Archiv: Rezensionen zu Literatur und Film

Sonntag, 14. Juni 2015

In Gedenken an Sir Christopher Lee (1922-2015)



Sir Christopher Lee hat vermutlich nicht ganz das Alter erreicht, welches der ikonische, von Sauron besessene Zauberer in der Herr der Ringe innehatte, aber beinahe ein komplettes irdisches Jahrhundert ist selbst in der Menschenwelt eine Seltenheit. Bereits letzte Woche Sonntag verstarb Christopher Lee im Alter von 93 Jahren im Kreise seiner Familie in London. Im laufe seiner Karriere kämpfte er als Dracula gegen seine Widersacher, versuchte James Bond auszuschalten, kämpfte mit einer Armee von Orks in der Schlacht um Helms klamm oder aber als abtrünniger Jedi-Ritter gegen ehemals verbündete. Seinen letzten Kampf gegen das Alter, den konnte Christopher Lee, wie so viele andere vor ihm, nicht gewinnen. Der zum Ritter geschlagene britische Schauspieler hinterlässt ein Erbe an unvergesslichen Filmen, eine Ehefrau mit der er über 50 Jahre verheiratet war und eine Tochter.
Ein großer Darsteller hat die Bühne verlassen, an sein Schaffen werden sich aber noch viele Generationen erfreuen.

Dienstag, 2. Juni 2015

Haruki Murakami wird auf die Spiegel-Bestsellerliste geweht

(Foto: Hörbuch Hamburg. Printausgabe als Sammlung beim Dumont Verlag erhältlich)


Seit dem 20. Mai sind Haruki Murakamis beinahe verschollene Erstwerke auch in deutscher Übersetzung (Übersetzung von Ursula Gräfe) beim DuMont Verlag Köln erhältlich. Viele Jahrzehnte hat der japanische Bestseller-Autor sich geweigert, seine beiden Erstwerke neu auflegen zu lassen. Tatsächlich existiert aber für die Kodansha English-Library eine englische Übersetzung von Alfred Birnbaum.

Umso erfreulicher ist es, dass nach Jahren des Schweigens Murakami sich endlich erbarmt hat, diese beiden Geschichten freizugeben. Denn "Wenn der Wind Singt", "Pinball 1973" und "Wilde Schafsjagd" ergeben zusammen die "Trilogie der Ratte". Theoretisch gehört auch noch noch "Tanz mit dem Schafsmann" dazu, da die Geschichte rund um "Ratte" aber bereits in Wilde Schafsjagd endet, gehörte der finale Akt nicht mehr zu dieser Reihe.

Spiegel-Online berichtete gestern in einem separaten Artikel über die neue Veröffentlichung von DuMont: Haruki Murakami auf der Spiegel-Bestsellerliste: Besser als Bier schmeckt nur die Liebe

Gleichzeitig wurde dort auch vermeldet, der Doppelband hat es auf Platz 9 der Spiegel-Bestsellerliste geschafft. Nach "1Q84", "Die Pilgerjahre des farblosen Herrn Tazaki" und "Von Männern, die keine Frauen haben" scheint Haruki Murakami sich auch in Deutschland zum Dauergast in den deutschen Bestsellerlisten zu etablieren. Für die japanische Literatur ist dies mal wieder ein Gewinn, da sich neue Veröffentlichungen in Deutschland sehr zurückhalten, und dieser Begriff schmeichelt der aktuellen Situation eigentlich noch.

Auch wenn ich mich bereits auf die deutsche Ausgabe freue, so habe ich die englische Ausgabe von Kodansha zu "Wenn der Wind singt" bereits 2011 gelesen und für ziemlich gelungen befunden. Die Besprechung gibt es ebenfalls auf "Am Meer ist es wärmer""Hear the Wind Sing": Rezension

Die Liebe mag vielleicht schöner als Bier sein, aber bei den kommenden Temperaturen zum Wochenende und Murakamis Erfolg auf der Spiegel-Bestsellerliste, da darf man sich schon einmal ein kühles Bier genehmigen. Cheers ;)


Montag, 1. Juni 2015

Aufziehvogel's Wühlkiste: Gyo



Trailer




Japan 2012

Gyo
Originalvorlage: Junji Ito
Regie: Takayuki Hirao
Studio: Aniplex, ufotable
Sprecher: Mirai Kataoka u.m.
Produzent: Atsuhiro Iwakami
Deutscher Verleih: I-ON NEW Media (Animaze)
Laufzeit: 67 Minuten
Genre: Horror, Science-Fiction
FSK: 16



Zwischen 2002-2007 produzierte BBC einmal eine interessante Dokureihe namens "Japanorama". Moderator Jonathan Ross gewann viele namhafte Akteure aus Japans Popkultur für die Reihe. Darunter befand sich auch Japans Horror-Meister Junji Ito. Ross fragte Ito, ob er sich auch eine Adaption zu seinem Manga "Gyo" vorstellen könnte. Ito schmunzelte und war der Idee durchaus nicht abgeneigt, bezweifelte jedoch, ein Film könne seine Vision wohl nicht wirklich umsetzen. Einen Manga von Juni Ito als Anime umzusetzen ist selbst bis heute kaum möglich, einfach weil der Zeichenstil zu einzigartig ist und es für jedes größere Studio ein kommerzielles Risiko wäre, diesen Stil zu adaptieren. Itos Manga "Tomie" wurde in Japan relativ solide Ende der 90er als Spielfilm umgesetzt, eine menge Fortsetzungen ließen nicht lange auf sich warten. Allerdings war es Itos Manga "Uzumaki" der dann auch kommerziell erfolgreich von Regisseur Higuchinsky im Jahre 2000 umgesetzt wurde. Dies dürfte daran gelegen haben, dass Higuchinsky einen genau so eigenwilligen Stil hat wie Ito und er es verstand, mit dem Material, welches ihm zur Verfügung stand, umzugehen.
In den vergangenen Jahren hat sich Japans-Horror Meister allerdings rar gemacht. Er zeichnet, wenn er lust hat. Das wichtigste für ihn ist, wenn Ito selbst an seinem Werk Spaß hat. Für ihn kommt dieser Aspekt an die erste Stelle. Und damit ist er all die Jahre gut gefahren, denn der Japaner hat bei seinen Lesern unlängst Kultstatus eingenommen.




2012 war es dann so weit. Was aus Kostengründen vermutlich schwer als Live-Action Adaption umzusetzen gewesen wäre, ist in der Welt der Anime-Produktionen möglich. Die erste Anime-Adaption eines Ito Manga wurde als lang ersehnte rund 67 minütige OVA (Original Video Animation) umgesetzt.
An Board hatte man namhafte Leute wie Regisseur Takayuki Hirano der bereits an Serien wie Death Note und Bokurano mitgearbeitet hat. Auch Madoka-Produzent Atsuhiro Iwakami (mit dem ich mich sogar schon einmal Live hab ablichten lassen *memories*) war mit von der Partie. Versprochen wurde eine packende OVA mit gelungenen 3D-Effekten. Das Endergebnis ist leider das komplette Gegenteil! Die OVA kann man eigentlich schon als Misshandlung gegenüber Itos bizarrem Weltuntergangs-Manga bezeichnen. Kaum ein anderer Manga macht von der Schwarzweiß Gestaltung mehr Gebrauch als Gyo. Die nicht vorhandene Farbe und die nostalgischen Zeichnungen erwecken den Anschein, man habe es hier mit einem alten Horrorfilm aus den 60ern zu tun. Hinzu kommt ein einzigartiger skurriler wie detailreicher Zeichenstil, an den nicht einmal mehr Altmeister und Itos großes Vorbild Kazuo Umezu heranreicht.
All das hätte auch die Anime-Adaption zu Gyo werden können. Allerdings hat man nicht nur beschlossen, den einzigartigen Stil des Manga über Board zu werfen, sondern aus der grandiosen Vorlage eine moderne Neuinterpretation zu machen. Und was ist das schlimmste an Gyo? Dieser Schund wird vermutlich nicht einmal Leuten gefallen, die den Manga nicht kennen.

Schon zu Beginn des Filmes lassen die Animationen und Character-Designs auf nichts gutes schließen. Die Gruppe an Mädels und die hohlen Dialoge machen den Anschein, als würde man den Beginn eines billigen Hentai schauen anstelle einer ernsthaften Adaption eines bekannten Manga. Hinzukommen unglaublich schlechte 3D-CGI Effekte, die die OVA noch einmal billiger aussehen lassen als sie es vermutlich war.
Und mit meiner anfänglichen Hentai-Vermutung lag ich gar nicht so falsch. Damit die OVA auch ein wenig zeitgemäß ist, hat man eine menge Fanservice eingebaut. Es gibt nackte Haut zu sehen und einen Softcore-Dreier im Ferienhaus gibts gratis dazu. Die trashigen Dialoge verleihen Gyo ein unfreiwilliges Soap-Opera Szenario. Statt sich auf den Horror und die bevorstehende Apokalypse zu fixieren, wurden unwichtige neue Charaktere und ihre Teenager-Probleme eingeführt, die (glücklicherweise) allesamt schnell als Fischfutter enden. Eine weitere Änderung: Die Protagonisten wurden getauscht. Statt Tadashi, der versucht, seine spleenige und etwas nervige Freundin Kaori zu beschützen, hat man nun Kaori zu einer selbstbewussten Protagonistin gemacht, die (in dieser Version) auf der Suche nach ihrem Verlobten Tadashi ist, der, ohne das die selbstbewusste Kaori es weiß, einmal mit ihrer Freundin Eri gepimpert hat. Und wo ich doch schon bei zeitgemäß bin: Ohne Smartphones, Laptops und Tablets geht in dieser OVA anscheinend gar nichts.




Gegen Ende versuchte man anschließend noch, so viel von dem zweibändigen Manga in den Film zu quetschen, wie es die kurze Laufzeit nur zuließ. Entstanden ist dadurch ein zusammenhangsloses Wirrwarr (bestes Beispiel dürfte wohl der Zirkus sein), welches eher dazu einlädt, den Film nun zu beenden und schnell wieder zu vergessen. Itos Alptraumhafte Bilder verkommen in der Adaption zu einem albernen Klamauk. Man könnte beinahe meinen, keiner der Verantwortlichen hat die Vorlage überhaupt aufrichtig gelesen.



Resümee

Gyo ist ein unvorstellbar schlechtes Machwerk der Animekunst. Es ist möglich, eine Adaption zu verhauen, sie aber zu misshandeln ist eher unüblich. Der Film ist nicht nur eine Provokation gegenüber allen Lesern, die begeistert von dem Manga waren. Gyo ist auch eine Beleidigung für alle neutralen Augen. Hier wurde von allen Verantwortlichen anscheinend eine menge falsche Entscheidungen getroffen. Die OVA zu Gyo ist somit der beste Beweis, wie man einen Manga von Junji Ito nicht umsetzen sollte darf. Nachdem ich in letzter Zeit viele fantastische Serien wie Death Parade, Parasyte und Ore Monogatari geschaut habe (letzt genannte läuft ja aktuell noch), habe ich mich die ganze Zeit gefragt, wann ich mal wieder auf den ersten Rohrkrepierer stoße. Und der Rohrkrepierer ist dabei noch viel mehr Lob als Kritik. Die Gyo OVA stinkt. Sie stinkt vermutlich so sehr wie der Geruch, der von den Protagonisten im Film ständig beschrieben wird. Und da ich ja versuche, ständig auch einen positiven Aspekt zu finden, hat Gyo zumindest etwas erreicht.

Wer den wahren Horror gerne kennen lernen möchte, der sollte sich diesen Alptraum nicht entgehen lassen und den Manga von Junji Ito lesen. Leider ist das Werk in Deutschland (bis jetzt) nie erschienen. Seit Mai ist vom US-Verlag VIZ Media jedoch eine vollständige Hardcover-Ausgabe mit Extras erschienen, die für unter 20 Euro auf Amazon.de erworben werden kann. Wenn es hilft, diesen hier besprochenen Unfug zu vergessen, kann ich nicht genug auf die Originalvorlage aufmerksam machen.


Auf Clipfish kann der Film derzeit kostenlos und legal im Stream angesehen werden: Gyo bei Clipfish


Dienstag, 26. Mai 2015

Rezension: Death Parade



Trailer (Verfügbar leider nur in japanischer Sprache ohne Untertitel)




Japan 2015

Death Parade
Originaltitel: デス・パレード
Konzept und Regie: Yuzuru Tachikawa
Studio: Madhouse
Sprecher: Tomoaki Maeno, Asami Seto, Rumi Ookubo, Yoshimasa Hosoya, Kazuya Nakai, Mamoru Miyama
Opening Song: [Flyers] von BRADIO
Ending Song: [Last Theater] von NoisyCell
Episoden: 12
Genre: Anime, Mystery
FSK: Ungeprüft


In der Anime-Branche hat sich etwas verändert. Oder habe ich mich verändert? Diese Frage habe ich mir gestellt, bevor ich Death Parade gesehen habe. Ich bin mir nun ganz sicher, nicht ich bin es, der sich verändert hat, es ist eindeutig die Branche, die einen Umbruch erlebt hat. Fanservice und Ecchi gibt es in der Welt von Manga und Anime seit gefühlten Urzeiten und sind in Maßen durchaus stimmig oder gar geschickt in die Geschichte eingebunden.
Doch ein Aufziehvogel ist überfordert wenn ihm Begriffe wie MoeHarem oder Reverse Harem um die Ohren fliegen. Und manche Serien mehr Damenunterwäsche als Inhalt bieten, muss ich mich unweigerlich fragen, ob der aktuelle Anime-Trend überhaupt noch etwas für mich ist. Beispielsweise hat Highschool of the Dead (sowohl Manga als auch Anime) viel Potential zu einer gelungenen Zombie-Serie, welches durch übermäßigen Gebrauch von Fanservice am laufenden Bande jedoch verschwendet wird. Serien wie Lynn Okamotos "Brynhildr in the Darkness (Gokukoku no Brynhildr)" haben aber bewiesen, auch gut gewählte Ecchi/Harem Elemente können durchaus unterhaltsam umgesetzt werden. Und trotzdem gibt es auch Serien, die sich aktuell dem Trend widersetzen. Sowohl Attack on Titan, Tokyo Ghoul sowie auch Parasyte tendieren alle durchaus zu einer ernsten und düsteren Seite. Und genau in diese Kerbe schlägt auch Death Parade.




Auch wenn das genial stimmungsvolle Disco-Opening [Flyers] der japanischen Band BRadio vermuten lässt, hier handle es sich um eine genau so freudige und entspannte Serie, der wird auf eine falsche Fährte geführt. Denn wenn Death Parade erst einmal richtig los legt (und das wird  bereits schonungslos in Episode 1 demonstriert), werden die Zuschauer in die tiefsten Abgründe der menschlichen Seele entführt. Das Konzept hinter Death Parade ist durchaus einfach zu verstehen. Zwei Menschen (ob verwandt, verheiratet oder völlig fremd) werden per Aufzug in die Bar Quindecim befördert. Sie erinnern sich nur an Bruchstücke aus ihrer Vergangenheit und haben keine Ahnung davon, wie sie in diese Bar gelangt sind. Lediglich der schweigsame Barkeeper Decim begrüßt das gerade eingetroffene Paar. Nach einem kleinen Drink bittet Decim die beiden, an einem Spiel teilzunehmen. Weigern sie sich, würde dies weitreichende Folgen für sie haben. Eingeschüchtert aufgrund der ungewissen Konsequenzen, die ihnen blühen, lassen sich die Teilnehmer auf das Spiel ein. Während des jeweiligen Spiels (von Darts bis Bowling ist alles dabei, allerdings alle versehen mit einem interessanten Twist) gelangen sie immer ein wenig mehr von den Erinnerungen zurück, die sie anscheinend verloren haben. Und am Ende ist es Decim der entscheiden muss, was mit dem Gewinner und dem Verlierer passiert.

Das Konzept basiert auf einen Kurzfilm von Regisseur Yuzuru Tachikawa. Jener Kurzfilm "Death Billiards" hat mit knapp 24 Minuten Laufzeit die gleiche Lauflänge einer gewöhnlichen Anime-Episode und gehörte zum Young Animator Training Project in der Ausgabe 2013. Eingereicht wurde das ungewöhnliche Projekt von dem Kultstudio Madhouse (u.a. Death Note) welches auch später die komplette Serie produzierte. Chronologisch kann man den Kurzfilm "Death Billiards" am besten innerhalb der ersten 5 Episoden unterbringen.
Bis auf eine Ausnahme ist die Handlung jeder Episode bereits in den genannten 24 Minuten abgeschlossen. Dennoch geht die Serie tatsächlich auch noch einer Haupthandlung nach. Somit wechseln sich die Episoden ab zwischen den Spielen, wo zwei Protagonisten gegeneinander antreten müssen um ihre schmerzhaften Erinnerungen zurückzuerlangen und den Ereignissen rund um die geheimnisvolle Frau (Kurokami no onna) und den Mitarbeitern des Quindecim. Gekrönt wird das meist melancholische sowie traurige Ende einer jeden Episode durch den Song [Last Theater] der japanischen Band Noisy Cell, die hier mit einem überraschend solidem Englisch überzeugen können (was für japanische Künstler alles andere als eine Selbstverständlichkeit ist). Beinahe jede Episode beschäftigte mich auch nach dem Abspann noch für einige Zeit. Das perfekte Zusammenspiel der einmal mehr außergewöhnlich guten japanischen Synchronsprecher, die flüssigen, detailreichen Animationen von Madhouse und grandioser Musik machen Death Parade zu einem Highlight auf mehreren Ebenen.

Bis zum sehr emotionalem Finale ist jede einzelne Episode bestens ausgearbeitet. Ganz besonders Barkeeper Decim macht in den 12 Episoden eine unglaubliche Entwicklung durch. Die Haupthandlung rund um Kurokami no onna (ihren wahren Namen erfährt man zum Ende hin) wird zufriedenstellend abgeschlossen. Diese Tatsache hat man unter anderem der fehlenden Vorlage zu verdanken. Death Parade basiert weder auf einem Manga noch einer Light-Novel. Es ist immer wieder ein prägnanter Regiestil von Yuzuru Tachikawa zu erkennen, der hoffentlich schon bald die Chance für ein komplett neues Projekt erhalten wird. Ebenfalls noch erwähnenswert: Für das Ending, was meistens am Ende jeder Episode eingespielt wird sofern die Story nicht dort in Bildern noch ein wenig fortgeführt wird, stammt von Cowboy Bebop, Samurai Champloo und Zankyou no Terror Mastermind Shinichiro Watanabe (dieses Jahr auf der kommenden AnimagiC in Bonn als Ehrengast vertreten).





Resümee

Mit Death Parade hat Madhouse (zusammen mit Parasyte) einen weiteren hochwertigen Vertreter der modernen Anime-Kunst ins Rennen geschickt. Und das originelle Konzept darf gerne zum nachmachen anstiften. Erst vor wenigen Tagen hat Evangelion Schöpfer Hideaki Anno erneut die Stagnation in der Anime-Industrie kritisiert. Annos Kommentar liest sich etwas dramatischer als er es eigentlich meinte, unrecht hat er jedoch nicht. Durch die ganzen halbgaren Manga und Light Novel Verwurstungen konnten sich nur wenige Anime in der vergangenen Zeit als wirklich komplett oder gelungen bezeichnen (weil die meisten Werke, auf die sie basieren, noch längst nicht fertiggestellt sind).
In nur 12 Episoden schafft es Death Parade hingegen den Zuschauer mit starken Emotionen und einem kompletten Ende zu entlassen. Eine Serie, die förmlich danach fleht, nicht fortgesetzt zu werden (auch wenn ich eine abschließende OVA sogar noch begrüßen würde).

In Deutschland exisitert noch keine Lizenzierung zu Death Parade. Legal und kostenlos via Vide-on-Demand kann man Death Parade aktuell über Funimations Streaming-Plattform schauen. Allerdings ist dies nur möglich, wenn man über eine amerikanische IP-Adresse verfügt. Aber dafür ist mein Blog letztendlich nicht zuständig ;)

Donnerstag, 7. Mai 2015

Rezension: Die Legende der Prinzessin Kaguya

(Poster: Universum)


Trailer




Japan 2013

Die Legende der Prinzessin Kaguya
Originaltitel: Kaguya-hime no Monogatari
Vorlage: Taketori Monogatari
Idee und Regie: Isao Takahata
Musik: Joe Hisaishi
Sprecher (Japanische Besetzung): Aki Asakura, Kengo Kora, Takeo Chii, Nobuko Miyamoto
Sprecher (Deutsche Besetzung): Sarah Alles, Nico Sablik, Denise Gorzelanny, Uli Krohm, Kornelia Boje, Gerrit Schmidt-Foss
Lauflänge: Circa 137 Minuten
Genre: Anime, Fantasy, Märchen
FSK: Ohne Altersbeschränkung


Hayao Miyazaki und Isao Takahata. Zwei Legenden. Zwei alte Männer. Zwei alte Männer, die jeweils auf ihre weise über das Thema "Abschied" einen Film gemacht haben. Und ein bisschen kommt es mir so vor, als hätten die beiden die Rollen vertauscht. Miyazakis "Wie der Wind sich hebt" könnte vom Stil her eher ein Werk von Takahata sein, während Takahatas "Die Legende der Prinzessin Kaguya" aufgrund seiner bezaubernden, verspielten Bilder eher ein waschechtes Miyazaki Werk sein könnte. Bereits nach wenigen Sekunden wird aber dann klar, "Die Legende der Prinzessin Kaguya" ist ein waschechter Film von Isao Takahata. Denn Takahata ist mindestens ein genau so talentierter Magier wie Hayao Miyazaki, schaut man sich "Pom Poko" mal genauer an.

Die Zukunft des Studio Ghibli scheint auch weiterhin ungewiss zu sein. Hayao Miyazaki kündigte unlängst seinen Rücktritt an (wieder einmal, doch diesmal, so scheint es, endgültig) und es ist relativ unwahrscheinlich, dass der mittlerweile 79 jährige Takahata noch einmal einen so groß angelegten Film kreieren wird. Ganze 8 Jahre verschlang Kaguya an Zeit, die der Film bis zu seiner Fertigstellung benötigte. Und billig war der Film aufgrund der aufwendigen Zeichnungen und vielen Verschiebungen auch nicht. "Die Legende der Prinzessin Kaguya" hat dem Studio Ghibli viel Geld gekostet. Die Produktionskosten wurden aber diesmal aufgeteilt, somit ist das Studio Ghibli nicht der alleinige Geldgeber und Takahata agierte hier wesentlich unabhängiger von Ghibli als sonst. Und dennoch prangert das Ghibli-Logo über Prinzessin Kaguya. Die genaue Aufteilung der Rechte dürfte hier aber zweitrangig sein. Die Leute wollen ein Ghibli Komplettpaket, und genau dieses bekommen sie in diesem wunderschönen Film auch geboten.


(Copyright: Studio Ghibli)


Die Frage, die ich mir stellen musste: Kann Isao Takahata noch ein letztes Kunststück aus seinem Hut zaubern? Takahata bestritt als Gründungsmitglied des Studio Ghibli einen eher ungewohnten Weg. Er ist Filmemacher und Drehbuchschreiber, aber kein Animator. So unglaublich es klingen mag, laut eigenen Aussagen bekommt Isao Takahata keine einzige Figur auf ein Blatt Papier gezeichnet (seine Storyboards bestätigen aber, in diesem Punkt war er nicht ganz ehrlich). Mit Werken wie "Die letzten Glühwürmchen", "Only Yesterday", "Pom Poko" und "Meine Nachbarn die Yamadas" hat mich Takahata verzaubert und gleichzeitig in endlose Melancholie und Traurigkeit entlassen. Sein Stil unterscheidet sich drastisch von Miyazakis. In Takahatas Filmen sucht man meistens vergeblich nach einem glücklichen Ende für seine Protagonisten. Stilistisch gibt es da auch bei Prinzessin Kaguya keinen Bruch. Sowohl vom Zeichenstil als auch von der Erzählweise setzt Takahata hier noch einmal neue Maßstäbe in einer Gattung, die stark vom Aussterben bedroht ist. Die Zeit für handgemachte Animationsfilme scheint endgültig vorüber zu sein, Miyazaki selbst resignierte in einem Interview, welches er vor nicht all zu langer Zeit führte. "Die Legende der Prinzessin Kaguya" könnte mit seinem aufwendigem Stil, der an das Rotoskopie-Verfahren erinnert, einer der letzten seiner Zunft sein.

Die Geschichte rund um die mysteriöse Prinzessin Kaguya, die eigentlich ein ganz normales Mädchen ist und ein bürgerliches Leben führen will, basiert auf einer alten japanischen Volkssage. "Die Geschichte vom Bambussammler (Taketori Monogatari)" stand Pate für Takahatas Vision. Dank vieler antiker Holzschnitte die zu der Geschichte im laufe der Jahre entstanden sind, war es für die Animatoren einfacher einen unverkennbaren Stil zu entwickeln, da bereits schöne Bilder zu der alten Geschichte existieren.


(Eine alte Malerei zu "Die Geschichte vom Bambussammler")


Gespickt wird der bereits surreale Zeichenstil durch eine genau so surreale Szenerie. Oftmals driftet der Film in eine Traumwelt ab, ohne das der Zuschauer es bemerkt. Bei einer Lauflänge von rund 137 Minuten fühlte ich mich nicht einmal verloren oder gelangweilt in dem dichten Gestrüpp der Erzählung. Wie immer vermischt Takahata märchenhafte Szenen mit lustigen und teilweise auch sehr wehmütigen Momenten. Seine Magie entfaltet der Film bereits zu Beginn. Obwohl ich nach mehreren Trailern immer dachte, der Film wird vermutlich schwer zugänglich sein, so wurde ich überrascht, dass mich bereits die ersten Minuten vollkommen für sich einnahmen. Wesentlich mehr Probleme hatte ich da bei meinem ersten Anlauf mit Miyazakis Abschlusswerk "Wie der Wind sich hebt".

Erstmals komponierte Ghibli-Altmeister Joe Hisaishi den Soundtrack zu einem Film von Isao Takahata. Auffallend ist dabei der beinahe völlige Verzicht auf orchestrale Musikstücke. Diese würden auch selbstverständlich zu Prinzessin Kaguya nicht wirklich passen. Stattdessen gibt es viele ruhige Stücke, die perfekt mit der Atmosphäre des Filmes harmonieren. Mit dem Titelsong "Inochi no Kioku (Memories of Life)" klingt der Film noch einmal brillant aus. Isao Takahata wählte diesen durchaus optimistischen Song mit Bedacht, da das Ende des Filmes das komplette Gegenteil darstellt und die Zuschauer nicht mit einem traurigen Song heim schicken wollte.

Zur Vertonung muss ich sagen, zu meiner Schande kam ich noch nicht dazu, mir die original japanische Tonspur anzuhören. Traditionell schaue ich Ghibli-Filme zu immer erst in deutscher Sprache. Und wie immer hat Universum hier fantastische Arbeit geleistet. Besonders Sarah Alles als Kaguya hat mir unglaublich gut gefallen. Die deutsche Vertonung war einer Kino-Auswertung würdig. Eine traurige Mitteilung gibt es auf Seiten der japanischen Tonspur. Noch bevor der Film fertiggestellt war, verstarb im Jahr 2012 der in Japan sehr beliebte Takeo Chii (er sprach den alten Mann) im Alter von 70 Jahren. Durch "Prerecording" (die Sprecher sprechen ihre Dialoge ein, ohne Bilder zu sehen) wurden alle Dialoge in der japanischen Sprachfassung bereits vorab aufgenommen.


Resümee

Zwei große Männer verabschieden sich auf ganz unterschiedliche weise von der großen Bühne. Und ich muss gestehen, erneut konnte mich Isao Takahata ein wenig mehr begeistern als es Hayao Miyazaki tat. Dies mag an Takahatas eigenwilligen Stil liegen. Da Takahata nicht die Animationen übernimmt, bleibt ihm dadurch wesentlich mehr Zeit für Dramaturgie und Planung als es bei Miyazaki der Fall ist, der in Sachen Animation so ziemlich alles selbst übernimmt. Und vielleicht ist es dieser kleine Aspekt, weshalb ich Takahatas Filme stets als etwas kompletter ansehe. Einen direkten Vergleich würde ich mich niemals wagen und wäre eigentlich beiden Filmemachern respektlos gegenüber.

"Die Legende der Prinzessin Kaguya" könnte tatsächlich der letzte große Kinofilm des Studio Ghibli gewesen sein. Sollte dem wirklich so sein, dann hat sich das Studio mit einem großen Film verabschiedet. Takahatas beeindruckende Filmografie wird vermutlich immer von Miyazakis Schaffen überschattet werden, dies ändert aber nichts daran, dass Isao Takahata zu den größten noch lebenden Großmeistern des Zeichentricks gehört. Und das ist ja auch relativ beeindruckend für einen Mann, der den Zeichenstift noch nie selbst in die Hand genommen hat.

Wer sich dieses Spektakel nicht entgehen lassen will besorgt sich am besten eine leicht gekühlte Flasche Wein seiner Wahl, schaltet sämtliche Licht- und Geräuschquellen aus und genießt die Geschichte rund um die bezaubernde Prinzessin Kaguya. Und dann kann man selbst entscheiden, ob dieses Meisterwerk der Zeichenkunst nicht mehr verdient gehabt hätte, als lediglich eine Nominierung bei der 87ten Verleihung der Academy Awards.