Archiv: Rezensionen zu Literatur und Film

Freitag, 19. Mai 2017

Rezension: Geständnisse (Kanae Minato)



(Foto: ©Ayako Shimobayashi)




Japan 2008

Geständnisse
Originaltitel: Kokuhaku
Autorin: Kanae Minato
Verlag: C. Bertelsmann
Übersetzung: Sabine Lohmann nach einer englischen Übersetzung von Stephen Snyder
Veröffentlichung: 27.03.2017 beim C. Bertelsmann Verlag
Genre: Gesellschaftsdrama, Mystery-Thriller (Iyamisu)



"Ich frage mich, was für ein Bild die Leute sich wohl von dieser Lunacy machen. Überlegt mal, würde eine schöne junge Frau sich freiwillig als unzurechnungsfähig bezeichnen? Wenn man von Gesetzes wegen keine Bilder von jugendlichen Mördern veröffentlichen darf, warum dann die Leute dazu verleiten, sich jemand Hübsches vorzustellen? Besser, man würde stattdessen ein fingiertes Bild von der Person unter die Leute bringen, ein Foto von einer bösartig grinsenden Verrückten. Warum denn nicht zeigen, was für eine Sorte Mensch so jemand ist? Wenn wir sie stattdessen in Watte packen und jede Menge Aufhebens um sie veranstalten, bestärken wir sie dann nicht noch in ihrem Narzissmus? Und werden sich dann nicht noch mehr törichte Kinder dazu angeregt fühlen, sie zu verehren? Und vor allem, wenn ein Kind ein derartiges Verbrechen begeht, obliegt es dann nicht den Erwachsenen, so diskret wie möglich damit umzugehen und dem Verbrecher die Schwere seines Vergehens unmissverständlich klar zu machen? Diese Lunacy wird ein paar Jahre in irgendeiner Erziehungsanstalt verbringen, vielleicht irgendeine Art von Abbitte verfassen, und dann zurück in die Gesellschaft entlassen werden, sehr wohl wissend, dass sie als Mörderin straffrei davongekommen ist."
(Geständnisse: Kanae Minato. Verlag: C. Bertlesmann. Übersetzung: Sabine Lohmann)



Die grundlegende Frage, die im Vorfeld geklärt werden muss: Wer hat sich denn nun verspätet? Die deutsche Übersetzung zu Kanae Minatos "Kokuhaku", oder meine Besprechung zur hier präsentierten Ausgabe? Nun, ich bin mal so bescheiden und markiere hier ein Unentschieden. Diese leicht sarkastische Bemerkung ist hier natürlich nicht an den Verlag gerichtet, sondern an die deutsche Leserschaft, die über die Jahre hinweg von "Autoren" wie Fitzek, Tsokos und Co. durch Krimis vom Fließband literarisch beschallt wurde. Ein Roman wie "Geständnisse" wird an vielen Lesern wohl vorbeirauschen, was überaus schade ist. Zum einen, weil es ein Verlust für jeden Fan spannender Literatur ist, zum anderen aber auch, weil die geringe Beachtung solcher Titel dafür sorgt, das die Verlage sich von der japanischen Literatur noch weiter distanzieren. Im Fall von Geständnisse, so scheint der C. Bertelsmann Verlag hier aber wohl doch einen Treffer gelandet zu haben. Der Roman kam bei sämtlichen Kritikern gut an und fand selbst eine besondere Erwähnung in der Sendung "Druckfrisch" von Literaturkritiker Denis Scheck.

Obwohl Leser meines Blogs meine ausufernden Abschnitte über den Inhalt eines Buches so langsam kennen dürften, so werde ich diesen Teil aber diesmal bewusst verkürzen. Einen Roman wie Geständnisse sollte man völlig unvoreingenommen angehen. Es reicht völlig aus, sich die kurze Inhaltsangabe auf der Rückseite des Schutzumschlages der deutschen Ausgabe durchzulesen. Meiden sollte man dafür die ausführliche Inhaltsangabe, die auf der Innenseite des Schutzumschlages zu finden ist, sobald man den Buchdeckel öffnet. Genau das dürfte auch die Intention der Autorin sein. Der Leser soll sich zurücklehnen, sich in Sicherheit wiegen und sich von der Autorin führen lassen. Bis zur ersten Offenbarung braucht Kanae Minato etwas über 20 Seiten, von da an nimmt die entspannte Unterrichtsstunde eine unerwartete Wendung und driftet förmlich in einen furchtbaren Alptraum ab.

Geständnisse hält sich nicht mit einem ausufernden Prolog auf, sondern führt direkt zum Kern der Geschichte. Anfangs wird der Leser noch sehr verdutzt sein. Die Eröffnung liest sich wie der Monolog einer Person, die am Rande des Wahnsinn ist und Selbstgespräche führt. Es gibt keine Wörtliche Rede oder andere, zigfach durchgekaute Stilmittel dieses Genres. Genau das macht die Eröffnung von Geständnisse so einzigartig. Schon auf den ersten Seiten wird der Leser mit Yuko Moriguchi konfrontiert, einer Lehrerin, die ihrer Klasse einen letzten Vortrag hält, weil sie anschließend ihren Beruf als Lehrkraft aufgeben wird. Schnell wird klar, dass Moriguchi hier keinen gewöhnlichen Vortrag hält. Man wird die Frau als altklug und unterkühlt ansehen, als eine Lehrerin, die ihre Schüler ihre gesamte Laufbahn eigentlich immer nur als Belastung ansah. Je weiter der Vortrag aber geht, umso mehr wird auch der Leser wissen, dass hier weder Moriguchi, noch aber die Schüler diese Geschichte unbeschadet überstehen werden.

Die Gesellschaftskritik in Geständnisse wird sehr schnell deutlich. Auch wenn hier sehr speziell typisch japanische Probleme (Schulsystem, Jugendstrafrecht etc.) im Mittelpunkt stehen, so sollten auch westliche Leser keine all zu großen Probleme haben, die hier geschilderte Gesellschaftskritik nachvollziehen zu können. Es sind auch, rund 9 Jahre nachdem der Roman in Japan erschienen ist, noch immer aktuelle Themen. Kanae Minato schreckt hier auch nicht zurück, Taten auf wahren Begebenheiten in ihre Geschichte mit einzuweben. Das prominenteste Beispiel sind hier wohl die bizarren Morde von Kobe aus dem  Jahr 1997, wo ein damals 14 jähriger Schüler (in der Öffentlichkeit nur als "Junge A" bekannt) einer Junior High School zwei Grundschüler auf bestialische art und weise ermordet hat. Dieser Fall sorgte in Japan dafür, dass das Jugendstrafrecht im Jahr 2001 von 16 auf 14 gefallen ist und noch einige andere gesellschaftliche Revisionen mit sich führte (einige Jahre später erhielten auch Videospiele in Japan vorgeschriebene, strenge Altersfreigaben, die auch heute noch nicht gelockert sind).

Gerne wird Geständnisse mit "Gone Girl" von "Gillian Flynn" verglichen. So heißt es, Geständnisse sei die japanische Antwort auf Gone Girl. Nicht nur ist Gone Girl aber rund 4 Jahre später erschienen, auch thematisch haben beide Werke, ausgenommen einiger Parallelen rund um die drastischen Beschreibungen einiger Passagen sowie die vielen unerwarteten Wendungen, absolut nichts gemeinsam. Ich fand Gone Girl, zu meiner Überraschung, ziemlich gelungen und kann interessierten Lesern nur raten, beide Werke nicht miteinander zu vergleichen. Viel mehr schlägt Geständnisse eher in eine Kerbe wie Battle Royale. Mag der Vergleich anfangs kurios wirken, so werden die Gemeinsamkeiten im laufe der Geschichte deutlich.

Im Jahr 2010 verfilmte der japanische Regisseur Tetsuya Nakashima, geprägt von seinem Stil, äußerst erfolgreich den Roman von Kanae Minato. Ich muss sogar gestehen, die großartige Eröffnung von Geständnisse erzielt im Film durch die geniale Inszenierung eine sogar noch größere Wirkung. Man kann sagen, Nakashima ist dem Roman relativ treu gefolgt. So treu gefolgt, wie es bei über 100 Minuten Spielzeit möglich ist. Der Roman glänzt jedoch von großartig beschriebenen Charakteren und, ganz besonders, die Entwicklung der Charaktere. Etwas, was in einer Filmadaption meistens, wenn nicht sogar immer, den Kürzeren zieht. Der Roman erscheint in der Gesamtwertung logischer, runder und vollkommener. Dies darf aber in keinster weise die gelungene Adaption von Nakashima abwerten. Ich empfehle jedoch, da man nun endlich die Möglichkeit zur Auswahl hat, das Buch zu lesen bevor man den Film schaut.

Jetzt folgt noch ein kurzer Abschnitt, der mir dann doch sehr am Herzen lag. Die Übersetzung. In meiner Vorschau zu Geständnisse habe ich bereits im Vorfeld kritisiert, die hier vorliegende deutsche Übersetzung von Sabine Lohmann basiert auf einer englischen Übersetzung von Stephen Snyder des Mulholland Verlags. Gründe, wieso man sich hier gegen eine Übersetzung aus dem Japanischen entschieden hat, gibt es viele. Der Hauptgrund werden wohl die zusätzlichen Kosten gewesen sein. Dafür steht jedoch für eine Hardcover-Ausgabe ein attraktiver Preis von 16,99 Euro als Pro-Argument im Raum. Wichtig ist jedoch, ob die deutsche Übersetzung gut lesbar ist. Und genau dies ist hier der Fall. Die Übersetzung liest sich absolut flüssig, die Auswahl der Begriffe ist ebenfalls optimal gewählt. Als Referenz fehlt mir natürlich hier die japanische Ausgabe (die ich an sich nicht beurteilen könnte), aber auch die englische Ausgabe hielt ich noch nie in den Händen (wobei ich mir hier eine Leseprobe hätte zusenden lassen können, was ich aber, ebenfalls bewusst, nicht getan habe, um am Ende nicht voreingenommen zu wirken, wenn ich die deutsche Übersetzung lese). Auch wenn ich, und daran wird sich nichts ändern, immer eine Übersetzung aus der ursprünglichen Sprache vorziehe, an der Übersetzung von Sabine Lohmann gibt es nichts auszusetzen, dementsprechend sehe ich hier aktuell keinen Verlust in der gesamten Qualität der Übersetzung.




Resümee

Geständnisse gehört sicherlich mit zu den einflussreichsten japanischen Romane der vergangenen 10 Jahre. Nun kommen auch endlich deutsche Leser in den Genuss dieses starken Romans einer hierzulande unbekannten, jungen Autorin. Geständnisse war als Film schon bildgewaltig, aber auch die Romanvorlage muss sich hier absolut nicht verstecken. Bitterböse Gesellschaftskritik trifft Mystery-Thriller. Ein frisches, unverbrauchtes Gesamtpaket. Man sollte dieses Buch luftdicht versiegeln, damit uns diese Frische auch noch über Jahre erhalten bleibt, die sonst einmal mehr von der endlos langweiligen Monotonie der Massenware zurückgedrängt wird.

Sonntag, 7. Mai 2017

Tag 7 Review: Shin Godzilla






Japan 2016

Shin Godzilla
Originaltitel: Shin Gojira
Regie: Hideaki Anno, Shinji Higuchi
Drehbuch: Hideaki Anno
Darsteller: Hiroki Hasegawa, Yutaka Takenouchi, Satomi Ishihara, Ren Osugi, Shinya Tsukamoto, Jun Kunimura
Laufzeit: Circa 120 Minuten
Genre: Kaiju, Katastrophenfilm, Satire
Verleih: Splendid
Premiere (Deutschland): 03.05.17 - 05.05.17 (limitiertes Kino-Event)
FSK: Ab 12



Wirft man die Namen einfach lose in die Runde, so scheint es zwischen dem grünen Kult-Monster Godzilla und Evangelion-Schöpfer Hideaki Anno nicht viele Gemeinsamkeiten zu geben (wobei ich nicht ausschließen würde, dass Anno dazu in der Lage ist, einen hochkonzentrierten Energiestrahl abzufeuern). Geht man aber etwas mehr ins Detail, fallen schnell zwei Gemeinsamkeiten auf. Sowohl Godzilla als auch Anno haben in ihren Bereichen Geschichte geschrieben. Das Filmstudio Toho verdiente Millionen mit Godzilla, Anno hingegen revolutionierte mit seiner Anime-Dystopie Neon Genesis Evangelion (Shin Seiki Evangelion) dieses Genre für immer. Während Godzillas erster Auftritt bereits über 60 Jahre zurückliegt, so gehört Evangelion aus dem Jahr 1995 (und noch immer steht ein finaler Kinofilm aus) zur modernen Popkultur. In den vergangenen Jahren ist es jedoch ruhig geworden, sowohl um Godzilla, als aber auch Hideaki Anno. Immer wieder bestätigt Anno, wie sehr ihm die Produktion an neuen Filmen aus dem Evangelion-Universum zusetzen und er mental regelrecht ausgemergelt ist, jedoch häufig Trost und Ruhe von seiner Frau erfährt. Die beiden Giganten schwächelten ein wenig und es liegt eine harte Zeit hinter den beiden Kultfiguren. Zeit für ein Reboot? Ein Reboot für Godzilla und Anno? Gar nicht mal so eine schlechte Idee, wird sich auch Toho gedacht haben.




Toho verkündete es damals selbst, mit Godzilla - Final Wars (Regie: Ryuhei Kitamura) sollte 2004 das riesige Monster in Rente gehen. Danach würde nichts mehr kommen. Mit Legendary Pictures erlangte erstmals seit dem Emmerich-Fiasko aus dem Jahr 1998 ein ausländisches Studio die Godzilla-Lizenz von Toho. Gareth Edwards (Rogue One) kreierte 2014 ein Teil-Reboot, was irgendwo zwischen Fortsetzung des Ur-Godzillas und Neuinterpretation pendelte. Trotz einer Überlänge und einer eher geringen Screentime von Godzilla selbst, wurde der Film von Kritikern und Fans akzeptiert und auch gelobt, an den Kinokassen war er sogar ein großer Erfolg. Dieser Erfolg imponierte Toho so sehr, dass sie es selbst noch einmal wissen wollten und planten mit "Shin Gojira" ein komplettes Reboot des Franchise. Man setzte alle Uhren auf 0 und das einzige, was den Produzenten zu einem erfolgreichen Reboot des Franchise verhelfen würde, war ein Regisseur, der sich nicht nur mit der Materie auskennt, wie man Tokyio filmisch in seine Einzelteile zerlegt, sondern auch das richtige Händchen dafür hat, so eine fiktionale Katastrophe gekonnt in Szene zu setzen. Es war beinahe eine logische Schlussfolgerung, dass die Wahl nur auf Hideaki Anno fallen konnte.

Anno jedoch für das Projekt zu gewinnen war nicht einfach. Seine Fans warten seit Jahren sehnsüchtigst auf den Abschluss der Evangelion Kinofilm-Saga. Ein vierter und letzter Film fehlt noch, genau den wollte Anno fertigstellen, bevor er mit dem Thema abschließen könne. Während Anno selbst skeptisch war, konnten die Produzenten bei Toho jedoch den ein oder anderen Mann aus Annos Team für das Godzilla-Reboot gewinnen. Die Überzeugungskräfte von Annos langjährigen Weggefährten war am Ende aber zu groß, um diesem Projekt eine Absage zu erteilen.

Die Marschrute für Shin Godzilla war schnell klar. Man musste erst einmal dem neuen Titel gerecht werden. Das Wort "Shin" kann in der japanischen Sprache vielseitig genutzt werden. Allen voran steht es für "Neu",  kann aber auch für "Echt" stehen. Je nachdem, mit welchem Kanji man das Wort schreibt, erhält man meistens einen Begriff, der zutreffend für Shin Godzilla ist. Oberste Priorität war es, alles auf Anfang zurückzusetzen und dabei das Original aus dem Jahr 1954 zu ignorieren (obwohl man es mit Fortsetzungen und Chronologie an sich nie wirklich genau genommen hat, der 1954 Film war aber meistens stets der Ausgangspunkt). Die Essenz des Originals durfte aber nicht verloren gehen. Der US-Godzilla aus dem Jahr 2014 hat es vorgemacht, Godzilla ist nicht das nette Monster aus der Nachbarschaft. Godzilla muss in erster Linie ein zerstörungswütiger Gigant sein, der nahezu unverwundbar ist. Doch der Titel "Shin" würde keinen Sinn ergeben, wenn wir es hier mit dem gleichem Godzilla zu tun hätten, der schon so oft Städte den Erdboden gleichgemacht hat. Der "Shin Godzilla" ist anders. Er verfügt über Metamorphosen. Jede einzelne Metamorphose macht das Monster noch mächtiger und praktisch unverwundbar. Dem Monster diesen Twist zu verleihen, das war etwas, wozu praktisch nur Hideaki Anno fähig war. Fans von Neon Genesis Evangelion werden hier unglaublich viele Gemeinsamkeiten mit den Engeln wiederfinden und dein ein oder anderen "Aha-Effekt" erleben.

Doch was geschieht abseits von Godzillas neuen Fähigkeiten? Erst einmal, Godzilla hat relativ viel Screentime in Shin Godzilla. Auch wenn ich nun nicht mit der Stoppuhr im Kino saß, so kommt jeder Fan des Monsters auf seine Kosten. Anno, der auch das Drehbuch geschrieben hat, trennte sich noch von einigen Nebenhandlungen wie einem Familiendrama und einer Liebesgeschichte. In Shin Godzilla gibt es keinen furchtlosen Held oder Wissenschaftler, der sich zum Wohl des Landes opfert, hier ist gleich die ganze japanische Regierung Godzillas neuer Gegner. Politiker und Bürokraten gegen die gigantische Riesenechse. Ein aussichtsloser Kampf? Da will ich nicht zu viel verraten. Doch hier kommen wieder Annos Stärken ins Spiel. Gesellschaftskritik und Satire. Der Film wandelt auf einem schmalen Grad zwischen Katastrophenfilm und Satire. In einer Szene lacht man noch über den Premierminister (übrigens großartig verkörpert von Ren Osugi), in der nächsten Szene passiert wiederum ein großes Unglück. Ein klarer Wink an das 2011 Erdbeben in der Tohoku-Region, welches einen verheerenden Tsunami mit sich führte und zu einer Kernschmelze im Kernkraftwerk von Fukushima führte. Der Film spricht die Katastrophen nicht direkt an, allerdings ist es unschwer zu erkennen, woran sich der Film orientiert.




Anders als noch im Jahr 1954, so hat sich auch die Technik der japanischen Filmkunst wesentlich gesteigert. Man weiß nun besser, geschickter mit CGI umzugehen. Was das für Shin Godzilla bedeutet? In den meisten Szenen können die Computereffekte auf ganzer Linie überzeugen. Hier und da gibt es aber auch mal die ein oder andere Szene, wo die Effekte relativ billig wirken können. Allerdings dürfte das für viele Godzilla-Fans ein Aspekt sein, den man eher als interessant statt negativ bewertet. So ist es wenig überraschend, auch der Shin Godzilla besteht komplett aus CGI, auch wenn man manchmal immer noch das Gefühl hat, hier könnte ein Schauspieler unter einem Latexkostüm stecken. Dieser Look war jedoch so gewollt. Ist Godzilla erst einmal am wüten, so sind dabei einige wundervolle Effekte entstanden, die beweisen, dass das Konzept vollends aufgegangen ist. Untermalt werden diese Szenen oftmals mit dem original Godzilla-Theme von Akira Ifukube. Und was die Evangelion-Fans angeht, bei der Musik könnt ihr erneut eure Finger reiben, denn da wird es noch eine kleine Überraschung geben.

Mit einer Laufzeit von 2 Stunden haftet auch Shin Godzilla eine leichte Überlänge an. Anders als bei der 2014 US-Version schafft Shin Godzilla es aber, den Leerlauf besser zu kompensieren. Und das ohne einen festen Cast an Protagonisten. Bei Shin Godzilla ist es das gesamte Kollektiv, was hier auch außerhalb der actionreichen Szenen noch für Unterhaltung sorgt. Es sei jedoch gesagt, die politische Natur ist dem Film nicht von der Hand zu weisen. Auch sollte man mit dem Thema Japan - Kultur, Politik und Popkultur schon vertraut sein, um besonders die Szenen mit satirischen Hintergründen unbeschwert genießen zu können. Leider lief die Version mit O-Ton nur ein paar Tage später zu einer grausamen Uhrzeit, von daher kann ich hier nur über die deutsche Vertonung reden. Doch hier hat Splendid gute Arbeit geleistet und recht interessante Sprecher gewählt, was immer mehr zu einer Seltenheit bei japanischen Filmen wird. Der Humor kommt durchaus auch in der deutschen Vertonung nicht zu kurz.

Schauspielerisch findet man neben routinierten Darstellern wie Ren Osugi und Jun Kunimura auch eine menge noch recht junger Darsteller, die, auch das ist eine kleine Überraschung, bereits in der Live-Action Verfilmung von Attack on Titan mitgespielt haben. Als zweiter Regisseur war hier ebenfalls noch Shinji Higuchi tätig, der für die ziemlich verunglückte Adaption von Attack on Titan als alleiniger Regisseur verantwortlich war. Auch gibt es noch viele interessante Cameo-Auftritte in Shin Godzilla, insgesamt 6 bekannte japanische Regisseure sind hier zu finden. Für westliche Zuschauer wird wohl die Rolle von Shinya Tsukamoto (Tetsuo) am relevantesten sein.




Resümee

Mit minimalen Schönheitsfehlern steuert Shin Godzilla beinahe die Höchstwertung in meinem Ranking zu. Hideaki Anno liefert hier nach vielen Jahren mal wieder einen relevanten Kinofilm aus Japan ab. Vielleicht sogar einen der relevantesten Filme seit Kinji Fukasakus Filmadaption zu Battle Royale aus dem Jahr 2000. Fans von Godzilla und Anno werden sowieso auf ihre Kosten kommen, aber Shin Godzilla besitzt auch die Fähigkeit, Leute mitzureißen, die mit dem japanischen "Kaiju-Genre" (Monsterfilme) relativ wenig zu tun haben. Die Themen im Film sind aktuell und mit feinem Humor teilweise herrlich überspitzt. Im Kern bleibt aber Shin Godzilla das, was er schon immer war, ohne seinen Charme einbüßen zu müssen. Ein gigantischer Katastrophenfilm, sowohl hinter als auch vor der Kamera exzellent besetzt. Splendid gebührt hier noch der Dank, dass sie den limitierten Release in deutschen und einigen österreichischen Kinos möglich gemacht haben. Hoffen wir mal, dass das Projekt anklang fand. Der Heimkino-Release wird bereits voller Sehnsucht erwartet.

Sonntag, 30. April 2017

Tag 7 Review: Ghost in the Shell





USA 2017

Ghost in the Shell
Regie: Rupert Sanders
Vorlage: Shirow Masamune
Darsteller: Scarlett Johansson, Pilou Asbæk, Takeshi Kitano, Juliette Binoche, Michael Pitt
Laufzeit: Circa 107 Minuten
Genre: Science Fiction, Cyberpunk
Verleih: Paramount Pictures
Premiere: 30 März 2017
FSK: Ab 16




In Zeiten von IMDb, Metacritic und Rotten Tomatoes haben es Filme bereits im Vorfeld nicht einfach. Schuld daran sind weniger die Seiten mit ihrem Konzept an sich als viel mehr ihre toxischen Communities, die nicht selten über Erfolg oder Niedergang eines Blockbusters mit entscheiden. Erst kürzlich hat die IMDb eine Revision präsentiert, bei der die Foren-Einträge der Benutzer komplett von den Seiten der Filmeinträge entfernt wurden. Ein kleiner, aber wichtiger Schritt um den immer giftiger werdenden Communities vorzubeugen. Bei all dem Gift, was versprüht wird, so war es dann am Ende auch nicht verwunderlich. dass die Allgemeinheit im Netz vorab weniger über die erste Ghost in the Shell Live-Action Adaption gesprochen hat, als viel mehr über Scarlett Johanssons Frisur und der neu entflammten "Whitewashing-Affäre".

Abseits der üblichen Diskussionen im Netz standen aber andere, wesentlich wichtigere Punkte im Mittelpunkt, die betreffen natürlich die Adaption an sich. Keine Frage, Mamoru Oshii's Anime-Adaption aus dem Jahr 1995 zu Shirow Masamunes Manga war wegbereitend für die japanische Animationskunst im Westen. Bereits in den 90ern kannte das westliche Publikum zwar das Studio Ghibli, aber einem Hayao Miyazaki fehlte damals außerhalb Japans einfach noch jener Einfluss, seine Filme einem reiferem Publikum zugänglich zu machen. Mamoru Oshii gelang mit seinem düsteren Cyberpunk-Ansatz jedoch genau dieser Schritt. Ghost in the Shell, eine humorlose und wesentlich ernstere Variante als Masamunes Originalvorlage, profitierte seinerzeit natürlich auch von dem Erfolg, den Terminator 2 einige Jahre zuvor weltweit feierte. Hollywood wurde, ganz überraschend, auf einen japanischen Zeichentrickfilm aufmerksam, der aber ausschließlich für ältere Zuschauer entwickelt wurde. So blieben die Lobpreisungen von James Cameron persönlich nicht aus. Man könnte sagen, es war die angenehme Konsequenz dieses Erfolges.

Die Jahre verstrichen, Oshii lieferte 2004 eine großartige Spielfilm-Fortsetzung zum Original ab (Innocence) und auch im Bereich der animierten TV-Serien startete mit Stand Alone Complex das Ghost in the Shell Franchise durch und feierte 2 hochgelobte Staffeln. Neben den Erfolgen gab es über die vielen Jahren immer wieder Gerüchte und Konzepte zu einer Hollywood-Verfilmung des Franchise. Zahlreiche Regisseure wurden genannt (darunter auch Cameron selbst) und noch wesentlich mehr Studios kamen ins Gespräch, die angeblich eine Verfilmung planten. Am Ende dieser langen Reise dauerte es dann 22 Jahre, bis eben jene Hollywood-Verfilmung realisiert wurde.

Eine Kollaboration zwischen Dream Works und Paramount als Studios, Avi Arad als Produzent und Scarlett Johansson als beinahe schon völlig logische Auswahl für die Rolle des Majors. Das der Brite Rupert Sanders jedoch als Regisseur auserkoren wurde, war die viel größere, ja, vielleicht sogar die einzige Überraschung. In seiner Vita hat Sanders nichts nennenswertes bis auf "Snow White and the Huntsman" vorzuweisen. Überhaupt muss man schon zu den optimistischeren Filmfans gehören, jenen "Show White and the Huntsman" als Bewerbung für ein ambitioniertes Projekt wie Ghost in he Shell zu nennen. Ob Sanders die erste Wahl war, darüber kann ich persönlich nur mutmaßen. Gibt es mit Regisseuren wie Villeneuve (Arrival), Johnson (Looper) und Garland (Ex Machina) doch Leute, die im Science Fiction Genre in den letzten Jahren für eine kleine Renaissance gesorgt haben. Schaut man sich aber nur einmal an, wie beschäftigt diese Leute sind, war wohl relativ schnell klar, dass man diese Herren wohl nicht für das Projekt wird gewinnen können (Villeneuve arbeitet aktuell an Blade Runner 2, Johnson an Star Wars: Episode VIII).

Rückblickend auf den gesamten Film hat sich Rupert Sanders hier aber nicht als Notlösung gezeigt, sondern als ein unglaublich fähiger Regisseur mit einer festen Vision. Bereits die ersten Trailer im letzten Jahr haben gezeigt, dass die Crew weiß, wie man mit CGI umzugehen hat um ein ansprechendes Sci-Fi Setting zu erschaffen. Filmisch, aber auch inhaltlich, macht, den Vorab-Kritikern zum Trotze, die westliche Ghost in the Shell Adaption eine menge richtig. Natürlich muss man immer wieder bedenken, dass der Film, und da machen weder Sanders noch das Drehbuch ein großes Geheimnis draus, auf Unterhaltung ausgelegt ist um ein möglichst breites Publikum zu unterhalten. Ein Beweis dafür ist die zahme PG-13 Freigabe, die sich aber eher als Borderline PG-13 entpuppt und keine Verharmlosungen zelebriert, wie es zum Beispiel Suicide Squad tut. Die Entfernung des synthetischen Cyborg-Blutes dürfte den Film wohl in letzter Instanz vor einem R-Rating bewahrt haben.

Bereits zu Beginn des Filmes und seinem furiosem Auftakt bekommt man einen Vorgeschmack auf die hoch entwickelten Technologien, die es in dieser Filmwelt zu bestaunen gibt. Man behält die Computereffekte unter Kontrolle, sie entgleisen nicht und wirken somit nicht billig oder aufgesetzt (etwas, woran sich Tim Burton in seiner letzten Entgleisung ins Wunderland mal ein Beispiel nehmen sollte). Umstrittene Besetzungen wie Johansson als Major und "Beat" Takeshi Kitano als Aramaki überzeugen überraschenderweise auf Anhieb. Auch als großer Bewunderer Kitanos viel es mir schwer, den großen Zampano als Daisuke Aramaki vorzustellen, Leiter und Taktik-Genie der fiktionalen Sektion 9 Spezialeinheit.

Von sämtlichen  philosophischen Aspekten, die für die Reihe bekannt sind, komplizierten Theorien und Wissenschaften sowie komplexen Fällen der Sektion 9, muss man sich als Zuschauer vorzeitig verabschieden. Wenig überraschend und praktisch vorhersehbar, dass es so kommen musste. Genau genommen ist Ghost in the Shell viel mehr ein Prequel, wie sich Sektion 9 formiert (ähnlich wie in der noch immer neusten Anime-Adaption Arise: Ghost in the Shell). Die Geschichte des Films ist größtenteils eine Eigenkreation, borgt sich dafür aber geschickt Elemente aus allen verfügbaren Ghost in the Shell Umsetzungen. Pate standen hier beide Animationsfilme von Oshii sowie die zweite Staffel der Serie Stand Alone Complex. Hatte ich am Anfang noch die Befürchtung, die Verfilmung könnte schamlos sämtliche Szenen und Ideen aus dem vorhandenem Material klauen, so hat man sich bewusst auf eine handvoll von Szenen geeinigt, die man äußerst gelungen in die Verfilmung implementiert hat. Auch hier überzeugt erneut der gute Einsatz von CGI, der die Realisierung solcher Szenen erst einmal ermöglicht hat.

Was die Entwicklung der Charaktere angeht, so legte man den Fokus beinahe hauptsächlich auf den Major, Batou und Aramaki aus der der Sektion 9. Auch in dieser Verfilmung ist der wahre Gegenspieler eher eine komplette Organisation als ein einzelnes Individuum. So ist es etwas schade, dass die Entwicklung des Cyborgs "Kuze" auf der Strecke bleibt. Leider ist die geringe Entwicklung Kuzes unweigerlich auch mit dem Schicksal des Majors (Johansson) gekoppelt, und so geht die doch sehr vielversprechende gemeinsame Geschichte der beiden leider aufgrund des Zeitdrucks unter. Diese vermeintliche Liebesgeschichte der beiden Figuren wird nahezu meisterhaft in der zweiten Staffel von Ghost in the Shell: Stand Alone Complex erzählt und wirkt in der Verfilmung aufgrund des straffen Zeitplans eher aufgesetzt und unglaubwürdig und wird die Zuschauer sicherlich nicht emotional aus den Sesseln reißen.

Bis auf die überschaubaren inhaltlichen Schwächen und den fehlenden philosophischen Aspekten haben wir hier aber einen ziemlich gelungenen Science Fiction Film, der praktisch alles richtig macht, wo man ihm ein Scheitern prognostiziert hat. Für einen Heimkino-Release wäre sogar noch mehr drin, wenn sich Sanders und der Verleih dazu entscheiden, dem Film vielleicht eine noch etwas längere Fassung zu spendieren.



Resümee

Es wurde nicht nur der berüchtigte Worst Case vermieden, auch darüber hinaus, hier nicht nur keinen Rohrkrepierer abzuliefern, sondern durchaus auch einen sehenswerten Science Fiction Film, da kann sich Ghost in the Shell als Gewinner bezeichnen. Damit war nicht unbedingt zu rechnen. An den Kinokassen lag der Film trotz Johansson-Bonus weit hinter den Erwartungen zurück. Die Produktionskosten sind unlängst aber wieder eingespielt und die Konzentration wird hier wohl erneut mal wieder auf dem Heimkino-Markt liegen, wo der Film definitiv noch zufriedenstellende Umsätze feiern wird.

Bedenkt man einmal, in welch schlechtem Licht Live-Action Adaptionen zu bekannten Manga und Anime stehen (für dessen zweifelhaften Ruf besonders etliche Low Budget Produktionen aus Japan verantwortlich sind, Attack on Titan lässt grüßen), ist das Endergebnis bei der Ghost in the Shell Verfilmung eindeutig hoch einzuschätzen. Ob all das reichen wird, dem Film eine Fortsetzung zu schenken, darf bezweifelt werden, aber auch wenns bei der einmaligen Sache bleibt, werden Verantwortliche aber auch Fans vermutlich versöhnlich zurückblicken. Und im Zeitalter von Netflix ist zumindest die digitale Zukunft des Projektes bestimmt noch nicht vom Tisch.

Samstag, 29. April 2017

Rezension: Der Dieb (Fuminori Nakamura)


(Foto: © Sodo Kawaguchi) 



Japan 2009

Der Dieb
Originaltitel: Suri
Autor: Fuminori Nakamura
Verlag: Diogenes
Übersetzung aus dem Japanischen: Thomas Eggenberg
Genre: Unterwelt-Drama



"Ishikawa hatte nicht nur eine flinke Hand, sondern auch ein geschliffenes Mundwerk. Früher hatte er oft seine Jobs gewechselt und sich nur als Taschendieb betätigt, wenn er Geld brauchte. Bevor wir uns begegneten, war er in einer berüchtigten Gruppe von Kapitalanlagebetrügern aktiv gewesen.
>>Wenn ich mich wie unsichtbar durch die Menge bewege, ist das ein besonderes Gefühl. Erleben wir Zeit, je nach Situation, nicht mehr oder weniger intensiv? Wenn du zockst oder irgendeinen Investitionsschwindel aufziehst, spürst du die gleiche prickelnde Anspannung. In dem Moment, wo du das Gesetz übertrittst, wo du mit einer Frau aus dem Yakuza-Milieu schläfst oder sonst mit einer, die total crazy und unberechenbar ist - in dem Moment wird dein Bewusstsein extrem stimuliert, es zieht dich rein, und du hebst ab ... Diese verrückte Erfahrung, dieser Rausch gibt sich aber nicht mit dem einen Mal zufrieden. Er verlangt nach Wiederholung, nach Abwechslung, gierig, unersättlich. Er treibt dich an, wie ein zweites Ich in dir. Will noch einmal dieses Gefühl, noch einmal jenes Gefühl auskosten ... In meinem Fall ist es die Kunst des Klauens. Das gibt mir den größten Kick.<<"
(Der Dieb: Fuminori Nakamura. Verlag: Diogenes. Übersetzung: Thomas Eggenberg)



Ein Buch, welches mich auf meiner stressigen Zeit im April begleitet hat war, "Der Dieb" von Fuminori Nakamura. Ich muss zugeben, ich hatte das Buch vor einigen Wochen zufällig unter den Taschenbuch-Neuheiten in der Buchhandlung entdeckt und kannte den Autor zuvor überhaupt nicht. Interessant zu wissen ist jedoch, der Name "Fuminori Nakamura" ist ein Pseudonym, etwas, was den jungen Autor von einer gewissen mysteriösen Atmosphäre umhüllt. Der Name mag ein Pseudonym sein, der Erfolg in seiner Heimat ist nicht ausgedacht, sondern basiert auf Tatsachen. Besser gesagt, Verkäufen. Mit 39 Jahren gehört Nakamura mitunter zu den Auflagenstärksten Autoren in Japan. 2005 gewann er den begehrten "Akutagawa Preis", 2010 gewann er den "Oe Kenzaburo Preis" für den hier besprochenen Kurzroman "Der Dieb". Mit der englischen Adaption zu "Der Dieb" machte Nakamura auch im Ausland auf sich aufmerksam und heimste für den Roman zahlreiche Preise ein.

Doch was steckt denn hinter den ganzen Lobpreisungen? Viel Rauch um nichts oder doch frischer Wind in der Weltliteratur? Bevor ich die Frage beantworte, müsst ihr euch noch ein wenig gedulden. "Der Dieb" ist kein Kriminalroman. Die Geschichte könnte schnell in die Krimi-Schublade gelegt werden, was allerdings ein Fehler wäre. Zwar bietet der Roman eine menge Elemente, die auch ein Kriminalroman gerne beinhaltet, "Der Dieb" ist allerdings ein knallhartes Unterwelt-Drama. Der Ich-Erzähler, dem der Titel gewidmet ist, ist ein Verbrecher, dessen düstere Geschichte sich im Verlauf des Romans immer weiter entfaltet (den Name des Diebes werde ich nicht verraten, er ist aber nicht namenlos, so viel sei schon einmal gesagt). Der Leser folgt hier keinen überforderten Kriminalisten oder aber überdurchschnittlich intelligenten Professoren (ohne nun die Werke von Keigo Higashino abwerten zu wollen). "Der Dieb" ist eine schnörkellose Geschichte. Eine Geschichte, in der Blut fließt. Eine Geschichte über zwielichtige Gestalten und der Yakuza (die japanische Mafia). Eine Geschichte über den Kick, den Nervenkitzel, den die Protagonisten bei einer Straftat verspüren.

Wie schon mein zuletzt besprochenes Buch, "Lebensgeister" von Banana Yoshimoto, so ist "Der Dieb" ein Kurzroman. Gerade mal etwas über 200 Seiten ist der Roman lang. Wie aber auch Banana Yoshimotos Roman, so profitiert Nakamuras Roman von dieser Kürze. "Der Dieb" beginnt direkt zum Auftakt furios und nimmt den Leser gleich mit auf einen Beutezug des Ich-Erzählers. Der Leser ist hier der Beobachter, er spürt den selben Nervenkitzel wie der Dieb. Diese Spannung entlädt sich, sobald der Dieb an seine Beute gekommen ist. "Der Dieb" liest sich relativ häufig wie ein Filmscript, und genau dieser Stil macht diese Geschichte so einzigartig. Die Charaktere, die Nakamura geschaffen hat, sind relativ kryptisch beschrieben. Für den Leser werden die Handlungen, ganz besonders die Handlungen des Diebs, erst im Verlaufe der Geschichte klar. Der einzige Haken, der sich hinter der furiosen Erzählweise und vergleichsweise kurzen Länge des Romans verbirgt sind einige sehr krasse Szenensprünge. Auch mit den Namen kommt man manchmal etwas durcheinander. Obwohl ich mich relativ sicher fühle, was japanische Namen angeht, so hätte glaube ich dem Dieb ein kleines Personenregister nicht geschadet. Dies sind jedoch kleinere Aspekte, die nicht den Gesamteindruck trüben werden.

Nakamuras Schreibstil ist geprägt, als schaue man sich einen Film von Fukasaku oder Kitano an. Was die Gewalt in "Der Dieb" angeht, so ist der Vergleich zu den Werken Takeshi Kitanos sogar noch viel passender. Gewalt wird hier als ein Stilmittel benutzt, um den Leser zu verstören. Hier gibt es keine wilden Ballereien mit blutigen Schießereien, dafür kommt die Gewalt jedoch wie ein Knall. Unerwartet für Protagonist und Leser. Dieses Element spielt Nakamura brillant aus und setzt der Spannung an sich noch einmal einen drauf.

Wie man es von Diogenes gewohnt ist, hat man hier erneut aus dem japanischen übersetzen lassen. Thomas Eggenberg liefert einmal mehr eine flüssige Übersetzung ab, die sich ausgezeichnet liest. Wie immer bei Thomas Eggenbert gibt es wieder die ein oder andere, gut platzierte Randnotiz. Auch beim Titel des Buches ist man unglaublich nah am Original geblieben. Der japanische Originaltitel lautet "Suri", was übersetzt so viel wie "Taschendieb" bedeutet. Dazu liefert der Verlag noch ein äußerst passendes Cover-Motiv.


"Draußen hingen die Wolken wie graue, schwere Lappen am Himmel, und es goss in Strömen. Mein Pulsschlag wurde schneller, ich dehnte meine Finger. Ich stellte mir vor, ich würde ein Taxi rufen, in einem belebten Stadtviertel aussteigen und meine Hand in die Taschen der Leute schlüpfen lassen; ich stünde mitten im Gewühl, würde ein Portemonnaie nach dem anderen greifen, mit flinken, präzisen Handbewegungen ... Es hörte nicht auf zu regnen, und mein Puls beruhigte sich nicht. Mach schon!, hörte ich die innere Stimme und versuchte zugleich, sie zu besänftigen."
(Der Dieb: Fuminori Nakamura. Verlag: Diogenes. Übersetzung: Thomas Eggenberg) 



Resümee

Angesiedelt zwischen Kitano und Dostojewski, packt "Der Dieb" zu. Er packt sich nicht nur die Portemonnaies von ahnungslosen Passanten, er packt sich auch seine Leser. Dieser Dieb raubt nicht nur, er zieht die Leser gleichermaßen mit in sein Verderben. All das macht Nakamuras Roman zu einem Erlebnis voller Wendungen, Spannung und Pessimismus. Um also nun die Frage aus dem zweiten Absatz dieser Besprechung zu beantworten, so kann ich beruhigt eine Empfehlung aussprechen. Fuminori Nakamuras Roman ist der frische Wind, der dafür sorgte, dass ich das Buch in wenigen Tagen verschlungen habe. Und obwohl "Der Dieb" kein waschechter Krimi ist, so dürften bei diesem Werk durchaus auch Hobby-Kriminalisten ihre Freude haben. Hoffen wir darauf, dass das umfangreiche Werk von Fuminori Nakamura noch das eine oder andere mal den Weg in die deutsche Sprache finden wird.



"Ich widerstand der Versuchung, nochmals über meine Schulter zu blicken, und dachte, dass es besser gewesen wäre, gar nicht erst hierherzukommen. Ich fühlte die Gegenwart des Turms, der von hier aus nicht zu sehen war, fühlte den unaufhörlichen Regen, die gewaltigen Wolken, aus denen es endlos goss - und sah mich selbst, wie ich in dieser Landschaft meines Weges ging."
(Der Dieb: Fuminori Nakamura. Verlag: Diogenes. Übersetzung: Thomas Eggenberg)

Mittwoch, 19. April 2017

Im Nebel vom Kurs abgekommen



Es sieht ganz danach aus, als habe sich mein kleines Boot im Nebel verirrt und ich habe nicht zurück auf die Insel gefunden! Der Nebel hat sich jedoch gelegt und mein Kapitän musste mir peinlich gestehen, wir waren nur 50 Meter von der Insel entfernt.

Mit anderen Worten, weder ich selbst noch "Am Meer ist es wärmer" ist abgesoffen. Die Pläne für April müssen aus privaten Gründen aber leider ein wenig nach hinten verschoben werden. In wenigen Tagen wird es hier aber weitergehen, also, macht es euch doch einfach schon einmal gemütlich und bereitet euch eine Wärmflasche vor, draußen ist es frisch!