Archiv: Rezensionen zu Literatur und Film

Posts mit dem Label Künstlerroman werden angezeigt. Alle Posts anzeigen
Posts mit dem Label Künstlerroman werden angezeigt. Alle Posts anzeigen

Donnerstag, 26. April 2018

Rezension Teil 1: Die Ermordung des Commendatore Band 2


(Foto: © Markus Tedeskino / Agentur Focus)




Die Murakami Rezensionen 11-12

Japan 2017
Die Ermordung des Commendatore Band 2
Alternativ: Die Ermordung des Commendatore Band 2: Eine Metapher wandelt sich
Originaltitel: Kishidancho Goroshi
Autor: Haruki Murakami
Veröffentlichung: 16.04.2018 bei DuMont
Übersetzung: Ursula Gräfe
Genre: Künstlerroman, Drama, Mystery



Hier handelt es sich um den ersten Teil einer zweiteiligen Besprechung. Mein komplettes Fazit folgt im zweiten Teil. Da ich hier auf wichtige Details aus dem ersten Band eingehe sei jedem Leser dieser Rezension geraten, erst Band 1 zu lesen bevor er diese Besprechung liest. Die Rezension zu Band 1 ist unter folgendem Link zu erreichen: Bitte hier entlang



Keine 3 Monate hat es gedauert, bis DuMont Band 2 von Haruki Murakamis neustem Roman veröffentlicht hat. Genug Zeit also, um mit Band 1 fertig zu werden, zusätzlich noch Natsume Sōsekis "Der Bergmann" zu verschlingen und sich gemütlich auf den Abschlussband von Murakamis neustem Streich zu freuen. in Band 2 bekommen wir es ungefähr noch einmal mit dem gleichen Umfang wie im Vorgänger zu tun, inhaltlich wissen aber beide Bände stark voneinander zu unterscheiden.

Genau wie bei 1Q84 wird sich ein Leser, der mit dem Werk Murakamis nicht so vertraut ist, am Ende der Fortsetzung vermutlich fragen, ob es nicht auch ein einziger Band getan hätte. Während ich bei 1Q84 zustimmen muss, dass Band 3 vielleicht etwas zu viel des Guten war, muss ich bei der Ermordung des Commendatore aber eindeutig sagen, der Umfang ist genau richtig so. Der Hauptplot ist bei Murakami eigentlich fast immer das Beiwerk. Was seltsam klingen mag ist ein essentielles Merkmal des japanischen Autors. Murakami beweist sich hier wieder einmal als begnadeter Erzähler der zwar keine epische Geschichte aufbaut, es aber die einzelnen Charaktere und ihre Geschichten sind, die den Leser ans Buch fesseln. Und natürlich sind es wieder einmal auch die surrealen, äußerst mysteriösen Ereignisse, in Band 2 wesentlich üppiger vertreten als im Vorgänger, die den Commendatore zu einem echten Murakami machen.

Da Band 1 keine abgeschlossene Geschichte war ist es wenig verwunderlich, dass Band 2 genau da weitermacht, wo Band 1 aufhörte. Etwas, was sich wohl auch nur Murakami im Heimatland erlauben kann ist die Veröffentlichung beider Bände am selben Tag. Gegen ende des ersten Bandes werden mit den Akikawas (Nichte und Tante) interessante neue Charaktere eingeführt. Menshiki, der mysteriöse, von Nebelkerzen umhüllte Auftraggeber unseres Erzählers, hat die Vermutung, die junge Marie Akikawa könne seine leibliche Tochter sein, die infolge einer leidenschaftlichen Romanze entstanden ist. Nicht ganz so zufällig von dem reichen Herrn geplant, möchte er, dass unser Erzähler Marie malt und das Mädchen wie auch Menshiki zueinander führt. Interesse an einem Vaterschaftstest oder auch das Mädchen intensiv kennen zu lernen hat Menshiki nicht, er will alles dem Karma überlassen. Oder, besser gesagt, Schrödingers Katze. Der Erzähler soll Marie porträtieren. Mehrmals betont der Maler, er fühle sich mit Menshiki auf eine seltsame art und weise verbunden und möchte ihm helfen. Doch agiert der namenlose Maler hier nicht völlig uneigennützig. Marie erinnert ihn an seine in jungen Jahren verstorbene Schwester. Er freundet sich mit dem eigenwilligen Mädchen an und gerät immer tiefer in den Strudel dieser eigenartigen, fast schon bizarren Geschichte.

Obwohl mir die neuen Charaktere durchaus gut gefallen wurmt mich etwas. Ich musste nicht lang überlegen, an welchen Charakter mich Marie Akikawa erinnert. Relativ schnell kam ich auf die etwas ältere Eriko Fukada (oder auch Fukaeri) aus Murakamis 1Q84. Insgesamt agiert Marie freundlicher und weniger wirr, in ihren Zügen ähneln sich beide Mädchen aber sehr. Ein wenig zu sehr? Noch immer bin ich mir da nicht so ganz sicher. Einer der mindestens drei Gründe, wieso ich diese Rezension in zwei Teile aufteile. Obwohl Murakami es liebt, ja, auch dies ist ein Merkmal seiner Schreibkunst, mit wiederkehrenden Themen und Stilmittel (Musik, Frauen, Essen, Surrealismus und skurrile Charaktere) zu spielen, so komme ich nicht umhin, Marie als eine seiner weniger kreativen Schöpfungen zu bezeichnen. Wer Fukaeri aus 1Q84 kennt, der wird ein wenig Eigenständigkeit bei Marie vermissen. Umgekehrt funktioniert es vermutlich genau so. Wer erst durch den Commendatore auf 1Q84 aufmerksam wird, der wird bei Fukaeri wohl ein ähnliches Déjà-vu empfinden.

Abgesehen davon bleibt Band 2 eine ziemlich unberechenbare Angelegenheit. Der Band ist zwar eine klassische Weiterführung des ersten Teils, aber Murakami führt seine Leser diesmal wesentlich tiefer in den Kaninchenbau. Was die Protagonisten dieser Geschichte dort erleben werden, darauf werde ich im nächsten Teil meiner Besprechung eingehen. Es gibt einige Passagen, die ich davor gerne noch einmal lesen und genauer unter die Lupe nehmen möchte. Band 2 des Commendatore agiert auf vielen Schichten verschiedener Realitäten und ich habe aktuell meine Freude daran, noch ein wenig weiter darüber zu philosophieren. Man wird mein Resümee also hier schon ungefähr erahnen können. Bereits jetzt steht fest, "Die Ermordung des Commendatore" wird wohl einer der außergewöhnlichsten Beiträge aus der Literatur in diesem Jahr für mich sein.


Fortsetzung folgt

Mittwoch, 28. März 2018

Im Gespräch: Aufziehvogel trifft den Commendatore




Das Leben ist unvorhersehbar. In diesem Leben hätte ich zum Beispiel nicht mehr erwartet, einmal interviewt zu werden. Normalerweise bin ich derjenige, der die Fragen stellt und meine Blog-Gäste diejenigen, die sie, so weit es ihnen möglich ist, beantworten. Jetzt ist es schon so weit gekommen, dass ich auf meinem eigenen Blog interviewt werde!

Die Frage, die ich mir seit meinem Gespräch mit dem Commendatore stelle ist die gleiche, die sich Haruki Murakamis namenloser Protagonist bereits im Roman stellt: Kann eine Idee eine physische Gestalt annehmen? Eine ausgesprochen kontroverse Frage. Und doch begegnete ich dem Commendatore kürzlich, nein, viel mehr war er es, der mich aufsuchte. Es geschah, kurz nachdem ich Band 1 von Murakamis Roman ausgelesen hatte und es erwischte mich kalt. Der Commendatore saß auf meinem Sofa und klickte sich durch meinen Verlauf auf YouTube und Twitter. Der kleine Mann sah motiviert aus und begrüßte mich. Verdutzt setzte ich mich auf mein Sofa neben ihn und hörte ihm zu. "Meine Herren", begann er (obwohl nur er und ich anwesend waren) und in ruhigem Tonfall berichtete er mir von seinem Anliegen. Ob ich bereit zu einem kleinen Gespräch wäre. Ein Gespräch über das Werk "Die Ermordung des Commendatore" eines gewissen japanischen Autors. Er schien kein besonders großer Kenner jenes Autors namens Haruki Murakami zu sein. Zufällig schien ihm sein neuster Roman in die Hände gefallen zu sein, in diesem er auch noch eine tragende Rolle spielt. Eine Idee fragt nach. Eine Idee interessiert sich für meine abschließenden Gedanken zum ersten Band dieser mysteriösen Geschichte. Was kann schon schief gehen, dachte ich mir und schluckte dennoch laut, denn es passiert in einem Menschenleben vermutlich nur zu selten, dass er sich einmal mit einer Idee unterhalten wird.


Das Interview


Commendatore: Meine Herren, bitte erzählen Sie mir doch einmal, welche Erwartungen Sie im Vorfeld hatten? Ist es nicht eine Unglaublichkeit? In einigen Wochen endet diese Reise auch schon wieder. Bitte erzählen Sie mir aber, ob Sie im Vorfeld andere Erwartungen hatten oder ob ungefähr das eingetroffen ist, was Sie erwartet haben.

Aufziehvogel: Hierauf kann ich glaube ich keine gescheite Antwort liefern. Über den Inhalt war im Vorfeld, wie immer bei Murakami, kaum etwas bekannt. Von Meinungen aus Japan schwappt auch in der heutigen Zeit nur sehr wenig zu uns herüber und man musste sich beispielsweise auf Berichterstattungen der Japan Times verlassen. Allerdings war diese Berichterstattung auch genau so vage und brachte mich dem tatsächlichen Inhalt des Buches kein bisschen näher. Ich hatte ein Bild vor Augen, dass ein einsamer Eremit, der sich vom Großstadtleben verabschiedet hat und nun sein Leben in einer kleinen Hütte auf einem verschneiten Berg fortführt. Ich denke, dieses Bild hatte ich von der Beschreibung des Romans.


Commendatore: Und was steckt wirklich dahinter?

Aufziehvogel: Die Antwort kennen sie doch schon!

Commendatore: Ich möchte aber Ihre Meinung hören, meine Herren! Erzählen Sie doch bitte.

Aufziehvogel: Also gut. "Die Ermordung des Commendatore" ist ein moderner Roman mit einem Protagonist, einem jungen Künstler, in seinen 30ern. Murakami kehrte hier wieder zu einem namenlosen Ich-Erzähler zurück. Die Geschichte in den beiden Romanen wird aus seiner Sicht erzählt, der Erzähler merkt aber noch an, dass diese seltsame Geschichte, in die er hineingeraten ist, schon mehrere Jahre zurückliegt. Jener Portrait-Maler hat sich von seiner Frau getrennt und ein alter Bekannter aus der Uni gewährt ihm eine Unterkunft, etwas abgeschieden in einem Tal, im Haus seines Vaters, einem bekannten Maler des Nihonga-Stils, vorläufig zu leben. Erzählt wird hier die Geschichte zweier Männer, die aus ziemlich unterschiedlichen Verhältnissen kommen und die auch ein gewisser Altersunterschied voneinander trennt. Dennoch, so die Auffassung des Ich-Erzählers, scheint er sich seelisch mit dem reichen Herrn Menshiki verbunden zu fühlen, der den Protagonist für ein Portrait anheuerte. Es entwickelt sich hier eine ungeheuer interessante Beziehung zwischen den beiden Männern. Der tatsächliche Inhalt des Buches unterscheidet sich also sehr von dem, was ich mir im Vorfeld vorgestellt hatte. Wie ich Ihnen aber schon sagte, es ist unglaublich schwierig, sich etwas unter einem neuen Murakami vorzustellen, wenn man das Buch nicht selbst vorher gelesen hat.


Commendatore: Ich denke, ich verstehe allmählich die Faszination hinter diesem Autor meine Herren. Bitte berichten Sie mir etwas mehr von Ihren Eindrücken mit dieser Geschichte.

Aufziehvogel: In meiner Rezension zu Band 1 habe ich die Rückkehr zu Murakamis Surrealismus schon sehr gelobt. Im Nachklang muss ich auch sagen, es ist eine sehr mysteriöse Geschichte. Murakami hält sich hier zwar im Genre des Künstlerromans auf, aber der Aufbau der Geschichte unterscheidet sich erheblich von seinen letzten beiden großen Romanen. Ich habe hier etwas vertrautes wiederentdeckt, was ich seit Jahren vermisst habe. Der magische Realismus ist etwas, was so ziemlich jedem seiner Romane anhaftet, aber bei "Die Ermordung des Commendatore" (tut mir echt leid für Sie) spielt Murakami wieder mit den Welten. Es kommen klassische Stilmittel aus vergangenen Werken hier wieder zum Vorschein.


Commendatore: Der Autor soll wohl berüchtigt für eigenwillige weibliche Charaktere sein. Können sie mir sagen, ob es in dieser Geschichte die oftmals erwähnte "Murakami-Frau" gibt?

Aufziehvogel: Wenn ich an Band 1 zurückdenke muss ich eher sagen, nein. Murakamis weibliche Figuren haben es durch ihre geheimnisvolle, selbstbewusste art auch immer geschafft, die Leser um den Finger zu wickeln. In Murakamis vergangenem Roman ("Die Pilgerjahre des farblosen Herrn Tazaki") scheiterte Murakami erstmals damit, eine weibliche Figur zu erschaffen, die die Leser um den Finger wickelt. Der Figur fehlte es an Persönlichkeit und wirklich sympathisch fand ich sie auch nicht. In seiner vergangenen Kurzgeschichten-Sammlung "Von Männern, die keine Frauen haben" finden wir aber eine Entschädigung dafür. Besonders in der Geschichte "Samsa in Love" finden wir einen sehr schrulligen Charakter (positiv gemeint), der die Kriterien der Murakami-Frau erfüllt. In "Die Ermordung des Commendatore" lernen wir nur ein paar Affären des Erzählers kennen. Eine dieser Affären hat eine größere Rolle in der Geschichte, trägt aber nicht wirklich was zu ihr bei (bisher zumindest). Zu den ganz wenigen Schwachpunkten im Buch gehören diesmal eindeutig die Liebesszenen. Selbst für Murakami-Verhältnisse (er wird gerne mal pikanter bei der Beschreibung) wirken die Beschreibungen befremdlich vulgär und fügen sich nicht besonders gut in die Geschichte ein. Sobald sich eine Liebesszene wieder anbahnte, seufzte ich und hoffte, der Autor würde sich bitte kurz fassen. Im Verlaufe des ersten Bandes werden diese Szenen weniger und ich weine ihnen auch nicht nach. "Die Ermordung des Commendatore" ist keine Liebesgeschichte und so etwas würde auch nicht dazu passen. Murakami fokussiert sich bis auf wenige Ausnahmen fast ausschließlich auf die beiden Protagonisten, und genau so wünsche ich mir auch, dass es weitergeht. Dennoch gibt es eine wundervolle Liebesszene, die einer Erwähnung wert ist und anscheinend den Erzähler seit langer Zeit begleitet. Es ist die Erzählung mit dem Love Hotel.


Commendatore: Ein Love Hotel? Was soll das sein, meine Herren? Können Sie dies bitte erläutern?

Aufziehvogel: Nun, ich werde nicht näher drauf eingehen was ein Love Hotel ist (sie sind so wissbegierig, die Antwort werden sie sicherlich selbst herausfinden). Da sie den Roman aber schon komplett gelesen haben (und somit auch mehr wissen als ich selbst) werden sie wissen, worüber ich rede. Die Erzählung rund um die mysteriöse Frau und ihrem umheimlichen Verfolger in dem Subaru Forester war der typische Murakami-Moment. Ähnlich wie "Die Stadt der Katzen" in seinem Dreiteiler 1Q84, so ist die Geschichte mit dem Love Hotel eine Kurzgeschichte eingewoben in dem Roman. Man könnte diese Seiten ausschneiden und als eigenständige Geschichte herausbringen. Bei Murakami ist es nicht einmal auszuschließen, dass ihm so die Idee zu "Die Ermordung des Commendatore" kam, da bereits einige seiner Kurzgeschichten der Anstoß zu einem Roman waren. Ich kann Lesern, die das Buch noch nicht kennen, raten, auf diese Erzählung besonders acht zu geben.


Commendatore: Zum Abschluss würde ich Sie gerne fragen, wie es um Ihre Erwartungshaltung dem zweiten und somit letztem Band gegenüber bestellt ist. Sie haben doch Erwartungen, oder?

Aufziehvogel: Ich wünsche mir einen runden Abschluss für diese Geschichte. Es ist genug Potential vorhanden, dass "Die Ermordung des Commendatore" Murakamis bestes Werk (aus meiner Sicht) seit "Kafka am Strand" werden könnte. Haruki Murakami tut sich beim Ende immer etwas schwer. Hier erkennt man, dass Murakami durch und durch ein japanischer Autor ist. Die Enden in der japanischen Literatur sind oftmals von kryptischer Natur und liefern meistens ein völlig offenes Ende ab. Ein offenes Ende kümmert mich nicht, sofern dieses vorher gut ausgearbeitet wurde und auch gerechtfertigt ist. Ich kann also nicht behaupten, meine Erwartungen seien gering. Diese Geschichte verdient ein anständiges Ende, ein anständiges Ende aber bitte mit dem typischen Murakami-Twist. Ich wünsche mir daher, dass sämtliche Handlungsstränge abgearbeitet werden. Ich möchte auch nachträglich über das Ende noch nachdenken, philosophieren und interpretieren können. So muss für mich ein Roman von Haruki Murakami enden.


Commendatore: Zum Schluss noch eine Frage, meine Herren, welche Zielgruppe wird denn hier angesprochen und was können die Leser erwarten?

Aufziehvogel: "Die Ermordung des Commendatore" ist wieder einmal etwas komplett anderes geworden. Murakami bewegt sich auf dem Territorium des Künstlerromans, aber das bedeutet nicht, dass der Roman trocken oder arm an Ereignissen ist. Es ist ein flotter Roman, allerdings sollte man hier keine erdrückende Spannung erwarten oder aber dramatische Wendungen. Der Roman ist vom Tempo her optimal und funktioniert genau so, wie er es soll. Doch besonders im Vergleich zu anderen Werken Murakamis muss man sich hier etwas umorientieren. Sich an dieses spezielle Tempo gewöhnen. Man wird sich hier und da etwas umstellen müssen, aber dennoch kann ich den Roman uneingeschränkt für die Leser dieses Blogs empfehlen.


Commendatore: Ich kanns kaum fassen, Sie haben all meine Fragen abgearbeitet. Eine Idee bedankt sich für Ihre Zeit und wünscht Ihnen noch eine angenehme Zeit. Ich bin mir sicher, wir werden uns noch ein weiteres mal sehen, sobald sie Band 2 ausgelesen haben.



Nach diesen Worten des Abschieds rührte sich der Commendatore neben mir nicht mehr und begann langsam, sich in Luft aufzulösen. Ich bin gespannt, ob er mir tatsächlich noch einmal einen Besuch abstatten wird.

Montag, 29. Januar 2018

Rezension: Die Ermordung des Commendatore - Band 1 (Haruki Murakami)


(Foto: © Markus Tedeskino / Agentur Focus)




Die Murakami Rezensionen 10

Japan 2017
Die Ermordung des Commendatore
Alternativ: Die Ermordung des Commendatore Band 1: Eine Idee erscheint
Originaltitel: Kishidancho Goroshi
Autor: Haruki Murakami
Veröffentlichung: 22.01.2018 bei DuMont
Übersetzung: Ursula Gräfe
Genre: Künstlerroman, Drama, Mystery


Als Haruki Murakami im vergangenem Jahr meinte, sein neuer Roman sei eine "sehr, sehr seltsame Geschichte",  da hatte natürlich noch niemand, nicht einmal seine japanischen Leser, eine Idee davon, was sie hier erwarten wird. Doch ich kann diejenigen beruhigen, die es "sehr seltsam" nicht so gerne mögen. Murakamis neuester Roman "Die Ermordung des Commendatore" ist in allem Maßen zwar eine teils sehr surreale, nicht zu durchschauende Geschichte, aber nicht wirr oder unagenehm seltsam. Fans des japanischen Autors werden sich sofort zuhause fühlen, aber auch für Neuankömmlinge sollte die Geschichte über einen namenlosen Maler genug Anreize bieten, einmal eine Leseprobe in Angriff zu nehmen. Auch wenn die Geschichten unterschiedliche Wege gehen, so musste ich beim lesen von Murakamis neustem Roman des öfteren mal an "Karte und Gebiet" von Michel Houellebecq denken. Ohne Fans von Houellebecq hier nun aber zu viele Hoffnungen machen zu wollen, es ist tatsächlich nur das äußere Gewand, wo die beiden Romane Ähnlichkeiten zueinander aufweisen, der Kern ist es jedoch, wo sich beide Romane sehr voneinander unterscheiden.

In "Die Ermordung des Commendatore" kehrt Haruki Murakami in einem Roman erstmals komplett nach "Sputnik Sweetheart" (1999 in Japan veröffentlicht) zum Ich-Erzähler zurück. Der Ich-Erzähler ist eine beliebte Form der Erzählung in der japanischen Literatur und seit "Kafka am Strand" (2002 in Japan veröffentlicht) entfernte sich Murakami immer weiter von diesem Stil. In "1Q84" setzte Murakami dann erstmals komplett auf einen Erzähler aus der dritten Person. Beide Stile bringen ihre Vor- und Nachteile mit sich. Sowohl in "Kafka am Strand" als auch in "After Dark" (2004 in Japan veröffentlicht) schuf Murakami einen Kompromiss als er die Stile seiner Roman aufteilte und sowohl den Ich-Erzähler als auch den Erzähler aus der dritten Person in seine Geschichten eingebunden hat. Die vollständige Rückkehr zum Ich-Erzähler in "Die Ermordung des Commendatore" war für mich anfangs überraschend, liest man den Roman allerdings, so wird man zustimmend nicken müssen, dass hier gar kein andere Erzählweise möglich gewesen wäre. Der Leser nimmt nicht nur wieder an den Gedankenspielen des Erzählers teil, er nimmt auch an seiner Unwissenheit gegenüber den mysteriösen Geschehnissen teil. Erzähler und Leser werden im Dunkeln über das gelassen, was als nächstes passiert und welche Wendungen die Geschichte einschlagen wird.

 >>Im Dschungel funktioniert das Internet nicht<<, sagte sie. >>Der Dschungel hat seine eigenen Kommunikationsmittel. Zum Beispiel Buschtrommeln. Oder man bindet einem Affen eine Botschaft um den Hals.<<
>>Ich kenne mich im Dschungel nicht aus.<<
>>Wo die Werkzeuge der Zivilisation versagen, lohnt es sich vielleicht, es mit Trommeln und Affen zu probieren.<<

Eine Kritik, die ich an Murakamis zuvor veröffentlichten Roman "Die Pilgerjahre des farblosen Herrn Tazaki" hegte war die etwas unterkühlte art, wie Murakami die Charaktere beschrieb und sie dabei einfach nicht wirklich sympathisch werden wollten. Es mangelte etwas am kruden Humor, den Murakami gerne immer mal wieder in seine Dialoge mit einbaut und auch Tsukuru, der Protagonist der Geschichte, hatte wenig von den sonst so bodenständigen Charakteren, die wir aus den Geschichten von Haruki Murakami kennen und schätzen. 
Von diesem distanziertem Stil nimmt er in "Die Ermordung des Commendatore" jedoch Abstand und obwohl er in dieser Geschichte viel neues probiert, müssen wir nicht auf die typische Murakami-Magie verzichten. Surrealismus geht Hand in Hand mit Musik, den Essgewohnheiten des Protagonisten bis hin zu seinen Frauengeschichten. Hier könnte ein langjähriger Leser meinen, Murakami wiederhole sich nur noch. Doch besonders nach seinen letzten beiden großen Romanen dürfte für viele Fans des Autors der Commendatore eine art Heimkehr sein. Eine Heimkehr zu einem Stil, wo viele vermutlich gedacht haben, Murakami werde nie wieder dorthin zurückkehren.

"Die Ermordung des Commendatore" ist die Geschichte eines Malers in seinen 30ern. In seiner sechsjährigen Ehe war für ihn immer alles in bester Ordnung. Eine Ehe, die zu einer einfachen Person wie ihm passte. Bis seine Frau aus heiterem Himmel die Scheidung einreichen will und ihm gesteht, sie habe schon seit längerem eine Affäre. Perplex, enttäuscht und dennoch entschlossen packt der junge Maler noch am selben Tag seine Sachen und fährt mit seinem Peugeot davon, Ziel unbekannt. Einige Wochen vergehen, bis der Erzähler seinem Roadtrip überdrüssig wird und wieder in einer festen Unterkunft sesshaft werden will. Ein ehemaliger Kommilitone aus der Studienzeit, Masahiko Amada, hilft dem gestrandeten Maler und bietet ihm an, für eine Zeit in dem alten Haus seines Vaters, dem bekannten Nihonga-Maler Tomohiko Amada, in einem abgeschiedenem Bergtal zu leben. Der Maler willigt sofort ein und bewohnt das große Haus, was ehemals auch als Amadas Atelier diente. Der große Künstler selbst ist aufgrund einer Demenz nämlich nicht mehr imstande, auch nur geringste Handgriffe selbst ausführen zu können. Der Maler lebt sich schnell in dem Haus ein und findet eines Nachts, als er störenden Geräuschen nachgeht, auf dem Dachboden ein altes, gut verstecktes Porträt von Amada. Ein blutrünstiges Porträt was sich von der ansonst so friedlichen Arbeit des Künstlers erheblich unterscheidet. Dieses Porträt trägt den Titel "Die Ermordung des Commendatore" und mit dem Fund des Gemäldes beginnen auch die mysteriösen, teils bizarren Ereignisse im Leben des jungen Malers und Erzählers des Romans.

>>Die Zivilisation schreitet voran, während du dich wie Urashima im Drachenpalast auf dem Meeresgrund mit den Seebrassen dein Mittagsschläfchen hältst. Na gut, ich werde mal ein bisschen für dich recherchieren. Wenn ich was rausfinde, rufe ich dich an.<<

"Die Ermordung des Commendatore" weist einige Parallelen zu älteren Werken Murakamis auf wie zum Beispiel "Wilde Schafsjagd" oder "Tanz mit dem Schafsmann". Anders als in "1Q84", wo die Phantastik Murakamis magischen Realismus beinahe komplett übernahm, steht sein magischer Realismus beim Commendatore wieder im Mittelpunkt. Es ist eine durchaus bodenständige, realistische Geschichte mit einem Erzähler, der einer relativ gewöhnlichen Tätigkeit nachgeht. Die unheimlichen, surrealen Elemente kommen im Verlaufe der Geschichte jedoch ins Rollen, nie aber verliert die Geschichte sich zu sehr in Traumsequenzen oder spielt gar komplett in einer Parallelwelt. Genau wie der Schafsmann damals ist der gesichtslose Mann in "Die Ermordung des Commedatore" eines von Murakamis phantastischen Wesen, was niemals zu sehr in die Geschichte eingreift.

Für Kontinuität hat Murakamis deutscher Verlag DuMont auch wieder in der Übersetzung gesorgt. Die erfahrene Japanologin Ursula Gräfe übersetzen zu lassen hat sich bei Haruki Murakami schon zu einer Tradition bei deutschsprachigen Lesern entwickelt. Jeder Leser wird die Arbeit zu schätzen wissen. Der Text liest sich leicht und unbeschwert während fremde Begriffe aus der japanischen Sprache zusätzlich ohne ausschweifende Fußnoten gekonnt im Dialog erklärt werden.



Resümee

Ein finales Urteil wird es von mir natürlich erst geben, sobald Band 2 im April erscheint. Doch bereits jetzt besitzt "Die Ermordung des Commendatore" für mich das volle Potential, Haruki Murakamis bester und ausgereiftester Roman seit "Kafka am Strand" zu werden. Eine menge dazu trägt die Rückkehr zum Ich-Erzähler bei, doch auch die sehr undurchschaubare Geschichte weiß komplett zu überzeugen. Murakami setzt hier sehr auf alte Stärken, doch vom Grundgerüst her ist auch der Commendatore mal wieder ein Roman von ihm, den man im Vorfeld sicherlich nicht erwartet hätte. Kaum startet man auf Seite 1, blättern sich die weiteren Seiten wie von selbst um und dieses doch recht üppige Werk von knapp 500 Seiten kommt einem auf einmal unglaublich leicht vor. Am Ende freut es mich, wieder einmal sagen zu können: "Ja, wir haben es hier mit einem typischen Murakami zu tun". Ein Zitat, welches gleichzeitig ein Qualitätsmerkmal ist. Zum Glück wird Band 2 nicht lange auf sich warten lassen.