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Montag, 26. Februar 2024

Review: Der Junge und der Reiher



Japan 2023

Der Junge und der Reiher
Originaltitel: 君たちはどう生きるか (Kimitachi wa Dō Ikiru ka)
Produktion: Studio Ghibli
Regie: Hayao Miyazaki
Soundtrack: Joe Hisaishi
Japanischer Sprecher-Cast: Soma Santoki, Masaki Suda, Aimyon, Ko Shibasaki, Takuya Kimura
Laufzeit: Circa 124 Minuten
Genre: Animationsfilm, Fantasy
FSK: Ab 12



Ein kalter Januarabend neigt sich dem Ende. Während aus einem der Nachbarsäle unerträglicher Lärm eines anderen Films donnert und mein mir unbekannter Sitznachbar 120 Minuten lautstark Popcorn in sich hineinschaufelte wie ein Bagger Erde aufwühlt, erscheint der Abspann zum ersten neuen Studio Ghlbi Film seit über 4 Jahren und über 10 Jahre seit "Wie der Wind sich hebt", bei dem Animationsmeister, Nikotin Yo-Kai und "Never-Ending Man" Hayao Miyazaki, Regie führte. Streng genommen. Blickt man aber weiter zurück, war der letzte große Studio Ghibli Spielfilm der im Jahr 2014 veröffentlichte "Erinnerungen an Marnie" von Hiromasa Yonebayashi. Es folgten der teilweise extern produzierte "Die rote Schildkröte" aus dem Jahr 2016 sowie der recht maue 3D-Animationsfilm "Aya und die Hexe" aus dem Jahr 2020, bei dem Miyazakis Sohn Goro erneut Regie führte.

Die Lichter gehen an und ich blicke mich im Kinosaal um. Da es schon nach 20 Uhr ist, befinden sich in dem ziemlich vollen Kinosaal ausschließlich Erwachsene. Mein Blick in alle Richtungen will den Stimmungscheck einfangen. Von Begeisterung über Unglauben war alles dabei. Für Miyazakis Rücktritt nach dem Rücktritt nach dem Rücktritt sind sie alle noch einmal versammelt, um zu sehen, was der Altmeister aufs Zelluloid gebannt hat. Und in dem Moment, als Hayao Miyazaki sich entschieden hat, dass es keinen Sinn mehr macht, immer wieder seinen Rücktritt zu verkünden, dachte er sich, könne er auch einfach für immer weiter machen. So ist "Der Junge und der Reiher" nicht der von vielen Kinoprogrammen zitierte Abschiedsfilm eines legendären Filmmagiers, sondern der erste Schritt in die Unsterblichkeit. Und das, obwohl "Der Junge und der Reiher" durchaus auch ein Werk sein könnte, mit dem man sich von der ganz großen Bühne verabschieden könnte. Beweisen muss Miyazaki niemandem mehr etwas, bereits "Wie der Wind sich hebt" hätte ein reifes Abschiedswerk sein können. Doch allen voran möchte Miyazaki mit seinen Spätwerken noch einmal beweisen, wie viel Magie und Zauberei in traditioneller Animationskunst liegt. Keine billigen Taschenspielertricks und falscher Zauber, sondern die pure Leidenschaft, Bilder zum Leben zu erwecken.




Die Geschichte ist angesiedelt im Jahr 1943 während den Unruhen des Pazifikkriegs. Erzählt wird die Geschichte des jungen Mahito, der während eines Brands seine Mutter verliert. Einige Zeit später heiratet Mahitos Vater die jüngere Schwester seiner verstorbenen Frau. Für Mahito beginnt eine schwere Zeit, einen Platz im Leben zu finden und allen voran seinen Lebensweg zu finden. Als er im neuen Anwesen auf dem Land immer wieder von einem mysteriösen, penetranten Reiher heimgesucht wird, gerät Mahitos Leben ins wanken und er wird in eine Welt gesogen, die so ganz anders als die Welt ist, in der er aufgewachsen ist und sich letztendlich doch gar nicht so sehr von dieser unterscheidet.

Miyazaki begibt sich mit dem Film auf Gefilden des südamerikanischen magischen Realismus. Allen voran fühlte ich mich an die Werke von Gabriel García Márquez erinnert und seinem wohl bekanntestem Werk: "Hundert Jahre Einsamkeit". Kam "Wie der Wind sich hebt" mit Ausnahme einiger Traumszenen mit wenig Fantasy-Elementen aus, macht Miyazaki bei seinem neusten Film eine Kehrtwende und nimmt die Zuschauer mit in eine fremde Welt, die nicht nur geheimnisvoll, sondern auch schwer zu erklären ist. Bildgewaltig und mit überraschend wenig Dialogen präsentiert uns das Studio Ghibli diese fremdartige, exotische Welt, die irgendwo zwischen Leben und Tod pendelt. Eine Zwischenwelt. Eine Art japanische Interpretation von Lewis Carrolls Alice Romanen. Besonders einige ältere Zuschauer dürften hier im Gegensatz zu Kindern, die entspannt die Bilder auf sich wirken lassen können, viele Fragen stellen. Allen voran Fragen, die im Verlaufe des Filmes nicht beantwortet werden. Dafür respektiere ich "Der Junge und der Reiher" zutiefst. Miyazaki zeigt, was er zeigen möchte. Dabei ist die Geschichte um den jungen Mahito gar nicht so schwer zu begreifen. Miyazaki revolutioniert hier erneut nicht die Art, eine Geschichte zu erzählen. Dies wird er niemals, egal, wie viele Filme er noch produzieren wird. Blickt man auf die Werke zurück, an die Miyazaki leidig und auf's neue immer wieder gemessen wird, so wird auch schnell klar, weder Prinzessin Mononoke noch Chihiro glänzen durch raffiniertes Storytelling. Miyazakis Stärken liegen in seinen Bildern und in die teilweise überzeichneten Charaktere. Die Zuschauer nehmen in "Der Junge und der Reihe" die Rolle von Mahito ein. Gemeinsam gehen wir mit ihm auf eine Reise. Und das Ziel dieser Reise ist es, seinen Platz in der Gesellschaft zu finden, die richtigen Entscheidungen zu treffen und sich auch bewusst zu sein, die Vergangenheit nicht rückgängig machen zu können. Blicken wir auf den japanischen Originaltitel des Films "Kimitachi wa Dō Ikiru ka" - wörtlich übersetzt bedeutet das so viel wie "Wie möchtest du Leben", wird die Botschaft des Films sogar noch deutlicher. Der Titel ist natürlich eine direkte Hommage an einen Roman von Genzaburo Yoshino, den Miyazaki hier auch als Inspiration anführte. Eine menge Zuschauer im Kino schienen Probleme zu haben, dem Film folgen zu können, aber vielleicht haben sich einige Leute wirklich zu viele Gedanken gemacht, denn der Film folgt einem relativ geradlinigen Fahrt, ohne den Zuschauern aber alles vorkauen und erklären zu müssen.

Etwas weniger im Ohr ist mir der Soundtrack von dem großartigen Joe Hisaishi geblieben. Miyazakis Filme sind nahezu unmittelbar mit den Melodien von Joe Hisaishi verknüpft. Doch sind die Melodien in "Der Junge und der Reiher" nicht schlecht, es fehlt vielleicht nur ein prägnantes Main-Theme, welches durch den Film führt.




Fazit

Würde man nicht wissen, wer den Film gemacht hat und würde er noch unter den Lebenden weilen, könnte man glatt meinen, Satoshi Kon habe bei "Der Junge und der Reiher" Regie geführt. Viele Elemente aus Kons Traumwelten finden Einzug in Miyazakis Fantasyfilm. Aber bei genauem hinsehen ist "Der Junge und der Reihe" ganz unverkennbar dann doch ein klassischer Hayao Miyazaki Film. Bildgewaltig und voller Bildmagie, die man gesehen haben muss, um sie beschreiben zu können. Detailverliebt bis in die hintersten Ecken eines jeden Zeichenstrichs. Gleichzeitig für viele, die mit Studio Ghibli und Hayao Miyazaki andere Filme verbinden, aber auch sicherlich ein wenig ungewohnt, vielleicht sogar etwas befremdlich. All das täuscht aber nicht darüber hinweg, dass es sich bei "Der Junge und der Reiher" um ein beeindruckendes Spätwerk eines großen Künstlers unserer Zeit handelt. Im Film spielen auch Türen eine wichtige Rolle. Eine Tür gibt es auch für den Zuschauer. Findet er nicht die richtige, dann kann ihm die Tür zum Zugang des Filmes aber auch verwehrt bleiben. Lässt man sich auf den Film aber unvoreingenommen ein, so öffnet sich einem die Tür, die in eine unbekannte Welt führt, die man am liebsten viel länger erkunden möchte, als die Laufzeit dieses  Animationsfilms hergibt. Wie möchtet ihr Leben? Dieser Film bringt euch die Antwort vielleicht etwas näher.
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Rezension verfasst von Aufziehvogel

Diese Besprechung wurde bis auf das Fazit bereits am 14.01.2024 fertiggestellt und sollte ursprünglich auch an diesem Tag veröffentlicht werden. Teile aus dem Fazit habe ich aus einem von mir erstellten Forum-Beitrag zum Film übernommen, da diese sehr gut zu meiner vollständigen Besprechung passten.

Freitag, 6. April 2018

Über Isao Takahata (29.10.1935 - 05.04.2018)



An dieser Stelle sollte heute eigentlich eine Rezension erscheinen, aus gegebenem Anlass jedoch hat diesen Platz heute Isao Takahata verdient. Im hohen Alter von 82 Jahren ist Isao Takahata, einer der Mitbegründer des legendären Studio Ghibli, verstorben. Sein Lebenswerk, welches er in großer Fülle hinterlassen hat, wird auch über die vielen kommenden Jahre unerreicht bleiben und hoffentlich auch ein Wegweiser für junge Filmemacher aus der Animation (ob westlich oder östlich spielt dabei keine Rolle) sein.

Doch ich will auch die Möglichkeit ergreifen, ein wenig über Isao Takahata zu plaudern. Fans des Studio Ghibli werden seinen Namen kennen und vermutlich niemals vergessen, doch wie sieht es darüber hinaus aus? Nennt man Filme wie "Prinzessin Mononoke" oder "Chihiros Reise ins Zauberland", werden mit großer Wahrscheinlichkeit selbst in dieser Materie nicht so versierte Zuschauer den Name Hayao Miyasaki nennen können. Doch welcher Name kommt euch in den Sinn, wenn ich nun "Die letzten Glühwürmchen" oder "Pom Poko" nenne? Für die Mehrheit war Isao Takahata immer "Einer der drei älteren Herren, die was mit Studio Ghibli zu tun haben". Ohne Frage waren "Die letzten Glühwürmchen" Takahatas Meisterstück. Ein Meisterstück, was auch seinen Namen bei den Zuschauern hätte verewigen müssen. Kurios genug jedoch, eine menge Leute verbinden den Film nicht einmal mit dem Studio Ghibli, weil sich das Drama aus dem zweiten Weltkrieg extrem stark von dem abhebt, wofür das Studio eigentlich bekannt war. "Mein Nachbar Totoro" und "Die letzten Glühwürmchen" liefen damals in Japan ungefähr zur gleichen Zeit in den Kinos an und die dortigen Zuschauer waren von Takahatas Werk mehr verstört als alles andere und suchten direkten Trost in Miyasakis heiteren Familienfilm. Isao Takahata war immer der "Andere Miyazaki". Der Mann, der relativ schweigsam neben Japans größten, noch lebenden Animator agierte. Zumindest auf dem Papier. Takahatas Werke als Familienfilme zu bezeichnen ist schwer. Es sind sehr spezielle Werke, die sich hauptsächlich an ein älteres Publikum richten. Es war dieses wundervolle Gleichgewicht, was das Studio Ghibli so einzigartig machte. Meistens folgte nach einem Miyazaki relativ zügig auch das neuste Werk von Takahata.

Ich entdeckte das Filmwerk Takahatas auch erst, nachdem ich mir jenes von Hayao Miyazaki zu Gemüte führte. Egal wie viele Trailer ich mir zu den Werken Takahatas ansah, sie alle sahen mir ein wenig zu exotisch aus. Als ich "Die letzten Glühwürmchen" nachholte, da hatte ich dann Blut geleckt. Takahata verkörperte nicht nur eine andere Seite des Studio Ghibli, er war auch viel mehr als nur der Nebenmann, der in dem gleichen Studio wie Hayao Miyazaki arbeitete. Ich schaute mir anschließend "Pom Poko", "Tränen der Erinnerung" und "Meine Nachbarn die Yamadas" an. Was Takahata hier ablieferte war große Filmkunst. Seine Geschichten und seine Charaktere spiegelten seine ganz eigene Philosophie wieder und allmählich begann ich sogar, seine Werke denen von Miyazaki leicht vorzuziehen (aus heutiger Sicht schätze ich natürlich die Filme beider Männer). Doch seltsamerweise waren es nicht "Die letzten Glühwürmchen", ein Film, der mich enorm bewegte, der meine Liebe zur Filmkunst von Isao Takahata entfachte. Es war "Pom Poko". Ein Film über den japanischen Tanuki -Waschbär-. Ein Film mit sprechenden Waschbären deren riesige Hoden omnipräsent im Film dargestellt wurden. In diesem wundervollen Film steckt so viel Leidenschaft und Magie, am Ende kamen selbst einem Eisblock wie mir ein paar Tränchen. "Pom Poko" ist einer von Takahatas wenigen Filmen, mit denen sowohl Kinder als auch Erwachsene gleichzeitig etwas anfangen können. Kinder werden mit der verspielten art sicherlich ihren Spaß haben, Erwachsene werden hier vermutlich eine Allegorie auf ihre eigene Kindheit sehen. Meine uneingeschränkte Empfehlung für diesen Film besteht auch weiterhin und daran wird sich auch in Zukunft ganz sicher nichts ändern.

Doch wieso unterscheiden sich Takahata und Miyazaki, zwei Freunde, die an ihrem Arbeitsplatz auch gerne mal als altes, streitendes Ehepaar bezeichnet wurden, so sehr voneinander? Die Antwort ist vielleicht einfacher zu erklären als man annehmen mag. Takahata war kein Animator. Eigenen Aussagen zu Folge besaß er kein großes zeichnerisches Talent. Einige Mitarbeiter des Studio Ghibli sagten jedoch das komplette Gegenteil, als sie seine Storyboards begutachteten. Darüber hinaus war Takahata im Gegensatz zu Miyazaki nie selbst für die Animationen zuständig. Er war als Regisseur und Autor tätig und fungierte oftmals sogar als Produzent einiger Frühwerke von Miyazaki. Takahata agierte mit den Augen eines echten Filmemachers während Miyazaki seine Magie direkt durch seine eigenen Zeichnungen kreierte. Vermutlich waren es diese Unterschiede, weshalb die beiden Männer oft aneinander gerieten und sich dennoch blind verstanden haben.

Neben bekannten TV-Serien wie "Heidi" und "Anne mit den roten Haaren" begann Takahata seine Karriere im TV. Nur die wenigsten deutschen Fans der oben genannten Serien werden wohl seinen Namen mit diesen Werken verbinden (besonders "Anne mit den roten Haaren" ist auch hierzulande noch sehr bekannt). Von der großen Bühne verabschiedete Takahata sich bereits 2013 mit "Die Legende der Prinzessin Kaguya", der ihm eine Oscar-Nominierung einbrachte. Der Film erschien zu einer Zeit in Japan, in der das Studio Ghibli für die Zuschauer nicht mehr das Maß aller Dinge war. Man merkte, wie sich eine Ära dem Ende neigte und die Kinokassen relativ hungrig zurückblieben. Ein Umstand, der mich selbst als Außenstehender sehr traurig machte. In diesem Film vereinte Takahata noch einmal sein ganzes Können. Von der künstlerischen Leitung bis hin zu der tragischen Geschichte der Mond-Prinzessin. Diese moderne Variante der klassischen japanischen Erzählung hat sich in meine Liste der Lieblingsfilme des Studio Ghibli sehr weit nach oben geschlichen. Ich hoffe, der Film wird in Zukunft eine größere Wertschätzung, ganz besonders von den Landsleuten, erhalten.

Takahatas letzte Aktivität auf jener großen Bühne war die gemeinsame Produktion mit Studio Ghibli Mitbegründer Toshiro Suzuki von "Die rote Schildkröte" (2016), ein Film von Michaël Dudok de Wit (ebenfalls nominiert für einen Oscar).

Eine große Karriere des japanischen Animationsfilms endete damit. Eine beeindruckende Geschichte eines sehr beeindruckenden Mannes der sich immer nur zu Wort meldete, wenn er auch wirklich etwas zu sagen hatte. Wehmütig werden Fans von Isao Takahata zurückblicken, doch seine Filme werden immer da sein und uns Trost spenden (vielleicht nicht "Die letzten Glühwürmchen" aber dafür alle anderen Filme, die aus seiner Feder stammen).


Sarabada, Takahata Isao.




Donnerstag, 7. Mai 2015

Rezension: Die Legende der Prinzessin Kaguya

(Poster: Universum)


Trailer




Japan 2013

Die Legende der Prinzessin Kaguya
Originaltitel: Kaguya-hime no Monogatari
Vorlage: Taketori Monogatari
Idee und Regie: Isao Takahata
Musik: Joe Hisaishi
Sprecher (Japanische Besetzung): Aki Asakura, Kengo Kora, Takeo Chii, Nobuko Miyamoto
Sprecher (Deutsche Besetzung): Sarah Alles, Nico Sablik, Denise Gorzelanny, Uli Krohm, Kornelia Boje, Gerrit Schmidt-Foss
Lauflänge: Circa 137 Minuten
Genre: Anime, Fantasy, Märchen
FSK: Ohne Altersbeschränkung


Hayao Miyazaki und Isao Takahata. Zwei Legenden. Zwei alte Männer. Zwei alte Männer, die jeweils auf ihre weise über das Thema "Abschied" einen Film gemacht haben. Und ein bisschen kommt es mir so vor, als hätten die beiden die Rollen vertauscht. Miyazakis "Wie der Wind sich hebt" könnte vom Stil her eher ein Werk von Takahata sein, während Takahatas "Die Legende der Prinzessin Kaguya" aufgrund seiner bezaubernden, verspielten Bilder eher ein waschechtes Miyazaki Werk sein könnte. Bereits nach wenigen Sekunden wird aber dann klar, "Die Legende der Prinzessin Kaguya" ist ein waschechter Film von Isao Takahata. Denn Takahata ist mindestens ein genau so talentierter Magier wie Hayao Miyazaki, schaut man sich "Pom Poko" mal genauer an.

Die Zukunft des Studio Ghibli scheint auch weiterhin ungewiss zu sein. Hayao Miyazaki kündigte unlängst seinen Rücktritt an (wieder einmal, doch diesmal, so scheint es, endgültig) und es ist relativ unwahrscheinlich, dass der mittlerweile 79 jährige Takahata noch einmal einen so groß angelegten Film kreieren wird. Ganze 8 Jahre verschlang Kaguya an Zeit, die der Film bis zu seiner Fertigstellung benötigte. Und billig war der Film aufgrund der aufwendigen Zeichnungen und vielen Verschiebungen auch nicht. "Die Legende der Prinzessin Kaguya" hat dem Studio Ghibli viel Geld gekostet. Die Produktionskosten wurden aber diesmal aufgeteilt, somit ist das Studio Ghibli nicht der alleinige Geldgeber und Takahata agierte hier wesentlich unabhängiger von Ghibli als sonst. Und dennoch prangert das Ghibli-Logo über Prinzessin Kaguya. Die genaue Aufteilung der Rechte dürfte hier aber zweitrangig sein. Die Leute wollen ein Ghibli Komplettpaket, und genau dieses bekommen sie in diesem wunderschönen Film auch geboten.


(Copyright: Studio Ghibli)


Die Frage, die ich mir stellen musste: Kann Isao Takahata noch ein letztes Kunststück aus seinem Hut zaubern? Takahata bestritt als Gründungsmitglied des Studio Ghibli einen eher ungewohnten Weg. Er ist Filmemacher und Drehbuchschreiber, aber kein Animator. So unglaublich es klingen mag, laut eigenen Aussagen bekommt Isao Takahata keine einzige Figur auf ein Blatt Papier gezeichnet (seine Storyboards bestätigen aber, in diesem Punkt war er nicht ganz ehrlich). Mit Werken wie "Die letzten Glühwürmchen", "Only Yesterday", "Pom Poko" und "Meine Nachbarn die Yamadas" hat mich Takahata verzaubert und gleichzeitig in endlose Melancholie und Traurigkeit entlassen. Sein Stil unterscheidet sich drastisch von Miyazakis. In Takahatas Filmen sucht man meistens vergeblich nach einem glücklichen Ende für seine Protagonisten. Stilistisch gibt es da auch bei Prinzessin Kaguya keinen Bruch. Sowohl vom Zeichenstil als auch von der Erzählweise setzt Takahata hier noch einmal neue Maßstäbe in einer Gattung, die stark vom Aussterben bedroht ist. Die Zeit für handgemachte Animationsfilme scheint endgültig vorüber zu sein, Miyazaki selbst resignierte in einem Interview, welches er vor nicht all zu langer Zeit führte. "Die Legende der Prinzessin Kaguya" könnte mit seinem aufwendigem Stil, der an das Rotoskopie-Verfahren erinnert, einer der letzten seiner Zunft sein.

Die Geschichte rund um die mysteriöse Prinzessin Kaguya, die eigentlich ein ganz normales Mädchen ist und ein bürgerliches Leben führen will, basiert auf einer alten japanischen Volkssage. "Die Geschichte vom Bambussammler (Taketori Monogatari)" stand Pate für Takahatas Vision. Dank vieler antiker Holzschnitte die zu der Geschichte im laufe der Jahre entstanden sind, war es für die Animatoren einfacher einen unverkennbaren Stil zu entwickeln, da bereits schöne Bilder zu der alten Geschichte existieren.


(Eine alte Malerei zu "Die Geschichte vom Bambussammler")


Gespickt wird der bereits surreale Zeichenstil durch eine genau so surreale Szenerie. Oftmals driftet der Film in eine Traumwelt ab, ohne das der Zuschauer es bemerkt. Bei einer Lauflänge von rund 137 Minuten fühlte ich mich nicht einmal verloren oder gelangweilt in dem dichten Gestrüpp der Erzählung. Wie immer vermischt Takahata märchenhafte Szenen mit lustigen und teilweise auch sehr wehmütigen Momenten. Seine Magie entfaltet der Film bereits zu Beginn. Obwohl ich nach mehreren Trailern immer dachte, der Film wird vermutlich schwer zugänglich sein, so wurde ich überrascht, dass mich bereits die ersten Minuten vollkommen für sich einnahmen. Wesentlich mehr Probleme hatte ich da bei meinem ersten Anlauf mit Miyazakis Abschlusswerk "Wie der Wind sich hebt".

Erstmals komponierte Ghibli-Altmeister Joe Hisaishi den Soundtrack zu einem Film von Isao Takahata. Auffallend ist dabei der beinahe völlige Verzicht auf orchestrale Musikstücke. Diese würden auch selbstverständlich zu Prinzessin Kaguya nicht wirklich passen. Stattdessen gibt es viele ruhige Stücke, die perfekt mit der Atmosphäre des Filmes harmonieren. Mit dem Titelsong "Inochi no Kioku (Memories of Life)" klingt der Film noch einmal brillant aus. Isao Takahata wählte diesen durchaus optimistischen Song mit Bedacht, da das Ende des Filmes das komplette Gegenteil darstellt und die Zuschauer nicht mit einem traurigen Song heim schicken wollte.

Zur Vertonung muss ich sagen, zu meiner Schande kam ich noch nicht dazu, mir die original japanische Tonspur anzuhören. Traditionell schaue ich Ghibli-Filme zu immer erst in deutscher Sprache. Und wie immer hat Universum hier fantastische Arbeit geleistet. Besonders Sarah Alles als Kaguya hat mir unglaublich gut gefallen. Die deutsche Vertonung war einer Kino-Auswertung würdig. Eine traurige Mitteilung gibt es auf Seiten der japanischen Tonspur. Noch bevor der Film fertiggestellt war, verstarb im Jahr 2012 der in Japan sehr beliebte Takeo Chii (er sprach den alten Mann) im Alter von 70 Jahren. Durch "Prerecording" (die Sprecher sprechen ihre Dialoge ein, ohne Bilder zu sehen) wurden alle Dialoge in der japanischen Sprachfassung bereits vorab aufgenommen.


Resümee

Zwei große Männer verabschieden sich auf ganz unterschiedliche weise von der großen Bühne. Und ich muss gestehen, erneut konnte mich Isao Takahata ein wenig mehr begeistern als es Hayao Miyazaki tat. Dies mag an Takahatas eigenwilligen Stil liegen. Da Takahata nicht die Animationen übernimmt, bleibt ihm dadurch wesentlich mehr Zeit für Dramaturgie und Planung als es bei Miyazaki der Fall ist, der in Sachen Animation so ziemlich alles selbst übernimmt. Und vielleicht ist es dieser kleine Aspekt, weshalb ich Takahatas Filme stets als etwas kompletter ansehe. Einen direkten Vergleich würde ich mich niemals wagen und wäre eigentlich beiden Filmemachern respektlos gegenüber.

"Die Legende der Prinzessin Kaguya" könnte tatsächlich der letzte große Kinofilm des Studio Ghibli gewesen sein. Sollte dem wirklich so sein, dann hat sich das Studio mit einem großen Film verabschiedet. Takahatas beeindruckende Filmografie wird vermutlich immer von Miyazakis Schaffen überschattet werden, dies ändert aber nichts daran, dass Isao Takahata zu den größten noch lebenden Großmeistern des Zeichentricks gehört. Und das ist ja auch relativ beeindruckend für einen Mann, der den Zeichenstift noch nie selbst in die Hand genommen hat.

Wer sich dieses Spektakel nicht entgehen lassen will besorgt sich am besten eine leicht gekühlte Flasche Wein seiner Wahl, schaltet sämtliche Licht- und Geräuschquellen aus und genießt die Geschichte rund um die bezaubernde Prinzessin Kaguya. Und dann kann man selbst entscheiden, ob dieses Meisterwerk der Zeichenkunst nicht mehr verdient gehabt hätte, als lediglich eine Nominierung bei der 87ten Verleihung der Academy Awards.