Archiv: Rezensionen zu Literatur und Film

Mittwoch, 6. Oktober 2021

Retrospektive: Donnie Darko - 20 Jahre später

 

Poster: Arthaus


"Schlümpfe sind asexuell. Sie haben ja nicht einmal so etwas wie ein Geschlechtsorgan in ihren kleinen weißen Hosen. Das ist ja das unlogische am Schlumpfsein überhaupt. Welchen Spaß hast du im Leben, wenn du keinen Schwanz hast?" - Donnie Darko


!Spoilerwarnung für alle, die den Film noch nicht kennen!


Wir schreiben das Jahr 2021. 20 Jahre sind seit der Erstaufführung von Donnie Darko vergangen. Ich bin, ganz offensichtlich, 20 Jahre älter mittlerweile. Doch andere Dinge sind seit der Uraufführung von Donnie Darko im Januar 2001 passiert. Der 11. September erschütterte die Welt. Patrick Swayze ist 2009 verstorben und dies war auch jenes Jahr, wo Regisseur Richard Kelly seinen letzten Film gedreht (The Box) hat. Zum 15. jährigen Jubiläum zu Donnie Darko sagte Filmemacher Kevin Smith 2016 über Kelly, er sei vermutlich einer der begabtesten Filmemacher, die es derzeit gäbe, nur scheint sein Talent niemand wahrzunehmen. Mit Southland Tales lieferte Kelly 2006 einen weiteren ungewöhnlichen Film ab (mit Dwayne "The Rock" Johnson in frühen ernsthaften Hollywood-Gehversuchen und Seann William Scott sowie Sarah Michelle Gellar, die ja heutzutage auch keiner mehr kennt). Allerdings entwickelte sich dieser (wie ich finde, leider) nicht zu einem Indie-Megahit wie Donnie Darko und geriet, wie einige Schauspieler die in diesem Film mitspielen, in Vergessenheit. Irgendwie war Richard Kelly also schon immer irgendwie "nur" Donnie Darko. Der Film war sein Karrieresprungbrett und immer wieder wurde er daran gemessen und fälschlicherweise dichteten ihm viele Leute das furchtbare Sequel "S. Darko" an, mit dem er nichts am Hut hatte.

Donnie Darko und Frank das Riesenkaninchen sind geblieben. Und allgemein muss sich der Film um all das überhaupt keine Sorgen machen, der spielt nämlich in einem kurzen Zeitraum im Oktober 1988. Richard Kelly war zu dieser Zeit im echten Leben 13 Jahre alt und im Jahr 1987 feierte Patrick Swayze mit Dirty Dancing seinen wohl größten Filmerfolg. Michael Dukakis und George Bush Senior kämpften um den Einzug ins Weiße Haus, der erste Golfkrieg war noch einige wenige Jahre entfernt und Autor Graham Greene weilte noch unter den Lebenden. In dieser Zeit spielt Donnie Darko. Wir haben es hier mit einem verträumten Film zu tun der irgendwo zwischen psychologischem Horror, Science-Fiction und Coming of Age Story spielt. Im zentralen Punkt der seltsamen Ereignisse in diesem Vorstadtort in Middlesex, Virgina, steht der begabte und wissbegierige, aber auch etwas unkonventionelle und schwierige Teenager Donald Darko (Jake Gyllenhaal bevor er zu einem Weltstar wurde, hier gemeinsam zu sehen mit seiner leiblichen Schwester Maggie Gyllenhaal). Er schlafwandelt, wacht irgendwo mitten im Nirgendwo auf, immer ein Stückchen weiter entfernt von seinem Zuhause. Ein Umstand, der ihm das Leben retten soll wenn eines Abends ein Flugzeugturbine unbekannter Herkunft auf einmal in das Haus der Darkos kracht und Donnie im Schlaf getötet hätte. Von diesem Tag an ändert sich im Leben des an sich schon seltsamen Teenager alles. Seine Halluzinationen werden intensiver und ein Typ in einem Hasenkostüm erzählt ihm dabei, die Welt würde gegen Ende des Monats untergehen und gibt ihm sogar ein spezifisches auf die Sekunde exaktes Datum mit auf den Weg. Und dann wären da auch noch Mädchen, Schlümpfe und ein unbändiges Verlangen nach Christina Applegate, die den Verstand des Teenagers vernebeln.

Man mag es kaum glauben wie viele Themen Donnie Darko angeht und diese alle nahezu bravourös meistert. Als Ausgangspunkt hat man hier, wie man sie eigentlich klassisch aus Stephen King Romanen kennt ("Es" ist das Buch, welches Donnies Mutter liest), eine Kleinstadt. Etwas ländlich, friedlich und überwiegend von weißen Mittelständlern bewohnt, die anscheinend etwas über den Durchschnitt leben. Doch wie in jeder Kleinstadt brodelt es auch im Innern. Rassismus, Mobbing und eine allgemeine Verlogenheit des Vorstadtlebens sind in dem Film dauerhaft präsent. Die junge engagierte wie motivierte Lehrerin (gespielt von Drew Barrymore die nicht nur als Kind in einer Stephen King Adaption mitspielte sondern hier auch als Produzentin fungierte) die aus ihrem Job geekelt wird weil sie den Horizont ihrer Schüler erweitern will, während ein pädophiler Motivationsguru von der Masse gefeiert wird ist hier nur ein Teil der schmutzigen Vorstadtgesellschaft. Neben den sozialen Problemen die im Film auf eine humorvolle, beinahe satirische weise angegangen werden, steht aber allen voran auch ein großer Anteil Science-Fiction im Vordergrund. Zeitreisen. Auf eine sehr subtile Art baut der Film hier eine unglaublich komplexe Zeitreisethematik mit ein, über die Filmfans noch heute diskutieren, debattieren und philosophieren. Darauf hier einzugehen würde den Rahmen nun sprengen und würde auch die pure Freude am spekulieren nehmen, was man noch 20 Jahre nach der Veröffentlichung des Filmes tut.

Der wohl wichtigste Begleiter des Films ist wohl unbestritten die Musik. Und hier wählte man einige sehr starke lizenzierte Songs von 80er Bands wie Tears for Fears und Duran Duran während der Musiker Michael Andrews für den Original Score zuständig war (sein wohl bekanntestes Werk ist das "Mad World" Cover von Tears for Fears). Mit minimalen Musical-Einlagen werden wichtige Szenen unterlegt und würden ohne den starken Soundtrack nie so eine Intensität erreichen. Eine der wohl stärksten Kombinationen zwischen Bildgewalt und Musik ist die bekannte Szene zwischen Donnie, der schlafenden Gretchen sowie Frank im Kino während im Hintergrund "Tanz der Teufel" läuft. Der Film vermittelt hier eine einzigartige Weltuntergangsstimmung. Etwas bedrohliches bahnt sich an. Kelly macht hier deutlich, dass sich ein regelrecht stürmischer Showdown anbahnt. Dieses Thema rund um diese minimalen Musical-Einlagen führte Kelly in seinem späteren Film Southland Tales auf einen neuen Höhepunkt.

Doch besonders das Thema Musik machte noch einmal für Richard Kelly deutlich, was möglich ist und was nicht. Lizenzen waren teuer oder schlicht und ergreifend nicht verfügbar. Bei einem Budget von nicht einmal 5 Millionen Dollar war es sowieso ein Wunder, wie viel prominente Unterstützung der Film erhalten hat. Und dennoch, oder vielleicht gerade deshalb bleibt Donnie Darko ein Low Budget Indie-Film, der bei seiner limitierten Kinoauswertung (die teilweise von Christopher Nolan und seiner Frau ermöglicht wurde) kaum irgendwelche Beachtung erhalten hat. Durch seine Veröffentlichung auf DVD gewann Donnie Darko aber ein weltweites Publikum, was wohl genau so wenig abzusehen war wie die prominente Unterstützung, die den Film zu dem gemacht hat, was er heute ist. Durch eben diesen Erfolg bekam Kelly die Gelegenheit, 2004 den Film noch einmal als Director's Cut zu bringen. Diese Fassung, die mit mehr Budget ausgestattet war, ermöglichte ihm Zugang zu der Musik, die er wollte, rund 20 Minuten an neuen Szenen und Umschnitten sowie den Film in kleine Kapitel zu unterteilen. Das Resultat endete damit; bis heute werden sowohl Kinofassung als auch Director's Cut favorisiert. Wohl auch einer der Gründe, wieso beide Fassungen mittlerweile auf Blu-ray immer in einem Gesamtpaket zu finden sind. Beide Fassungen haben ihre Vorteile. Die Kinofassung wirkt ohne die zusätzlichen Erklärungen kryptischer, mysteriöser und flotter. Der Director's Cut mit seinen Erweiterungen runder und durch neue Szenen und Musik deutlich professioneller, strukturierter. Man kann nichts falsch machen, beide Fassungen zu schauen und es ist vermutlich einer der wenigen Filme, wo man sich ein neues Filmerlebnis erschaffen kann wenn man beide Fassungen hintereinander schaut.

Zum 20. Jubiläum brachte Arthaus/Studiocanal mehrere neue deutsche Editionen zum Film heraus, restauriert von einem 4K Master und erstmals auch eine 4K UHD Veröffentlichung. Durch einen selten dämlichen Fehler seitens Amazon, wo das Blu-ray Cover von Standard Blu-ray und 4K UHD vertauscht wurden (und der Fehler noch immer nicht behoben wurde), erhielt ich die Standard Blu-ray und entschied mich letztendlich, diese zu behalten. Neugierig auf die UHD-Variante wäre ich dennoch mal und wird auch sicherlich noch nachgeholt. Die neue deutsche Blu-ray macht aber einen mehr als soliden Eindruck und ist der alten UK Blu-ray Veröffentlichung die ich 2014 erworben habe (Label Metodrome Entertainment, Kinofassung und Director's Cut Doppelpack) meilenweit voraus was das Bild angeht. Zwar ist der Low-Budget Faktor dem Film weiterhin anzusehen was in einer schwankenden Qualität etlicher Szenen resultiert, allgemein ist das restaurierte Bild aber in einem guten Zustand und fiel mir besonders positiv durch seine satten Farben auf. Auch das deutsche DTS-HD Master ist in Sachen Klangqualität sehr anständig. Dies dürfte an sich die deutsche Premiere für den Director's Cut auf Blu-ray gewesen sein.

Nun sind beinahe 7 Jahre seit meiner Lost in Translation Retrospektive vergangen. Lost in Translation hatte meinen Test der Zeit bestanden (der Film feierte ja nun, wenn auch lediglich limitiert, kürzlich seine deutsche Blu-ray Premiere). Wie sieht es bei Donnie Darko aus? Ich habe den Film gestern erstmals seit 2014 wieder gesehen (Kinofassung) und ich konnte mich schon gar nicht mehr dran erinnern, wann ich den Director's Cut zuletzt gesehen habe. Nach so einer langen Zeit blickt man erst einmal sehr kritisch auf einen seiner Lieblingsfilme. Blade Runner könnte ich auch heutzutage noch unendlich viele male schauen, ohne, dass die Flamme der Liebe jemals erlöschen würde. Kill Bill wiederum (Gesamtwerk), sehe ich heute mit 34 Jahren deutlich kritischer als als 18 jähriger. Und auch Donnie Darko muss sich keine Sorgen machen, von mir nicht mehr geliebt zu werden (vermutlich ist dem Film das sogar sehr egal ob ich ihn liebe oder nicht). Die ganze Faszination ist noch vorhanden. Dieser kleine verträumte Indie-Film übt noch immer eine gewaltige Wucht auf mich aus und dieses Zusammenspiel zwischen den verschiedenen Genres sowie der zeitlosen Musik funktioniert auch im Jahr 2021 noch bedingungslos. So sehr ich mir für Richard Kelly einen weiteren großen Wurf wünsche, so fest verankert wird er jedoch für immer mit Donnie Darko sein. Den Film als Karrierefluch zu sehen wäre eindeutig falsch (und so eine Einstellung hat er auch nie in Interviews an den Tag gelegt), da Kelly hier einen Film geschaffen hat, der den Test der Zeit bestanden hat und auch in vielen Jahren noch relevant sein wird. Es ist zudem auch ein Film, der in dieser Art und Weise kein zweites mal existieren könnte. Vielleicht ist dies einer der Gründe, wieso eine Fortsetzung in diesem Universum alles andere als ein brillanter Geniestreich war. Richard Kelly selbst hat zu S. Darko nie einen filmischen Kommentar abgegeben, denn er hat den Film nie gesehen.

Mit diesem hoffnungsvollen Schlusswort über unnötige Sequels möchte ich diese Retrospektive beenden. Ursprünglich sollte dies mal ein Meercast werden (meine eigene Variante eines Podcasts, die genau das ist, was der Name suggeriert), allerdings habe ich mich sehr kurzfristig für eine schriftliche Version entschieden. Einiges, was ich für diese Retrospektive plante, konnte ich in schriftlicher Ausführung leider nicht umsetzen. Vielleicht, aber auch nur vielleicht, wenn ich die UHD-Version in kommender Zeit mal gesehen habe, werde ich dies nachholen. Donnie Darko ist ein Film, der mir bis heute sehr viel bedeutet (und er gestern wieder eindrucksvoll bewiesen hat) und ich bin sicher, ihm einen eigenen Meercast in absehbarer Zeit widmen zu können.

Für alle, die den Film noch noch nicht gesehen haben: Wir schreiben das 20. Jubiläum des Films, wir haben Oktober und die Welt ist auch so gut wie untergegangen - worauf wartet ihr? Anschauen!


"Unser Leben hat nicht nur zwei Kategorien, so einfach ist das nicht." - Donnie Darko

Dienstag, 21. September 2021

Rezension: Heaven (Mieko Kawakami)

 

Foto: Aufziehvogel




Japan 2009
(Deutschland 2021)


Heaven
Originaltitel: Hevun
Autorin: Mieko Kawakami
Erscheinungsdatum und Verlag: 17.09.2021 bei DuMont
Übersetzung: Katja Busson
Format: Gebunden, E-Book
Genre: Jugenddrama




>>Ich... wie soll ich sagen... ich bin aus Angst eigentlich immer in Alarm. Zu Hause, in der Schule. Aber manchmal gibt es auch gute Momente, jetzt zum Beispiel, wenn ich mich mit dir unterhalte oder wenn ich dir schreibe. Das sind gute Momente. Momente, in denen ich mich sehr sicher fühle. Momente, die mich glücklich machen. Aber weder diese Glücksmomente noch der Alarm, in dem ich mich zumeist befinde, ist der Normalzustand, sie sind die Ausnahme... will ich wenigstens glauben... Mein Leben soll doch nicht nur aus Alarm und ab und zu ein bisschen Glück bestehen. Meine Norm soll weder Glück noch Alarm sein, sondern der Zustand dazwischen"<<, sagte sie und presste die Lippen aufeinander.

Durch den weltweiten Erfolg von "Brüste und Eier" sind auch internationale Verlage auf das Portfolio der japanischen Autorin Mieko Kawakami (nicht verwandt und zu verwechseln mit der ebenfalls bekannten Autorin Hiromi Kawakami) aufmerksam geworden. Setzt sich "Brüste und Eier" auf eine sehr unterhaltsame und tiefgründige Art mit dem Körper der Frau auseinander, so ist ihr bereits 2009 in Japan veröffentlichter Roman "Heaven" ein knallhartes Jugenddrama. Und wenn ich hier von "Knallhart" schreibe, dann ist der Begriff teilweise noch zurückhaltend, schmeichelnd. Die Geschichte fühlt sich an wie eine volle Breitseite in die Nieren, genau da, wo es weht tut. Wo es empfindlich ist. Wo wir auch einige Tage später noch etwas spüren. In diesem Drama um zwei Teenager-Außenseiter erzählt Mieko Kawakami nicht nur eine Geschichte über Mobbing, sondern auch um die allgemeinen Sorgen japanischer Teenager, die sich auch in der heutigen Zeit oftmals noch verloren fühlen und ihren Platz in der Gesellschaft suchen. Doch trotz der teils drastischen Schilderungen wird beim lesen relativ schnell deutlich, am Ende geht es nicht um kulturelle Probleme, sondern das Problem rund um Mobbing und soziale Ausgrenzung wird hier von der Autorin so gekonnt an dem Schopf gepackt, dass diese kulturellen Grenzen verschwinden und wir uns alle vielleicht schon einmal in einer ähnlichen Situation befanden wie die beiden Hauptcharaktere.

Heaven spielt im Japan der 90er. Die Wirtschaftsblase der 80er ist geplatzt und die Nachwirkungen sind immer noch zu spüren. Die Gesellschaft ist pessimistisch ein- und aufgestellt, jeder ist sich selbst am nächsten, lebt sein Leben für sich und achtet nicht auf sein unmittelbares Umfeld. Erzählt wird die Geschichte aus der Sicht eines namenlosen vierzehnjährigen Ich-Erzählers, der über seinen Alltag bzw. alltäglichen Horror berichtet, den er immer wieder aufs neue, immer in krasseren Dimensionen, erlebt. Aufgrund einer Fehlstellung der Augen (er schielt) ist der Erzähler das perfekte Opfer für die Schikanen seiner Mitschüler. Die Demütigungen und Erniedrigungen der Mitschüler scheinen wahllos ohne Sinn und Verstand zu sein, aber immer wieder mit dem Ziel, noch extremer zu werden. Im Vordergrund stehen hier die gutaussehenden, allseits beliebten Klassenkameraden Ninomiya und Momose. Eines Tages entdeckt unser Erzähler unter seinem Tisch an ihn adressierte Briefe. Positive, aufmunternde und optimistische Worte stecken in diesen Briefen. Unser Erzähler rechnet hier fest mit einer neuen Gemeinheit seiner Klassenkameraden. Wortlos nimmt er die Briefe entgegen und liest sie immer wieder. Eines Tages möchte sich die geheimnisvolle Person mit ihm treffen. Die Skepsis ist groß, die Neugier ist größer und dies ist der Moment wo unser Erzähler seine ebenfalls gehänselte Mitschülerin Kojima erstmals besser kennenlernt. Gemeinsam wollen sie das beste aus ihrer Situation machen.

>>Mögt ihr keine Tiere?<<, fragte Kojima mit großen Augen. Ihre Brauen zuckten, als wären sie lebendig.
>>Was heißt >nicht mögen<. Ich, für meinen Teil, hatte noch nie mit einem zu tun, habe also eher keinen Bezug dazu.<<
>>Ach so... na dann<<, sagte sie
>>Ich wäre aber nicht abgeneigt, glaube ich. Es ist bestimmt ein Unterschied, ob man mit einem Tier zusammenwohnt, das nicht spricht, oder einem Menschen<<, sagte ich.
>>Wie meinst du das?<<
>>Naja ich stelle mir vor, dass es sehr viel stiller ist<<, sagte ich.
>>Soll heißen, dass Menschen laut sind, selbst wenn sie nichts sagen?<<
>>Ich weiß nicht. Menschen denken ständig. Da sind Tiere doch stiller, oder?<<

Mieko Kawakami versetzt sich hier herausragend in die Rolle eines männlichen Erzählers. Dabei blitzt aber immer wieder auch die Feinfühligkeit auf, die nur eine Frau zu beschreiben vermag. Sowohl der Erzähler als auch Kojima habe ich schnell lieb gewonnen, die Autorin hat beide Charaktere mit einzigartigen Sichtweisen und Emotionen ausgestattet. Man möchte nicht, dass auch nur einer dieser beiden Charaktere weiter sinnlos schikaniert wird. Doch spätestens gegen Ende des Romans, als der Erzähler erstmals den Mut aufbringt sich einem seiner Peiniger in einem Gespräch zu stellen, da wissen auch wir Leser bescheid, so einfach tickt diese Welt nicht. So einfach ist die Gesellschaft nicht gestrickt. In diesem Gespräch wird dem Erzähler die Ungerechtigkeit, aber auch die Aussichtslosigkeit seiner Lage, schnell bewusst. Ob die Taten seiner Mitschüler Sinn ergeben oder nicht, es spielt keine Rolle. Nur weil wir Leser mit den Figuren im Roman sympathisieren, heißt dies nicht, dass ihnen auch ein guter Ausgang für ihre Geschichte vergönnt ist.

Und trotz dieser sehr pessimistischen Ausgangsposition, konnte ich die Seiten kaum schnell genug umblättern. Teilweise waren die extremen Schilderungen der Schikanen gegen die beiden Hauptcharaktere, besonders gegen den Erzähler, schwer zu verdauende Kost. Die Autorin hält sich nicht mit detailreichen Einzelheiten zurück und nimmt auch, ganz bewusst, keine Rücksicht. Für einige mag Mieko Kawakami hier vielleicht eine Grenze überschreiten. Doch würde Heaven ohne diese drastischen, detailreichen Schilderungen nicht funktionieren. Der Roman läuft nach einem bestimmten Muster ab. Es ist eine Tour de Force, doch den Lesern werden auch Verschnaufpausen gegönnt. Und dies sind die Momente, diese Momente der Ruhe und Harmonie zwischen den beiden Charakteren, die diese Geschichte auch ihre Seele verleihen. So erfährt man überraschend schnell, was es mit dem Wort "Heaven" auf sich hat und trotzdem irgendwie mysteriös bleibt und gleich auf mehreren Ebenen einen Bedeutung hat. In diesen wundervoll tiefgründigen Gesprächen zwischen dem Erzähler und Kojima kommt die Erzählkunst von Mieko Kawakami vollends zur Geltung. Die Parallelen zum Schreibstil von Haruki Murakami, der Autor, der so eine Inspiration für ihr Werk war und den sie gleichmäßig stark kritisiert, sind unverkennbar.


>>Sie fürchten sich, weißt du... vor deinem Auge<<, sagte sie, die Stimme leise, aber klar und fest. >>Sie sagen zwar, dass sie es >eklig< finden, aber das stimmt nicht. Sie haben Angst, einfach nur Angst. Nicht vor deinem Auge, sondern vor dem Unbekannten. In der Gruppe fühlen sie sich stark, alleine sind sie nichts, sind sie schwach, eine Bande von Schwächlingen, die sich vor allem fürchtet, das anders ist, und die deshalb versucht, es zu zerschlagen. Es auszutreiben. Sie geben sich stark, aber in Wirklichkeit haben sie Angst.<<



Abschließende Worte

Heaven hat zwei Seiten an sich. Eine hässliche Seite, die nicht davor zurückschreckt, in die tiefsten Details zu gehen, wie man zwei Menschen quälen kann. Doch Heaven besitzt auch eine wunderschöne Seite, eine Seite, die Trost spendet und die Schönheit des Lebens zelebriert. Es ist ein sehr dünner Faden, der diese beiden Seiten zusammenhält. Am Ende wird er reißen, doch die Leser müssen für sich entscheiden, auf welcher Seite dieser lose Faden hängenbleibt. Diese beiden Seiten spielt die Japanerin großartig aus und verleiht einer so simplen Geschichte damit enorm viel Tiefgang. Mieko Kawakami ist hier ein wachrüttelnder Roman gelungen, der sicherlich nicht leicht zu konsumieren ist, aber genau dies auch die Intention war. Durch diese packenden Schilderungen besteht nie auch nur die geringste Gefahr, beim lesen dieser Grausamkeiten abzustumpfen und alles einfach nur noch gelangweilt zur Kenntnis zu nehmen. Heaven's Only Wishful, oder etwa doch nicht? Die Antwort darauf wird man vielleicht finden, wenn man die beiden Charaktere bis zum Ende ihres Weges dieser Geschichte begleitet.

Dienstag, 31. August 2021

Sommerlektüre 2021: Der Brand - Daniela Krien (Rezension)

 



Deutschland 2021


Der Brand
Autorin: Daniela Krien
Verlag: Diogenes
Veröffentlichung: 28.07.2021
Genre: Beziehungsdrama



"Peter sitzt in einem Abstand von einem guten Meter neben ihr. Er streichelt die einohrige Katze, die in monotonem Rhythmus mit dem Schwanz auf sein Hosenbein klopft. Ihr Schnurren ist so laut, dass es beinahe bedrohlich klingt. Seine ganze Aufmerksamkeit gilt diesem reizlosen Tier. Früher hätten sie sich nach solch einem Essen verschwörerisch angelächelt, und dieses wissende Lächeln hätte ihre Einheit betont. Heute ist Peter vollauf zufrieden, wenn ein alter Gaul, eine lädierte Katze und ein pflegebedürftiger Storch ihm Gesellschaft leisten."


Bei meiner diesjährigen Sommerlektüre handelt es sich nicht um die gleichnamige Biografie des Fußballers, wo der Biograf auf einmal beim Titel vergessen hat, wie der Junge eigentlich geschrieben wird. Bei "Der Brand" handelt sich stattdessen um den neusten Roman der Schriftstellerin Daniela Krien, die mich bereits im vergangenem Jahr zur gleichen Zeit mit ihrem Roman "Die Liebe im Ernstfall" begeistern konnte, dementsprechend ist der Zeitpunkt für die Veröffentlichung meiner Besprechung ihres neusten Romans nicht ganz zufällig gewählt.

In "Der Brand" befasst sich die Autorin diesmal nicht mit einer Gruppe von Frauen und ihren unterschiedlichen Schicksalsschlägen, sondern mit einem Ehepaar, deren Ehe kurz davor ist, auszubrennen. In diesem Brennpunkt stehen Rahel (aus ihrer Sicht wird die Geschichte erzählt), eine Psychologin, und Peter, ein Professor an einer Uni. Entstanden sind aus der Ehe zwei Kinder. Über Jahrzehnte war das Ehepaar ein Bündnis, die eine Person hat die andere unterstützt. Doch vieles hat sich schleichend bei den beiden verändert. Rahel ist eine Frau in den Wechseljahren, die mit ihren Hormonen und Emotionen kämpft, Verlangen verspürt und mit ihren eigenen Problemen und Spleens alle Hände voll zu tun hat. Peter durchlebt eine Midlife Crisis, geriet bei seinem Posten an der Uni in einen Skandal und fühlte sich von Rahel während dieser Zeit missverstanden und, für ihn der wohl wichtigste Punkt, vernachlässigt. Peter distanzierte sich durch den Vorfall immer weiter von Rahel bis zu einem Punkt, wo besonders sexuelle Aktivitäten kein Thema mehr für Peter sind und ihr dies schonungslos mitteilt. Rahel versucht, ihre Ehe zu retten und plant mit Peter zu verreisen, nur sie zwei, weg von den Problemen, von dem Virus und von dem kompliziertem Verhältnis von Rahel zu ihrer Tochter Selma. Doch ein Brand sollte verhindern, dass die Destination das Ehepaar zu dem Ort hinführt, den Rahel und Peter eigentlich dafür nutzen wollten, ihre kriselnde Ehe wieder geradezurücken.

Wie eine Zen-Meisterin geht Daniela Krien das schwierige Thema in aller Gelassenheit und Ruhe an. Nimmt sich Zeit für jede Szenerie, für jede Gefühlssituation ihrer Charaktere und lässt ihnen besonders in den Dialogen Zeit, miteinander zu kommunizieren. Ich konnte mich nicht nur in das Ehepaar hineinversetzen, sondern auch in ihre Tochter Selma, die ihren Platz im Leben nie wirklich gefunden zu haben scheint und teilweise eine anstrengende, rastlose junge Frau ist. Die Geschichte entwickelt sich schnell zu einer interessanten Charakterstudie, die sicherlich nicht nur für Leute in einem reiferen Alter interessant sein dürfte. Die Geschichte von Rahel und Peter finde ich insofern interessant, weil sie authentisch ist und ohne viel Drama, Kitsch oder sonstigen Ablenkungen auskommt. Ich hatte zahlreiche Momente, wo ich mit Rahel mitfühlen konnte. Eine Frau, die sich nach dem sexuellen Verlangen ihres Ehemanns sehnt, genau so häufig aber fand ich auch Gelegenheiten, sie zu kritisieren und das gleiche gilt selbstverständlich auch für Peter. Hier spielt die Autorin all ihre Stärken aus, indem sie ihre Charaktere diesen Feinschliff verleiht. Und dieser Feinschliff besteht daraus, dass die Charaktere selbst ungeschliffen sind. Rahel, Peter wie auch Selma bringen all ihre Probleme und Unvollkommenheiten mit sich. Sie sind genau so wie die Personen, die gerade dieses Buch in den Händen halten. Nachdenklich, mit Ticks versehen und auf der Suche nach Zuneigung. Im Falle von Peter wird sehr schnell jedoch deutlich, wie weit er sich von seiner Frau entfernt, indem er Tieren mehr Zuneigung schenkt als seiner Frau, was insofern eine Ironie des Schicksals ist, da Peter mit Tieren nie etwas anfangen konnte und den Kindern nach unzähligem Versuchen des Bettelns nie ein Haustier gestattet hatte.

Daniela Krien ist hier noch einmal nach ihrem letzten Roman gewachsen, was auch daran liegt, dass sie sich hier auf deutlich weniger Figuren beschränken muss. Brachte "Die Liebe im Ernstfall" durch die vielen Protagonistinnen noch ein gewisses Chaos mit sich, verhält es sich in "Der Brand" komplett anders. Die Geschichte wirkt durch den Aufbau natürlich linearer, dies kommt der Geschichte aber stets entgegen. Eine Sache, die ich jedoch vielleicht ein wenig "ausgebrannt" finde, sind die Anspielungen auf Ost- und Westdeutsche Familien. Sobald die Autorin darauf anspielt, fühlt es sich ein wenig erzwungen an, einfach um des Willens, dieses Thema irgendwie einzubauen. Damit will ich das Thema nicht runterspielen da es besonders für das Verhältnis zwischen Rahel und ihrer Tochter Selma wichtig ist. "Der Brand" ist jedoch eigentlich eine Geschichte, die komplett ohne die alten Dämonen der Vergangenheit auskommt. Da ich jedoch aus einer anderen Generation stamme, habe ich natürlich hier eine andere Sichtweise.


"Ein Bild schießt ihr in den Kopf: Die winzige Selma, die in ihrem Gitterbettchen liegt und schreit. Doch niemand kommt, um sie zu trösten. Und sie erinnert sich an die stolzen Berichte von Peters Mutter: Mit sechs Monaten schlief Selma durch, mit achtzehn Monaten war sie tagsüber windelfrei, und sie lachte immer. So ein freundliches Kind, sagten die Nachbarn, so ein Sonnenschein."




Abschließende Worte

Daniela Krien ist mit "Der Brand" erneut ein großer Wurf gelungen. Diesmal noch strukturierter und geordneter als noch bei ihrem letzten Roman. Es ist eine Geschichte, mit der wir uns alle identifizieren können oder uns irgendwann mal damit identifizieren werden, ganz gleich wie alt wir sind oder welches Geschlecht wir haben. Sie schreibt hier über ein zeitloses Thema und baut glaubhafte Charaktere ein, die diese Zeitlosigkeit bestens vermitteln. Meine Sommerlektüre 2021, ganz und gar nicht ausgebrannt.

Freitag, 13. August 2021

Mieko Kawakami im Gespräch mit Haruki Murakami

 

Copyright: Shinchosha


Dieses Interview wurde ins Englische übersetzt von Sam Bett und David Boyd und auf Literary Hub am 07.04.2020 veröffentlicht.

Deutsche Übersetzung aus dem Englischen: Aufziehvogel

"Am Meer ist es wärmer" steht nicht zwangsläufig für die Aussagen, die die Autoren hier treffen und veröffentlicht diesen Teil des Interviews als neutraler Leser.
-------------------------------------------------------------------------


Haruki Murakami ist nicht unbedingt für seine Präsenz in der Öffentlichkeit bekannt. Auch Interviews gibt er relativ selten. Zuletzt hörte man ihn im Rahmen einer Pandemie-Aktion als Radiomoderator und Disc Jockey.

Drehen wir die Zeit ins Jahr 2017 zurück entstand jedoch eine Reihe recht außergewöhnlicher Interviews. Die Interviewpartnerin war hierbei die erfolgreiche Autorin und Feministin Mieko Kawakami, die nicht nur ein großer Bewunderer Murakamis ist, sondern auch gleichfalls eine große Kritikerin was seine Darstellung von Frauen in seinen Romanen angeht. Doch hat sie dafür nicht nur Kritik übrig, sondern auch einiges an Anerkennung. Die Bewunderung gilt auf beiden Seiten, so schätzt Murakami auch das Werk von Kawakami sehr und erklärte sich einverstanden und in insgesamt 4 Sitzungen mit einer Gesamtlänge von 16 Stunden tauschten sich die beiden aus. Große Teile des Interviews brachte Shinchosha später als Sammelband unter dem Titel "The Owl Spreads Its Wings with the Falling of the Dusk" (hierbei handelt es sich um einen provisorisch übersetzten Titel der amerikanischen Übersetzer).

Das Buch setzt sich selbstverständlich mit einer großen Fülle an Themen auseinander. Was hier als Interview präsentiert wird ist also nur ein kleiner Teil eines größeren Werks und setzt sich kritisch mit dem Thema Haruki Murakami und seinen weiblichen Charakteren auseinander.


Infos zur englischen Übersetzung: Die englische Übersetzung des Interviews stammt von Sam Bett und David Boyd. Sam Bett übersetzte bereits die englische Ausgabe von "Brüste und Eier" und wurde teilweise für seine Adaption kritisiert. Zusammen mit David Boyd übersetzte er nicht nur die englische Version dieses Interviews sondern auch die kürzlich veröffentliche englische Übersetzung von "Heaven", ebenfalls von Mieko Kawakami. Das übersetzte Interview liest sich an vielen Stellen, besonders, wenn explizit auf Inhalte von Haruki Murakamis Romane eingegangen wird, recht holprig. Insofern wird sich auch meine Übersetzung des Interviews holprig lesen. In keiner Weise möchte ich hier eine professionelle Übersetzung meinerseits bewerben, aber sie erfüllt denke ich ihren Zweck.

Bei sämtlichen im Interview erwähnten Titel von Haruki Murakami übernahm ich die deutschen Titel, Veröffentlichungsdaten und Zitate. Das im ersten Teil des Interviews verwendete Zitat stammt aus der Neuübersetzung von "Die Chroniken des Aufziehvogels" (ehemals Mister Aufziehvogel).


Dieses Interview enthält entscheidende Spoiler für "Die Chroniken des Aufziehvogels", "1Q84", "Die Ermordung des Commendatore", "Schlaf" sowie "Das grüne Monster".
---------------------------------------------------------------------------------------------


Mieko Kawakami im Gespräch mit Haruki Murakami - Die Kritik einer Feministin gegenüber dem Werk von Haruki Murakami



MK= Mieko Kawakami
HM= Haruki Murakami


MK: Ich bin sehr neugierig was den Charakter Mariye Akigawa aus „Die Ermordung des Commendatore“ angeht. Ich bemerkte, wie belastend es für sie war, dass ihre Persönlichkeit so sehr mit ihren Brüsten verbunden ist. Das war bisher nie der Fall mit den jungen Frauen in deinen anderen Romanen. Ich beziehe mich hier auf Charaktere wie Yuki in „Tanz mit dem Schafsmann“ oder May Kasahara in „Die Chroniken des Aufziehvogels“. Ich denke an die Szene wo May Kasahara über „Das Segment des Todes... Etwas was sich anfühlt wie ein Softball, elastisch und weich“ spricht. Sehen wir von dem Protagonisten mal ab, May hat diese unglaublich starken Passagen über das gesamte Buch verteilt, über die düstere Unterscheidung zwischen sich selbst verletzten und andere verletzten, oder dein eigener Tod und dem Tod anderer. Diese Passagen sind fantastisch. Es fängt exakt den Spirit ein, wie es ist, ein Mädchen zu sein. Ich liebe diese Passagen so sehr. Yuki und May reden nicht sehr oft über ihre Brüste oder ihre Körper. Aber Mariye in „Die Ermordung des Commendatore“...


HM: Sie ist wirklich sehr darauf fixiert. Es ist beinahe eine Obsession.


MK: Sicher, aber denkst du nicht, dass sie ein wenig zu sehr darauf fixiert ist? In der Sekunde wo sie mit dem Ich-Erzähler alleine ist, diesem Typen, den sie nie vorher getroffen hat, die ersten Worte, die aus ihrem Mund kommen sind so etwas wie „Meine Brüste sind wirklich klein, findest du nicht?“ Ich fand das sehr überraschend. Woher kommt diese Obsession mit Brüsten?


HM: Ich würde nicht unbedingt sagen, es kommt von irgendwoher. Ich stelle mir einfach vor, es gibt Mädchen da draußen die so denken.


MK: Aber was ist mit der Distanz zwischen ihr und dem Ich-Erzähler?... Wenn Mariye damit anfängt, ihn über ihre Brüste zu fragen, hattest du je eine schwere Zeit damit herauszufinden, wie er wohl darauf reagieren würde?


HM: Ich verstehe dich. Aber alleine der Fakt, dass sie ihn um seine Meinung über ihre Brüste fragt legt nahe, dass sie ihn nicht wirklich als „Mann“ wahrnimmt. Sie sieht ihn nicht als sexuelles Objekt. Das stärkt die Introspektive oder die philosophische Natur ihres Dialogs. Das ist die Art von Verhältnis, welches Mariye mit ihm führen möchte. Ich habe das Gefühl, sie sucht schon eine ganze Weile nach einer Person, mit der sie über so etwas reden kann. Ich denke, wir können uns darüber einig sein. Generell gesagt, sollte dir auffallen, dass eine andere Person dich als Lustobjekt betrachten könnte, dann würdest du nicht anfangen, darüber zu reden, dass deine Brüste nicht wachsen oder wie klein deine Brustwarzen sind.


MK: Ich kann deinen Punkt nachvollziehen, aber ich habe es genau anders gesehen. Nämlich, Mariye fängt nur darüber an zu reden, um für ihn sexuell attraktiv zu wirken. Aber du sagst, es würde in Wahrheit die ganze sexuelle Atmosphäre zwischen den beiden tilgen und stattdessen den philosophischen Aspekt ihrer Unterhaltung?


HM: Korrekt. Das Endergebnis ist, die Dialoge zwischen Mariye und dem Ich-Erzähler werden zur treibenden Kraft in dem Roman. Ihr Austausch wirft neues Licht auf die Geschichte.


MK: Mit anderen Worten, die Konversation liefert uns mehr Informationen über die Persönlichkeit und der Darstellung des Ich-Erzählers, der andererseits weiterhin mysteriös und verschlossen auf die Leser wirken könnte.


HM: Richtig. Er ist eine Person, bei der sich eine zwölfjährige wohlfühlen würde, über ihre Brüste zu reden. So ein Typ ist er.


MK: Das bringt mich zu einer weiteren Frage über die Frauen in deinen Romanen. Etwas, was mir oft auffällt wenn über deine Werke gesprochen wird. Ich denke darüber nach wie Frauen in deinen Werken dargestellt werden und welche Rollen du ihnen zuweist.

Für meine weiblichen Freunde ist es normal zu mir zu sagen, „Wenn du die Romane von Haruki Murakami verehrst, wie rechtfertigst du die Darstellung von Frauen in seinen Geschichten?“ Die Vorstellung, da könnte etwas befremdliches in der Darstellung von Frauen in deinen Geschichten sein. Es verärgert manche Leute, sowohl Männer wie auch Frauen.


HM: Ist das so?


MK: Das geht darüber hinaus ob sie realistisch dargestellt oder authentisch beschrieben werden. Es hat mehr mit den Rollen zu tun, die sie spielen. Als Beispiels, wie vorhin schon gesagt, die Frauen fungieren als eine Art Orakel, so, als wären sie eine Art Schicksalsgöttin.


HM: Sie nimmt dich bei der Hand und führt dich woanders hin.


MK: Ganz genau. Sie löst eine Metamorphose im Protagonisten aus. Es gibt viele Beispiele wo Frauen als eine Art Tunnel präsentiert werden oder Möglichkeiten zu einer Transformation des Protagonisten.


HM: Selbstverständlich. Ich sehe, dass diese Elemente durchaus gegeben sind.


MK: In diesen Transformationen, wo Sex als eine Art Zugang in ein unbekanntes Reich dargestellt wird, da bleibt den weiblichen Charakteren eigentlich nichts anderes übrig, als den sexuellen Partner des heterosexuellen Protagonisten zu spielen. Von einem gewissen Standpunkt aus betrachtet, ich denke, eine menge Leser würden darüber debattieren, ob Frauen für immer dazu bestimmt sind in diese sexuelle Schublade gesteckt zu werden, nur weil sie Frauen sind. Ich würde gerne deine Gedanken dazu hören.


HK: Ich weiß nicht ob ich dir folgen kann. Was genau meinst du mit „Einer bestimmten Rolle“ bei weiblichen Charakteren?


MK: Ich rede von der großen Anzahl an weiblichen Charakteren, die lediglich dazu existieren, eine sexuelle Rolle auszufüllen. Auf der anderen Seite, deine Werke sind grenzenlos kreativ wenn es um die Handlung einer Geschichte geht, um Brunnen und um Männer, aber das gleiche kann man nicht über ihre Beziehung zu Frauen sagen. Für diese Frauen ist es unmöglich, für sich selbst zu existieren. Und obwohl es weibliche Protagonistinnen, oder sogar ein paar weibliche Nebencharaktere gibt, die dank ihrer Unabhängigkeit eine gewisse Selbstdarstellung genießen, so gibt es doch diese dauerhafte Tendenz, dass die Frauen am Ende dem männlichen Protagonist "geopfert" werden. Die Frage ist also, warum spielen so oft Frauen in Haruki Murakamis Romanen dieses Rolle?


HM: Jetzt verstehe ich, alles klar.


MK: Würdest du deine Gedanken darüber teilen?


HM: Das wird wohl nicht die befriedigendste Erklärung sein, aber ich glaube einfach, keiner meiner Charaktere ist so komplex. Der Fokus liegt auf der Verbindungsfläche, oder wie sich diese Menschen, sowohl Männer wie auch Frauen, mit der Welt, in der sie Leben, auseinandersetzen. Wenn überhaupt nehme ich große Rücksicht darauf, nicht zu sehr in die Bedeutung der Existenz, deren Wichtigkeit oder Bedeutung, einzudringen. Wie ich vorher schon gesagt habe, ich bin nicht interessiert in individualistische Charaktere. Und das trifft sowohl auf männliche wie weibliche Charaktere zu.


MK: So ist das also.


HM: Ich glaube in 1Q84 habe ich bisher die meiste Zeit damit verbracht, mich mit einem weiblichen Charakter auseinanderzusetzen. Aomame ist enorm wichtig für Tengo und das selbe gilt für Aomame, für sie ist Tengo enorm wichtig. Ihre Wege scheinen sich nie zu kreuzen. Aber die Geschichte fokussiert sich darauf, dass sich ihre Wege vereinen. Sie teilen sich die Rolle des Protagonisten/der Protagonistin. Am Ende sind sie beide vereint. Zwei werden eins. Es gibt keine sexuellen Auseinandersetzungen zwischen den beiden mit Ausnahme des Endes. In diesem Sinne sage ich, sie sind gleichberechtigt während des gesamten Romans, denn die Geschichte ist abhängig von beiden.


MK: In deinen längeren Romanen geht es oft darum, dass ein Kampf gegen ein größeres Übel ausgefochten wird. In „Die Chroniken des Aufziehvogels“ stehen Toru und Kumiko Okada Noburo Wataya gegenüber, in 1Q84 bekämpfen Aomame und Tengo eine böse Macht. Was diese beiden Romane gemeinsam haben ist, dass die Männer im Reich des Unterbewusstseins kämpfen.


HM: Wenn du es so siehst, natürlich. Vielleicht liegt es daran, dass die üblichen Geschlechterrollen hier vertauscht sind. Wie würdest du dies aus der Sicht einer Feministin sehen? Ich bin mir da selbst nicht sicher.


MK: Meine Ansicht ist folgende; deine männlichen Charaktere fechten ihren Kampf im Unterbewusstsein aus, während die weiblichen Charaktere ihre Kämpfe in der realen Welt ausfechten. Als Beispiel, in „Die Chroniken des Aufziehvogels“ ist es Kumiko, die den Stecker der Lebenserhaltungssysteme zieht und damit Noburo Wataya tötet und dafür die Konsequenzen trägt. In 1Q84 wird der Anführer der Sekte von Aomame getötet. Zugegeben, die Kritik einer Feministin bezüglich zu jedem einzelnen Roman ist nicht nötig, aber die Romane aus der Sicht einer Feministin zu lesen, die gewöhnliche Reaktion wäre folgende: „Okay, hier ist eine weitere Frau dessen Blut für die Selbstverwirklichung eines Mannes vergossen wurde."

Etliche Frauen in der realen Welt haben Erfahrungen darin, wo es bedeutet, eine Frau zu sein macht das Leben unerträglich. Opfer von Sexualverbrechen, die beschuldigt werden, in Wahrheit darum gebeten zu haben. Es kommt darauf an, dass es einer Frau gleichkommt, sich schuldig zu fühlen, den Körper einer Frau zu haben und dies gleichbedeutend damit ist, ihre Existenz als Frau zu leugnen. Es gibt vermutlich etliche Frauen da draußen die nie darüber nachgedacht haben, aber es gibt das Argument, dass diese Frauen von der Gesellschaft so sehr unter Druck gesetzt wurden, ihre Gefühle zu unterdrücken. Das ist der Grund, wieso es so ermüdend ist, dieses Schema in Romanen zu entdecken, eine Erinnerung daran, wie Frauen für die Selbstverwirklichung oder dem sexuellen Verlangen der Männer geopfert werden.


HM: Ich denke, jedes Schema tritt vermutlich völlig zufällig auf. Solche Szenarien baue ich nie mit Absicht ein. Ich denke, für eine Geschichte ist es möglich, sich auf so einem unbewusstem Level abzuspielen. Es soll nicht abweisend klingen, aber mein Schreibstil folgt keinem traditionellem Schema. Nehmen wir „Naokos Lächeln“ als Beispiel wo Naoko und Midori gleichermaßen mit ihrem Unterbewusstsein und ihrem Bewusstsein ringen. Der Ich-Erzähler ist von beiden gefesselt und es besteht Gefahr, seine Welt in zwei Teile zu reißen. Dann haben wir „After Dark“. Die Geschichte wird fast ausschließlich von dem Wille der weiblichen Charaktere angetrieben. Ich kann also nicht zustimmen, dass Frauen in meinen Geschichten immer nur dazu bestimmt sind, irgendwelche sexuellen Schicksalsgöttinnen oder etwas dergleichen zu spielen. Selbst dann, als ich die Handlung der einzelnen Romane allmählich vergessen habe, diese weiblichen Charaktere sind bei mir geblieben. Wie Reiko oder Hatsumi in „Naokos Lächeln“. Selbst jetzt, wenn ich an sie denke, werde ich sehr emotional dabei. Diese Frauen sind nicht bloß schriftstellerische Instrumente für mich. Ich suche hier nicht nach Ausreden. Ich spreche hier von Gefühlen und Erfahrung.


MK: Ich verstehe, was du meinst. Als Autorin bin ich selbst sehr mit dem vertraut, was du über Gefühle gesagt hast. Gleichermaßen sehe ich aber auch Leser, die bei ihrem Leseerlebnis genau das denken, worüber wir uns die ganze Zeit unterhalten haben.

Etwas, was du gesagt hattest ist sehr wichtig für mich. Die Idee, dass deiner Meinung nach Frauen mit dieser Sexualisierung überhaupt nichts zu tun haben müssen und die Story aus ganz anderen Gründen vorantreiben können.


HM: Richtig. Ich denke, Frauen haben recht verschiedene Eigenschaften im Vergleich zu Männern. Vielleicht ist es ein Klischee, aber so sichern sich Männer und Frauen ihr Überleben – sie helfen einander, gleichen die Schwächen des jeweils anderen aus. Manchmal bedeutet das aber auch geschlechtliche Rollen oder Funktionen zu tauschen. Ich denke, es kommt auf die Person und ihren Umständen an, ob sie dies als natürlich oder künstlich, gerecht oder ungerecht sehen. Egal ob sie Geschlechtsunterschiede als starke Ablehnung oder als harmonisches Gleichgewicht sehen. Vermutlich geht es weniger darum, das auszugleichen, was uns fehlt, sondern vielmehr darum, uns gegenseitig auszubremsen. Was mich angeht, ich kann diese komplizierten Fragen nur angehen, wenn ich schreibe. Ohne zu verlangen, ob es positiv oder negativ ist, ist das Beste, was ich tun kann, mich diesen Geschichten so zu nähern, wie sie in mir schlummern. Ich bin kein Denker, Kritiker oder sozialer Aktivist. Ich bin lediglich ein Schriftsteller. Wenn mir jemand sagt mein Werk sei fehlerhaft aus der Perspektive einer bestimmten Philosophie oder könnten einen weiteren Denkanstoß vertragen, das einzige, was ich anbieten kann, ist eine ernst gemeinte Entschuldigung und sage: „Es tut mir leid“. Ich bin der Erste, der sich dafür entschuldigen würde.


MK: In den Hardboiled Romanen von Raymond Chandler, Frauen tauchen meistens mit einer Mission oder einen Job für den Mann auf, den er ausführen soll. Bis zu einem gewissen Grad muss deine Sichtweise über Frauen von den Romanen beeinflusst sein, die du liest weil genau dies der größte Einfluss für unsere eigenen Werke ist.

Jedoch, von allen Frauen über die du geschrieben hast, die, die mir am meisten in Erinnerung geblieben ist, ist die Protagonistin aus der Kurzgeschiche „Schlaf“ aus dem Erzählband „Der Elefant verschwindet“. Ich lese etliche Romane über weibliche Charaktere die von Frauen geschrieben wurden und etliche weibliche Charaktere die von Männern geschrieben wurden, aber bis heute habe ich nie einen weiblichen Charakter kennengelernt wie in der Kurzgeschichte „Schlaf“. Das ist eine außergewöhnliche Leistung.


HM: Diese Geschichte wurde damals im New Yorker veröffentlicht, zu einer Zeit, als ich praktisch noch ein komplett unbekannter Schriftsteller in Amerika war. Eine menge Leute, die die Geschichte gelesen hatten, dachten, Haruki Murakami sei eine Frau. Ich habe sogar etliche Briefe von Frauen erhalten, die sich für die Geschichte bei mir bedankten. Mit so etwas hätte ich nicht gerechnet.


MK: Liege ich richtig damit, dass „Schlaf“ deine erste Geschichte war, die aus der Perspektive einer Frau geschrieben wurde?


HM: Ja, ich denke damit liegst du richtig.


MK: Was hat dich dazu gebracht, eine Geschichte aus der Sicht einer Frau zu schreiben? Kam das einfach so?


HM: Ich habe die Geschichte geschrieben während ich in Rom gelebt habe. Ich hatte zwar keinen nervlichen Zusammenbruch, aber ich war sehr aufgewühlt von all dem Publicity-Trubel rund um „Naokos Lächeln“, ein Mega-Bestseller in Japan zu der Zeit. Ich hatte genug und wollte in eine andere Welt flüchten. Ich habe also Japan verlassen und bin für einige Zeit in Italien untergetaucht. Ich fühlte eine Art von Depression die es mir unmöglich machte, zu schreiben. Aber eines Tages ergriff mich der Drang wieder etwas zu schreiben und das war der Moment als ich „TV People“ und „Schlaf“ schrieb. Ich erinnere mich, es war Anfang Frühling.


MK: Welche Geschichte hast du zuerst geschrieben? „TV People“?


HM: Ich glaube, „TV People“ kam zuerst. Ich sah ein Musikvideo von Lou Reed auf MTV, was mich so inspirierte, dass ich die Geschichte in einem Durchmarsch schrieb. Dann hatte ich mich für eine weibliche Erzählerin in „Schlaf“ entschieden. Das fühlte sich am besten an, was ich zur damaligen Zeit ausdrücken wollte und wie ich mich fühlte. Ich wollte etwas Abstand, vielleicht sogar vor mir selbst. Vielleicht war das der Grund, wieso ich mich für eine weibliche Erzählerin entschieden habe. Wenn ich mich recht erinnere, habe ich diese Geschichte ebenfalls sehr zügig geschrieben.


MK: „Schlaf“ ist großartig. Nicht schlafen zu können ist wie in einer Welt zu leben, wo der Tod nicht existiert. Diese Unruhe, diese distinktive Anspannung die niemals abfällt. Es ist eine nahezu perfekte Metapher für die Existenz der Frau... Ich nehme an, es hat dich einige Tage gekostet, die Geschichte zu schreiben? In Anbetracht der Tatsache, dass es eine Kurzgeschichte ist.


HM: Das müsste korrekt sein, aber der Feinschliff nahm rund eine Woche in Anspruch.


MK: Ich weiß, dass es mich einige Tage kostete, mich Zeile für Zeile bei „Schlaf“ durchzuarbeiten. So einen weiblichen Charakter hatte ich zuvor noch nie gelesen. Als Frau was es so eine Freude für mich, solch einer neuartigen Frau in einer Geschichte zu begegnen. Ganz zu meiner Überraschung weil sie auch noch von einem Mann geschrieben wurde. Die Geschichte zu lesen war so eine wundervolle Erfahrung für mich.

Von all den weiblichen Charakteren in deinen Romanen, die Frau aus „Schlaf“ sticht daraus hervor. Als ich als Feministin diesen Charakter entdeckt habe, da hat sie ein Vertrauen zwischen mir und deinem Werk aufgebaut - wohlgemerkt ein erhebliches Maß an Vertrauen. 

Ich weiß, dass du Übersetzungen ins Japanische von Kurzgeschichten der Autorin Grace Paley angefertigt hast, vielleicht gibt es hier ja eine Verbindung. In Verbindung damit, wie du dir weibliche Charaktere ausdenkst.


HM: Das würde ich nicht unbedingt sagen, Ich entschied mich, einige Werke von Grace Paley zu übersetzen, weil ich es sehr interessant finde. Ich war mir nicht wirklich bewusst, wie sie Frauen darstellt. Als ich „Schlaf“ geschrieben habe, da habe ich einfach das niedergeschrieben, was ich gerade gedacht hatte, mit der Hoffnung, dies könnte etwas sein, was eine Frau unter solchen Umständen vielleicht denkt. Der Erzähler der Geschichte war hier einfach diesmal eine Frau. Ich hatte nie die Intention, den weiblichen Verstand in dieser Geschichte zu erkunden.


MK: Wenn man einen weiblichen Charakter schreibt, da gibt es verschiedene Motive die man benutzen kann um die Erwartungen von männlichen oder weiblichen Lesern zu befriedigen, was eine glaubhafte Frau ausmacht. Aber in dieser Geschichte gibt es so etwas nicht.


HM: Mit Ausnahme des Endes, wenn sie ihren Wagen in der nähe der Uferpromenade in der Nacht parkt. In dieser einen Szene war ich mir absolut bewusst, dass der Hauptcharakter eine Frau ist. Zwei Typen umzingeln den Wagen in einer finsteren Nacht und rücken ihn gerade? Das muss wirklich beängstigend sein.


MK: Ich denke auch für einen Mann wäre das sehr beängstigend, aber vermutlich noch mehr für eine Frau.


HM: Allen voran schrieb ich den Charakter als menschliches Wesen, ohne mir ihres weiblichen Geschlechts bewusst zu sein.


MK: Richtig. Ich denke es ist der Weg, Distanz zu wahren, sich auf den Mensch zu konzentrieren - denn darum geht es, der menschliche Aspekt des weiblichen Charakters - dies erhellt ihren Status als eine Frau, zumindest meiner Ansicht nach. So eine Frau habe ich nie zuvor gelesen. Was für eine fantastische Geschichte.


HM: Rückblickend denke ich, es hätte gleichmäßig funktionieren können wenn der Hauptcharakter ein Hausmann gewesen wäre und die Frau eine Ärztin oder Zahnärztin, und der Ehemann könnte nicht schlafen und ist die ganze Nacht wach, verbringt die Zeit damit zu kochen, die Wäsche zu waschen oder was auch immer. Dennoch denke ich, in einigen Punkten hätte so etwas auch sehr anders werden können.


MK: Ich denke, es ist wichtig, dass das Paar einen Sohn hat. Es ist die Frau, die das Kind gebärt. Ihr Bewusstsein dafür gibt ihr ein Gefühl der Verzweiflung, dass der Vater nicht teilen kann.


HM: Das ist auch einen Groll, den sie gegenüber ihrem Ehemann hegt. Ich glaube, so eine Art Groll ist einzigartig bei Frauen.


MK: Es geht über diesen Groll hinaus, aber da ist eindeutig etwas dran.


HM: Ja. Manchmal wenn ich einen Rundgang um das Haus mache, da spüre ich es hinter mir. Es sickert in die Räume.


MK: Ich würde jederzeit dieses sickern wählen. In den meisten Ehen ist es eher eine Sturzflut! Also denke ich darüber nach, wie der Sohn und der Vater dargestellt werden, die die Dinge auf ähnliche Weise angehen und wie sie ihr zuwinken. Für dich als Leser wird der Groll nicht als solcher ausgesprochen, der Leser muss dies als eine unerklärbare Empfindung verarbeiten. Die Erzählerin Anna Karenina lesen zu lassen war ebenfalls eine gute Idee.


HM: Anna Karenina. Ein weiteres klassisches Beispiel eines Grolls gegen den Ehemann gerichtet. Vielleicht fühlte Tolstoy in seinem privaten Leben eine ähnliche Anspannung in seine Räume fließen.


MK: Du hast in deiner Karriere eine menge männlicher Charaktere geschrieben, aber denkst du, du könntest eine Art weibliche Variante von Menshiki aus „Die Ermordung des Commendatore“ erschaffen? Weibliche Charaktere, die etwas aus der Reihe tanzen und du dir sagst: „Wow, das ist neu“? Oder werden sich deine weiblichen Charaktere treu bleiben und eher eine mystische Rolle spielen, also mehr eine pragmatische Funktion einnehmen?


HM: Ich werde weiterhin neue Charaktere erschaffen, die sich von denen, die es zuvor gab, unterscheiden. Dies trifft natürlich auch auf weibliche Charaktere zu. So wie Shoko Akigawa, als Beispiel, die zwar mehr ein Nebencharakter ist, aber meiner Ansicht nach eine Abweichung von den meisten Charakteren, die ich geschrieben habe, darstellt. Da ist etwas Besonderes an ihr. Ich habe das Verlangen danach, mehr über sie zu lernen. Es fühlt sich an, als hätte ich nur an der Oberfläche gekratzt.


MK: Ich bin neugierig was sie liest. Was glaubst du, befindet sich auf ihrem Nachttisch? Die derbsten Hardboiled Romane die sie auftreiben konnte? Ich will es unbedingt wissen. Wenn sie sich ein Buch vornimmt, was würde das für ein Buch sein? Mir fällt nichts ein.


HM: Vermutlich etwas episches wie „Die Geschichte der Drei Reiche“ (Romance of the Three Kingdoms)


MK: Shoko ist ganz schön zäh, was? Viele Romane geben dir sämtliche Details über einen weiblichen Charakter, ihre Frisur, ihre Kleidung... so wie bei Chandler [Raymond], in dem Moment, wo wir erstmals eine Frau kennenlernen, bekommen wir eine Beschreibung von Kopf bis Fuß, was dir ein klares Bild von ihr vermittelt. In deinen Romanen, die Charakterisierung tendiert dazu, eine Minute damit zu verbringen über ihre Kleidung zu schreiben. Wohin gehst du, um dir Informationen über Frauenkleidung zu beschaffen?


HM: Ich gehe nirgendwo hin. Ich schreibe einfach, was mir gerade in den Sinn kommt. Ich verbringe meine Zeit nicht damit, Nachforschungen über so etwas anzustellen. Während ich das Bild eines weiblichen Charakters forme, so fällt es mir ganz natürlich in den Schoß, was sie trägt. Trotzdem muss ich sagen... vielleicht habe ich einen besonderen Blick auf Frauenkleidung in meinem privaten Leben, da ich selbst gerne shoppen gehe.


MK: Die Ehefrau in „Tony Takitani (Blinde Weide, schlafende Frau, dt. 2006) ist eine triebhafte Shopperin, was geradewegs zu ihrem Tod führt wenn sie bei einem Autounfall am Ende stirbt. Jedes mal, wenn sie über Kleidung nachdenkt, flippt sie aus, ein Detail welches ich absolut liebe.

Während wir über all das geredet haben, da wurde ich über die Vielseitigkeit deiner weiblichen Charaktere zurückerinnert. Ich würde nicht sagen, dass alle Frauen in nur eine einzige Kategorie passen. Natürlich ist es nicht das selbe, lediglich einen weiblichen Charakter zu schreiben wie zum Beispiel dafür zu sorgen, sie auch relevant für die Geschichte zu machen.


HM: Um ehrlich zu sein, ich verstehe diese Vorstellung darüber nicht, dass es irgendeine Art von Schema geben muss. Wir können über die Frauen in meinen Romanen als eine Gruppe reden, aber für mich sind sie einzigartige Individuen, auf einem fundamentalem Level, noch bevor ich sie als einen Mann oder eine Frau sehe. Ich sehe sie als menschliches Wesen. Aber davon mal komplett abgesehen, was hältst du von der Ehefrau in „Das grüne Monster“ (Wie ich eines schönes Morgens im April das 100%ige Mädchen sah, dt. 1996)? Die ist ganz schön gruselig, oder?


MK: Oh ja, die gibt es ja auch noch.


HM: Ich habe sämtliche Arten von Grausamkeiten erforscht, die Frauen besitzen. Ich kann sie fühlen, wenn sie da ist, finde aber keinen Zugang zu ihr. Ich möchte mich nicht wieder in Schwierigkeiten bringen indem ich auf geschlechtliche Unterschiede eingehe, aber ich denke, diese Art von Grausamkeit ist sehr selten bei Männern. Natürlich können auch Männer grausam sein, aber ich glaube, sie gehen dabei einen strukturierten Weg. Sie kommen entweder logisch zu dir oder wie ein absoluter Psychopath. Aber die Grausamkeit von Frauen ist gewöhnlicher, alltäglicher. Dann und Wann erwischt sie dich unerwartet. Überraschenderweise, etliche weibliche Leser scheinen „Das grüne Monster“ genossen zu haben. Oder ist das vielleicht gar nicht so überraschend?


MK: Ja, etliche meiner Freundinnen lieben diese Geschichte. Es ist auch eindeutig eine meiner Lieblingsgeschichten. Wie kann ich es am besten ausdrücken. Es ist gruselig, ohne, dass es als wirklich gruselig von uns registriert wird, dies erlaubt dem Leser es als völlig normal hinzunehmen. Es ist eine bekannte Art von Grausamkeit.

Mittwoch, 11. August 2021

Heaven von Mieko Kawakami erscheint am 17.09.2021 bei DuMont

 



Autorin: Mikeo Kawakami
Format: Hardcover, eBook
Preis: 22 Euro (Print), 15,99 Euro (eBook)
Übersetzung: Katja Busson
Veröffentlichung und Verlag: 17.09.2021 bei DuMont



Die Karriere der 44 jährigen japanischen Schriftstellerin ist ungewöhnlich. Ihre bisherige Karriere umfasste eine Beschäftigung einer Hostessen-Bar, eine Beschäftigung als Verkäuferin und gelangte zu größerer Bekanntheit als Sängerin. Diese Karriere gab sie für eine andere Passion auf, sie wollte Schriftstellerin werden und machte 2007 ihr Debüt. In Japan ist die Autorin unlängst ein Star und ein prominenter Anhänger ihrer Werke ist dort unter anderem Haruki Murakami, zu dem sie ein recht spezielles Verhältnis hat (dazu in einem anderen Artikel mehr). Mit ihrem West-Debüt "Brüste und Eier" (2020 beim DuMont Verlag als Hardcover und eBook erschienen, ab dem 13.08.2021 dann auch als Taschenbuch) gewann sie in der literarischen Welt auf internationaler Ebene eine menge Anklang.

Am 17.09.2021 veröffentlicht der DuMont Verlag einen weiteren Roman von Mieko Kawakami, der in Japan hingegen schon 2009 erschienen ist. Die Coming of Age Story "Heaven" geht dabei jedoch einen komplett anderen Weg als "Brüste und Eier". Hier geht es um zwei Teenager-Außenseiter, die zueinander finden und sich täglich dem harten Alltag des Mobbings in der Schule stellen müssen. Mobbing ist ein globales Problem, hat in Japan aber noch einmal einen anderen Stellenwert und kann dort nicht oft genug kritisch aufgegriffen werden.

Übersetzt wird der Roman erneut von der routinierten Japanologin Katja Busson, die bereits den letzten Roman der Autorin ins Deutsche übersetzt hat.