Haruki Murakami ist nicht unbedingt für seine Präsenz in der Öffentlichkeit bekannt. Auch Interviews gibt er relativ selten. Zuletzt hörte man ihn im Rahmen einer Pandemie-Aktion als Radiomoderator und Disc Jockey.
Drehen wir die Zeit ins Jahr 2017 zurück entstand jedoch eine Reihe recht außergewöhnlicher Interviews. Die Interviewpartnerin war hierbei die erfolgreiche Autorin und Feministin Mieko Kawakami, die nicht nur ein großer Bewunderer Murakamis ist, sondern auch gleichfalls eine große Kritikerin was seine Darstellung von Frauen in seinen Romanen angeht. Doch hat sie dafür nicht nur Kritik übrig, sondern auch einiges an Anerkennung. Die Bewunderung gilt auf beiden Seiten, so schätzt Murakami auch das Werk von Kawakami sehr und erklärte sich einverstanden und in insgesamt 4 Sitzungen mit einer Gesamtlänge von 16 Stunden tauschten sich die beiden aus. Große Teile des Interviews brachte Shinchosha später als Sammelband unter dem Titel "The Owl Spreads Its Wings with the Falling of the Dusk" (hierbei handelt es sich um einen provisorisch übersetzten Titel der amerikanischen Übersetzer).
Das Buch setzt sich selbstverständlich mit einer großen Fülle an Themen auseinander. Was hier als Interview präsentiert wird ist also nur ein kleiner Teil eines größeren Werks und setzt sich kritisch mit dem Thema Haruki Murakami und seinen weiblichen Charakteren auseinander.
Infos zur englischen Übersetzung: Die englische Übersetzung des Interviews stammt von Sam Bett und David Boyd. Sam Bett übersetzte bereits die englische Ausgabe von "Brüste und Eier" und wurde teilweise für seine Adaption kritisiert. Zusammen mit David Boyd übersetzte er nicht nur die englische Version dieses Interviews sondern auch die kürzlich veröffentliche englische Übersetzung von "Heaven", ebenfalls von Mieko Kawakami. Das übersetzte Interview liest sich an vielen Stellen, besonders, wenn explizit auf Inhalte von Haruki Murakamis Romane eingegangen wird, recht holprig. Insofern wird sich auch meine Übersetzung des Interviews holprig lesen. In keiner Weise möchte ich hier eine professionelle Übersetzung meinerseits bewerben, aber sie erfüllt denke ich ihren Zweck.
Bei sämtlichen im Interview erwähnten Titel von Haruki Murakami übernahm ich die deutschen Titel, Veröffentlichungsdaten und Zitate. Das im ersten Teil des Interviews verwendete Zitat stammt aus der Neuübersetzung von "Die Chroniken des Aufziehvogels" (ehemals Mister Aufziehvogel).
MK: Ich bin sehr neugierig
was den Charakter Mariye Akigawa aus „Die Ermordung des
Commendatore“ angeht. Ich bemerkte, wie belastend es für sie war,
dass ihre Persönlichkeit so sehr mit ihren Brüsten verbunden ist.
Das war bisher nie der Fall mit den jungen Frauen in deinen anderen
Romanen. Ich beziehe mich hier auf Charaktere wie Yuki in „Tanz mit
dem Schafsmann“ oder May Kasahara in „Die Chroniken des
Aufziehvogels“. Ich denke an die Szene wo May Kasahara über „Das
Segment des Todes... Etwas was sich anfühlt wie ein Softball,
elastisch und weich“ spricht. Sehen wir von dem Protagonisten mal
ab, May hat diese unglaublich starken Passagen über das gesamte Buch
verteilt, über die düstere Unterscheidung zwischen sich selbst
verletzten und andere verletzten, oder dein eigener Tod und dem Tod
anderer. Diese Passagen sind fantastisch. Es fängt exakt den Spirit
ein, wie es ist, ein Mädchen zu sein. Ich liebe diese Passagen so
sehr. Yuki und May reden nicht sehr oft über ihre Brüste oder ihre
Körper. Aber Mariye in „Die Ermordung des Commendatore“...
HM: Sie ist wirklich sehr
darauf fixiert. Es ist beinahe eine Obsession.
MK: Sicher, aber denkst du
nicht, dass sie ein wenig zu sehr darauf fixiert ist? In der Sekunde
wo sie mit dem Ich-Erzähler alleine ist, diesem Typen, den sie nie
vorher getroffen hat, die ersten Worte, die aus ihrem Mund kommen
sind so etwas wie „Meine Brüste sind wirklich klein, findest du
nicht?“ Ich fand das sehr überraschend. Woher kommt diese
Obsession mit Brüsten?
HM: Ich würde nicht
unbedingt sagen, es kommt von irgendwoher. Ich stelle mir einfach vor,
es gibt Mädchen da draußen die so denken.
MK: Aber was ist mit der
Distanz zwischen ihr und dem Ich-Erzähler?... Wenn Mariye damit
anfängt, ihn über ihre Brüste zu fragen, hattest du je eine
schwere Zeit damit herauszufinden, wie er wohl darauf reagieren
würde?
HM: Ich verstehe dich.
Aber alleine der Fakt, dass sie ihn um seine Meinung über ihre
Brüste fragt legt nahe, dass sie ihn nicht wirklich als „Mann“
wahrnimmt. Sie sieht ihn nicht als sexuelles Objekt. Das stärkt die
Introspektive oder die philosophische Natur ihres Dialogs. Das ist die
Art von Verhältnis, welches Mariye mit ihm führen möchte. Ich habe das Gefühl,
sie sucht schon eine ganze Weile nach einer Person, mit der sie über
so etwas reden kann. Ich denke, wir können uns darüber einig sein. Generell gesagt, sollte dir auffallen, dass eine andere Person dich
als Lustobjekt betrachten könnte, dann würdest du nicht anfangen, darüber zu reden, dass deine Brüste nicht wachsen oder wie klein
deine Brustwarzen sind.
MK: Ich kann deinen Punkt
nachvollziehen, aber ich habe es genau anders gesehen. Nämlich,
Mariye fängt nur darüber an zu reden, um für ihn sexuell attraktiv
zu wirken. Aber du sagst, es würde in Wahrheit die ganze sexuelle
Atmosphäre zwischen den beiden tilgen und stattdessen den
philosophischen Aspekt ihrer Unterhaltung?
HM: Korrekt. Das
Endergebnis ist, die Dialoge zwischen Mariye und dem Ich-Erzähler
werden zur treibenden Kraft in dem Roman. Ihr Austausch wirft neues
Licht auf die Geschichte.
MK: Mit anderen Worten,
die Konversation liefert uns mehr Informationen über die
Persönlichkeit und der Darstellung des Ich-Erzählers, der andererseits
weiterhin mysteriös und verschlossen auf die Leser wirken könnte.
HM: Richtig. Er ist eine
Person, bei der sich eine zwölfjährige wohlfühlen würde, über
ihre Brüste zu reden. So ein Typ ist er.
MK: Das bringt mich zu
einer weiteren Frage über die Frauen in deinen Romanen. Etwas, was
mir oft auffällt wenn über deine Werke gesprochen wird. Ich denke
darüber nach wie Frauen in deinen Werken dargestellt werden und
welche Rollen du ihnen zuweist.
Für meine weiblichen
Freunde ist es normal zu mir zu sagen, „Wenn du die Romane von
Haruki Murakami verehrst, wie rechtfertigst du die Darstellung von
Frauen in seinen Geschichten?“ Die Vorstellung, da könnte etwas
befremdliches in der Darstellung von Frauen in deinen Geschichten
sein. Es verärgert manche Leute, sowohl Männer wie auch Frauen.
HM: Ist das so?
MK: Das geht darüber
hinaus ob sie realistisch dargestellt oder authentisch beschrieben
werden. Es hat mehr mit den Rollen zu tun, die sie spielen. Als
Beispiels, wie vorhin schon gesagt, die Frauen fungieren als eine Art
Orakel, so, als wären sie eine Art Schicksalsgöttin.
HM: Sie nimmt dich bei der
Hand und führt dich woanders hin.
MK: Ganz genau. Sie löst
eine Metamorphose im Protagonisten aus. Es gibt viele Beispiele wo
Frauen als eine Art Tunnel präsentiert werden oder Möglichkeiten zu einer
Transformation des Protagonisten.
HM: Selbstverständlich. Ich sehe, dass diese Elemente durchaus gegeben sind.
MK: In diesen
Transformationen, wo Sex als eine Art Zugang in ein unbekanntes Reich
dargestellt wird, da bleibt den weiblichen Charakteren eigentlich
nichts anderes übrig, als den sexuellen Partner des heterosexuellen
Protagonisten zu spielen. Von einem gewissen Standpunkt aus
betrachtet, ich denke, eine menge Leser würden darüber debattieren,
ob Frauen für immer dazu bestimmt sind in diese sexuelle Schublade
gesteckt zu werden, nur weil sie Frauen sind. Ich würde gerne deine
Gedanken dazu hören.
HK: Ich weiß nicht ob ich
dir folgen kann. Was genau meinst du mit „Einer bestimmten Rolle“
bei weiblichen Charakteren?
MK: Ich rede von der
großen Anzahl an weiblichen Charakteren, die lediglich dazu
existieren, eine sexuelle Rolle auszufüllen. Auf der anderen Seite,
deine Werke sind grenzenlos kreativ wenn es um die Handlung einer
Geschichte geht, um Brunnen und um Männer, aber das gleiche kann man
nicht über ihre Beziehung zu Frauen sagen. Für diese Frauen ist es
unmöglich, für sich selbst zu existieren. Und obwohl es weibliche
Protagonistinnen, oder sogar ein paar weibliche Nebencharaktere gibt, die dank ihrer Unabhängigkeit eine gewisse Selbstdarstellung
genießen, so gibt es doch diese dauerhafte Tendenz, dass die Frauen
am Ende dem männlichen Protagonist "geopfert" werden. Die Frage ist
also, warum spielen so oft Frauen in Haruki Murakamis Romanen dieses
Rolle?
HM: Jetzt verstehe ich,
alles klar.
MK: Würdest du deine
Gedanken darüber teilen?
HM: Das wird wohl nicht
die befriedigendste Erklärung sein, aber ich glaube einfach, keiner
meiner Charaktere ist so komplex. Der Fokus liegt auf der
Verbindungsfläche, oder wie sich diese Menschen, sowohl Männer wie
auch Frauen, mit der Welt, in der sie Leben, auseinandersetzen. Wenn
überhaupt nehme ich große Rücksicht darauf, nicht zu sehr in die
Bedeutung der Existenz, deren Wichtigkeit oder Bedeutung, einzudringen. Wie ich vorher schon gesagt habe, ich bin nicht
interessiert in individualistische Charaktere. Und das trifft sowohl
auf männliche wie weibliche Charaktere zu.
MK: So ist das also.
HM: Ich glaube in 1Q84
habe ich bisher die meiste Zeit damit verbracht, mich mit einem
weiblichen Charakter auseinanderzusetzen. Aomame ist enorm wichtig
für Tengo und das selbe gilt für Aomame, für sie ist Tengo enorm
wichtig. Ihre Wege scheinen sich nie zu kreuzen. Aber die Geschichte
fokussiert sich darauf, dass sich ihre Wege vereinen. Sie teilen sich
die Rolle des Protagonisten/der Protagonistin. Am Ende sind sie beide
vereint. Zwei werden eins. Es gibt keine sexuellen
Auseinandersetzungen zwischen den beiden mit Ausnahme des Endes. In
diesem Sinne sage ich, sie sind gleichberechtigt während des
gesamten Romans, denn die Geschichte ist abhängig von beiden.
MK: In deinen längeren
Romanen geht es oft darum, dass ein Kampf gegen ein größeres Übel
ausgefochten wird. In „Die Chroniken des Aufziehvogels“ stehen
Toru und Kumiko Okada Noburo Wataya gegenüber, in 1Q84 bekämpfen
Aomame und Tengo eine böse Macht. Was diese beiden Romane gemeinsam
haben ist, dass die Männer im Reich des Unterbewusstseins kämpfen.
HM: Wenn du es so siehst,
natürlich. Vielleicht liegt es daran, dass die üblichen
Geschlechterrollen hier vertauscht sind. Wie würdest du dies aus der
Sicht einer Feministin sehen? Ich bin mir da selbst nicht sicher.
MK: Meine Ansicht ist
folgende; deine männlichen Charaktere fechten ihren Kampf im
Unterbewusstsein aus, während die weiblichen Charaktere ihre Kämpfe
in der realen Welt ausfechten. Als Beispiel, in „Die Chroniken des
Aufziehvogels“ ist es Kumiko, die den Stecker der
Lebenserhaltungssysteme zieht und damit Noburo Wataya tötet und
dafür die Konsequenzen trägt. In 1Q84 wird der Anführer der Sekte von
Aomame getötet. Zugegeben, die Kritik einer Feministin bezüglich zu
jedem einzelnen Roman ist nicht nötig, aber die Romane aus der Sicht
einer Feministin zu lesen, die gewöhnliche Reaktion wäre folgende:
„Okay, hier ist eine weitere Frau dessen Blut für die Selbstverwirklichung eines Mannes vergossen wurde."
Etliche Frauen in der
realen Welt haben Erfahrungen darin, wo es bedeutet, eine Frau zu
sein macht das Leben unerträglich. Opfer von Sexualverbrechen, die
beschuldigt werden, in Wahrheit darum gebeten zu haben. Es kommt
darauf an, dass es einer Frau gleichkommt, sich schuldig zu fühlen,
den Körper einer Frau zu haben und dies gleichbedeutend damit ist, ihre Existenz als Frau zu leugnen. Es gibt vermutlich etliche Frauen
da draußen die nie darüber nachgedacht haben, aber es gibt das
Argument, dass diese Frauen von der Gesellschaft so sehr unter Druck
gesetzt wurden, ihre Gefühle zu unterdrücken. Das ist der Grund, wieso es so ermüdend ist, dieses Schema in Romanen zu entdecken,
eine Erinnerung daran, wie Frauen für die Selbstverwirklichung oder
dem sexuellen Verlangen der Männer geopfert werden.
HM: Ich denke, jedes
Schema tritt vermutlich völlig zufällig auf. Solche Szenarien baue
ich nie mit Absicht ein. Ich denke, für eine Geschichte ist es
möglich, sich auf so einem unbewusstem Level abzuspielen. Es soll
nicht abweisend klingen, aber mein Schreibstil folgt keinem
traditionellem Schema. Nehmen wir „Naokos Lächeln“ als Beispiel
wo Naoko und Midori gleichermaßen mit ihrem Unterbewusstsein und
ihrem Bewusstsein ringen. Der Ich-Erzähler ist von beiden gefesselt
und es besteht Gefahr, seine Welt in zwei Teile zu reißen. Dann haben
wir „After Dark“. Die Geschichte wird fast ausschließlich von
dem Wille der weiblichen Charaktere angetrieben. Ich kann also nicht
zustimmen, dass Frauen in meinen Geschichten immer nur dazu bestimmt
sind, irgendwelche sexuellen Schicksalsgöttinnen oder etwas
dergleichen zu spielen. Selbst dann, als ich die Handlung der
einzelnen Romane allmählich vergessen habe, diese weiblichen
Charaktere sind bei mir geblieben. Wie Reiko oder Hatsumi in „Naokos
Lächeln“. Selbst jetzt, wenn ich an sie denke, werde ich sehr
emotional dabei. Diese Frauen sind nicht bloß schriftstellerische
Instrumente für mich. Ich suche hier nicht nach Ausreden. Ich spreche hier von Gefühlen
und Erfahrung.
MK: Ich verstehe, was du
meinst. Als Autorin bin ich selbst sehr mit dem vertraut, was du über
Gefühle gesagt hast. Gleichermaßen sehe ich aber auch Leser, die bei
ihrem Leseerlebnis genau das denken, worüber wir uns die ganze Zeit
unterhalten haben.
Etwas, was du gesagt
hattest ist sehr wichtig für mich. Die Idee, dass deiner Meinung
nach Frauen mit dieser Sexualisierung überhaupt nichts zu tun haben
müssen und die Story aus ganz anderen Gründen vorantreiben können.
HM: Richtig. Ich denke,
Frauen haben recht verschiedene Eigenschaften im Vergleich zu
Männern. Vielleicht ist es ein Klischee, aber so sichern sich Männer
und Frauen ihr Überleben – sie helfen einander, gleichen die
Schwächen des jeweils anderen aus. Manchmal bedeutet das aber auch
geschlechtliche Rollen oder Funktionen zu tauschen. Ich denke, es
kommt auf die Person und ihren Umständen an, ob sie dies als
natürlich oder künstlich, gerecht oder ungerecht sehen. Egal ob sie
Geschlechtsunterschiede als starke Ablehnung oder als harmonisches
Gleichgewicht sehen. Vermutlich geht es weniger darum, das
auszugleichen, was uns fehlt, sondern vielmehr darum, uns gegenseitig
auszubremsen. Was mich angeht, ich kann diese komplizierten Fragen
nur angehen, wenn ich schreibe. Ohne zu verlangen, ob es positiv oder
negativ ist, ist das Beste, was ich tun kann, mich diesen Geschichten
so zu nähern, wie sie in mir schlummern. Ich bin kein Denker,
Kritiker oder sozialer Aktivist. Ich bin lediglich ein
Schriftsteller. Wenn mir jemand sagt mein Werk sei fehlerhaft aus der
Perspektive einer bestimmten Philosophie oder könnten einen weiteren
Denkanstoß vertragen, das einzige, was ich anbieten kann, ist eine
ernst gemeinte Entschuldigung und sage: „Es tut mir leid“. Ich
bin der Erste, der sich dafür entschuldigen würde.
MK: In den Hardboiled
Romanen von Raymond Chandler, Frauen tauchen meistens mit einer
Mission oder einen Job für den Mann auf, den er ausführen soll. Bis
zu einem gewissen Grad muss deine Sichtweise über Frauen von den
Romanen beeinflusst sein, die du liest weil genau dies der größte
Einfluss für unsere eigenen Werke ist.
Jedoch, von allen Frauen
über die du geschrieben hast, die, die mir am meisten in Erinnerung
geblieben ist, ist die Protagonistin aus der Kurzgeschiche „Schlaf“
aus dem Erzählband „Der Elefant verschwindet“. Ich lese etliche
Romane über weibliche Charaktere die von Frauen geschrieben wurden
und etliche weibliche Charaktere die von Männern geschrieben wurden,
aber bis heute habe ich nie einen weiblichen Charakter kennengelernt
wie in der Kurzgeschichte „Schlaf“. Das ist eine außergewöhnliche
Leistung.
HM: Diese Geschichte wurde
damals im New Yorker veröffentlicht, zu einer Zeit, als ich praktisch
noch ein komplett unbekannter Schriftsteller in Amerika war. Eine
menge Leute, die die Geschichte gelesen hatten, dachten, Haruki
Murakami sei eine Frau. Ich habe sogar etliche Briefe von Frauen
erhalten, die sich für die Geschichte bei mir bedankten. Mit so
etwas hätte ich nicht gerechnet.
MK: Liege ich richtig
damit, dass „Schlaf“ deine erste Geschichte war, die aus der
Perspektive einer Frau geschrieben wurde?
HM: Ja, ich denke damit
liegst du richtig.
MK: Was hat dich dazu
gebracht, eine Geschichte aus der Sicht einer Frau zu schreiben? Kam
das einfach so?
HM: Ich habe die
Geschichte geschrieben während ich in Rom gelebt habe. Ich hatte
zwar keinen nervlichen Zusammenbruch, aber ich war sehr aufgewühlt
von all dem Publicity-Trubel rund um „Naokos Lächeln“, ein
Mega-Bestseller in Japan zu der Zeit. Ich hatte genug und wollte in eine andere
Welt flüchten. Ich habe also Japan verlassen und bin für einige
Zeit in Italien untergetaucht. Ich fühlte eine Art von Depression
die es mir unmöglich machte, zu schreiben. Aber eines Tages ergriff
mich der Drang wieder etwas zu schreiben und das war der Moment als
ich „TV People“ und „Schlaf“ schrieb. Ich erinnere mich, es
war Anfang Frühling.
MK: Welche Geschichte hast
du zuerst geschrieben? „TV People“?
HM: Ich glaube, „TV
People“ kam zuerst. Ich sah ein Musikvideo von Lou Reed auf
MTV, was mich so inspirierte, dass ich die Geschichte in einem
Durchmarsch schrieb. Dann hatte ich mich für eine weibliche
Erzählerin in „Schlaf“ entschieden. Das fühlte sich am besten
an, was ich zur damaligen Zeit ausdrücken wollte und wie ich mich
fühlte. Ich wollte etwas Abstand, vielleicht sogar vor mir selbst.
Vielleicht war das der Grund, wieso ich mich für eine weibliche
Erzählerin entschieden habe. Wenn ich mich recht erinnere, habe ich
diese Geschichte ebenfalls sehr zügig geschrieben.
MK: „Schlaf“ ist
großartig. Nicht schlafen zu können ist wie in einer Welt zu leben,
wo der Tod nicht existiert. Diese Unruhe, diese distinktive
Anspannung die niemals abfällt. Es ist eine nahezu perfekte Metapher
für die Existenz der Frau... Ich nehme an, es hat dich einige Tage
gekostet, die Geschichte zu schreiben? In Anbetracht der Tatsache,
dass es eine Kurzgeschichte ist.
HM: Das müsste korrekt
sein, aber der Feinschliff nahm rund eine Woche in Anspruch.
MK: Ich weiß, dass es
mich einige Tage kostete, mich Zeile für Zeile bei „Schlaf“
durchzuarbeiten. So einen weiblichen Charakter hatte ich zuvor noch
nie gelesen. Als Frau was es so eine Freude für mich, solch einer
neuartigen Frau in einer Geschichte zu begegnen. Ganz zu meiner
Überraschung weil sie auch noch von einem Mann geschrieben wurde.
Die Geschichte zu lesen war so eine wundervolle Erfahrung für mich.
Von all den weiblichen
Charakteren in deinen Romanen, die Frau aus „Schlaf“ sticht daraus
hervor. Als ich als Feministin diesen Charakter entdeckt habe, da hat
sie ein Vertrauen zwischen mir und deinem Werk aufgebaut - wohlgemerkt
ein erhebliches Maß an Vertrauen.
Ich weiß, dass du Übersetzungen ins Japanische von Kurzgeschichten der Autorin
Grace Paley angefertigt hast, vielleicht gibt es hier ja eine
Verbindung. In Verbindung damit, wie du dir weibliche Charaktere
ausdenkst.
HM: Das würde ich nicht
unbedingt sagen, Ich entschied mich, einige Werke von Grace Paley zu
übersetzen, weil ich es sehr interessant finde. Ich war mir nicht
wirklich bewusst, wie sie Frauen darstellt. Als ich „Schlaf“
geschrieben habe, da habe ich einfach das niedergeschrieben, was ich
gerade gedacht hatte, mit der Hoffnung, dies könnte etwas sein, was
eine Frau unter solchen Umständen vielleicht denkt. Der Erzähler
der Geschichte war hier einfach diesmal eine Frau. Ich hatte nie die
Intention, den weiblichen Verstand in dieser Geschichte zu erkunden.
MK: Wenn man einen
weiblichen Charakter schreibt, da gibt es verschiedene Motive die man
benutzen kann um die Erwartungen von männlichen oder weiblichen
Lesern zu befriedigen, was eine glaubhafte Frau ausmacht. Aber in
dieser Geschichte gibt es so etwas nicht.
HM: Mit Ausnahme des
Endes, wenn sie ihren Wagen in der nähe der Uferpromenade in der
Nacht parkt. In dieser einen Szene war ich mir absolut bewusst, dass
der Hauptcharakter eine Frau ist. Zwei Typen umzingeln den Wagen in
einer finsteren Nacht und rücken ihn gerade? Das muss wirklich
beängstigend sein.
MK: Ich denke auch für
einen Mann wäre das sehr beängstigend, aber vermutlich noch mehr
für eine Frau.
HM: Allen voran schrieb
ich den Charakter als menschliches Wesen, ohne mir ihres weiblichen
Geschlechts bewusst zu sein.
MK: Richtig. Ich denke es
ist der Weg, Distanz zu wahren, sich auf den Mensch zu
konzentrieren - denn darum geht es, der menschliche Aspekt des
weiblichen Charakters - dies erhellt ihren Status als eine Frau,
zumindest meiner Ansicht nach. So eine Frau habe ich nie zuvor
gelesen. Was für eine fantastische Geschichte.
HM: Rückblickend denke ich, es hätte gleichmäßig funktionieren können wenn der
Hauptcharakter ein Hausmann gewesen wäre und die Frau eine Ärztin
oder Zahnärztin, und der Ehemann könnte nicht schlafen und ist die
ganze Nacht wach, verbringt die Zeit damit zu kochen, die Wäsche zu
waschen oder was auch immer. Dennoch denke ich, in einigen Punkten
hätte so etwas auch sehr anders werden können.
MK: Ich denke, es ist
wichtig, dass das Paar einen Sohn hat. Es ist die Frau, die das Kind
gebärt. Ihr Bewusstsein dafür gibt ihr ein Gefühl der
Verzweiflung, dass der Vater nicht teilen kann.
HM: Das ist auch einen
Groll, den sie gegenüber ihrem Ehemann hegt. Ich glaube, so eine Art
Groll ist einzigartig bei Frauen.
MK: Es geht über diesen
Groll hinaus, aber da ist eindeutig etwas dran.
HM: Ja. Manchmal wenn ich
einen Rundgang um das Haus mache, da spüre ich es hinter mir. Es
sickert in die Räume.
MK: Ich würde jederzeit
dieses sickern wählen. In den meisten Ehen ist es eher eine Sturzflut!
Also denke ich darüber nach, wie der Sohn und der Vater dargestellt
werden, die die Dinge auf ähnliche Weise angehen und wie sie ihr
zuwinken. Für dich als Leser wird der Groll nicht als solcher
ausgesprochen, der Leser muss dies als eine unerklärbare Empfindung
verarbeiten. Die Erzählerin Anna Karenina lesen zu lassen war ebenfalls eine
gute Idee.
HM: Anna Karenina. Ein
weiteres klassisches Beispiel eines Grolls gegen den Ehemann
gerichtet. Vielleicht fühlte Tolstoy in seinem privaten Leben eine
ähnliche Anspannung in seine Räume fließen.
MK: Du hast in deiner
Karriere eine menge männlicher Charaktere geschrieben, aber denkst
du, du könntest eine Art weibliche Variante von Menshiki aus „Die
Ermordung des Commendatore“ erschaffen? Weibliche Charaktere, die
etwas aus der Reihe tanzen und du dir sagst: „Wow, das ist neu“?
Oder werden sich deine weiblichen Charaktere treu bleiben und eher
eine mystische Rolle spielen, also mehr eine pragmatische Funktion
einnehmen?
HM: Ich werde weiterhin
neue Charaktere erschaffen, die sich von denen, die es zuvor gab,
unterscheiden. Dies trifft natürlich auch auf weibliche Charaktere
zu. So wie Shoko Akigawa, als Beispiel, die zwar mehr ein
Nebencharakter ist, aber meiner Ansicht nach eine Abweichung von den
meisten Charakteren, die ich geschrieben habe, darstellt. Da ist etwas Besonderes an ihr. Ich habe das Verlangen danach, mehr über sie zu
lernen. Es fühlt sich an, als hätte ich nur an der Oberfläche
gekratzt.
MK: Ich bin neugierig was
sie liest. Was glaubst du, befindet sich auf ihrem Nachttisch? Die
derbsten Hardboiled Romane die sie auftreiben konnte? Ich will es
unbedingt wissen. Wenn sie sich ein Buch vornimmt, was würde das für
ein Buch sein? Mir fällt nichts ein.
HM: Vermutlich etwas
episches wie „Die Geschichte der Drei Reiche“ (Romance of the
Three Kingdoms)
MK: Shoko ist ganz schön
zäh, was? Viele Romane geben dir sämtliche Details über einen
weiblichen Charakter, ihre Frisur, ihre Kleidung... so wie bei
Chandler [Raymond], in dem Moment, wo wir erstmals eine Frau kennenlernen,
bekommen wir eine Beschreibung von Kopf bis Fuß, was dir ein klares
Bild von ihr vermittelt. In deinen Romanen, die Charakterisierung
tendiert dazu, eine Minute damit zu verbringen über ihre Kleidung zu
schreiben. Wohin gehst du, um dir Informationen über Frauenkleidung
zu beschaffen?
HM: Ich gehe nirgendwo
hin. Ich schreibe einfach, was mir gerade in den Sinn kommt. Ich
verbringe meine Zeit nicht damit, Nachforschungen über so etwas
anzustellen. Während ich das Bild eines weiblichen Charakters forme,
so fällt es mir ganz natürlich in den Schoß, was sie trägt.
Trotzdem muss ich sagen... vielleicht habe ich einen besonderen Blick
auf Frauenkleidung in meinem privaten Leben, da ich selbst gerne
shoppen gehe.
MK: Die Ehefrau in „Tony
Takitani (Blinde Weide, schlafende Frau, dt. 2006) ist eine
triebhafte Shopperin, was geradewegs zu ihrem Tod führt wenn sie bei
einem Autounfall am Ende stirbt. Jedes mal, wenn sie über Kleidung
nachdenkt, flippt sie aus, ein Detail welches ich absolut liebe.
Während wir über all das
geredet haben, da wurde ich über die Vielseitigkeit deiner
weiblichen Charaktere zurückerinnert. Ich würde nicht sagen, dass
alle Frauen in nur eine einzige Kategorie passen. Natürlich ist es
nicht das selbe, lediglich einen weiblichen Charakter zu schreiben wie
zum Beispiel dafür zu sorgen, sie auch relevant für die Geschichte
zu machen.
HM: Um ehrlich zu sein,
ich verstehe diese Vorstellung darüber nicht, dass es irgendeine Art
von Schema geben muss. Wir können über die Frauen in meinen Romanen
als eine Gruppe reden, aber für mich sind sie einzigartige
Individuen, auf einem fundamentalem Level, noch bevor ich sie als
einen Mann oder eine Frau sehe. Ich sehe sie als menschliches Wesen.
Aber davon mal komplett abgesehen, was hältst du von der Ehefrau in
„Das grüne Monster“ (Wie ich eines schönes Morgens im April das
100%ige Mädchen sah, dt. 1996)? Die ist ganz schön gruselig, oder?
MK: Oh ja, die gibt es ja
auch noch.
HM: Ich habe sämtliche
Arten von Grausamkeiten erforscht, die Frauen besitzen. Ich kann sie
fühlen, wenn sie da ist, finde aber keinen Zugang zu ihr. Ich möchte
mich nicht wieder in Schwierigkeiten bringen indem ich auf
geschlechtliche Unterschiede eingehe, aber ich denke, diese Art von
Grausamkeit ist sehr selten bei Männern. Natürlich können auch
Männer grausam sein, aber ich glaube, sie gehen dabei einen
strukturierten Weg. Sie kommen entweder logisch zu dir oder wie ein
absoluter Psychopath. Aber die Grausamkeit von Frauen ist
gewöhnlicher, alltäglicher. Dann und Wann erwischt sie dich
unerwartet. Überraschenderweise, etliche weibliche Leser scheinen
„Das grüne Monster“ genossen zu haben. Oder ist das vielleicht
gar nicht so überraschend?
MK: Ja, etliche meiner
Freundinnen lieben diese Geschichte. Es ist auch eindeutig eine
meiner Lieblingsgeschichten. Wie kann ich es am besten ausdrücken.
Es ist gruselig, ohne, dass es als wirklich gruselig von uns
registriert wird, dies erlaubt dem Leser es als völlig normal
hinzunehmen. Es ist eine bekannte Art von Grausamkeit.