Archiv: Rezensionen zu Literatur und Film

Donnerstag, 30. Mai 2019

Im Rückblick: Spiral -The Ring 2 oder: Aufklärung mit Dr. Med Suzuki




But regardless of whether or not the mechanism Miyashita had suggested was actually how it had happened, the fact remained that Mai Takano had given birth to Sadako Yamamura a week after insemination. That seemed to be beyond question at this point. A week from insemination to birth was an awfully short time. Something must have served to hasten the process of cellurar diversion. A cell's nucleus contains chemical compunds called nucleic acids, and cellular division only occurs when the level of these nucleic acids exceed a certain level. Accordingly, the only way to drastically accelerate the frequency of cellurar division is to provide excess quantities of nucleic acids. Perhaps the ring virus had managed this somehow, making it possible to force an incredible rate of growth in the fetus.


Vorab muss ich um Verzeihung bitten, sämtliche ausgewählte Zitate in diesem Post basieren auf der englischen eBook-Ausgabe von Spiral - The Ring 2 (die übrigens auch in deutscher Übersetzung leider nur auf der englischen Übersetzung aus dem Japanischen basiert). Ich kann aber Entwarnung an all diejenigen geben, deren Englisch eingerostet ist oder der Sprache gar nicht mächtig sind: Das zitierte Geblubber ist auch in der deutschen Übersetzung kaum erträglicher.

Der Grund, wieso ich mir ausgerechtet jetzt die Ring-Saga vornehme, hat mit einem Ereignis zu tun, welches knapp zwei Jahre zurückliegt. Ende 2017 erschien die englische Übersetzung des vierten Teils der Ring-Saga von Koji Suzuki, der auf den schlichten Titel "S" hört und somit ein Albtraum für sämtliche Suchanfragen im Internet ist. Mit "Tide" erschien ein Jahr später ein fünfter Roman (mit der Kurzgeschichten Anthologie "Birthday" wären es insgesamt sogar sechs Bücher), der allerdings noch nicht in die englische Sprache übersetzt wurde. Von einer deutschsprachigen Übersetzung will ich gar nicht erst reden, denn das letzte Ring-Buch was Heyne veröffentlichte war "The Ring 0 - Birthday" und erschien im Jahr 2006. Sämtliche deutschsprachigen Ausgaben sind mittlerweile Out of Print und meiner Recherche nach nicht einmal digital als eBooks erhältlich. Ein Grund dafür könnte sein, dass Heyne nicht mehr die Rechte für die Reihe besitzt.

Die Geschichte über das gruselige, untote Mädchen aus dem Brunnen mit tragischer Hintergrundgeschichte ist weltweit bekannt. Ob man nun den Roman von Koji Suzuki kennt (der sich dennoch drastisch von sämtlichen Verfilmungen unterscheidet) oder lediglich die Filme, die Chance ist sehr hoch, dass man einmal mit Sadako oder Samara irgendwie in Kontakt gekommen ist. 1991, also vor knapp 28 Jahren löste der Roman in Japan eine Massenhysterie im Buchhandel aus. Die Verfilmung aus dem Jahr 1998 von Hideo Nakata war jedoch auch weltweit ein großer Hit und schwappte über nach Amerika. Und bekanntlich ist der Rest Geschichte.

Ungefähr zur Zeit wo Vertical "S" in englischer Sprache veröffentlichte, nahm ich mir das Original von Koji Suzuki vor. Die Unterschiede zur Verfilmung, auch wenn die Story ungefähr die gleichen Wege geht, erheblich. Asakawa, Protagonist und tragischer Held, ist im Buch ein Mann und Ryuji Takayama ein exzentrischer Misanthrop (also keine ergreifende Familiengeschichte). Auch die Backstory rund um Sadako, dem Mädchen aus dem Brunnen, wurde drastisch verändert in der Verfilmung, die wesentlich mehr wert auf Unterhaltung und Schockeffekte legt. Das Sadako ein Hermaphrodit ist und gleichzeitig noch vergewaltigt wurde, was zu ihrem düsteren Ende im Brunnen führte, ist in der Verfilmung kein Thema.

The Ring oder auch Ringu war ein kurzweiliges wie spannendes Abenteuer. Der Grusel funktioniert auch im Buch. Suzuki hat es geschafft Horror mit Mystery und Drama zu verknüpfen und durch die Unberechenbarkeit des Videos konstante Gefahr über die Charaktere herabregnen lassen. Eine Spannung, die sich auf den letzten Seiten entlädt und in ein unglaublich pessimistisches, aber sehr rundes, abgeschlossenes Ende mündet. Die Story hätte gewiss keine Fortsetzung gebraucht, aber falls doch, so hatte sich Suzuki ein Hintertürchen offen gelassen da sein Protagonist Asakawa noch einige verheißungsvolle Ankündigungen macht. Und sollte es eine Fortsetzung geben, so hätte Suzuki theoretisch nur seine Zauberformel fortführen und erweitern müssen.

Aber es sollte völlig anders kommen, denn Koji Suzuki hatte nie die Absicht, The Ring so fortzuführen, wie es normalerweise ein Sequel tut. 1995 erschien die Fortsetzung "Spiral" oder auch "Rasen" im Original genannt. Erschienen somit noch immer einige Jahre vor der ersten Verfilmung. Noch im Jahr 1998 hatte man es dann erstmals versucht, sich an Suzukis Fortsetzung Spiral zu setzen. Das Ergebnis war verblüffend ernüchternd, sowohl national als auch international generierte der gleichnamige Film keinen Hype und gilt heute als "Vergessen". Den Film habe ich Anfang der Jahrtausendwende gesehen und war mäßig begeistert über die wirre Handlung, schloss einige Jahre später aber halbwegs meinen Frieden damit. 2017 wagten sich die Amerikaner lose an Suzukis Fortsetzung, was allerdings in einem Fiasko für alle Beteiligten endete (der Film war gar nicht mal übel, wenn man mich fragt).

Obwohl die Verfilmungen von der Presse als Flops abgestempelt wurden, so scheint keiner dieser Herren und Damen jemals das Buch gelesen zu haben, was für Idee und Plot dieser Filme verantwortlich war. Und hier ist der springende Punkt, denn das Buch ist ein selbstverliebtes Sammelsurium an wirrer Science-Fiction gepaart mit Drama-Elementen und Philosophie. Zwar bewundere ich es einerseits, dass Kadokawa so zuversichtlich war und Spiral in diesem Zustand veröffentlicht hat ohne den Autor anscheinend in seiner künstlerischen Vision einzuschränken, andererseits frage ich mich, wie dieses Buch überhaupt entstehen konnte. Eine intelligente Fortführung der Geschichte wäre durch das etwas offene Ende des Vorgängers schon möglich gewesen, wieso Koji Suzuki jedoch den Weg gegangen ist, den er hier eingeschlagen hat, stellt für mich zumindest ein absolutes Rätsel dar.

Folgende Probleme begleiten diesen rund 300 Seiten langen Roman konstant:

- Medizinische Fachbegriffe bis zu einem Maß der Unerträglichkeit
- Plumper, langweiliger, besserwisserischer und in Selbstmitleid versinkender notgeiler Protagonist
- Teilweise widersprüchlich gegenüber dem Vorgänger
- Teilweise nur eine Nacherzählung des Originals
- Banale, in Möchtegern-Philosophie versinkende Dialoge


Intuition is all I have to go by regarding the changes in my body, but I know beyond a doubt that I am different from what I was before. I seem to have both a womb and testicles. Previously, I had no womb. Reborn, I have both. I am now a complete hermaphrodite. What is more, the man in me can ejaculate. I learned that as a result of what we did together.


Normalerweise bin ich ein großer Fan davon, wenn sich eine Fortsetzung nicht wiederholt. Wenn dabei aber so ein Plot-Durchfall bei herumkommt muss ich mich ernsthaft fragen, wieso der Autor nicht zumindest einen Kompromiss schließen konnte und eine Hälfte des Buches traditioneller, im Stile des Originals, hätte schreiben können. Spiral wird begleitet von konstanten Problemen in Sachen Pacing, die mangelnde Intelligenz sämtlicher Charaktere und widersprüchlichen Aussagen, die dem Original schaden.

Das zweite große Problem sind die medizinischen Fachausdrücke. Theoretisch müsste ich Spiral gemeinsam mit meinem Hausarzt lesen, um 30% des Inhalts folgen zu können. Viele Bücher entstehen in Zusammenarbeit mit Ärzten oder Gerichtsmedizinern. Diese Bücher entstehen jedoch meistens mit zwei Leuten vom Fach (Romanautor x Mediziner Kombination zum Beispiel). Bei Spiral könnte man meinen, Suzuki ist der Mediziner, jedoch nicht der Romanautor. Ich will nicht bezweifeln, das die Recherche für dieses Buch nicht aufwendig war und vielleicht teilweise auch in Zusammenarbeit mit einem Mediziner entstanden ist (leider habe ich zur Entstehungsgeschichte keinerlei Infos gefunden), wenn ein Buch jedoch in nahezu unaussprechlichen Fachbegriffen versinkt wirkt der Versuch dann doch eher überheblich, arrogant und herabblickend auf die Leser. Problem Nummer 2 führt gleichzeitig zum dritten großen Problem, Ando, unser Protagonist.

Ando ist Doktor der Medizin. Seine Schuld war es, dass sein kleiner Sohn vor einiger Zeit im Meer von der Strömung mitgerissen wurde und ertrank. Ando konnte gerade noch eine Haarsträhne des Jungen ergreifen. Danach ging Andos Leben, noch immer wenig verwunderlich, in die Brüche. Seine Ehe scheiterte und er lies sich gehen und verbringt seit dieser Schicksalhaften Zeit sein Leben grübelnd in einem kleinen Apartment und in der Arbeit versinkend. Als Ando auf einmal seinen ehemaligen Freund aus Studienzeiten, Ryuji, auf dem Obduktionstisch hat, beginnt für ihn und besonders für den Leser ein Albtraum. Denn wir, die Leser, müssen Ando und seine besserwisserischen Kommentare bis zum bitteren Ende ertragen. Wenn es im Buch mal keinen Abschnitt gibt, der sich mit Andos Selbstmitleid befasst, löst er entweder für den Leser kaum zu meisternde Rätsel, macht sich an sehr junge Frauen ran und mischt sich in Angelegenheiten ein, die ihn eigentlich nichts angehen. Begleitet wird Ando dabei von einem Arbeitskollegen, einen nicht weniger aufdringlichen, korpulenten Mann namens Miyashita. Hatten wir im Vorgänger noch mit Asakawa und Ryuji ein schlagkräftiges Duo, was sich auch noch gegenseitig ergänzt hat, haben wir es in Spiral mit zwei unglaublich unfähigen wie uninteressanten Protagonisten zu tun.


The man who had joined forces with Sadako to hunt down humanity for sport was in his room, watching how things went, laughing derisively at Ando for noticing too late to do anyting about it. 


Der Plot, so wirr uns unsinnig er auch letztendlich ist, lässt aber dennoch immer mal wieder Potential aufblitzen was tatsächlich in Suzuki steckt, wenn er über das schreibt, was er beherrscht. Den Leuten Angst einjagen. So gibt es zum Beispiel die Stelle im Buch, wo Ando alleine in Mai Takanos Apartment ist und eine unheimliche Präsenz spürt. Oder eine weitere Szene mit Ando (Überraschung), als er sich alleine auf dem Dach eines Hochhauses befindet und den Ort von Mais Verschwinden untersucht. In diesen Momenten wird Suzuki zu einem packenden Erzähler, der seine Leser erreicht und die Seiten im Buch sich beinahe automatisch umblättern. Leider haben wir es hier nur mit sehr seltenen Momenten zu tun, wo Spiral wirklich Potential offenbart. Die meiste Zeit jedoch dümpelt und plätschert die Story belanglos vor sich hin, wird mit langweiligen Rückblicken aufgebauscht und driftet gegen Ende in die völlige Banalität ab.

Spiral möchte Horror, Science-Fiction und Philosophie miteinander verschmelzen, opfert dabei aber nicht nur sämtliche Charaktere aus dem Vorgänger, sondern gleichzeitig auch die unheimliche, ikonische Gegenspielerin, Sadako Yamamura. Sadako verkommt in Spiral zu einer schwätzenden Samenbank, die nicht nur verstorbene Leute zurück ins Leben holen kann (Suzuki versucht dies wissenschaftlich und philosophisch zu erklären) sondern auch plant, die Bevölkerung der Welt durch Millionen von Sadakos auszutauschen. Mit anderen Worten, Sadako will die Weltherrschaft und dank Ando und ihrer Fähigkeit zur Reproduktion könnte dies ein Szenario einer nicht all zu fernen Zukunft sein.

Even if the Ring itself is destroyed, the media is going to be transformed by people who have contracted the ring virus. Just as that videotape mutated into a book, it's going to get into every stream: music, video games, computer networks. New media will crossbreed with Sadako and produce more new media, and every ovulating woman who comes in contact with them will give birth to Sadako.


Der Reiz an philosophischen und Science-Fiction Thematiken besteht darin, Theorien und unvorstellbare Möglichkeiten weiter zu spinnen und zu debattieren. Ein Autor, der dies auf verständnisvolle weise geschafft hat in grandiose Science-Fiction Geschichten umzuwandeln ist der chinesische Autor Cixin Liu, zu dessen Werke ich hier schon einiges geschrieben habe. Die Möglichkeiten der Science-Fiction sind nahezu unbegrenzt und müssen nicht zwanghaft immer etwas mit dem Weltraum und Laserpistolen zu tun haben. Science-Fiction ist allen voran auch, wie der Name sagt, Wissenschaft. Wissenschaft, die ebenfalls unbegrenzte Möglichkeiten bietet. Dazu ruft auch Spiral auf, besonders der Epilog zwischen Ando und Ryuji lädt dazu ein. Leider ist es mir dabei nur nicht möglich, ernsthaft über Frauen nachzudenken, die während ihres Eisprungs von einer übernatürlichen Macht per verschiedener Medien unserer Populärkultur befruchtet und anschließend die Welt mit ein und der gleichen Frau bevölkern werden. Es gibt Grenzen, an die meine Vorstellungskraft stößt und Koji Suzuki hat diese mit seinem Roman Spiral eindeutig gesprengt.

So wird mir Spiral als Roman über Frauen in Erinnerung bleiben, die sich in größter Gefahr begeben sobald sie ein spezielles Buch lesen oder einen beseelten Film schauen, während sie menstruieren.
Ich hatte bisher noch nicht die Motivation mit "Loop - The Ring 3" weiterzumachen. Das Buch ist eindeutig dicker als der Vorgänger und die Beschreibung des Inhalts klingt noch abenteuerlicher. Der Reiz, sich noch einmal ein Buch dieser art anzutun wird jedoch davon angespornt, zu beobachten, ob sich der Autor hier vielleicht doch wieder zu alter Stärke besinnt. Ob das nach Spiral überhaupt noch für mich als Leser möglich ist, die Geschichte rund um Sadako wieder ernst nehmen zu können, steht dabei auf einem anderen Blatt Papier.

The first thing to do was for Sadako to inseminate one of her own eggs. With both female and male functions, Sadako was the only one capable of implanting a fertilized egg in her uterine wall with no outside assistance. The next step was to remove this egg and replace its DNA with the DNA of the individual they wanted to bring back to life. True, it took delicate skill to extract the nucleus from one of the cells in Takanori's hair and switch it with the nucleus of Sadako's inseminated egg. But for a specialist, it wasn't all that difficult. Theoretically, it was possible even to resurrect long-extinct dinosaurs, as long as their DNA survived.


Es gäbe somit selbst für die Dinosaurier noch Hoffnung. Eine tröstende Spinnerei, die bei vielen Menschen für einen entspannten Schlaf sorgen dürfte.



Sonntag, 19. Mai 2019

Präsentation: Der Herr der Ringe - Limitierte Ausgabe zum 50. Jubiläum in Deutschland




Mit einem Video zu einem Jubiläum möchte ich mich zurückmelden. Der Herr der Ringe wird 50 Jahre alt. Zumindest, was die deutsche Übersetzung angeht. 1969 erschien rund 15 Jahre nach der englischsprachigen Originalausgabe die deutsche Übersetzung von Margaret Carroux. Für den Klett-Cotta Verlag eine passende Gelegenheit, diesen Anlass zu feiern. Denn das Wagnis, den Herrn der Ringe nach Deutschland zu bringen, hat sich für den Verlag als Goldgrube erwiesen.

Limitiert auf 5000 Exemplare (was mehr ist, als man meinen könnte) ist am 15.03.2019 eine Gesamtausgabe im Leinenband erschienen, die optisch der Erstausgabe nachempfunden ist. Benutzt wurden hier die Original Cover-Illustrationen des bekannten Künstlers Heinz Edelmann (Beatles- Yellow Submarine). Alle 3 Illustrationen fanden zusätzlich noch den Weg ins Buch selbst zwischen den einzelnen Abschnitten. Wie so häufig bei den Gesamtausgaben enthält das Buch auch die Anhänge sowie als Extra eine große, ausfaltbare Karte von Mittelerde.

Meine Videopräsentation ist bereits vor rund zwei Wochen entstanden und schon vor einigen Tagen von mir auf YouTube hochgeladen worden. Da ich mit der Qualität des Videos aber nicht zufrieden bin, habe ich länger überlegt, es für einen neuen Blogpost zu benutzen. Da ich aber motivierendes Feedback erhalten habe, habe ich mich entschieden, trotz Tonprobleme und einiger irreführender Informationen, das Video hier auf "Am Meer ist es wärmer" zu veröffentlichen.


Die Präsentation des Buches beginnt ungefähr ab Minute 7:50.

Auch hier noch ein kurzer Hinweis: Die erhältliche Ausgabe mit dem roten Buchschnitt kostet 49,95 Euro und nicht, wie von mir im Video angegeben, 49 Euro. Dies macht die limitierte Edition nur 5 Cent teurer.

Von einem YouTube-Nutzer habe ich zusätzlich die Info erhalten, dass sich die Karte, die leider auf der Rückseite des Buchdeckels eingeklebt ist, ohne Rückstände lösen lässt. Ich habe bei den eingeklebten Karten von Klett-Cotta leider schon andere Erfahrungen gemacht und empfehle daher, diese nur auf eigene Verantwortung hin zu entfernen.

Nun möchte ich auch gar nicht weiter drum herum schreiben und wünsche viel Spaß mit der Präsentation. Ich empfehle es, das Video-Segment in hoher Auflösung und im Vollbild zu schauen, da man nur so einen detailreichen Aus- wie Einblick ins Buch erhält.




Präsentation und Eindrücke zur Gesamtausgabe des Herrn der Ringe zum 50. Jubiläum in Deutschland

Mittwoch, 17. April 2019

Wie geht es auf "Am Meer ist es wärmer" weiter?




Immer wieder kommt mal der Schimpanse in der Badewanne in mir raus. Ich bin verspielt, gebe mich mit simplen Dingen wie Badeschaum zufrieden und genieße später am Abend ein Glas Whisky. Bleibt man aber zu lange in seiner privaten Wohlfühloase, dann könnte es passieren, dass sie einen irgendwann verschlingt. In diesem Modus befinde ich mich und es scheint kein Entkommen zu geben. Aber all das klingt ein wenig theatralisch, dramatisch. Ein Aufziehvogel hat keinen angeborenen Hang zur Theatralik und Dramatik. Wenn es aber in der kuscheligen Badewanne zu gemütlich wird, wird es Zeit, ein kleines Fazit zu ziehen.

Hinter mir liegen 8 Jahre "Am Meer ist es wärmer". 8 Jahre "Am Meer ist es wärmer" ohne Gewinnspiele. Meine persönliche Wohlfühloase. Eine Oase, die ich auch weiterhin nicht missen möchte. Doch habe ich auch bemerkt, dass ich eine filmische wie literarische Sackgasse erreicht habe (ganz besonders filmisch). Der Reiz nach einer neuen Herausforderung lockt und dennoch will man sich von seiner alten Liebe nicht einfach so trennen. Doch wie genau finde ich diesen Reiz wieder? Was spornte mich damals an? Was könnte mich anspornen, um dieses Blog-Projekt fortzusetzen? Nun, darauf habe ich noch keine Antwort. Ich bin weiterhin auf der Suche nach Verstärkung, die "Am Meer ist es wärmer" mit ihren Beiträgen bereichern könnte. Solange die aber nicht gefunden ist, möchte ich mir keine Beiträge aus den Fingern saugen.

Ich möchte es in den kommenden Wochen weiterhin ruhiger angehen und neue Beiträge werden nicht geplant, sondern völlig spontan veröffentlicht. Ein Anreiz, diesen Blog fortzuführen ist aber auch eine Reise in die Vergangenheit. Eine Reise zu den Anfängen von "Am Meer ist es wärmer" ist essentiell wichtig, um mich für dieses Projekt, was schon längst kein beiläufiges Hobby mehr ist, weiterhin begeistern zu können. Denn ohne Begeisterung ist es nicht möglich, einen Blog (oder überhaupt irgendetwas was nicht mit der alltäglichen Routine zu tun hat) fortzuführen.

Was sich sehr nach einem Abschied lesen mag ist in Wahrheit ein neues Kapitel. Ein Reboot, ohne das Konzept des Blogs, seine Seele, komplett umzukrempeln. "Am Meer ist es wärmer" wird nicht zu einem Beauty-Blog umgebaut, es wird weiterhin keine Gewinnspiele geben und ich werde mich nicht bei Tik Tok registrieren. Für neue Beiträge wird es derzeit aber keine feste Planung geben. Ich kann zwar versprechen, der kommende Beitrag ist nicht all zu fern, aber dies wird kein Indikator dafür sein, dass es hier demnächst wieder turbulenter zur Sache gehen wird.

In diesem Sinne möchte ich mich bei allen Lesern bedanken, die dem Blog noch immer die treue halten.


Auf Bald,
Aufziehvogel

Mittwoch, 20. März 2019

Rezension: Die wandernde Erde (Cixin Liu)





China 2008

Die wandernde Erde
Originaltitel: Liu Lang Di Qu
Autor: Cixin Liu
Übersetzung: Karin Betz, Johannes Fiederling, Marc Hermann
Genre: Kurzgeschichten, Science-Fiction



In seiner Heimat China ist Cixin Liu schon lange ein literarischer Star. So ist es weniger verwundernd, dass diese Anthologie an Kurzgeschichten und Novellen ebenfalls schon vor über 10 Jahren in China erschienen ist. Durch die Veröffentlichung und dem damit verbundenem Erfolg von "Die Drei Sonnen" öffnete sich hier jedoch für westliche Verlage ein Portal. Dieses Portal beinhaltet das umfangreiche Science-Fiction Werk von Cixin Liu. Obwohl der hier vorliegende, dicke Sammelband schon etwas länger als englischsprachige Ausgabe existiert, so freut es mich jedoch ungemein, dass sich Heyne dazu entschieden hat, das Sammelsurium verschiedenster Sci-Fi Stories auch in deutschsprachigen Gefilden zu veröffentlichen. Und dies geschah auch noch zu einer Zeit, wo nicht ganz einen Monat später, nämlich am 05.02.19, "Liu Lang Di Qu" seine Premiere in China feierte. Hierbei handelt es sich um eine aufwendige Filmadaption von Cixin Lius titelgebender Novelle aus dem Jahr 2000, "Die wandernde Erde". Hier sei noch anzumerken, dass die Verfilmung sehr wohlwollend von der internationalen Presse aufgenommen wurde und in China kommerziell extrem erfolgreich war, während die Filmadaption zum ersten Band von "Die drei Sonnen" wohl leider stattdessen endgültig auf Eis gelegt ist.

"Die wandernde Erde" enthält nicht nur die gerade erwähnte Titelgeschichte, es befinden sich in dieser umfangreichen Sammlung auch noch 10 weitere Geschichten. Darunter auch die von mir bereits besprochene Novelle "Weltenzerstörer", die es vergangenes Jahr in meine Top 3 der Bücher des Jahres geschafft hat (und auch als einzelne Veröffentlichung weiterhin erhältlich ist). Sämtliche Geschichten in dieser Anthologie sind von unterschiedlicher Länge. Zwischen der Entstehung der Kurzgeschichten und Novellen liegen oftmals viele Jahre und sie sind bewusst nicht chronologisch geordnet. Zum Beginn jeder Geschichte steht aber das Datum der Entstehung sowie andere nützliche Details.

Die Anzahl der Geschichten sowie der wirklich üppige Umfang der Sammlung machen es mir leider schwer, auf jede Geschichte in dieser Besprechung eingehen zu können. Die hier verlinkte Rezension zu "Weltenzerstörer" dürfte aber einen guten Ausblick auf das geben, was die Leser erwarten wird. Tatsächlich würde es mir sogar schwer fallen, eine Top 5 zu nennen. Würde man mich dennoch fragen, welche Geschichten ich hervorheben würde, wären das neben der bereits besprochenen Novelle "Weltenzerstörer" auch noch die Geschichten "Die wandernde Erde" sowie "Durch die Erde zum Mond", die inhaltlich mit der letzten Geschichte dieser Sammlung, "Mit ihren Augen", verknüpft ist. Die kürzeste Geschichte mit etwas über 30 Seiten ist übrigens "Fluch 5.0".

Eine besondere Erwähnung findet hier noch die Übersetzung des Dreiergespanns Karin Betz, Johannes Fiederling sowie Marc Hermann. Mein Lob gilt hier auch dem Heyne Verlag, den ich über einige Jahre hinweg dafür kritisiert habe, bei den japanischen Romanen die u,a. von Ring Autor Koji Suzuki stammen, auf bereits vorhandene, englische Übersetzungen zurückzugreifen. Bei Cixin Liu ist dies glücklicherweise nicht der Fall, obwohl bereits englische Übersetzungen existieren. Schon "Die drei Sonnen" ist in seiner deutschen Fassung nicht nur näher am Original, sondern auch länger als die von Ken Liu übersetzte englische Ausgabe. "Die wandernde Erde" wurde erneut aus der chinesischen Sprache übersetzt und die drei Übersetzer haben hier eine sehr gute Arbeit abgeliefert. Da ich auch einen Blick auf die englische Übersetzung werfen konnte, würde ich erneut ganz klar die deutschsprachige Ausgabe bevorzugen. Bei den Anmerkungen zu jeder neuen Geschichte wird übrigens auch der Übersetzer bzw. die Übersetzerin der jeweiligen Geschichte genannt.





Abschließende Worte


"Die wandernde Erde" ist eine beeindruckende Science-Fiction Reise eines begnadeten Autors, der das eingestaubte Genre revitalisiert hat. Thematisch beinhalten alle Geschichten in dieser Sammlung ein Gefühl von Neuanfang und Heimweh. Der Chinese Cixin Liu ist dabei gar nicht der große Romancier, auch wenn seine Trisolaris-Trilogie (Die Drei Sonnen, Der dunkle Wald, Jenseits der Zeit) andere Schlüsse zulässt. Stattdessen ist er mehr bekannt für seine kürzeren Werke wie Kurzgeschichten und Novellen. Sein letztes Werk liegt in seiner Heimat nun auch schon einige Jahre zurück und es wäre sehr schade, wenn er sich als Autor zurückziehen sollte. Wie auch immer die Pläne von Cixin Liu aussehen, er hat einen gewaltigen Beitrag bereits geleistet und "Die wandernde Erde" reiht sich nahtlos in sein beeindruckendes Werk ein. 
Von dem Umfang des Buches dürfen sich interessierte Leser nicht abschrecken lassen, denn jede dieser rund 11 Erzählungen ist ein neues Abenteuer und der Aufbruch in eine neue Welt.

Dienstag, 5. März 2019

Rezension: Serotonin (Michel Houellebecq)





Frankreich 2019

Serotonin
Originaltitel: Sérotonine
Autor: Michel Houellebecq
Verlag: DuMont
Übersetzung: Stephan Kleiner
Genre: Drama



Als 2010 "Karte und Gebiet" erschienen ist konnte ich nicht so recht einordnen, was Michel Houellebecq mit diesem Roman eigentlich aussagen wollte.  Ich habe es ungefähr bis Seite 100 geschafft bis ich den Roman enttäuscht zur Seite gelegt habe. Bis Heute habe ich mein Exemplar auch nicht mehr angerührt. Aber das Leben ist bekannt für zweite Chancen und nach "Unterwerfung (2015)" und "Serotonin" möchte ich dem Provokateur aus Frankreich eine weitere Chance geben. Denn wer mich zum zweiten mal in Folge begeistern kann, der hat meine Aufmerksamkeit sicher.

Serotonin (eine Anspielung auf die Antidepressiva, um die es in der Geschichte geht) ist eine emotionale Odyssee die irgendwo zwischen Drama, Liebesroman und Satire pendelt. Houellebecq, der seit den Anschlägen in Paris aus dem Jahr 2015 anscheinend keinen öffentlichen Auftritt mehr abgelegt hat, mag vielleicht irgendwo wie ein Eremit leben, aber was er schriftstellerisch noch immer zustande bringt ist eine Wucht. Eine provokante Wucht, wie nicht anders zu erwarten. So offensichtlich provokant, dass es selbst den größten Kritikern des Franzosen auffallen muss, dass der Autor gerne mit ihnen spielt. Houellebecq liefert seinen Kritikern einmal mehr neuen Zündstoff, rechnet zugleich aber auch gnadenlos mit der aktuellen EU-Politik ab. Die feine Kluft zwischen Satire und bitterem Ernst verschwimmt bei Houellebecq einmal mehr, doch besonders in Zeiten wo Artikel 13 düstere Realität werden könnte, ist der neue Roman von Houellebecq aber mal wieder zur richtigen Zeit erschienen.


"Seinen Vornamen zu ändern, ist nicht schwierig, wobei ich das nicht aus behördlicher Sicht meine, aus behördlicher Sicht ist so gut wie gar nichts möglich, das Ziel der Behörden ist eine maximale Beschränkung der Lebensmöglichkeiten, sofern es ihnen nicht gelingt, sie schlicht ganz zu vernichten, aus behördlicher Sicht ist ein guter Staatsbürger ein toter Staatsbürger, ich rede ganz einfach von der praktischen Anwendung: Es genügt, sich unter einem neuen Vorname vorzustellen, und nach ein paar Monaten oder sogar Wochen haben sich alle daran gewöhnt, es kommt den Leuten gar nicht mehr in den Sinn, dass man einmal anders geheißen haben könnte."

Bereits zu  Beginn feuert Houellebecq einen Giftpfeil gegen die in Papierkram versinkenden Behörden ab. Ein Bild, welches in Deutschland, Frankreich, Italien oder wo auch immer man sich in der EU befindet, vermutlich überall gleich ausschaut. Obwohl die Bürokraten hier schnell ihr Fett wegbekommen, ist Serotonin kein überwiegend politisch/gesellschaftskritisch angehauchter Roman. Genau so war auch "Unterwerfung" kein klassisches Gesellschaftsdrama. Im Mittelpunkt stehen wie immer Houellebecq's Protagonisten aus der Mittelschicht. Allesamt nicht unbedingt die besten und geselligsten Gesprächspartner. Gleich zu Beginn des Buches macht der Erzähler Florent-Claude darauf aufmerksam, wie überaus dankbar er seinen Eltern dafür ist, ihn zu einer aufrichtigen Person erzogen zu haben. Allerdings wäre da die Sache mit dem Vorname, der so gar nicht zu ihm passt und er seine Eltern in dem Punkt nie verstanden habe, wie sie diesen Namen für ihn wählen konnten. Florent-Claude würde diesen Namen am liebsten ablegen, tat dies jedoch aus Bequemlichkeiten bisher nie. Als Florent-Claude mit seiner japanischen Freundin Schluss machte, geriet er anschließend in einen depressiven Strudel. Daraufhin verschrieb ihm sein Arzt ein neues Antidepressivum namens Captorix, dieses ist weitaus zahmer als bekannte Antidepressiva, bringt jedoch Nebenwirkungen wie Libidoverlust bis hin zur Impotenz mit sich. Florent-Claude, 46 Jahre alt, bleibt auch nichts erspart.

Der stets trockene Humor begleitet einmal mehr Houellebecq's Dialoge. Wie von ihm gewohnt sind die meisten seiner Sätze ausufernd lang. überraschend dabei ist jedoch, dass man dabei nicht den Faden verliert. Zu verdanken hat man dies mit großer Wahrscheinlichkeit auch der sehr flüssigen und gut lesbaren Übersetzung von Stephan Kleiner. Es müsste eigentlich nicht erwähnt werden, aber da eine englische Ausgabe noch nicht existiert, wurde hier, wie bei DuMont üblich, aus der Originalsprache übersetzt.

Ob es auch wieder irgendwelche Tabubrüche in Serotonin gibt? Wer Houellebecq kennt, der weiß, dass es ohne pikant beschriebene Sex-Szenen nicht geht. Es gibt in diesem Roman noch die ein oder andere berüchtigte Szene, die jedoch einige Leser vielleicht verstören könnten. Auch hier ist Houellebecq wieder ganz das klassische Enfant Terrible.
Ein bisschen geht Serotonin auch in die Richtung Existentialismus, was ein stets wiederkehrendes Thema nicht nur von Houellebecq ist sondern die französische Literatur schon begleitet, noch bevor Satre die Thematik in Europa populär gemacht hat


"Diese wenigen Sätze entfalteten eine magische Wirkung, ich spürte, wie sie sie beruhigten, natürlich gibt man lieber den Antidepressiva des anderen die Schuld als seinen eigenen Fettwülsten, aber es huschte auch ein mitfühlender Ausdruck über ihr Gesicht, und zum ersten Mal an diesem Abend wirkte sie an mir interessiert, als sie mich fragte, ob ich eine depressive Phase durchliefe, weshalb und seit wann."
 


Fazit


Mit "Serotonin" läuft Michel Houellebecq zur Höchstform auf. Eine revitalisierende, aber auch eine kuriose Geschichte zugleich. Es ist schwer, diese Höchstform in Worte zu fassen wenn der Gegenüber das Buch selbst nicht gelesen hat. Wie genau macht man einen so vulgären Roman schmackhaft? Wie genau kann man Skeptikern erklären, dass vielleicht diese unverschämt vulgäre art von Houellebecq den Charme seiner Geschichten ausmacht? Denn eines ist sicher, Houellebecq provoziert gewollt und absichtlich, mal vollkommen überzogen, mal mit brutaler Ernsthaftigkeit. Doch hinter all dem steckt eine unglaublich ehrliche Geschichte, die sich mit modernen Problemen unserer Gesellschaft auseinandersetzt. So zu schreiben vermag nur dieser kauzige Franzose. Ein Mann, der sich bewusst dazu entschieden hat, die Öffentlichkeit, mit der er noch nie viel anfangen konnte, zu meiden. Genau diese Philosophie spiegelt Serotonin wider. Ein beeindruckender Start ins Bücherjahr 2019.

Mittwoch, 6. Februar 2019

Eine verspätete Winterpause




Bereits zu Beginn des vergangenen Monats habe ich es angedroht, nun setze ich meine Drohung in die Tat um. "Am Meer ist es wärmer" geht in eine verspätete und dennoch verkürzte Winterpause. Wollte ich die kleine Pause eigentlich bis zum 01.03 datieren, endet die Winterpause bereits am 25.02.

Ich möchte diese Zeit nutzen, um mich besonders einigen interessanten, neu veröffentlichten Büchern zu widmen. Je nachdem, wie ich vorankomme, wird es noch im Februar eine Besprechung geben.

Es kommt einem etwas unwirklich vor wenn wir auf den Kalender schauen, aber es ist schon wieder Februar. Was automatisch bedeutet, das Wort "Frühling" in den Mund zu nehmen wird bald unumgänglich sein. Die grauen Tage werden bald vorbei sein und hoffentlich auch diese kleine Insel hier wieder mit ausreichend Sonnenlicht versorgen.

Bis dahin wünsche ich allen Lesern einen entspannten Februar. Konntet ihr bisher all eure Vorsätze vom 31.12.18 einhalten? Ernährt ihr euch gesünder und habt euch vom Fitnesscenter abgemeldet? Falls nicht, hier ist eure Erinnerung!


Auf Bald,
Aufziehvogel





Nachtrag am 05.03.2019

Aufgrund einiger technischer Probleme mit Blogger hat sich die Wiederaufnahme des Blog-Betriebs leider um einige Tage verzögert!

Donnerstag, 31. Januar 2019

Japanuary 2019 Teil 2: Filme 5-8





Mein zweiter Japanuary ist auch schon wieder vorüber und wird hoffentlich im nächsten Jahr eine Fortführung finden. Die japanischen Filme, die wirklich mein Interesse wecken, werden von Jahr zu Jahr weniger da sich das japanische Kino kontinuierlich verändert (ob Spielfilme mit realen Darstellern oder Anime). Nicht unbedingt in eine kreative, einzigartige Richtung wie es noch vor rund zehn Jahren der Fall war, sondern eher in eine Einbahnstraße, aus der es wohl vorerst kein Zurück gibt. Auf diese Thematik will ich demnächst in einem gesonderten Artikel eingehen. Dies ist aber auch einer der Gründe, wieso ich für mein Japanuary-Special einige ältere Filme ausgewählt habe. Dennoch habe ich erneut einen ausgewogenen Mix an verschiedenen Genres und Entstehungsjahren gefunden, der vielleicht noch den ein oder anderen Geheimtipp für Fans der japanischen Filmkunst bereithält.

Viel Spaß nun mit Teil 2 des Japanuary! Mein Dank geht erneut an SchönerDenken und Spätfilm, die dieses Event besonders auf Twitter gefördert und sich wieder einmal viele Leute mit interessanten Empfehlungen dem Japanuary angeschlossen haben!

Filme werden aufgelistet nach dem Datum ihrer Veröffentlichung. Diesmal macht der älteste Film den Anfang.





#5



Akira Kurosawa's Träume
Originaltitel: Yume
Regie: Akira Kurosawa
Genre: Fantasy
FSK: Ab 12


Bereits 2013 hatte ich mich mit "Träume" von Akira Kurosawa schon einmal hier auf "Am Meer ist es wärmer" auseinandergesetzt. Mein Fazit einige Jahre später fällt gar nicht mal so anders aus als damals (Link). Was sich aber geändert hat, ist die Bildauflösung des Films. Auf Blu-ray kommen viele Facetten zum Vorschein, die mir meine damals geschaute Fassung verwehrte. Die abstrakten Bilder und die aufwendig gestalteten Sets kommen hier sehr schön zur Geltung und machen den Film zumindest visuell zu einem Genuss.

Inhaltlich bleibt dieses Spätwerk weiterhin einer von Kurosawas schwächeren Filmen. Natürlich sollen hier allen voran die Bilder einen bleibenden Eindruck hinterlassen. Doch auch das Film-Pacing passt nicht so ganz. So wirkt die dritte Geschichte um die Bergsteiger künstlich ziemlich in die Länge gezogen. Leider aber haftet den meisten Episoden auch eine ziemlich aufgesetzte Moral an. Etwas, was man von Kurosawa eigentlich nicht gewohnt ist. Doch am Ende von Träume ertappe ich mich immer wieder dabei, dass ich positiv auf den Film zurückblicke. Er scheint also etwas zu haben, was zumindest nachhaltig einen bleibenden Eindruck hinterlässt.





#6



Charisma (1999)
Originaltitel: Karisuma
Regie: Kiyoshi Kurosawa
Genre: Drama, Mystery
FSK: Ab 16


Filme wie Cure, Charisma oder Pulse dreht Regisseur Kiyoshi Kurosawa (noch immer nicht verwandt oder verschwägert mit Akira Kurosawa) heute nicht mehr. Kurosawa ist auch wieder ein exemplarisches Beispiel eines japanischen Filmemachers, der seinen Stil über die Jahre komplett umgekrempelt hat und anstatt aus seiner eigenen, großartigen Kreativität eine Story für einen Film zu erschaffen, lieber auf eine Adaption setzt. Charisma stammt aus einer Zeit, wo Kurosawa eine menge außergewöhnlich gute Filme gedreht hat. Immer wieder setzte der Filmemacher dabei auf Hauptdarsteller Koji Yakusho, der mit seiner Präsenz jeden Film Kurosawas bereicherte. Kurosawa bezeichnete den Schauspieler einst als Seelenverwandten, ein Grund für die vielen Zusammenarbeiten.

Charisma ist sicherlich einer von Kurosawas kompliziertesten Filme. Im Grunde handelt es sich hier um einen Kunstfilm der auf viele philosophische Themen eingeht. Die deutsche DVD, die damals von AFN veröffentlicht wurde, befindet sich schon lange in meinem Besitz, allerdings habe ich den Film in all den Jahren aufgrund der unterirdischen Bildqualität nicht geschaut. Etwas, worüber ich mich nun ziemlich ärgere denn, obwohl die Bildqualität so unterirdisch ist wie ich sie in Erinnerung hatte, ist der Film, der sich dahinter versteckt, umso sehenswerter. Im Vordergrund steht hier ein Baum namens "Charisma", der für das Ende der Welt verantwortlich sein könnte. Die Frage nach dem "Wieso" und "Warum" bekommt man nicht auf einem Silbertablett serviert, aber umso wichtiger ist es, dem Film aufmerksam zu folgen um einige wirre Enden später miteinander zu verknüpfen (besonders mit dem Anfang). Charisma ist sicherlich kein massentauglicher Film, aber allen voran erst einmal eine wundervolle Idee, die für mich den Geist des japanischen Kinos beherbergt und woran so viele amerikanische Studios bei all den Remakes gescheitert sind, diesen Geist für ihre Filme einzufangen.




#7



Children Who Chase Lost Voices (2011)
Alternativ: Die Reise nach Agartha
Originaltitel: Hoshi o ou kodomo
Regie: Makoto Shinkai
Genre: Fantasy, Anime
FSK: Ab 12


Mit "Your Name" hat Filmemacher Makoto Shinkai zweifelsohne sein wohl bekanntestes Werk abgeliefert. Doch auch die Filme, die vor diesem Welthit entstanden sind, weisen eine beeindruckende Schaffenskraft auf. Der Vorteil von Shinkais Filmen ist denkbar einfach, all seine Werke basieren auf ein Original-Script. Somit muss kein bereits erhältliches Werk wie ein Manga oder ein Roman adaptiert werden und in einen denkbar kürzeren Anime-Spielfilm gepresst werden.

"Children Who Chase Lost Voices" oder auch "Die Reise nach Agartha" könnte durch den Erfolg von "Your Name" etwas in Vergessenheit geraten. Ich selbst hatte, als ich den Film vor einigen Tagen erstmals sah, keine großen Erwartungen. Häufig setzt Shinkai auf reale Settings (zieht man die kurze OVA Voices of a Distant Star mal ab), in einem Fantasy-Setting konnte ich mir kein Werk von ihm so recht gut vorstellen. Zumal die Chance groß ist, einfach ein erfolgreiches Konzept von Hayao Miyazaki zu kopieren. Doch Makoto Shinkai ist es mit "Children Who Chase Lost Voices" überraschend gelungen, dem großen Studio Ghibli lediglich Tribut zu zollen, aber nichts zu kopieren. Thematisch setzt sich der Film sehr intensiv und auf eine interessante art mit dem Thema Leben und Tod auseinander. Bildgewaltig und von beachtlicher Lauflänge wird hier die Geschichte einzelner Schicksale erzählt, die alle mit Verlusten in ihrem Leben umgehen müssen. Was hier in einem vor Kitsch triefendem Klischeefest hätte ausarten können, hat Shinkai unglaublich seriös und reif gemeistert. Auch ein Grund, wieso der Film vermutlich nicht gerade ein idealer Film für Kinder ist (die Altersfreigabe ist hier sogar mal wegweisend). Auch mit einigen grafischen Spitzen geht der Film nicht gerade zimperlich um, weshalb wohl eine ältere Zielgruppe, wie bei allen Filmen von Shinkai, hier mehr ihre Freude finden wird. Eine sehr angenehme Überraschung und geplant ist demnächst sicherlich auch eine weitere Sichtung.




#8



Fires on the plain (2014
Originaltitel: Nobi
Regie: Shinya Tsukamoto
Genre: Kriegsdrama
FSK: In Deutschland (noch) nicht erschienen


Im Gegensatz zu prominenten japanischen Filmemachern wie Takashi Miike oder Kiyoshi Kurosawa ist Shinya Tsukamoto seinem Stil treu geblieben. Tsukamoto ist mit "Fires on the plain" bereits zum dritten mal in meiner Japanuary Liste seit 2018 dabei. Bereits mit "Kotoko" hat er bewiesen, dass er seinen brachialen Stil nicht verändert hat. Ein Fakt, der mich sehr erfreut denn ich schätze die Filmkunst des Japaners sehr. "Fires on the plain" ist Shinya Tsukamotos ganz eigenes Remake von Kon Ichikawas gleichnamigen Film aus dem Jahr 1959 (der wiederum eine Adaption des Romans von Shohei Ooka ist).

Inhaltlich von der Machart her ähnlich paranoid und wahnsinnig wie "Aguirre" von Werner Herzog, setzt Shinya Tsukamoto hier in jeder Rubrik noch einmal einen drauf. Entstanden ist ein schonungsloser Antikriegsfilm, der den Wahnsinn zum Ende des 2. Weltkriegs in bewegten Bildern dokumentiert, die einem Fiebertraum gleichkommen. "Fires on the Plain" ist gespickt mit den surrealen Halluzinationen des Protagonisten (wieder einmal verkörpert von Tsukamoto selbst) die einen Wimpernschlag später wieder in der blutigen Realität andocken. Wenn "Kotoko" laut Tsukamotos eigenen Aussagen der geistige Nachfolger zu "Vital" ist, dann ist "Fires on the Plain" der geistige Nachfolger zu seinem beeindruckendem Kurzfilm "Haze". In weniger als 90 Minuten schafft Shinya Tsukamoto es, die Hölle auf Filmmaterial zu bannen. Nachdem er selbst nicht komplett mit seinem Zweiteiler Nightmare Detective zufrieden war, läuft der Japaner mit diesem Remake wieder zur Höchstform auf. "Fires on the Plain" zählt für mich zu den stärksten Werken, die Tsukamoto in seiner langen Karriere abgeliefert hat. Eine ganz klare Empfehlung und zudem sehr schade, dass sich für seine neusten Filme kein deutscher Verleih zu finden scheint. Das Werk von Shinya Tsukamoto findet man derzeit in Großbritannien im Programm des Verleihs Third Window Films (Link).

Mittwoch, 30. Januar 2019

Rezension: Die allertraurigste Geschichte (Ford Madox Ford)





Großbritannien 1915

Die allertraurigste Geschichte
Originaltitel: The Good Soldier
Autor: Ford Madox Ford
Verlag: Diogenes
Übersetzung: Fritz Lorch, Helene Henzel, Gertraude Krueger (Nachwort)
Nachwort: Julian Barnes
Genre: Klassiker, Drama




"Wenn ich neun Jahre lang einen schönen Apfel habe, der im Innern faul ist, und seine Fäulnis erst nach neun Jahren und sechs Monaten minus vier Tage entdecke, darf ich dann nicht sagen, ich hätte neun Jahre lang einen schönen Apfel gehabt?"


Normalerweise ist es bei deutschsprachigen Ausgaben seit jeher Usus, den Titel des Buches zu verändern. Bei dem wohl bekanntesten Roman des britischen Schriftstellers Ford Madox Ford (geb. Ford Hermann Hueffer 1873-1939) war es jedoch genau umgekehrt. Der ursprüngliche Titel des Buches lautete "The Saddest Story", wurde aber aufgrund der Wirren des 1. Weltkrieges in "The Good Soldier: A Tale of Passion" umbenannt. In englischsprachigen Territorien ist das Buch häufig unter beiden Titeln bekannt.

"Die allertraurigste Geschichte" könnte auch als Vorreiter für den Unzuverlässigen-Erzähler und großen amerikanischen Romane wie "Der große Gatsby" angesehen werden. Obwohl sprachlich ein wenig in die Jahre gekommen, so steckt in diesem Klassiker immer noch eine solche Wucht, dass es schwer ist, dieses Buch aus den Händen zu legen. Besonders für die damalige Zeit war das Konzept einer Geschichte, die nicht immer chronologisch erzählt wird und der Erzähler gerne mal die Tatsachen vertauscht, ziemlich frisch und in dem Stil, wie es Ford Madox Ford tut, gar revolutionär. Doch auch die hier angeschnittenen Themen wirken für das Jahr 1915 (Ford schrieb das Buch seit 1913) nicht nur unverbraucht, sie können auch problemlos in unsere heutige Zeit importiert werden.

Der Roman wird aus der Sicht von John Dowell erzählt, der sich direkt an den Leser wendet. Hier kann man eigentlich schon Metafiktion reden, denn der Erzähler wendet sich mehrmals ganz klar an den Leser und geht sogar auf seine Stimmungslage ein. John möchte dem Leser die, seiner Meinung nach, allertraurigste Geschichte erzählen. Die Geschichte über die vermeintliche Freundschaft zweier Ehepaare. Der Erzähler schwelgt in Erinnerungen die sich lesen, als hätte er die letzten rund 10 Jahren im Garten Eden gelebt. Doch bereits während des Prologs wird dem Leser schnell klar, dass die bunten Erinnerungen des Erzählers nichts weiter als eine Fassade sind. Das Viergespann selbst spielt die Hauptrolle in einem inszeniertem Theaterstück, was sie sich über Jahre selbst aufgebaut haben. In dieser Geschichte, wo es um Verlustängste und Einsamkeit, sowie Heuchelei, Intrigen und Misstrauen geht, entfaltet der Erzähler eine Geschichte, über dessen Ausgang der Leser nur staunen wird. Die Frage, die bleibt, ist, kann man als Leser dem Erzähler überhaupt trauen?

Gleich zu Beginn des Buches wurde dieser Ausgabe ein Brief von Ford Madox Ford abgedruckt, den er damals an seine Lebenspartnerin Stella verschickt hat (im Verzeichnis wird diese zwar als Ehefrau bezeichnet, ich bin mir da allerdings nicht ganz sicher, ob dem wirklich so war). Nachträglich widmet Ford dieses Buch Stella mit beeindruckenden Worten. Er selbst resümiert noch einmal über die Entstehungsgeschichte des Buches und es hat mir sehr imponiert, diese Worte zu lesen. Ford sieht "Die allertraurigste Geschichte" als sein persönliches Opus Magnum, auf das er stolz ist und dieses Werk als den Höhepunkt in seiner Karriere als Schriftsteller verzeichnet. Diese Worte jedoch nicht arrogant oder erheblich zu verfassen ist die eigentliche Kunst dieses Briefes.

Tatsächlich könnte man meinen, der Brief an Fords Lebenspartnerin gehöre zur Geschichte. Der Roman basiert teilweise auf wahren Begebenheiten, allerdings ist "Die allertraurigste Geschichte" größtenteils pure Fiktion die aus der Feder eines Schriftstellers stammt. Besonders gefallen haben mir die philosophischen Passagen, die mich des öfteren zum nachdenken angeregt haben. Die hier überarbeitete Übersetzung in die neue deutsche Rechtschreibung liest sich sehr flüssig, wirkt aber in so mancher Wortwahl gerne mal etwas angestaubt. Zugrunde liegen hier aber auch die teils komplizierten Begriffe der englischen Ausgabe, die bewusst von Ford so gewählt wurden. Besonders, wenn der Erzähler in seiner eigentlichen Geschichte immer weitere Anekdoten einbaut und somit abdriftet, machen diese Eskapaden den Reiz des Romans aus, können aber auch dafür sorgen, dass man als Leser öfters mal aus dem Konzept kommt. Da der Erzähler sich immer wieder an den Leser richtet, kann man auch davon ausgehen, dass einige dieser Irrfahrten des Erzählers absichtlich so gewählt sind.

Die Neuauflage des Diogenes Verlag beinhaltet zusätzlich noch ein Nachwort des britischen Schriftstellers Julian Barnes (1946*). Das in schickem Leinen gebundene Buch (kein Lesebändchen, leider) befindet sich in einem sehr robusten Pappschuber, der das Buch anstelle eines Schutzumschlags trägt.




Fazit (Das allerkürzeste Fazit dieses Blogs)

"Die allertraurigste Geschichte" ist ein beeindruckender Klassiker eines Autors, den ich praktisch nie auf dem Radar hatte. Ford Madox Ford schwingt in diesem Drama eine feine Feder und präsentiert einen Inhalt, der auch heute nichts von seiner Relevanz eingebüßt hat. Eine schöne Lektüre für die eisigen Tage.

Donnerstag, 24. Januar 2019

Im Rückblick: Unterwerfung (Michel Houellebecq)





Am 04.01.19 erschien in Frankreich Michel Houellebecq's neuster Roman "Serotonin" (Rezension folgt bald). Nur drei Tage später am 07.01.19 veröffentlichte der DuMont Verlag das Werk auch in deutscher Übersetzung. In Europa wandelt der Franzose damit mal wieder auf sämtlichen Bestsellerlisten, er selbst verzichtet seit den Ereignissen aus dem Jahr 2015 auf öffentliche Auftritte.

Nun sind exakt 4 Jahre verstrichen, seit Houellebecq "Unterwerfung" veröffentlicht hat. Eine Buchveröffentlichung, die wohl europäische Geschichte geschrieben hat. Unterwerfung ist zu unruhigen politischen Zeiten in Frankreich erschienen und leider auch an dem Tag, als das französische Satire-Magazin Charlie Hebdo von radikal-fanatischen Terroristen angegriffen wurde und 12 Todesopfer und viele verletzte forderte. Unter den Opfern der Redaktion befand sich auch ein guter Freund Houellebecq's, weshalb er anschließend eine große Promo-Tour für sein Buch absagte und sich anschließend immer weiter zurückgezogen hat.

Ich selbst entschied mich damals dazu, das Buch nicht auf "Am Meer ist es wärmer" zu besprechen sondern dieses privat zu lesen und stattdessen im Freundeskreis darüber zu diskutieren. Doch die Jahre, die verstrichen sind, sind eine recht lange Zeit und zumindest einen kleinen Rückblick auf meine Eindrücke zum Buch möchte ich nun gerne mal in Worte fassen.

Grundsätzlich kann man Unterwerfung als Dystopie sehen. Mit einem Augenzwinkern sogar als Science-Fiction. Aber keine sorge, es geht hier nicht um Aliens, die eine Invasion auf Paris geplant haben. Die Geschichte siedelt im Jahr 2022 an und spielt mit einer Idee. Eine Idee, die durchaus Substanz besitzt. Wie würde sich ein westliches Land verändern, wenn ein Präsident islamischer Herkunft an die Macht kommt? Natürlich ist Houellebecq viel zu klug dafür, hier einen plumpen islamfeindlichen Roman abzuliefern, der einzig und allein Islamophobie verbreitet. Stattdessen spielt der Autor hier lediglich mit einer Idee, einem Konzept und siedelt seinen Roman daher in einer nahen Zukunft an. Realität und Fiktion vermischen sich in Unterwerfung und verschmelzen zu einer Einheit. Im Mittelpunkt steht jedoch wieder einer von Houellebecqs melancholischen Protagonisten, ein Literaturprofessor mittleren Alters, der aufgrund der Veränderungen an seiner Universität mitten in den Strudel der Unruhen gesogen wird. Der größte Teil des Romans befasst sich mit dem Ich-Erzähler, der seine Ereignisse als Privatperson relativ nüchtern erzählt.

So nüchtern wie Erzähler François seine Erlebnisse schildert, so nüchtern endet die Geschichte auch. Es ist mal wieder Houellebecqs eigene art, wie er ein kontroverses Thema behandelt und abschließt. Viele Leser werden hier sicher auf der Suche nach Tabubrüchen gewesen sein, doch meiner Meinung nach wurde man da wohl nicht so fündig, wie manche es gerne gehabt hätten. Viel interessanter als die ausgeprägten Sexszenen (die traditionell vorhanden und pikant beschrieben sind) war für mich die bedrückende Atmosphäre, die Houellebecq makellos in seinen Text eingefangen hat. Es war die art, wie er mit diesem Konzept experimentierte ohne alte Klischees oder erzwungene Tabubrüche aus der Schatulle zu kramen. Für einige mag dieser nüchterne, melancholische Erzählstil nicht das gehalten haben, was die Inhaltsangabe vielleicht versprochen hat, aber wer genau danach geht, der ist bei Houellebecq grundsätzlich falsch aufgehoben.

Ich blicke weiterhin sehr zufrieden auf Unterwerfung zurück. Natürlich wird man auch in Zukunft den Roman mit den fürchterlichen Ereignissen verknüpfen, die zur gleichen Zeit nicht nur Frankreich, sondern ganz Europa erschütterten. Doch hat sowohl der Roman als auch die vielen Reaktionen der Menschen bewiesen, die künstlerische Freiheit ist immer noch eine unserer wertvollsten Güter. Und diese Botschaft vertritt der Roman auch heute noch bravurös.

Mittwoch, 23. Januar 2019

Japanuary 2019 Teil 1: Filme 1-4




Ohne große Umschweife folgt nun der erste Teil meines Beitrags zum diesjährigen Japanuary! Von den hier präsentierten vier Filmen war mir einzig und allein Takashi Miikes Gozu ein alter Bekannter. Doch alte Bekannte hinterlassen mit der Zeit oftmals veraltete Erinnerungen. Wie sich Miikes surrealer Trip nach erneuter Sichtung schlägt und ob mir die anderen drei Filme gefallen haben, erfahrt ihr im Beitrag. Die Filme sind geordnet nach ihrem Veröffentlichungsjahr (der neuste Film zuerst).




#1


Silence (2016)
Regie: Martin Scorsese
Genre: Historienfilm
FSK: Ab 12


Silence ist wohl ein Film, den man von vielen Regisseuren erwarten würde, nicht aber unbedingt von dem Paten des Gangster-Kinos, Martin Scorsese. Obwohl Scorseses Handschrift natürlich deutlich erkennbar ist, so kam mir Silence vor wie ein Film, der eine gemeinsame Arbeit von Akira Kurosawa und Werner Herzog ist. Hätten in dem Film noch Toshiro Mifune und Klaus Kinski mitgespielt, hätte ich daran keinen Zweifel mehr gehabt. Aber da weder Kurosawa, noch Mifune und Kinski mehr unter uns weilen, hätte solch ein Projekt natürlich in dieser Zeit nie zustande kommen können. Scorseses Faszination von Kurosawas Filmkunst ist bekannt. Scorsese selbst übernahm in Kurosawas abstraktem Spätwerk aus dem Jahr 1990 "Träume" (ein Film, der bei diesem Japanuary noch eine Rolle für mich spielen wird) die Rolle des Vincent Van Gogh.

Silence, wie der Name schon sagt, ist ein ruhiger Film der fast komplett ohne Musikuntermalung auskommt. Von der technischen Seite her hat man es hier quasi mit einem Akira Kurosawa Film zu tun, es ist förmlich eine Liebeserklärung an die Filmkunst des Altmeisters. Prominent besetzt sowohl von der westlichen, als auch der japanischen Schauspielgilde, handelt Silence von einem Thema, an das sich bisher nur wenige Filmemacher herangetraut haben. Das Christentum in Japan. Anders als bei Ridley Scotts neueren Filmen, wo der "Glaube" des Regisseurs dem Zuschauer aufgezwungen wird, geht Martin Scorsese in Silence mit dem Thema behutsam um. Die beachtliche Laufzeit von 160 Minuten schadet dem Film überraschenderweise nicht. Überraschend hingegen ist, wie wenig Zeit sich Scorsese (der hier auch fürs Writing zuständig war) für den finalen Akt des Filmes genommen hat. Strotzt so ziemlich alles bis zu den letzten 30 Minuten vor perfektionierter Filmkunst, wirkt das Ende des Films übereilt und hastig in Szene gesetzt. Schlüsselfiguren verschwinden einfach so, Jahre vergehen und auch der Erzähler wird ausgetauscht und wechselt zu einer Figur, die der Zuschauer den ganzen Film über nicht ein einziges mal vorher gesehen hat. Dieses etwas unbefriedigende Ende war es dann auch, die Silence die höchste Wertung bei mir gekostet hat. Wer so einen Film abliefert, der muss Perfektion bis zum letzten Schnitt abliefern. Vermutlich weiß das kaum ein Filmemacher besser als Scorsese.



#2




Kotoko (2011)
Regie: Shinya Tsukamoto
Genre: Mystery, Drama
FSK: In Deutschland (noch) nicht erschienen


Regisseur und Schauspieler Shinya Tsukamoto (der übrigens auch eine recht große Rolle in Silence hat), dessen filmisches Schaffen ich mehr als schätze, ist bei den Filmfestspielen von Venedig ein Dauergast. Erstmals gewann aber nicht nur Tsukamoto mit Kotoko einen Preis in der Orizzonti Kategorie, es war der erste japanische Film überhaupt, dem das gelang.

Kotoko ist allen voran harter Tobak. Ein Film, der sich grundsätzlich mal wieder allem widersetzt, was der Zuschauer gewohnt ist. Besonders aufgrund der drastischen grafischen Darstellungen, aber auch die schwere Zugänglichkeit der Handlung gegenüber ist es überraschend, dass der Film einen Preis in dieser Kategorie gewonnen hat. Das erste, was Kotoko tut, er reist den Zuschauer aus seiner Komfortzone. Dabei besteht der Film nicht bloß aus den surrealen Halluzinationen der Protagonistin, es gibt durchaus auch immer mal wieder auflockernde Momente dank Tsukamotos skurrilen Charakter, den er selbst verkörpert. Doch auch diese erheiternden Momente können in nur einem Wimpernschlag wieder vorüber sein. Diese Unberechenbarkeit macht Kotoko zu einem Erlebnis, wenn auch nicht zu Shinya Tsukamotos bestem Film. Dafür hat er der Hauptdarstellerin Cocco vielleicht etwas zu viel Freiraum bei der Gestaltung des Filmes gelassen. Im Mittelpunkt steht hier die erfolgreiche japanische Popsängerin Cocco, die bereits zu Tsukamotos Film Vital den Titelsong abgeliefert hat. Die Künstlerin ist bereits einmal von ihrer Karriere zurückgetreten und es war mehr oder weniger Tsukamoto, der sich als großer Fan entpuppte und sie zurückholte. Lauscht man einem Interview, welches sich auf der Blu-ray befindet, so kann man Kotoko durchaus als Fortsetzung des Filmes Vital sehen, der 2004 mit Tadanobu Asano in der Hauptrolle erschienen ist. Aber eigentlich sind an und für sich sowieso alle Filme Tsukamotos stark miteinander verknüpft. Elemente wie Paranoia, Einsamkeit und Isolation finden sich in Kotoko wieder. Es ist jedoch ein Film, der stark von der aktuellen Stimmung des Zuschauers abhängig ist. Hat man mal einen sehr schlechten Tag erwischt, würde ich schleunigst davon abraten, diesen Film zu schauen. Von der technischen Seite hat man es hier trotz des geringen Budgets wieder einmal mit einer kleinen Glanzleistung zu tun. Größter Kritikpunkt ist aber die enorm starke Wackelkamera, die besonders für Zuschauer, die unter Motion Sickness leiden, zum Albtraum werden kann.

Insgesamt war Kotoko ein Erlebnis, welches ich schwer beschreiben kann und mir ganz sicher noch ein weiteres mal ansehen werde. Ein Fakt, der bei einem Shinya Tsukamoto Film immer gegeben ist. Wenn man ein Fan seiner Filmkunst ist, will man all seine Filme mehrmals sehen. Nicht, um sie besser zu verstehen, sondern einfach um tiefer in seine seltsamen Welten einzutauchen.




#3



Gozu (2003)
Originaltitel: Gokudô kyôfu dai-gekijô: Gozu
Regie: Takashi Miike
Genre: Mystery, Horror
FSK: Ab 16


Takashi Miike's Gozu habe ich erstmals vor so vielen Jahren gesehen, dass ich mich tatsächlich nicht mehr erinnern kann, wann meine Synapsen zum ersten mal bei der Sichtung dieses Filmes durchgebrannt sind. Rund 16 Jahre nach der Veröffentlichung dieses verrückten Filmes hat sich daran auch nichts geändert. So sehr ich selbst über diesen Fakt überrascht bin, so ist Gozu einer der letzten experimentellen Filme von Miike. Miike galt grundsätzlich in seiner früheren Karriere als Auftragsfilmer, der Drehbücher von hoffnungsvollen Schreiberlingen verfilmt. Gozu (was wörtlich glaube ich Kuh bedeutet) ist eine Gemeinschaftsarbeit zwischen Miike und einem langjährigen Weggefährten, Sakichi Sato. Bei Sato müssen Fans von Kill Bill aufpassen, dort spielt er im finalen Kapitel des Filmes des ersten Teils den unbeholfenen glatzköpfigen Charakter Charlie Brown. Was Gozu betrifft, so ist es genau der verrückte Film der dabei rauskommt, wenn zwei verrückte Typen einen Film drehen. Miike selbst distanzierte sich von solch surrealen Werken von Jahr zu Jahr mehr.

Was wir hier haben ist selbst für Fans von David Lynch sehr schwere Kost. Die Geschichte über zwei verbrüderte Yakuza Ganoven, endet als eine wirre, völlig abgedrehte und skurrile Tour de Force durch die japanische Provinz. Obwohl relativ wenig Blut fließt, lässt Miike stattdessen sämtliche bekannte Körperflüssigkeiten von Männlein und Weiblein fließen. Ein Ausgleich dafür, dass in diesem Film auf den roten Lebenssaft größtenteils verzichtet wird. Miike selbst bezeichnete Gozu einst als Liebesfilm. Doch er merkte auch an, wenn so ein seltsamer Kerl wie er auf einmal einen Liebesfilm drehen würde, würde man ihn wohl nur schräg ansehen. Miike fühlte sich viele Jahre in Live-Action Adaptionen zu erfolgreichen Manga und Anime wohl. Zuletzt adaptierte er einen Roman von Keigo Higashino. Ich selbst wünsche mir aber sehnlichst, dass Takashi Miike in seiner schier wahnwitzig langen Filmografie von über 100 Filmen noch einmal ein so irres Meisterwerk wie Gozu aus dem Hut zaubert. Relativ unwahrscheinlich vermutlich. Vermutlich auch genau so unwahrscheinlich wie jemals eine Blu-ray von Gozu zu entdecken.




#4




Escaflowne - The Movie (2000)
Regie: Kazuki Akane, Yoshiyuki Takei
Genre: Anime, Fantasy
FSK: Ab 16


Für diese Ausgabe des Japanuary nahm ich mir vor, 1-2 Anime Filme in die Liste aufzunehmen. Ein Film, der von der Lauflänge weder zu kurz noch zu lang war, ist der Film zur bekannten Anime TV-Serie The Vision of Escaflowne aus dem Jahr 1996. In den meisten Fällen sind Kinofilme zu bekannten Anime-Serien eher von mäßiger Qualität. Etliche Filme aus dieser Zeitspanne wurden aus Restmaterial nicht verwendeter Szenen der TV-Serie zusammengeschustert, andere Filme führten die Handlung einer erfolgreichen Serie eher lieblos fort. Der Kinofilm zu Escaflowne, welcher aus dem Hause Bones und Sunrise stammt und einige der Macher der TV-Serie zurückholte, ist eine erfrischende Ausnahme. Weder setzt der Film die Handlung der abgeschlossenen Serie fort, noch ist es ein Zusammenschnitt der Serie mit neuen Szenen. Der Film erzählt praktisch eine komplett neue Geschichte. Zwar haben wir es hier immer noch mit den bekannten Charakteren aus der Serie zu tun, jedoch agieren diese nicht nur anders, auch das Setting rund um den Planet Gaia wurde völlig auf Null zurückgesetzt. Statt einer bunten Teenie-Romanze setzt der Film sich mit Themen wie Selbstmordgedanken und Selbstzweifel auseinander, ist ein ganzes End düsterer und blutiger als die Serie und lässt viele Charaktere in einem neuen Licht erstrahlen.

Besonders aber was Umfang und Charakterisierung angeht kann der Film nicht mit der TV-Serie mithalten, versucht dies aber auch gar nicht erst. Beliebte Charaktere wie Allen werden zu einer unbedeutenden Nebenfigur degradiert. Eher kontrovers nervige Figuren wie Merle sind hingegen wesentlich erträglicher. Unter den Straffungen musste auch Dilandau leiden. Stattdessen konzentriert sich der Film auf die Brüder Van und Folken sowie die mental labile Hitomi. Sämtliche romantischen Elemente wurden auf ein Minimum reduziert, was man durchaus begrüßen kann, den Film aber auch vielleicht eine Nummer zu kühl und düster machen. Weitere Probleme gibt es auch in der Geschichte selbst, die zwar ohne Vorwissen aus der Serie nicht zu kompliziert ist, aber dennoch fragmenthaft und kryptisch wirkt. Spätestens das Ende dürfte dann den einen oder anderen Zuschauer ein wenig überfordern, wenn er mit der TV-Serie im Vorfeld nicht wirklich vertraut ist/war. Auch die Kämpfe mit den Guymelefs (den monströsen Mech-Robotern) wurden auf wenige Szenen reduziert. All das mag nach erheblichen Einbußen klingen, was es, grob gesagt, auch ist, aber die enorme Kurzweil des Films gepaart mit dem hinreißendem Soundtrack von Yoko Kanno und Hajime Mizoguchi machen den Escaflowne Film zu einer äußerst sehenswerten Angelegenheit. Dabei spielt es am Ende überhaupt keine Rolle, ob man die Serie zuvor gesehen hat oder nicht. Doch beides bezahlt man natürlich auch mit einem Preis. Hat man die Serie nicht gesehen, fehlt das Verständnis zur Welt und zu etlichen Charakteren. Hat man die TV-Serie gesehen, wird einem schnell der raue Stil des Films auffallen und man wird so einiges aus der Serie vermissen.

Letztendlich überwiegten für mich aber die angenehmen Aspekte im Film. Würde ich mir auch bedenkenlos noch einmal ansehen. Daher war der Escaflowne Film für mich ein sehr angenehmer Ausklang des ersten Teils meines Japanuary.



Teil 2 des Japanuary mit den Filmen 5-8 geht zwischen dem 30. oder 31. Januar Online. Die Bekanntgabe der nächsten Filme erfolgt am 25. Januar über meinen Twitter-Account. Bis Bald!

Freitag, 18. Januar 2019

Blame!

Master Edition


Ich habe länger nach einem Titel für diesen Beitrag gesucht als mir über den Inhalt dieses Beitrags Gedanken zu machen. Ganz im Stile der kryptisch gehaltenen Serie von Mangaka Tsutomu Nihei entschied ich mich jedoch für die schlichte Variante. Keine weiteren Erklärungen als der Titel des Manga sind nötig um zu beschreiben, worum es in diesem Eintrag geht. Doch worum es geht, darüber habe ich mir ja noch gar keine Gedanken gemacht, da ich über den Titel dieses Beitrags sinniert habe. Man steckt schon in einem kleinen Dilemma, wenn man über Blame! berichten will. Ich will gar nicht erst damit beginnen, diesen Manga zu erklären. Doch es gibt so viel drumherum, worüber es sich lohnt, zu schreiben!

Beginnen wir doch einfach mal mit der einfachen frage, wie und woher das erneute Interesse an Tsutomi Niheis älteren Werken wieder entfacht ist. Ob im deutschsprachigen oder englischsprachigen Verlagswesen, Niheis Werke sind bei den Publishern von Manga wieder angesagt. Blame! galt besonders hierzulande als schwer zu vermarkten und obwohl Egmont Manga alle 10 Bände in Deutschland veröffentlichte, scherten sich zur Zeit der Veröffentlichung nur wenige Leser um das Cyberpunk-Werk. Es gab keine Neuauflage und die Ausgabe von Egmont war irgendwann komplett vergriffen bzw. nur noch als Antiquariat-Ware erhältlich.


Alte deutsche Ausgabe

Über diese zwei Bände aus dem Hause EMA (6,10 Euro pro Band, westliche Leserichtung) kam ich nie hinaus. Ich hätte noch Band 3-5 ergattern können, doch damit hatte es sich dann auch. Die Exemplare, die ich als Gebrauchtware in meinen Händen hielt, eigneten sich leider nicht einmal mehr als extravagante Untersetzer für wackelige Tischbeine.

Blame! war Niheis erste fortlaufende Serie und wurde zwischen 1997-2003 in Japan veröffentlicht. In Interviews blickt Nihei immer wieder auf die Serie und seine auf den ersten Blick eher schwer zugängliche art zurück. Als Nihei mit seinem erfolgreichen Science-Fiction Manga "Knights of Sidonia" (2009-2015) bei einem breiteren Publikum auf sich aufmerksam machte, versprach er, nicht mehr zu anfänglichen Werken wie Blame! zurückzukehren. Doch schaut man sich mal seine neueste Serie "Aposimz - Im Land der Puppen" an, kann man dieser Aussage nur schwer etwas abgewinnen. Trotz der Erfolge die Knights of Sidonia feierte, waren viele Leser von Niheis älteren Werken enttäuscht, besonders über die Dreingabe eines männlichen Hauptcharakters, der von einem Harem an Frauen (was sie, hochoffiziell, gar nicht sind) umworben wird. Obwohl die Grundstimmung von Sidonia nicht minder kryptisch und geheimnisvoll ist wie die von Blame!, so wird die Stimmung in der Serie immer mal wieder von humorvollen Passagen aufgelockert oder durch zusätzliche Erklärungen der Geschehnisse verständlicher gestaltet.

Kehrt man nach Sidonia zurück zu Blame!, so fällt der Unterschied schnell und deutlich auf. Blame! verfügt über enorm wenig Dialoge und wird praktisch komplett über die Illustrationen erzählt, was die eigentliche Faszination des Werkes ausmacht. Die Bildersprache benötigt keine weiteren Dialoge. Die Beweggründe des Hauptcharakters Killy ist in den ersten Bänden kaum nachvollziehbar, allerdings für die Story vorerst nicht wirklich relevant. Der Leser weiß, dass die Reise, die Killy auf sich nimmt, eine brutale, gnadenlose Irrfahrt durch ein Konstrukt ist, welches man kaum mit Worten beschreiben kann. Man muss es sehen, um es halbwegs verstehen zu können. Dialoge oder Erklärungen über die Megastruktur würden alles verkomplizieren, das Bauwerk allerdings zu illustrieren erübrigt sämtliche Fragen.

Doch woher stammt nun das neu entfachte Interesse für Tsutomu Nihei speziell her? Einerseits trägt die Anime-Adaption zu Knights of Sidonia einen großen Anteil daran. Der Manga selbst wird in Deutschland erneut von EMA vertrieben, allerdings mit so mäßigem Erfolg, dass auch hier etliche Bände nur noch schwer zu bekommen sind. Die Anime-Adaption aus den Jahren 2014/2015 besteht aus zwei Staffeln und erlangte besonders durch seine Veröffentlichung auf Netflix zu großer Bekanntheit, die den Anbieter dazu antrieb, weitere Anime ins Programm aufzunehmen.

Bereits im Jahr 2003 erschien zu Blame! eine Web-Serie, die aus 6 Mini-Episoden bestand. Nach dem Erfolg von Sidonia entstand 2017 Ein CGI-Animierter Spielfilm, der für einige Zeit exklusiv auf Netflix (und von Netflix auch produziert wurde) zu sehen war (und es immer noch ist, mittlerweile aber auch auf Blu-ray erhältlich ist). Der Verzicht auf traditionelle Animationen schien eine schnelle Entscheidung gewesen zu sein, denn erneut ist für diese Adaption Polygon Pictures verantwortlich, die auch den Sidonia Manga als CGI-Adaption umsetzten. Obwohl der Spielfilm zu Blame! positiv aufgenommen wurde, kamen die inhaltlichen Änderungen alles andere als gut an. Der Anime Spielfilm folgt größtenteils einer Original-Storyline und wirft die Schweigsamkeit des Manga völlig über Board. Auch von sämtlichen blutigen Auseinandersetzungen nahm man in der neuen Adaption zugunsten eines Publikums in verschiedensten Altersklassen Abstand. Mit anderen Worten trägt der neue Film zwar noch den bekannten Titel und präsentiert die gleichen Hauptcharaktere, inhaltlich nimmt der Anime sich jedoch zu viele Freiheiten, um ihn noch eine  originalgetreue Adaption nennen zu dürfen.




Eine weitere schwere Hüde für die Anime-Studios ist es, Niheis skizzenartigen Zeichenstil zu übernehmen. Zwar wäre es vermutlich möglich, den Stil für einen Anime treu zu adaptieren, allerdings könnte die Umsetzung auch Risiken mit sich bringen und potentielle Zuschauer abschrecken. Desweiteren würde Niheis Stil auch nur durch handgezeichnete Animationen richtig zur Geltung kommen.

Allerdings legte Tsutomu Nihei nie den größten Wert auf die Detailverliebtheit seiner Figuren. Nihei begann seine Karriere als Student für Architektur. Hierin liegt seine Passion. Die Gebäude und Umgebungen strotzen nur so vor Details. Es gibt sogar so viel Liebe zum Detail, dass selbst kleinste Schräubchen in den Zeichnungen noch zu erkennen sind. So ist es vermutlich gar nicht verwunderlich, dass das Cover-Artwork für den finalen sechsten Band der neuen Master Edition die Megastruktur deutlich zeigt, während Protagonist Killy eher eine unbedeutende Rolle auf dem Cover einnimmt.

Die neue Master Edition umfasst statt 10 nur noch 6 Bände. Somit finden nun rund zwei Bände des Originals Platz in einer einzigen Ausgabe der Master Edition, die hier im Großformat und erstmals in japanischer Leserichtung präsentiert wird. Und tatsächlich sah Blame! nie beeindruckender aus. Die Megastruktur wirkt durch das große Format gewaltiger als je zuvor. Die Detailverliebtheit ist auf jeder Seite zu spüren. Man könnte meinen, wenn man gleich etwas sagt, könnte durch die gewaltigen illustrierten Hallen ein Echo ertönen.

Die Master Edition ist in den USA aber auch in Deutschland erschienen. In Deutschland erscheint die Edition jedoch als Hardcover-Ausgabe von beeindruckender Qualität. Die Rechte für die Ausgabe liegen nicht mehr bei EMA sondern bei dem noch recht jungen Label Manga Cult (die allerdings zum etablierten Comic-Label Cross Cult gehören). Mit Blame! hat das Label gleich seinen Standpunkt klar verdeutlicht, welche art von außergewöhnlichen Titeln man ins Programm fortan aufnehmen wird. Der Erfolg der Master Edition (die auch komplett neu übersetzt wurde) und auch der sehr wahrscheinliche Gewinn einer neuen Zielgruppe schienen jedoch noch mehr positive Effekte zu haben, denn ende 2018 veröffentlichte EMA eine Luxury Edition zu Niheis Endzeit Manga "Biomega". Die Luxury Edition beinhaltet auf über 1000 Seiten die gesamte Serie. Ein weiteres Werk welches zur Zeit seiner Veröffentlichung in Deutschland von Manga-Fans nur wenig Aufmerksamkeit erhalten hat.

Blame!, das ist übrigens auch der SFX-Sound im Manga, der von Killys Waffe ausgeht. Allerdings macht die Waffe im Manga eigentlich nur Blam und nicht Blame!. Wenn Wolverines Klingen aus Adamtium aus seinen Fingerknöcheln fahren machen sie Snikt! Nihei sah hier wohl interessante Parallelen zu Blame! als er diesen Wolverine Comic 2004 zeichnete. Nach SFX-Sounds benennt Tsutomu Nihei seine Werke nicht mehr. Es erfreut mich jedoch, dass er weiterhin mit neuen Werken aktiv der Manga-Szene erhalten bleibt, Verlage aber auch wieder auf seine älteren Werke aufmerksam geworden sind. Ein Trend, der sich gerne so fortsetzen darf.


Mehr Blame!: Das Prequel NOISE erscheint am 09.04.19 als Hardcover bei Manga Cult