Archiv: Rezensionen zu Literatur und Film

Samstag, 13. April 2013

Review: Geständnisse (Kokuhaku)


Japan 2010

Romanvorlage: Kanae Minato
Originaltitel: Kokuhaku (International: Confessions)
Regie: Tetsuya Nakashima
Darsteller: Takako Matsu, Yoshino Kimura, Masaki Okada, Yukito Nishii, Kaoro Fujiwara
Lauflänge: Circa 106 Minuten
Genre: Drama, Mystery
Verleih: Rapid Eye Movies
FSK: 16


Trailer (Vollbild empfohlen)



Ich war nicht so ganz im Bilde, welche Filme aus Japan momentan angesagt sind. Der Boom, der zu Zeiten der DVD herrschte, was asiatische Filme angeht, war enorm. Seitdem das HD-Zeitalter aber auch in Japan angebrochen ist, halten sich auch die deutschen Veröffentlichungen etwas mehr zurück. Vielleicht liegt es aber auch daran, dass einfach kaum ein Knaller in letzter Zeit erschienen ist. Jedenfalls war es mein verehrter Blog-Kumpel Salvo, der mir den Film nahe legte. Daraufhin kaufte ich mir, voller Vorfreude, die BluRay, unwissend, was da für ein Film auf mich wartet. Das war irgendwann 2012. Leider aber schaffte ich es letztes Jahr nicht, die Motivation für Filme zu finden. Ich konnte mich auf keinen kompletten Spielfilm konzentrieren. Was ich über Geständnisse jedoch gelesen habe war mehr als beeindruckend. Der Roman von Kanae Minato (leider nicht auf Deutsch erschienen) war ein großer Erfolg in Japan. So ein großer Erfolg, das Altmeister Tetsuya Nakashima (Kamikaze Girls) die Regie für das exotische Projekt übernahm. Kokuhaku war auch an den japanischen Kinokassen ein Erfolg, und noch viel mehr! Die Reputation im Ausland handelte den Film sogar als legitimes Erbe von Battle Royale. Woran es auch gelegen haben mag, Kokuhaku landete auf die Shortlist für den "Besten ausländischen Film" für die Verleihung der Oscars im Jahre 2011. Weiter wollte die Academy dann aber nicht gehen, da der Film letztendlich wohl zu speziell war.

Anfang 2012 war es dann endlich soweit, ich schaute mir Geständnisse (ich benutze fortan den deutschen Titel) an.
An sich muss ich gestehen, ich kann Kinder in Filme, vor allem in Hauptrollen, nicht wirklich ausstehen. Seit Moonrise Kingdom jedoch habe ich meine Vorurteile noch einmal überdacht. Und was Geständnisse hier leistet mit seinen jungen Schauspielern, verdient einen enormen Respekt. Kaum einer der Schauspieler dürfte älter als 14 oder 15 sein, und dennoch rufen sie eine Leistung ab wie die Erwachsenen. Das ist zugleich erschreckend, bedenkt man, wie authentisch die Kinder spielen, als aber auch sehr faszinierend wenn man bedenkt, dass es sich bei dem Ensemble größtenteils um Debütanten handelt. Solch ein Projekt wäre weder in den USA, noch in Europa möglich. Zumindest kann ich es mir einfach nicht vorstellen.

Die Handlung ist recht einfach erklärt. Auf den ersten Blick erscheint sie wie eine Rache-Story. Die Lehrerin Yuko Moriguchi verkündet ihrer Klasse, allesamt schwierige und problematische Kinder, dass sie als Lehrerin zurücktreten wird. Jubel macht sich bei der Verkündung in der Klasse breit. So richtig scheint ihr danach kein Mitschüler mehr zuzuhören. Handys und Tratsch sind interessanter. Die Schulmilch dient dazu, die angestrengten Lästermäuler zu erfrischen. Was Moriguchi dann aber von sich gibt, ändert die Unterrichtsstunde komplett und lässt sie um einiges interessanter wirken. Sie erzählt über den Tod ihrer kleinen Tochter. Schnell erntet die Lehrerin die Aufmerksamkeit, selbst die der schwierigsten Kinder. Während Moriguchi die Geschichte erzählt, und sich langsam der Höhepunkt dieses tragischen Unfalls nähert, werden gewisse Mitschüler in der Klasse nervöser. Dann lässt Moriguchi die Bombe platzen. Zwei Mitschüler dieser Klasse seien für den Tod ihrer Tochter verantwortlich. Diese können aber, weil sie noch nicht strafmündig sind, nicht für ihr Verbrechen belangt werden. Die Lehrerin verkündet also, als kleines Abschiedsgeschenk, in zwei der Milchtüten sei der Inhalt mit dem Blut einer an HIV erkrankten Person gemischt. Dies ist nur der erste Teil von Moriguchis Racheplan.

Der Prolog des Films gehört zu den längsten, die ich jemals bestaunen durfte. Dabei könnte man nach diesem Prolog ja bereits den Film ausschalten. Man erfährt wer für den Tod an Moriguchis Tochter verantwortlich ist. Die beiden Jugendlichen sind schnell entlarvt und leugnen ihre Tat erst gar nicht. Aber, so etwas haben Prologe nun einmal an sich, danach geht Geständnisse erst einmal so richtig los. Es beginnt ein surreales Psycho-Märchen was selbst die ahnungslosen Zuschauer so sehr in den Bann zieht, dass sie ihre Umgebung um sich herum komplett vergessen werden. Um noch einmal auf den grandiosen Prolog zurückzukommen. Dieser ist durchgehend mit einem ruhigen Musikstück untermalt. Die Spannung wird aufrecht erhalten, man spürt regelrecht das die Situation angespannt ist und man möchte sich am liebsten irgendwo festkrallen. Regisseur Nakashima benutzt die Rückblenden perfekt um die Hintergrundgeschichte zu erzählen. Seine surrealen Bilder dazu runden das Werk ab. Geständnisse wandelt zwischen Arthouse und Thriller, dabei steckt in diesem Werk aber noch so viel mehr.

Doch auch Moriguchi (fantastisch gespielt von Takako Matsu) wandert auf einem schmalen Grad. Für ihre Genugtuung, den Tod ihrer Tochter zu rächen, muss sie selbst zu einem Monster werden. Wie weit kann sie gehen, ohne jemals selbst Hand an einen der Täter anlegen zu müssen?
Geständnisse macht genau da weiter, wo Battle Royale thematisch aufgehört hat. Das Moderne Japan kann erdrückend sein. Wieder einmal wird klar was für eine einsame Insel Japan ist. Einsamkeit und Ausgrenzung, Mobbing, Depressionen und Missgunst bestimmen den Schulalltag. Die Schule wird zum Hexenkessel. Zwar dürften die Ereignisse in Geständnisse letztendlich Fiktion sein, aber so fern der Realität sind sie wiederum auch nicht. Dieses bitterböse Märchen erreicht erst in den letzten Szenen seinen wahrlich kranken Höhepunkt.


Resümee

Rapid Eye Movies präsentiert Geständnisse in messerscharfer Qualität. Ich hatte, um ehrlich zu sein, ein komplett anderes Bild von dem Film, bevor die Disc endlich in meinem Player lag. Was ich aber stattdessen zu sehen bekam war nicht minder beeindruckend als das, was ich zuvor erwartete. Geständnisse ist ein pessimistisches und bittersüßes Drama. Ein stilvolles Werk welches in Regie, Schauspielarbeit und Musik brilliert. Ein Film, wie er wohl tatsächlich nur in Japan umsetzbar ist. Nun würde mich auch noch ziemlich der Roman interessieren. Möge ein deutscher oder englischer Verlag sich erbarmen, uns diesen übersetzt zu präsentieren.
Für Fans der japanischen Filmkunst ist Geständnisse absolutes Pflichtprogramm. Zwar dürfte der Vergleich mit Battle Royale eine Nummer zu groß sein (an sich kann man die Filme sowieso nicht miteinander vergleichen), was Tetsuya Nakashima aber hier abgeliefert hat, ist ein mehr als gelungener Beitrag in diesem Genre. Nach dem Abspann hängt man regelrecht in den Seilen. Großes Kino, bitte mehr davon.



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