Archiv: Rezensionen zu Literatur und Film

Samstag, 16. April 2016

Rezension: Am Ende bleiben die Zedern (Pierre Jarawan)




Buch-Trailer




Deutschland 2016

Am Ende bleiben die Zedern
Autor: Pierre Jarawan
Verlag: Berlin Verlag
Genre: Drama, Coming of Age


"Als Junge verspürte ich eine unstillbare Sehnsucht danach, den Libanon zu sehen. Es war die große Neugier nach einer unbekannten Schönheit, um die sich Legenden rankten. Die Art, in der Vater von seiner Heimat sprach, seine Leidenschaft und Begeisterung, griff wie ein Fieber auf mich über. Der Libanon, mit dem ich aufwuchs, war eine Idee. Eine Idee vom schönsten Land der Welt, mit alten und geheimnisvollen Städten, die sich an der steinigen Küste entlangreihten, um sich mit ihren bunten Häfen zum Meer hin zu öffnen. Dahinter; zahlreiche sich windende Passstraßen, an deren Flanken sich Flusstäler ausbreiteten mit fruchtbaren Ufern und dem perfekten Boden für den weltberühmten Wein. Und dann; die dichten Zedernwälder in den höheren und kühleren Gefilden, umgeben vom Libanongebirge, dessen Spitzen auch im Sommer schneebedeckt waren, sichtbar selbst von einer Luftmatratze aus, ganz unten auf dem Meer.
Wir standen an diesem See, atmeten dieselbe Luft und teilten dieselbe Sehnsucht. Ich denke, neben der Liebe zueinander gibt es zwischen zwei Menschen kein stärkeres Band als eine geteilte Sehnsucht."
(Aus: "Am Ende bleiben die Zedern", Pierre Jarawan, Berlin Verlag)



Nicht aufgrund aktueller Ereignisse, sondern aus zeitlichen Gründen ist es mir erst jetzt möglich, die Rezension zu Pierre Jarawans Romandebüt "Am Ende bleiben die Zedern" Online zu stellen. Das ist insofern schade, weil dieses Debüt eine viel frühere Aufmerksamkeit von mir verdient gehabt hätte. Denn hier haben wir mal wieder ein Vorzeigebeispiel, wie viel die junge, deutschsprachige Literatur wert ist. Man könnte meinen, sie sei unbezahlbar.

Als ich den Newsletter des Berlin Verlags vor einiger Zeit in meinem E-Mail Postfach vorfand, in dem das Debüt von Pierre Jarawan, einer der erfolgreichsten deutschen Poetry Slam Künstler, beworben wurde, wusste ich nicht viel damit anzufangen. Ich war, muss ich gestehen, relativ skeptisch. Man könnte schnell zur Annahme kommen, Pierre Jarawan will hier vielleicht auf einen Zug aufspringen, ein aktuelles Thema in Deutschland mit eleganten Worten in Buchform zu verpacken. Doch da war etwas an der Beschreibung des Buches in diesem Newsletter, was meine Aufmerksamkeit weckte. Etwas wie Neugier. Ich kam nicht umhin, dem Roman eine faire Chance zu geben. Was hat Pierre Jarawan hier also abgeliefert? Ein ergreifendes, schmalziges Drama über eine Flüchtlingsfamilie, die verzweifelt versucht, das von Krieg geplagte Heimatland zu verlassen und einen Neuanfang in Europa zu suchen, oder eine Geschichte über Sehnsucht, Fernweh und Verlust? Diesen zarten Spagat zwischen Familiengeschichte und Selbstfindung, Flüchtlingskrise, Melancholie und die Beziehung zwischen Vätern und ihren Söhnen hat Pierre Jarawan in einem großen Roman meisterhaft untergebracht.

Die Geschichte von Samir, unserem Ich-Erzähler dieses Romans, beginnt in der Gegenwart in Beirut bei Nacht. Vor schmerzen krümmt sich Samir auf dem rauen, sandigen Boden und will seinen Peinigern noch etwas nachrufen, etwas wie: "Wir sind doch Brüder". Nach einem kurzen, rätselhaften Prolog springt die Geschichte jedoch zurück ins Jahr 1992. Samir ist circa 8 Jahre alt und genießt eine vermeintlich unbeschwerte Kindheit mit Familie und Freunden in Deutschland. Samir liebt seine Familie. Seine Mutter ist eine wichtige Stütze für ihn, auch um seine kleine Schwester, die noch ein Baby ist, umsorgt er als großer Bruder liebevoll. Mit Yasmin (wenige Jahre älter als Samir), Tochter des ebenfalls eingewanderten Hakim, gewinnt Samir sogar eine gute Freundin.
Es gibt jedoch eine Person, die liebt der junge Samir nicht nur, er verehrt sie auch. Seinen Vater Brahim. Für Samir ist sein Vater ein Vorbild. Der charismatische Mann hat eine Art an sich, andere Menschen in seinen Bann zu ziehen. Stets hilfsbereit und voller Tatendrang, ist Brahim in der Nachbarschaft ein geschätzter Mann und in seiner Familie das wichtige Rad, was das gesamte Konstrukt zusammenhält. Brahim ist außerdem ein begnadeter Geschichtenerzähler. Samir schaut zu seinem Vater auf. Dennoch fällt dem Jungen auf, dass sich sein Vater verändert. Dass in ihm eine Sehnsucht steckt, die tiefer sitzt als es die Familie erahnen könnte. Bis auf Samir scheint es keinem aufzufallen. Von Fernweh geplagt verändert sich Brahim. Der einst lebensfrohe Mann erhält mysteriöse Anrufe, die er mit Ausreden erklärt und lässt seine Familie immer häufiger alleine. Eines Abends, Brahim erzählt seinem Sohn noch einmal eine Gute-Nacht-Geschichte, scheint er seinen Abschied längst geplant zu haben. Denn am nächsten Morgen ist Samirs Vater verschwunden, spurlos. Er hinterlässt ein riesiges Loch, welches nie mehr gefüllt wurde. Samir wächst ohne seinen geliebten Vater auf. Nie hat er ihn vergessen, und rund 20 Jahre später, Samir ist mittlerweile zu einem stattlichen Mann herangewachsen, macht er sich auf in den Libanon, um das mysteriöse Verschwinden seines Vaters zu ergründen, nach Spuren und Antworten zu suchen, warum der wichtigste Mensch in seinem Leben ihn einfach verlassen hat.


"Ich glaube, alle Söhne lieben ihre Väter. Aber ich habe meinen verehrt. Weil er mich so oft teilhaben ließ an seinen beflügelten Gedanken. Weil er mich mitnahm in Wunderwelten, die er in seinem Kopf erschuf. Weil er mich berauschte mit seinen Worten. Es gab noch ein Versprechen, das er mir schon früh abnahm; nie meiner Mutter erzählen, wovon seine Geschichten handelten. >>Wenn sie herausbekommt, dass ich dir Geschichten von Männern erzähle, die sich bei Vollmond in Echsen verwandeln, kriege ich noch Ärger<<, hatte er augenzwinkernd gesagt. Natürlich nickte ich eifrig und versprach, unser Geheimnis zu bewahren."
(Aus: "Am Ende bleiben die Zedern", Pierre Jarawan, Berlin Verlag)


Bereits im ersten Teil der Geschichte geht Pierre Jarawan auf das besondere Verhältnis zwischen Samir und seinem Vater ein, der einfach der wichtigste Baustein in seinem Leben war. Ein Vater, zu dem man hinaufschauen kann, von lernen kann und der seine Familie über alles liebt. Aus mysteriösen, jedoch sich anbahnenden Gründen, verlässt dieser Mann, ohne persönliche Abschiedsworte zu hinterlassen, seine Familie für immer. Wohin hat es ihn verschlagen? Zurück in den Libanon? Jenem Land, welches er besungen hat, jenem Land, wovon er seinem Sohn Samir so wehmütig berichtet hat. Jedoch auch ein Land, geplagt von Krieg und einer ungewissen politischen Zukunft. Der junge Samir, hin und her gerissen, konnte auch über zwei Dekaden nach dem seltsamen Abschied seines Vaters dieses einschneidende Erlebnis nicht vergessen. Seine Reise in den Libanon macht ihm jedoch schnell klar, dass das Land, was einst sein Vater ihm beschrieben hat, nichts weiter als eine Bilderbuchbeschreibung war und er schnell die steinharte, sandige Realität kennen lernt.

Pierre Jarawan, Sohn eines libanesischen Vaters und einer deutschen Mutter, hegt einige Parallelen zu Samir aus dem Roman. Auch seine Familie ist vor dem Bürgerkrieg in der Heimat geflohen, auch sein Vater erzählte ihm phantasievolle Geschichten die ihn prägten. Diese Geschichten sollten ihn später einmal zu seinem Beruf inspirieren.

Ohne Kitsch und Schmalz, dafür aber mit einem gewandtem, sprachgewaltigem Stil fängt "Am Ende bleiben die Zedern" den Leser nahezu magisch ein. Besonders die phantasievollen Passagen um die Figur des Abu Youssef und seinem Dromedar Amir haben mir außerordentlich gut gefallen. Ähnliche Passagen, eine Geschichte in der Geschichte zu erzählen, hatten es mir in Haruki Murakamis 1Q84 bereits angetan, wo Protagonist Tengo über "Die Stadt der Katzen" berichtete. Ein ähnlicher Ort ist das Beirut, was sich Samirs Vater ausdachte. Ein Mix aus Realität und Phantasie. Ein Ort der Abenteuer und unbegrenzten Möglichkeiten. Ein Ort, in dem Dromedare auch mal sprechen können und sich in haarsträubende Abenteuer verwickeln.


Resümee

Mit überraschend wenig Politik kommt Pierre Jarawans Romandebüt "Am Ende bleiben die Zedern" aus. Dafür stehen Einzelschicksale im Mittelpunkt dieser Geschichte. Die Reise von Samir in ein Land, welches er nur aus den abenteuerlichen Gute-Nacht-Geschichten seines Vaters kannte, ist für mich ein beeindruckendes Stück deutsche Literatur. 
Wer lust auf eine großartig erzählte Geschichte hat, vermischt mit einem Hauch aktueller Zeitgeschichte und darüber hinaus noch mit einer Prise Phantasie garniert mit überraschend vielen Wendungen, bitte zugreifen. Pierre Jarawan hat bewiesen, dass er auch außerhalb der Bühne ein verdammt guter Erzähler ist.

Sonntag, 10. April 2016

Review: Crimson Peak



Trailer

Derzeit können keine Trailer präsentiert werden




USA/Kanada 2015

Crimson Peak
Regie: Guillermo del Toro
Darsteller: Mia Wasikowska, Jessica Chastain, Tom Hiddleston, Charlie Hunnam, Doug Jones
Lauflänge: Circa 119 Minuten
Genre: Drama, Romantik, Mystery
FSK: Frei ab 16



Guillermo des Toro gehört ganz ohne Frage zu den wandlungsfähigsten und technisch hochbegabten Regisseuren der Neuzeit. Del Toros Werk ist nicht gänzlich unumstritten. Neben vielen beeindruckenden visuellen Effekten werden Del Toros Geschichten meistens geprägt von langen, ausgiebigen Dialogen und ernsten Hintergründen. So waren viele Kinogänger, die Pans Labyrinth damals gesehen haben, ernüchtert, dass sie keinen Fantasyfilm sahen sondern ein Drama über den spanischen Bürgerkrieg mit Fantasy-Elementen. Del Toro ist außerdem bekannt dafür, seine Fantasy mit der Realität zu verschmelzen. Seine Handschrift ist unverkennbar, selbst bei komplett auf Entertainment ausgelegten Filmen wie Pacific Rim.

Während Pacific Rim damals mit viel Lärm und Getöse in die Kinos kam, so kam Guillermo del Toros neuster Streich, Crimson Peak, beinahe unbemerkt in die Kinos. Ich muss ehrlich gestehen, von der Existenz des Filmes habe ich bis vor wenigen Wochen noch gar nichts gewusst!
Crimson Peak ist zwar ein Original von Del Toro, allerdings war es nicht sein Wunschprojekt. "Die Berge des Wahnsinns", eine von Lovecrafts bekanntesten Geschichten, wollte Del Toro adaptieren. Ein Wunschprojekt von ihm, worauf sich Universal letztendlich (noch) nicht eingelassen hat. Stattdessen wurde es dann Crimson Peak. Del Toro hat unzählige Varianten des Scripts für den Film konzipiert und es tatsächlich noch geschafft, sich eine Version davon auszusuchen. Ob diese Wahl aber die beste war, nun, ich bezweifle es.

Was Genau ist Crimson Peak denn? Ein Historienfilm? Ein Romantikfilm? Ein Gruselfilm oder vielleicht sogar alles zusammen? Crimson Peak beinhaltet wirklich all diese Genre, keines davon meistert er jedoch annehmbar. Die Geschichte spielt zu Beginn des 20. Jahrhunderts. Die angehende Autorin Edith Cushing (gespielt von Mia Wasikowska und angelehnt ist der Name an Kult-Darsteller Peter Cushing) hat bereits früh ihre Mutter verloren. Vor 14 Jahren, als Ediths Mutter starb, erschien der kleinen Edith ihre Mutter als Geist. Der ruhelose Geist warnte das Mädchen vor einem Ort namens "Crimson Peak", kurz darauf verschwand die unheimliche Gestalt wieder. Rund 14 Jahre später ist Edith zu einer Frau herangewachsen und lebt gemeinsam mit ihrem wohlhabendem Vater im Anwesen der Familie. Der Bauunternehmer führt eine einflussreiche Firma und eines Tages stellt sich ein Mann aus England namens Thomas Sharpe (Tom Hiddleston) bei ihm vor, um Ediths Vater sein Projekt vorzustellen. Schnell wirft Edith ein Auge auf den seltsamen Mann und verliebt sich in ihn. Dies ist der Anbeginn einer düsteren Familiengeschichte und gleichzeitig die Geschichte von des Crimson Peak.

Die ersten 40 Minuten des Filmes gehen als Historienfilm und/oder Familiendrama durch. Wunderschön inszeniert und mit traumhaften Kulissen beweist Del Toro gemeinsam mit seinem Team einmal mehr, wieso er mittlerweile zu den meist gefragtesten Regisseuren gehört. Genau wie Pans Labyrinth, so dachte ich zumindest, baut die ruhige Geschichte auf eine umso interessantere Dramatik in der zweiten Hälfte auf. Genau wie bei Pans Labyrinth, was kein klassischer Fantasyfilm war, habe ich bei Crimson Peak auch keinen klassischen Gruselfilm erwartet. Und genau das ist der Film auch nicht. Vielmehr ist die zweite Hälfte des Filmes eine Detektivgeschichte. Alle klassischen Elemente sind vorhanden. Der Mord, eine undurchsichtige Familiengeschichte und einige Verdächtige. Jump Scares oder Schockeffekte wird man vergebens suchen, und der Grusel, den Del Toro hier anbietet, ist bestenfalls dazu geeignet, Grundschülern Angst einzujagen. Bereits hier wäre wesentlich mehr möglich gewesen. Ein riesiges, unheimliches Anwesen. Schaurige Gänge und feuchte Keller. Ein paar mal blitzt ein Anflug dieser unbehaglichen Stimmung auf, bevor das Geschehen recht schnell beendet wird.

Visuell gesehen ist Crimson Peak von einer besonderen Schönheit geprägt. Wie immer setzt Del Toro auf stimmige reale, handgemachte Sets mit spärlichem Einsatz von CGI. Crimson Peak schaltet circa fünf Gänge zurück im Vergleich zum sehr CGI überfüllten Pacific Rim (wobei, auch für Pacific Rim wurde eine menge echter Sets gebaut, den Fakt darf man nicht vergessen zu erwähnen). Prunkstück von Crimson Peak ist selbstverständlich das Anwesen der Sharpes. Leider musste das grandiose Set am Ende der Dreharbeiten gesprengt werden (sofern ich recht informiert bin). Der Gebrauch von CGI wurde hier sehr spärlich eingesetzt. Die Geister bestehen beispielsweise aus handgemachten Kostümen (wieder einmal steckt Doug Jones darunter), die jedoch ein wenig mit CGI Effekten aufgepeppt wurden. Dies fällt nicht negativ auf. Ich las häufig, wo manche Kritiker der Meinung waren, die Geister bestünden komplett aus CGI, was einfach nicht korrekt ist. Die Geister selbst tragen leider nur eine relativ unbedeutende Rolle, und somit ist auch ihre Screentime eher spärlich gehalten.

Schauspielerisch war ich ebenfalls überzeugt. Auch wenn man glatt meinen könnte, Mia Wasikowska erlebt hier ein neues Abenteuer im Wunderland (ist ja bald trotzdem wieder soweit). Jessica Chastain, über die ich in meinem Zero Dark Thirty Review noch so geflucht habe, spielt hier eine überzeugende Rolle (dunkle Haare stehen ihr überraschend gut), was nur ein weiteres Zugeständnis dafür ist, was für ein unsäglich schlechter Film Zero Dark Thirty doch war (das ist jedoch eine andere Geschichte). Besonders gut hat mir jedoch Tom "Loki" Hiddleston gefallen. Hiddleston war nur die zweite Wahl, für die Rolle sah Del Toro Benedict Cumberbatch vor, der hier genau so gut gepasst hätte aber aus zeitlichen Gründen abgesagt hat. Hiddleston hat jedoch das gewisse Etwas. Etwas charmantes und gleichzeitig schmieriges, etwas, was nicht zu durchschauen ist. Insgesamt eine sehr gelungene Darstellung von Tom Hiddleston.

Wir haben also ziemlich gute Effekte und eine beeindruckende Kulisse, eine Story mit Potential und überzeugende Darsteller. Was kann da also noch schiefgehen? In den Punkten wo Crimson Peak eine Augenweide ist, ist er erzählerisch so flach wie ein amerikanischer Pancake. Guillermo del Toro will so vielen Schriftstellern Tribut zollen, dass er vergessen hat, dass er eigentlich auch ein richtig guter Erzähler ist. An allem mangelt es Crimson Peak. Was noch vielversprechend beginnt, driftet ab in ein völlig vorhersehbares, dünnes Script ohne Überraschungen. Gute Geschichten müssen nicht immer komplex oder kompliziert verschachtelt sein. Es reicht Originalität und ein guter Showdown. Nichts davon findet man in Crimson Peak. Sowohl in The Devil's Backbone als auch in Pans Labyrinth hat Del Toro es geschafft, neben einer wahnsinnig guten Inszenierung eine anständige Geschichte zu präsentieren. Bei Crimson Peak hatte ich stets das Gefühl, er wärmt hier alte Geschichten auf und serviert uns dazu einige Klischees des Gothic-Horrors. All das ist insofern schade, da die Zutaten für einen spannenden Film alle vorhanden sind.


Fazit

Doyle, Shelly, Hoffman, Lovecraft und Poe. Meister der Literatur, Pioniere ihres Fachs. Sie werden namentlich in Crimson Peak genannt oder man erkennt schnell, welchem dieser Pioniere Guillermo del Toro gerade Tribut zollt. Bei all den großen Namen ist es relativ überraschend der Pionier Guillermo del Toro, dem hier kein Tribut gezollt wurde. Seine Handschrift ist zwar auch in Crimson Peak vorhanden, aber es fehlt einfach etwas. Die Ideenlosigkeit des Scripts ist es aber, die mir wirklich nach dem Abspann des Filmes zu schaffen machte. Alles läuft nach einem altbekannten Schema ab. Klischees und fehlende Höhepunkte prägten eine Geschichte, die durchaus potential hatte, auch über den Film hinaus noch nachhaltig zu wirken. Raum für Spekulationen und Theorien gibts so gut wie gar keine.

Was bleibt ist ein Fest für die Augen. All das spielt in der höchsten Liga. So wird man die einmalige Sichtung von Crimson Peak bestimmt nicht bereuen. Wer tatsächlich aber eine gute und spannende Geschichte erleben will, der sollte sich ein Buch der im Fazit genannten Damen und Herren zu Gemüte führen, denn die verstehen tatsächlich etwas von ihrem Handwerk.

Dienstag, 22. März 2016

Review: The World of Kanako



Trailer






Japan 2014

The World of Kanako
Originaltitel: Kawaki
Basierend auf einen Roman von Akio Fukamachi
Regie: Tetsuya Nakashima
Darsteller: Koji Yakusho, Nana Komatsu, Joe Odagiri, Jun Kunimura, Satoshi Tsumabuki
Lauflänge: 119 Minuten
Genre: Thriller, Mystery
FSK: 18 (Keine Jugendfreigabe)



Ich frage mich manchmal selbst: "Kann dich nach all den Filmen, die du gesehen hast, wirklich noch etwas schockieren? Gibt es da wirklich etwas, was du noch nicht gesehen hast?"
Der Fakt, dass ich solche Monologe mit mir führe, tendiert wohl eher dazu, dass ich zu viele Filme gesehen habe. Aber um meine Frage zu beantworten: "Ja". Mit Escape from Tomorrow ist ein solcher Fall sogar erst kürzlich eingetreten. Das ein japanischer Film mich auf mehreren Ebenen beeindrucken konnte liegt auch schon ein paar Jahre zurück. Genau genommen ist es schon beinahe 3 Jahre her als mich im Jahr 2013 Tetsuya Nakashimas Adaption zu Kokuhaku (Geständnisse) sehr beeindrucken konnte. Es scheint, als herrsche im HD-Zeitalter eine kleine Identitätskrise im japanischen Kino. Nur wenige Filme aus Japan hatten in vergangener Zeit eine nachhaltige Wirkung auf mich. Womit ich aber auch nun keine Debatte lostreten will, dass das japanische Kino bald einen Offenbarungseid abgeben muss, so dramatisch ist es dann wiederum nicht.

Rund 3 Jahre später ist es also wieder eine Adaption unter der Leitung von Tetsuya Nakashima. Nakashima war vor "Kokuhaku" auf gewissen Ebenen zwar bekannt, den späten Durchbruch brachte ihm jedoch "Kokuhaku", der auch international gefeiert wurde. Nakashimas kühler, nüchterner Stil kombiniert mit wunderschönen Bildern ergab ein verstörendes Gemälde, ein kleines Kunstwerk. Die ständigen Vergleiche zu Battle Royale konnte ich jedoch nie teilen, denn dafür war "Kokuhaku" viel zu eigenständig. Mit der Adaption zu Akio Fukamachi's Roman hat Nakashima seinen Stil mit "Kawaki" aka "The World of Kanako" endgültig auf die Spitze getrieben. Sowohl positiv als auch negativ hat sich Nakashimas, man kann ihn schon einzigartig nennen, Stil weiterentwickelt.

Ein kurzer Ausblick was die Geschichte angeht: Akikazu Fujishima (brillant verkörpert von Koji Yakusho) ist nach allen Regeln der Kunst gescheitert. Ein beinharter Cop, ein miserabler Ehemann und ein noch wesentlich miserablerer Vater. Als sich Akikazus Frau von ihm trennte war sein endgültiger Abstieg besiegelt. Er quittierte seinen Dienst, begann in mehreren Jobs ziellos zu jobben, ist abhängig von Alkohol und Tabletten. Akikazu kann seine cholerischen Wutanfälle nicht kontrollieren und will dies auch gar nicht. Er fristet ein Leben in Selbstmitleid und Bedeutungslosigkeit bis eines Tages seine Frau anruft und nach der gemeinsamen Tochter fragt, Kanako. Wo ist Kanako? Seit Tagen ist sie nicht aufgetaucht und Kiriko, Kanakos Mutter, hat eine Entdeckung in Kanakos Zimmer gemacht, die noch wesentlich beunruhigender ist: Drogen. Ihre gemeinsame Tochter scheint abhängig von Speed und diversen Pillen zu sein. Zeit für Ex-Cop Akikazu noch einmal jenen knallharten Cop zu spielen, der er einmal war. Mit der Suche nach Kanako beginnt für ihn der Abstieg in die Unterwelt der japanischen Gesellschaft.

Zum einen vereint "The World of Kanako" viele Elemente aus "Kokuhaku". Da ich aber schon erwähnt habe, der Film bringe alles noch einmal auf die Spitze, ist noch einmal ordentlich Zündstoff hinter diesen Elementen. Der Film legt von Minute 1 eine aggressive, unbehagliche und zynische Atmosphäre an den Tag. Der Zuschauer wird schonungslos in die tiefen eines Ozeans geworfen, wird hilflos zurückgelassen. "The World of Kanako" beginnt mit scheinbar wirr aneinander gereihten Szenen die den Eindruck machen, als befinde man sich auf einen furchtbaren Trip. Es gibt keine Erklärungen und der Einstieg in die Geschichte ist durchaus schwer und teilweise noch schwerer zu verdauen.

In Sachen grafischer Gewalt gepaart mit einer durchaus verstörenden Atmosphäre muss sich "The World of Kanako" vor keinem CAT III Film aus Hong Kong verstecken. Dass die FSK hier ihren Segen erteilt hat grenzt an ein Wunder. Nakashima greift erneut gesellschaftskritische Themen wie Mobbing, Einsamkeit und Isolation auf. Bekannte Themen aus der japanischen Filmwelt die hier aber nicht erzwungen oder deplatziert wirken. Alle Szenen dienen ihrem Zweck, fügen sich geschmeidig in den Film ein. Ein wenig fühlte ich mich, besonders bei den bunten, abgedrehten Szenen öfter mal an ein Werk von Gaspar Noe erinnert (ein bisschen "Irreversibel", ein bisschen "Enter the Void"). Nicht immer gefiel mir der hektische Schnitt und die Kameraführung jedoch. Ein wenig hat man es hier durchaus übertrieben. All die wirren Szenen sollen den Wahnsinn des Filmes noch einmal unterstreichen, ist aber hier und da eindeutig übers Ziel hinausgeschossen.


(Illustration: Tradd Moore für CBR)



Schauspielerisch hat "The World of Kanako" einiges zu bieten. Zum einen sieht man hier einen geradezu furchteinflößenden Koji Yakusho als völlig abgewrackten Ex-Cop. Eine Rolle, in der ich ihn so noch nicht zuvor gesehen habe. Ebenso begeistert bin ich von der jungen Nana Komatsu, die eine ebenso diabolische Darstellung als Töchterchen Kanako abliefert. Doch noch mehr bekannte Darsteller haben sich hier die Ehre gegeben. Auch Joe Odagiri wird man hier mal wieder in einer Rolle sehen, wie man ihn schon lang nicht mehr gesehen hat (vermutlich seit "Azumi" nicht mehr).

Für den passenden Soundtrack war unter anderem die großartige Yoko Kanno zuständig. Gepaart wurden die exklusiven Stücke mit altbekannten, amerikanischen Klassikern. Darunter ein ganz besonderer Oldie von Dean Martin, "Everybody Loves Somebody" (hach, so ein passender Track). Überraschend ist, wie wenig Songs in japanischer Sprache es auf den Soundtrack geschafft haben.

Obwohl ich immer noch ganz hypnotisiert von "The World of Kanako" bin, so gibt es schon Dinge, die nur unbefriedigend zum Ende aufgeklärt wurden. Besonders das Auftauchen von vielen Charakteren (die auftauchen und verschwinden als ob ein Magier dafür verantwortlich gewesen ist) verkompliziert die wirr gestrickte Geschichte noch mehr. Auch die für so einen Film brachiale Laufzeit von fast 2 Stunden dürften jedem Zuschauer schwer in den Knochen liegen. "The World of Kanako" übt ein regelrechtes Dauerfeuer auf die Psyche aus und nach dem Abspann muss man doch erst einmal auspusten bevor man Revue über das Gesehene passieren lassen kann. Eine etwas kompaktere Laufzeit von 100 Minuten hätten dem Film nicht schlecht getan. Das beinahe schon kontrovers offene Ende habe ich hingegen relativ positiv aufgenommen (weil ein Film einfach auch mal enden muss, und manchmal muss ein Film ohne einen eleganten Epilog enden).

Und irgendwie werde ich den Gedanken nicht los, Regisseur Nakashima hat sich hier seine eigene, kleine kranke Laura Palmer geschaffen. Der ein oder andere surreale Wink zur Filmkunst von David Lynch lässt sich ganz sicherlich nicht leugnen.






Fazit

"The World of Kanako" kann ganz schön Krach im Kopf machen. Ein schwer zu verdauender Film der selbst für hart gesottenen Filmfans noch einiges auf Lager hat. Nakashima liefert einen jener Filme ab, die Fans japanischer Filmkunst mittlerweile beinahe vergessen haben dürften. Teilweise wunderschön gefilmt, völlig abgedreht und brutal. In Japan löste der Film eine Kontroverse aus. Nachdem bereits Tohu ablehnte, den Film zu produzieren, gab es trotz all der Inhalte im Film noch ein bequemes R-15 Rating (was besonders vielen Eltern sauer aufgestoßen ist, da die meisten Figuren, die im Film vorkommen, minderjährig sind). Die eigentliche Kontroverse bestand darin, dass Jugendliche durch eine Promotion kostenlos ins Kino gelockt wurden. Regisseur Nakashima reagierte auch auf die Kritik was die Gewalt im Film angeht und entschuldigte sich, ist sich aber sicher, mit "The World of Kanako" bei den Zuschauern die richtige Wirkung zu erzielen.

Ein wenig stehen sich Nakashima und sein Team aber selbst im Wege. Der wirre Plot und die lange Laufzeit machen "The World of Kanako" nicht gerade zu einem leicht zugänglichem Werk. Überraschend für mich war jedoch, dass die lange Laufzeit kaum negativ aufgefallen ist. Dennoch wiegt dieser Film schwer wie Blei. Handwerklich gibts hier aber viel zu viel zu bewundern, als das die Kontrapunkte den Gesamteindruck zu sehr verderben könnten. Aufgrund der überaus harten Thematik dürfte die Zielgruppe für "The World of Kanako" wesentlich eingeschränkter sein als noch bei "Kokuhaku" (in Deutschland ab 16 freigegeben). Trotzdem dürfte für jeden Fan japanischer Filmkunst "The World of Kanako" ein Trip werden, den er so schnell nicht wieder vergessen dürfte.

Freitag, 18. März 2016

Rezension: Die Gefährten (R.A. Salvatore)







USA 2014

Die Gefährten: The Sundering 1
Originaltitel: The Companions: The Sundering 1
Autor: R.A. Salvatore
Veröffentlichung: 2014 bei Blanvalet
Übersetzung: Imke Brodersen, Dr. Andreas Eglseder (für ein Sonett auf Seite 51)
Genre: High Fantasy



"Er war kommen, um Selbstgespräche zu führen, aber auch um mit denen zu sprechen, die vor ihm gegangen waren, und mit den Göttern, die sie erwartet hatten. Er hatte das Bedürfnis, seine Entscheidung zu erklären, aber selbst als er sagte, aus welchem Grund er Iruladoon verlassen hatte, anstatt in den Teich zu steigen, um nach Zwergenheim zu gelangen, war ihm klar, wie schwach diese Worte Moradin gegenüber klingen mussten - besonders aber Clangeddin gegenüber, der auf einen glorreichen Tod Wert legte, und den hatte König Bruenor Heldenhammer zweifellos gehabt." 



Meine Besprechung zu R.A. Salvatores "Die Gefährten" (wir befinden uns hier in den Forgotten Realms, nicht in Mittelerde) war bereits im vergangenem Jahr geplant (genau genommen zum Ende des Jahres 2015). Ich wusste bereits im Vorfeld, dass es mir dieser Titel nicht leicht machen würde. Zum einen bin ich ein völliger Neuling was die Forgotten Realms angeht (zumindest als Printmedium), zum anderen waren "Die Gefährten" aus der neuen "The Sundering" Reihe meine erste Begegnung mit dem wohl bekanntesten Dunkelelf aller Zeiten, Drizzt Do'urden. Bereits vor einigen Jahren wollte ich in die Reihe mal einsteigen, die schiere Auswahl an Büchern und anderen Medien rund um das Thema Drizzt haben mich jedoch schnell wieder vom Vorhaben abgebracht. Ich dachte mir also, bei einem neuen Zyklus anzufangen könnte nicht verkehrt sein, wenn auch kein einfaches Unterfangen. Um die persönliche Geschichte kurz zu machen: Mehrere Monate hat es nun gedauert (selbstverständlich nicht durchgehend), mich in die kalte Fantasy-Welt von Drizzt dem Dunkelelf zu lesen. Und selbst nach so einer langen Zeit haben es die Gefährten mir nicht leicht gemacht, einen einwandfreien Zugang zu den Forgotten Realms zu finden. Doch genau dieser Aspekt machte meine Reise eher interessanter.

Ausnahmsweise werde ich mir hier mal große Zusammenfassungen des Inhaltes sparen. Ich würde weitaus mehr abschweifen als bei meinen sonstigen Zusammenfassungen. "Die Gefährten" ist ein Einzelband, der zu einem neuen Zyklus im Forgotten Realm Universum gehört. Dieser Zyklus hört auf den Titel "The Sundering". Robert Anthony Salvatore, kurz, R.A. Salvatore, ein Meister der modernen Fantasy und ein ebenso begnadeter Science-Fiction Autor, ließ es sich dabei nicht nehmen, seine Schöpfung noch einmal auf ein neues Abenteuer zu schicken. Die Rede ist von Drizzt Do'urden, der melancholische Dunkelelf, der in diesem Roman seinen alten, längst verstorbenen Gefährten nachtrauert und sich dennoch ein weiteres male gegen ein neues Übel rüstet.

Den einzigen Vorteil, den ich als Nichtkenner der vergangenen Drizzt Romane habe ist die Unwissenheit. Durch mein fehlendes Wissen wurde stets meine Neugier geweckt, mich über zahlreiche Begriffe, Orte und Charaktere zu informieren. Drizzt, der häufig wehmütig auf seine Vergangenheit zurückblickt, hat es mir dabei sogar sehr leicht gemacht, Motivation für diese Recherchen zuzusenden. Während ich im Prolog und auch in den nachfolgenden Kapiteln (die sich alle eher wie Fragmente gelesen haben, die nicht zueinander gehören) hoffnungslos verloren war, hat R.A. Salvatores rasanter Schreibstil jedoch dafür gesorgt, dass sich die Seiten schneller blätterten als ich grübeln konnte. Besonders die Kämpfe wurden im wahrsten Sinne des Wortes sehr elegant in Szene gesetzt, das Geräusch der Klingen dröhnte förmlich in meinen Ohren. Und irgendwann war es dann auch geschehen, dass ich der Handlung mal ganz professionell folgen konnte. Dies ist nicht unbedingt eine Selbstverständlichkeit wenn man sich in ein so gigantisches Fantasy-Universums wie die Forgotten Realms einlesen will. Und ganz sicher habe ich für dieses Unterfangen nicht den richtigen Roman ausgewählt. "Die Gefährten" können für den anfänglichen Frust jedoch nichts.


Resümee

Es ist schwer, "Die Gefährten" zu besprechen und ernsthaft zu bewerten, zu loben oder zu kritisieren. Meine Reise in die Forgotten Realms hat mir jedoch bewiesen, mit dem Thema Dungeons & Dragons noch nicht abgeschlossen zu haben. Mein erster Ausflug soll sicherlich nicht der letzte gewesen sein. Selten habe ich in einem Fantasy-Roman eine so stark ausgearbeitete Figur wie Drizzt kennengelernt. Er hat es mir ein wenig erleichtert, mich in dieser fremden Welt etwas besser zurechtzufinden. Mittlerweile kann ich die Faszination, die von diesem Charakter ausgeht, durchaus teilen.
Was sich R.A. Salvatore hier aufgebaut hat, ist eine beeindruckende Geschichte. Von der Komplexität mal abgesehen, habe ich es nicht bereut, den ersten Schritt zu wagen und in diese eisige Welt einzutauchen. Ich kann jedoch allen Neulingen nur raten, fangt lieber doch ganz am Anfang an, denn bekanntlich beginnen dort die besten Geschichten.

Mittwoch, 9. März 2016

Review: Escape from Tomorrow




Trailer





USA 2013

Escape from Tomorrow
Drehbuch und Regie: Randy Moore
Darsteller: Roy Abramsohn, Elena Schuber, Katelynn Rodriguez, Jack Dalton, Alison-Lees Taylor
Lauflänge: 90 Minuten
Genre: Indie-Horror, Satire
FSK: Frei ab 16



Zurück aus dem Winterschlaf und ich melde mich zurück mit einer Geschichte, über die ich am 13. September 2013 (es war ein Freitag) bereits einmal berichtete. Da habe ich über einen Film geschrieben, den es eigentlich gar nicht geben dürfte. Die Rede war damals wie heute von "Escape from Tomorrow", Randy Moores Indie-Horrorfilm der am glücklichsten Ort der Welt spielt: Disney World. Gefeiert auf dem Sidges Filmfestival, war aufgrund der angespannten Rechtslage nie so ganz klar, ob Escape from Tomorrow jemals von einem größeren Publikum bestaunt werden darf. Disney selbst ließ den Film jeodch, relativ überraschend, zufrieden, natürlich nicht aus Wohlwollen. Indirekte Werbung für das Walt Disney World Resort wird eine Sache gewesen sein, dem Film jedoch keinerlei Bühne zu geben, zum Gesprächsthema zu werden, vermutlich die entscheidende. Obwohl der Film mit Guerilla-Methoden in Disney World gefilmt, beinahe improvisiert gefilmt wurde, hätte Disney Moore und seine Crew rechtlich belangen können. Für das kleine Independent Projekt wäre dies gleichzeitig das Todesurteil gewesen. Disney forderte nichts, Disney schrieb keine Abmahnungen, Disney ignorierte den Film, jedoch gleichzeitig anzumerken, von der Existenz des Filmes zu wissen. Somit war der Weg frei für Randy Moores ungewöhnlichem Projekt.




Die Geschichte handelt von Familienvater Jim der gemeinsam mit seiner Frau und seinen beiden Kindern den letzten Tag eines gemeinsamen Wochenendes in Disney World verbringt. Der Morgen fängt für Jim bereits schlecht an. In einem Telefongespräch wird ihm mitgeteilt, dass sein Arbeitgeber ihn gefeuert hat. Der Familie will er an diesem letzten Tag im gemeinsamen Urlaub nichts mitteilen. Eine ungewisse Zukunft erwartet Jim, doch will er sich nicht mit den Sorgen des morgigen Tages befassen. Auf den Weg in den Park fangen die seltsamen Ereignisse an, ihren Lauf zu nehmen. Immer wieder kreuzen sich die Wege von Jim und zwei minderjährigen Französinnen, die in Jim euphorische Gefühle auslösen. Im Park selbst scheint Jims Psyche seinen Tribut zu zollen. Fernab von dem alltäglichem Leben, wird Jim von einer regelrechten Reizüberflutung übermannt und in den Fahrgeschäften von abscheulichen Halluzinationen heimgesucht. Die Grenzen zwischen Realität und Traum verschwimmen und Jim driftet in eine surreale Welt ab, die sogar seine Familie in Gefahr bringt.

Escape from Tomorrow ist komplett in Schwarzweiß gehalten. Der trostlose Filter trägt zur bedrückenden Stimmung bei. Besonders beeindruckend in Szene gesetzt ist der Verfall von Jim's Psyche. Es beginnt schleichend, nimmt aber immer abstrusere Ausmaße an. Die von mir erwähnte Reizüberflutung ist bei Disney-Filmen zum Beispiel nichts ungewöhnliches. Es kommt natürlich drauf an, wie empfänglich man für solche Emotionen ist. Diese Emotionen werden durch den Aufenthalt in einem solchen Freizeitpark (meistens noch gekoppelt mit Nostalgie) nur noch mehr beansprucht. Jim, aufgewühlt durch seine Kündigung, genervt von seiner prüden Frau und dem Alkohol gegenüber nicht ablehnend, bricht eine Sicherung heraus die ihn schlussendlich aus seiner eigenen Realität reißt und diese mit seltsamen Halluzinationen vermischt. Mit bescheidenden, limitierten Mitteln schafft Randy Morre es beeindruckend, seine surreale Szenerie umzusetzen. Kostspielige Sets hätte der Film auch gar nicht gebraucht, den er spielt bereits in einem furchtbar kostspieligen Set. Dies hat Moore vermutlich nicht mehr als eine handvoll Tagestickets für Disney World gekostet.

Ich hatte damals die Befürchtung, der Film hat vielleicht bereits im Trailer einen Großteil seines Pulvers verschossen. Bei meiner gestrigen, ersten Sichtung (seit dem Heimkino-Release 2015 geplant) war ich jedoch angetan, wie immer wieder neue, völlig wirre Ideen den Film bereicherten. Unverbraucht, provokant und fernab sämtlichen konventionellen Stilen hat Escape from Tomorrow einen bleibenden Eindruck bei mir hinterlassen. Man muss aber auch ganz klar sagen, es ist die zeitlose Disney-Magie, die diesem Film seine Einzigartigkeit verleiht. Escape from Tomorrow ist eine Mischung aus psychologischem Horror und Satire. Rein vom Ablauf her erlebt Jim einen klassischen Disney-Film. Alte Disney Trivias und Klischees wie Pädophilie und psychedelische Drogen dürfen dabei nicht fehlen. Der Horror, den Jim durchlebt, wird trotz der bedrückenden Stimmung stets durch einen sehr schwarzen Humor aufgelockert. Begleitet von einem ebenso stimmigen Soundtrack fällt dem Zuschauer nur selten auf, dass die Darsteller unerlaubt im Park einen Film gedreht haben. Das Disney-Setting und Moores Idee passen ziemlich gut zusammen.





Fazit

Escape from Tomorrow ist ein einzigartiger Film gemacht für eine relativ spezielle Zielgruppe. Ohne Frage ist Randy Moores Projekt angeeckt und dürfte bei nicht wenigen Zuschauern auf die eine andere runzelnde Stirn oder ein fragwürdiges Gesicht gestoßen sein (oder gar schlimmeres). Aber egal was man seinem Film auch vorwerfen mag, so wird man am Ende immer zu der Auffassung kommen, etwas gesehen zu haben, was man vorher noch nicht gesehen hat. Es ist beinahe schon unheimlich zu sehen, wie gut sich ein so surrealer Albtraum mit klassischen Disney-Elementen vermischt und sogar in den Disney-Kanon passen würde (vermutlich ein Grund, wieso Escape from Tomorrow in der offiziellen Enzyklopädie-Disney sogar erwähnt wird). Escape from Tomorrow wird seinen Platz als Kultfilm trotz einiger Kontroversen in den kommenden Jahren vermutlich einnehmen. Ein bisschen zu unbeachtet, aber genau richtig um diesen Horrortrip durch den fröhlichsten Ort unserer Welt einen echten Geheimtipp nennen zu dürfen.