Archiv: Rezensionen zu Literatur und Film

Donnerstag, 30. Mai 2019

Im Rückblick: Spiral -The Ring 2 oder: Aufklärung mit Dr. Med Suzuki




But regardless of whether or not the mechanism Miyashita had suggested was actually how it had happened, the fact remained that Mai Takano had given birth to Sadako Yamamura a week after insemination. That seemed to be beyond question at this point. A week from insemination to birth was an awfully short time. Something must have served to hasten the process of cellurar diversion. A cell's nucleus contains chemical compunds called nucleic acids, and cellular division only occurs when the level of these nucleic acids exceed a certain level. Accordingly, the only way to drastically accelerate the frequency of cellurar division is to provide excess quantities of nucleic acids. Perhaps the ring virus had managed this somehow, making it possible to force an incredible rate of growth in the fetus.


Vorab muss ich um Verzeihung bitten, sämtliche ausgewählte Zitate in diesem Post basieren auf der englischen eBook-Ausgabe von Spiral - The Ring 2 (die übrigens auch in deutscher Übersetzung leider nur auf der englischen Übersetzung aus dem Japanischen basiert). Ich kann aber Entwarnung an all diejenigen geben, deren Englisch eingerostet ist oder der Sprache gar nicht mächtig sind: Das zitierte Geblubber ist auch in der deutschen Übersetzung kaum erträglicher.

Der Grund, wieso ich mir ausgerechtet jetzt die Ring-Saga vornehme, hat mit einem Ereignis zu tun, welches knapp zwei Jahre zurückliegt. Ende 2017 erschien die englische Übersetzung des vierten Teils der Ring-Saga von Koji Suzuki, der auf den schlichten Titel "S" hört und somit ein Albtraum für sämtliche Suchanfragen im Internet ist. Mit "Tide" erschien ein Jahr später ein fünfter Roman (mit der Kurzgeschichten Anthologie "Birthday" wären es insgesamt sogar sechs Bücher), der allerdings noch nicht in die englische Sprache übersetzt wurde. Von einer deutschsprachigen Übersetzung will ich gar nicht erst reden, denn das letzte Ring-Buch was Heyne veröffentlichte war "The Ring 0 - Birthday" und erschien im Jahr 2006. Sämtliche deutschsprachigen Ausgaben sind mittlerweile Out of Print und meiner Recherche nach nicht einmal digital als eBooks erhältlich. Ein Grund dafür könnte sein, dass Heyne nicht mehr die Rechte für die Reihe besitzt.

Die Geschichte über das gruselige, untote Mädchen aus dem Brunnen mit tragischer Hintergrundgeschichte ist weltweit bekannt. Ob man nun den Roman von Koji Suzuki kennt (der sich dennoch drastisch von sämtlichen Verfilmungen unterscheidet) oder lediglich die Filme, die Chance ist sehr hoch, dass man einmal mit Sadako oder Samara irgendwie in Kontakt gekommen ist. 1991, also vor knapp 28 Jahren löste der Roman in Japan eine Massenhysterie im Buchhandel aus. Die Verfilmung aus dem Jahr 1998 von Hideo Nakata war jedoch auch weltweit ein großer Hit und schwappte über nach Amerika. Und bekanntlich ist der Rest Geschichte.

Ungefähr zur Zeit wo Vertical "S" in englischer Sprache veröffentlichte, nahm ich mir das Original von Koji Suzuki vor. Die Unterschiede zur Verfilmung, auch wenn die Story ungefähr die gleichen Wege geht, erheblich. Asakawa, Protagonist und tragischer Held, ist im Buch ein Mann und Ryuji Takayama ein exzentrischer Misanthrop (also keine ergreifende Familiengeschichte). Auch die Backstory rund um Sadako, dem Mädchen aus dem Brunnen, wurde drastisch verändert in der Verfilmung, die wesentlich mehr wert auf Unterhaltung und Schockeffekte legt. Das Sadako ein Hermaphrodit ist und gleichzeitig noch vergewaltigt wurde, was zu ihrem düsteren Ende im Brunnen führte, ist in der Verfilmung kein Thema.

The Ring oder auch Ringu war ein kurzweiliges wie spannendes Abenteuer. Der Grusel funktioniert auch im Buch. Suzuki hat es geschafft Horror mit Mystery und Drama zu verknüpfen und durch die Unberechenbarkeit des Videos konstante Gefahr über die Charaktere herabregnen lassen. Eine Spannung, die sich auf den letzten Seiten entlädt und in ein unglaublich pessimistisches, aber sehr rundes, abgeschlossenes Ende mündet. Die Story hätte gewiss keine Fortsetzung gebraucht, aber falls doch, so hatte sich Suzuki ein Hintertürchen offen gelassen da sein Protagonist Asakawa noch einige verheißungsvolle Ankündigungen macht. Und sollte es eine Fortsetzung geben, so hätte Suzuki theoretisch nur seine Zauberformel fortführen und erweitern müssen.

Aber es sollte völlig anders kommen, denn Koji Suzuki hatte nie die Absicht, The Ring so fortzuführen, wie es normalerweise ein Sequel tut. 1995 erschien die Fortsetzung "Spiral" oder auch "Rasen" im Original genannt. Erschienen somit noch immer einige Jahre vor der ersten Verfilmung. Noch im Jahr 1998 hatte man es dann erstmals versucht, sich an Suzukis Fortsetzung Spiral zu setzen. Das Ergebnis war verblüffend ernüchternd, sowohl national als auch international generierte der gleichnamige Film keinen Hype und gilt heute als "Vergessen". Den Film habe ich Anfang der Jahrtausendwende gesehen und war mäßig begeistert über die wirre Handlung, schloss einige Jahre später aber halbwegs meinen Frieden damit. 2017 wagten sich die Amerikaner lose an Suzukis Fortsetzung, was allerdings in einem Fiasko für alle Beteiligten endete (der Film war gar nicht mal übel, wenn man mich fragt).

Obwohl die Verfilmungen von der Presse als Flops abgestempelt wurden, so scheint keiner dieser Herren und Damen jemals das Buch gelesen zu haben, was für Idee und Plot dieser Filme verantwortlich war. Und hier ist der springende Punkt, denn das Buch ist ein selbstverliebtes Sammelsurium an wirrer Science-Fiction gepaart mit Drama-Elementen und Philosophie. Zwar bewundere ich es einerseits, dass Kadokawa so zuversichtlich war und Spiral in diesem Zustand veröffentlicht hat ohne den Autor anscheinend in seiner künstlerischen Vision einzuschränken, andererseits frage ich mich, wie dieses Buch überhaupt entstehen konnte. Eine intelligente Fortführung der Geschichte wäre durch das etwas offene Ende des Vorgängers schon möglich gewesen, wieso Koji Suzuki jedoch den Weg gegangen ist, den er hier eingeschlagen hat, stellt für mich zumindest ein absolutes Rätsel dar.

Folgende Probleme begleiten diesen rund 300 Seiten langen Roman konstant:

- Medizinische Fachbegriffe bis zu einem Maß der Unerträglichkeit
- Plumper, langweiliger, besserwisserischer und in Selbstmitleid versinkender notgeiler Protagonist
- Teilweise widersprüchlich gegenüber dem Vorgänger
- Teilweise nur eine Nacherzählung des Originals
- Banale, in Möchtegern-Philosophie versinkende Dialoge


Intuition is all I have to go by regarding the changes in my body, but I know beyond a doubt that I am different from what I was before. I seem to have both a womb and testicles. Previously, I had no womb. Reborn, I have both. I am now a complete hermaphrodite. What is more, the man in me can ejaculate. I learned that as a result of what we did together.


Normalerweise bin ich ein großer Fan davon, wenn sich eine Fortsetzung nicht wiederholt. Wenn dabei aber so ein Plot-Durchfall bei herumkommt muss ich mich ernsthaft fragen, wieso der Autor nicht zumindest einen Kompromiss schließen konnte und eine Hälfte des Buches traditioneller, im Stile des Originals, hätte schreiben können. Spiral wird begleitet von konstanten Problemen in Sachen Pacing, die mangelnde Intelligenz sämtlicher Charaktere und widersprüchlichen Aussagen, die dem Original schaden.

Das zweite große Problem sind die medizinischen Fachausdrücke. Theoretisch müsste ich Spiral gemeinsam mit meinem Hausarzt lesen, um 30% des Inhalts folgen zu können. Viele Bücher entstehen in Zusammenarbeit mit Ärzten oder Gerichtsmedizinern. Diese Bücher entstehen jedoch meistens mit zwei Leuten vom Fach (Romanautor x Mediziner Kombination zum Beispiel). Bei Spiral könnte man meinen, Suzuki ist der Mediziner, jedoch nicht der Romanautor. Ich will nicht bezweifeln, das die Recherche für dieses Buch nicht aufwendig war und vielleicht teilweise auch in Zusammenarbeit mit einem Mediziner entstanden ist (leider habe ich zur Entstehungsgeschichte keinerlei Infos gefunden), wenn ein Buch jedoch in nahezu unaussprechlichen Fachbegriffen versinkt wirkt der Versuch dann doch eher überheblich, arrogant und herabblickend auf die Leser. Problem Nummer 2 führt gleichzeitig zum dritten großen Problem, Ando, unser Protagonist.

Ando ist Doktor der Medizin. Seine Schuld war es, dass sein kleiner Sohn vor einiger Zeit im Meer von der Strömung mitgerissen wurde und ertrank. Ando konnte gerade noch eine Haarsträhne des Jungen ergreifen. Danach ging Andos Leben, noch immer wenig verwunderlich, in die Brüche. Seine Ehe scheiterte und er lies sich gehen und verbringt seit dieser Schicksalhaften Zeit sein Leben grübelnd in einem kleinen Apartment und in der Arbeit versinkend. Als Ando auf einmal seinen ehemaligen Freund aus Studienzeiten, Ryuji, auf dem Obduktionstisch hat, beginnt für ihn und besonders für den Leser ein Albtraum. Denn wir, die Leser, müssen Ando und seine besserwisserischen Kommentare bis zum bitteren Ende ertragen. Wenn es im Buch mal keinen Abschnitt gibt, der sich mit Andos Selbstmitleid befasst, löst er entweder für den Leser kaum zu meisternde Rätsel, macht sich an sehr junge Frauen ran und mischt sich in Angelegenheiten ein, die ihn eigentlich nichts angehen. Begleitet wird Ando dabei von einem Arbeitskollegen, einen nicht weniger aufdringlichen, korpulenten Mann namens Miyashita. Hatten wir im Vorgänger noch mit Asakawa und Ryuji ein schlagkräftiges Duo, was sich auch noch gegenseitig ergänzt hat, haben wir es in Spiral mit zwei unglaublich unfähigen wie uninteressanten Protagonisten zu tun.


The man who had joined forces with Sadako to hunt down humanity for sport was in his room, watching how things went, laughing derisively at Ando for noticing too late to do anyting about it. 


Der Plot, so wirr uns unsinnig er auch letztendlich ist, lässt aber dennoch immer mal wieder Potential aufblitzen was tatsächlich in Suzuki steckt, wenn er über das schreibt, was er beherrscht. Den Leuten Angst einjagen. So gibt es zum Beispiel die Stelle im Buch, wo Ando alleine in Mai Takanos Apartment ist und eine unheimliche Präsenz spürt. Oder eine weitere Szene mit Ando (Überraschung), als er sich alleine auf dem Dach eines Hochhauses befindet und den Ort von Mais Verschwinden untersucht. In diesen Momenten wird Suzuki zu einem packenden Erzähler, der seine Leser erreicht und die Seiten im Buch sich beinahe automatisch umblättern. Leider haben wir es hier nur mit sehr seltenen Momenten zu tun, wo Spiral wirklich Potential offenbart. Die meiste Zeit jedoch dümpelt und plätschert die Story belanglos vor sich hin, wird mit langweiligen Rückblicken aufgebauscht und driftet gegen Ende in die völlige Banalität ab.

Spiral möchte Horror, Science-Fiction und Philosophie miteinander verschmelzen, opfert dabei aber nicht nur sämtliche Charaktere aus dem Vorgänger, sondern gleichzeitig auch die unheimliche, ikonische Gegenspielerin, Sadako Yamamura. Sadako verkommt in Spiral zu einer schwätzenden Samenbank, die nicht nur verstorbene Leute zurück ins Leben holen kann (Suzuki versucht dies wissenschaftlich und philosophisch zu erklären) sondern auch plant, die Bevölkerung der Welt durch Millionen von Sadakos auszutauschen. Mit anderen Worten, Sadako will die Weltherrschaft und dank Ando und ihrer Fähigkeit zur Reproduktion könnte dies ein Szenario einer nicht all zu fernen Zukunft sein.

Even if the Ring itself is destroyed, the media is going to be transformed by people who have contracted the ring virus. Just as that videotape mutated into a book, it's going to get into every stream: music, video games, computer networks. New media will crossbreed with Sadako and produce more new media, and every ovulating woman who comes in contact with them will give birth to Sadako.


Der Reiz an philosophischen und Science-Fiction Thematiken besteht darin, Theorien und unvorstellbare Möglichkeiten weiter zu spinnen und zu debattieren. Ein Autor, der dies auf verständnisvolle weise geschafft hat in grandiose Science-Fiction Geschichten umzuwandeln ist der chinesische Autor Cixin Liu, zu dessen Werke ich hier schon einiges geschrieben habe. Die Möglichkeiten der Science-Fiction sind nahezu unbegrenzt und müssen nicht zwanghaft immer etwas mit dem Weltraum und Laserpistolen zu tun haben. Science-Fiction ist allen voran auch, wie der Name sagt, Wissenschaft. Wissenschaft, die ebenfalls unbegrenzte Möglichkeiten bietet. Dazu ruft auch Spiral auf, besonders der Epilog zwischen Ando und Ryuji lädt dazu ein. Leider ist es mir dabei nur nicht möglich, ernsthaft über Frauen nachzudenken, die während ihres Eisprungs von einer übernatürlichen Macht per verschiedener Medien unserer Populärkultur befruchtet und anschließend die Welt mit ein und der gleichen Frau bevölkern werden. Es gibt Grenzen, an die meine Vorstellungskraft stößt und Koji Suzuki hat diese mit seinem Roman Spiral eindeutig gesprengt.

So wird mir Spiral als Roman über Frauen in Erinnerung bleiben, die sich in größter Gefahr begeben sobald sie ein spezielles Buch lesen oder einen beseelten Film schauen, während sie menstruieren.
Ich hatte bisher noch nicht die Motivation mit "Loop - The Ring 3" weiterzumachen. Das Buch ist eindeutig dicker als der Vorgänger und die Beschreibung des Inhalts klingt noch abenteuerlicher. Der Reiz, sich noch einmal ein Buch dieser art anzutun wird jedoch davon angespornt, zu beobachten, ob sich der Autor hier vielleicht doch wieder zu alter Stärke besinnt. Ob das nach Spiral überhaupt noch für mich als Leser möglich ist, die Geschichte rund um Sadako wieder ernst nehmen zu können, steht dabei auf einem anderen Blatt Papier.

The first thing to do was for Sadako to inseminate one of her own eggs. With both female and male functions, Sadako was the only one capable of implanting a fertilized egg in her uterine wall with no outside assistance. The next step was to remove this egg and replace its DNA with the DNA of the individual they wanted to bring back to life. True, it took delicate skill to extract the nucleus from one of the cells in Takanori's hair and switch it with the nucleus of Sadako's inseminated egg. But for a specialist, it wasn't all that difficult. Theoretically, it was possible even to resurrect long-extinct dinosaurs, as long as their DNA survived.


Es gäbe somit selbst für die Dinosaurier noch Hoffnung. Eine tröstende Spinnerei, die bei vielen Menschen für einen entspannten Schlaf sorgen dürfte.



Sonntag, 19. Mai 2019

Präsentation: Der Herr der Ringe - Limitierte Ausgabe zum 50. Jubiläum in Deutschland




Mit einem Video zu einem Jubiläum möchte ich mich zurückmelden. Der Herr der Ringe wird 50 Jahre alt. Zumindest, was die deutsche Übersetzung angeht. 1969 erschien rund 15 Jahre nach der englischsprachigen Originalausgabe die deutsche Übersetzung von Margaret Carroux. Für den Klett-Cotta Verlag eine passende Gelegenheit, diesen Anlass zu feiern. Denn das Wagnis, den Herrn der Ringe nach Deutschland zu bringen, hat sich für den Verlag als Goldgrube erwiesen.

Limitiert auf 5000 Exemplare (was mehr ist, als man meinen könnte) ist am 15.03.2019 eine Gesamtausgabe im Leinenband erschienen, die optisch der Erstausgabe nachempfunden ist. Benutzt wurden hier die Original Cover-Illustrationen des bekannten Künstlers Heinz Edelmann (Beatles- Yellow Submarine). Alle 3 Illustrationen fanden zusätzlich noch den Weg ins Buch selbst zwischen den einzelnen Abschnitten. Wie so häufig bei den Gesamtausgaben enthält das Buch auch die Anhänge sowie als Extra eine große, ausfaltbare Karte von Mittelerde.

Meine Videopräsentation ist bereits vor rund zwei Wochen entstanden und schon vor einigen Tagen von mir auf YouTube hochgeladen worden. Da ich mit der Qualität des Videos aber nicht zufrieden bin, habe ich länger überlegt, es für einen neuen Blogpost zu benutzen. Da ich aber motivierendes Feedback erhalten habe, habe ich mich entschieden, trotz Tonprobleme und einiger irreführender Informationen, das Video hier auf "Am Meer ist es wärmer" zu veröffentlichen.


Die Präsentation des Buches beginnt ungefähr ab Minute 7:50.

Auch hier noch ein kurzer Hinweis: Die erhältliche Ausgabe mit dem roten Buchschnitt kostet 49,95 Euro und nicht, wie von mir im Video angegeben, 49 Euro. Dies macht die limitierte Edition nur 5 Cent teurer.

Von einem YouTube-Nutzer habe ich zusätzlich die Info erhalten, dass sich die Karte, die leider auf der Rückseite des Buchdeckels eingeklebt ist, ohne Rückstände lösen lässt. Ich habe bei den eingeklebten Karten von Klett-Cotta leider schon andere Erfahrungen gemacht und empfehle daher, diese nur auf eigene Verantwortung hin zu entfernen.

Nun möchte ich auch gar nicht weiter drum herum schreiben und wünsche viel Spaß mit der Präsentation. Ich empfehle es, das Video-Segment in hoher Auflösung und im Vollbild zu schauen, da man nur so einen detailreichen Aus- wie Einblick ins Buch erhält.




Präsentation und Eindrücke zur Gesamtausgabe des Herrn der Ringe zum 50. Jubiläum in Deutschland

Mittwoch, 17. April 2019

Wie geht es auf "Am Meer ist es wärmer" weiter?




Immer wieder kommt mal der Schimpanse in der Badewanne in mir raus. Ich bin verspielt, gebe mich mit simplen Dingen wie Badeschaum zufrieden und genieße später am Abend ein Glas Whisky. Bleibt man aber zu lange in seiner privaten Wohlfühloase, dann könnte es passieren, dass sie einen irgendwann verschlingt. In diesem Modus befinde ich mich und es scheint kein Entkommen zu geben. Aber all das klingt ein wenig theatralisch, dramatisch. Ein Aufziehvogel hat keinen angeborenen Hang zur Theatralik und Dramatik. Wenn es aber in der kuscheligen Badewanne zu gemütlich wird, wird es Zeit, ein kleines Fazit zu ziehen.

Hinter mir liegen 8 Jahre "Am Meer ist es wärmer". 8 Jahre "Am Meer ist es wärmer" ohne Gewinnspiele. Meine persönliche Wohlfühloase. Eine Oase, die ich auch weiterhin nicht missen möchte. Doch habe ich auch bemerkt, dass ich eine filmische wie literarische Sackgasse erreicht habe (ganz besonders filmisch). Der Reiz nach einer neuen Herausforderung lockt und dennoch will man sich von seiner alten Liebe nicht einfach so trennen. Doch wie genau finde ich diesen Reiz wieder? Was spornte mich damals an? Was könnte mich anspornen, um dieses Blog-Projekt fortzusetzen? Nun, darauf habe ich noch keine Antwort. Ich bin weiterhin auf der Suche nach Verstärkung, die "Am Meer ist es wärmer" mit ihren Beiträgen bereichern könnte. Solange die aber nicht gefunden ist, möchte ich mir keine Beiträge aus den Fingern saugen.

Ich möchte es in den kommenden Wochen weiterhin ruhiger angehen und neue Beiträge werden nicht geplant, sondern völlig spontan veröffentlicht. Ein Anreiz, diesen Blog fortzuführen ist aber auch eine Reise in die Vergangenheit. Eine Reise zu den Anfängen von "Am Meer ist es wärmer" ist essentiell wichtig, um mich für dieses Projekt, was schon längst kein beiläufiges Hobby mehr ist, weiterhin begeistern zu können. Denn ohne Begeisterung ist es nicht möglich, einen Blog (oder überhaupt irgendetwas was nicht mit der alltäglichen Routine zu tun hat) fortzuführen.

Was sich sehr nach einem Abschied lesen mag ist in Wahrheit ein neues Kapitel. Ein Reboot, ohne das Konzept des Blogs, seine Seele, komplett umzukrempeln. "Am Meer ist es wärmer" wird nicht zu einem Beauty-Blog umgebaut, es wird weiterhin keine Gewinnspiele geben und ich werde mich nicht bei Tik Tok registrieren. Für neue Beiträge wird es derzeit aber keine feste Planung geben. Ich kann zwar versprechen, der kommende Beitrag ist nicht all zu fern, aber dies wird kein Indikator dafür sein, dass es hier demnächst wieder turbulenter zur Sache gehen wird.

In diesem Sinne möchte ich mich bei allen Lesern bedanken, die dem Blog noch immer die treue halten.


Auf Bald,
Aufziehvogel

Mittwoch, 20. März 2019

Rezension: Die wandernde Erde (Cixin Liu)





China 2008

Die wandernde Erde
Originaltitel: Liu Lang Di Qu
Autor: Cixin Liu
Übersetzung: Karin Betz, Johannes Fiederling, Marc Hermann
Genre: Kurzgeschichten, Science-Fiction



In seiner Heimat China ist Cixin Liu schon lange ein literarischer Star. So ist es weniger verwundernd, dass diese Anthologie an Kurzgeschichten und Novellen ebenfalls schon vor über 10 Jahren in China erschienen ist. Durch die Veröffentlichung und dem damit verbundenem Erfolg von "Die Drei Sonnen" öffnete sich hier jedoch für westliche Verlage ein Portal. Dieses Portal beinhaltet das umfangreiche Science-Fiction Werk von Cixin Liu. Obwohl der hier vorliegende, dicke Sammelband schon etwas länger als englischsprachige Ausgabe existiert, so freut es mich jedoch ungemein, dass sich Heyne dazu entschieden hat, das Sammelsurium verschiedenster Sci-Fi Stories auch in deutschsprachigen Gefilden zu veröffentlichen. Und dies geschah auch noch zu einer Zeit, wo nicht ganz einen Monat später, nämlich am 05.02.19, "Liu Lang Di Qu" seine Premiere in China feierte. Hierbei handelt es sich um eine aufwendige Filmadaption von Cixin Lius titelgebender Novelle aus dem Jahr 2000, "Die wandernde Erde". Hier sei noch anzumerken, dass die Verfilmung sehr wohlwollend von der internationalen Presse aufgenommen wurde und in China kommerziell extrem erfolgreich war, während die Filmadaption zum ersten Band von "Die drei Sonnen" wohl leider stattdessen endgültig auf Eis gelegt ist.

"Die wandernde Erde" enthält nicht nur die gerade erwähnte Titelgeschichte, es befinden sich in dieser umfangreichen Sammlung auch noch 10 weitere Geschichten. Darunter auch die von mir bereits besprochene Novelle "Weltenzerstörer", die es vergangenes Jahr in meine Top 3 der Bücher des Jahres geschafft hat (und auch als einzelne Veröffentlichung weiterhin erhältlich ist). Sämtliche Geschichten in dieser Anthologie sind von unterschiedlicher Länge. Zwischen der Entstehung der Kurzgeschichten und Novellen liegen oftmals viele Jahre und sie sind bewusst nicht chronologisch geordnet. Zum Beginn jeder Geschichte steht aber das Datum der Entstehung sowie andere nützliche Details.

Die Anzahl der Geschichten sowie der wirklich üppige Umfang der Sammlung machen es mir leider schwer, auf jede Geschichte in dieser Besprechung eingehen zu können. Die hier verlinkte Rezension zu "Weltenzerstörer" dürfte aber einen guten Ausblick auf das geben, was die Leser erwarten wird. Tatsächlich würde es mir sogar schwer fallen, eine Top 5 zu nennen. Würde man mich dennoch fragen, welche Geschichten ich hervorheben würde, wären das neben der bereits besprochenen Novelle "Weltenzerstörer" auch noch die Geschichten "Die wandernde Erde" sowie "Durch die Erde zum Mond", die inhaltlich mit der letzten Geschichte dieser Sammlung, "Mit ihren Augen", verknüpft ist. Die kürzeste Geschichte mit etwas über 30 Seiten ist übrigens "Fluch 5.0".

Eine besondere Erwähnung findet hier noch die Übersetzung des Dreiergespanns Karin Betz, Johannes Fiederling sowie Marc Hermann. Mein Lob gilt hier auch dem Heyne Verlag, den ich über einige Jahre hinweg dafür kritisiert habe, bei den japanischen Romanen die u,a. von Ring Autor Koji Suzuki stammen, auf bereits vorhandene, englische Übersetzungen zurückzugreifen. Bei Cixin Liu ist dies glücklicherweise nicht der Fall, obwohl bereits englische Übersetzungen existieren. Schon "Die drei Sonnen" ist in seiner deutschen Fassung nicht nur näher am Original, sondern auch länger als die von Ken Liu übersetzte englische Ausgabe. "Die wandernde Erde" wurde erneut aus der chinesischen Sprache übersetzt und die drei Übersetzer haben hier eine sehr gute Arbeit abgeliefert. Da ich auch einen Blick auf die englische Übersetzung werfen konnte, würde ich erneut ganz klar die deutschsprachige Ausgabe bevorzugen. Bei den Anmerkungen zu jeder neuen Geschichte wird übrigens auch der Übersetzer bzw. die Übersetzerin der jeweiligen Geschichte genannt.





Abschließende Worte


"Die wandernde Erde" ist eine beeindruckende Science-Fiction Reise eines begnadeten Autors, der das eingestaubte Genre revitalisiert hat. Thematisch beinhalten alle Geschichten in dieser Sammlung ein Gefühl von Neuanfang und Heimweh. Der Chinese Cixin Liu ist dabei gar nicht der große Romancier, auch wenn seine Trisolaris-Trilogie (Die Drei Sonnen, Der dunkle Wald, Jenseits der Zeit) andere Schlüsse zulässt. Stattdessen ist er mehr bekannt für seine kürzeren Werke wie Kurzgeschichten und Novellen. Sein letztes Werk liegt in seiner Heimat nun auch schon einige Jahre zurück und es wäre sehr schade, wenn er sich als Autor zurückziehen sollte. Wie auch immer die Pläne von Cixin Liu aussehen, er hat einen gewaltigen Beitrag bereits geleistet und "Die wandernde Erde" reiht sich nahtlos in sein beeindruckendes Werk ein. 
Von dem Umfang des Buches dürfen sich interessierte Leser nicht abschrecken lassen, denn jede dieser rund 11 Erzählungen ist ein neues Abenteuer und der Aufbruch in eine neue Welt.

Dienstag, 5. März 2019

Rezension: Serotonin (Michel Houellebecq)





Frankreich 2019

Serotonin
Originaltitel: Sérotonine
Autor: Michel Houellebecq
Verlag: DuMont
Übersetzung: Stephan Kleiner
Genre: Drama



Als 2010 "Karte und Gebiet" erschienen ist konnte ich nicht so recht einordnen, was Michel Houellebecq mit diesem Roman eigentlich aussagen wollte.  Ich habe es ungefähr bis Seite 100 geschafft bis ich den Roman enttäuscht zur Seite gelegt habe. Bis Heute habe ich mein Exemplar auch nicht mehr angerührt. Aber das Leben ist bekannt für zweite Chancen und nach "Unterwerfung (2015)" und "Serotonin" möchte ich dem Provokateur aus Frankreich eine weitere Chance geben. Denn wer mich zum zweiten mal in Folge begeistern kann, der hat meine Aufmerksamkeit sicher.

Serotonin (eine Anspielung auf die Antidepressiva, um die es in der Geschichte geht) ist eine emotionale Odyssee die irgendwo zwischen Drama, Liebesroman und Satire pendelt. Houellebecq, der seit den Anschlägen in Paris aus dem Jahr 2015 anscheinend keinen öffentlichen Auftritt mehr abgelegt hat, mag vielleicht irgendwo wie ein Eremit leben, aber was er schriftstellerisch noch immer zustande bringt ist eine Wucht. Eine provokante Wucht, wie nicht anders zu erwarten. So offensichtlich provokant, dass es selbst den größten Kritikern des Franzosen auffallen muss, dass der Autor gerne mit ihnen spielt. Houellebecq liefert seinen Kritikern einmal mehr neuen Zündstoff, rechnet zugleich aber auch gnadenlos mit der aktuellen EU-Politik ab. Die feine Kluft zwischen Satire und bitterem Ernst verschwimmt bei Houellebecq einmal mehr, doch besonders in Zeiten wo Artikel 13 düstere Realität werden könnte, ist der neue Roman von Houellebecq aber mal wieder zur richtigen Zeit erschienen.


"Seinen Vornamen zu ändern, ist nicht schwierig, wobei ich das nicht aus behördlicher Sicht meine, aus behördlicher Sicht ist so gut wie gar nichts möglich, das Ziel der Behörden ist eine maximale Beschränkung der Lebensmöglichkeiten, sofern es ihnen nicht gelingt, sie schlicht ganz zu vernichten, aus behördlicher Sicht ist ein guter Staatsbürger ein toter Staatsbürger, ich rede ganz einfach von der praktischen Anwendung: Es genügt, sich unter einem neuen Vorname vorzustellen, und nach ein paar Monaten oder sogar Wochen haben sich alle daran gewöhnt, es kommt den Leuten gar nicht mehr in den Sinn, dass man einmal anders geheißen haben könnte."

Bereits zu  Beginn feuert Houellebecq einen Giftpfeil gegen die in Papierkram versinkenden Behörden ab. Ein Bild, welches in Deutschland, Frankreich, Italien oder wo auch immer man sich in der EU befindet, vermutlich überall gleich ausschaut. Obwohl die Bürokraten hier schnell ihr Fett wegbekommen, ist Serotonin kein überwiegend politisch/gesellschaftskritisch angehauchter Roman. Genau so war auch "Unterwerfung" kein klassisches Gesellschaftsdrama. Im Mittelpunkt stehen wie immer Houellebecq's Protagonisten aus der Mittelschicht. Allesamt nicht unbedingt die besten und geselligsten Gesprächspartner. Gleich zu Beginn des Buches macht der Erzähler Florent-Claude darauf aufmerksam, wie überaus dankbar er seinen Eltern dafür ist, ihn zu einer aufrichtigen Person erzogen zu haben. Allerdings wäre da die Sache mit dem Vorname, der so gar nicht zu ihm passt und er seine Eltern in dem Punkt nie verstanden habe, wie sie diesen Namen für ihn wählen konnten. Florent-Claude würde diesen Namen am liebsten ablegen, tat dies jedoch aus Bequemlichkeiten bisher nie. Als Florent-Claude mit seiner japanischen Freundin Schluss machte, geriet er anschließend in einen depressiven Strudel. Daraufhin verschrieb ihm sein Arzt ein neues Antidepressivum namens Captorix, dieses ist weitaus zahmer als bekannte Antidepressiva, bringt jedoch Nebenwirkungen wie Libidoverlust bis hin zur Impotenz mit sich. Florent-Claude, 46 Jahre alt, bleibt auch nichts erspart.

Der stets trockene Humor begleitet einmal mehr Houellebecq's Dialoge. Wie von ihm gewohnt sind die meisten seiner Sätze ausufernd lang. überraschend dabei ist jedoch, dass man dabei nicht den Faden verliert. Zu verdanken hat man dies mit großer Wahrscheinlichkeit auch der sehr flüssigen und gut lesbaren Übersetzung von Stephan Kleiner. Es müsste eigentlich nicht erwähnt werden, aber da eine englische Ausgabe noch nicht existiert, wurde hier, wie bei DuMont üblich, aus der Originalsprache übersetzt.

Ob es auch wieder irgendwelche Tabubrüche in Serotonin gibt? Wer Houellebecq kennt, der weiß, dass es ohne pikant beschriebene Sex-Szenen nicht geht. Es gibt in diesem Roman noch die ein oder andere berüchtigte Szene, die jedoch einige Leser vielleicht verstören könnten. Auch hier ist Houellebecq wieder ganz das klassische Enfant Terrible.
Ein bisschen geht Serotonin auch in die Richtung Existentialismus, was ein stets wiederkehrendes Thema nicht nur von Houellebecq ist sondern die französische Literatur schon begleitet, noch bevor Satre die Thematik in Europa populär gemacht hat


"Diese wenigen Sätze entfalteten eine magische Wirkung, ich spürte, wie sie sie beruhigten, natürlich gibt man lieber den Antidepressiva des anderen die Schuld als seinen eigenen Fettwülsten, aber es huschte auch ein mitfühlender Ausdruck über ihr Gesicht, und zum ersten Mal an diesem Abend wirkte sie an mir interessiert, als sie mich fragte, ob ich eine depressive Phase durchliefe, weshalb und seit wann."
 


Fazit


Mit "Serotonin" läuft Michel Houellebecq zur Höchstform auf. Eine revitalisierende, aber auch eine kuriose Geschichte zugleich. Es ist schwer, diese Höchstform in Worte zu fassen wenn der Gegenüber das Buch selbst nicht gelesen hat. Wie genau macht man einen so vulgären Roman schmackhaft? Wie genau kann man Skeptikern erklären, dass vielleicht diese unverschämt vulgäre art von Houellebecq den Charme seiner Geschichten ausmacht? Denn eines ist sicher, Houellebecq provoziert gewollt und absichtlich, mal vollkommen überzogen, mal mit brutaler Ernsthaftigkeit. Doch hinter all dem steckt eine unglaublich ehrliche Geschichte, die sich mit modernen Problemen unserer Gesellschaft auseinandersetzt. So zu schreiben vermag nur dieser kauzige Franzose. Ein Mann, der sich bewusst dazu entschieden hat, die Öffentlichkeit, mit der er noch nie viel anfangen konnte, zu meiden. Genau diese Philosophie spiegelt Serotonin wider. Ein beeindruckender Start ins Bücherjahr 2019.