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Freitag, 11. November 2011

Rezension: Hear the Wind Sing (Haruki Murakami)



Spoiler Warnung


Die Murakami Rezensionen 4


Die Trilogie der Ratte 1
Hear the Wind Sing


Autor: Haruki Murakami
Originaltitel: Kaze no uta o kike
Erscheinungsjahr: 1979 (Japan), 1987 (englische Übersetzung)
Verlag: Kodansha (English Library)
Übersetzung: Alfred Birnbaum
Genre: Slice of Life




I never saw the girl with four fingers on her left hand again. When I returned to the town that winter, she'd quit the record store and moved out of her apartment. Disappeared, leaving not a trace in the tides of men or the river of time.
When I'm back in town in summer, I always walk the same streets she walked, sit down on the stone steps of the warehouse, and gaze out to sea, all by myself. And just when I feel like crying, I never can.
That's how it goes.


Die Legende von Derek Heartfield.

Viele einsame Junggesellen fragen sich wahrscheinlich, wenn sie Murakami lesen, was muss dieser Mann schon alles mit den Frauen durchgemacht haben? Nur jemand der wahrlich die Leiden der Liebe kennengelernt hat wäre wohl in der Verfassung solch melancholische Texte über gescheiterte und vergangene Beziehungen zu schreiben. Doch die Wirklichkeit sieht anders aus. Haruki Murakami heiratete bereits in jungen Jahren eine Kommilitonin. Im alter von 30 Jahren veröffentlichte er mit Hear the Wind Sing sein Debüt. Zu diesem Zeitpunkt war Murakami jedoch schon knapp 10 Jahre mit seiner Yoko verheiratet. Gemeinsam eröffneten sie die Jazz Bar Peters Cat. Nun, auch wenn er all diese Geschichten mit den mysteriösen Frauen nie wirklich erlebt hat, so bleibt Murakami jedoch ein Meister darin über die grausame Welt der Liebe zu schreiben.

Alles hat einen Anfang. Jede Karriere. Doch ob Schauspieler, Musiker oder Schriftsteller, ihre Anfänge geben sie nicht so gerne preis. Bruce Willis spielte zum Beispiel in seiner ersten Rolle einen Bösewicht in der Serie Miami Vice. Bei Murakami war das gar nicht so anders. Aufmerksam wurde man auf ihn erst durch Naokos Lächeln (Norwegian Wood). In Japan machte ihn diese Geschichte, die autobiografische Züge enthielt, zu einem absoluten Star. Aber bereits mit Wilde Schafsjagd wurde Murakami bereits im Westen bekannt. Die wenigsten wussten jedoch, und das gilt bis Heute so, das Wilde Schafsjagd der Abschluss einer Trilogie ist. Die Trilogie der Ratte. Diese Trilogie folgt einem namenlosen Ich Erzähler und einem Kommilitonen, Ratte. Die Trilogie kann unter anderem dem Coming of Age Genre zugeordnet werden. In Hear the Wind Sing erzählt der 30 jährige Erzähler eine Geschichte aus seiner Studentenzeit. zu diesem Zeitpunkt war er gerade mal 21 Jahre alt. Die Trilogie besteht, wie ich bereits ausführlich erwähnte, aus den Romanen "Hear the Wind Sing", "Pinball, 1973" und "Wilde Schafsjagd". Der letzte Roman "Tanz mit dem Schafsmann" schließt die Geschichte zwar endgültig ab, wird aber nicht mehr zur Trilogie der Ratte gezählt.

Hear the Wind Sing ist in allen Belangen ein wichtiges Buch. Murakami schrieb die Geschichte über vier Monate lang. Das Märchen ist eindeutig bekannt was ihn dazu bewegte diese Geschichte zu schreiben. Es war ein beeindruckender Schlag des amerikanischen Baseballspielers Dave Hilton. Murakami realisierte danach das er unbedingt ein Buch schreiben muss. Eine kuriose Inspiration. Auch war Murakami für ein Debüt schon recht alt (natürlich ist Dreißig längst kein Alter). Hear the Wind Sing beinhaltet auf 130 Seiten all das, was wir an Murakamis Stil so schätzen. Er entwirft unbekannte Sehnsüchte. Skurrile Situationen, gute Musik und Frauen sind auch dabei. Und gleichzeitig stellt der Roman auch noch eine Geburt dar. Boku (ein Thema worüber Jay Rubin bereits in Murakami und die Melodie des Lebens schreibt). Murakami entwirft einen namenlosen Ich Erzähler. Ein Stilmittel auf welches er eigentlich in keinem Roman bisher verzichtet hat. Eigentlich. In After Dark und 1Q84 finden wir Boku nämlich nicht (vermisst ihr ihn?). Boku taucht mal als namenloser Hobby Detektiv auf, mal als namenloser Lehrer der eine Reise zur Selbstfindung auf eine griechische Insel macht und auch mal als 15 jähriger Kafka Tamura. Wer Murakamis Werk bereits vorher verfolgt hat wird sich sofort heimisch fühlen.

Die für Murakamis Verhältnisse sehr kompakte Geschichte wurde damals im angesehenen Gunzo Magazin veröffentlicht. Damals noch unter dem Titel "Happy Birthday, and White Christmas". Hear the Wind Sing gewann den Gunzo Literatur Preis. Zudem wurde der Roman für den renommierten Akutagawa Preis nominiert (einen Preis den Murakami nie erhalten hat). Eine weitere Nominierung konnte er für den Noma Literary Newcomer's Prize verzeichnen. Doch bleiben wir kurz bei dem Akutagawa Preis. Ein Grund wieso Murakami nie diesen angesehenen Preis erhalten hat finden wir bereits in Hear the Wind Sing. Erstmals kann ich sagen das diese Geschichte sich extrem nach amerikanischer Literatur gelesen hat. Von Bier über die Beach Boys bis hin zu Coca Cola wird alles mögliche beschrieben was im Westen beliebt und gefragt zur damaligen Zeit war. Murakami ist inspiriert von der westlichen Literatur. Stellt der Akutagawa Preis doch aber das komplette Gegenteil dar. Hier hat die eher traditionelle japanische Literatur eine Chance.

Hear the Wind Sing dürfte etliche Fragen klären die man sich in Wilde Schafsjagd und Tanz mit dem Schafsmann gestellt hat. Wir lernen den Erzähler nun genau kennen. Genau so wie er eine Freundschaft zu der eigensinnigen Ratte aufbaut. Wie sie gemeinsam ihre Semesterferien an einer verschlafenen Küste verbringen und täglich in ihrer Stammbar bei J's literweise Bier vernichten. Der Erzähler berichtet über Ereignisse die ihm im Sommer 1970 widerfahren sind. Alles in einem Zeitraum von 19 Tagen. Er berichtet über seine Schulzeit, die Frauen mit denen er geschlafen hat und die Musik die er hört. Das er fasziniert ist von einem Autor Namens Derek Heartfield. Ein missverstandener, amerikanischer Autor der sich im Jahr 1938 vom Empire State Building stürzte (in der rechten Hand hielt er ein Portrait von Hitler, in der linken Hand hielt er einen Regenschirm). Mal erzählt unser namenloser Freund auch einfach über Gott und die Welt. Oder wie er eine Frau mit nur Vier Fingern an einer Hand kennengelernt hat. Unfassbar! Vier Finger. Eines Morgens wachte er verkatert in ihrer Wohnung auf. Zum Sex kam es nicht. Leider aber hat die gute einen solch üblen Kater das sie sich kaum an etwas erinnern kann. Die Frau mit den Vier Fingern ist die erste von Murakamis skurrilen und mysteriösen Frauen die wir treffen. Der Erzähler beschreibt sie als nicht hübsch, aber auch nicht hässlich. Sie ist bei weitem keine Schönheit. Doch ihr sonderbarer Charakter zieht ihn an. Wie Murakami selbst in seiner Jugend arbeitet sie in einem Plattenladen. Sie ist anfänglich nicht besonders nett. Allerdings baut sie immer weiter ein Vertrauen zu unserem Ich Erzähler auf, der, ohne das er es bemerkt, immer wieder in seltsame Situationen gerät.

Die surrealen Elemente halten sich in Hear the Wind Sing noch zurück. Es gibt einen seltsamen Anruf eines betrunkenen Radiomoderators. Fand ich sehr unterhaltsam diesen Dialog. Und solche Passagen gibt es immer wieder in Hear the Wind Sing zu lesen. Es kommt vor das einfach über die Melancholie des Lebens gesprochen wird. Murakami erschafft sich in der Geschichte ein kleines Utopia. Einen kleinen Garten Eden. Der beschriebene Ort im Buch scheint magisch zu sein. Das schwärmen des Erzählers über den Sommer löste unglaubliches Fernweh in mir aus. Es ist die Geschichte einer Person die langsam erwachsen wird, es aber eigentlich gar nicht will. Das Buch ist eine jener Geschichten worüber Schriftsteller Leif Randt am Haruki Murakami Abend im japanischen Kulturinstitut Köln gesprochen hat. Er sprach darüber das Murakami die großen Geschichten schreibe, während er selbst momentan über die kleineren Dinge schreibe. Aber genau diese kleinen Dinge sind es worum es in Hear the Wind geht. Ich bin noch immer sehr beeindruckt wie gut dieses Debüt geschrieben ist. Es ist eigentlich eine Schande das Murakami kein Interesse daran hat die Geschichte auch außerhalb Japans zu publizieren. Dabei liest man die Freude die er beim Schreiben hatte in so vielen Dialogen heraus.

Ein weiteres Phänomen stellt für mich der Autor Derek Heartfield dar. Bis zum Ende der Geschichte hielt ich Heartfield tatsächlich für eine Person die einst gelebt hat. Die Wahrheit ist aber das der Schriftsteller Heartfield eine fiktionale Figur ist. Geschaffen von Murakami. Ich suchte also wie verrückt nach der Geschichte über die Brunnen auf dem Mars (eine Kurzgeschichte von Derek Heartfield dessen Inhalt Murakami in Hear the Wind sing zusammenfasst). Über den jungen Mann der die Brunnen durchquerte und viele Dimensionen hinter sich lies. Ich war wahnsinnig begeistert von dieser Geschichte. Nun weiß ich das auch die Geschichte über die Brunnen auf dem Mars von Murakami persönlich stammt. Mit Derek Heartfield hat sich Haruki Murakami ein Alter Ego geschaffen. Eine Person zu der er aufschauen kann. Am Ende berichtet er das er sogar einst sein Grab in Ohio besucht hat. Alles deutet darauf hin das Heartfield wirklich existiert hat. Doch sucht man nach seinen Werken bei Amazon oder gibt seinen Namen in Google ein wird man schnell bemerken das es sich hier um eine ausgedachte Person handelt. Einen Autor namens Derek Heartfield hat es nie gegeben. Schon gar nicht stürzte er sich vom Empire State Building.

Das Ende von Hear the Wind Sing liest mich wie immer mit einem gewissen Wehmut zurück. Immer muss man am Ende von etwas Abschied nehmen. Seine Charaktere nehmen Abschied von einem Ort oder von Freunden. Der Leser nimmt Abschied von der Geschichte. Er lässt uns mit einer bereits von mir erwähnten Sehnsucht zurück. Auf gerade mal 130 Seite gelingt Murakami nicht nur ein grandioses Debüt, sondern er schafft es auch seine Magie auf uns zu übertragen. So manch etablierter Schriftsteller könnte hier sogar noch etwas lernen. In Murakamis Bibliographie nimmt Hear the Wind Sing einen überraschend wichtigen Platz ein. Es ist der Beginn einer Leidenschaft. Hier nahm alles seinen Anfang. Ich bin daher dementsprechend dankbar das ich dieses tolle Debüt nun endlich lesen konnte.



Wertung: 5 von 5 Dante (Ausgezeichnet)


Informationen zum Buch:

Lange Zeit waren sowohl Hear the Wind Sing als auch Pinball, 1973 vergriffen. Im Jahre 2010 veröffentlichte Kodansha in Japan eine Neuaflage im kleinen A6 Format. Beide Romane sind nun wieder in englischer Sprache erhältlich. Im Internet findet man die beiden Bücher auch noch im PDF Format. Da diese Ausgaben allerdings nicht lizenziert sind kann ich dafür auch keine Links bereitstellen.

Wer dennoch Interesse hat, beide Romane werden sehr häufig auf eBay angeboten. Natürlich komplett neu. Der Preis liegt bei 15 bis 20 Euro.

Direkt bestellen kann man die Bücher auch bei einer tollen japanischen Buchhandlung in Düsseldorf: Takagi 
Books (Auf Anfrage. Online Bestellung und Selbstabholung möglich).


Brook Benton: Rainy Night in Georgia

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