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Sonntag, 30. Oktober 2016

Rezension: Von Beruf Schriftsteller (Haruki Murakami)






Die Murakami Rezensionen 9

Japan 2015
Von Beruf Schriftsteller
Originaltitel: Shokugyo toshite no shosetsuka
Autor: Haruki Murakami
Veröffentlichung: 18.10.2016 bei DuMont
Übersetzung: Ursula Gräfe
Genre: Essays, Non-Fiction



"Der erste Pitcher der Hiroshima Carps war Satoshi Takahashi, glaube ich. Für Yakult spielte Yasuda. Als Takahashi in der zweiten Hälfte des Innings eröffnete, schlug Hilton den Ball sauber nach links und erzielte einen Two-Base-Hit. Der schöne, satte Ton, mit dem der Ball auf den Schläger traf, hallte im ganzen Stadion wider. Es erönte vereinzelter Applaus. Und just in diesem Moment kam mir völlig zusammenhanglos der Gedanke: >>Das ist es! Ich werde einen Roman schreiben.<<
In erinnere mich noch ganz genau an diesen Augenblick. Ich hatte das Gefühl, etwas wäre langsam vom Himmel gesegelt und ich hätte es mit den Händen aufgefangen. Warum es zufällig in meinen Händen landete, weiß ich nicht. Ich weiß es bis heute nicht. Doch was auch immer der Grund sein mag, es ist geschehen. Es war - wie soll ich sagen - wie eine Offenbarung. Am besten passt wahrscheinlich der Ausdruck >>Epiphanie<<. An jenem Nachmittag geriet plötzlich etwas in mein Blickfeld, das meine Perspektive völlig veränderte. In dem Moment, als Dave Hilton im Jingu Stadion den schönen Two-Base-Hit erzielte, wurde mein Leben ein anderes."
(Aus dem Essay "Wie ich Schriftsteller wurde" von Haruki Murakami, Übersetzung: Ursula Gräfe, DuMont Verlag)



Den Murakami-Oktober möchte ich mit einer in Deutschland brandneuen Veröffentlichung abschließen. DuMont hat Haruki Murakamis Essay-Sammlung "Von Beruf Schriftsteller" ein knappes Jahr nach der japanischen Veröffentlichung nach Deutschland gebracht. Und obwohl wir uns auf den nächsten großen Roman von Murakami wohl noch lange gedulden müssen, so ist das Non-Fiction Werk für jeden Fan des Autors (und vielleicht auch darüber hinaus?) ein mehr als gelungenes "Trostpflaster". Alles, was man in Murakamis Kurzgeschichten und Romanen findet, ist auch in dieser umfangreichen Essay-Sammlung vorhanden. Der DuMont Verlag geht die Vermarktung des Buches genau richtig an und bewirbt den Titel nicht als Autobiografie. Obwohl wir so viel über den eher scheuen und zurückgezogenen Autor erfahren wie nie, ist die Person >>Haruki Murakami<< nicht der Mittelpunkt dieser Essay-Sammlung. Gleiches gilt übrigens auch für seine Memoiren "Wovon ich rede, wenn ich vom Laufen rede".

"Von Beruf Schriftsteller" ist aufgeteilt in insgesamt 11 Essays inklusive eines Nachworts. Für mein obligatorisches Eröffnungszitat habe ich bewusst diesen Absatz aus dem zweiten Essay "Wie ich Schriftsteller wurde" gewählt. Dieses Essay gehört mit zu den persönlichsten Abschnitten in dem Buch. Wenn es etwas gibt, was man beim recherchieren über Murakami immer wieder liest, so ist es der Moment, was den Japaner dazu inspirierte, Romanautor zu werden. Man liest immer wieder etwas "Von einem beeindruckendem Schlag während eines Baseballspiels". In dieser Essay-Sammlung erfahren wir von Murakami persönlich, wie sich dieser beinahe schon abstrakte Moment zugetragen hat. Anhand von seinen surrealen und bizarren Geschichten wissen wir bereits, bei Murakami hat man es nicht unbedingt mit einem gewöhnlichem Autor zu tun. Mit großer Freude blickt Haruki Murakami auf dieses Ereignis aus dem Jahr 1978 zurück. Murakami verfasste anschließend den kurzen Roman "Wenn der Wind singt". Jedoch sollte es eine lange Zeit dauern, bis der Autor seinen einzigartigen Stil gefunden hat. Viele Jahrzehnte verwehrte es Murakami, seine beiden Frühwerke "Wenn der Wind singt" und "Pinball 1973" international neu auflegen zu lassen. Irgendwann konnte er vermutlich das Flehen seiner Leser nicht mehr ertragen und gab grünes Licht dafür, diese beiden Werke komplett neu auflegen zu lassen. Die Romane sind, ebenfalls über DuMont, als Sammelband vereint mit beiden kurzen Romanen, im vergangenem Jahr in Deutschland erschienen.

Beim lesen der Essays habe ich mich dabei ertappt, wie ich in die Gedankenwelt Murakamis eingetaucht bin und das Buch gar nicht mehr für ein Non-Fiction Werk hielt, sondern für eine neue Sammlung von Murakamis Kurzgeschichten. Dabei sind die Essays nicht abenteuerlich geschrieben. Dafür aber sehr unterhaltsam, mit Wortwitz und dem typischen Murakami-Stil. Doch er findet, besonders im ersten Essay "Schriftsteller - ein toleranter Menschenschlag?" auch kritische Worte. Kritische Worte gegenüber der Schriftstellergilde, aber auch kritische Worte den Kritikern gegenüber. Dabei verfällt Murakami aber nie in eine Selbstverliebtheit gegenüber sich selbst, genau so wenig auch nicht in übertriebene Demut. Murakami weiß, was er kann (und auch nicht kann), beschreibt dies aber mit einer sympathischen Bescheidenheit, einer Bodenständigkeit. Seine Texte wirken wieder einmal motivierend. Ganz besonders Anfänger, die sich selbst ans Schreiben wagen, dürften hier inspiriert werden.

Haruki Murakami erweist sich auch hier wieder einmal als wichtiger Autor für eine noch junge Generation. Besonders die Altersklasse zwischen 20-30 Jahren, die ihren Lebensweg noch nicht so richtig gefunden hat, dürften in den Essays etliche tröstende Worte finden. Der Autor mahnt dennoch dazu, selbst wenn man durch glückliche Zufälle seinen Lebensweg gefunden hat, man hart arbeiten muss, um im Geschäft zu bleiben, oder, wie er es in einer Metapher ausdrückt, die Karriere mit einem Battle Royal beim Wrestling vergleicht. Egal ob Schriftsteller, Maler oder Handwerker, am Ende kommt es drauf an, nach wie vielen Runden man noch im Ring stehen wird.

In zahlreichen weiteren Essays schreibt Murakami über alltägliche Dinge, die allesamt mit dem Thema "Von Beruf Schriftsteller" zu tun haben. Ein weiteres interessantes Essay folgt direkt an Nummer 3: "Über Literaturpreise".

Die deutschsprachige Ausgabe ist wie gewohnt beim DuMont Verlag erschienen. Und wie gewohnt war die routinierte Japanologin Ursula Gräfe für die Übersetzung (selbstverständlich eine Übersetzung direkt aus der japanischen Sprache, eine englische Ausgabe existiert meines Wissens sowieso noch nicht) verantwortlich. In einem kurzen Austausch auf Facebook mit ihr konnte ich erhaschen, dass die Übersetzung diesmal ein relativ harter Brocken war. Von den Strapazen bekommen wir als Leser nicht viel mit, denn wie immer liest sich die Übersetzung flüssig und absolut hervorragend.

"Die Spezies Schriftsteller (zumindest die meisten von ihnen) gehört unbedingt zum Typ des weniger klugen Mannes. Sie können nicht begreifen, was der Fuji ist, solange sie ihn nicht wirklich auf ihren eigenen Beinen bestiegen haben. Es liegt womöglich sogar in der Natur des Schriftstellers, dass er den Berg, selbst wenn er ihn mehrmals besteigt, noch immer nicht versteht oder sogar umso weniger, je öfter er ihn besteigt. Hier hätten wir dann einen Fall von >>Sub-Effektivität<<.  Einem scharfsinnigen Menschen würde so etwas nie passieren." (Aus dem Essay: "Schriftsteller - ein toleranter Menschenschlag?" von Haruki Murakami. Übersetzung: Ursula Gräfe, DuMont Verlag)


Resümee

Für Leser/Fans von Haruki Murakami ist "Von Beruf Schriftsteller" Pflichtprogramm. Doch an diesem Werk könnten auch noch ganz andere Leute ihre Freude haben. Leute, die als Hobby gerne Texte verfassen, werden in dieser Essay-Sammlung etliche interessante Anekdoten finden. Aber auch außerhalb der Schriftstellerei gibt es in diesem Band genug zu entdecken, um sich in Murakamis Gedankenwelt zu verlieren.

Die Sammlung ist kein trockenes oder staubiges Sachbuch, kein Ratgeber und auch keine Autobiografie. "Von Beruf Schriftsteller" ist 100% Haruki Murakami. Mehr gibts da auch gar nicht zu schreiben, denn manchmal sind die Dinge einfach selbsterklärend.


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