Archiv: Rezensionen zu Literatur und Film

Dienstag, 6. Dezember 2011

Winterschlaf am Meer


Ein unglaubliches lästiges Jahr neigt sich dem Ende. Die Glühweinsaison und Weihnachtsmärkte sind längst geöffnet. Und auch an meiner eigenen Aktivität auf meinen Blogs merke ich, der Winter ist da und der Winterschlaf kaum aufzuhalten.

Da ich mich derzeit noch einem für mich anderen, wichtigem Projekt widmen will, muss ich auf Kosten Dessen leider auch meine Blogs ein wenig vernachlässigen. Ich komme kaum zum lesen. Nicht einmal die Magie der Filme kann mich derzeit mitreißen. Um Am Meer ist es wärmer jedoch nicht mit irgendwelchem Schund zu füllen möchte ich mich lieber komplett, und das bis Januar, zum Winterschlaf wappnen.

Ich hoffe aber noch ein paar Reviews nachlegen zu können. Am Ende des Jahres gibt es dann auch noch einen kleinen Rückblick auf 2011. Ein paar persönliche Highlights gab es trotz allem auch in diesem Jahr.

Die Handvoll Leute die meinen Blog verfolgt hat, und die ahnungslosen die einfach über Google zu mir gefunden haben: Euch Allen wünsche ich ein frohes Fest und einen angenehmen Start ins neue Jahr.
Und dann wird mein bescheidener Blog auch schon 1 Jahr alt.

Wer übrigens so gar nicht weiß mit welcher Lektüre er seinen persönlichen Winterschlaf überbrücken soll, hier noch eine kleine Empfehlung:

"Die Herren von Winterfell" (A Game of Thrones). George R.R. Martins Bestseller Epos ist nicht unbedingt ein Leichtgewicht vom Umfang her, liest sich jedoch ganz danach. Wer mutig genug ist in die Dark Fantasy Welt einzutauchen wird mit einer Lektüre belohnt werden die einen nicht mehr loslässt.

Die deutsche Fassung der ebenso preisgekrönten TV Serie ist wöchentlich auf TNT Serie zu sehen. Volljährige Zuschauer sollten einen Blick wagen.



Mit diesem Tipp möchte ich mich dann auch nun vorerst von euch verabschieden. Bis dahin, noch einen schönen Nikolaus, gehabt Euch wohl.

Freitag, 11. November 2011

Rezension: Hear the Wind Sing (Haruki Murakami)



Spoiler Warnung


Die Murakami Rezensionen 4


Die Trilogie der Ratte 1
Hear the Wind Sing


Autor: Haruki Murakami
Originaltitel: Kaze no uta o kike
Erscheinungsjahr: 1979 (Japan), 1987 (englische Übersetzung)
Verlag: Kodansha (English Library)
Übersetzung: Alfred Birnbaum
Genre: Slice of Life




I never saw the girl with four fingers on her left hand again. When I returned to the town that winter, she'd quit the record store and moved out of her apartment. Disappeared, leaving not a trace in the tides of men or the river of time.
When I'm back in town in summer, I always walk the same streets she walked, sit down on the stone steps of the warehouse, and gaze out to sea, all by myself. And just when I feel like crying, I never can.
That's how it goes.


Die Legende von Derek Heartfield.

Viele einsame Junggesellen fragen sich wahrscheinlich, wenn sie Murakami lesen, was muss dieser Mann schon alles mit den Frauen durchgemacht haben? Nur jemand der wahrlich die Leiden der Liebe kennengelernt hat wäre wohl in der Verfassung solch melancholische Texte über gescheiterte und vergangene Beziehungen zu schreiben. Doch die Wirklichkeit sieht anders aus. Haruki Murakami heiratete bereits in jungen Jahren eine Kommilitonin. Im alter von 30 Jahren veröffentlichte er mit Hear the Wind Sing sein Debüt. Zu diesem Zeitpunkt war Murakami jedoch schon knapp 10 Jahre mit seiner Yoko verheiratet. Gemeinsam eröffneten sie die Jazz Bar Peters Cat. Nun, auch wenn er all diese Geschichten mit den mysteriösen Frauen nie wirklich erlebt hat, so bleibt Murakami jedoch ein Meister darin über die grausame Welt der Liebe zu schreiben.

Alles hat einen Anfang. Jede Karriere. Doch ob Schauspieler, Musiker oder Schriftsteller, ihre Anfänge geben sie nicht so gerne preis. Bruce Willis spielte zum Beispiel in seiner ersten Rolle einen Bösewicht in der Serie Miami Vice. Bei Murakami war das gar nicht so anders. Aufmerksam wurde man auf ihn erst durch Naokos Lächeln (Norwegian Wood). In Japan machte ihn diese Geschichte, die autobiografische Züge enthielt, zu einem absoluten Star. Aber bereits mit Wilde Schafsjagd wurde Murakami bereits im Westen bekannt. Die wenigsten wussten jedoch, und das gilt bis Heute so, das Wilde Schafsjagd der Abschluss einer Trilogie ist. Die Trilogie der Ratte. Diese Trilogie folgt einem namenlosen Ich Erzähler und einem Kommilitonen, Ratte. Die Trilogie kann unter anderem dem Coming of Age Genre zugeordnet werden. In Hear the Wind Sing erzählt der 30 jährige Erzähler eine Geschichte aus seiner Studentenzeit. zu diesem Zeitpunkt war er gerade mal 21 Jahre alt. Die Trilogie besteht, wie ich bereits ausführlich erwähnte, aus den Romanen "Hear the Wind Sing", "Pinball, 1973" und "Wilde Schafsjagd". Der letzte Roman "Tanz mit dem Schafsmann" schließt die Geschichte zwar endgültig ab, wird aber nicht mehr zur Trilogie der Ratte gezählt.

Hear the Wind Sing ist in allen Belangen ein wichtiges Buch. Murakami schrieb die Geschichte über vier Monate lang. Das Märchen ist eindeutig bekannt was ihn dazu bewegte diese Geschichte zu schreiben. Es war ein beeindruckender Schlag des amerikanischen Baseballspielers Dave Hilton. Murakami realisierte danach das er unbedingt ein Buch schreiben muss. Eine kuriose Inspiration. Auch war Murakami für ein Debüt schon recht alt (natürlich ist Dreißig längst kein Alter). Hear the Wind Sing beinhaltet auf 130 Seiten all das, was wir an Murakamis Stil so schätzen. Er entwirft unbekannte Sehnsüchte. Skurrile Situationen, gute Musik und Frauen sind auch dabei. Und gleichzeitig stellt der Roman auch noch eine Geburt dar. Boku (ein Thema worüber Jay Rubin bereits in Murakami und die Melodie des Lebens schreibt). Murakami entwirft einen namenlosen Ich Erzähler. Ein Stilmittel auf welches er eigentlich in keinem Roman bisher verzichtet hat. Eigentlich. In After Dark und 1Q84 finden wir Boku nämlich nicht (vermisst ihr ihn?). Boku taucht mal als namenloser Hobby Detektiv auf, mal als namenloser Lehrer der eine Reise zur Selbstfindung auf eine griechische Insel macht und auch mal als 15 jähriger Kafka Tamura. Wer Murakamis Werk bereits vorher verfolgt hat wird sich sofort heimisch fühlen.

Die für Murakamis Verhältnisse sehr kompakte Geschichte wurde damals im angesehenen Gunzo Magazin veröffentlicht. Damals noch unter dem Titel "Happy Birthday, and White Christmas". Hear the Wind Sing gewann den Gunzo Literatur Preis. Zudem wurde der Roman für den renommierten Akutagawa Preis nominiert (einen Preis den Murakami nie erhalten hat). Eine weitere Nominierung konnte er für den Noma Literary Newcomer's Prize verzeichnen. Doch bleiben wir kurz bei dem Akutagawa Preis. Ein Grund wieso Murakami nie diesen angesehenen Preis erhalten hat finden wir bereits in Hear the Wind Sing. Erstmals kann ich sagen das diese Geschichte sich extrem nach amerikanischer Literatur gelesen hat. Von Bier über die Beach Boys bis hin zu Coca Cola wird alles mögliche beschrieben was im Westen beliebt und gefragt zur damaligen Zeit war. Murakami ist inspiriert von der westlichen Literatur. Stellt der Akutagawa Preis doch aber das komplette Gegenteil dar. Hier hat die eher traditionelle japanische Literatur eine Chance.

Hear the Wind Sing dürfte etliche Fragen klären die man sich in Wilde Schafsjagd und Tanz mit dem Schafsmann gestellt hat. Wir lernen den Erzähler nun genau kennen. Genau so wie er eine Freundschaft zu der eigensinnigen Ratte aufbaut. Wie sie gemeinsam ihre Semesterferien an einer verschlafenen Küste verbringen und täglich in ihrer Stammbar bei J's literweise Bier vernichten. Der Erzähler berichtet über Ereignisse die ihm im Sommer 1970 widerfahren sind. Alles in einem Zeitraum von 19 Tagen. Er berichtet über seine Schulzeit, die Frauen mit denen er geschlafen hat und die Musik die er hört. Das er fasziniert ist von einem Autor Namens Derek Heartfield. Ein missverstandener, amerikanischer Autor der sich im Jahr 1938 vom Empire State Building stürzte (in der rechten Hand hielt er ein Portrait von Hitler, in der linken Hand hielt er einen Regenschirm). Mal erzählt unser namenloser Freund auch einfach über Gott und die Welt. Oder wie er eine Frau mit nur Vier Fingern an einer Hand kennengelernt hat. Unfassbar! Vier Finger. Eines Morgens wachte er verkatert in ihrer Wohnung auf. Zum Sex kam es nicht. Leider aber hat die gute einen solch üblen Kater das sie sich kaum an etwas erinnern kann. Die Frau mit den Vier Fingern ist die erste von Murakamis skurrilen und mysteriösen Frauen die wir treffen. Der Erzähler beschreibt sie als nicht hübsch, aber auch nicht hässlich. Sie ist bei weitem keine Schönheit. Doch ihr sonderbarer Charakter zieht ihn an. Wie Murakami selbst in seiner Jugend arbeitet sie in einem Plattenladen. Sie ist anfänglich nicht besonders nett. Allerdings baut sie immer weiter ein Vertrauen zu unserem Ich Erzähler auf, der, ohne das er es bemerkt, immer wieder in seltsame Situationen gerät.

Die surrealen Elemente halten sich in Hear the Wind Sing noch zurück. Es gibt einen seltsamen Anruf eines betrunkenen Radiomoderators. Fand ich sehr unterhaltsam diesen Dialog. Und solche Passagen gibt es immer wieder in Hear the Wind Sing zu lesen. Es kommt vor das einfach über die Melancholie des Lebens gesprochen wird. Murakami erschafft sich in der Geschichte ein kleines Utopia. Einen kleinen Garten Eden. Der beschriebene Ort im Buch scheint magisch zu sein. Das schwärmen des Erzählers über den Sommer löste unglaubliches Fernweh in mir aus. Es ist die Geschichte einer Person die langsam erwachsen wird, es aber eigentlich gar nicht will. Das Buch ist eine jener Geschichten worüber Schriftsteller Leif Randt am Haruki Murakami Abend im japanischen Kulturinstitut Köln gesprochen hat. Er sprach darüber das Murakami die großen Geschichten schreibe, während er selbst momentan über die kleineren Dinge schreibe. Aber genau diese kleinen Dinge sind es worum es in Hear the Wind geht. Ich bin noch immer sehr beeindruckt wie gut dieses Debüt geschrieben ist. Es ist eigentlich eine Schande das Murakami kein Interesse daran hat die Geschichte auch außerhalb Japans zu publizieren. Dabei liest man die Freude die er beim Schreiben hatte in so vielen Dialogen heraus.

Ein weiteres Phänomen stellt für mich der Autor Derek Heartfield dar. Bis zum Ende der Geschichte hielt ich Heartfield tatsächlich für eine Person die einst gelebt hat. Die Wahrheit ist aber das der Schriftsteller Heartfield eine fiktionale Figur ist. Geschaffen von Murakami. Ich suchte also wie verrückt nach der Geschichte über die Brunnen auf dem Mars (eine Kurzgeschichte von Derek Heartfield dessen Inhalt Murakami in Hear the Wind sing zusammenfasst). Über den jungen Mann der die Brunnen durchquerte und viele Dimensionen hinter sich lies. Ich war wahnsinnig begeistert von dieser Geschichte. Nun weiß ich das auch die Geschichte über die Brunnen auf dem Mars von Murakami persönlich stammt. Mit Derek Heartfield hat sich Haruki Murakami ein Alter Ego geschaffen. Eine Person zu der er aufschauen kann. Am Ende berichtet er das er sogar einst sein Grab in Ohio besucht hat. Alles deutet darauf hin das Heartfield wirklich existiert hat. Doch sucht man nach seinen Werken bei Amazon oder gibt seinen Namen in Google ein wird man schnell bemerken das es sich hier um eine ausgedachte Person handelt. Einen Autor namens Derek Heartfield hat es nie gegeben. Schon gar nicht stürzte er sich vom Empire State Building.

Das Ende von Hear the Wind Sing liest mich wie immer mit einem gewissen Wehmut zurück. Immer muss man am Ende von etwas Abschied nehmen. Seine Charaktere nehmen Abschied von einem Ort oder von Freunden. Der Leser nimmt Abschied von der Geschichte. Er lässt uns mit einer bereits von mir erwähnten Sehnsucht zurück. Auf gerade mal 130 Seite gelingt Murakami nicht nur ein grandioses Debüt, sondern er schafft es auch seine Magie auf uns zu übertragen. So manch etablierter Schriftsteller könnte hier sogar noch etwas lernen. In Murakamis Bibliographie nimmt Hear the Wind Sing einen überraschend wichtigen Platz ein. Es ist der Beginn einer Leidenschaft. Hier nahm alles seinen Anfang. Ich bin daher dementsprechend dankbar das ich dieses tolle Debüt nun endlich lesen konnte.



Wertung: 5 von 5 Dante (Ausgezeichnet)


Informationen zum Buch:

Lange Zeit waren sowohl Hear the Wind Sing als auch Pinball, 1973 vergriffen. Im Jahre 2010 veröffentlichte Kodansha in Japan eine Neuaflage im kleinen A6 Format. Beide Romane sind nun wieder in englischer Sprache erhältlich. Im Internet findet man die beiden Bücher auch noch im PDF Format. Da diese Ausgaben allerdings nicht lizenziert sind kann ich dafür auch keine Links bereitstellen.

Wer dennoch Interesse hat, beide Romane werden sehr häufig auf eBay angeboten. Natürlich komplett neu. Der Preis liegt bei 15 bis 20 Euro.

Direkt bestellen kann man die Bücher auch bei einer tollen japanischen Buchhandlung in Düsseldorf: Takagi 
Books (Auf Anfrage. Online Bestellung und Selbstabholung möglich).


Brook Benton: Rainy Night in Georgia

Donnerstag, 10. November 2011

150 Jahre Freundschaft zwischen Deutschland und Japan: Der große Haruki Murakami Abend


Haruki Murakami bleibt ein aktuelles Thema auf meinem Blog. So ist er auch in diesem Beitrag präsent. Doch war es diesmal nicht Murakami selbst der mich am Abend des 08 November faszinierte. Es waren seine Fans.

Das Literaturhaus Köln veranstaltete zu Ehren der deutsch japanischen Freundschaft (immerhin wurden vor genau 150 Jahren die ersten Handelsverträge zwischen Deutschland und Japan geschlossen) einen ganz besonderen Abend. Dieser fand im japanischen Kulturinstitut Köln statt. Hier passte einfach alles. Nicht nur eine langjährige Freundschaft wurde gefeiert, auch eine Ausstellung über das japanische Buchdesign der Gegenwart konnte bestaunt werden (was ich überraschenderweise sehr interessant fand. Fängt die Kunst der japanischen Literatur hier schon bei der Gestaltung des Covers und der Buchbindung an). Hauptthema an diesem Abend war jedoch Haruki Murakami. Das Thema: Wieso ist Haruki Murakami eigentlich so unglaublich erfolgreich im Westen? Was macht dieses Phänomen aus? Eine Frage die eigentlich schwerer zu beantworten ist als es den Anschein macht. Vielleicht ist sie sogar unmöglich zu beantworten.

Der gemütliche Saal war längst vor dem 08 November ausverkauft. Tickets konnte man sich nur im Literaturhaus Köln reservieren. Wer dann nicht das Glück hatte seinen Namen auf der Gästeliste zu finden, musste den Abend wohl leider vor geschlossenen Türen verbringen. Ein Glück, denn ich stand auf der Gästeliste des DuMont Verlages. Die immerhin diesen Abend mit organisiert haben. Viele Gäste kamen wohl aber auch noch in der Hoffnung, den großen Meister selbst an diesem Abend anzutreffen. Weit gefehlt. Murakamis Besuch in Berlin im letzten Jahr sollte etwas ganz besonderes darstellen. Gilt Murakami, wie so viele andere Schriftsteller, eher als Scheu was die Öffentlichkeit angeht (auch wenn sich dies in den letzten etwas Jahre geändert hat). Glück für diejenigen, die letztes Jahr in Berlin waren.

So fühlte sich die Veranstaltung etwas an wie der Spielfilm "I'm not there" von "Todd Haynes". Eine filmisch Biographie über Bob Dylan, ohne Bob Dylan. Und genau so war das dann auch im japanischen Kulturinstitut in Köln. Ein Abend über Haruki Murakami, ohne Haruki Murakami. Anzumerken wäre jedoch noch das Murakami selbst schon einmal im Institut anwesend war. Genau so wie Schriftsteller Kenzaburo Oe.
Allerdings gab es keinen Grund zur Enttäuschung. Die geladenen Gäste waren dafür ebenfalls mehr als vielversprechend.

Geleitet wurde die Diskussion einfach großartig von Hubert Winkels. Der Literaturkritiker aus Düsseldorf ist ein großer Bewunderer der japanischen Literatur und natürlich ein Fan von Murakamis Werk. Dazu gesellt haben sich Schriftsteller Leif Randt (welcher eine menge Lob für seinen aktuellen Roman "Schimmernder Dunst über Coby County" einheimste), die Japanologin Lisette Gebhardt und, ein Gast worauf ich mich ganz besonders gefreut habe, Japanologin und Übersetzerin Ursula Gräfe. Ursula Gräfe hat nicht nur einen Großteil von Murakamis Werk ins deutsche übersetzt, ihr Name findet sich auch noch in zahlreichen anderen deutschen Publikationen japanischer Literatur. Den krönenden Abschluss machte Schauspieler Joachim Krol, dessen markante Stimme perfekt zu Murakamis Text passt. So stellte der Abend also eine Mischung aus Diskussion und Lesung dar, der abgerundet wurde durch ein kleines Konzert das Jazzpianistin Aki Takase.

Was an diesem Abend so besprochen wurde möchte ich zusammenfassen und kommentieren. Für alle die, die es nicht geschafft haben persönlich anwesend zu sein.

Eröffnung


Direktor Professor Kazuaki Tezuka eröffnet den Abend. Mit schwacher Stimme und extrem gebrochenem Deutsch wünscht er allen Anwesenden einen schönen Abend. Anschließend betritt eine der Veranstalterinnen des Literaturhaus Köln die Bühne und gibt ungefähr das gleiche wie Professor Tezuka wieder. Sie bittet die Gäste des Abends auf die Bühne.


Diskussion


Hubert Winkels stellt die Gäste vor. Japanologin Lisette Gebhardt gibt bekannt sie werde an diesem Abend nicht die Rolle der Sigrid Löffler einnehmen, sich aber Murakami kritisch gegenüber stellen und sich nicht zurückhalten. Gelächter unter den Gästen. Etwas zurückhaltender stellt sich der sympathische Leif Randt und die ebenfalls sehr sympathische Ursula Gräfe vor. Hubert Winkels kann sich einen Schmunzler auf Frau Gebhardts Anmerkung nicht verkneifen.


Professor Doktor Lisette Gebhardt, die mit ihrer Aussage über Sigrid Löffler ziemlich ins Fettnäpchen getreten ist, ist als Fachvertreterin an der Goethe Universität Frankfurt tätig. Der erste Eindruck kann trüben, doch mir kam sie ein wenig besserwisserisch rüber. Rechthaberisch. An ihrer Kompetenz will ich nicht zweifeln, allerdings kam sie mir doch neben Leif Randt und Ursula Gräfe etwas abgehoben vor. Das liegt nicht daran das sie an sich Murakamis Werk kritisch gegenübersteht, sondern daran das ihre Argumente teilweise sehr belanglos waren. Aber dies ist jedoch meine persönliche Meinung. Warum die nicht so prall ist, verrate ich im nächsten Teil.

Diskussion


Hubert Winkels stellt die Frage wie man den Erfolg von Haruki Murakami, besonders im Westen, erklären kann. Lisette Gebhardt sagt, Murakami sei der erste japanische Autor bei dem die Verlage erfolgreiches Marketing angewandt haben um auch Verkäufe außerhalb Japans zu erzielen. Ein Raunen ist im Publikum zu hören. Hubert Winkels fragt zurück: Aber irgendwo muss ja dann doch Literatur im Spiel gewesen sein, denn ganz ohne ist so viel Erfolg nicht möglich. Lisette Gebhardt schweigt. Einmal mehr ein Lachen im Publikum. Ursula Gräfe ist am Zug. Sie erzählt das Murakami für sie der westöstlichste Autor ist den sie kennt. Ein Autor der geschickt westliche und östliche Stilelemente miteinander vermischt, dabei aber nicht seine japanische Herkunft vergisst. Desweiteren wurde darauf eingegangen wie schwierig es ist die japanischen Texte ins deutsche zu übertragen.


Mein Kommentar soll natürlich nicht dazu gedacht sein über Frau Gebhardt zu lästern. Ich gebe alles so wieder wie es sich zugetragen hat. Ihre Meinung erntete zwar keine Buh Rufe, dafür aber ein wenig Hohn. Kein Wunder. Keiner der Besucher machte sich auf den Weg ins japanische Kulturinstitut um sich eine kritische Rede über Haruki Murakami anzuhören. Auch kam es mir so vor, als wolle sie auf Gedeih und Verderb etwas finden, was Murakami an diesem Abend schlecht dastehen ließ. Dazu haute sie auch noch den "Bata Kusai" Klassiker raus (eine abfällige Bemerkung für einen Japaner, der von etwas westlichem begeistert ist. ungefähre Übersetzung: Jemand der nach Butter stinkt). Alles ein alter Hut! Und immer wieder kann ich nur sagen, wenn man versucht Murakami und Oe miteinander zu vergleichen: Murakami ist ein Schriftsteller nach dem zweiten Weltkrieg. Oe fing zu Japans düstersten Momenten an zu schreiben. Zwei völlig unterschiedliche Generationen. Doch Murakami ist nicht weniger japanisch als Oe. Lediglich ist das Werk von Haruki Murakami weiter verbreitet als das des Nobelpreisträgers Kenzaburo Oe. Murakami ist in allen Belangen ein japanischer Autor.

Eine weiterer Punkt war die Übersetzung. Hubert Winkels verwechselte etwas und sagte das Ursula Gräfe "Gefährliche Geliebte" neu übersetzt hätte. Das war natürlich eine Fehlinformation (vielleicht gewollt?). Sowohl "Gefährliche Geliebte" als auch "Mister Aufziehvogel" liegen in Deutschland weiterhin "nur" in einer Übersetzung aus dem Englischen vor. Also basierend auf den Übersetzungen von Philip Gabriel und Jay Rubin. Ursula Gräfe sah das aber gar nicht so dramatisch wie es unter Fans immer dargestellt wird. Besonders die deutsche Übersetzung von "Mister Aufziehvogel" gefalle ihr. Da wäre noch so ein amerikanischer Touch in den deutschen Worten. Auf eine Frage von mir im letzten Jahr, oder besser gesagt eine Aussage, schrieb sie auf meinen Kommentar das sie die Übersetzungen von Jay Rubin sogar gerne lese. Lediglich Alfred Birnbaum sei ihr etwas zu pikant. Hoffe ich habe ihn nun nicht mit Philip Gabriel verwechselt.

Eine Neuübersetzung scheint jedoch auch nicht in Sicht zu sein. Das ist natürlich auch mit Kostengründen verbunden. Vermutlich würde es sich für den Verlag nicht einmal lohnen.

Die Diskussion ging weiter. Auf einen richtigen Nenner kam man bei dem Thema jedoch nicht. Man war sich aber sehr einig das Murakami wohl der wichtigste noch lebende, japanische Autor ist. Weiter ging es anschließend mit zwei Lesungen von Schauspieler Joachim Krol. Dieser las drei unterschiedliche Parts aus den ersten zwei Bänden von 1Q84 vor. Krol selbst merkte noch an das er Murakami sehr gerne lese.
Etwas zu kurz kam leider Leif Randt. Dieser fühlte sich glaube ich etwas unbehaglich in der Rolle eines "deutsche Murakamis". Auch er las noch etwas aus seinem hervorragendem neuen Roman "Schimmernder Dunst über Coby County" vor. Am Bücherstand vom Literaturhaus Köln war der Roman an diesem Abend auch recht schnell vergriffen. Interessant war allerdings die Geschichte wie Leif Randt vor einigen Jahren Murakamis Werk kennengelernt hat. Er hatte Liebeskummer, und immer wieder kam er mit dem Roman "Naokos Lächeln" in Kontakt. Er las ihn, und war am Ende sogar eher weniger begeistert. Doch im laufe der Jahre lernte er das Werk von Murakami schätzen. Er machte aber auch klar das sein Stil etwas völlig eigenständiges ist. Was ich wirklich gut fand. "Während Murakami die ganz großen Geschichten erzählt, schreibe ich eher über die kleinen Dinge". So lautete ungefähr sein Zitat. Eine sehr bodenständige Bescheidenheit.

Natürlich waren knapp 2 Stunden sehr knapp bemessen. Aber was wäre eine angemessene Zeit um über Murakamis Werk zu diskutieren? Etwa 2 Tage? 2 Wochen? Wahrscheinlich hätten die Murakami Anhänger an diesem Abend auch noch die Nacht durchgemacht. Natürlich wurde noch einiges mehr bei der Diskussion besprochen. Doch grob zusammengefasst waren das einige wichtige Punkte die ich hier wiedergegeben habe.

Und wie kann ein Abend schöner enden als mit einigen Gläsern Wein und Reisbällchen? Man wurde vorzüglich bewertet. Und das auch noch alles auf Kosten des Hauses. Der Abend endete mit einem kleinen Konzert der Jazzpianistin Aki Takase. Diese spielte, so erfuhr man an diesem Abend, damals in Haruki Murakamis Jazzbar "Peters Cat". Ich habe den Abend bis zum Ende ausgekostet und fühlte mich sehr wohl. Die Reise von Dortmund nach Köln lohnte sich. Um die Atmosphäre perfekt wiederzugeben hätte man natürlich selbst anwesend sein müssen. Ich hoffe sehr das dies nicht der letzte solcher Abende war. Vielleicht ja dann wieder hier im viel zu vernachlässigtem NRW.

Mein Dank geht daher noch einmal an alle Veranstalter und alle anwesenden Gäste. Selbstverständlich ist damit auch Frau Lisette Gebhardt gemeint.

Mittwoch, 19. Oktober 2011

Rezension: Schoßgebete (Charlotte Roche)



Deutschland
Autorin: Charlotte Roche
Erscheinungsjahr: 2011 (Piper Verlag)
Genre: Slice of Life

"Jedenfalls bleibe ich bei meinem Mann, bis ich sterbe, würde es aber gerne, bevor ich sterbe, hinkriegen, dass ich nicht heimlich, sondern erlaubt, ganz legal, wie früher bei den Hippies, mit einem anderen Mann schlafen darf. Oder auch: mit dem einen oder anderen Mann! Ich möchte das gerne tun, mit so wenig schlechtem Gewissen wie möglich. Ich stelle mir vor, dass das schlechte Gewissen, beim heimlich Machen, alles versaut. Das will ich nicht. Ich möchte gerne frei sein dabei und, während ich endlich mal einen anderen Schwanz in mir habe, die ganze Zeit denken: Ich darf das. Ich habe den coolsten Mann der Welt, er hat es mir erlaubt."

Von der ehemaligen VIVA Moderatorin zur Kultautorin. Der Werdegang der Charlotte Elisabeth Grace Roche kann nur als Phänomen der aktuellen Popkultur bezeichnet werden. Genau so ihr Debüt, Feuchtgebiete. Feuchtgebiete ist nämlich ein Phänomen der deutschen Literatur. Auch wenn jeder es verleumdet oder angewidert nach der dem lesen der Lektüre ist, fast jeder hat es gelesen. Gebt es ruhig zu. Ein Millionen-Bestseller, der auch knapp 3 Jahre nach seiner Erscheinung immer noch gelesen wird und sich einfach hervorragend verkauft. Roche traf und zerstörte mit ihrer Satire die Scham der Bewohner der Bundesrepublik und alle wollten sich am liebsten wieder unter ihren Bettdecken in ihren heiligen, privaten Schlafzimmern verkriechen. Und eigentlich wollte ich mir all das gar nicht antun. Bis ein Freund mir irgendwie das Hörbuch schmackhaft machte. Auf mich wartete eine Zugfahrt von Dortmund nach Bonn. Ich gab dem ganzen eine Chance. "Feuchtgebiete: Gelesen von Charlotte Roche". Andere könnten genervt von ihrer emotionslosen Stimme sein, mich begeisterte die Gleichgültigkeit in ihren gesprochenen Worten jedoch. Als ob sie dort über tatsächlich alltägliche Dinge spricht. Einfach fantastisch (vielleicht habe ich auch nur einen verschrobenen Geschmack). Roche's Stimme wiegte mich sogar in den Schlaf. Denn jede Nacht, in meiner Kölner Unterkunft, bevor es wieder zurück nach Bonn ging, hörte ich immer noch ein Kapitel im Bett. Nun, vielleicht weniger interessant, aber dies ist meine persönliche Geschichte wie ich zu diesem außergewöhnlichem Buch kam.

Obwohl es viele Momente gab in Feuchtgebiete, die ich, selbst für meine Verhältnisse, ziemlich pikant fand, war ich sehr begeistert. Es war pure Unterhaltung für mich. Daher war ich auch im Gegensatz zu vielen anderen sehr angetan davon, als ich hörte ein Nachfolger würde erscheinen (erfuhr ich erst kurz vor der Veröffentlichung des neuen Buches). Schoßgebete würde es heißen. Klingt ja fast wie Feuchtgebiete. Darin ist sie gut, in absurden Wortkreationen. Und wie es nicht anders zu erwarten war, Schoßgebete erreichte schon vor der eigentlichen Erscheinung Platz 1 der Amazon Bücher und Belletristik Charts. Da muss eine enorme Summe im Spiel gewesen sein. Sowohl für die Autorin als auch für den Verlag. Nahm sich bei Feuchtgebiete noch der DuMont Verlag Roche an, tat dies nun der renommierte Piper Verlag. Dieser ist nun nicht unbedingt bekannt dafür das er solche Werke publiziert. Aber wer will sich schon Millionen entgehen lassen? Mit 16,99 Euro für eine Broschur hat man dann gleich noch die Hardcover kosten gespart. Dazu gab es noch eine Rekord Startauflage von 500,000 Exemplaren. Und ich bin mir sehr sicher, der Piper Verlag wird diese längst losgeworden sein, denn Schoßgebete hat es sich bereits unter den Spiegel Bestsellern gemütlich gemacht.

So viel zum Hintergrund. Was kann Schoßgebete denn nun? Oder besser gesagt, was kann Schoßgebete nicht? Also, entgegen meiner Erwartungen ist das Buch längst nicht so kontrovers wie Feuchtgebiete. Es gleicht viel mehr einer Therapiesitzung beim Psychiater. In Treatment im Buchformat. Charlotte Roche versprach nicht zu viel als sie in einem Interview meinte das Buch sei ihr persönlicher Seelenstriptease. Es sei ihr persönlichstes Werk. Biografische Elemente soll es erhalten. Und ich war hin und her gerissen am Ende. Soll ich Schoßgebete nun gut finden? Oder es doch lieber in die Ecke werfen? Vielleicht wäre ein Mix aus beidem ganz gut. Wobei Möglichkeit Zwei wäre nicht so toll, denn das große Taschenbuch war ja ziemlich teuer.
Auf eine Art war ich wieder einmal begeistert von Roche's fantasievollem Schreibstil. Mal ernst, mal lustig, mal süß. Auf der anderen Seite habe ich manchmal gedacht, ich könnte selbst eine Therapie gebrauchen wenn ich noch ein paar Zeilen mehr lese. Viele Teile im Buch sind ziemlich anstrengend. Und nur sehr selten habe ich die fiktive Elizabeth vor mir gehabt, als viel mehr die Autorin selbst. Stets habe ich mich gefragt was nun reine Fiktion ist, und was tatsächlich in ihrem Leben passierte.

Ein Geheimnis ist es nun nicht, denn die meisten dürften es wissen. Bei einem Autounfall sind Roche's 3 Brüder ums Leben gekommen. Das war auf dem Weg zu ihrer Hochzeit. Ihre Mutter ist gefahren. Sie und die Freundin ihres ältesten Bruders überlebten. Sicher ist, ihre Mutter überlebte und ihre 3 Brüder bei dem Unfall starben. Roche versucht auf ihre Weise, mit dem Thema abzuschließen. Und auch abzurechnen. Mit der Bild Zeitung zum Beispiel. Doch an dieser Stelle, so brillant sie das ganze auch verfasst hat (ihre Vorstellung das ihre verstorbenen Brüder immer noch Leben und nun ohne Erinnerung an ihre Vergangenheit in einem belgischen Wald leben), fragte ich mich: Möchte ich das wirklich wissen? Möchte ich solch einen tiefen Einblick in das Leben der Charlotte Roche bekommen? Und viel wichtiger: Hat sie denn überhaupt keine Hemmungen, all das von sich zu erzählen?  Die Geschichte wurde von Seite zu Seite finsterer und depressiver. Enthielt bereits Feuchtgebiete autobiografische Elemente, hat Roche es diesmal nicht ganz geschafft, diese auch wirklich leicht dem Leser zugänglich zu machen.

Schoßgebete handelt von einer hoffnungslosen Frau in ihren Dreißigern. Sie erzählt aus drei Tagen ihres Lebens (Dienstag bis Donnerstag). Sie sieht kein Sinn mehr in ihrem Leben und lebt nur noch für ihre Tochter Liza und ihren Mann Georg (der Schorsch). Der einzige Ausweg scheint der Freitod. Besser gesagt, sie rechnet sogar fest damit, bald zu sterben. In ihrer Phantasie stirbt ihre kleine Tochter und ihr Mann tagtäglich. Elizabeth ist keine Frau, die noch einmal schlechte Nachrichten in ihrem Leben hören will. Nie wieder will sie Leid und Schmerz ertragen müssen. Daher ändert sie auch im Jahr mehrmals ihr Testament. Sie will sich so gerne ändern, das Leben wieder genießen, aber es gelingt ihr einfach nicht. Jahre der Therapie bei ihrer Psychiaterin Frau Drescher erleichtern ihr das Leben jedoch etwas. Lediglich der Sex, und die Gedanken an Sex, gestalten ihr Leben noch einigermaßen unterhaltsam und lenken sie von den trostlosen Gedanken ab. Wenn man dies so liest, ist Elizabeth das komplette Gegenteil ihres Teenager Gegenstücks aus Feuchtgebiete. Allerdings ist es auch möglich, dass die kleine Helen Memel aus Feuchtgebiete nun erwachsen geworden ist. Die jugendliche Naivität ist abgelegt. Doch egal von welcher Protagonistin ich spreche, ob Helen Memel oder Elizabeth Kiehl, hinter all diesen Masken steckt die echte Charlotte Roche. Und diese gewehrt uns einen tiefen Einblick in ihr Leben. Meiner Meinung nach schon wieder einen zu tiefen Einblick. Man fragt sich des öfteren, welche Charlotte Roche die Echte ist. Die im Fernsehen lächelnd und charmant Interviews gibt, dem Bundespräsidenten Sex anbietet, oder die Charlotte Roche aus ihren Romanen. Eine zutiefst depressive Frau, dem Tod gefährlich nahe. Vermutlich ist sie sogar niemand von all diesen Charakteren.

Der sehr experimentelle Schreibstil hat mir wieder einmal sehr gut gefallen. Es gibt erneut zahlreiche Wortkreationen, die mir wahrlich ein Lächeln auf die Lippen zauberten. So provokant wie der Vorgänger ist Schoßgebete jedoch nicht.
Ein bisschen wird sich vielleicht jeder selbst in dem Roman wiederfinden. Zwar ist alles in Schoßgebete ein wenig überzogen, doch Roche dürfte das Familienleben in Deutschland ganz gut beschrieben haben. Sie will all das besser machen, was ihre Mutter in ihrer Kindheit falsch gemacht hat. Elizabeth will sogar so weit gehen, das ihre Tochter durch all die Vorschriften eine gewisse Abneigung gegen sie entwickeln wird. Getrunken wird nur Mineralwasser, eingekauft nur Bioprodukte, und nie, niemals McDonalds. Kein Minibisschen. Dann wünsche ich mal Guten Appetit.

Ich könnte ein kleines Buch im A6 Format füllen nur um Schoßgebete zu besprechen. Was ich mir alles vornahm zu schreiben hat es zu knapp 80% gar nicht in meine aktuelle Rezension geschafft. Ich wiederum kann mich immer noch nicht entscheiden ob ich nun enttäuscht sein soll oder doch irgendwie begeistert. 

Aber genug geschrieben. Als Fazit kann ich nun aber schreiben, Schoßgebete hat mir gefallen, es fehlte mir jedoch auch das gewisse "Etwas". Als eine Beichte, ein Geständnis einer sündigen Frau funktioniert Schoßgebete jedoch erstaunlich gut. Roche's misanthropische Gedanken können einen manchmal zwar ziemlich beanspruchen, doch man kann es auch als besonderen Stil sehen. Inwieweit dieses Geständnis auf knapp 300 Seiten nun fiktiv ist, und was wirklich der Wahrheit entspricht, dies wird die Autorin wohl immer für sich behalten. Als Leser geht mich das jedoch alles nichts an. Zumindest kommt man, nachdem man den Roman gelesen hat, auf folgende Erkenntnis: Monogamie ist ein Mythos, eine Partnerschaft basiert lediglich darauf, das der eine auf den jeweils anderen scharf ist und Anglizismen sind Fucking Awesome.

Dienstag, 11. Oktober 2011

(Amazon) Rezension: 1Q84 Buch 1 und 2



Hinweis: Um 1Q84 etwas im Gespräch zu halten, da Morgen (den 12 Oktober 2011)  ja offiziell der dritte Band im Handel erscheint, möchte ich meine Amazon Rezension zu den ersten beiden Bänden präsentieren. Diese ersetzt natürlich nicht meine sonstigen, ausführlichen Besprechungen. Eine ausführliche Besprechung wird es geben wenn ich auch noch den dritten Band gelesen habe. Dann wird es eine Rezension zu dem Gesamtwerk geben.

Japan 2009, 2010
1Q84 (Ichi Kew Hachi Yon)
Autor: Haruki Murakami
Deutscher Verlag: DuMont (Hardcover)
Übersetzung: Ursula Gräfe


Amazon Rezension vom 16 November 2010 (bearbeitet am 11.10.2011)

Haruki Murakami: Wieso sein Können und seine Werke unverzichtbar für die moderne Gesellschaft sind.

Da bürgt uns Japans Bestsellerautor Nummer 1 in seinem neuen, großen Roman, 1Q84 ja so einiges auf.

- Eine fanatische Sekte
- Perceiver
- Receiver
- Mother
- Daughter
- Little People
- Zwei Monde
- Zwei Erzählstränge
- Eine Parallelwelt

Aber all das gewichtet am Ende der ersten zwei Bände schon gar nicht mehr. Vergessen wir die komplexe Handlung und die ganzen Anglizismen. Der Kern dieser Geschichte liegt einmal mehr ganz woanders. Wie so oft bei Murakami. Im Hauptfokus stehen nämlich nicht all diese wichtigen Begriffe. Nein. Auch nicht die düstere Thematik über eine fanatische Sekte und Missbrauch an Frauen dominiert in diesem Roman. Nein. Es ist die Geschichte zweier einsamer Menschen in einer trostlosen Gesellschaft. Es ist die Geschichte von Aomame und Tengo die ein gemeinsames Schlüsselerlebnis aus ihrer Kindheit in der Grundschule teilen und sich bereits über zwanzig Jahren suchen. Sie beide bereuen es längst, nicht früher den jeweils anderen gesucht zu haben. Nun sind beide bereits dreißig Jahre alt und haben sich immer noch nicht gefunden. Und wäre das nicht schon traurig genug für die beiden, scheint nun die Welt auch allmählich ihren Verstand zu verlieren.

Natürlich will ich niemandem verraten was es mit der geheimnisvollen Zeitebene 1Q84 auf sich hat. Gesagt sei jedoch das es in diesem Roman so viel zu erkunden und zu rätseln gibt wie in kaum einem anderen Murakami zuvor. Wie immer schreibt er fernab der üblichen Erzählkunst. Wie schon bei Kafka am Strand erzählt er aus zwei Perspektiven. Die Geschichte beginnt mit der Auftragsmörderin Aomame. Danach wechselt die Erzählung zu dem angehenden Schriftsteller Tengo. An dieser Struktur hält Murakami in beiden Bänden fest und lässt sie nicht ein einziges Mal los. Aomame ist dabei kein typischer Charakter aus der verträumten Welt Murakamis. Sie ist geheimnisvoll und kühl. Ihr Schicksal lernen wir erst kennen wenn wir uns weiter durch die Geschichte lesen. Tengo jedoch ist ein typischer Charakter aus Murakamis verträumten Welt. Tengo ist dreißig und Single. Irgendwo hat er sich auf der großen Bühne dieser Welt verlaufen und jagt nun verpassten Chancen und Träumen hinterher. Erst viel später wird klar das Aomames und Tengos Schicksal miteinander verknüpft sind.

Dabei beginnt 1Q84 komplett anders als es wohl jeder Leser von Haruki Murakami erwartet hätte. Der Part mit Aomame wird zunehmend düsterer. Murakami widmet sich gesellschaftskritischen Themen wie Gewalt gegenüber Frauen. Und natürlich darf auch der Krieg in der Mandschurei, den Murakami bereits in anderen Werken erwähnte, in 1Q84 nicht fehlen. Dazu kommt dieses Mal auch noch eine Sekte. Auch diese Thematik dürfte bekannt vorkommen wenn man Murakamis Band Nach dem Beben und seinen Zeitzeugenbericht Untergrundkrieg gelesen hat. Die von Murakami beschriebene Sekte und ihr Anführer aus 1Q84 weisen unglaubliche Parallelen zur Omu Shinrikyo, auch bekannt als Aum Sekte, auf. Eine in Japan gegründete Sekte die einen Terrorakt in der Tokioter U-Bahn verübte. Es scheint als versuche Murakami erneut die Menschen vor einer unbekannten Bedrohung zu warnen. Das sich im Untergrund jederzeit eine fremde Macht erheben kann. Diese brutale Realität verpackt Murakami in eine surreale wie phantastische Geschichte.

Die deutsche Edition von DuMont enthält die ersten zwei Bücher von 1Q84. Der dritte Band selbst ist erst im April diesen Jahres in Japan erschienen. Obwohl das erste Buch unglaublich kurzweilig ist, fragt sich der geneigte Murakami Leser jedoch sehr wahrscheinlich ob sich sein neues Werk nicht doch irgendwie seltsam liest. Kühl und sogar etwas unpersönlich vielleicht. Dies könnte zum einen daran liegen das er nun komplett auf den "Ich Erzähler" verzichtet. Dies tat er bereits teilweise in Kafka am Strand. In After Dark verzichtete er auf den "Ich Erzähler" und schrieb dafür aus der Sicht der Leser (ein sogenannter "Wir Erzähler"). Ziemlich interessant, kam aber leider bei vielen Lesern nicht gut an. Nun verwendet Murakami einen gängigeren, westlichen, Erzählstil. Es ist dieses Mal keiner von Murakamis Helden der die Geschichte in 1Q84 erzählt. Es ist Haruki Murakami selbst, der uns hier sein ganz persönliches Märchen vorliest. Für Leser die noch nie ein Werk des Japaners gelesen haben dürfte sich der Stil also nicht so fremd anfühlen wie für Veteranen. Für jemanden der bereits etliche Erzählungen und Romane von ihm gelesen hat, dürfte dies eine ziemlich schwere Umstellung sein. Man fühlt sich so, als würde man nicht recht mit der ungewohnten Geschichte warm werden. Trotzdem blättern sich die Seiten wie von selbst um. Natürlich kann man Murakamis frühere Werke nicht einfach verdrängen. Doch ich kann versprechen das man auch von 1Q84 gleichermaßen fasziniert sein kann wenn man sich nur darauf einlässt. Und ich spreche da aus Erfahrung. Mir erging es am Anfang genau so. Bereits im zweiten Buch gibt es auch wieder vertraute Murakami Momente. Dazu gehören natürlich gute Musik und viele Skurrilitäten. Die Hommage an George Orwells Klassiker 1984 ist dabei unverkennbar. Die Gemeinsamkeiten fallen aber ziemlich spärlich aus. Gibt es dann mal Verweise auf Orwells Roman, hat Murakami sie jedoch perfekt gewählt.

Erneut beweist Murakami, besonders im zweiten Buch, wie begnadet er ist. Man kann 1Q84 als ein modernes Märchen bezeichnen. Vielleicht sogar als eine Liebesgeschichte. Die Story mag einem verwirrend und sogar unwirklich vorkommen, aber spätestens am Ende des zweiten Buches wird man die Botschaft verstanden haben. Haruki Murakami widmet sich auch mit 1Q84 wieder einer bestimmen Generation. Der modernen Generation aus dem Jahr 2010. Es spielt dabei absolut keine Rolle in welchem Jahr Murakamis Geschichte spielt. Ob 1984 oder 2010, sein neues Werk richtet sich an eine einsame Generation die ihre Zukunft völlig aus den Augen verloren hat. Murakami ist die Person die mit ihren Texten Trost und Hoffnung spendet. Und das obwohl seine Geschichte wahrlich dystopisch erscheint. Er spricht die Sprache unserer Gesellschaft und erreicht alle Leute die nach ähnlichen Dingen suchen wie Murakamis Protagonisten. Wir haben selbst zu entscheiden wofür die Zwei Monde in unserem Leben stehen. Er rüttelt uns wach und lässt uns in Erinnerungen aus unserer Schulzeit schwelgen, egal wie man sie durchlebt hat. Und er macht uns auch klar das die Little People uns überall auflauern könnten.

Am Ende des zweiten Buches lässt man uns mit einem gemeinen Cliffhanger zurück. Ob sich Aomame und Tengo jemals finden werden bleibt fraglich. Was Murakami in diesem Werk hinterlässt sind viele Rätsel und Fragen. Rätsel und Fragen womit ich mich jedoch gerne befasse. So reiht sich auch 1Q84 problemlos in die makellose Bibliografie von Haruki Murakami ein.

Auch wenn sich dieser Roman etwas anders gelesen hat als viele seiner Vorgänger, bin ich immer noch absolut begeistert. Daher gibt es auch 5 von 5 möglichen Sternen. Hoffen wir das er bald endlich den verdienten Nobelpreis für Literatur erhalten wird. Haruki Murakami liefert hier den vielleicht wichtigsten Beitrag der Literatur 2010 ab (Anmerkung: Auch 2011 hat er ihn nicht erhalten ;D).