Archiv: Rezensionen zu Literatur und Film

Montag, 29. Januar 2018

Rezension: Die Ermordung des Commendatore - Band 1 (Haruki Murakami)


(Foto: © Markus Tedeskino / Agentur Focus)




Die Murakami Rezensionen 10

Japan 2017
Die Ermordung des Commendatore
Alternativ: Die Ermordung des Commendatore Band 1: Eine Idee erscheint
Originaltitel: Kishidancho Goroshi
Autor: Haruki Murakami
Veröffentlichung: 22.01.2018 bei DuMont
Übersetzung: Ursula Gräfe
Genre: Künstlerroman, Drama, Mystery


Als Haruki Murakami im vergangenem Jahr meinte, sein neuer Roman sei eine "sehr, sehr seltsame Geschichte",  da hatte natürlich noch niemand, nicht einmal seine japanischen Leser, eine Idee davon, was sie hier erwarten wird. Doch ich kann diejenigen beruhigen, die es "sehr seltsam" nicht so gerne mögen. Murakamis neuester Roman "Die Ermordung des Commendatore" ist in allem Maßen zwar eine teils sehr surreale, nicht zu durchschauende Geschichte, aber nicht wirr oder unagenehm seltsam. Fans des japanischen Autors werden sich sofort zuhause fühlen, aber auch für Neuankömmlinge sollte die Geschichte über einen namenlosen Maler genug Anreize bieten, einmal eine Leseprobe in Angriff zu nehmen. Auch wenn die Geschichten unterschiedliche Wege gehen, so musste ich beim lesen von Murakamis neustem Roman des öfteren mal an "Karte und Gebiet" von Michel Houellebecq denken. Ohne Fans von Houellebecq hier nun aber zu viele Hoffnungen machen zu wollen, es ist tatsächlich nur das äußere Gewand, wo die beiden Romane Ähnlichkeiten zueinander aufweisen, der Kern ist es jedoch, wo sich beide Romane sehr voneinander unterscheiden.

In "Die Ermordung des Commendatore" kehrt Haruki Murakami in einem Roman erstmals komplett nach "Sputnik Sweetheart" (1999 in Japan veröffentlicht) zum Ich-Erzähler zurück. Der Ich-Erzähler ist eine beliebte Form der Erzählung in der japanischen Literatur und seit "Kafka am Strand" (2002 in Japan veröffentlicht) entfernte sich Murakami immer weiter von diesem Stil. In "1Q84" setzte Murakami dann erstmals komplett auf einen Erzähler aus der dritten Person. Beide Stile bringen ihre Vor- und Nachteile mit sich. Sowohl in "Kafka am Strand" als auch in "After Dark" (2004 in Japan veröffentlicht) schuf Murakami einen Kompromiss als er die Stile seiner Roman aufteilte und sowohl den Ich-Erzähler als auch den Erzähler aus der dritten Person in seine Geschichten eingebunden hat. Die vollständige Rückkehr zum Ich-Erzähler in "Die Ermordung des Commendatore" war für mich anfangs überraschend, liest man den Roman allerdings, so wird man zustimmend nicken müssen, dass hier gar kein andere Erzählweise möglich gewesen wäre. Der Leser nimmt nicht nur wieder an den Gedankenspielen des Erzählers teil, er nimmt auch an seiner Unwissenheit gegenüber den mysteriösen Geschehnissen teil. Erzähler und Leser werden im Dunkeln über das gelassen, was als nächstes passiert und welche Wendungen die Geschichte einschlagen wird.

 >>Im Dschungel funktioniert das Internet nicht<<, sagte sie. >>Der Dschungel hat seine eigenen Kommunikationsmittel. Zum Beispiel Buschtrommeln. Oder man bindet einem Affen eine Botschaft um den Hals.<<
>>Ich kenne mich im Dschungel nicht aus.<<
>>Wo die Werkzeuge der Zivilisation versagen, lohnt es sich vielleicht, es mit Trommeln und Affen zu probieren.<<

Eine Kritik, die ich an Murakamis zuvor veröffentlichten Roman "Die Pilgerjahre des farblosen Herrn Tazaki" hegte war die etwas unterkühlte art, wie Murakami die Charaktere beschrieb und sie dabei einfach nicht wirklich sympathisch werden wollten. Es mangelte etwas am kruden Humor, den Murakami gerne immer mal wieder in seine Dialoge mit einbaut und auch Tsukuru, der Protagonist der Geschichte, hatte wenig von den sonst so bodenständigen Charakteren, die wir aus den Geschichten von Haruki Murakami kennen und schätzen. 
Von diesem distanziertem Stil nimmt er in "Die Ermordung des Commendatore" jedoch Abstand und obwohl er in dieser Geschichte viel neues probiert, müssen wir nicht auf die typische Murakami-Magie verzichten. Surrealismus geht Hand in Hand mit Musik, den Essgewohnheiten des Protagonisten bis hin zu seinen Frauengeschichten. Hier könnte ein langjähriger Leser meinen, Murakami wiederhole sich nur noch. Doch besonders nach seinen letzten beiden großen Romanen dürfte für viele Fans des Autors der Commendatore eine art Heimkehr sein. Eine Heimkehr zu einem Stil, wo viele vermutlich gedacht haben, Murakami werde nie wieder dorthin zurückkehren.

"Die Ermordung des Commendatore" ist die Geschichte eines Malers in seinen 30ern. In seiner sechsjährigen Ehe war für ihn immer alles in bester Ordnung. Eine Ehe, die zu einer einfachen Person wie ihm passte. Bis seine Frau aus heiterem Himmel die Scheidung einreichen will und ihm gesteht, sie habe schon seit längerem eine Affäre. Perplex, enttäuscht und dennoch entschlossen packt der junge Maler noch am selben Tag seine Sachen und fährt mit seinem Peugeot davon, Ziel unbekannt. Einige Wochen vergehen, bis der Erzähler seinem Roadtrip überdrüssig wird und wieder in einer festen Unterkunft sesshaft werden will. Ein ehemaliger Kommilitone aus der Studienzeit, Masahiko Amada, hilft dem gestrandeten Maler und bietet ihm an, für eine Zeit in dem alten Haus seines Vaters, dem bekannten Nihonga-Maler Tomohiko Amada, in einem abgeschiedenem Bergtal zu leben. Der Maler willigt sofort ein und bewohnt das große Haus, was ehemals auch als Amadas Atelier diente. Der große Künstler selbst ist aufgrund einer Demenz nämlich nicht mehr imstande, auch nur geringste Handgriffe selbst ausführen zu können. Der Maler lebt sich schnell in dem Haus ein und findet eines Nachts, als er störenden Geräuschen nachgeht, auf dem Dachboden ein altes, gut verstecktes Porträt von Amada. Ein blutrünstiges Porträt was sich von der ansonst so friedlichen Arbeit des Künstlers erheblich unterscheidet. Dieses Porträt trägt den Titel "Die Ermordung des Commendatore" und mit dem Fund des Gemäldes beginnen auch die mysteriösen, teils bizarren Ereignisse im Leben des jungen Malers und Erzählers des Romans.

>>Die Zivilisation schreitet voran, während du dich wie Urashima im Drachenpalast auf dem Meeresgrund mit den Seebrassen dein Mittagsschläfchen hältst. Na gut, ich werde mal ein bisschen für dich recherchieren. Wenn ich was rausfinde, rufe ich dich an.<<

"Die Ermordung des Commendatore" weist einige Parallelen zu älteren Werken Murakamis auf wie zum Beispiel "Wilde Schafsjagd" oder "Tanz mit dem Schafsmann". Anders als in "1Q84", wo die Phantastik Murakamis magischen Realismus beinahe komplett übernahm, steht sein magischer Realismus beim Commendatore wieder im Mittelpunkt. Es ist eine durchaus bodenständige, realistische Geschichte mit einem Erzähler, der einer relativ gewöhnlichen Tätigkeit nachgeht. Die unheimlichen, surrealen Elemente kommen im Verlaufe der Geschichte jedoch ins Rollen, nie aber verliert die Geschichte sich zu sehr in Traumsequenzen oder spielt gar komplett in einer Parallelwelt. Genau wie der Schafsmann damals ist der gesichtslose Mann in "Die Ermordung des Commedatore" eines von Murakamis phantastischen Wesen, was niemals zu sehr in die Geschichte eingreift.

Für Kontinuität hat Murakamis deutscher Verlag DuMont auch wieder in der Übersetzung gesorgt. Die erfahrene Japanologin Ursula Gräfe übersetzen zu lassen hat sich bei Haruki Murakami schon zu einer Tradition bei deutschsprachigen Lesern entwickelt. Jeder Leser wird die Arbeit zu schätzen wissen. Der Text liest sich leicht und unbeschwert während fremde Begriffe aus der japanischen Sprache zusätzlich ohne ausschweifende Fußnoten gekonnt im Dialog erklärt werden.



Resümee

Ein finales Urteil wird es von mir natürlich erst geben, sobald Band 2 im April erscheint. Doch bereits jetzt besitzt "Die Ermordung des Commendatore" für mich das volle Potential, Haruki Murakamis bester und ausgereiftester Roman seit "Kafka am Strand" zu werden. Eine menge dazu trägt die Rückkehr zum Ich-Erzähler bei, doch auch die sehr undurchschaubare Geschichte weiß komplett zu überzeugen. Murakami setzt hier sehr auf alte Stärken, doch vom Grundgerüst her ist auch der Commendatore mal wieder ein Roman von ihm, den man im Vorfeld sicherlich nicht erwartet hätte. Kaum startet man auf Seite 1, blättern sich die weiteren Seiten wie von selbst um und dieses doch recht üppige Werk von knapp 500 Seiten kommt einem auf einmal unglaublich leicht vor. Am Ende freut es mich, wieder einmal sagen zu können: "Ja, wir haben es hier mit einem typischen Murakami zu tun". Ein Zitat, welches gleichzeitig ein Qualitätsmerkmal ist. Zum Glück wird Band 2 nicht lange auf sich warten lassen.

Keine Kommentare:

Kommentar posten