Archiv: Rezensionen zu Literatur und Film

Montag, 13. Juli 2015

Sarabada, alter Freund: Satoru Iwata (1959-2015)



Die Überschrift dieses Beitrages gleicht eigentlich schon einer Ironie. Wie kann man jemand einen alten Freund nennen, ohne dass beide Personen sich je getroffen haben und letztere nicht einmal von der Existenz des Mannes wusste, der diesen Beitrag gerade verfasst? Es klingt an den Haaren herbeigezogen und dennoch ist es wahr: Satoru Iwata begleitet mich auf meinen Wegen bereits seit vielen Jahren. Fürs erste trennen sich unsere Wege jedoch, denn Nintendos charismatischer Präsident erlag am 11. Juli 2015 seinem kurzen Krebsleiden im Alter von nur 55 Jahren.

Leser dieses Blogs werden natürlich wissen, ich berichte eigentlich ausschließlich über Literatur und Filme. Und nicht selten habe ich bereits Kondolenz-Beiträge verfasst. Jeder einzelne dieser Beiträge bewegte mich emotional sehr, weil ich mit allen verstorbenen Abschnitte in meinem Leben verband. Doch noch nie fiel es mir so schwer, erneut so einen Beitrag zu verfassen. Und ihn nicht hier zu veröffentlichen hätte ich nicht nur bereut, es wäre auch ganz einfach nicht richtig gewesen.

In meinem Leben hielt ich eher einen Controller in meinen Händen, bevor ich lernte, korrekt mit Messer und Gabel zu essen. Der erste Controller, den ich vor über 25 Jahren in meinen Händen hielt war ein NES Controller. Die Liebe zu diesem Spielgerät ist auch bis heute nicht erloschen.

Meine Verbundenheit zu Nintendo ist damit unbestritten und umso mehr bestürzt mich das überraschende Ableben Satoru Iwatas, dem erst vierten Präsidenten von Nintendo. Iwata gehörte vor seiner Tätigkeit als Präsident bereits bei der Firma HAL zu den großen Programmierern und Codern, der noch viele weitere Entwickler in der Videospielbranche inspirieren sollte. Iwata war für Spiele wie Balloon Fight, Mother (EarthBound) oder auch Kirby verantwortlich. Im Jahre 2002 übernahm Satoru Iwata das Amt des scheidenden Nintendo Präsidenten Hiroshi Yamauchi (2013 im Alter von 85 Jahren verstorben). Binnen weniger Jahre führte Iwata Nintendo zurück zu alten Erfolgen und läutete mit dem Nintendo DS, der Wii und dem 3DS eine neue Ära bei Nintendo ein. Satoru Iwata hob sich mit seiner lockeren und sympathischen art von anderen Männern in seiner Position ab.

Bereits 2014 verschwand Iwata für eine längere Zeit von der Bildfläche. Entdeckt wurde ein Tumor in der nähe der Galle. 2015 meldete er sich zurück und zu sehen gab es bei seinen ersten öffentlichen Auftritten nach dem Eingriff ein stark abgemagertes Oberhaupt zu sehen. Während sich viele Leute sorgen um seinen Gesundheitszustand machten, versicherte Iwata jedoch, er sei auf dem Weg der Genesung und verband den Gewichtsverlust mit seinem langen Krankenhausaufenthalt. Vermutlich wusste er selbst, das sein Zustand wesentlich ernster zu betrachten ist, denn innerhalb weniger Monate/Jahre neigt dieser Tumor dazu, zurückzukehren, dann jedoch aggressiver und letztendlich verheerender.

Bis zuletzt arbeitete Iwata hart an Nintendos aktueller Krise rund um die Wii U und der Zukunft der Firma. Die Figuren, die Iwata erschuf (die Idee zu Super Smash. Bros stammt unter anderem von ihm), besitzen unendlich viele Leben. Er selbst war, wie jeder andere Mensch auch, an die Erde gebunden.

Satoru Iwatas Erbe (welches noch nicht ermittelt wurde) wird eine große Lücke füllen müssen. Doch bei Nintendo wird dies erst einmal zweitrangig sein, denn im Hauptquartier in Kyoto stehen die Fahnen auf Halbmast. Mein tiefstes Mitgefühl geht an Nintendo und Satoru Iwatas Angehörige.


Sarabada, Iwata-San

Freitag, 3. Juli 2015

[Retrospektive] Hellraiser: 1986 - 2015

(Zum Start der deutschen Ausgabe von "The Scarlet Gospels (dt. Das Scharlachrote Evangelium)": Eine Zeitreise durch das Hellraiser Universum)


Es ist beinahe 15 Jahre her, als ich zum ersten mal Hellraiser im Free-TV sah. Selbstverständlich in einer gekürzten Fassung, dies wäre durch die damalige Indizierung des Filmes auch gar nicht anders möglich gewesen. Gleich mal eine interessante Trivia meinerseits: Ich habe bis heute nie die ungekürzte Fassung des Filmes gesehen, trotz der (mittlerweile) Listenstreichung vom Index. Aber ich spüre, dieses Erlebnis schon bald nachholen zu können.

Fasziniert wie ein junger Filmfan nur sein konnte, befand sich im Freundeskreis noch ein weiterer Bewunderer (seinerzeit schon über 18 und damit war das Portal der nicht jugendfreien Filme geöffnet) der Reihe. Somit war für Nachschub gesorgt.

Doch womit begann alles? Diese bizarren Horrorfilme rund um die Puzzlebox eines französischen Spielzeugmachers. Viele dürften es mittlerweile mitbekommen haben, der damals junge britische Künstler (er  istja viel mehr als ein Schriftsteller) Clive Barker zeichnete sich für diesen Horror verantwortlich. Der Film wurde jedoch adaptiert und ist, grob genommen, kein originales Werk. Allerdings darf man dies hier nicht zu eng sehen. Wer jedoch nach einem Buch namens "Hellraiser" sucht wird nicht fündig werden. Der Film basiert auf Barkers Novelle "The Hellbound Heart". Und genau damit beginnt diese kleine Retrospektive, die sich samt mit den Höhepunkten, dem Tiefpunkt und dem Neubeginn des Franchise befassen wird.

Hinweis: Comics oder Kurzfilme finden in dieser Retrospektive keine Erwähnung.
Die kurzen Kommentare zur Qualität der hier aufgezählten Werke sind rein subjektiv und spiegeln ausschließlich meine eigene Meinung wider.



1986: The Hellbound Heart (Novelle, Autor: Clive Barker)



Veröffentlicht in der dritten Ausgabe von Dark Harvest's Night Visions (u.a. herausgegeben von George R.R. Martin), wurde Clive Barkers Horror-Novelle abgedruckt. Im Fokus der Haupthandlung stand der Hedonist Frank Cotton der in Düsseldorf in den Besitz eines seltsamen Zauberwürfels gelangt ist. Was der skrupellose Frank noch nicht ahnt: Statt neuen und aufregenden sexuellen Erfahrungen setzt dieser Würfel wahrlich die Dämonen der Hölle frei. Der erste Auftritt der Zenobiten ist bereits in der kurzen Novelle ein Highlight und Barkers Inspiration für einen großen Kinofilm: Hellraiser.



1987: Hellraiser ( Story und Regie: Clive Barker)



Nicht ganz 1 Jahr nach der Veröffentlichung von "The Hellbound Heart" drehte Clive Barker die Verfilmung zu seiner eigenen Novelle. Mit einem Budget von rund 1 Million Dollar ein anständiges Budget für eine britische Produktion und einen damals noch immer unbekannten Regisseur. Was Barker jedoch kreierte war eine Revolution des Horrorgenre. Die 70er boomten von Exploitation-Horrorfilmen, nutzen sich aber auch in den Jahren nach ihrer Blütezeit ziemlich ab. Wes Craven machte es 1984 mit "A Nightmare on Elm Street" bereits vor in dem er dem etwas in die Jahre gekommenem Genre neue Frische verlieh. Cliver Barkers "Hellraiser" setzte noch einmal eine ganzen Portion Wahnsinn drauf. Während Freddy Krüger immer einen lockeren Spruch parat hatte, war Clive Barkers Pinhead und seine Horde an Zenobiten das komplette Gegenteil zu Wes Cravens Schöpfung. Barkers Story wandelt zwischen Horror und sehr düsterem Fantasy. Überzeugende Darsteller, ein gutes Script und bis heute exzellente und bizarre, handgemachte Effekte haben "Hellraiser" zu einem Klassiker des Horrorgenre gemacht. Ein Remake des Filmes wurde von Barker vor Jahren bereits angedeutet.


1988: Hellbound: Hellraiser II (Story: Clive Barker, Regie: Tony Randel)



Für viele Fans die vermutlich beste der insgesamt 8 Fortsetzungen. "Hellbound" setzt die Geschichte des ersten Teiles fort und etabliert die gruseligen Zenobiten. Natürlich ist der Zuschauer mittlerweile mit dem Stil des Vorgängers vertraut und somit bleibt ein "Aha-Effekt" aus, als Fortsetzung zu einem erfolgreichen Horrorfilm macht "Hellraiser II" aber einfach alles richtig. Besonders bei den handgemachten, teils sehr ekligen Effekten konnte man noch einmal mehr überzeugen als im Vorgänger. Im wahrsten Sinne der Worte ist die Hölle in "Hellraiser II" los. Der Film stellt vor allem dank enger Mitarbeit Barkers eine der wenigen gelungenen Ausnahmen dar, was Fortsetzungen in diesem Genre angeht. Ich selbst habe im vergangenem Jahr "Hellraiser II" auf Platz 5 der schönsten Filme zum Weltuntergang gewählt.


1992: Hellraiser III: Hell on Earth (Story: Peter Adkins, Tony Randel, Regie: Anthony Hickox)



Hellraiser verschwand für einige Jahre von der Kinoleinwand. 1992 kehrte Doug Bradley in seiner ikonischen Rolle als Pinhead jedoch zurück. Clive Barker zog sich endgültig aktiv als Regisseur bzw. Autor für das Franchise zurück. Als Executive Producer gab er Ideen aber grünes Licht und hatte auch insgesamt noch einen guten Überblick darüber, wie es mit dem Projekt voran anging. Barkers ursprüngliche Idee war es, einen größeren Fokus auf Pinhead zu legen. Dies sollte auch so geschehen, Adkins und Randel entschieden sich aber für eine andere Varianteder Story. Dennoch blieb Pinhead bzw. der Mensch, der er einmal war, das große Thema des Filmes. Der Fokus des Filmes ist klar auf Unterhaltung gelegt und er lässt ein wenig die alptraumhaften Szenarien der Vorgänger vermissen. "Hellraiser III" ist aber noch immer ein grundsolider Horrorfilm mit einigen netten Splattereinlagen. Als Abschluss für eine Trilogie wäre "Hellraiser III" jedoch eher ungeeignet gewesen.


1996: Hellraiser IV: Bloodline (Story: Peter Atkins, Regie: Kevin Yagher, Joe Chappelle)



In vielerlei Hinsicht ist "Hellraiser IV: Bloodline" ein Schlüsselfilm des gesamten Franchise. "Bloodline" sollte der letzte Film der Chronologie werden und gleichzeitig Clive Barkers Abschied aus der Produktion der Filme. Da jedoch kein weiterer Film erscheinen sollte, wäre dies auch nicht weiter problematisch gewesen. Allerdings sollte es anders kommen. Denn "Bloodline" war, unschwer zu erkennen, nicht der finale Part des Franchise. Gleichzeitig war "Bloodline" jedoch der letzte Hellraiser Film, der eine Kinoleinwand schmückte.
Das Konzept des Filmes war lange vorher geplant. Die Saga rund um Pinhead sollte mit einem vierten Teil enden. Gleichzeitig sollte "Hellraiser IV" sowohl als Prequel und Sequel fungieren und auch die Hintergründe um Philip LeMarchand lüften, dem Erbauer der dämonischen Puzzlebox. Auf dem Papier sah das ganz gut aus, jedoch sollte bei der Produktion einiges anders laufen. Während der Film gedreht wurde, wurde das Script geändert. Kritisiert wurde Pinheads geringe Screentime und die Angst davor, Zuschauer zu verlieren wenn die ikonische Filmfigur nicht omnipräsent wäre. Regisseur Kevin Yagher hatte relativ schnell genug von Dimensions Zickereien und verließ das Set und damit den Posten als Regisseur. Übernommen hatte Joe Chappelle, der aber ebenfalls mit den Änderungen so unzufrieden war, und, genau wie Yager, im Abspann nicht namentlich genannt werden wollte. Es verlief dann alles genau so, wie es die Produzenten bei Dimension/Miramax haben wollten. Keine gute Basis, einen Film zu drehen und ihre Entscheidungen sollten immer etwas weiter zum Tiefpunkt des gesamten Franchise führen. Insgesamt war "Hellraiser IV" aber, obwohl bei den Fans nicht sonderlich beliebt, eine wesentlich reifere (von den unplatzierten Science-Fiction Szenen mal abgesehen) und bessere Fortsetzung als "Hellraiser III". Kaum auszudenken, wie gut der Film geworden wäre, hätten die Regisseure das ursprüngliche Drehbuch nach ihrem Willen verfilmen dürfen.


2000: Hellraiser V: Inferno (Story: Paul Harris Boardman, Scott Derrickson, Regie: Scott Derrickson)


Die Gebrüder Weinstein sahen den Fokus des Hellraiser Franchise nicht mehr auf der großen Leinwand, sondern in den Videotheken. Das Budget wurde runtergeschraubt, es wurden bereits vorgefertigte Stories eingekauft die nichts mit dem Hellraiser Universum zu tun hatten (die Hellraiser Figuren wurden dann während des Drehbuchs nachträglich eingefügt) und schon war der Grundstein für insgesamt 5 Videoproduktionen gelegt. Hellraiser Inferno ist eine davon. Und dennoch gehört Inferno mit zu den besten Fortsetzungen des Franchise. Längst nicht mehr so bizarr und abgedreht wie die Vorgänger, dafür legte der Film aber wert auf Spannung und einigen sehr surrealen Effekten. Die Geschichte um den korrupten Cop Thorne war ein kompletter Neuanfang außerhalb der Pinhead-Saga, auch wenn dieser noch seinen Auftritt im Film haben sollte. Fortan sollten die Zenobiten aber eine etwas passivere Rolle einnehmen.


2002: Hellraiser VI: Hellseeker (Story: Michael Leahy, Rob Schmidt, Regie: Rick Bota)



Bei den professionellen Kritiken kam "Hellseeker" nicht gut an. Unter den Fans rankt sich Hellseeker aber heimlich unter den Favoriten der vielen Fortsetzungen. Und diesen Ruf hält der Film gar nicht mal zu unrecht inne. "Hellraiser VI" (wenn auch offiziell mittlerweile ohne Nummerierungen) schaltet genau wie Inferno ein paar Gänge zurück und setzt eher auf psychologischen Horror. Eine Besonderheit an dem Film: Ashley Laurence, Protagonistin aus den ersten beiden Teilen nimmt ihre Rolle als Kirsty Cotton wieder auf (mittlerweile verheiratet). Auch in "Hellraiser VI" nehmen die Zenobiten wieder eine wesentlich passivere Rolle ein. Doug Bradley überzeugt erneut in seiner Rolle als Pinhead, der hier mehr die Rolle des Beobachters spielt. Ebenfalls noch erwähnenswert: Während Clive Barker zwar mit "Bloodline" seinen Abschied verkündete, war er aber bei "Hellraiser VI" aber wieder minimal involviert. Hellseeker sollte jedoch der endgültige Ausstieg von Barker sein. Und was danach folgte, ist wahrlich ein Ritt in die tiefsten Höllen.


2005: Hellraiser VII: Deader (Story: Neil Marshall Stevens, Tim Day, Regie: Rick Bota)



Rick Bota durfte erneut als Regisseur ran. Viel vom wirklich gelungenen sechsten Teil ist aber nicht übrig geblieben. Allmählich machte sich ein schaler Beigeschmack breit und "Hellraiser VII: Deader" wurde praktisch nur noch vom bekannten Namen des Franchise und Doug Bradly getragen, der einmal mehr als Pinhead auftrat und den Zuschauer ein wenig entschädigen konnte. Die Idee hinter "Deader", hinter dem Titel sich ein bizarrer Ritualmord-Kult verbirgt, hatte Potential. Die Aufmachung des Filmes wirkt jedoch billig (was auch daran liegen dürfte, dass das Osteuropa Setting wie immer dafür sorgte), die Schauspieler waren nie austauschbarer und das gesamte Konzept wollte nicht so richtig aufgehen. Es gibt tatsächlich weitaus schlechtere Fortsetzungen im Horrorgenre, die Abnutzungserscheinungen bei "Hellraiser VII" sind aber unschwer zu erkennen.


2005: Hellraiser VIII: Hellworld (Story, Carl V. Dupré, Regie: Rick Bota)


Rick Bota zum dritten. Das interessante an Botas Filmen ist, kontinuierlich haben sie an Qualität verloren. Bislang vermisste man aber trotz der vielen Fortsetzungen aber noch den ersten richtigen Rohrkrepierer. Zu finden ist dieser in Hellworld, dem zweiten Hellraiser Film der im Jahr 2005 veröffentlicht wurde. Zwar versucht einem das grauenhaft schlechte Cover hier einen futuristischen Hellraiser zu verkaufen, dem ist aber nicht so. Ganz im Gegenteil. Auch wenn die Quelle des Übels diesmal ein Online-Spiel ist, gab es keinen Cyberpunk Overkill. Stattdessen ist das Nokia 3310 in diesem Film anscheinend der Höhepunkt der mobilen Kommunikation. Trotz namhafter Besetzung bleibt "Hellworld" ein schlechter Film. Ein schlechter Hellraiser und ein schlechter Horrorfilm. Da können weder Lance Henriksen noch Doug Bradley etwas ausrichten (sehr kurios: Henriksen sollte ursprünglich Frank Cotton im ersten Hellraiser spielen, der jedoch damals für eine andere Rolle absagte). Erneut merkt man, die Hellraiser-Mythologie wurde ohne Sinn und Verstand wahllos in eine bereits längst vorgefertigte Geschichte gepresst. Das Gesamtergebnis geht nicht auf. Die Darsteller nerven, die Dialoge sind banal und auch die Auflösung ist vorhersehbar. Was halbwegs positiv zurückbleibt sind die teils gelungenen Effekte, von denen es jedoch viel zu wenige gibt.


2011: Hellraiser IX: Revelations (Story: Gary J. Tunnicliffe, Regie: Victor Garcia)



Nach dem Flop um "Hellword" wurde es ruhig um Hellraiser. Und es scheint, als hätte Rechteinhaber Dimension die Reihe vergessen, denn die Verträge für das Franchise liefen aus. Ein Schnellschuss musste her und unter dem Label "Dimension Extreme" wurde dieses Machwerk kreiert, welches die Zenobiten persönlich angefertigt haben mussten, um die irdischen Bewohner der Erde zu geißeln.
"Hellraiser IX: Revelations" ist ein heimtückischer Film, denn man könnte auf den Gedanken kommen, hier handle es sich um das lang ersehnte Remake. Denn ungefähr so wurde der Film damals promotet. Die Wahrheit sieht aber wesentlich düsterer aus. Der Film musste innerhalb weniger Wochen produziert werden, bevor Dimension (die Weinsteins) die Lizenz am Franchise verlieren würden. Pinhead Darsteller Doug Bradly war nicht nur über die Eile verwundert, sondern auch über das zusammengeschusterte Script. Es kam also, wie es irgendwann kommen musste: Doug Bradly würde nicht erneut als Pinhead zu sehen sein. Das Script war allerdings schon fertig geschrieben und Pinhead spielte wieder einmal eine eher passive, aber nicht unbedingt kleine Rolle. Man brauchte einen neuen Schauspieler und hätte keine unpassendere Wahl als den wenig charismatischen Stephan Smith Collins finden können. Mit nur 75 Minuten ist "Revelations" auch gleichzeitige der kürzeste Film der gesamten Reihe. Der Low-Budget Charakter ist dem Film stets anzusehen und vom Stil her erinnert Revelations sogar an Werke von Olaf Ittenbach. Aber das wäre sogar noch eine Beleidigung Ittenbach gegenüber. Die grauenhaften Darsteller runden diese furchtbare schlechte Videoproduktion letztendlich ab. Clive Barker bestritt unter Worten, die ich hier nicht wiedergeben möchte, über seinen offiziellen Twitter-Account jegliche Mitarbeit an diesen Hellraiser Ableger. Falls es überhaupt etwas positives an dieser Gurke hervorzuheben gibt so ist es der Fakt, es ist der erste Hellraiser Film seit "Bloodline" der auf einem eigens für den Film verfassten Script basiert (was sich jedoch als Boomerang erwiesen hat) und einige erwähnenswerte Effekte im Finale. Nichts jedoch bewahrte diesen Schund vor seinem absoluten Untergang. "Hellraiser IX" ist wohl am besten damit bedient, von allen Beteiligten totgeschwiegen zu werden.


2015: The Scarlet Gospels (Roman, Autor: Clive Barker)

(Cover von links nach rechts: US, UK, DE)


Meine Retrospektive zu Hellraiser begann mit einer Novelle und enden tut sie mit einem Roman. Es begann mit Clive Barker und aktuell endet es auch mit ihm. Bereits in den 90ern von Clive Barker angekündigt, mussten Fans viele Jahre auf diesen Roman warten. "The Scarlet Gospels" ist dabei aber keine direkte Fortsetzung zu "The Hellbound Heart". Das Werk ist etwas anders gestaltet. Es ist viel mehr eine Neuinterpretation der Mythologie. Und so begegnen sich in diesem Buch zwei der bekanntesten Figuren aus Clive Barkers Feder: Pinhead aus Hellraiser (im Buch benannt als der Höllen Priester) und Okkult-Detektiv Harry D'Amour, der durch Barkers Blutbücher bekannt wurde. Und obwohl hier zwei Welten miteinander verschmelzen, so ist es dennoch zu 100% Barkers Rückkehr in die dämonische Welt der Zenobiten. Es war Zeit für einen Neuanfang. Auch wenn "The Scarlet Gospels" vermutlich über die Jahre häufig von Barker umgeändert wurde (das Original-Manuskript besaß vor einigen Jahren noch rund 2000 Seiten). Ob "The Scarlet Gospels" wie damals "The Hellbound Heart" auch als Basis für einen neuen Hellraiser Film dienen wird, bleibt weiterhin ungewiss. Alleine aber die Existenz dieses Romans dürfte Fans von Barkers Werk aber ungemein beschwichtigt haben, die besonders durch die letzten beiden Filme eigentlich schon den Glauben verloren haben dürften, der Altmeister könne jemals wieder einen Roman in seinem wohl bekanntestem Universum verfassen.

In den USA erschien "The Scarlet Gospels" bereits im Mai dieses Jahres. Seit dem 25. Juni ist die deutsche Ausgabe unter dem Titel "Das Scharlachrote Evangelium" (eine wortgetreue deutsche Übersetzung des englischen Titels) beim Festa Verlag erhältlich, bei dem Barkers Werke endlich mal die gebürtigen Wertschätzungen im deutschsprachigem Raum erhalten, die sie verdient haben.

Sonntag, 14. Juni 2015

In Gedenken an Sir Christopher Lee (1922-2015)



Sir Christopher Lee hat vermutlich nicht ganz das Alter erreicht, welches der ikonische, von Sauron besessene Zauberer in der Herr der Ringe innehatte, aber beinahe ein komplettes irdisches Jahrhundert ist selbst in der Menschenwelt eine Seltenheit. Bereits letzte Woche Sonntag verstarb Christopher Lee im Alter von 93 Jahren im Kreise seiner Familie in London. Im laufe seiner Karriere kämpfte er als Dracula gegen seine Widersacher, versuchte James Bond auszuschalten, kämpfte mit einer Armee von Orks in der Schlacht um Helms klamm oder aber als abtrünniger Jedi-Ritter gegen ehemals verbündete. Seinen letzten Kampf gegen das Alter, den konnte Christopher Lee, wie so viele andere vor ihm, nicht gewinnen. Der zum Ritter geschlagene britische Schauspieler hinterlässt ein Erbe an unvergesslichen Filmen, eine Ehefrau mit der er über 50 Jahre verheiratet war und eine Tochter.
Ein großer Darsteller hat die Bühne verlassen, an sein Schaffen werden sich aber noch viele Generationen erfreuen.

Dienstag, 2. Juni 2015

Haruki Murakami wird auf die Spiegel-Bestsellerliste geweht

(Foto: Hörbuch Hamburg. Printausgabe als Sammlung beim Dumont Verlag erhältlich)


Seit dem 20. Mai sind Haruki Murakamis beinahe verschollene Erstwerke auch in deutscher Übersetzung (Übersetzung von Ursula Gräfe) beim DuMont Verlag Köln erhältlich. Viele Jahrzehnte hat der japanische Bestseller-Autor sich geweigert, seine beiden Erstwerke neu auflegen zu lassen. Tatsächlich existiert aber für die Kodansha English-Library eine englische Übersetzung von Alfred Birnbaum.

Umso erfreulicher ist es, dass nach Jahren des Schweigens Murakami sich endlich erbarmt hat, diese beiden Geschichten freizugeben. Denn "Wenn der Wind Singt", "Pinball 1973" und "Wilde Schafsjagd" ergeben zusammen die "Trilogie der Ratte". Theoretisch gehört auch noch noch "Tanz mit dem Schafsmann" dazu, da die Geschichte rund um "Ratte" aber bereits in Wilde Schafsjagd endet, gehörte der finale Akt nicht mehr zu dieser Reihe.

Spiegel-Online berichtete gestern in einem separaten Artikel über die neue Veröffentlichung von DuMont: Haruki Murakami auf der Spiegel-Bestsellerliste: Besser als Bier schmeckt nur die Liebe

Gleichzeitig wurde dort auch vermeldet, der Doppelband hat es auf Platz 9 der Spiegel-Bestsellerliste geschafft. Nach "1Q84", "Die Pilgerjahre des farblosen Herrn Tazaki" und "Von Männern, die keine Frauen haben" scheint Haruki Murakami sich auch in Deutschland zum Dauergast in den deutschen Bestsellerlisten zu etablieren. Für die japanische Literatur ist dies mal wieder ein Gewinn, da sich neue Veröffentlichungen in Deutschland sehr zurückhalten, und dieser Begriff schmeichelt der aktuellen Situation eigentlich noch.

Auch wenn ich mich bereits auf die deutsche Ausgabe freue, so habe ich die englische Ausgabe von Kodansha zu "Wenn der Wind singt" bereits 2011 gelesen und für ziemlich gelungen befunden. Die Besprechung gibt es ebenfalls auf "Am Meer ist es wärmer""Hear the Wind Sing": Rezension

Die Liebe mag vielleicht schöner als Bier sein, aber bei den kommenden Temperaturen zum Wochenende und Murakamis Erfolg auf der Spiegel-Bestsellerliste, da darf man sich schon einmal ein kühles Bier genehmigen. Cheers ;)


Montag, 1. Juni 2015

Aufziehvogel's Wühlkiste: Gyo



Trailer




Japan 2012

Gyo
Originalvorlage: Junji Ito
Regie: Takayuki Hirao
Studio: Aniplex, ufotable
Sprecher: Mirai Kataoka u.m.
Produzent: Atsuhiro Iwakami
Deutscher Verleih: I-ON NEW Media (Animaze)
Laufzeit: 67 Minuten
Genre: Horror, Science-Fiction
FSK: 16



Zwischen 2002-2007 produzierte BBC einmal eine interessante Dokureihe namens "Japanorama". Moderator Jonathan Ross gewann viele namhafte Akteure aus Japans Popkultur für die Reihe. Darunter befand sich auch Japans Horror-Meister Junji Ito. Ross fragte Ito, ob er sich auch eine Adaption zu seinem Manga "Gyo" vorstellen könnte. Ito schmunzelte und war der Idee durchaus nicht abgeneigt, bezweifelte jedoch, ein Film könne seine Vision wohl nicht wirklich umsetzen. Einen Manga von Juni Ito als Anime umzusetzen ist selbst bis heute kaum möglich, einfach weil der Zeichenstil zu einzigartig ist und es für jedes größere Studio ein kommerzielles Risiko wäre, diesen Stil zu adaptieren. Itos Manga "Tomie" wurde in Japan relativ solide Ende der 90er als Spielfilm umgesetzt, eine menge Fortsetzungen ließen nicht lange auf sich warten. Allerdings war es Itos Manga "Uzumaki" der dann auch kommerziell erfolgreich von Regisseur Higuchinsky im Jahre 2000 umgesetzt wurde. Dies dürfte daran gelegen haben, dass Higuchinsky einen genau so eigenwilligen Stil hat wie Ito und er es verstand, mit dem Material, welches ihm zur Verfügung stand, umzugehen.
In den vergangenen Jahren hat sich Japans-Horror Meister allerdings rar gemacht. Er zeichnet, wenn er lust hat. Das wichtigste für ihn ist, wenn Ito selbst an seinem Werk Spaß hat. Für ihn kommt dieser Aspekt an die erste Stelle. Und damit ist er all die Jahre gut gefahren, denn der Japaner hat bei seinen Lesern unlängst Kultstatus eingenommen.




2012 war es dann so weit. Was aus Kostengründen vermutlich schwer als Live-Action Adaption umzusetzen gewesen wäre, ist in der Welt der Anime-Produktionen möglich. Die erste Anime-Adaption eines Ito Manga wurde als lang ersehnte rund 67 minütige OVA (Original Video Animation) umgesetzt.
An Board hatte man namhafte Leute wie Regisseur Takayuki Hirano der bereits an Serien wie Death Note und Bokurano mitgearbeitet hat. Auch Madoka-Produzent Atsuhiro Iwakami (mit dem ich mich sogar schon einmal Live hab ablichten lassen *memories*) war mit von der Partie. Versprochen wurde eine packende OVA mit gelungenen 3D-Effekten. Das Endergebnis ist leider das komplette Gegenteil! Die OVA kann man eigentlich schon als Misshandlung gegenüber Itos bizarrem Weltuntergangs-Manga bezeichnen. Kaum ein anderer Manga macht von der Schwarzweiß Gestaltung mehr Gebrauch als Gyo. Die nicht vorhandene Farbe und die nostalgischen Zeichnungen erwecken den Anschein, man habe es hier mit einem alten Horrorfilm aus den 60ern zu tun. Hinzu kommt ein einzigartiger skurriler wie detailreicher Zeichenstil, an den nicht einmal mehr Altmeister und Itos großes Vorbild Kazuo Umezu heranreicht.
All das hätte auch die Anime-Adaption zu Gyo werden können. Allerdings hat man nicht nur beschlossen, den einzigartigen Stil des Manga über Board zu werfen, sondern aus der grandiosen Vorlage eine moderne Neuinterpretation zu machen. Und was ist das schlimmste an Gyo? Dieser Schund wird vermutlich nicht einmal Leuten gefallen, die den Manga nicht kennen.

Schon zu Beginn des Filmes lassen die Animationen und Character-Designs auf nichts gutes schließen. Die Gruppe an Mädels und die hohlen Dialoge machen den Anschein, als würde man den Beginn eines billigen Hentai schauen anstelle einer ernsthaften Adaption eines bekannten Manga. Hinzukommen unglaublich schlechte 3D-CGI Effekte, die die OVA noch einmal billiger aussehen lassen als sie es vermutlich war.
Und mit meiner anfänglichen Hentai-Vermutung lag ich gar nicht so falsch. Damit die OVA auch ein wenig zeitgemäß ist, hat man eine menge Fanservice eingebaut. Es gibt nackte Haut zu sehen und einen Softcore-Dreier im Ferienhaus gibts gratis dazu. Die trashigen Dialoge verleihen Gyo ein unfreiwilliges Soap-Opera Szenario. Statt sich auf den Horror und die bevorstehende Apokalypse zu fixieren, wurden unwichtige neue Charaktere und ihre Teenager-Probleme eingeführt, die (glücklicherweise) allesamt schnell als Fischfutter enden. Eine weitere Änderung: Die Protagonisten wurden getauscht. Statt Tadashi, der versucht, seine spleenige und etwas nervige Freundin Kaori zu beschützen, hat man nun Kaori zu einer selbstbewussten Protagonistin gemacht, die (in dieser Version) auf der Suche nach ihrem Verlobten Tadashi ist, der, ohne das die selbstbewusste Kaori es weiß, einmal mit ihrer Freundin Eri gepimpert hat. Und wo ich doch schon bei zeitgemäß bin: Ohne Smartphones, Laptops und Tablets geht in dieser OVA anscheinend gar nichts.




Gegen Ende versuchte man anschließend noch, so viel von dem zweibändigen Manga in den Film zu quetschen, wie es die kurze Laufzeit nur zuließ. Entstanden ist dadurch ein zusammenhangsloses Wirrwarr (bestes Beispiel dürfte wohl der Zirkus sein), welches eher dazu einlädt, den Film nun zu beenden und schnell wieder zu vergessen. Itos Alptraumhafte Bilder verkommen in der Adaption zu einem albernen Klamauk. Man könnte beinahe meinen, keiner der Verantwortlichen hat die Vorlage überhaupt aufrichtig gelesen.



Resümee

Gyo ist ein unvorstellbar schlechtes Machwerk der Animekunst. Es ist möglich, eine Adaption zu verhauen, sie aber zu misshandeln ist eher unüblich. Der Film ist nicht nur eine Provokation gegenüber allen Lesern, die begeistert von dem Manga waren. Gyo ist auch eine Beleidigung für alle neutralen Augen. Hier wurde von allen Verantwortlichen anscheinend eine menge falsche Entscheidungen getroffen. Die OVA zu Gyo ist somit der beste Beweis, wie man einen Manga von Junji Ito nicht umsetzen sollte darf. Nachdem ich in letzter Zeit viele fantastische Serien wie Death Parade, Parasyte und Ore Monogatari geschaut habe (letzt genannte läuft ja aktuell noch), habe ich mich die ganze Zeit gefragt, wann ich mal wieder auf den ersten Rohrkrepierer stoße. Und der Rohrkrepierer ist dabei noch viel mehr Lob als Kritik. Die Gyo OVA stinkt. Sie stinkt vermutlich so sehr wie der Geruch, der von den Protagonisten im Film ständig beschrieben wird. Und da ich ja versuche, ständig auch einen positiven Aspekt zu finden, hat Gyo zumindest etwas erreicht.

Wer den wahren Horror gerne kennen lernen möchte, der sollte sich diesen Alptraum nicht entgehen lassen und den Manga von Junji Ito lesen. Leider ist das Werk in Deutschland (bis jetzt) nie erschienen. Seit Mai ist vom US-Verlag VIZ Media jedoch eine vollständige Hardcover-Ausgabe mit Extras erschienen, die für unter 20 Euro auf Amazon.de erworben werden kann. Wenn es hilft, diesen hier besprochenen Unfug zu vergessen, kann ich nicht genug auf die Originalvorlage aufmerksam machen.


Auf Clipfish kann der Film derzeit kostenlos und legal im Stream angesehen werden: Gyo bei Clipfish