Archiv: Rezensionen zu Literatur und Film

Samstag, 17. Juni 2023

Kommentarfunktion auf "Am Meer ist es wärmer"

 



Liebe Leserinnen und Leser von meinem Blog "Am Meer ist es wärmer",

aufgrund eines großen Spam-Problems habe ich vor rund 2 Jahren die Kommentarfunktion auf meinem Blog eingeschränkt. Potentielle Kommentare, die unter Spam-Verdacht stehen, sollten zur Moderation direkt weitergeleitet werden. Leider ist es so gekommen, dass sämtliche Kommentare im Spam-Ordner gelandet sind und ich den naiven Fehler begangen habe, zu glauben, Google filtere wirklich ausschließlich Spam- und Scam-Kommentare. Somit ist es leider nun passiert, auch sämtliche echte Kommentare von euch sind nie freigegeben und von mir beantwortet worden. Ich habe gerade um die 50 Kommentare rund um Feedback zum Blog, Rezensionen und auch einige sehr schöne Danksagungen freigeschaltet und größtenteils auch nochmal selbst kommentiert. Wie immer ist eure Meinung zum Blog und den ganzen Artikeln mehr als willkommen, ob positiv, negativ oder kritisch - haltet euch nicht zurück.

Auch wenn es wohl einige Spammer und Scammer mit sich bringen wird, so kann nun wieder uneingeschränkt auf "Am Meer ist es wärmer" kommentiert werden. Ich werde fortan häufig in den Kommentar-Ordner im Dashboard reinschauen und selbstverständlich nervige Bot-Kommentare löschen.


Sonnige Grüße aus NRW,
Aufziehvogel

Freitag, 16. Juni 2023

All die Liebenden der Nacht von Mieko Kawakami: Ab 19.06 bei DuMont

 

All die Liebenden der Nacht

Autorin: Mieko Kawakami
Übersetzerin: Katja Busson
Erhältlich als: Hardcoer, E-Book (DuMont Buchverlag)
Veröffentlichung: 19.06.23


Zwar thront "All die Liebenden der Nacht" von Mieko Kawakami bei mir schon seit einigen Tagen im Regal, aber ganz offiziell erscheint das Buch erst am Montag, den 16.09.23. Wie so oft bei neuen Buchveröffentlichungen ist es vermutlich möglich, bei der Buchhandlung seiner Wahl den Titel schon an diesem Wochenende erwerben zu können. Bei E-Books wird man sich aber bis zum Tag der Veröffentlichung gedulden müssen.

Nach dem großen Erfolg von "Brüste und Eier" hat die internationale Lizensierung der Werke von Mieko Kawakami Fahrt aufgenommen. Bereits vergangenes Jahr erschienen deutsch- und englischsprachige Übersetzungen ihres 2009 veröffentlichten Romans "Heaven". Chronologisch scheint man sich in der immer noch überschaubaren Bibliographie der Autorin vorwärts zu bewegen: "Subete mayonaka no koibito tachi - All die Liebenden der Nacht" ist in ihrem Heimatland Japan 2011 erschienen und erscheint nach einer kürzlich veröffentlichten englischen Übersetzung nun auch als deutsche Übersetzung beim DuMont Buchverlag, wie immer übersetzt direkt aus dem Japanischen von Katja Busson.

In dem Roman geht es um die 34 jährige Korrekturleserin Fuyuko, die ein tristes Dasein einer Einsiedlerin führt. Beim Versuch, etwas mehr Pepp in ihr Leben zu bringen, bringt es sie hingegen lediglich auf die Straße des Alkoholismus. Der Roman beschäftigt sich damit, welchen Lebensweg Fuyuko gehen wird. Und was die Liebe in diesem Buch für eine Rolle spielt, wird man auch noch erfahren.

Mich erfreut es enorm, dass die Erfolgsgeschichte dieser international vor einigen Jahren noch unbekannten Autorin weiter erzählt wird. Wer meinen Blog nicht häufig verfolgt, wird vermutlich verpasst haben, wie viel Bewunderung ich gegenüber dem Vorgängerwerk "Heaven" übrig hatte. Nicht nur für Freunde der japanische Literatur (aber ganz besonders diesen) lege ich den Termin am 19.06 nahe, sich diese Veröffentlichung mal genauer anzuschauen.

In den kommenden Tagen erscheint dann auch die Rezension zu "All die Liebenden der Nacht" hier auf "Am Meer ist es wärmer".


Nachtrag am 07.07.2023: Der korrekte deutsche Titel des Buches lautet "All die Liebenden der Nacht" und nicht "All die Liebenden in der Nacht". Der Fehler ist korrigiert aber hier habe ich wohl gelesen, was ich lesen wollte.


Mieko Kawakami auf "Am Meer ist es wärmer"



Mittwoch, 14. Juni 2023

Hörbuch-Rezension: Das Silmarillion (J.R.R. Tolkien)

 

Großbritannien 1977


Das Silmarillion

Autor: J..R.R. Tolkien
Herausgeber: Christopher Tolkien
Genre: Fantasy und Mythen
Kaufoptionen: CD, Audible
Sprecher: Achim Höppner
Laufzeit: 15 Stunden und 26 Minuten (Ungekürzte Lesung)



Ein Buch, das kaum mehr eine große Einführung benötigt, gilt es doch als eines der größten Fantasy-Werke der Neuzeit. Und doch ist es bis heute eines der größten unvollendeten Fantasy-Werke aller Zeiten. Das Silmarillion galt als das Hauptwerk Tolkiens, zu Lebezeiten konnte er dieses aber weder vollenden noch veröffentlichen. Das verfügbare Material zu den Chroniken Mittelerdes nahm schier unendliche Züge an, für Tolkiens Sohn Christopher eine Mammutaufgabe, die Werke seines Vaters posthum zu etwas "Ganzem" zu machen. Angefangen von der Schöpfung Mittelerdes durch des allmächtigen Ilúvatar und seinen Ainur bis hin zum Ende des dritten Zeitalters, wo der letzte Elb Mittelerde verlässt. Einstmals geplant als Nachfolgewerk zum Überraschungserfolg "Der kleine Hobbit", war Tolkien in Grund und Boden gestürzt, als das eingereichte Werk, sein Silmarillion, den Verlag eher verdutzt zurückließ. Diese wünschten sich eine direkte Fortsetzung zum Hobbit und keine trocken anmutende wie düstere Schöpfungsgeschichte mit einer Myriade komplizierter Namen und Begriffe. Als Sprachwissenschaftler verewigte Tolkien mit Sindarin und Quenya gleich zwei funktionierende Sprachen im Silmarillion, die beide ihre eigenen einzigartigen Begriffe und Aussprachen besitzen. Tolkiens Antwort auf die Kritik des Verlages war "Der Herr der Ringe", eine direkte, jedoch epischere, massive Fortsetzung zum Hobbit (kann man ja mal so machen). Mit dem Silmarillion hingegen hat Tolkien jedoch nie abgeschlossen. Bis an sein Lebensende werkelte und bastelte er daran, arbeitete sogar an eine Fortsetzung zum Herrn der Ringe im vierten Zeitalter angesiedelt, die er schnell wieder verworfen hat (der Prolog dazu ist in Christopher Tolkiens Abschlussband "The Peoples of Middle-earth" zu seiner zwölfbändigen Reihe "The History of Middle-earth" zu finden"). Tolkiens Perfektionismus und sein fortschreitendes Alter hinderten ihn daran, seinen Mittelerde-Zyklus jemals komplett fertigzustellen. Doch zu seinen Lebzeiten ist vieles zusammengekommen, Christopher Tolkien musste in dem ineinander verwobenem Werk seines Vaters "nur" eine Struktur finden. Eine Aufgabe, zu der vermutlich nur ein Sohn im Stande ist, der seinen Vater und sein Werk verehrte. Was 1977 entstanden und publiziert wurde, ist das Silmarillion, wie wir es heute kennen. Im laufe der Jahre erschienen mehrere Revisionen und Ergänzungen und zu seinen eigenen Lebzeiten schaffte es Christopher Tolkien (1924-2020) dann sogar noch, einen Wunsch seines Vaters wahr werden zu lassen und 3 der großen Geschichten im Silmarillion als lange Geschichten zu veröffentlichen.

Aber alles, was nach dem Silmarillion kam, waren Ergänzungen. Keine unnötigen Ergänzungen, aber fast alles aus dem Mittelerde-Zyklus findet man in ähnlicher Forum, meistens etwas kürzer, bereits im Silmarillion. Somit ist das Hauptwerk von J.R.R. Tolkien die erste Anlaufstelle, um die Schöpfungsgeschichte von Mittelerde in seiner Gänze erleben zu dürfen. Und das Unterfangen ist als Leser bereits eine Herausforderung. War der Hobbit noch ein Kinderbuch (an dem sich aber genau so gut auch Erwachsene, egal wie Alt, dran erfreuen können), ging es im Herrn der Ringe schon wesentlich düsterer zu Werke. Doch beide Bücher lockern die Stimmung mit Tolkiens herrlich britischem Humor auf, der immer wieder zum Vorschein kommt. Das ist beim Silmarillion anders. Die Stimmung dieser teils blutig brutalen aber auch traurigen Schöpfungsgeschichte ist durchgehend düster, finster, melancholisch. Ist nicht bereits der düstere Ton der Kurzgeschichten eine Herausforderung, so ist das Buch besonders zu Beginn wenig einsteigerfreundlich, sperrig und teilweise durch die vielen Namen von Personen sowie Ortschaften verwirrend. Ich selbst habe es mehrmals mit dem Buch probiert, aber konnte mich nie komplett dazu durchringen, es vollständig zu lesen.

Doch irgendwann kam ich auf eine Idee; wenn ich mich beim lesen so schwer tue, wieso lasse ich mir das Silmarillion nicht vorlesen? Aufgrund einer komplizierten Rechtelage war es Anfang der 2010er Jahre ein kleines Wunder, dass der gesamte Mittelerde-Zyklus als Hörbücher nun auch bei Audbible erscheinen konnte. Ich habe mich also kürzlich dazu entschlossen, das Silmarillion digital zu erwerben, alles kompakt in einer einzigen Datei vor mir auf meinem iPad zu haben und immer dann hören zu können, wenn ich die Zeit dazu habe. Für das bessere Verständnis wurde der Datei noch eine ausführliche PDF hinzugefügt, die auch über das Personenregister im Buch verfügt. Meine letzten Sorge war also, werde ich der Geschichte denn vorgelesen folgen können? Hier könnte noch alles schiefgehen, dachte ich mir. Aber ich wusste bereits vorab, dass hier mit Joachim "Achim" Höppner ein Sprecher engagiert wurde, der bereits mit Mittelerde vertraut war, werden ihn die meisten doch als deutsche Synchronstimme von Ian McKellen in der Filmtrilogie zum Herrn der Ringe kennen, wo er Gandalf seine Stimme lieh. Und an dieser Stelle muss ich direkt eines loswerden: Diese etwas mehr als 15 Stunden mit der Stimme von Achim Höppner zu verbringen war ein Hochgenuss, ein Erlebnis. Er hatte die richtige Stimme, um Tolkiens Worte einzufangen. Mit einer engelsgleichen Ruhe liest Achim Höppner die Schöpfungsgeschichte, kann aber auch gleichzeitig in dramatischen Momenten wie ein Vulkan ausbrechen und im richtigen Moment auch emotional sein. All das gepaart mit einer beeindruckenden Aussprache (die es in der Vertonung in den Filmen leider noch nicht gab) die, zusammen mit seiner markanten Stimme, dem ganzen die Krone aufsetzen.

Die Übersetzung des Silmarillion stammt vom mittlerweile verstorbenen Tolkien-Kenner Wolfgang Krege, der besonders durch seine kontroverse Neuübersetzung des Herrn der Ringe (auf denen die anderen Hörbücher des Hörverlags ebenfalls basieren) vielen in Erinnerung geblieben ist. Die Lesung ist rein vom Inhalt her ungekürzt, leider fehlen jedoch Hintergrundinformationen wie der lange Brief von J.R.R. Tolkien an seinen Verleger sowie das Vorwort von Christopher Tolkien, die allesamt nicht eingesprochen wurden. Was man also bekommt ist der pure Inhalt des Silmarillion und als Begleitheft die umfangreiche PDF, die jederzeit angewählt werden kann. Da ich hier ausschließlich die digitale Version bespreche, kann ich leider nicht sagen, ob diese PDF nicht das eingescannte Booklet ist, welches sehr wahrscheinlich der CD-Version beiliegen könnte.

Mit Ausnahme winziger Tonprobleme die vermutlich beim Zusammenschnitt entstanden sind, ist die Aufnahme glasklar und fehlerfrei.

Der Hörverlag setzte die Arbeit mit Achim Höppner für den ersten Teil des Herrn der Ringe fort. Die Arbeiten am zweiten Teil konnte Achim Höppner bereits nicht mehr beenden, da er Ende 2007 im Alter von nur 60 Jahren verstorben ist. Eine Nachricht, die mich bereits damals sehr traurig gemacht hat. Nicht minder beeindruckend wurde der verstorbene Achim Höppner durch Gert Heidenreich ersetzt, der seinen ganz eigenen Stil mit sich brachte, die ausstehenden beiden Herr der Ringe Bücher eingesprochen hat und auch heute noch als die deutsche Hörbuch-Stimme von Mittelerde gilt.



Fazit

Da es sich hier um eine Hörbuch-Rezension handelt, war es mir wichtig, weniger auf den direkten Inhalt des Buches einzugehen. Der wäre sowieso viel zu komplex für nur eine einzige Rezension und das wäre nicht zielführend. Abschließend dazu kann ich halt sagen, man muss dem Silmarillion ein wenig Zeit geben, bevor sich die Faszination dieser großartigen Fantasy-Geschichten entfaltet. Den Geschichten haftet teilweise eine große Melancholie an, sie sind blutig und voller Verrat und Misstrauen. Tolkien zeichnet hier eine Welt, die, wie es ihm oft nachgesagt wurde, eine Allegorie auf unsere echte Welt sein könnte. Herausragend eingesprochen und erzählt von Achim Höppner wurde das Hörbuch schon beinahe zu einem Hörspiel, und das ganz ohne Musikuntermalung und Soundeffekte. Und exakt daran erkennt man die Macht, die ein beeindruckender Sprecher besitzt, wenn er seine Hörer so sehr in den Bann ziehen kann. Wer Probleme hat, einen Zugang zum Buch zu finden, dem sei wärmstens empfohlen, dem Hörbuch mal eine Chance zu geben. Vorausgesetzt sind natürlich ein wenig Ruhe und Konzentration. Das Silmarillion ist keine seichte Unterhaltung und eignet sich, wenig überraschend, eher nicht für die Fahrt in Bus und Bahn, im Auto oder als unterhaltsame Ablenkung beim kochen.

Mittwoch, 15. März 2023

Zum Tod von Kenzaburo Oe: Erinnerungen


Die vergangenen Monate liefen gesundheitlich aber auch privat nicht gerade reibungslos. Immer wieder probierte ich es mit neuen Artikeln wie Kolumnen, Besprechungen von Büchern und Filmen, kam aber nie auf mehr als ein paar Worte, bevor ich den kompletten Text wieder gelöscht habe. Was immer ich auch geschrieben habe, ich habe ein für alle mal eingesehen, dass sich die Texte wie eine journalistische Schallplatte gelesen haben, die sich immerzu wiederholten. Und ich habe mich damit abgefunden, besonders nach dem turbulenten Jahresauftakt, hier vermutlich nie wieder eine Silbe für "Am Meer ist es wärmer" zu verfassen. Nach über 12 Jahren wäre dies eher ein Ruhestand als eine Kapitulation.

Über den Tod von Kenzaburo Oe (1935-2023) erfuhr ich vor wenigen Tagen durch eine Push-Mitteilung via NHK World. Der große japanische Nachkriegsautor verstarb bereits am 03.03.2023 im hohen Alter von 88 Jahren. Und dabei überkam mich eine ungeheure Trauer, weil ich automatisch auf das umfassende Werk des japanischen Nobelpreisträgers zurückblicken musste. Oe durchlebte als Mensch und Autor so viele Dekaden des Schaffens, so viele regionale aber auch weltliche Perioden, Unruhen und Konflikte. Mit seinen düsteren, teils dystopischen Geschichten traf Oe immer dort, wo es weh tat. Er war einer von vielen großartigen Autoren der japanischen Nachkriegszeit, Oe überlebte sie alle, ob Kawabata oder Mishima (der den Nobelpreis für Literatur immer offen anstrebte), die beide vor so vielen Jahrzehnten den Freitod wählten.

Wenn die Todesmeldung eines Autors mich nach so vielen Monaten wieder selbst zum schreiben anregt, so muss der Autor einen großen Stellenwert bei mir innehaben. Und damit liegt man nicht falsch. Leider haben es nur viel zu wenige Werke von ihm zu uns in den Westen geschafft. Die Vergabe des Nobelpreises für Literatur im Jahr 1994 half ungemein dazu, mehr Werke des Autors in verschiedene Sprachen zu übersetzen. Aber noch immer bleibt man uns zahlreiche Übersetzungen schuldig, viele übersetzte Bücher werden unlängst nicht mehr gedruckt und noch weniger werden digital als E-Book archiviert. In Japan genießt Kenzaburo Oe, obwohl immer auch mit einer leichten Kontroverse behaftet (besonders seine kritische Einstellung gegenüber der modernen japanischen Literatur, die er häufig für zu verwestlicht gehalten hat), einen hohen Status. Abgesehen davon hat er diesen Status aber auch noch bei allen Menschen, die bewandert mit der Weltliteratur sind. Oe's teils düstere, gesellschaftskritische Werke genießen zu können setzt auch voraus, sich ein wenig mit der japanischen Nachkriegsgeschichte zu befassen. Der Zugang zum Werk von Kenzaburo Oe wird für moderne Generationen schwieriger, je mehr Zeit vergeht. Obwohl die aktuelle Weltlage wieder einmal so unruhig ist, sodass Oe's Werke praktisch dazu verdammt sind, bald wieder an gegenwärtiger Relevanz zu gewinnen.

Ich erinnere mich an eine von Oe's vermutlich bekanntesten Kurzgeschichten im deutschsprachigen Raum: "Der Stolz der Toten". Ein Frühwerk des Autors aus dem Jahr 1958, welches von zwei Studenten handelt, die einen Nebenjob in der Pathologie ausführen. 2011 verfasste Ich eine Besprechung hier auf "Am Meer ist es wärmer". Die Geschichte selbst hatte ich jedoch einige Jahre zuvor während des vielen Leerlaufs bei meinem Zivildienst gelesen. Obwohl so viele Jahre verstrichen sind, ist diese überschaubar kurze Geschichte bei mir gedanklich haften geblieben.

Vor einigen Tagen fand ich dann doch noch zwei englische E-Books zum Werke Kenzaburo Oe's. Einer seiner wohl bekanntesten Romane "The Silent Cry" sowie eine Sammlung bestehend aus zwei Novellen "Seventeen & J". Insgesamt 3 Geschichten also, die ich bei etwas angenehmeren Temperaturen in aller Ruhe angehen werde.

Mit Kenzaburo Oe hat ein brillanter Autor die Bühne des Lebens verlassen. Anders als viele andere Autoren aus Oe's Generation, widersetzte er sich den Widrigkeiten des Lebens, des japanischen Wandels sowie sämtlichen Trends. Er hinterlässt ein umfangreiches Werk, welches auch in der heutigen Zeit noch wert ist, gelesen zu werden. Vielleicht in der heutigen Zeit umso mehr als noch vor einigen Jahren. Seine Verdienste gegenüber der japanischen Literatur sowie den heutigen hohen Stellenwert, den die zeitgenössische japanische Literatur weltweit genießt, geht zu einem Großteil auch auf das Schaffen von Kenzaburo Oe zurück. Ein Autor, auf den ich immer wieder mit großer Freude zurückblicken werde.

Montag, 31. Oktober 2022

Halloween-Rezension: Sensor (Junji Ito)

 



Japan

Sensor
Originaltitel: Muma no Kikou
Autor und Zeichner: Junji Ito
Verlag: Carlsen
Format: Hardcover
Übersetzung: Jens Ossa
Genre: Horror, Mystery


Japans Horrormeister Junji Ito beglückt seine wartenden Fans immer seltener mit brandneuen Werken. Er lässt sich für seine Fieberträume gerne Zeit. Doch wenn Ito an einem neuen Einzelband oder neuen Kurzgeschichten sitzt, dann beschwört er die pure Anarchie hinauf. Sensor entstand zwischen 2018-2019 und die einzelnen Kapitel wurden kurze Zeit später in seiner Heimat dann auch als einzelner Sammelband veröffentlicht. Sensor zählt somit zur "Horror World of Junji Ito", eine riesige Anthologie, die Itos One-Shots und Kurzgeschichten beinhaltet.

Es hat zwar etwas gedauert, aber nun hat sich auch nach kleineren Versuchen vor einigen Jahren mit Uzumaki und Gyo der Carlsen Verlag etabliert, was die Veröffentlichungen von Junji Ito angeht. Man veröffentlicht in einem schicken, einheitlichem Design Hardcover-Ausgaben zu bezahlbaren Preisen. Somit dürfte Junji Ito auch in Deutschland nun eine feste Heimat haben.

Sensor ist, wie nicht anders zu erwarten, wieder einmal eine bizarre Geschichte, die ich nicht wirklich erklären oder beschreiben kann. Ein Fiebertraum passt hier schon, aber die Geschichte hat besonders durch seine abstrakten Illustrationen etwas hypnotisierendes. Beim lesen der Geschichte ist mir daher folgendes aufgefallen: Sensor könnte völlig ohne Probleme eine zusätzliche Geschichte in "Der König in Gelb" von Robert Chambers sein, ein Mythos, den später auch H.P. Lovecraft weiterführen sollte.




Sensor ist auf den ersten Blick nicht der gewohnte blanke Horror, den man von ihm kennt. Im Fokus steht ein wenig japanische Folklore, allen voran der stille Vulkan Sengoku und ein kleines, ländliches Dorf direkt in der Nähe. Das Dorf ist vollkommen bedeckt von Pele-Haar (zum besseren Verständnis führt hier ein Link in einem separaten Fenster zu Wikipedia). Diese goldenen Fäden, so die Dorfbewohner, verleihen ihnen übernatürliche Fähigkeiten. Als eine junge Frau das Dorf besucht, wird sie bereits mit offenen Armen empfangen - ihr Besuch wurde von den Dorfbewohnern vorhergesehen und sie soll das auserwählte Medium sein, dessen Ankunft schon lange vorausgesagt wurde. Der Albtraum für alle Beteiligten beginnt damit erst und es finden seltsame und bizarre  Ereignisse über ganz Japan verteilt statt.

Wie üblich bei Junji Itos One-Shot Geschichten, besitzt jedes Kapitel das Potential dazu, als eigenständige kleine Kurzgeschichte durchzugehen. Ein Reporter ist dem Mysterium auf der Spur und gerät dabei immer tiefer in eine Geschichte, die ihn regelrecht den Verstand rauben wird. Je weiter die Geschichte in Sensor geht, desto mehr kommt Itos klassischer Horror, Extremsituationen und sein herrlicher schwarzer Humor zur Geltung. Ito scheut sich auch in Sensor nicht vor Absurditäten, die nur er in ein Horrorgewand verpacken kann, welches die Leser noch für einige Zeit nach Beendigung der Geschichte begleiten wird. Daher geht die Warnung gleich mal raus: Obwohl Sensor relativ bodenständig beginnt, gibt es auch hier wieder eine ordentliche Portion Body-Horror, der vor einem gewissen Grad an Ekel nicht zurückschreckt. Doch wie immer kommen auch eine subtile Gesellschaftskritik und die ganz menschlichen Abgründe der verschiedenen Charaktere hier nicht zu kurz.





Abschließende Gedanken

Nach Remina ging es für mich geradewegs weiter zu Sensor. In beiden Werken entfaltet sich der ganze Wahnsinn von Junji Itos Horrorwelt. Ich habe aufgegeben zu versuchen, Itos Stil und Geschichten zu erklären. Wie in meinem Beitrag von 2017 schon erwähnt: Man muss die Geschichten selbst erleben und auf sich wirken lassen. Ohne Frage sind Itos Geschichten aber auch der perfekte Begleiter zu Halloween. Am besten, man deckt sich mit so vielen Bänden wie möglich ein und, sofern es die Zeit zulässt, verbringt eine komplette Nacht damit, sie in einem gedimmten Raum, ohne Technikgedöns in Reichweite und laufenden Fernseher im Hintergrund, zu lesen. Dem Wahnsinn wird man nach so einer Nacht sicherlich ein Stück näher gekommen sein.