Archiv: Rezensionen zu Literatur und Film

Freitag, 6. April 2018

Über Isao Takahata (29.10.1935 - 05.04.2018)



An dieser Stelle sollte heute eigentlich eine Rezension erscheinen, aus gegebenem Anlass jedoch hat diesen Platz heute Isao Takahata verdient. Im hohen Alter von 82 Jahren ist Isao Takahata, einer der Mitbegründer des legendären Studio Ghibli, verstorben. Sein Lebenswerk, welches er in großer Fülle hinterlassen hat, wird auch über die vielen kommenden Jahre unerreicht bleiben und hoffentlich auch ein Wegweiser für junge Filmemacher aus der Animation (ob westlich oder östlich spielt dabei keine Rolle) sein.

Doch ich will auch die Möglichkeit ergreifen, ein wenig über Isao Takahata zu plaudern. Fans des Studio Ghibli werden seinen Namen kennen und vermutlich niemals vergessen, doch wie sieht es darüber hinaus aus? Nennt man Filme wie "Prinzessin Mononoke" oder "Chihiros Reise ins Zauberland", werden mit großer Wahrscheinlichkeit selbst in dieser Materie nicht so versierte Zuschauer den Name Hayao Miyasaki nennen können. Doch welcher Name kommt euch in den Sinn, wenn ich nun "Die letzten Glühwürmchen" oder "Pom Poko" nenne? Für die Mehrheit war Isao Takahata immer "Einer der drei älteren Herren, die was mit Studio Ghibli zu tun haben". Ohne Frage waren "Die letzten Glühwürmchen" Takahatas Meisterstück. Ein Meisterstück, was auch seinen Namen bei den Zuschauern hätte verewigen müssen. Kurios genug jedoch, eine menge Leute verbinden den Film nicht einmal mit dem Studio Ghibli, weil sich das Drama aus dem zweiten Weltkrieg extrem stark von dem abhebt, wofür das Studio eigentlich bekannt war. "Mein Nachbar Totoro" und "Die letzten Glühwürmchen" liefen damals in Japan ungefähr zur gleichen Zeit in den Kinos an und die dortigen Zuschauer waren von Takahatas Werk mehr verstört als alles andere und suchten direkten Trost in Miyasakis heiteren Familienfilm. Isao Takahata war immer der "Andere Miyazaki". Der Mann, der relativ schweigsam neben Japans größten, noch lebenden Animator agierte. Zumindest auf dem Papier. Takahatas Werke als Familienfilme zu bezeichnen ist schwer. Es sind sehr spezielle Werke, die sich hauptsächlich an ein älteres Publikum richten. Es war dieses wundervolle Gleichgewicht, was das Studio Ghibli so einzigartig machte. Meistens folgte nach einem Miyazaki relativ zügig auch das neuste Werk von Takahata.

Ich entdeckte das Filmwerk Takahatas auch erst, nachdem ich mir jenes von Hayao Miyazaki zu Gemüte führte. Egal wie viele Trailer ich mir zu den Werken Takahatas ansah, sie alle sahen mir ein wenig zu exotisch aus. Als ich "Die letzten Glühwürmchen" nachholte, da hatte ich dann Blut geleckt. Takahata verkörperte nicht nur eine andere Seite des Studio Ghibli, er war auch viel mehr als nur der Nebenmann, der in dem gleichen Studio wie Hayao Miyazaki arbeitete. Ich schaute mir anschließend "Pom Poko", "Tränen der Erinnerung" und "Meine Nachbarn die Yamadas" an. Was Takahata hier ablieferte war große Filmkunst. Seine Geschichten und seine Charaktere spiegelten seine ganz eigene Philosophie wieder und allmählich begann ich sogar, seine Werke denen von Miyazaki leicht vorzuziehen (aus heutiger Sicht schätze ich natürlich die Filme beider Männer). Doch seltsamerweise waren es nicht "Die letzten Glühwürmchen", ein Film, der mich enorm bewegte, der meine Liebe zur Filmkunst von Isao Takahata entfachte. Es war "Pom Poko". Ein Film über den japanischen Tanuki -Waschbär-. Ein Film mit sprechenden Waschbären deren riesige Hoden omnipräsent im Film dargestellt wurden. In diesem wundervollen Film steckt so viel Leidenschaft und Magie, am Ende kamen selbst einem Eisblock wie mir ein paar Tränchen. "Pom Poko" ist einer von Takahatas wenigen Filmen, mit denen sowohl Kinder als auch Erwachsene gleichzeitig etwas anfangen können. Kinder werden mit der verspielten art sicherlich ihren Spaß haben, Erwachsene werden hier vermutlich eine Allegorie auf ihre eigene Kindheit sehen. Meine uneingeschränkte Empfehlung für diesen Film besteht auch weiterhin und daran wird sich auch in Zukunft ganz sicher nichts ändern.

Doch wieso unterscheiden sich Takahata und Miyazaki, zwei Freunde, die an ihrem Arbeitsplatz auch gerne mal als altes, streitendes Ehepaar bezeichnet wurden, so sehr voneinander? Die Antwort ist vielleicht einfacher zu erklären als man annehmen mag. Takahata war kein Animator. Eigenen Aussagen zu Folge besaß er kein großes zeichnerisches Talent. Einige Mitarbeiter des Studio Ghibli sagten jedoch das komplette Gegenteil, als sie seine Storyboards begutachteten. Darüber hinaus war Takahata im Gegensatz zu Miyazaki nie selbst für die Animationen zuständig. Er war als Regisseur und Autor tätig und fungierte oftmals sogar als Produzent einiger Frühwerke von Miyazaki. Takahata agierte mit den Augen eines echten Filmemachers während Miyazaki seine Magie direkt durch seine eigenen Zeichnungen kreierte. Vermutlich waren es diese Unterschiede, weshalb die beiden Männer oft aneinander gerieten und sich dennoch blind verstanden haben.

Neben bekannten TV-Serien wie "Heidi" und "Anne mit den roten Haaren" begann Takahata seine Karriere im TV. Nur die wenigsten deutschen Fans der oben genannten Serien werden wohl seinen Namen mit diesen Werken verbinden (besonders "Anne mit den roten Haaren" ist auch hierzulande noch sehr bekannt). Von der großen Bühne verabschiedete Takahata sich bereits 2013 mit "Die Legende der Prinzessin Kaguya", der ihm eine Oscar-Nominierung einbrachte. Der Film erschien zu einer Zeit in Japan, in der das Studio Ghibli für die Zuschauer nicht mehr das Maß aller Dinge war. Man merkte, wie sich eine Ära dem Ende neigte und die Kinokassen relativ hungrig zurückblieben. Ein Umstand, der mich selbst als Außenstehender sehr traurig machte. In diesem Film vereinte Takahata noch einmal sein ganzes Können. Von der künstlerischen Leitung bis hin zu der tragischen Geschichte der Mond-Prinzessin. Diese moderne Variante der klassischen japanischen Erzählung hat sich in meine Liste der Lieblingsfilme des Studio Ghibli sehr weit nach oben geschlichen. Ich hoffe, der Film wird in Zukunft eine größere Wertschätzung, ganz besonders von den Landsleuten, erhalten.

Takahatas letzte Aktivität auf jener großen Bühne war die gemeinsame Produktion mit Studio Ghibli Mitbegründer Toshiro Suzuki von "Die rote Schildkröte" (2016), ein Film von Michaël Dudok de Wit (ebenfalls nominiert für einen Oscar).

Eine große Karriere des japanischen Animationsfilms endete damit. Eine beeindruckende Geschichte eines sehr beeindruckenden Mannes der sich immer nur zu Wort meldete, wenn er auch wirklich etwas zu sagen hatte. Wehmütig werden Fans von Isao Takahata zurückblicken, doch seine Filme werden immer da sein und uns Trost spenden (vielleicht nicht "Die letzten Glühwürmchen" aber dafür alle anderen Filme, die aus seiner Feder stammen).


Sarabada, Takahata Isao.




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