Archiv: Rezensionen zu Literatur und Film

Sonntag, 18. September 2022

Rezension: Papyrus (Irene Vallejo)





Spanien


Papyrus
Originaltitel: El infinito en un junco. La invención de los libros en el mundo antiguo
Autorin: Irene Vallejo
Veröffentlichung: 27.04.2022 
Verlag: Diogenes
Übersetzung: Maria Meinel und Luis Ruby
Genre: Sachbuch, Antike Literatur



"Niemand hat die Farben Alexandrias und die körperlichen Eindrücke, die der Ort in ihm auslöste, präziser beschrieben als er. Die erdrückende Stille und den hohen Sommerhimmel. Die Tage in sengender Hitze. Das strahlende Blau des Meeres, die Wellenbrecher, die gelben Ufer. Im Landesinneren der Mariout, zuweilen konturenlos wie eine Fata Morgana. Zwischen den Wassern des Hafens und des Sees unzählige Straßen voller Staub, Bettler und Fliegen. Palmen, Luxushotels, Haschisch, Trunkenheit. Die trockene, vor Elektrizität knisternde Luft. Abende in Zitronengelb und Lila. Fünf große Ethnien, fünf Sprachen, ein Dutzend Religionen, das Spiegelbild von fünf Flotten im öligen Wasser. In Alexandria, schreibt Durrell, erwacht das Fleisch zum Leben und rüttelt an den Gitterstäben seines Gefängnisses. Im Zweiten Weltkrieg erlebte die Stadt schwere Zerstörungen. Im letzten Roman des Quartetts beschreibt Clea eine melancholische Landschaft. Gestrandete Panzer am Meeresufer, die Dinosaurierskeletten gleichen, die großen Kanonen wie umgestürzte Bäume in einem versteinerten Wald, die Beduinen, die sich in Minenfelder verirren. Die Stadt, schon immer ein Ort der Perversionen, schließt er, ähnelt jetzt einem riesigen öffentlichen Pissoir."


Ich habe hier schon etliche interessante Sachbücher besprochen. Es ist noch gar nicht so lang her, da besprach ich mit Life Lessons auf dem Amazonas bereits ein unglaublich gelungenes Sachbuch, welches sich nicht trocken mit einem Thema auseinandersetzte sondern sich beinahe schon so abenteuerlich wie ein richtiger Roman las. Obwohl thematisch auf einem komplett anderen Ufer angesiedelt, schlägt die Spanierin Irene Vallejo mit "Papyrus" in eine ähnliche Kerbe. Der Titel ist Programm. Ein Buch über Bücher. Auf über 700 Seiten (in der deutschen Übersetzung) verteilt könnte das Thema also so staubig wie ein antiker Papyrus sein, doch die Philologin mit einer Liebe für die Antike hat es vollbracht, aus dieser Thematik etwas einzigartiges zu erschaffen. Dies wird direkt im Prolog deutlich, der auch zum Auftakt eines großen, historischen Romans gehören könnte.

Die Autorin stellt sich nach dem abenteuerlichen Prolog vor. Vor lauter Büchern weiß sie in ihrer Wohnung manchmal gar nicht, wo sie hin tritt. Sie berichtet über die riesige Überwindung, die es kostete, dieses Buch zu verfassen. Die schier unendliche Recherche und dazu noch die Gabe zu besitzen, die antike Thematik in eine flotte, moderne Sprache umzuwandeln sehe ich jedoch als größte Hürde, wenn man sich so ein ambitioniertes Projekt vornimmt. Beim hervorheben meines Eröffnungszitats für diese Rezension konnte ich mich kaum bremsen und beinahe noch den Rest der Seite hier hinzugefügt.

Irene Vallejo nimmt uns hier mit auf eine Zeit- und Weltreise durch die Geschichte der Bücher. Angefangen im antiken Griechenland, hin zu der Bibliothek von Alexandria, weit hinaus über den Eroberungsfeldzuges von Alexander dem Großen der zum einschlafen keinen Teddybär brauchte, sondern sein Exemplar der Ilyas. Der Weg dieser langen Reise geht bis in unsere Moderne Gegenwart, wo das E-Book mittlerweile ein alter Hut ist und gedruckte Buch aber bis heute nicht abgelöst hat. Die Autorin verpackt all diese verschiedenen Epochen des Buches in kleine, unterhaltsame Geschichten, die historisch alle großartig recherchiert wurden. Mit einer lockeren Sprache garniert blättern sich die einzelnen Seiten dieses doch recht umfangreichen Buches wie von selbst.


"Das ägyptische Alexandria wurde, wie könnte es anders sein, aus einem literarischen Traum geboren, einem homerischen Wispern. Im Schlaf sah Alexander, wie ein grauhaariger alter Mann an seine Seite trat. Der rätselhafte Unbekannte rezitierte einige Verse aus der Odyssee, in denen von einer Insel namens Pharos die Rede ist, die umgeben vom Meeresrauschen vor der ägyptischen Küste liegt. Die Insel gab es wirklich, nahe der Schwemmebene, in der sich das Nildelta mit den Wassern des Mittelmeers vereint. Alexander sah in dieser Vision, wie damals üblich, ein Vorzeichen und gründete dort die vorbestimmte Stadt."


Von Unordnung, antikem Chaos oder babylonischer Sprachverwirrung ist in Papyrus keine Spur. Die junge Autorin geht im Schongang von einem Thema zum nächsten und erzählt jede historische Anekdote wie eine kleine Kurzgeschichte. Die Hingabe, die in dieses Buch geflossen ist liest man an genau dieser präzisen Ordnung, die man auf jeder Seite, in jedem Kapitel vorfinden wird.



Abschließende Gedanken


In einer schönen Hardcover-Ausgabe wird der Diogenes Verlag dem Papyrus gerecht. Es ist eine schöne Edition für das Bücherregal. Auch die beiden Übersetzer haben hier eine hervorragende Arbeit abgeliefert, indem sie eine flüssige Sprache präsentieren und den Wortwitz der Autorin gut in die deutsche Sprache übertragen haben. Für mich als einstigen Sachbuch-Muffel erlebe ich derzeit ein wunderschönes Repertoire an gelungenen Titeln. Für jemanden wie mich, der selbst seit Ewigkeiten wissbegierig ist was die Antike angeht, hat diese ausführliche Weltreise eine menge Spaß gemacht. Im Anhang gibt es noch ein riesiges Quellenverzeichnis. Ich hätte es ganz schön gefunden, wenn es in einem separaten Abschnitt im Buch vielleicht noch ein paar bebilderte Seiten gegeben hätte, die sich mit antiken Schriftrollen auseinandersetzen. Ich kenne die Originalausgabe nun nicht und kann daher nicht mit einer Bestimmtheit sagen, ob solche Abbildungen dort vielleicht enthalten sind.

Irene Vallejo hat hier nicht nur eine Liebeserklärung an ihren Hang zur Antike abgeliefert, es ist auch eine Liebe an die Bücher selbst. An das Papier. An den Druck, An alles, was so ein Buch nun einmal ausmacht. Doch ein Buch ist eben nicht nur das von mir aufgezählte, ein Buch ist auch unsere Weltgeschichte. Hinter jeder noch so kleinen Anekdote steckt ein Stück unser Weltgeschichte. Irene Vallejo hat hier ihren Beitrag geleistet, diese kleinen und großen Geister der literarischen Vergangenheit zu sammeln und uns von ihnen zu erzählen.

Dienstag, 13. September 2022

Eine Charakterstudie in Lila: Rent-a-Girlfriend: Sad Simping

 



In einer für mich stressigen, turbulenten Zeit suche ich nach Entspannung für das beanspruchte Gehirn. Ich will etwas schauen, wobei ich mich wohlfühle und meine Synapsen nicht beanspruchen muss bzw. maximal um das Signal vom Kopf zur Hand zu senden, welche mir das gut gekühlte Bierglas reichen soll. Ich schaue relativ wenig Anime im Jahr. Mir kommt es vor, als würden es jährlich weniger werden. Vermutlich beläuft es sich auf zwei, vielleicht maximal drei Serien pro Jahr und die haben besser weniger als 24 Folgen und eine abgeschlossene Geschichte. Eine Serie, wo ich mich komplett fallen lassen konnte und mich nur auf mein kühles Bier konzentrieren musste: Laid Back Camp (Yuru Camp). Ich dachte, dies könnte ich wiederholen und schien fündig zu werden, als ich folgenden Clip über den Crunchyroll YouTube Kanal entdeckte:




Ich war gewarnt: Bei Rent-a-Girlfriend (Kanojo, Okarishimasu) handelt es sich um einen sogenannte Harem-Anime. Ein gefährliches Gebräu wo der verzweifelte Hauptcharakter von den süßen Ladies umzingelt ist und nie einen Treffer landen wird, denn die wahre Liebe findet man bekanntlich nur im True Ending in der Monogamie. Wenn der Hauptcharakter also der ewigen Jungfräulichkeit entkommen möchte, muss er sich für die einzig Wahre entscheiden. Was konnte also schief gehen? Ich war vorgewarnt und habe mich auf die Standardprozedur eingelassen. Auf den trotteligen Hauptcharakter fliegen die Mädels, er vergeigt dennoch alles und am Ende steht er mit 4 Damen vor dem Traualtar.

Was aber folgte war etwas ganz anderes. Ich habe seichte Unterhaltung erwartet, bekam aber stattdessen eine bizarre Charakterstudie vor den Latz geknallt. Diese Charakterstudie traf mich mit solcher Wucht, dass ich keine Kraft mehr hatte, zum Bierglas zu greifen. Es ist eine Charakterstudie namens Kazuya Kinoshita, der traurigste Simp auf Erden.




Kazuya ist 21 Jahre alt, hatte noch nie eine richtige Freundin und sein Leben auf der Uni beginnt denkbar schlecht. Seine vermeintliche erste große Liebe Mami hat ihn bereits nach wenigen Wochen wieder abgeschossen, sie scheint bereits einen neuen Freund zu haben. In Kazuyas Mülleimer in seinem Zimmer stapelt sich das benutzte Küchenpapier, er ist selbst über sich überrascht, dass ihn Phantasien anturnen wo Mami mit ihrem vermutlich neuem Lover Sex hat. Eine Freundin scheint für Kazuya nicht in Sicht zu sein. Die sich sorgende Familie (allen voran seine Großmutter) haben die Hoffnung scheinbar aufgegeben: Der Liebes-Versager wird niemals eine andere Freundin finden als seine Hand. Das Küchenpapier im Mülleimer wird sich weiter stapeln und irgendwann werden selbst Kazuyas Kommilitonen, ebenfalls allesamt Single und Jungfrauen, eine feste Freundin haben mit der sie irgendwann Sex haben werden. Kazuya kommt also auf eine brillante Idee: Wieso sich ernsthaft eine Freundin suchen, wenn er sich auch einfach eine Freundin für Geld mieten kann?

Um die wichtigste Frage, die sich vielleicht einige schon länger stellen (ob man die Serie nun kennt oder vielleicht auf sie aufmerksam wird wie durch einen solchen Einwurf hier): Kann man sich in Japan wirklich eine Freundin mieten? Kann man, aber man sollte nicht überrascht sein, dass die Dating App in Rent-a-Girlfriend ein reales Vorbild hat, immerhin reden wir hier von und über Japan. Die inspirierende Website hinter dem Manga nennt sich "Puchikano" (die genaue Bedeutung des Begriffs kenne ich nicht, aber das "Kano" am Ende ist auf "Kanojo" bezogen, was "Freundin (romantisch)" bedeutet). Wenn man also etwas mehr Kleingeld als im Manga und Anime mitbringt, kann man sich hier für 1-2 Stunden eine Freundin mieten, die einen im wahren Leben vermutlich nicht einmal als Fußabtreter benutzen würde. Wer mehr darüber erfahren möchte: Anime Corner (Link)

Kazuya mietet also eine Freundin und bereits in der ersten Folge wird kein Geheimnis daraus gemacht, dass das für Kazuya und alle Beteiligten in einer großen Katastrophe enden wird. Kazuya mietet für einige Tausend Yen Chizuru, die perfekte Freundin. Sie ist unaussprechlich hübsch, gebildet, witzig, charmant und hat große Brüste. Alles Eigenschaften, die nicht nur Kazuya liebt sondern vermutlich auch unzählige andere Männer. Chizuru spielt Kazuya die perfekte Freundin vor - für wenige Stunden kann sie Kazuya und jeden anderen Mann zur glücklichsten Person in diesem Universum machen. Doch schnell bemerkt Kazuya, als er noch bei Sinnen ist, dass das ganze Gehabe und Getue von Chizuru natürlich nur ein Schauspiel ist. Er trifft sich mit ihr, ist von ihr verzaubert und doch schlau genug zu erkennen, dass Chizuru ein absoluter Profi ist. Kazuya ist ihr Kunde, er bezahl sie, um sie für eine kurze Zeit als seine Freundin ausgeben zu können. Kazuya ist frustriert und gibt Chizuru eine negative Bewertung, bucht sie erneut um ihr noch einmal persönlich sagen zu können, ob sie ihren Job gewissenhaft ausführen kann wenn sie genau weiß, dass sie Männern hier praktisch nur eine Illusion vorspielt. In dieser ersten Episode denkt Kazuya rational und logisch. In seiner Phantasie hat er natürlich Sex mit Chizuru und verbrauchte vermutlich in dieser einen Nacht eine ganze Rolle Küchenpapier, aber er dachte noch rational genug um seinem ganz persönlichem Simp-Abtraum zu entkommen.
Doch, wie man sich sicherlich denken kann, kommt es ganz anders. Durch eine Verkettung sehr unglücklicher Zufälle sind Kazuya und Chizuru mehr oder weniger gezwungen, eine Fake-Beziehung zu führen um eine Lüge aufrecht zu erhalten. Dies endet für Kazuya letztendlich damit, dass er sich in Chizuru verliebt. Kazuyas Lebensinhalt wird fortan aus Chizuru bestehen. Dass er eine feste Freundin haben könnte scheint ihm bewusst zu sein, aber er bringt lieber sich und sein gesamtes Umfeld in eine missliche Lage, denn für Kazuya gibt es nur Chizuru, die sich zwar auch in Kazuya verliebt, dies aber niemals zugeben würde und ihm circa pro Folge 30 mal sagt, dass da nie etwas zwischen den beiden laufen wird.




Die Serie suggeriert, dass sich die Mietfreundinnen nicht ausschließlich mit jungen Männern verabreden. Man sieht in einigen wenigen Szenen auch mal Silhouetten, die auf deutlich ältere Männer zurückzuführen sind: Der sogenannte Ugly Bastard.
Es scheint kein Mindestalter für die Klienten zu geben, vielleicht gibt es im Serviceangebot also auch die Kategorie Miettochter?

Von den widerlichen Vorstellungen mal abgesehen wer sich alles eine Mietfreundin mieten kann, möchte ich gerne auf Kazuya zurückkommen. Meiner Meinung nach ist Kazuya ein extrovertierter, etwas trotteliger aber liebenswürdiger Twen, der nicht halb so schlecht aussieht, dass er nicht auf normalem Wege eine Freundin finden würde. Er ist lebensfreudig und scheint Ziele in seinem Leben zu haben. Zumindest schien er die noch zu haben, bevor er Chizuru kennenlernte und sein Lebensinhalt fortan Sie sein sollte. Wie es der Zufall so will ist Chizuru auch noch Kazuyas Nachbarin und sie gehen auch noch auf die gleiche Uni, was weitere Probleme mit sich bringen wird. Kazuya ist aber auch ein extrem unentschlossener Typ. Wie schon erwähnt geilt es ihn auf, wenn er daran denkt, dass seine manisch-psychotische Ex-Freundin Mami mit ihrem neuen Freund gerade Sex haben könnte. Zur Verteidigung von Kazuya: In diesem Alter denkt man vielleicht öfters mal darüber nach, was und mit wem es die Ex so treibt. Bis zu einem gewissen Grad ist dies vielleicht normale Neugier. Doch hat er diese Phantasien letztendlich auch bei jeder anderen Frau, mit der er länger als 5 Minuten gemeinsam an einer Stelle verweilt. Im Verlauf der Serie lernt Kazuya neben Mami und Chizuru auch noch Ruka (die sich unsterblich in Kazuya verliebt und ihn als ultimativen Liebesbeweis in ein Love Hotel mitnimmt, Kazuya aber nur an Chizuru denken kann und mal wieder eine Gelegenheit verstreichen lässt die Jungfrau hinter sich zu lassen) und die einsilbige, schüchterne Sumi kennen. Sie alle scheinen sich in Kazuya zu verlieben, der in dieser kurzen Zeit bereits zum Stalker geworden ist und sehr häufig seiner Angebeteten nachspioniert oder ihre privaten Gespräche belauscht.


Spoiler zum Ende der ersten Staffel

Am Ende der ersten Staffel könnte man meinen, dass Chizuru durch Kazuyas 12 monatiges Gesimpe letztendlich weich geworden ist. Ihr fällt allmählich auf, dass der junge Mann bei den hübschen Mädels gar nicht so schlecht ankommt. Und auch ihr ist in dieser Zeit anscheinend etwas aufgefallen, nämlich die Lüge, die sie gemeinsam mit Kazuya lebt, eigentlich gar nicht mal so unangenehm ist. Kazuya wittert seine Chance, da er es bereits in dieser finalen Folge verpasst hat, Ruka endlich seine Liebe zu gestehen. Am Ende bekommt er also die ultimative Gelegenheit dazu, Chizuru seine Gefühle zu gestehen, die sich unlängst durstig auf Kazuya ist mehr mit Kazuya vorstellen kann. Nun können sich all die Erniedrigungen, das viele Geld und die vielen verbrauchten Rollen Küchenpapier auszahlen: Chizuru endlich zu sagen, was er fühlt. Das Tor steht völlig frei, er muss nur noch einnetzen. Und er tut es: Er gesteht Chizuru, dass er sie gerne weiter als Mietfreundin buchen möchte.

Das eigentlich faszinierende an Kazuya ist, dass er, wie ich finde, eine Blaupause für viele Männer ist, nicht nur Männer in dieser Altersklasse. Und sicherlich nicht nur japanische Männer. Ich erinnerte mich beim schauen von Rent-a-Girlfriend immer wieder mal an meine eigene Jugend und welche Hürden man als talentloser Durchschnittstyp auf sich nehmen musste, um sich bei den Damen ins Gespräch zu bringen. Obwohl das noch alles gar nicht so extrem lang her ist, so waren zumindest die virtuellen Möglichkeiten, eine Freundin zu finden, limitiert. Heute gibt es unzählige Dating-Apps die ihren teils verzweifelten Kunden das Geld aus den Taschen ziehen. Sicherlich könnte man bei den heutigen Möglichkeiten ins grübeln kommen, den einfachen Weg zu wählen indem man einfach eine Freundin mietet und weiter in einer Scheinwelt lebt. Männer wie Kazuya, die ehrliche und aufrichtige Intentionen haben und einfach nicht den passenden Partner finden, gibt es wie Sand am Meer. Aber wenn Kazuya für eine Sache die perfekte Blaupause ist, dann ist dies die folgende: Unerwiderte Liebe kann sich über Jahre hinziehen und wenn die Serie eines lehrt, dann, dass man sich damit verdammt unglücklich machen kann.

Und somit bleibt mir bei dieser interessanten Charakterstudie nur noch folgendes zu sagen: Sei nicht wie Kazuya, sei kein Simp und gib nicht dein ganzes Geld für Küchenrollen aus.


Bis dahin, seid artig und denkt immer dran: Der November ist nicht mehr so weit entfernt.
Euer Dr. Aufziehvogel


Dieser Einwurf ist D. Thered gewidmet: Ein unverbesserlicher Simp, der eine 8 gesimpt hat

Dienstag, 30. August 2022

Meercast Episode 6: Murakami-Adaptionen 1 - Burning

 


Aus der etwas verlängerten Sommerpause melde ich mich mit einer neuen Episode des Meercast. In einem zweiteiligem Special möchte ich mich den Haruki Murakami Adaptionen "Burning" sowie "Drive My Car" widmen. Bei diesen Besprechungen handelt es sich um Reviews, keine Interpretationen.
Diesmal kann der Meercast auch endlich wieder direkt über den Blog abgespielt werden. Für den zweiten Teil des Specials gibt es aktuell noch kein Veröffentlichungsdatum, die neue Episode ist aber für Ende September angepeilt! Relevante und wissenswerte Links sind über die Beschreibung im YouTube Video zu finden.


Infos zum Films:

Südkorea 2018

Burning
Regie: Lee Chang-dong
Genre: Mystery-Drama
Laufzeit: Circa 148 Minuten
FSK: 16




Donnerstag, 2. Juni 2022

Review: Der Rausch

 




Dänemark 2020


Der Rausch
Originaltitel: Druk
Regie: Thomas Vinterberg
Darsteller: Mads Mikkelsen, Thomas Bo Larsen, Markus Millang, Lars Ranthe, Maria Bonnevie
Genre: Tragikomödie
Verleih: Weltkino
FSK: Ab 12



Was für ein Leben.....


Das dänische Kino hat sich vor vielen Jahren zu eine meiner liebsten Filmlandschaften entwickelt. Von Regisseuren wie Susanne Bier, Anders Thomas Jensen, Nicolas Winding Refn bis zu eben jenem Thomas Vinterberg - in jedem dieser Namen steckt Qualität und einzigartige Filmkunst. Und irgendwie führen all diese Namen praktisch unweigerlich automatisch zu Mads Mikkelsen, der sich in den vergangenen 10 Jahren unlängst zu einem der begnadetsten Charakterdarsteller entwickelt hat. Während er in seinen Hollywoodauftritten meistens comichafte Bösewichte spielt, sind seine Hauptrollen in seiner dänischen Heimat weitaus bodenständiger, greifbarer und menschlicher. Dieser Spagat zwischen überzeichneten Charakteren wie Le Chiffre und Gellert Grindelwald und einer anschließenden Verwandlung zu einer Rolle, wo er einen gewöhnlichen 0815 Typen der Mittelklasse spielt, ist herausragend, immer glaubhaft und bodenständig. Nach "Die Jagd (2012)" führen die Wege von Thomas Vinterberg, Mads Mikkelsen und Thomas Bo Larsen wieder zusammen - und enden in einem Vollrausch.

Der Rausch behandelt ein Thema, was in Filmen relativ unterrepräsentiert ist. Findet man zu nahezu jeder bekannten Szenedroge einen passenden Film dazu, kam die Volksdroge Nummer 1 bisher immer relativ glimpflich davon. In dieser Tragikomödie geht es letztendlich um den Alkoholismus und den damit verbunden Folgen. Im Fokus stehen hier vier Freunde, die allesamt Lehrkräfte an einem Gymnasium sind. Die vier Männer befinden sich unweigerlich vor einer Midlife Crisis, ganz besonders stark hat es hier den Geschichtslehrer Martin (Mads Mikkelsen) erwischt, dessen langjährige Ehe stagniert, seine Schüler ihn nicht ernst nehmen und er verpassten Lebenschancen nachtrauert. Eines Tages hat Nikolaj (Magnus Millang) eine haarsträubende Idee, die auf einer missverstandenen These des norwegischen Psychologen Finn Skårderud basiert. Jeder Mensch werde angeblich mit einem Blutalkoholspiegel von 0,5 Promille geboren. Dies entspricht ungefähr 1-2 Gläsern Wein (je nachdem, wie voll dieses Glas ist). Diese Menge bringe den Geist angeblich zu neuen Höchstleistungen. Eine regelrechte Schnapsidee, doch die Männer sind nicht abgeneigt und starten unter strengen Regeln das Experiment - gepichelt wird ausschließlich während der Arbeit. Ein zum scheitern verurteiltes Experiment, was auf dem Papier attraktiv wirkt, aber natürlich unabsehbare Gefahren mit sich bringt sowohl gesundheitlich, gesellschaftlich und familiär. Für die Männer entwickelt sich das 0,5 Promille Experiment zu einem Erfolg. Doch lädt man den Dämon erst einmal zu seiner Party ein, möchte er diese nicht so schnell wieder verlassen.

Was hier als nächstes also folgt ist ein regelrechter Rausch mit all seinen Höhen und Tiefen, die ein Alkoholrausch mit sich bringt. Die ersten Schlucke schmecken, berieseln und berauschen. Der Körper verlangt noch ein kleines bisschen mehr, um diesen herrlichen Pegel aufrechtzuerhalten. Die Euphorie übernimmt und löst das Gehirn ab was Entscheidungen angeht. Ab jetzt feiert einzig und allein der Dämon die Party weiter. Was hier als eine seichte Sommerkomödie beginnt, entwickelt sich für die vier Freunde schnell zu einem Totalabsturz der Sorte All Inclusive. Ehen drohen zu scheitern, Jobs stehen auf der Kippe und der Durst wird immer unerträglicher. Ähnlich wie bereits in "Die Jagd" erleben die Charaktere hier eine persönliche Tour de Force, die ihr ganzes Leben ruinieren könnte. Mal humorvoll, mal einfühlsam und mal völlig radikal geht Thomas Vinterberg hier vor. Begleitet wird diese Regiearbeit durch eine großartige Schauspielleistung der Hauptdarsteller.




Unangenehme Längen hat der Oscargewinner des besten fremdsprachigen Films von 2021 nicht. Und doch ist der Cut von einer seichten dänischen Komödie zum knallharten Drama drastisch. Er traf mich unvorbereitet und meine Stimmung veränderte sich. Als Zuschauer erleben wir diesen Vollrausch regelrecht mit, sind Live dabei wie die Charaktere ihre höchsten Höhen und tiefsten Abgründe erleben.
Und dennoch, ähnlich wie in "Die Jagd" ist Thomas Winterberg ein Regisseur, der am Ende auch wieder einen kleinen Ausweg aus diesem Grund anbietet und Hoffnung auf Versöhnung macht. Eine Versöhnung mit seinem eigenem Leben. Am Ende tanzen zu "What a Life" die Abiturienten in einem Meer aus Bier, Sekt und anderen Spirituosen gemeinsam mit ihren Lehrern, denen sie ihren erfolgreichen Abschluss zu verdanken haben. Eine letzte Runde noch, dann ist Schluss!




Fazit

"Der Rausch" ist ein weiterer großartiger Vertreter der dänischen Filmschule. Ein Film, der mir noch lange im Gedächtnis bleiben wird, da er stets auf den Punkt genau die wichtigen Dingen anspricht. Hier dümpelt nichts herum. Jeder Schauspieler steht da, wo er stehen soll, säuft, wo er saufen soll und torkelt genau in den Abgrund rein, wo ihn Thomas Vinterberg gerne sehen würde. Es ist das Feingefühl, was so vielen zeitgenössischen Filmemachern und deren Werke mittlerweile abhandengekommen zu sein scheint. Alle Beteiligten, so merkt man es ihnen an, hatten hier großen Bock darauf, einen Film zu drehen. Eine Eigenschaft, die heutzutage alles andere als eine Selbstverständlichkeit ist. Skål!

Sonntag, 29. Mai 2022

Rezension: Männer und Frauen (Yosano Akiko)

 






2022

Männer und Frauen
Autorin: Yosano Akiko
Verlag: Manesse
Erscheinungsdatum: 23.05.2022
Auswahl der Texte, Übersetzung und Nachwort: Eduard Klopfenstein
Genre: Essays, Sammlung



"Die Japaner liegen jedoch in ihrer inneren zivilisatorischen Entwicklung noch weit hinter den Europäern zurück. Besonders die japanischen Frauen haben in überwiegender Mehrheit keine Vorstellung von Würde oder von der Zielsetzung der menschlichen Existenz; vielmehr schwanken sie wie Treibgut auf den Wellen der materiellen Zivilisation. Rousseau hat einmal dem Sinne nach Folgendes gesagt: >>Ich bilde nicht in erster Linie Gelehrte, Politiker oder Generale aus, sondern Menschen.<< In gleicher Weise ist es die dringlichste Pflicht, den japanischen Frauen, noch bevor sie Ehefrauen und Mütter werden, das wahre Bewusstsein von der Gleichheit als Menschen einzupflanzen. Ideen, die in Europa bald schon zum alten, etablierten Bestand gehören werden - seien es der Naturalismus oder die Frauenrechte -, müssen in Japan endlich als lebendiges Gedankengut von Grund auf studiert werden."
(aus "Die essenzielle Gleichheit von Mann und Frau")



Yosano Akiko (1872-1942) war zu Lebzeiten eine viel beschäftigte Frau. Schon in jungen Jahren stieg sie im wohlhabenden Familiengeschäft ein und wurde später Schriftstellerin, Essayistin, Poetin. Sie war dreizehnfache Mutter, Frauenrechtlerin und politisch sehr engagiert. Über die Person Yosano Akiko (Akiko ist hier der Vorname) gibt es nicht weniger zu erfahren als über ihre schriftstellerischen Werke. Yosano Akiko gehörte zu Zeit ihrer schriftstellerischen Karriere zu den bekanntesten weiblichen Autorenstimmen Japans. 1942, mitten in den Tumulten des Pazifikkrieges, verstarb sie im Alter von 63 Jahren an den Folgen eines Schlaganfalls. Mit ihrem Tod, so schien es, starb auch ihre Arbeit als Schriftstellerin. In Japan wurde die Werke von Yosano erst Jahrzehnte später wieder entdeckt, es würde weitere Jahrzehnte aber dauern, bis ihre Themenvielfalt rund um Frauenrechte sowie ihre poetischen Arbeiten wieder an Relevanz gewinnen. Besonders in ihren späteren Lebensjahren jedoch galt sie in ihrer Heimat aufgrund ihrer politischen Ansichten als kontrovers. Heute sind ihre Verdienste als Autorin aber kaum höher einzuschätzen.

"Männer und Frauen", so der simple Titel der Hardcover-Ausgabe, ist Yosanos deutschsprachiges Debüt. Der erfahrene Japanologe Eduard Klopfenstein stellte hier eine Sammlung an verschiedenen Essays von Yosano Akiko zusammen, die aus verschiedensten Schaffensphasen aus ihrem Leben stammen. Überraschend gut hat mir hier die variierende Themenvielfalt gefallen, die sehr sorgsam ausgewählt wurde. Zwar nimmt das Thema rund um Gleichberechtigung der Geschlechter in diesem Band einen großen Teil ein, aber die Autorin schreibt hier auch gerne entspannt über den Alltag, das Leben als vielfache Mutter sowie Japans damalige Politik. Was hier vermuten lässt, die Autorin wolle in diesen Essays den Lesern vielleicht per Holzhammermethode ihre feministischen und politischen Ansichten aufzwingen, haben wir es stattdessen wieder einmal mit der einzigartigen japanischen Harmonie zu tun, die ich an der japanischen Literatur so sehr schätze. Yosano Akiko ist eine Frau mit klaren Ansichten und mit einer klaren Lebensphilosophie. Doch wir lernen in den verschiedenen Texten auch eine gefühlvolle, einsichtige Frau kennen. Besonders zu Beginn des Buches wird dies deutlich, wenn die Autorin auf eine junge Generation an Schriftstellerin vorausblickt und sich über dessen Zukunft Gedanken macht. Yosano spricht aber vor allem auch über ihr eigenes Leben als Schriftstellerin und welche Hürden darin bestehen, Auftragsarbeiten annehmen zu müssen, um die Familie zu ernähren und die Texte schreiben zu dürfen, die ihr auf der Seele liegen. Es sind sehr inspirierende, motivierende Worte, die zum nachdenken anregen.

Die ausgewählten Essays sind allesamt extrem kurzweilig. Die Autorin zeigt in den verschiedenen Werken ein sehr geschicktes Händchen darin, immer schnell zum Punkt zu kommen, trotzdem aber alles wichtige zu erzählen. Zum Abschluss des Bandes befinden sich noch zwei sehr interessante Essays aus den Jahren 1918 und 1920, die die spanische Grippe thematisieren und die auch auch vor Japan keinen Halt machte. Die Texte sind oftmals mit der großen Leidenschaft von Asano verknüpft: Der japanischen Dichtkunst. Sehr oft baut sie in ihren Texten kleine Tankas und Haikus  mit ein:


"Lebenstausch
zwischen einem Kind
und seiner Mutter...
Kiste aus Holz
als kostbares Gefäß

Das Nichts gebären
den Tod gebären
Gewaltige Dinge
... höre davon an der Grenze
von Traum und Wirklichkeit"
(aus "Aufzeichnungen aus dem Wochenbett")


Das hier präsentierte Gedicht setzt sich natürlich mit einem finsteren Lebensereignis der Autorin auseinander.

Nach 130 Seiten etwa folgt ein ausführliches Nachwort von Eduard Klopfenstein, der mal wieder seine langjährige Expertise als Japanologe zum Ausdruck bringt. Hier lernen wir noch mehr über das bewegte Leben von Yosano Akiko als Schriftstellerin, aber auch als Mensch.



Abschließende Gedanken

Die erste deutschsprachige Übersetzung von Yosano Akiko sehe ich als eine sehr gelungene Sache. Besonders die bereits angesprochene Themenvielfalt von "Männer und Frauen" sorgt für einen angenehmen Lesefluss. In die Welt der Autorin einzutauchen war eine interessante Erfahrung und ich wünschte mir, aus dieser schriftstellerischen Periode aus Japan würde im deutschsprachigen Raum kontinuierlich etwas neues erscheinen. Yosano Akiko legte den Grundstein für japanische Schriftstellerinnen im modernen Japan. Mit MurasakiShikibu und Sei Shonagon hatte man berühmte Schriftstellerinnen aus der japanischen Antike. Doch was genau passierte, als dieses hohe Ansehen bei japanischen Schriftstellerinnen über die Jahrhunderte geringer wurde? Yosano Akiko macht sich über solche Themen Gedanken. Mehr als 80 Jahre nach ihrem Tod wäre sie aber vermutlich sehr stolz darauf, welch hohes Ansehen japanische Romanschriftstellerinnen heute wieder genießen, die mit ihren Werken weltweite Erfolge feiern. Ob Banana Yoshimoto, Yoko Ogawa, Hiromi Kawakami, Sayaka Murata - oder Mieko Kawakami, die praktisch die zeitgenössische Stimme von Yosano Akiko ist - sie alle führen in beeindruckender Weise das fort, wofür Yosano Akiko in ihren Texten gekämpft hat. Eine beeindruckende kleine Zeitreise in eine schwierige Epoche der japanischen Literatur, über die im Westen noch immer zu wenig bekannt ist. Solche Veröffentlichungen sorgen dafür, diese Lücken zu schließen.