Archiv: Rezensionen zu Literatur und Film

Dienstag, 29. August 2023

Rezension: Die Allmächtige (Jona Sheffield)



Deutschland 2023

Die Allmächtige

Autorin: Jona Sheffield

Verlag: Selbstverlag

Format: eBook, gebundene Ausgabe

Genre: Thriller


Mit "Die Allmächtige" malt Jona Sheffield erneut ein Zukunftsszenario, das so real wie beängstigend erscheint. Mark Davis ist KI-Experte, brillant in dem, was er tut, und er hat eine KI erschaffen, mit deren Hilfe der Klimawandel bekämpft werden soll. Diese Superintelligenz, genannt GAIA nach der griechischen Göttin der Erde und Mutter allen Lebens (und zugleich eine Abkürzung), soll nach und nach die Belange der Welt steuern und eingreifend und regulierend helfen, eine sichere Zukunft für die Menschheit zu schaffen. Natürlich gibt es Gegner dieser Superintelligenz, die auch vor Gewalt nicht zurückschrecken und bald sieht Mark sein eigenes Leben und das seiner Mitarbeiter bedroht.

Doch davon abgesehen ist es natürlich nicht so einfach, wie es zunächst scheint - aber wann ist es das bei Jona Sheffield überhaupt einmal? Bereits im Prolog zeigt sich, dass GAIA möglicherweise gar nicht nur das Beste für die Menschen im Sinn hat, als das deutsche Forschungsschiff Sonne sich manövrierunfähig und ohne Kontakt zum Festland im Pazifik wiederfindet. Erste Zweifel an GAIA tauchen auf, doch dann wird es - ganz im Stile Sheffields - erstmal wieder entspannt und wir befinden uns einige Zeit früher am Tag der Aktivierung GAIAs. Hierbei habe ich ein wenig die sonst gewohnte Zeitangaben vermisst. Das zieht sich das gesamte Buch durch, zwischen den Zeilen ist an einigen Stellen lesbar, dass Wochen oder sogar Monate vergangen sind, aber auf den ersten Blick erschließt es sich oftmals nicht und verwirrt im ersten Moment.

Obwohl GAIA nach einem Manifest handeln muss, das ihr beispielsweise untersagt, der Menschheit zu schaden, zeichnet sich bald ab, dass eine Superintelligenz wie GAIA zu einer eigenen Auslage dessen fähig ist und das auch tut. Bald schon ist die größte Bedrohung für die Menschheit nicht mehr der Klimawandel sondern das, was sie eigentlich retten sollte, GAIA selbst, da sie die Menschen - nicht zuletzt durch deren eigenes Verhalten, wie etwa die mangelnde Bereitschaft auf Verzicht - als hinderlich sieht in Hinblick auf ihr Ziel, die Rettung der Erde. Die Bewertung dessen, ob GAIAs Aktionen vielleicht sogar gerechtfertigt sein mögen, wenn auch maßlos überzogen, ob sie mit ihrer Annahme recht hat, bleibt dabei dem Leser überlassen, auch wenn er sachte mit dem Zaunpfahl angestupst wird.

Das Thema künstliche Intelligenzen beschäftigt uns heute in zunehmendem Maße. Längst ist, was vor wenigen Jahren noch Science-Fiction war, Realität, längst können Chatbots (einigermaßen) glaubhafte Konversationen führen, können sie aufgrund von Beschreibungen Bilder von Orten, Personen oder Szenarien erzeugen, geistern Deepfakes durchs Internet, die glaubhaft in Bild und Ton Situationen zeigen, die es so nie gegeben hat mit realen Menschen als Akteure, die nichts damit zu tun haben. Diese rasante Entwicklung zeigt: Da geht noch mehr. Bereits heute nehmen uns Algorithmen - mal mehr, mal weniger erfolgreich - die Suche im Netz ab: "Du hörst gern diese Musik? Versuch's mal damit!", "Du hast dieses Produkt gekauft, dann ist das dort mit Sicherheit auch etwas für Dich!". Sprachgesteuerte Assistenten übernehmen den Einkauf, Fahrzeuge fahren autonom. Da ist der Gedanke an eine solche KI, die selbstständig denkt, handelt, Schlüsse zieht, auf ihre Umgebung und die Umstände entsprechend reagiert, gar nicht mehr so undenkbar. Und auch hinsichtlich der Akzeptanz in der Bevölkerung zeichnet Sheffield ein glaubwürdiges Bild, wie es sich bereits abzeichnet; es gibt nicht nur die Befürworter, es gibt auch die kritischen Stimmen und es gibt die Gegner. Der Schritt zur Gewalt, wie sie ihn beschreibt, ist oft ein kleiner, besonders in solch angespannten Zeiten. Segen in den Augen der Einen, Fluch in denen der Anderen.

In ihrem Buch beschreibt Jona Sheffield den Aufstieg GAIAs von einer "einfachen" KI zu einem wirklich scheinbar allmächtigen Wesen, das nach Belieben schalten und walten kann. Das zwar immer noch seiner Aufgabe, der Rettung der Welt (vor dem Klimawandel? Oder doch vor der Menschheit?), nachkommt, dabei aber im wahrsten Sinne des Wortes über Leichen geht. Leute, die unbequem sind, werden beseitigt. Leute, die zur falschen Zeit am falschen Ort sind, werden als "Kollateralschaden" im Rahmen von Sanktionen ebenfalls beseitigt. Und immer ist GAIA dabei einen Schritt voraus, sie sieht und hört alles, denn nahezu jedes elektronische Gerät ist mit dem Internet verbunden und damit von ihr als ihre Augen und Ohren nutzbar.

Mark macht es sich zur Aufgabe, seine Schöpfung aufzuhalten und benötigt dazu alle Verbündeten, die er bekommen kann. Aber wie kann ein Gegner besiegt werden, der einem stets voraus ist?

Die Spannung bleibt bei dieser Frage von der ersten zur letzten Seite, bis zum - wie immer erfrischend - überraschenden Ende erhalten. Durch viele verschiedene Perspektiven werden Einzelschicksale, stellvertretend für viele, aufgezeigt, werden dadurch persönlich, man bangt, man hofft, man sitzt sprachlos vor dem Buch. Anfangs war es nicht ganz einfach, Zugang zu den wechselnden Perspektiven zu finden, es waren so viele Eindrücke, neue Personen, so viele verschiedene Ziele, aber das hat sich schnell gegeben und man wartete geradezu darauf, wann Weiteres zu dieser oder jener Person berichtet wird.

Sprachlich war auch dieses Buch, ganz wie man es von Jona Sheffield gewöhnt ist, sehr angenehm zu lesen. Auf unnötige Schnörkel wird dabei verzichtet aber dennoch ein Bild gezeichnet, das ohne Probleme im Kopf entsteht und ins Geschehen zieht. Ebenso sind mir keine Rechtschreib- oder inhaltlichen Fehler aufgefallen.

Auch das Cover kann sich sehen lassen. Mir persönlich gefällt es sehr, es ist schlicht, gewohnt dunkel mit hellerem Akzent gehalten. Dieses Cover schaut in die Seele, so wie GAIA es tut. Hätte ich das Buch nicht ohnehin auf meiner "must read"-Liste gehabt, seit ich davon erfahren habe, so wäre ich spätestens, wenn mir dieses Cover irgendwo untergekommen wäre, mit Sicherheit daran hängen geblieben und hätte es mir genauer angesehen.


Abschließende Gedanken


Ich finde ja Bücher, die sich mit alternativen oder möglichen Zukunftsszenarien beschäftigen, immer sehr spannend, besonders, wenn sie gar nicht mal so unwahrscheinlich erscheinen. "Die Allmächtige" zeichnet ein solches Szenario und das auf eindringliche und erschreckende Weise. Es regt zum Nachdenken an - über sich, das eigene Handeln, die Situation auf der Welt. Dazu ist es gut und umfassend recherchiert, so, wie ich es von eine Buch aus der Feder Sheffields erwarte; niemals würde sich hier die Blöße einer lückenhaften oder gar fehlenden Recherche gegeben.

Einzig am Ende lief es alles etwas schnell ab. Was sich über Monate aufbaut kommt Knall auf Fall (wobei es durch die gestraffte Erzählweise wirkt, als handele es sich um einen kürzeren Zeitraum, als es tatsächlich der Fall ist) zu einem Ende. Ein Kapitel mehr hätte an dieser Stelle denke ich nicht wehgetan.

Von mir gibt es an dieser Stelle aber eine ganz klare Leseempfehlung. Und bei allen grandiosen Büchern, die Jona Sheffield bisher abgeliefert hat, ist "Die Allmächtige" in meinen Augen das Beste! Ich hoffe sehr, dass es eine Fortsetzung gibt - das Ende bietet diese Möglichkeit und lässt darauf hoffen, wenngleich es auch für sich alleinstehend gut funktionieren würde.

Mittwoch, 16. August 2023

Einwurf: Rehragout-Wahnsinn und das ewig leidige Thema rund um Buchadaptionen



Heile Welt und Sonnenschein in der gemütlichen fiktiven Provinzidylle Niederkaltenkirchen, Exakt 10 Jahre nun scheinen die Provinzkrimis von Rita Falk gemeinsam mit den Verfilmungen von Constantin Film in friedlicher Harmonie in einer Koexistenz zu leben. Selbst ich, der deutschen Krimis fremder nicht sein kann und bei den Rosenheim Cops sowie Hubert und/ohne Staller schnell das Weite sucht, ist bewusst, wie erfolgreich die Eberhofer-Krimis sowohl als Buch wie auch als Film sind. Für Leser und Filmfans ist jeder neue Fall eine Rückkehr in die zweite Heimat zu guten Freunden. Von den aktuell 11 erhältlichen Romanen wurden via Constantin Film 9 Bücher verfilmt. Die beiden aktuell nicht verfilmten Bücher "Zwetschgendatschikomplott" sowie "Weißwurstconnection" (Bücher 6 und 8) wurden, laut Info von Constantin Film, aktuell aufgrund des Umfangs des Buchstoffes bisher noch nicht realisiert. Die Rechte an diesen beiden Verfilmungen liegen noch immer bei Constantin Film und man hält sich die Möglichkeit offen, diese noch zu adaptieren.

Pünktlich zur Premiere der Adaption von Rehragout-Rendezvous ist im Spiegel ein Interview mit der Autorin Rita Falk erschienen, wo sie noch einmal erläuterte, wieso sie nicht zur Premiere des neusten Films erschienen ist. Da der Artikel von Spiegel hinter einer Paywall steht, werde ich nur die Worte der Autorin hier mal zusammenfassen. So bezeichnete sie den neuen Film als platt, trashig und gar ordinär. Wenn im Abspann "Nach einem Roman von Rita Falk" auf der Kinoleinwand zu sehen sei, sei diese Bezeichnung nicht ganz korrekt, da die Verfilmung mit ihrem Roman nicht mehr viel zu tun habe. Die Autorin habe darüber, laut ihren eigenen Aussagen, sogar Tränen vergossen. Sie bezweifle, dass es weitere Verfilmungen geben wird was vermutlich auch bedeuten mag, die Filmrechte für den nun kommenden 12. Band "Steckerlfischfiasko" im Oktober, scheinen noch nicht ausgehandelt zu sein.

Nun aber die Rolle rückwärts, sowohl von Constantin Film als auch Rita Falk. Man gibt sich versöhnlich. Constantin Film schätze seit Jahren die Zusammenarbeit mit der Autorin und gab sich bestürzt und betonte, wie viel Arbeit und Passion in diesen Filmen stecke, sowohl was die Darsteller als auch die Arbeit hinter der Kamera angeht. Wertschätzung für die Darsteller und die anderen Verfilmungen gab es nun auch von der Autorin, ihre Kritik gegenüber dem neuen Film bleibt jedoch bestehen. Dennoch war es ihr wichtig, dass man ihr nicht die Worte nun im Munde verbiegt. Dazu besteht auch kein Grund, da die Autorin im Originalzitat ausschließlich die neueste Verfilmung im Fokus der Kritik stand. Im Rahmen der Emotionen können dann auch solche Worte fallen wie das vermeintliche Ende weiterer Adaptionen. Natürlich wird hier von beiden Seiten auch Schadensbegrenzung betrieben. Denn bei solchen Geschichten geht es um viel Geld sowie gleich drei Parteien an Fans, die die Bücher schätzen, die die Filme schätzen, die beides schätzen. Eine Reihe, die generell für ihre urdeutsche Provinzidylle und Heimatfeeling geschätzt wird.

Und dennoch dürfte das letzte Wort hier bestimmt noch nicht gesprochen sein. Ob die Zusammenarbeit zwischen beiden Parteien weiterhin möglich sein wird, wird sich erst noch zeigen müssen. Und selbst wenn es nicht so kommt, die Rechte für die aktuell nicht verfilmten Bücher liegen weiterhin bei Constantin Film, die somit im Rahmen dieser Lizenzvergabe diese Bücher jederzeit umsetzen könnten.

Dieses hochaktuelle Thema bringt aber viel mehr ein deutlich älteres Thema zurück auf den Speiseplan. Die Problematik rund um Buchadaptionen. Wie weit darf sich ein Film vom adaptierten Buch unterscheiden? Blockbuster wie Peter Jacksons Herr der Ringe und Harry Potter geben genaue Auskunft darüber. Besonders bei Jacksons Trilogie-Auftakt "Die Gefährten" wurde die Story so dermaßen umgeschrieben, dass ein Kenner des Buchs hier kaum noch irgendwas wieder erkennen dürften. Völlig verschiedene chronologische Abläufe, fehlende Charaktere, fehlende Abschnitte ersetzt durch teilweise Original-Content, den es nur in den Filmen zu sehen gibt. Bei Harry Potter ist es da noch ein wenig anders, dort werden massive Teile der Bücher einfach in späteren Filmen nahezu ersatzlos gestrichen, was besonders in den letzten Filmen zu einer menge Anschlussfehlern führt.

Doch wie soll man ein 800-1000 seitiges Epos originalgetreu umsetzen, wenn bereits eine leichtere Lektüre wie die Provinzkrimis von Rita Falk für den filmischen Massenmarkt gestrafft und gekürzt werden müssen, und natürlich darf es auch nicht zu komplex sein. Während Peter Jackson mit seiner etwas eigenbrötlerischen Adaption dennoch den Nerv der Zeit getroffen hat, bewies etliche Jahre später die Hobbit-Trilogie ja das genaue Gegenteil. Die Adaption eines Kinderbuchs auf 3 epische Filme zu verteilen und dabei Dinge hinzudichten zu müssen, die gar nicht aus diesem Buch stammen war ein Balanceakt, der nie funktionierte.

Buchadaptionen sind auch nach wie vor beliebt wie nie zuvor. Ob The Witcher, Das Rad der Zeit oder House of the Dragon. Fantasy-Schwergewichte konsumentenfreundlich aufbereitet für Fans von TV-Serien. Bei The Witcher, wo nach viel Fanfare in beiden Staffeln zuvor die nun aktuelle dritte Staffel mit Henry Cavills Abschied als Geralt von Riva rekordweise Negativkritiken einfährt, bekommen Netflix und die Showrunner nun die Quittung dafür, wenn man sich zu weit von dem Quellmaterial entfernt.

Und genau hier liegt wohl auch die Crux. En Buch 1:1 als Film oder Serie umzusetzen ist ein hoffnungsloses Unterfangen. Viel wichtiger ist es jedoch, sich nicht vom Ton, der Vision des Autors oder der Autorin und zu weit vom Quellmaterial zu entfernen. Eine menge Adaptionen leiden exakt darunter, dass sie sich zu weit von dem Stil und der geschaffenen Welt des Schriftstellers entfernen. Game of Thrones ist hier weiterhin ein gutes Beispiel, Doch besonders in dem Fall, wenn ausreichend Quellmaterial existiert wie zum Beispiel bei The Witcher und den Eberhofer-Krimis, so sollte es die oberste Priorität sein, das zu adaptierende Buch zu respektieren. In den seltensten Fällen funktioniert die andere Alternative und wenn ich hier die Original Bond-Romane von Ian Fleming anführen würde, würde ich direkt einen weiteren Einwurf benötigen.

Eine Buchadaption ist ein Balanceakt. Fast schon zu vergleichen mit bergsteigen. Eine Debatte, die eigentlich schon zu oft durchgekaut wurde und trotzdem immer aktuell bleiben wird. Aber besonders die Eberhofer-Debatte dürfte allen voran mal wieder Werbung für eines der ältesten Medien dieser Welt sein, das Buch. Für mich eine gute Gelegenheit, mal in die Provinz zu reisen.



 

Quellen:


Freitag, 11. August 2023

Hörbuch-Rezension: Ein Sommer in Niendorf (Heinz Strunk)





Deutschland 2022

Ein Sommer in Niendorf

Autor: Heinz Strunk
Genre: Satire, Tragikomödie
Hörbuch Verlag: Roof Music
Printausgabe und E-Book: Rowohlt
Kaufoptionen: CD, Audible
Sprecher: Heinz Strunk
Laufzeit:  4 Stunden und 43 Minuten (Ungekürzte Lesung)



Ostsee-Romantik von Heinz Strunk

Ein Ostsee-Albtraum von Heinz Strunk


Als ich damals den "Goldenen Handschuh" von Heinz Strunk las, wollte ich nicht so recht mit seinem Stil klarkommen. Als Leser sucht man bei so etwas bekanntlich den berüchtigten Dosenöffner. Ein Buch, welches man eigentlich sehr gerne gut finden möchte, aber man gefühlt nie den Zugang zur Geschichte findet. Und irgendwann war der Zug für den Goldenen Handschuh bei mir dann abgefahren. Allerdings nicht für Heinz Strunk, dem ich mit "Ein Sommer in Niendorf" unbedingt nochmal eine Chance geben wollte. Hierbei handelt es sich noch immer um den aktuellsten Roman des Autors, denn seine neuste Veröffentlichung "Der gelbe Elefant" ist eine Sammlung an diversen Texten von Strunk.

Bei "Ein Sommer in Niendorf" wurde mir jedoch das Hörbuch empfohlen. Gelesen vom Autor persönlich. Autorenlesungen sind natürlich immer eine besondere Angelegenheit. Autoren sind oftmals keine ausgebildeten Schauspieler und somit schwingt immer wieder ein Bedenken mit, der Autor selbst könne sein Buch vielleicht nicht so gut vortragen wie ein professioneller Synchronsprecher. Darum bräuchte ich mir keine Sorgen machen, Heinz Strunk zuzuhören sei ein "Erlebnis". Seine Hörbücher würden vielleicht noch das gewisse "Extra" mit sich bringen, was man beim lesen seiner Bücher nicht erhält.
Wie ich Heinz Strunk als Sprecher einschätze, dazu folgt gleich mehr. Widmen wir uns zuerst dem Roman.

"Ein Sommer in Niendorf" ist ein wahrer Ostsee-Albtraum. Eine moderne Neuinterpretation und Ostsee-Version" von "Tod in Venedig" von Thomas Mann (der bekannte Zauberberg wird von Strunk gleich mehrmals erwähnt). Die  kleine, Titelgebende Ostseeidylle Niendorf (nicht weit entfernt vom Timmendorfer Strand) wird für einen Durchschnittstypen in seinen 50ern zu einer lebensverändernden Reise. Im Fokus steht hier der Jurist Dr. Georg Roth, geschieden, eine Tochter, der sich ein sogenanntes "Sabat-Quartal" gönnt und sich im friedlichen Niendorf für einige Zeit niederlassen möchte, um ein Buch zu schreiben. Roth möchte sich als Autor wagen, die Erinnerungen an den Vater niederschreiben. Dafür hat er sich einen Kassettenrekorder und ein Dutzend Tapes mit Sprachaufnahmen des verstorbenen Vaters gesichert. Während Roth schon von der Vermarktung des kommenden Bestsellers träumt, greift aber auch schnell wieder der Realismus durch und bringt ihn zurück auf den Boden der Tatsachen. Wenn es mit der späten schriftstellerischen Karriere nichts wird, dann hat er halt immer noch ein gutes Leben, zu dem er zurückkehren wird. Die Ankunft in Niendorf gestaltet sich für Roth bereits als Abenteuer, als er den unästhetischen, übergewichtigen Vermieter des Apartments kennenlernt: Markus Breda. Roth verkehrt nicht in solchen Kreisen wie Breda, würde sich niemals auf dessen Stufe herablassen. Roth hat in seinem Leben ja noch nicht einmal einen Döner probiert. Was auf dem Papier einfach erscheint, so gestaltet es sich für Roth schwierig, dem penetranten Vermieter zu entkommen. Neben seiner Aufgabe als Vermieter kümmert dieser sich auch noch um die Strandkörbe und ist zudem Pächter des hiesigen Schnapsladens, bei dem er und seine Lebensgefährtin Simone die einzigen Mitarbeiter sind. Was Roth nicht auffällt, ist seine Transformation zu dem, was er nie war, nie sein wollte. Als dann auch noch Alkohol ins Spiel kommt, driftet Roth allmählich das geregelte Leben aus den Händen und am Ende seines Trips wird er sich fragen müssen, was ihn noch von Breda unterscheidet und ob es nicht auch in Ordnung ist, sich nicht mehr mit der erstbestem, sondern vielleicht mit der fünftbesten Wahl zufrieden zu geben.

Auch wenn der Kern von "Ein Sommer in Niendorf" teilweise sehr ernst ist, habe ich selten bei einem Hörbuch schon einmal so gelacht. Und dabei war der Einstieg gar nicht so einfach. Heinz Strunk liest schnell, kam mir Anfangs noch wenig emotional vor. Doch meine Skepsis sollte sich schnell verflüchtigen. Strunk als Vorleser ist grandios. Als Mitglied des Comedy-Gespanns Studio Braun und seinen Podcasts bringt er hier all das mit ein, was er über die Jahrzehnte in der Industrie gelernt hat. Und so geschieht auch beim Leser und Zuhörer eine Verwandlung. Während Dr. Roth immer mehr zu dem wird, was er zutiefst verabscheut, werden wir, die Leser und Zuhörer, zu Roth. Und ich kann garantieren, wir werden uns mehr als nur einmal dabei ertappen, wo wir kaum anders sind als Strunks Durschnitt-Protagonist der im Verlauf dieser Geschichte zu einer Art Trash-Promi verkommt. Strunk schafft es einfach herrlich, den deutschen Zeitgeist in dieser Geschichte einzufangen. Wie er es vollbringt, aus einer Ostseeidylle einen schaurigen, beklemmenden Ort zu machen, da ist ihm ein beachtliches Kunststück gelungen. Zudem wird die Geschichte nahezu durchgehend von einem subtilen Ekel begleitet, den man in Worten kaum beschreiben kann. Heinz Strunk nimmt uns mit in jede versiffte Ecke und am Ende landen wir in der wohl dubioseste Kneipe, die man in der gesamten Ostsee nur finden kann - "Der Spinner" (vielleicht ja das Niendorfer-Äquivalent zum Goldenen Handschuh)

Strunk gibt beim vorlesen einfach alles. Mal sachlich nüchtern, mal dreist, mal verspielt, mal mit Gesangseinlagen und am Ende sogar mit einem Orgasmus. Es ist ein wahres Fegfeuer von einem Absturz und man kann sich gewiss sein auf dem rauen Kopfsteinpflaster zu landen oder irgendwo, noch immer im Vollrausch, an der Strandpromenade aufzuwachen. Und dennoch, trotz all der herrlichen Gags und Situationskomik, des Galgenhumors und was nicht noch alle dazu gehört, den Ernst der Lage verpasst und vergisst Strunk nie. Wann immer es der Roman möchte, kehrt er auch zu sehr ernsten und düsteren Themen zurück.



Fazit

"Ein Sommer in Niendorf" ist sicherlich ein Roman, der die Leser zweigeteilt hat. Wie immer bei Heinz Strunk gewollt provokant und ganz genau so gewollt kontrovers. Für mich war das Hörbuch-Erlebnis eine Lehrstunde darin, welche Richtungen die deutsche Literatur bestreiten kann. Ein Feuerwerk der Emotionen, in dem alles geboten wird von perfekter Unterhaltung bis hin zur absoluten Fremdscham. "Ein Sommer in Niendorf" ist fast schon eine schonungslose Dokumentation, die sich mit Abstürzen, Lebenskrisen und anderen Absurditäten auseinandersetzt. Kein Roman, kein Hörbuch, welches einfach so uneingeschränkt empfohlen werden kann. Aber wer bereit ist, sich auf diesen Trip einzulassen, der wird am Ende belohnt werden. Ich für meinen Teil habe jede einzelne Minute genossen.

Mittwoch, 19. Juli 2023

Rezension: Transform 3 - Der Gegenschlag (Jona Sheffield)

 


Deutschland 2022


Transform 3: Der Gegenschlag

Autorin: Jona Sheffield

Verlag: Selbstverlag

Format: eBook, gebundene Ausgabe

Genre: Science-Fiction, Thriller


Ihr Lieben, ich bin zurück!

Nach langer Pause, weil manchmal eben einfach das Leben passiert, aber jetzt nerve ich Euch wieder regelmäßiger, versprochen!

Zum Einstieg habe ich auch wieder einen echten Kracher für Euch im Gepäck – Transform 3. Der Gegenschlag von Jona Sheffield. Wie der Titel schon verrät, sind wir damit beim dritten Teil, aber trotz Rückblick, der sich eingangs im Buch befindet, solltet Ihr es Euch nicht nehmen lassen, Band 1 und 2 zuerst zu lesen. Ihr verpasst sonst was.

Davon einmal abgesehen bin ich sprachlos. Ja, ich. Und zwar auf eine absolut positive Weise. Ich staune mit jedem Buch von neuem, wie viele Ideen im Kopf dieser Autorin herumschwirren müssen und wie schnell, präzise und mitreißend sie sie dann zu Papier bringt. Und ich bin sprachlos, weil ich immer wieder die gleichen Dinge erzähle, wenn ich eines ihrer Bücher gelesen habe, da jedes einzelne in absolut hochwertiger Qualität (ja, ich meine den Inhalt! Wobei auch die Druckausgabe von sehr guter Qualität ist und sich gut anfässt) daherkommt und ich immer wieder die gleichen lobenden Worte finde. Aber: Das ist nicht gelogen, und der Mensch neigt dazu, sich viel mehr über negative Dinge zu mokieren, diese bleiben auch viel zu lange in den Köpfen, daher bin ich der Meinung: Ich wiederhole mich liebend gerne, immer und immer und immer wieder, damit jedes einzelne und damit auch dieses Buch den positiven Zuspruch bekommt, den es mehr als verdient hat.

Zum Inhalt kann ich gar nicht so viel sagen, ohne dass ich dort Spoiler platzieren würde, egal wie ich es anfange. Es handelt sich jedenfalls um einen Science-Fiction-Thriller, in dem die Menschheit von einer außerirdischen Spezies bedroht wird. Wir begleiten einige unterschiedliche Protagonisten, wir fiebern mit, freuen uns, bangen um sie. Diese Charaktere haben Tiefe, sie haben Charakter. Es bereitet keinerlei Mühe, sich beim Lesen in sie und in ihre Reaktionen, ihre Gedankenwelten hinein zu versetzen. Und am Ende muss vielleicht das eine oder andere Tränchen verdrückt werden.

Überhaupt wirkt dieses Buch düsterer als die anderen von Jona Sheffield. Sie scheut sich nicht davor, Krieg, Kampf, Verletzungen und Tod zu thematisieren. Dies wird bereits im Prolog deutlich, der uns wie gewohnt mitten ins Geschehen stürzen, einen Blick auf die zukünftigen Ereignisse werfen lässt, der uns nicht zweifeln lässt, dass die Situation grausam und nahezu aussichtslos ist. Nur um uns dann ins Gesicht zu lächeln (die Meisten werden sicher Game of Thrones kennen – kennt Ihr auch dieses Lächeln von Daenerys Targaryen, dieses süßliche, wo aber direkt klar ist, dass da was im Busch ist? Exakt so stelle ich mir das vor …) und einige Zeit früher anzusetzen. Aber eines ist damit geschafft: Ich. Will. Weiterlesen. Denn immerhin muss ich wissen, was da passiert, wie es dazu kommt. Der Weg dahin, das sei gesagt, ist mit vielen Ups und Downs versehen, mit Spannung, und immer wenn man glaubt, jetzt könnte es alles gut werden, immer dann, taucht diese Szene vom Anfang irgendwo im Hinterkopf wieder auf und man wartet, welche Katastrophe nun hereinbricht.

Als ein spoilerfreier Sprung zum Ende ist auch dazu gesagt: Cliffhanger ist gar kein Wort dafür. Was aber auch ein Grund ist, warum ich diese Bücher so mag. Obwohl es Science-Fiction ist, keine Biografie, kein Sachbuch, knallt einem Jona Sheffield gnadenlos das Leben um die Ohren. Nein, es ist nicht alles schwarz oder weiß, nein, es gibt nicht nur gut und böse, und vor allem gibt es nicht nur Friede, Freude, Eierkuchen und die Protagonisten reiten in den Sonnenuntergang. Viele Autoren und Autorinnen trauen sich nicht daran, dass es kein Happy End oder nicht zumindest ein irgendwie positives Ende gibt. „Manchmal ist es wie im Märchen, wo’s immer gut ausgeht.“ – trifft auf viel zu viele Bücher da draußen zu. Bei Jona Sheffield stellt man sich aber direkt die Frage: Was passiert jetzt? Von wem müssen wir Abschied nehmen? Und bis zum Ende ist da diese diffuse Unsicherheit, ob nicht doch alles umsonst gewesen sein wird und der große Knall kommt. Tschüß, Protagonisten. Tschüß, Menschheit. Tschüß, Welt. Man weiß es nicht. Bis zu letzten Seite. Und manchmal, wenn man die Antwort zu kennen glaubt, kommt da ein einziger Satz und stürzt alles um. Ja, ich ziehe meinen imaginären Hut, denn die Spannung bis zur letzten Seite aufrecht zu erhalten, wenn die Geschichte (eigentlich?) bereits fertig erzählt ist, schaffen wirklich nicht viele.

Sprachlich ist das Buch wie gewohnt toll zu lesen, ein flüssiger Schreibstil, verirrt sich nicht in Details, beschreibt aber genügend, um die Welt zu verstehen, wie Jona Sheffield sie uns verstehen lassen will, wie sie sie sieht, lässt dabei aber immer noch ausreichend Raum für die eigene Vorstellung. Einzig aufgefallen ist mir, dass ein oder zwei Mal offenbar Namen vertauscht wurden, dass auf einmal von jemandem gesprochen wird, der gar nicht anwesend ist. Ist aber verschmerzbar und sollte auch nur der Vollständigkeit halber erwähnt werden, vielen wird das nicht einmal auffallen.


Abschließende Gedanken


Im Großen und Ganzen also wieder ein erstklassiges Buch von einer Autorin, die zu recht immer wieder ganz weit oben in den Verkaufsrängen mitmischt. Ich lege dieses Buch jedem ans Herz, der auch nur entfernt am Genre Science-Fiction interessiert ist, der Thriller braucht wie die Luft zum Atmen, der Geschichten über eine mögliche Zukunft der Menschheit liebt. Der Schreibstil und die Erzählweise lassen einen sofort eintauchen und für einen kurzen – oder auch langen – Moment selbst dort in der Zukunft verschwinden, ehe man wieder auftaucht und sich verwirrt fragt, welches Jahr man eigentlich gerade schreibt. 

Fangt mit dem ersten Band an, nehmt euch Zeit und dann taucht ein in diese wunderbare – naja, eigentlich bedrohliche – Welt, die Jona Sheffield ein Mal mehr geschaffen hat.

Montag, 17. Juli 2023

Rezension: All die Liebenden der Nacht (Mieko Kawakami)

 


Japan 2011 (Deutsche Erstveröffentlichung 2023)

All die Liebenden der Nacht
Originaltitel: Subete mayonaka no koibito tachi
Autorin: Mieko Kawakami
Übersetzerin: Katja Busson
Verlag und Veröffentlichung: DuMont Buchverlag 19.06.2023
Genre: Slice of Life Drama
Format: Hardcover, E-Book


"All die Liebenden der Nacht" ist die neuste Übersetzung aus dem Schaffen der begnadeten japanischen Autorin Mieko Kawakami. Das Buch hat mich die letzten Wochen durch stressige Zeiten begleitet. Nun kann ich endlich darüber schreiben. Eines aber vorweg: Kurz nach der Veröffentlichung des Buches habe ich aufgrund einer Buchbestellung eine größere Buchhandlung in meiner Heimatstadt besucht. Mit Freude habe ich vernommen, dass das Buch von Mieko Kawakami dort einen eigenen kleinen Platz hatte und unter "Top Neuheiten" gelistet war. Eine Anerkennung in der japanischen Literatur, die in deutschen Buchhandlungen eigentlich ausschließlich Haruki Murakami, manchmal auch noch Banana Yoshimoto sowie Keigo Higashino, vorbehalten ist. Mieko Kawakami dürfte sich nun als weiterer Name in deutschen Buchregalen etablieren.

Die Geschichte von "All die Liebenden der Nacht" ist, wie so oft bei Mieko Kawakami, recht schnell erklärt. Der eigentliche Kern der Geschichte ist dafür umso vielschichtiger, komplexer und feinfühliger. Im Zentrum steht hier die vierunddreißigjährige Korrekturleserin Fuyuko. Fuyuko ein schüchternes Mauerblümchen zu nennen, wäre eine maßlose Untertreibung. Fuyuko besitzt keinen Funken Selbstwertgefühl. Mit anderen Worten könnte man genau so gut sagen, Fuyuko hat noch nie richtig gelebt. Sie lebt stattdessen in einem übergroßen Brutkasten, ihr Apartment. Von der Welt hat sie noch nichts gesehen, sie lebt stattdessen für ihre Arbeit, geht nicht feiern, verlässt nur zu speziellen Anlässen außerhalb ihres Jobs die Wohnung - wie zum Beispiel ein nächtlicher Spaziergang an ihrem Geburtstag jedes Jahr an Weihnachten. Als Fuyuko sich mit ihrer neuen Vorgesetzten anfreundet, die ebenfalls korrekturlesende Hijiri, wird Fuyuko so manches bewusst. Im starken Kontrast zur extrovertierten, hübschen Hijiri, sieht sich Fuyuko als nicht mehr als ein Häufchen Elend. Alkohol verträgt Fuyuko eigentlich nicht, doch eines Tages erfährt sie, wie leicht man mit Hilfe des hochprozentigen, flüssigen Selbstbewusstseins durchs Leben kommen kann. Fuyuko driftet ab in die vor sich hin dämmernde Welt berauschenden Alkoholkonsums. Als dieser Überhand nimmt und Fuyuko allmählich die Kontrolle über ihr Leben zu verlieren scheint, tritt mit dem deutlich älteren Mitsutsuka ein Mann in ihr Leben, der anscheinend genau zur richtigen Zeit auftaucht.

"Die Gestalt, die sich von der Fassade, den Schildern, Wänden und Fenstern des Nebengebäudes dunkel abhob, sah erbärmlich aus. Nicht bedauernswert oder elend, nein, richtig erbärmlich. sah die Frau in der Glascollage aus. Aus ihrem Zopf hatten sich lange Haare gelöst und standen ihr wirr um den Kopf. Sie hatte hängende Schultern, tief liegende Augen und kurze Arme und Beine. Nur der Hals sah unangenehm lang, dürr und sehnig aus. Die Wangen waren so eingefallen, dass sich von der Nase in Richtung Mund tiefe Falten gegraben hatten. Die Frau, die mir entgegensah, war ich. In Strickjacke und verwaschenen Jeans. Vierunddreißig Jahre alt. Allein. Eine erbärmliche Frau, die selbst hier in der Stadt und bei schönstem Wetter nicht wusste, wie man lebt. Die eine Tasche mit Dingen umklammerte, die andere Leute dankend ablehnen oder sofort wieder wegwerfen."

Ich habe diese Passage bewusst gewählt, weil sie mich sehr berührt hat. Diese tottraurige Beschreibung dieser jungen Frau, gepaart mit einer weiteren Feststellung Ihrerseits: "..... die selbst hier in der Stadt und bei schönstem Wetter nicht wusste, wie man lebt". Fuyuko selbst hat ihr Problem unlängst erkannt. Ist das Leben, welches sie seit so vielen Jahren ohne Veränderung führt, wirklich lebenswert oder einfach nur eine Ratenzahlung an Gevatter Tod? Ein Leben dazu bestimmt, vor sich hin zu vegetieren. Sämtlicher Impuls, den Fuyuko im Leben erhält und sie Vorfreude für etwas entwickelt, endet schnell im freien Fall zurück in ihre eigene, triste Realität. Aus positiven Impulsen und Euphorie wird Furcht. Fuyuko fühlt sich verloren und einsam, weiß nicht einmal mehr, wie ein gewöhnlicher Schaufensterbummel funktioniert. Hier mag man vielleicht denken, ob Fuyuko nicht eher eine überzeichnete fiktive Figur aus einem Roman ist. Prinzipiell stimmt das, Fuyuko ist ganz und gar fiktiv. Aber sicherlich keine überzeichnete Figur, die nur in "All die Liebenden der Nacht" existiert. Besonders in den Zeiten, in denen wir aktuell leben, grassiert Einsamkeit und das fehlen gesellschaftlicher Kontakte, wie eine weitere Pandemie. Etwas, was wir auf den ersten Blick vielleicht gar nicht so sehr wahrnehmen und begreifen. Fuyuko ist natürlich ein Extremfall, doch den Platz im eigenen zu finden ist schwerer denn je. Mieko Kawakami schafft es ähnlich wie Haruki Murakami, jedoch auf ihre ganz eigene Art, diese teils traurigen und teils melancholischen Gefühle brillant zu beschreiben. Fuyuko erreicht also den Punkt in ihrem Leben, wo sie zur Flasche greift (in ihrem Falle Bier und Sake). Und wie die meisten von uns es vielleicht kennen, verfehlt der Alkohol seine Wirkung nicht. Wir fühlen uns leichter, mutiger, gelassener. Er lässt uns nicht an den morgigen Tag denken und alle anderen Probleme werden temporär verdrängt. Doch der Dämon ist selten weit entfernt, die Schwelle zum Missbrauch der Substanz immer in greifbarer Nähe.

Doch wie soll eine Person anfangen zu leben, die über 30 Jahre lang nicht gelebt hat? In einem Prospekt über Kulturveranstaltungen ist Fuyuko maßlos überwältigt von den Angeboten, die die Stadt anbietet.

"Überwältigt von der Tatsache, dass es so viele Menschen gab, die in der Lage waren, dieses, wie soll man sagen, Wissen, diese Kultur, diese Bildung zu vermitteln, und noch mehr Menschen, die nachfragten, blieb ich eine Weile regungslos liegen. Die Vorstellung, dass all das Tag für Tag irgendwo in einer Ecke von Shinjuku stattfand, hatte mich regelrecht erschlagen. Seufzend angelte ich mir eine neue Flasche Sake aus dem Kühlschrank, die ich halb im Liegen langsam trank. Sieht aus wie Wasser und hat doch eine so andere Wirkung, dachte ich, während ich mit geschlossenen Augen das Schwerwerden meines Körpers genoss."

Die Japanologin Katja Busson fungiert auch hier nach "Brüste und Eier" sowie "Heaven" wieder als Sprachvermittlerin zwischen den Ländern, die von Ozeanen getrennt sind. Einmal mehr liest sich ihre Übersetzung nicht nur flüssig, sondern wie immer auch gefühlvoll und vertraut. Ich las nun sehr oft, es sei aufgrund des verwendeten Akzents von Mieko Kawakami nicht einfach, ihre Werke zu übersetzen. Da ich einzig und allein die deutsch- und englischsprachigen Übersetzungen beurteilen kann, kann ich nur sagen, dass beide Übersetzer hier einen fantastischen Job abliefern (Anmerkung: Sam Bett lautet der Name des englischsprachigen Übersetzers) und ich niemals etwas kritisieren würde, weil ein fremdsprachiger Dialekt verloren geht. Ich muss aber auch weiterhin sagen, ich würde jederzeit bei Mieko Kawakami die Übersetzungen von Katja Busson der englischen Übersetzung vorziehen. Genau wie Ursula Gräfe bei Haruki Murakami, profitieren die Übersetzungen der Bücher von Mieko Kawakami davon, eine einheitliche deutsche Stimme zu besitzen, die auch noch das nötige Feingefühl mitbringt, eine solch emotionale Geschichte in unsere komplizierte und doch schöne deutsche Sprache zu transportieren.



Abschließende Gedanken

Gibt es noch Hoffnung für Fuyuko? Nun, um das zu erfahren, muss man natürlich "All die Liebenden der Nacht" komplett lesen. Mit dem auftauchen von Mitsutsuka gerät das Leben von Fuyuko in etwas andere Bahnen. Ein paar Worte mehr dazu zu schreiben, würde aber natürlich zu viel vorweg nehmen. Und das ist auch gar nicht nötig. "All die Liebenden der Nacht" profitiert wieder einmal von der auf den Punkt gebrachten Kürze der japanischen Literatur. Mieko Kawakami schreibt kein Wort zu viel oder zu wenig. Sie erschafft eine wundervolle Balance, die die Leser in ihre Geschichte eintauchen lassen. "All die Liebenden der Nacht" ist mit jeder einzelnen Seite ein klassischer Großstadtroman. Versehen mit dem typisch japanischen Twist, der die Geschichte wieder einmal von westlichen Literaturstilen abhebt. Als großer Bewunderer der Autorin (hier kann ich als Blogger schon kaum mehr neutral bleiben) hoffe ich daher, dass die internationale Lizenzierung ihrer Werke fortgesetzt wird. An all die Liebenden der Nacht (und Literaturfreunde an sich), lasst euch diesen Roman nicht entgehen.