertraut, gehörte er zu den ersten englischsprachigen Journalisten, die den Fall prominent besprochen haben. Und dieser Podcast war, obwohl ich mit dem Fall seit einigen Jahren vertraut bin, auch eine meiner Anlaufstellen. Besprochen habe ich diesen Podcast im April: Lost in Panama - Podcast Review (Link öffnet neues Fenster, ihr bleibt auf meinem Blog)

In meiner Besprechung habe ich den Podcast für gelungene Production-Values, großartiger Soundkulisse und generell dafür gelobt, diesem Cold-Case wieder neues Leben eingehaucht zu haben - gleichzeitig aber auch stark für eine extrem reißerische Berichterstattung kritisiert, die damit anfängt, wahllos Menschen an den Pranger zu stellen und damit endet, irgendwelche Gerüchte, die man vom Hörensagen aufgeschnappt hat, als blutrünstige, grafische Tatsachen im Podcast unterzubringen. Ein zweischneidiges Schwert und man muss für sich als Hörer abwiegen, wie man selbst zu den Inhalten im siebenteiligen Podcast steht und damit umgeht.

Der April ist hier bei Veröffentlichungsdaten, wie auch bei meinem Podcast-Review, nicht zufällig gewählt. Es war das Unglück, welches sich am 01.04.2014 ereignete. Und so ist das Veröffentlichungsdatum des hier besprochenen Buches zweier deutscher Autoren natürlich auch nicht zufällig gewählt. Am 01.04.2024, exakt 10 Jahre nach dem Unglück von Kris und Lisanne, veröffentlichten in gemeinsamer Sache der Historiker Christian Hardinghaus und die studierte Germanistin und Weltenbummlerin Annette Nenner ihr eigenes Buch zu diesem Fall. Der Titel ist dabei so einprägsam wie ein wenig verwunderlich, haben sie ihr eigenes Buch doch nach jenem Podcast benannt, den sie in ihrem Werk auf fast jeder einzelnen Seite einmal kritisieren. Verschollen in Panama: Die wahre Tragödie vom Pianista Trail.

Vorab muss ich sagen, völlig unvoreingenommen an das Buch herangegangen zu sein. Ich las gemischte Meinungen zum Buch, die weit auseinandergingen. Rezensionen, die das Buch von Christian und Annette feierten und andere, die es deutlich kritischer sahen. Ich selbst sehe mich wohl irgendwo in der Mitte und denke mir, dass man gute Arbeit geleistet hat, den Fall einmal gründlich aufzuarbeiten und ein paar Missverständnisse aus der Welt zu schaffen, zeitgleich es aber auch versäumt hat, sich durch viele unglückliche Entscheidungen fast schon selbst im Wege steht, diesen Fall weiterzubringen, geschweige den beiden jungen Frauen aus den Niederlanden den nötigen Respekt zu zollen. Doch alles nach der Reihe.

Verschollen in Panama besticht besonders im ersten Teil des Buches durch eine klare Sprache, eine sachliche Aufarbeitung der Geschehnisse und einem gelungenen Schreibstil. Deutsche Nüchternheit könnte man dazu sagen, im positiven Sinne. Ich konnte den Kindle nicht aus der Hand legen, denn noch nie zuvor habe ich in so einem Detailgrad über so viele Hintergründe und allen voran Details zu den Anfängen der Reise von Kris und Lisanne erfahren. Von der Abreise und der emotionalen Verabschiedung der Eltern hin zu dem malerischen Aufenthalt in Bocas del Toro hin zu ihrem verhängnisvollen ersten Tag in Boquete, wo einfach alles schief gehen sollte. Hier zeigt das Buch seine wahren Stärken und ungefähr das war es, was ich mir gewünscht habe. Eine nüchterne Aufarbeitung der Geschehnisse, vielleicht ein wenig garniert mit eigenen Theorien und Recherchen. Besonders die Zwischenkapitel mit Annette, die vor Ort in Boquete anwesend war und ihr Reiselogbuch mit den Lesern teilt, fand ich bis zu einem gewissen Punkt sehr stimmig.

Doch bereits sehr früh fielen mir Dinge auf, die mir weniger gefallen haben. Immer wieder werden Nadelstiche und Giftpfeile der Autoren zu anderen Berichterstattern gesendet. Sei es die niederländischen Autoren Marja West und Jürgen Snoeren, die immer wieder in fast jedem Kapitel eine volle Breitseite zu spüren bekommen, wie auch die Behörden sowie die ermittelnde Staatsanwältin aus Panama und, nicht zu vergessen, Mariana Atencios und Jeremy Kryt. Zuerst war ich fein damit, dass hier Dinge korrigiert und richtiggestellt werden, allen voran auch mal ein wenig schärfer kritisiert werden. Immerhin war ich selbst der gleichen Meinung, dass der Podcast zu viele Grenzen des guten Geschmacks überschritten hat. Doch nach einer Weile wurden die ständigen Anfeindungen gegenüber den Journalistenkollegen ermüdend und befremdlich, besonders, weil es in einem geschriebenen Buch natürlich keine Gegenwehr derer gibt, die man gerade kritisiert. Irgendwann nervte es mich und ich rollte tatsächlich während des lesens mit den Augen. Chris Hardinghaus und Annette Nenner nehmen am Ende Bezug auf diese Anfeindungen und erklären diese so:

[...]Unseren Lesern wird nicht entgangen sein, dass wir als Journalisten enttäuscht sind von den Arbeiten unserer Vorgänger West/Snoeren und Kryt/Atencio. Unsere Enttäuschung ist natürlich nicht persönlicher oder abspenstiger Natur. Da ihre Publikationen aber eine äußerst hohe Reichweite haben, ist uns nichts anderes übrig geblieben, als die daraus abgeleiteten Versäumnisse und Falschinformationen darzulegen. [...]

Für mich liest sich das nach sehr seltsamen Rechtfertigungen, immerhin muss es ja der Podcast oder eine andere kritisierte Berichterstattung gewesen sein, der die beiden Autoren erstmal auf die Idee brachte, sich dem Fall selbst anzunehmen. Man hätte sich einem separaten Kapitel widmen können, diese vermeintlichen Falschinformationen richtigzustellen. Stattdessen genießt man es viel zu sehr, andere Journalistenkollegen hier an den Pranger zu stellen. Etwas, was man ja selbst unbedingt vermeiden wollte, indem man die Ungerechtigkeit dem armen Tourguide Feliciano reinwaschen wollte, zeitgleich diesen als Heiligen porträtiert und mit dem Tourguide Plinio (der sich, meiner Meinung nach, Annette absolut vorbildlich gegenüber verhalten hat) sich einen neuen Candyman sucht, den man sich ja mal näher anschauen sollte. Meine eigene Meinung: Lasst die Tourguides, die hier einen harten Job erledigen und westliche Touristen durch die Gegend führen, einfach allesamt in Frieden. Hier wurden bereits zu viele Menschen in irgendetwas hineingezogen, womit sie offensichtlich nichts zu tun haben.

Die eigenen Theorien von Chris Hardinghaus und Annette Nenner widersprechen sich gerne häufiger. Mal liest man, der Ausflug zum Pianista sei von den jungen Frauen längerfristig geplant gewesen. Nur zwei Seiten später liest man hingegen wieder, dass das sehr wahrscheinlich doch eine sehr spontan getroffene Entscheidung war, allen voran geboren aus der Enttäuschung, nicht wie geplant den Ferienjob in der Aura Grundschule antreten zu können.

Zu oft entgleisen leider die eigenen Theorien und Recherchen, ruht sich stattdessen auf Lorbeeren aus, Akteneinsicht zu besitzen. Interessant hingegen fand ich die Recherche um das mittlerweile legendäre, unscharfe Schwimmfoto, welches Kris und Lisanne mit einer lokalen Jugendgang zeigen soll. Durch eine Befragung von Annette kommt hier jedoch zu Tage, dass auf den besagten Fotos keine der beiden Niederländerinnen zu sehen ist sondern viel mehr der unter mysteriösen Umständen verstorbene junge Mann Osmane und ein paar Freunde. Auch hier fehlen zwar absolut klärende Beweise, jedoch hat die Berichterstattung um das sogenannte Schwimmfoto noch mit die meiste Substanz von den eigenen Recherchen der beiden Autoren.

Da die Autoren Verfechter einer Verbrechenstheorie sind, möchte man am Ende noch etwas bringen, worauf niemand zuvor gekommen ist: Der rote Pickup-Truck. Gegen Ende des Buches möchte man seine eigene Recherche um diesen besagten roten Pickup-Truck schmackhaft machen und verhaspelt sich dabei nach wenigen Seiten durch irgendwelche Zeugenaussagen bereits in eine Sackgasse. Für mich führt die Verbrechenstheorie rund um den roten Pickup Truck ins Nichts und ist für mich an dieser Stelle auch nicht relevant genug, weiter auf dieses Kapitel einzugehen.

Auch hier, gegen Ende dieser Besprechung des Buches, möchte ich nochmal erwähnen, kein Anhänger irgendeiner Theorie zu sein. Gerne wird im Netz über die sogenannte "Lost" und "Foulplay" Theorie debattiert. Beides wäre denkbar. Vielleicht sind sogar beide Möglichkeiten eingetroffen. Aber für mich ist davon nichts greifbar und würde mich somit niemals einem Lager anschließen. Man darf letztendlich nicht vergessen, hierbei handelt es sich nicht um ein Spiel oder einen Wettbewerb, sondern um die Aufklärung eines Cold-Case.



Abschließende Gedanken

Egal ob als Podcast, Non-Fiction Buch oder Internetforen - der mysteriöse Fall rund um Kris Kremers und Lisanne Froon bewegt Menschen weltweit. Doch die Faszination scheint noch deutlich weiter zugehen. So stand dieser Fall Pate für den neusten Roman von Dorothee Elmiger der ganz schlicht "Die Hölländerinnen" lautet (sicherlich eine Anspielung auf die in Panama gebräuchliche Bezeichnung "Holandesas" im Zusammenhang mit diesem Fall). Ein fiktionaler Roman, der es nun sogar auf die Shortlist für den Deutschen Buchpreis geschafft hat und ich sicherlich demnächst hier auch noch besprechen werde.

"Verschollen in Panama" von Christian Hardinghaus und Annette Nenner ist eine weitere Interpretation des Falles. Nicht fiktional sondern als Non-Fiction Werk. Auch wenn beide Autoren ihre Aufarbeitung als die gründlichste verkaufen wollen, so bleibt vieles im Rahmen der eigenen Interpretationen und Auslegungen beider Autoren. Zieht man ständige Seitenhiebe gegen andere Journalisten ab, erhält man hier immer noch ein gut geschriebenes, teilweise exzellent recherchiertes True-Crime Buch geboten. Aber nach so einem starken Auftakt habe ich mir hier mehr erwartet. Mehr sachliche Aufarbeitung, weniger Emotionalität. Aber auch meine eigene Meinung zum Buch ist, wie zu dem Fall selbst, natürlich rein persönlich und subjektiv. Generell würde ich das Buch dem Podcast von Atencio und Kryt in allen Belangen vorziehen. Aber die gleichen Spielregeln wie beim letzten mal gelten auch für "Verschollen in Panama": Das Buch ist nur eine Meinung von sehr vielen zu dem gleichen Thema. Das solltet ihr als Leser immer beachten.


Rezension: Aufziehvogel
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Mehr zum Fall inklusive Bildmaterial über viele der hier angesprochenen Bilder und Situationen findet man gut kuratiert bei der niederländischen Bloggerin Scarlet R.

Link führt in einem neuen Fenster auf eine externe Website: Koude Kaas

Montag, 8. November 2021

Besprechung (Verspätet): Murakami T: Gesammelte T-Shirts

 



Japan 2020


Murakami T: Gesammelte T-Shirts
Originaltitel: Murakami T - Boku no aishita T-Shatsu tachi
Autor: Haruki Murakami
Erscheinungsdatum: 11.10.2021 bei DuMont
Übersetzung: Ursula Gräfe
Format: Gebunden, E-Book
Genre: Non-Fiction, Artbook


Hinweis: Die hier abgebildeten Fotos aus dem Buch "Murakami T: Gesammelte T-Shirts" dienen einzig und allein zu Besprechungszwecken. Sämtliche Urheberrechte liegen sowohl bei dem Autor als auch bei den jeweiligen Verlagen.



"Während ich auf meinen Cheeseburger warte, trinke ich in aller Ruhe ein eiskaltes Coors Light und lausche der mich umgebenden Geräuschkulisse aus menschlichen Lauten und dem Klirren von Tellern und Gläsern. Unterdessen stellt sich allmählich das Gefühl ein, wieder in Amerika zu sein..."


Man könnte sagen, wenn ein Autor anfängt, über seine T-Shirt oder Whisky-Sammlung zu schreieben, wäre dies ein wenig vermessen. Es gibt aber Autoren, die hier eine Ausnahme darstellen. Ein Autor, der verrückt genug wäre, um damit durchzukommen wäre wohl Stephen King. Doch weiter fernöstlich gibt es noch einen anderen Autor, der sich so etwas erlauben kann: Haruki Murakami. In einer Artikelreihe für das japanische Magazin Popeye suchte Murakami nicht nur über 100 seiner liebsten T-Shirts raus, er verfasste zu nahezu allen abgebildeten Shirts auch kleinere Texte, die aus Anekdoten, Weisheiten und Smalltalk bestehen. In Japan ist dieses Sammelsurium 2020 auch als Sammelband erschienen. Dieser Sammelband ist nun auch in deutscher Übersetzung beim DuMont Verlag erschienen.

Doch was genau ist Murakami T: Gesammelte T-Shirts denn nun? Aufgrund des Formats könnte man schnell sagen, hierbei handle es sich um ein klassisches Artbook. Doch für ein Artbook ist hier eindeutig zu viel Text. Für mich ist das Werk daher ein interessanter Hybrid aus Artbook und Non-Fiction. Hier darf man zwar nicht mit einem typischen Roman oder einer Kurzgeschichtensammlung rechnen, aber ein klassisches Bilderbuch ist Murakami T sicherlich nicht. Wer mit Murakamis autobiografischen Werken und Essays vertraut ist, der wird ungefähr wissen, was einem textlich hier erwartet. Man bekommt hier sogar einen überraschend persönlichen Einblick in den Kleiderschrank eines Weltenbummlers. Wusstet ihr, dass die Inspiration für eine von Murakamis wohl bekanntesten Kurzgeschichten einem T-Shirt im Wert von $1 entsprungen ist?


"Welches meiner T-Shirts mir am wichtigsten ist? Ich glaube, das ist das gelbe >>Tony Takitani<< Shirt. Nachdem ich es in einem Secondhand-Laden in einem kleinen Ort auf Maui entdeckt und für einen Dollar gekauft hatte, versuchte ich mir vorzustellen, was für ein Mensch dieser Tony Takitani wohl sein mochte, und machte ihn zum Helden einer Erzählung, die schließlich sogar verfilmt wurde. Dabei hatte es nur einen Dollar gekostet! Von allen Investitionen, die ich je in meinem Leben getätigt habe, war dies eindeutig die lohnendste."




Die schöne Hardcover-Ausgabe erstreckt sich in einem kompakten Format auf knapp 200 Seiten. Übersetzt wurde hier in gewohnt starker Qualität von Ursula Gräfe, die hier nicht weiter vorgestellt werden muss. Das spezielle Papier ist ebenso hochwertig und robust, die Abbildungen der Shirts kommen gut zur Geltung und glänzen in vollen Details.

Die Voraussetzung, dieses Buch zu schätzen und zu verstehen ist natürlich eng damit verknüpft, ob man das Werk des Autors mag und ihn natürlich auch als Person interessant findet. Murakamis teils sehr surreale Romane zu verstehen hängt auch oftmals damit zusammen, wie gut man ihn durch seine Non-Fiction Werke als Leser kennengelernt hat. Kennt man den Mensch Haruki Murakami etwas besser, findet man unweigerlich einen besseren Zugang zu seinen Romanen und Kurzgeschichten. Die besagten Romane und Kurzgeschichten sorgen hingegen dafür, den Mensch Haruki Murakami besser kennenlernen zu wollen. Manchmal ertappe ich mich bei seinen Non-Fiction Werken jedoch dabei, dass ich mir gar nicht mehr so sicher bin, ob ich wirklich ein autobiografisches Werk lese oder mich nicht in einer Geschichte von ihm befinde, die ich gerade wieder einmal erstaunt lese.


"Besonders an Abenden, an denen ich allein zu Hause bin und in Ruhe Musik höre, erscheint mir Whisky das gegebene Getränk. Bier ist zu wässrig, Wein zu elegant, Martini zu prätentiös, Brandy etwas zu gewöhnlich. Es kommt also gar nichts anderes infrage, als die Whiskyflasche hervorzuholen."








Abschließende Worte

In einer trüben Zeit war für mich "Murakami T: Gesammelte T-Shirts" die richtige Medizin. Haruki Murakami redet hier nicht nur über seine T-Shirts sondern auch über Gott und die Welt. Motivierend, entspannend und auch absolut exotisch. Ich hätte nichts dagegen, wenn er als nächstes über seine Whisky-Sammlung schreiben würde. Für Fans kann ich hier, besonders da die Hardcover-Ausgabe auch noch sehr schön ist, eine uneingeschränkte Empfehlung aussprechen. Ob das Buch in dieser Preisklasse etwas für Murakami-Neulinge ist, wäre wohl ein wenig riskant, hier eine Empfehlung abzugeben. Mit dem Werk und dem Autor als Person vertraut zu sein halte ich hier für essentiell wichtig, um Zugang zu diesem Buch zu finden. Wobei ich natürlich, wie immer, grundsätzlich nichts ausschließen möchte. Wer von Haruki Murakami bisher noch nichts gehört/gelesen hat, durch die Besprechung hier aber vielleicht nun neugierig geworden ist, der soll seinen Instinkten als Leser und Leserin folgen. Murakami T: Gesammelte T-Shirts wird in meiner Murakami-Sammlung selbstverständlich seinen Platz finden.
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So viel über T-Shirts zu lesen inspirierte mich auf alle Fälle dazu, nach Jahren mal wieder in meine eigene (ungebügelte) Sammlung zu stöbern und ich bin erstaunt, was da alles wieder zum Vorschein kam 👀
Jedes Shirt hat eine Geschichte, ein interessanter Denkanstoß.


Private Sammlung von Aufziehvogel -
 Kein Teil des hier besprochenen Buches

Sonntag, 30. Oktober 2016

Rezension: Von Beruf Schriftsteller (Haruki Murakami)






Die Murakami Rezensionen 9

Japan 2015
Von Beruf Schriftsteller
Originaltitel: Shokugyo toshite no shosetsuka
Autor: Haruki Murakami
Veröffentlichung: 18.10.2016 bei DuMont
Übersetzung: Ursula Gräfe
Genre: Essays, Non-Fiction



"Der erste Pitcher der Hiroshima Carps war Satoshi Takahashi, glaube ich. Für Yakult spielte Yasuda. Als Takahashi in der zweiten Hälfte des Innings eröffnete, schlug Hilton den Ball sauber nach links und erzielte einen Two-Base-Hit. Der schöne, satte Ton, mit dem der Ball auf den Schläger traf, hallte im ganzen Stadion wider. Es erönte vereinzelter Applaus. Und just in diesem Moment kam mir völlig zusammenhanglos der Gedanke: >>Das ist es! Ich werde einen Roman schreiben.<<
In erinnere mich noch ganz genau an diesen Augenblick. Ich hatte das Gefühl, etwas wäre langsam vom Himmel gesegelt und ich hätte es mit den Händen aufgefangen. Warum es zufällig in meinen Händen landete, weiß ich nicht. Ich weiß es bis heute nicht. Doch was auch immer der Grund sein mag, es ist geschehen. Es war - wie soll ich sagen - wie eine Offenbarung. Am besten passt wahrscheinlich der Ausdruck >>Epiphanie<<. An jenem Nachmittag geriet plötzlich etwas in mein Blickfeld, das meine Perspektive völlig veränderte. In dem Moment, als Dave Hilton im Jingu Stadion den schönen Two-Base-Hit erzielte, wurde mein Leben ein anderes."
(Aus dem Essay "Wie ich Schriftsteller wurde" von Haruki Murakami, Übersetzung: Ursula Gräfe, DuMont Verlag)



Den Murakami-Oktober möchte ich mit einer in Deutschland brandneuen Veröffentlichung abschließen. DuMont hat Haruki Murakamis Essay-Sammlung "Von Beruf Schriftsteller" ein knappes Jahr nach der japanischen Veröffentlichung nach Deutschland gebracht. Und obwohl wir uns auf den nächsten großen Roman von Murakami wohl noch lange gedulden müssen, so ist das Non-Fiction Werk für jeden Fan des Autors (und vielleicht auch darüber hinaus?) ein mehr als gelungenes "Trostpflaster". Alles, was man in Murakamis Kurzgeschichten und Romanen findet, ist auch in dieser umfangreichen Essay-Sammlung vorhanden. Der DuMont Verlag geht die Vermarktung des Buches genau richtig an und bewirbt den Titel nicht als Autobiografie. Obwohl wir so viel über den eher scheuen und zurückgezogenen Autor erfahren wie nie, ist die Person >>Haruki Murakami<< nicht der Mittelpunkt dieser Essay-Sammlung. Gleiches gilt übrigens auch für seine Memoiren "Wovon ich rede, wenn ich vom Laufen rede".

"Von Beruf Schriftsteller" ist aufgeteilt in insgesamt 11 Essays inklusive eines Nachworts. Für mein obligatorisches Eröffnungszitat habe ich bewusst diesen Absatz aus dem zweiten Essay "Wie ich Schriftsteller wurde" gewählt. Dieses Essay gehört mit zu den persönlichsten Abschnitten in dem Buch. Wenn es etwas gibt, was man beim recherchieren über Murakami immer wieder liest, so ist es der Moment, was den Japaner dazu inspirierte, Romanautor zu werden. Man liest immer wieder etwas "Von einem beeindruckendem Schlag während eines Baseballspiels". In dieser Essay-Sammlung erfahren wir von Murakami persönlich, wie sich dieser beinahe schon abstrakte Moment zugetragen hat. Anhand von seinen surrealen und bizarren Geschichten wissen wir bereits, bei Murakami hat man es nicht unbedingt mit einem gewöhnlichem Autor zu tun. Mit großer Freude blickt Haruki Murakami auf dieses Ereignis aus dem Jahr 1978 zurück. Murakami verfasste anschließend den kurzen Roman "Wenn der Wind singt". Jedoch sollte es eine lange Zeit dauern, bis der Autor seinen einzigartigen Stil gefunden hat. Viele Jahrzehnte verwehrte es Murakami, seine beiden Frühwerke "Wenn der Wind singt" und "Pinball 1973" international neu auflegen zu lassen. Irgendwann konnte er vermutlich das Flehen seiner Leser nicht mehr ertragen und gab grünes Licht dafür, diese beiden Werke komplett neu auflegen zu lassen. Die Romane sind, ebenfalls über DuMont, als Sammelband vereint mit beiden kurzen Romanen, im vergangenem Jahr in Deutschland erschienen.

Beim lesen der Essays habe ich mich dabei ertappt, wie ich in die Gedankenwelt Murakamis eingetaucht bin und das Buch gar nicht mehr für ein Non-Fiction Werk hielt, sondern für eine neue Sammlung von Murakamis Kurzgeschichten. Dabei sind die Essays nicht abenteuerlich geschrieben. Dafür aber sehr unterhaltsam, mit Wortwitz und dem typischen Murakami-Stil. Doch er findet, besonders im ersten Essay "Schriftsteller - ein toleranter Menschenschlag?" auch kritische Worte. Kritische Worte gegenüber der Schriftstellergilde, aber auch kritische Worte den Kritikern gegenüber. Dabei verfällt Murakami aber nie in eine Selbstverliebtheit gegenüber sich selbst, genau so wenig auch nicht in übertriebene Demut. Murakami weiß, was er kann (und auch nicht kann), beschreibt dies aber mit einer sympathischen Bescheidenheit, einer Bodenständigkeit. Seine Texte wirken wieder einmal motivierend. Ganz besonders Anfänger, die sich selbst ans Schreiben wagen, dürften hier inspiriert werden.

Haruki Murakami erweist sich auch hier wieder einmal als wichtiger Autor für eine noch junge Generation. Besonders die Altersklasse zwischen 20-30 Jahren, die ihren Lebensweg noch nicht so richtig gefunden hat, dürften in den Essays etliche tröstende Worte finden. Der Autor mahnt dennoch dazu, selbst wenn man durch glückliche Zufälle seinen Lebensweg gefunden hat, man hart arbeiten muss, um im Geschäft zu bleiben, oder, wie er es in einer Metapher ausdrückt, die Karriere mit einem Battle Royal beim Wrestling vergleicht. Egal ob Schriftsteller, Maler oder Handwerker, am Ende kommt es drauf an, nach wie vielen Runden man noch im Ring stehen wird.

In zahlreichen weiteren Essays schreibt Murakami über alltägliche Dinge, die allesamt mit dem Thema "Von Beruf Schriftsteller" zu tun haben. Ein weiteres interessantes Essay folgt direkt an Nummer 3: "Über Literaturpreise".

Die deutschsprachige Ausgabe ist wie gewohnt beim DuMont Verlag erschienen. Und wie gewohnt war die routinierte Japanologin Ursula Gräfe für die Übersetzung (selbstverständlich eine Übersetzung direkt aus der japanischen Sprache, eine englische Ausgabe existiert meines Wissens sowieso noch nicht) verantwortlich. In einem kurzen Austausch auf Facebook mit ihr konnte ich erhaschen, dass die Übersetzung diesmal ein relativ harter Brocken war. Von den Strapazen bekommen wir als Leser nicht viel mit, denn wie immer liest sich die Übersetzung flüssig und absolut hervorragend.

"Die Spezies Schriftsteller (zumindest die meisten von ihnen) gehört unbedingt zum Typ des weniger klugen Mannes. Sie können nicht begreifen, was der Fuji ist, solange sie ihn nicht wirklich auf ihren eigenen Beinen bestiegen haben. Es liegt womöglich sogar in der Natur des Schriftstellers, dass er den Berg, selbst wenn er ihn mehrmals besteigt, noch immer nicht versteht oder sogar umso weniger, je öfter er ihn besteigt. Hier hätten wir dann einen Fall von >>Sub-Effektivität<<.  Einem scharfsinnigen Menschen würde so etwas nie passieren." (Aus dem Essay: "Schriftsteller - ein toleranter Menschenschlag?" von Haruki Murakami. Übersetzung: Ursula Gräfe, DuMont Verlag)


Resümee

Für Leser/Fans von Haruki Murakami ist "Von Beruf Schriftsteller" Pflichtprogramm. Doch an diesem Werk könnten auch noch ganz andere Leute ihre Freude haben. Leute, die als Hobby gerne Texte verfassen, werden in dieser Essay-Sammlung etliche interessante Anekdoten finden. Aber auch außerhalb der Schriftstellerei gibt es in diesem Band genug zu entdecken, um sich in Murakamis Gedankenwelt zu verlieren.

Die Sammlung ist kein trockenes oder staubiges Sachbuch, kein Ratgeber und auch keine Autobiografie. "Von Beruf Schriftsteller" ist 100% Haruki Murakami. Mehr gibts da auch gar nicht zu schreiben, denn manchmal sind die Dinge einfach selbsterklärend.


Freitag, 14. Oktober 2016

Von Beruf Schriftsteller: Haruki Murakami Essay-Sammlung erscheint am 18. Oktober bei DuMont





Von Beruf Schriftsteller
Originaltitel: Shokugyō to shite no shōsetsuka
Erscheinungstag (offiziell): 18.10.2016 (Hardcover, 240 Seiten, 23 Euro)
Verlag: DuMont
Übersetzung: Ursula Gräfe
Genre: Non-Fiction, Essays



Zur ungefähr selben Zeit im vergangenem Jahr hatte ich einen Beitrag verfasst, der ein recht interessantes Thema aus Japan behandelte. Im Einverständnis mit Japans Bestsellerautor Haruki Murakami und dessen Verlag hat sich die Buchhandelskette Kinokuniya etwas sehr ungewöhnliches einfallen lassen. Für den Online-Handel gab es nämlich keinen Bestand von Murakamis neuer Essay-Sammlung "Von Beruf Schriftsteller". Die gesamte Auflage ging an den lokalen japanischen Buchhandel. Mit einem Klick gelangt ihr auch schon zu dem von mir erwähnten Beitrag. 
Innerhalb kürzester Zeit war die erste Auflage in Japan bereits vergriffen, die Aktion also ein voller Erfolg und somit ein für den japanischen Markt nicht gerade unbedeutender Seitenhieb gegen die großen Online-Händler wie Amazon.

Rund 1 Jahr später hat der DuMont Verlag Murakamis Nicht-Autobiographie auch bei uns veröffentlicht, selbstverständlich nicht exklusiv für den lokalen Buchhandel. Der offizielle Erscheinungstag ist Montag, der 18.10.2016, jedoch bin ich mir sehr sicher, dass der Titel bei etlichen Buchhandlungen bereits seit gestern zum Verkauf steht. Pünktlich zur Frankfurter Buchmesse haben die Kölner Murakamis Essay-Sammlung in deutscher Sprache veröffentlicht, wie immer in einer Übersetzung von der von deutschen Lesern viel geschätzten Japanologin Ursula Gräfe.

Nach Murakamis Memoiren "Wovon ich rede, wenn ich vom Laufen rede" erscheint mit "Von Beruf Schriftsteller" das nächste persönliche Werk jenes Autors, der nur so wenig von sich preisgibt. Eine Autobiographie darf man hier aber nur sehr geringfügig erwarten, denn in den einzelnen Essays spricht Haruki Murakami nicht nur über seinen Werdegang als Schriftsteller, sondern redet auch erstmals über die Katastrophe in Fukushima. Die Essay-Sammlung ist gespickt mit etlichen interessanten Themen, die weit über den Autor Haruki Murakami hinausgehen.


Eine ausführliche Besprechung des Buches folgt in den kommenden Tagen.