Archiv: Rezensionen zu Literatur und Film

Montag, 21. Dezember 2020

Gastrezension: Alice im Totenland (Mainak Dhar)

 






Alice im Totenland (Mainak Dhar)
Originaltitel: Alice in Deadland
2017
Autor: Mainak Dhar
Verlag: Luzifer-Verlag
Format: Gebunden, eBook
Genre: Horror (behauptet es)



Weihnachten steht vor der Tür, und egal ob man der Fraktion angehört, die das Haus schon vor
Wochen geschmückt hat, in selbstgebackenen Plätzchen untergeht, Weihnachten kaum noch
erwarten kann, oder aber wie ich eher so der Grinch-Kategorie (nicht das animierte Ding von vor zwei Jahren bitte) angehört, über eines sind wir uns alle einig: Bücher müssen unter dem echten oder dem fiktiven Weihnachtsbaum liegen! Mit dem Buch heute kann ich vielleicht die eine oder andere Entscheidung, welches Buch man denn nun verschenken soll, erleichtern.

Aufmerksam wurde ich tatsächlich dank eines Posts des Luzifer-Verlages, da nämlich Band 3
demnächst erscheint und die ersten beiden Bände daher eine Neuauflage des Covers bekommen
haben. Und die neuen Cover sehen auch wirklich klasse aus, die alten sind da eher so najaaa. 
Aber man soll ein Buch nicht anhand seines Covers beurteilen und so habe ich den ersten Band zu 
lesen beschlossen.

Ich sollte den Inhalt meiner Meinung vorweg stellen: Protagonistin ist die 15-jährige Alice. Es bleibt unklar, ob Alice in der heutigen Zeit oder in 15 Jahren lebt, beides ist möglich. Klar hingegen wird sehr schnell, dass die Welt von Untoten, Bitern genannt, bevölkert wird und die Menschheit um ihr Leben und vor allem ihr Überleben kämpft. Das Land ist öde und verwüstet, und neben den
Grüppchen Überlebender gibt es auch noch ZEUS. Ja, das Wort schreit tatsächlich so rum,
Abkürzungen und so. Also, vermutlich zumindest. Gleich zu Beginn stolpert Alice in ein Loch im
Boden, als sie einem Biter mit pinken Plüschhasenohren folgt. Spoiler: Der Biter ist nicht wie ein
Flummi auf Speed mit einer Taschenuhr rumgerannt und hat gerufen „keine Zeit, keine Zeit“.

Nachdem die Biter Alice aus irgendeinem bis dahin unbekannten Grund verschont haben, bringen sie sie zu ihrer Königin, die halb menschlich und halb untot ist. Sie tritt erstmal als eher durchgeknallte alte Frau auf, wedelt dauernd mit einem der letzten Bücher auf Erden – einer Ausgabe von „Alice im Wunderland“, wie sollte es auch anders sein? – und sieht in diesem Buch und im Auftauchen von Protagonistin Alice eine Prophezeiung, die sich nun erfüllt. Es wird etwas wirr – wer ist nun böse, die Biter oder ZEUS, stimmt es, dass die Biter menschengemacht sind? Das klärt sich allerdings relativ schnell – schade eigentlich, da wäre mehr machbar gewesen, statt einer so deutlichen und schnellen schwarz-weiß-Zeichnung.

Alice hat mich schon auf den ersten Seiten genervt. Sie ist in allem die Beste, die Schnellste, die
Tollste. Zufällig ist sie auch noch Tochter des Anführers ihres Dorfes. Ständig wird betont, wie viel
Erfahrung sie im Fronsteinsatz habe, wie viele Biter sie erschossen habe, wie gut sie im Nahkampf sei – besser als die erwachsenen Männer – und wie gut sie schieße – auch besser als die erwachsenen Männer. Interessanter Maßstab übrigens, aber lassen wir das an dieser Stelle. Trotzdem purzelt sie absolut dümmlich wie ein Kleinkind in ein Loch im Boden. Und lässt sich anschließend von einem als eher langsam beschriebenen Biter treten, diese nahkampferprobte Alice. An dieser Stelle möchte ich wiederholen: Alice ist 15. Und auch wenn immer wieder beschrieben wird, dass die Kinder von klein auf an den Kampf trainieren, Alice‘ Können ist übertrieben, sie wird unverdient in den Himmel gelobt. Und da das Buch in Indien spielt und sie die Tochter von Amerikanern ist, fällt sie mit ihren blonden Haaren und der hellen Haut auf – es genügt eben nicht, ihr so viel Können zuzuschreiben, auch sonst muss sie sich abheben.

Die Handlung wirkt konstruiert, auch nicht immer logisch. Und es wird immer verrückter, ich war
mehrfach an dem Punkt, an dem diese Stimme in meinem Kopf zu singen begann: „Who the f*ck is
Alice?“ Naja, eher dachte sie: „Was zum Teufel muss ich hier lesen?“ und flüchtete sich dann in
diesen ohrwurmverursachenden Songtext. Das Buch soll übrigens mit seiner Neuauflage in der
ebenfalls frisch lektorierten Form vorliegen. Also, wenn das professionell lektoriert ist, vällt mir auch nicht mehr fiel dazu ein.

Sprachlich war es auch schwer zu ertragen. Während wir nicht das Kaninchen auf Speed haben, 
ist die Story anscheinend auf Speed. Die Handlung rennt geradezu voran, am Ende vergehen 
plötzlich mehrfach mehrere Wochen in einem Satz – dass der Autor selber am Ende von seinem Geschreibsel war und es nur so schnell wie möglich fertig und aus den Augen bekommen wollte, kann ich anlässlich des bereits erschienenen und des bald erscheinenden Bandes ausschließen. Wirkliche Gespräche gibt es an den wenigsten Stellen, die bestehen meist aus einem Satz von Person A, einer Antwort von Person B und mit ein bisschen Glück antwortet Person A dann noch mal. Weit häufiger wird einfach ein Satz in Anführungszeichen eingestreut, dann rennt Alice aufgescheucht zum nächsten Handlungsort, sagt wieder einen Satz und hetzt erneut weiter. Sowas ist unglaublich anstrengend zu lesen und verhindert jedes Bisschen an Tiefe, ein Eintauchen in die Geschichte ist so nicht möglich.

Des Weiteren muss Alice mehrere Verluste hinnehmen. Vater tot? Egal. Mutter und Schwester tot?
Was soll’s. Ihr Dorf und fast alle, die sie kannte ausgelöscht? Tja, passiert eben. Jemand im Buch
beschreibt Alice als rachedurstiges Mädchen, die dann eine Entwicklung durchgemacht habe. Das
habe ich beides nicht gesehen, das war eher so ein stoisches, verstocktes Kleinkind. Das 
übrigens, und hier nehme ich mir die Freiheit heraus ein wenig zu spoilern, Anführerin des Widerstandes wird. Alle folgen einem Mädchen ohne Charakter, ohne Tiefe – da bin ich sehr froh, dass es sich lediglich um Fiktion handelt, denn wenn die letzten überlebenden Menschen wirklich so einem Gör hinterherlaufen würden, dann war es das mit der Menschheit aber ganz schnell.



Abschließende Gedanken

Das Buch wurde einfach mit jeder Seite unlogischer, es war oberflächlich, baute keine Spannung auf, war vollgepackt mit Klischees: die guten Amerikaner gegen die bösen Chinesen, die strahlendeJohanna von Orléans, die ihre Streitkräfte um sich schart und zu Sieg führt ... man verzeihe mir denironisch herbeigezogenen Vergleich, denn auch wenn der Autor Alice gern als Heilige und Überheldin sehen möchte, so ist sie beides doch nicht.Während des Lesens bin ich irgendwann an einen Punkt gekommen, an dem ich nur noch weitergelesen habe, damit ich diese Rezension verfassen kann, um hoffentlich den einen oder anderen vor dem Kauf eines misslungenen Weihnachtsgeschenkes für sich selbst oder andere zu bewahren. Obwohl, wer einen Kamin daheim hat und das Buch in gedruckter Form kaufen würde, der könnte wenigstens ein schönes knisterndes Feuer für etwas Weihnachtsatmosphäre damit entfachen.
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Gastrezension: Lavandula



Lavandula gehört zum Kult der Bibliophilen und ist neben dem Studium selbst immer mal wieder als Autorin unterwegs, sofern die Zeit es zulässt. Ungefähr in einem Spektrum wie die Zeitsprünge in "Lumera Expedition: Survive" versuche ich sie bereits für einen Beitrag auf "Am Meer ist es wärmer" zu gewinnen. Ich hoffe, mit ihrem frischen Schreibstil wird sie den Blog noch häufiger bereichern.

Mittwoch, 25. November 2020

Gastrezension: Lumera Expedition: Return (Jona Sheffield)



Deutschland 2020

Lumera Expedition: Return

Autorin: Jona Sheffield

Verlag: Selbstverlag

Format: eBook, gebundene Ausgabe

Genre: Science-Fiction


Mit „Lumera Expedition: Return“ ist die Trilogie abgeschlossen – ein letztes Mal nimmt uns JonaSheffield mit Julia und ihren Freunden mit nach Lumera und auf die durch Klimawandel undNaturkatastrophen zerstörte Erde. Allerdings dürfen wir uns offenbar auf ein Wiedersehen mitLumera und einigen Charakteren freuen, denn ein weiterer Roman aus dem Lumera-Universum istanscheinend bereits in Arbeit.

Ich habe lange auf diesen Band gewartet, oder zumindest fühlte es sich so an, und als er da war, habe ich ihn direkt am Stück durchgelesen. Spannend von Anfang bis Ende und – wie es zu erwarten war –mit einem kleinen sehr überraschenden Schlenker in der Handlung, der jedoch von großer Bedeutung für alles Weitere sein wird. Besonders viel kann und will ich zur Handlung nicht sagen, da dies spoilern würde. Gesagt werden kann jedoch: Während im ersten Band vor allem der Klimawandel und dessen Folgen für die Menschheit im Fokus standen, konzentrierte sich der zweite Band aufeinen Neuaufbau einer menschlichen Zivilisation in der Fremde und den menschlichen Umgang mitfremden Kulturen. Dieser Teil beschreibt eine Zivilisation, die ums Überleben kämpft und dabei imwahrsten Sinne des Wortes über Leichen geht: Die letzten Überlebenden auf der Erde sind mehr damit beschäftigt, einander zu bekämpfen, als gemeinsam ihrer aller Überleben zu sichern. Spannend, mahnend, und gar nicht einmal nur eine Fiktion, sondern vielmehr eine vorstellbare Wirklichkeit.

Nach einem Hilferuf von der Erde, versuchen Julia, John und Ethan mithilfe der Kidj’Dan dorthinzurück zu kehren um Hilfe zu leisten, soweit es ihnen möglich ist. Gleichzeitig sitzt Lenoir derwiederauferstandene und durch Hyperbots sehr mächtig gewordene Elias Fox im Nacken. Peter sucht weiterhin nach seiner mutierten und im Dschungel verschwundenen Freundin Anastacia. Zugleich gibt es einen neuen Handlungsstrang, der aus der Sicht des Mannes, der den Notruf absetzte, und seiner Tochter die Situation in einer der Kuppeln auf der Erde verdeutlicht. Und ein alter Handlungsstrang aus dem letzten Band wird ebenfalls wieder aufgegriffen und sehr elegant mit den neuen verknüpft.

Das klingt vermutlich verwirrender als es tatsächlich ist, denn dieses Mal sind keine so riesigen Zeitsprünge wie in den ersten Bänden mehr vorhanden und vieles scheint sogar annähernd parallel zu geschehen. Einzig der Prolog findet früher statt und bis ich den komplett verstanden habe, dauerte es viele Kapitel.

In ihrem flüssigen und gut zu lesenden Schreibstil verbindet Jona Sheffield alle diese Handlungsstränge allerdings auf eine passende Weise. Einzig die mehr oder weniger subtilen Hinweise auf die Anziehung zwischen Julia und John wirken teilweise etwas plump, aber das ist Klagen auf ganz hohem Niveau. Hier muss ich allerdings ergänzen: Es gibt inzwischen eine aktualisierte Version, die ich natürlich ebenfalls unter die Lupe genommen habe. In dieser hat da noch einmal eine Überarbeitung stattgefunden und damit gibt es diesen Kritikpunkt im Grunde nicht mehr; aufgenommen habe ich ihn dennoch, da ich beide Fassungen kenne und es mir wichtig ist, auf diese in meinen Augen sehr gute Änderung zu verweisen.

Im letzten Band war von diesen Kuppeln, die die Menschheit zu ihrer Rettung bauen wollte, bereits die Rede. Ich hatte mir darunter schöne Konstruktionen aus Stahl und verstärktem Glas oder derartigem vorgestellt. Stattdessen sind es Betonbauten, teilweise durch unterirdische Gänge verbunden, ohne Sonnenlicht, die Menschen sind technologisch weiter zurückgeworfen. Das war eine Ernüchterung. Aber was habe ich auch anderes erwartet, ich hätte langsam wissen sollen, dasses bei dieser Autorin nie so einfach ist.

Aber es sollte auch nicht die einzige Ernüchterung bleiben. Trotz des Krieges im vorherigen Band war dieser hier für mich persönlich grausamer. Möglicherweise, weil die Tode hier persönlicher sind. Weil Hoffnungen geweckt und dann wieder zerschlagen werden. Uff.

Im Ganzen gab es allerdings eine Situation, die mir persönlich unnötig grausam erschienen ist und der Weg dorthin wurde sich fast zu einfach gemacht. Wobei ich auch hier relativieren müsste, dassder Rückschlag, der auf diesem Weg passiert eine geplante Aktion zwar nicht wie geplant wie eine meterhohe Welle an den Strand krachen lässt, sondern zu einer sanften Welle ausläuft, diebestenfalls die Hosenbeine am Saum durchtränkt, dass dies allerdings vermutlich eher einer Realität entspringt und nicht das gestellte Konstrukt ist, das viele Autoren erzwingen wollen. Auch hier muss ich einfügen, dass es mit der oben bereits erwähnten aktualisierten Fassung eine Änderung gab. Das hat der ganzen Situation beziehungsweise einer Person viel mehr Würde gegeben, aber diese Situation auch noch härter und noch mehr zu meinem persönlichen Game-of-Thrones-Moment gemacht.



Abschließende Gedanken

Ja, ich musste durchatmen, als ich dieses Buch zuende gelesen hatte. Und ich musste ein paar Tage darüber nachdenken, ehe ich mich hinsetzen konnte, um diese Rezension zu verfassen. Aber das istauch gut so, denn es zeigt wieder einmal, dass in diesem Buch eine wichtige Botschaft verpackt ist,dass hier eine Mahnung ausgesprochen wird, die allerdings auf angenehme Weise, nämlich durch ein Buch – und seien wir mal ehrlich, wer von den Leuten, die die Rezension bis hierhin gelesen haben, liest denn nicht gerne? – vermittelt wird.

Abschließend kann ich zusammengefasst sagen: Story – top, Schreibstil – top, ich will meeeehr! Von mir gibt es eine ganz klare Leseempfehlung. Wer SciFi oder einfach gute Bücher mag, ist hier an der richtigen Adresse. Für mich ist es definitiv ein Highlight in diesem eher bescheidenen Jahr 2020.

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Gastrezensentin: Lavandula



Lavandula gehört zum Kult der Bibliophilen und ist neben dem Studium selbst immer mal wieder als Autorin unterwegs, sofern die Zeit es zulässt. Ungefähr in einem Spektrum wie die Zeitsprünge in "Lumera Expedition: Survive" versuche ich sie bereits für einen Beitrag auf "Am Meer ist es wärmer" zu gewinnen. Ich hoffe, mit ihrem frischen Schreibstil wird sie den Blog noch häufiger bereichern.

Montag, 26. Oktober 2020

Meercast im Oktober: Das große Special zu "Die Chroniken des Aufziehvogels"

 




Blut, Schweiß und Tränen sind in diese Besprechung geflossen. In dieser Zeit hätte ich vor einigen Tagen bereits alles schriftlich hochladen können. Doch die Verkettung einiger unglücklicher Zufälle sind meine persönlichen Chroniken des Aufziehvogels. Angefangen von technischen Problemen bei der Aufnahme über eine komplette Löschung meiner gesamten Aufnahme bis hin zum Upload der Datei auf YouTube, was mich rund zwei Tage puren Nervenkitzel kostete.

All das natürlich für eine sehr spezielle Besprechung. "Die Chroniken des Aufziehvogels" sind in der Neuübersetzung von Ursula Gräfe am 13. Oktober beim DuMont Buchverlag erschienen und es gab einiges zu besprechen. Nicht minder kompliziert wie die Erstellung dieses Podcasts, so hat die deutsche Veröffentlichung eines der bekanntesten Werke von Haruki Murakami ebenfalls eine komplizierte Geschichte zu erzählen. Damit ist nicht der Inhalt der Geschichte gemeint, sondern die Veröffentlichung. Bereits 1998 ist eine gekürzte Übersetzung aus der englischen Adaption bei uns erschienen. Über 20 Jahre später geht ein Wunsch der Leser in Erfüllung: Der DuMont Buchverlag hat auf rund 1000 Seiten und übersetzt aus dem Japanischen eine ungekürzte Version als Hardcover veröffentlicht.

Obwohl ich mit meinen Video-Rezensionen zu der Gesamtausgabe von "Die Chroniken von Erdsee" sowie der Jubiläumsausgabe von dem "Herrn der Ringe" schon zwei Videobesprechungen (drei, wenn man "Hyrule Historia mitzählt) veröffentlicht habe, so sind "Die Chroniken des Aufziehvogels" die erste Video-Besprechung, die als "Meercast" hier auf dem Blog erscheint. Ich plane zwar nicht monatlich einen neuen Meercast, aber aufgrund der besseren Übersicht wird fortan jedes Video mit der Erwähnung des Monats versehen. Die Idee für diese neue Rubrik kam mir erst nach der Erstellung des Videos, weshalb es in der Besprechung selbst keine Erwähnung findet.

Und mit satten 42 Minuten hatte ich auch einiges zu erzählen. In der Welt der Podcasts ist dies natürlich noch eine sehr humane Zahl. Da ich aber möchte, dass sich jeder das anhören kann, was ihn interessiert, so ist das Video mit Zeitstempeln versehen und man kann zu den Themen navigieren, die man gerne hören möchte. Um diese Navigation in Anspruch nehmen zu können muss man das Video über YouTube schauen und die Videobeschreibung anklicken.

Leider ist das Video durch ein paar technische Probleme geplagt. Einige seltene abgehackte Stellen, ein gelegentliches Knacken und Lispeln tritt auf, was leider durch die neue Aufnahmesoftware entstanden ist. Die technischen Probleme sind vorab zu entschuldigen. 


Und damit genug der Worte, Film ab für den Meercast Oktober: Die Chroniken des Aufziehvogels




Für Leute mit mobilen Geräten entweder auf "Web-Version anzeigen" klicken oder diesen Link besuchen, der zum Video auf YouTube führt: YouTube

Freitag, 16. Oktober 2020

Gastrezension: Der dunkle Spiegel (Andrea Schacht)

 




Deutschland 2003

Der dunkle Spiegel
Autorin: Andrea Schacht
Verlag: Blanvalet
Format: Gebunden
Genre: Historischer Roman


Dieses Mal habe ich ein Buch dabei, das schon ein paar Jährchen auf dem Buckel hat. Ei wei, wie Almut sagen würde. Aber es müssen ja auch gar nicht immer die neuesten Werke sein, manchmal ist es gar nicht verkehrt, sich an ältere Bücher zu erinnern.

Dieses Buch begleitet mich schon sehr lange. Und es ist nicht übertrieben, wenn ich sage, dass es sogar Einfluss auf einiges von dem, was ich in der Vergangenheit geschrieben habe, genommen hat. Ich habe es vor einigen Tagen wieder aus dem Regal gezogen, habe mir dann sogar das Hörbuch für meine häufigen langen Fahrten gekauft und das, obwohl ich eigentlich gar kein Fan von Hörbüchern bin. Und dann musste ich lesen, dass die Autorin bereits vor einigen Jahren verstorben ist, wodurch leider auch meine letzte Hoffnung darauf, dass sie mich noch ein weiteres Mal ins mittelalterliche Köln und in die Welt von Almut und Pater Ivo entführen würde, gestorben ist.

Doch der Reihenfolge nach. Die Geschichte der Begine Almut Bossart beginnt im Jahr 1376. Sie lebt mit einigen anderen Frauen im Konvent am Eigelstein. Almut ist keine typische Frau ihrer Zeit, die brav und züchtig den Kopf senkt und sich den Männern unterordnet. Vielmehr liebt sie das Leben als Begine, das ihr ein wenig mehr Freiheiten schenkt, sie ist belesen und relativ gebildet, als Tochter eines Baumeisters mauert sie eigenhändig einen Hühnerstall und sie hat eine scharfe Zunge, die sie so manches Mal in Schwierigkeiten bringt. Beispielsweise, wenn sie den Priester in der Kirche unterbricht und belehrt, da er ihrer Meinung nach die Bibel falsch auslegt. Unglücklicherweise fällt damit der Verdacht auf sie, den plötzlich ungenießbaren Messwein vergiftet zu haben.

Schnell allerdings wird deutlich, dass dies nicht alles ist. Im Hause eines angesehenen Weinhändlers kommt ein junger Mann zu Tode und kurz darauf gerät Almut unter Mordanklage durch den Weinhändler, da sie selbst dem jungen Mann zuvor Medizin gebracht hatte und er sich zuvor auf dem Wege der Besserung zu befinden schien. Kurzerhand macht sie sich selbst auf die Suche nach dem Mörder, denn dass es Mord war, ist auch für sie eindeutig.

Dabei wird noch jemand auf sie aufmerksam: der Benediktiner Pater Ivo von Groß Sankt Martin, ein strenger, intelligenter und vor allem gefährlicher Mann. Langsam fasst Almut Vertrauen und glaubt daran, dass er von ihrer Unschuld am Tod des jungen Mannes überzeugt ist und ihr aufrichtig helfen möchte, den Mord aufzuklären. Doch als der Inquisitor Bruder Johannes Almut des Mordes anklagt, fordert Pater Ivo ein Gottesurteil. Nackt muss Almut vor der gesamten Kirchengemeinde den Leichnam umrunden, ihn küssen und seinen Namen rufen. Erschüttert weiß sie nicht mehr, wem sie überhaupt noch trauen darf.

Nun, ich denke nicht, dass es ein Spoiler ist, wenn ich an dieser Stelle bereits sage, dass Pater Ivo Almut aufrichtig helfen wird. Und dass er dieses Gottesurteil nur forderte, um sie vor der Folter zu bewahren. Bruder Johannes dagegen ist von der Kraft des Gottesurteils überzeugt und somit ist es das einzig wirksame Mittel, ihn von der Unschuld Almuts zu überzeugen.

„Der dunkle Spiegel“ ist ein starkes Buch. Passend und spannend verwebt Andrea Schacht Krimi und Historienroman und schafft dabei faszinierende Persönlichkeiten: die graue Begine Almut und der schwarze Mönch Ivo, die gegensätzlicher kaum sein könnten und sich doch so sehr gleichen, die taubstumme Trine, ein Mädchen im Konvent der Beginen, Aziza, die maurische Hure, der Päckelchesträger Pitter, und so viele mehr. Der Humor kommt hierbei auch nicht zu kurz, vor allem, wenn Almut und Pater Ivo sich Bibelzitate um die Ohren hauen und sie dabei auf ihre ganz eigene Art auslegen.


Abschließende Gedanken

Insgesamt ist das Buch sehr authentisch, die historischen Gegebenheiten stimmen im Großen und Ganzen. Die Figuren dagegen sind vielleicht ein wenig zu sehr aus „unserer“ Zeit heute; sie sind sehr fortschrittlich, tolerant. Andererseits glaube ich, dass es anders auch nicht funktionieren würde. Abgesehen davon, dass sie allesamt tolle Persönlichkeiten sind, haben sie Tiefe, Charakter, Stärken aber auch Fehler und Schwächen. Und sie tragen ihre Geheimnisse mit sich herum, die sie manchmal sogar über einige Bände der Reihe hinweg hüten. Für mich wurden diese Persönlichkeiten manchmal sogar fast real.

Der Sprachstil ist flüssig und leicht zu lesen. Einige altbackene Redewendungen stören nicht, sondern lockern sogar eher auf und rufen in Erinnerung zurück, dass wir uns immer noch im Mittelalter befinden. Auch wenn man einige Sätze in der Gossensprache des Päckelchesträgers Pitter mehrfach lesen muss, um sie zu verstehen.

Somit ist mit „Der dunkle Spiegel“ ein wahnsinnig starker Auftakt der Reihe gelungen. Das Buch ist spannend, überraschend und einfach nur gut. Der Schalk blitzt immer mal wieder zwischen den Zeilen hervor – so legt Pater Ivo Almut als Buße auf, keine süßen Wecken mehr in der Kirche zu essen, nachdem er sie zu anderer Gelegenheit einmal dabei erwischt hatte  - aber zugleich strahlt es eine Tiefe und … Würde, ja, ich denke, dieses Wort ist angemessen, aus. Ich liebe das Buch, ich liebe die graue Begine und den schwarzen Pater und das sogar so sehr, dass ich nicht imstande bin, die hierauf folgende Reihe zu lesen, in der wir den einen oder anderen Bekannten aus dieser Reihe wiedertreffen werden, allerdings um einige Jahrzehnte gealtert und als Randfigur. Für mich sollen sie alle so bleiben, wie Andrea Schacht sie hier ins Leben rief. Jeder, der auch nur Krimis oder historische Romane gerne liest, sollte zu diesem Buch greifen. Und denjenigen, für die es vielleicht noch Neuland ist, sei es als ein spannender Beginn oder auch nur ein Abstecher im Bereich des historischen Krimis empfohlen.

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Gastrezensentin: Lavandula



Lavandula gehört zum Kult der Bibliophilen und ist neben dem Studium selbst immer mal wieder als Autorin unterwegs, sofern die Zeit es zulässt. Ungefähr in einem Spektrum wie die Zeitsprünge in "Lumera Expedition: Survive" versuche ich sie bereits für einen Beitrag auf "Am Meer ist es wärmer" zu gewinnen. Ich hoffe, mit ihrem frischen Schreibstil wird sie den Blog noch häufiger bereichern.

Donnerstag, 4. Juni 2020

"50" von Hideo Yokoyama ab sofort erhältlich





Autor: Hideo Yokoyama
Verlag: Atrium Verlag
Hardcover, 368 Seiten
Übersetzung: Nora Bartels
Preis: 22 Euro (Hardcover), 17,99 Euro (eBook)
Genre: Kriminalroman
Veröffentlichung: 22.05.2020


Hideo Yokoyama ist seit seinem grandiosen "64" auch in Deutschland bekannt. Nicht nur Fans japanischer Literatur sondern allen voran auch Fans von Krimis kommen bei den Geschichten des ehemaligen Journalisten auf ihre Kosten. Wobei die Romane von Hideo Yokoyama nicht einfach in das Krimi-Genre passen, da sein Themenbereich noch wesentlich mehr abdeckt. Jetzt hat man als Verlag bei dem 63 jährigen Japaner nicht zwanghaft die Qual der Wahl da die Titelauswahl des Autors nicht aus allen Nähten platzt. Wie viele andere japanische Autoren ist Hideo Yokoyama mit großen Romanen und Kurzgeschichten vertraut und wechselt sich zwischen den beiden Stilen der Belletristik gerne mal ab.

In Deutschland nahm sich 2018 der Atrium Verlag (der wiederum Teil von BücherWege ist) dem Autor an und veröffentlichte Yokoyamas wohl bekanntestes Werk "64" in deutscher Erstausgabe als Hardcover. Obwohl ich Aufmachung und auch die deutsche Übersetzung als durchaus gelungen finde, haftet dem Roman bei seinem Preispunkt von 28 Euro jedoch an, lediglich eine Übersetzung aus der bereits vorhandenen englischen  Fassung zu sein (deutsche Übersetzung von Sabine Roth, sowohl bei "64" als auch bei "2"). Bei der Veröffentlichung der Anthologie "2" aus dem Jahr 2019 wurde es dann noch kurioser. Nicht nur übersetzte man hier erneut aus der vorhandenen englischen Fassung (die auf den Titel "Prefecture D" hört), laut den Infos die ich erhalten habe fehlen hier anscheinend sogar zwei komplette Geschichten aus diesem Band. Da ich diese Ausgabe nie selbst in den Händen gehalten habe und lediglich die englische Ausgabe besitze, kann ich dazu jedoch nichts relevantes sagen, was die Verwirrung rund um diese deutsche Ausgabe aufklären könnte.

Bereits im April sollte die nächste deutsche Erstausgabe von Hideo Yokoyama beim Atrium Verlag anstehen. Diesmal wieder ein längerer Roman. Vermutlich aufgrund der Pandemie wurde der Roman auf den 22.05.2020 verschoben. Zumindest war dies die Zeit, wo Amazon mein vorbestelltes Exemplar verschickt hat. Man bleibt den Zahlen treu und nennt die neue Übersetzung "50", die, vergleicht man sie mit dem Originaltitel "Han'ochi", gar nicht so abwegig ist als man vielleicht denken mag (hier will ich aber nun nicht spoilern). Das interessante bei der Wahl des Titels (der in Japan bereits 2002 erschienen ist und 2004 sehr erfolgreich verfilmt wurde), es existiert aktuell noch keine englische Übersetzung. Wer der Sache nicht traut, der Spiegel berichtete schon vor einigen Tagen, man habe die deutschen Ausgabe endlich direkt aus dem Japanischen übersetzen lassen (in diesem Falle von Nora Bartels). Was mich natürlich enorm freut. Auch preislich ist der Roman mit seinen etwas über 300 Seiten somit absolut im Rahmen.

Über den Inhalt werde ich hier an dieser Stelle absolut nichts verraten, denn nach mittlerweile zwei Romanen bin ich der Meinung, dass man sich, sofern man tiefgründigere Kriminalromane (die keine Gewaltpornos sind) mag, sich hier ruhig ungewiss ins Abenteuer stürzen kann. Allerdings reicht ein Blick auf die Homepage des Verlags oder aber auf Amazon zum Beispiel, um seine Neugier zu befriedigen.

Bleibt sehr zu hoffen, dass der Atrium Verlag weitere Werke des Autors veröffentlicht. Gerne auch wieder Kurzgeschichten sofern vollzählig sowie weitere Übersetzungen aus dem japanischen Original. Es sind keine utopischen Ansprüche die ich als Leser habe, aber natürlich sollte man als Fan weiter mit realistischen Erwartungen an die Sache gehen. Neben "Prefecture D" ist in englischer Übersetzung ein weiterer sehr gelungener Roman von Hideo Yokoyama verfügbar, der ganz simpel auf den Titel "Seventeen" hört und auf den man durchaus kostengünstiger zurückgreifen könnte als auf einen Titel, den es noch nicht als englische Übersetzung gibt. Man könnte aber auch Yokoyamas neusten Roman "North Light" bringen :)

Fans des Autors sollten gespannt sein, sofern sich der Verlag treu bleibt, jährlich einen neuen Roman übersetzen zu lassen.