Archiv: Rezensionen zu Literatur und Film

Sonntag, 13. Oktober 2019

Ein Einwürfchen zur Vergabe des Nobelpreises für Literatur 2018/2019





Seit es "Am Meer ist es wärmer" gibt, berichte ich über den Nobelpreis für Literatur. Obwohl die Verleihung für viele Jahr für Jahr an Bedeutung verliert und es durchaus wesentlich angesehenere Preise gibt, wo nicht politische, sondern allein literarische Entscheidungen im Sinne der Literatur von den Gremien gefällt werden. Nicht selten sind die Entscheidungen für den Literaturnobelpreis von kontroverser Natur. Aber man kann ihnen auch nicht vorwerfen, nur kontroverse Entscheidungen getroffen zu haben. Rückblickend muss ich gestehen, es gab mehr Entscheidungen für die Literatur als Medium anstatt kontroverse, politische Auswahlen getroffen wurden. Doch auch Entscheidungen, die mehr in eine politische Richtung gingen wie bei Herta Müller im Jahr 2009, so stellte sich heraus, dass das Werk der deutschen Schriftstellerin, die in Rumänien aufgewachsen ist, eine unglaubliche Relevanz besitzt. Mit Mario Vargas Llosa wurde nur ein Jahr später ein klassischer Romancier für sein gefühlvolles Werk ausgezeichnet. Alice Munro folgte 2013 und Patrick Modiano 2014. Alles klassische Romanciers die eine menge von der Schriftstellerei verstehen. Mit Kazu Ishiguro, der britische Schriftsteller japanischer Herkunft, traf man 2017 sogar eine ausgezeichnete Wahl, die insofern überraschte, weil er erst 1954 geboren ist und genau wie der türkische Schriftsteller Orhan Pamuk aus dem Jahr 2006 noch als relativ jung gilt.

Doch dann gibt es auch immer wieder die kontroverseren Entscheidungen des Gremiums. In dieser Kritik stehen oftmals die weniger bekannten Autoren. Die Autoren, die sich beispielsweise der Lyrik verschrieben haben. In Fachkreisen bejubelt, bei der breiten Masse an Lesern völlig unbekannt gewesen und schwer an sein Werk zu kommen: Thomas Tranströmer aus Schwerden (1931-2015) im Jahr 2011. Es folgte 2012 eine wesentlich umstrittenere Entscheidung, als der Chinese Mo Yan den Preis erhielt. Besonders, da sein Werk im Westen relativ unbekannt war und es immer noch ist, fragte man sich schon, wie das schwedische Gremium auf diesen Namen kam wenn nicht vielleicht eine politische Entscheidung dafür ausschlaggebend war. Gleiches gilt für die Preisträgerin aus dem Jahr 2015 Swetlana Alexijewitsch, die allerdings vorab in Literaturkreisen weltweit anerkannt war.

Im Jahr 2016 kam es dann zu einer Entscheidung, die bis heute eher belächelt wird. Ob es daran lag, den Wettbüros einfach mal in die Karten zu spielen oder ob man sich mit der Entscheidung an eine jüngere Generation heranwagen wollte, aber mit Bob Dylan einen Künstler zu wählen, der nie ein eigenes Buch geschrieben hat und ihn dennoch mit dem Nobelpreis für Literatur zu adeln, dies ging vielen dann doch eine ganze Nummer zu weit. Anscheinend sogar dem Folk-Singer selbst, der den Preis in erster Instanz nicht entgegennehmen wollte. Die Grundidee, einen Musiker für seine Musiktexte zu adeln ist nicht einmal eine schlechte Idee. Doch dafür gibt es genügend angesehene Musikpreise, die so etwas ehren. Eine Entscheidung des Gremiums, die hoffentlich eine Ausnahme bleibt.

2018 habe ich nicht über den Nobelpreis für Literatur berichtet. Warum? Nun, da gabs keine Verleihung. Vielleicht wollte man auch hier, allerdings relativ ungewollt, an jüngere Menschen herantreten denn auf einmal war das Komitee rund um den Nobelpreis für Literatur in die #MeToo Initiative verwickelt. Was genau dahinter steckte ist für diesen Einwurf völlig belanglos. Das Thema an sich ist sehr interessant und sollte zum nachdenken anregen, wer sich da gerne informieren will, dem wird Google oder Wikipedia sofort zur Seite stehen.

Obwohl die Vergabe des Preises 2018 nicht stattfand, wurde diese nun bei der Verleihung im Jahr 2019 nachgereicht. Ausgezeichnet wurde hier nachträglich die polnische Schriftstellerin Olga Tokarczuk. Auch hier fiel die Wahl wieder auf eine klassische Schriftstellerin, die mit Prosa überzeugt, der Name leider aber auch vielen wieder kein Begriff sein dürfte. Ohne das Werk von Frau Tokarczuk degradieren zu wollen, es ist wirklich schwer an in die deutsche Sprache übersetzte Werke von ihr zu kommen. Der Kampa Verlag scheint sich ihrer nun anzunehmen, preislich werden hier aber interessierte Leser vielleicht nun zusammenzucken, die sich einfach mal ein Buch der Schriftstellerin aus Neugier nun durchlesen wollen.

Der Nobelpreis für Literatur war im Jahr 2019 so etwas wie ein Adventskalender, wo man zwei Türchen auf einmal öffnen darf. Denn auch der Preisträger für 2019 wurde selbstverständlich gekürt. Hier wurde ein Nachbar aus Österreich ausgezeichnet, nämlich Peter Handke. In Literaturkreisen sehr bekannt, aber nicht unumstritten und auch für seine politischen Bewegungen in den Jugoslawienkriegen sowie seine Verbindung und Unterstützung gegenüber Slobodan Milošević, zudem hier nichts weiter geschrieben werden muss. Handke selbst entschuldigte sich damals mit bewegenden Worten auf der Beerdigung von Milošević für seine politische Sichtweise. Die Verleihung des Preises an Handke sorgte jedoch für Empörung in zahlreichen Balkanländern.

Handke selbst feierte seine größten Erfolge in den 60er/70er Jahren. Besonders die sogenannten "Millennials" (zu denen ich mit 32 selbst gehöre) dürften weder sein Werk, noch ihn selbst kennen. Hier muss man jedoch unterscheiden zwischen den Gruppen, die stark in der literarischen Szene bewandert sind und diejenigen, die sich für Literatur interessieren, aber nicht in solche Kreise vorgedrungen sind bisher. Wie intellektuell muss man denn sein, um sich für die aktuellen Gewinner des Nobelpreises für Literatur interessieren zu können? Ich selbst kenne die polnische Preisträgerin überhaupt nicht und Handke war mir bisher größtenteils durch seine politische Vergangenheit ein Begriff.

Und hier kommen wir zum Problem der diesjährigen Gewinner. Was möchte man mit der Vergabe erreichen? Sollte Literatur nicht ein Medium sein, welches eine Vielzahl von Menschen erreicht? Sollte ein Preisträger nicht ein Schriftsteller sein, der oder die mit seinem/ihren Werk viele Leser für sich eingenommen hat? Natürlich kommen hier einige Faktoren dazu. Bekanntermaßen werden populäre Autoren, wie auch der Jahr für Jahr gehandelte japanische Autor Haruki Murakami oder der Brite Ian McEwan, nicht für den Preis berücksichtigt, obwohl ihr Werk anspruchsvoll genug ist, um von einer Bereicherung für das Medium zu sprechen. Weiterhin muss man sich auch sicher sein, weder Stephen King oder Adler Olsen werden jemals für den Nobelpreis für Literatur in Frage kommen.

Man scheint hier noch keine ausgewogene Mischung gefunden zu haben. Besonders mit der Wahl von Peter Handke verfehlt man es, das Medium Literatur gebührend zu ehren. Auch hier möchte ich nicht Herrn Handkes schriftstellerische Fähigkeiten in Frage stellen, aber die Frage, die ich mir stelle, ist, bewegt sein Werk in der modernen Literatur noch irgendwas? Ein Autor, der vor mehreren Jahrzehnten seine größten Erfolge feierte, können dessen Werke auch noch die heutige Generation erreichen und bereichern? Wer wird denn nun in den Buchhandel gehen oder die virtuellen Händler aufsuchen und nach Büchern von Olga Tokarczuk und Peter Handke fragen und suchen? Was möchte man mit dem Nobelpreis für Literatur erreichen? Dieser schmale Spagat, einen relevanten Autor zu küren der noch immer aktiv mit seiner Literatur viele Menschen erreicht, so jemand sollte das Ziel des Gremiums sein, zu finden und auszuzeichnen. Einen Mann wie Kazuo Ishiguro zum Beispiel. Ich wette, davon gibt's in der modernen Literaturwelt noch einige.

Der Nobelpreis für Literatur schafft es nicht, im Gegensatz zu seinen gleichnamigen Gegenstücken in anderen Kategorien, relevant genug zu wirken. Mein Ziel ist es nicht, die Werke der jetzt ausgezeichneten Schriftsteller abzuwerten sowie ihre Leser, die sicherlich vielzählig sein werden. Aber mir fehlt hier eine klare Verbindung zu zeitgemäßen Themen und Autoren. Bereits im nächsten Jahr kann der Trend schon wieder in eine ganz andere Richtung gehen. Dies macht die Entscheidungen natürlich jedes Jahr teilweise so unberechenbar. Der derzeitige Trend geht aber leider wieder in eine Richtung, die mir persönlich nicht ganz zu gefallen weiß. Ich halte die Auszeichnung weiterhin für sehr relevant, aber damit das so bleibt, müsste sich hier schon etwas ändern. Als einfacher Leser hat meine Stimme natürlich keinen Einfluss auf die Entscheidungen des Gremiums. Es bleibt also weiterhin sehr spannend, für welche Schriftsteller man sich in den kommenden Jahren entscheiden wird. Und wer weiß, vielleicht fällt die Wahl nächstes Jahr auf Houellebecq. Dann kann man sich zumindest sicher sein, dass die ganze Literaturwelt heiß und euphorisch diskutieren wird. Und vielleicht dabei in Anarchie versinken würde.

Mittwoch, 9. Oktober 2019

Gastrezension: Lumera Expedition: Survive (Jona Sheffield)





Deutschland 2019

Lumera Expedition: Survive
Autorin: Jona Sheffield
Verlag: Selbstverlag
Format: eBook
Genre: Science-Fiction



Eine Gastrezension von Lavandula für "Am Meer ist es wärmer"



Mit ihrem Debüt-Roman „Lumera Expedition: Survive“, dem ersten Band einer geplanten Trilogie, hat Jona Sheffield auf Anhieb den Sprung in die Bestsellerlisten Space Opera und Dystopien bei Amazon geschafft. Dass dies geschehen ist, liegt meiner Meinung nach nicht nur an dem angenehmen, flüssig zu lesenden Schreibstil, sondern mindestens genauso an der düsteren Zukunftsvision, die sie in ihrem Roman zeichnet – und von der es gar nicht mal so abwegig erscheint, dass sie wahr werden könnte.

Auslöser für die Ereignisse, die Jona Sheffield hier beschreibt, ist, platt gesagt, der Klimawandel. Sie denkt die Ereignisse weiter, die er zur Folge haben kann: Immer schneller schmelzende Pole, Überflutungen, schließlich Nahrungsmittelknappheit, eine zusammenbrechende Wirtschaft, Gewalt auf den Straßen, der reine Kampf ums Überleben. Die Hoffnung: Riesige Raumschiffe, die die Menschen nach Lumera, einem Planeten in einem anderen Sonnensystem, bringen sollen, damit sie dort neu anfangen können. Mittendrin sind Julia, Peter und John, die die Ereignisse jeweils aus ihrer ganz eigenen Sichtweise erleben und damit umgehen.

Im Prolog werden wir in das Jahr 2042 geworfen. Wir befinden uns auf der Erde und werden, wie uns bereits die Überschrift verrät, etwas über Julia lesen. Julia befindet sich auf einer Mission, die offensichtlich gewaltig schief gelaufen ist und ist auf der Flucht. Der Leser wird mit Begriffen wie „BID“ oder „Nantech“, einer Firma offensichtlich, beworfen, ohne, dass es hierzu an dieser Stelle weitere Erklärungen gibt. Die braucht es allerdings auch nicht.

Der Prolog endet damit, dass Julia mit recht großer Wahrscheinlichkeit ums Leben kommt. Hm. Na gut, aber vielleicht war sie auch nicht weiter wichtig, obwohl zumindest ich sie schon auf den wenigen ersten Seiten liebgewonnen hatte. Und obwohl sie im Klappentext erwähnt wird. Hm.

Der Eindruck verstärkt sich zunächst, als wir ins Jahr 2384 zu Peter katapultiert werden, der sich an einem Ort names „Platon“ befindet. Hatte er noch vor fast 370 Jahren unheilbar an Krebs gelitten, erwacht er nun aus dem Kryoschlaf und ist geheilt. Den Wundern der modernen – nun ja, der zukünftigen – Medizin sei Dank. Langsam kommt Licht ins Dunkel, denn Peter hat natürlich von den technologischen Fortschritten, wie auch von allem anderen, was in den letzten Jahrhunderten geschehen ist, nichts mitbekommen. Jona Sheffield wählt hier einen sehr eleganten Weg, den Leser mit allerlei wichtigen Informationen zu versorgen: Sie lässt es durch Jason, Peters Sohn, an Peter gerichtet berichten, anstatt ihre Erzählung immer wieder durch erklärende Einschübe zu unterbrechen.

Moment, Peters Sohn?

Richtig, Peters Sohn. Doch hierfür bekommen wir schon bald eine schlüssige und stimmige Erklärung geliefert.

Danach befinden wir uns im Jahr 2041, bei Julia – ist sie also doch nicht so unwichtig. Und die übrigens Peters Tochter zu sein scheint, Jasons Schwester.

So geht es weiter: Mal befinden wir uns Jahrhunderte in der Zukunft, mal befinden wir uns bei Julia, wo erklärt wird, wie sie in die Situation aus dem Prolog geraten ist, und dann tritt auch noch John
auf, ein FBI-Agent, der auf der anderen Seite steht. Dadurch werden nach und nach viele Puzzleteile der Geschichte offenbart und schließlich auch Stück für Stück an den richtigen Platz gerückt.

Wie eingangs bereits gesagt, wird hier eine Zukunftsvision aufgezeigt, die so unwahrscheinlich gar nicht ist. Mit teilweise dramatischen Bildern wird eine Zukunft gezeigt, in der mit Sicherheit niemand von uns leben möchte. Das Buch rüttelt auf, und das soll es auch.

Die Geschichte – oder vielmehr: die Geschichten, da aus der Sicht verschiedener Protagonisten zu teilweise Jahrhunderte auseinander liegenden Zeitpunkten erzählt wird – wirkt auf mich in sich stimmig. Es gibt keine an den Haaren herbeigezogenen Lösungen für Probleme oder Ereignisse. Sogar die einzelnen Schicksale laufen irgendwann zusammen, und das wirkt nicht konstruiert oder zu gewollt.

Die Protagonisten handeln realistisch, sie haben Tiefe und – haltet Euch fest! – Gefühle. Etwas, das viel zu viele Helden und Heldinnen aus Film und Literatur nicht haben. Hier jedoch haben wir es nicht mit Übermenschen zu tun, die bestenfalls ein dramatisches Erlebnis aus ihrer Vergangenheit aufzuarbeiten haben und nur deshalb heute so sind, wie sie sind, sondern mit normalen Menschen. Menschen mit ihren ganz normalen Sorgen, Menschen mit einem Gewissen, Menschen im Zwiespalt. Menschen, die im Laufe des Buches eine Entwicklung durchlaufen. Und nicht nur Menschen. Zu meinem ganz persönlichen Lieblingscharakter möchte ich an dieser allerdings Stelle nichts verraten, da er erst spät auftaucht, und ich keine Spoiler verbreiten werde.

Der Erzählstil ist flüssig und lässt sich angenehm lesen. Selten stolperte ich hier oder da mal über ein Satzkonstrukt, aber das lässt sich verzeihen und tut dem Spaß am Lesen auch keinen Abbruch.

Zum Ende hin kommt es zu der einen oder anderen überraschenden Wendung. Vielleicht kam der Anfang vom Ende des Buches sogar etwas zu schnell, nachdem so viel Vorbereitung in den Weg dahin gesteckt wurde – aber wie gesagt, es ist realistisch. Und die Realität ist eben nicht unbedingt, dass ein ausgeklügelter Plan auch wirklich funktioniert. Nein, da kommt dann die Grätsche von links und – ätsch – Plan hinüber.

Das mochte ich im Übrigen auch sehr, dass das Buch im Großen und Ganzen unvorhersehbar wurde. Natürlich hatte ich hier und da eine Vermutung, die wurde auch manchmal in ähnlich bestätigt, aber es waren mehr als genug überraschende Momente dabei. Inklusive Cliffhanger am Ende.




Abschließende Gedanken

Jona Sheffield möchte mit „Lumera Expedition: Survive“ auf ein ganz akutes Thema aufmerksam machen: Den Klimawandel. Hierzu hat sie auch die Bewegung #ScifiForFuture gestartet und leistet unter anderem mit ihrem Buch ihren Beitrag dazu. Ich bin auch gar nicht sicher, inwieweit ihr Buch überhaupt noch „Fiktion“ ist. Es rüttelt auf, keine Frage. Und es schafft eine lockere, um nicht zu sagen spielerische Annäherung an das Thema, indem uns der Ernst in einer hübschen Verpackung (das beziehe ich nun nicht auf das Cover, das unverdienter Weise allerdings noch gar nicht zu Wort kam, denn es ist wirklich schön und war das Erste, wodurch ich an diesem Buch hängen blieb), in einem Medium, dass selbst in heutiger Zeit noch viele Menschen verstehen, überreicht wird. Lesen ist für viele Menschen eine Art der Entspannung, der Ablenkung oder schlicht ein Hobby. Weshalb also nicht das Angenehme mit dem, das unbedingt gesagt werden muss, verbinden?

Für mich ist dies auf jeden Fall gelungen. Es ist ein sehr lesenswertes Buch, gut geschrieben, aufrüttelnd. Ich freue mich auf den zweiten Band und hoffe, dass da die Verbindung zu den Ursprüngen nicht gekappt wird.
--------------------------------------------------------------------------



Gastrezensentin: Lavandula


Lavandula gehört zum Kult der Bibliophilen und ist neben dem Studium selbst immer mal wieder als Autorin unterwegs, sofern die Zeit es zulässt. Ungefähr in einem Spektrum wie die Zeitsprünge in "Lumera Expedition: Survive" versuche ich sie bereits für einen Beitrag auf "Am Meer ist es wärmer" zu gewinnen. Ich hoffe, mit ihrem frischen Schreibstil wird sie den Blog noch häufiger bereichern.

Montag, 30. September 2019

Rezension: Wenn alle Katzen von der Welt verschwänden (Genki Kawamura)

Foto: Aufziehvogel




Japan 2012

Wenn alle Katzen von der Welt verschwänden
Originaltitel: Sekai kara neko ga kieta nara
Autor: Genki Kawamura
Übersetzung: Ursula Gräfe
Verlag: C.Bertelsmann
Genre: Tragikomödie, Mystery



"Die Welt ohne Telefone.
Wenn ich es mir recht überlegte, waren Telefone (insbesondere Mobiltelefone!) die absolute Nummer eins unter den Dingen, auf die man verzichten konnte.
In letzter Zeit hatte ich mein Smartphone vom Aufstehen bis zum Schlafengehen kaum noch aus der Hand gelegt und ständig im Auge behalten. Die Anzahl der Bücher, die ich las, hatte sich stark verringert. Zeitung las ich auch nicht mehr. Selbst die Liste der Filme, die ich mir anschauen wollte, aber nicht nicht gesehen hatte, war bedenklich angewachsen.
In der Straßenbahn starrten alle Leute auf ihre Handys. Nicht einmal im Kino konnten sie es lassen. Oder beim Essen. Es kam so gut wie nie vor, dass ich in der Mittagspause nicht auf mein Telefon sah. Sogar wenn ich Weißkohl auf dem Schoß hatte, fummelte ich daran herum, statt mit ihm zu spielen. Dieses Ding, um das sich alles drehte, war mir gründlich zuwider."




Mit einem kuriosen Buchtitel melde ich mich aus einer längeren Pause zurück. Gleichzeitig möchte ich mit "Wenn alle Katzen von der Welt verschwänden" des jungen japanischen Autors und Produzent Genki Kawamura auch zu den Anfängen von meinem Blog zurückkehren. Denn in allen Belangen ist der Roman in jeder Hinsicht japanisch. Es gibt den namenlosen Ich-Erzähler der in eine fast schon absurde Situation gerät, es gibt surreale Elemente und es gibt Katzen. All das gibt es und der Autor heißt nicht Haruki Murakami.

"Wenn alle Katzen von der Welt verschwänden" ist in Japan bereits 2012 erschienen. International machte der Roman erst einige Zeit später auf sich aufmerksam als zum Beispiel eine englische Übersetzung erschienen ist. In Japan war der Roman ein beachtlicher Erfolg und ist natürlich zu einer Zeit erschienen, die für die Japaner sehr schwer war. Nach dem Erdbeben aus dem Jahr 2011 und dem Tsunami sowie der Kernschmelze der Atomreaktoren von Fukushima, drei Katastrophen die alle auf einmal stattfanden, hat sich bei den Japanern etwas verändert. Die Leute suchten Trost und fanden sie in Büchern, Filmen und Musik, die sich alle auf eine sehr subtile weise mit dem Thema befassten, ohne direkt darauf einzugehen. Traurige Geschichten die auf ihre ganz eigene Geschichte auch Hoffnung versprühten. Genki Kawamura (einer der ausführenden Produzenten des weltweiten Hits "Your Name") wird als einer dieser Post-Tsunami Autoren bezeichnet. Ich denke, eine genaue Bezeichnung ist hier an sich völlig unangebracht. Viele junge, vielversprechende Künstler haben zu dieser Zeit kreativ ihre Gedanken und Emotionen in den jeweiligen Medien verarbeitet.

Die Prämisse von "Wenn alle Katzen von der Welt verschwänden" liest sich auf den ersten Blick sehr trübselig. Junger Mann erfährt, dass er tödlich krank ist und am nächsten Tag stirbt. Teufel unterbreitet ihm Angebot, sich von einer Sache auf dieser Welt zu trennen, dafür aber jeweils einen Tag länger leben darf. Doch bereits auf der ersten Seiten wird diese trübselige Prämisse zerschlagen. Mit viel Galgenhumor geht der Ich-Erzähler, von Beruf Briefträger, auf die verheerende Diagnose ein, die sein Arzt ihm gestellt hat. Ein Gehirntumor. Die Lebenserwartung? Extrem gering. Dem Erzähler gehen sämtliche seltsame Dinge durch den Kopf. Er erstellt eine nahezu kitschige Liste von Dingen, die er noch vor seinem Tod erleben möchte und die wichtigste Frage von allen, was aus seinem Kater wird, sobald er das Zeitliche gesegnet hat. Anschließend besucht ihn der Teufel im Hawaiihemd und Shorts und zufällig auch noch in der Gestalt unseres Erzählers, bei ihm Daheim. Der Teufel kommt schnell auf den Punkt. Unser Erzähler hat nur noch einen Tag zu leben. Der Deal des Teufels: Eine Sache verschwindet von der Welt, der Teufel darf entscheiden, welche (eigentlich alles außer Schokolade) und unser Erzähler muss sein Okay dafür geben. Für jede Sache, die von der Welt verschwindet, erhält der Erzähler für einen weiteren Tag Lebenszeit. Was für den Erzähler anfänglich noch nach einem sicheren Deal klingt, entwickelt sich wenige Seiten später schon zu einer ziemlich kniffligen Angelegenheit.

Fast schon ein wenig naiv und verspielt beginnt der Roman. Genki Kawamura scheint seinen Roman nicht ganz ernst zu nehmen, wird man sich vermutlich denken. Wer in der japanischen Unterhaltungsliteratur aber etwas bewandert ist, der weiß, die japanischen Schriftsteller sind sehr gekonnt darin, die Stimmungen zu kippen. Von der Grundidee und dem verspielten Tonfall war ich ein wenig an eines der Märchen von Akutagawa erinnert, der ähnlich fantasievoll und sehr gerne humoristisch ernste Themen verarbeitet hat. Ein wenig vorausschauend ist der Titel "Wenn alle Katzen von der Welt verschwänden" natürlich schon. Der Leser dürfte halbwegs wissen, worauf die Geschichte hinausläuft. Dennoch sollte man sich nicht zu schnell zurücklehnen, denn die Geschichte hat noch einige Überraschungen auf Lager.

Ein wenig ungewöhnlich ist hier der Werdegang des 1979 geborenen Autors. Der ist eigentlich hauptsächlich für bekannte Anime-Produktionen bekannt, aber auch für kontroverse Filme wie "Geständnisse" aus dem Jahr 2010. Beim lesen von "Wenn alle Katzen von der Welt verschwänden" fällt aber auch relativ schnell auf, dass es eine Geschichte ist, die sich natürlich ausgesprochen gut als Film eignen würde. Wenig überraschend aber dennoch einige Jahre später ist 2016 unter der Regie von Akira Nagai dann die gleichnamige Verfilmung in Japan erschienen. Genki Kawamura war überraschenderweise hier nicht als Produzent tätig.

Ein großes Lob geht dieses mal an den C.Bertelsmann Verlag für die Übersetzung direkt aus dem Japanischen. Meine Kritik galt bei der deutschen Übersetzung zu "Geständnisse" damals nicht der Übersetzung an sich, die ich zwar gut fand, aber leider aus der bereits vorhandenen englischen Übersetzung entstanden ist. Eine willkommene Einsicht und hoffentlich eine Einsicht, die der Atrium Verlag noch einmal erlangen wird.
Für die Übersetzung von "Wenn alle Katzen von der Welt verschwänden" war Ursula Gräfe verantwortlich, die ich hier eigentlich gar nicht weiter besprechen muss da ihr Name unter deutschsprachigen Lesern der japanischen Literatur nicht weniger bekannt ist als der oder die Autor(in) selbst.





Abschließende Worte

"Wenn alle Katzen von der Welt verschwänden" ist ein so kurzweiliges Leesevergnügen, die nicht ganz 200 Seiten hat man an circa 2 Abenden ausgelesen. Die Geschichte aus der Feder von Genki Kawamura lädt zum lachen, nachdenken und vielleicht sogar zu ein paar Tränen ein, ist aber kein klassischer Tear-Jerker der Mitleid generieren will. Wir haben es hier mit einem japanischen Roman in Reinkultur zu tun und dies spürt man einfach auf jeder Seite. Die Botschaft der Geschichte kommt an und hinterlässt auch nachträglich noch seine Spuren. Ein Debüt, welches einem nur selten so souverän gelingt. Und ganz eindeutig auch einer meiner Tipps für den Herbst ist.

Mittwoch, 25. September 2019

Einwurf: Im Schneckentempo zurück ans Ufer

Foto: Aufziehvogel Bildrechte: Von Schnecke zur Nutzung genehmigt




Der Sommer geht in den Urlaub, am Himmel wird das Licht spätestens ab 19 Uhr gedimmt und der Herbst hat es sich bereits in den Bäumen gemütlich gemacht. Ein Jahr geht mal wieder seines Weges und ob der Sommer im Oktober dann nochmal die klassische Zugabe geben wird, wird sich zeigen.
Die herbstliche Stimmung hat sich bei mir jedoch überraschend schnell breit gemacht.

Meine Planung, für eine gewisse Zeit etwas weniger zu schreiben wurde zudem durch den absurd heißen Sommer noch etwas bekräftigt. Wenn das Thermometer die 40 Grad Marke sprengt ist ein gemütlicher Abend mit einem Buch wohl das letzte, was mir vorschwebt. Doch untätig war ich auch nicht. In den noch verbleibenden Monaten des Jahres 2019 soll es hier auch endlich wieder lebhafter zugehen. Ich habe mir einige interessante Titel rausgesucht, die ich gerne besprechen und für die kommende kalte Jahreszeit empfehlen möchte. Noch in den letzten Septembertagen möchte ich eine dieser Besprechungen Online stellen.

Während die Vögel zurück in den Süden fliegen, kam ich mir die letzten Monate wie eine Schnecke im Meer vor, die zurück ans Ufer will. Um nicht zu philosophisch zu werden, das Ufer war ein ganzes Stück entfernt und der Weg durchs Meer war kräftezehrend. Ich hoffe jedoch, das Ergebnis meiner Pause auf "Am Meer ist es wärmer" wird sich in meinen kommenden Beiträgen wiederspiegeln, die sich dann hoffentlich kompakter und vitaler lesen als je zuvor.

Für Liebhaber von Büchern beginnt nun wieder eine aufregende Zeit. Die Schnecke und ich würden gerne ihren Teil dazu beitragen, kostbare Lebenszeit mit guten, ungewöhnlichen Geschichten zu verbringen. Ich freue mich bereits und wünsche allen Lesern des Blogs einen guten Start in die kalte, gnadenlose sowie unwirtliche Jahreszeit!

Freitag, 23. August 2019

Review: Once Upon a Time in Hollywood

Poster: Alphaville Design






USA 2019

Once Upon a Time in Hollywood
Drehbuch und Regie: Quentin Tarantino
Darsteller: Leonardo DiCaprio, Brad Pitt, Margot Robbie, Al Pacino, Mike Moh, Margaret Qualley, Timothy Olyphant
Laufzeit: Circa 161 Minuten inklusive Abspann
Genre: Komödie
Verleih: Sony
Premiere: 15.08.2019 (DE)
FSK: Ab 16




Onkel Quentin hat mal wieder ein Märchen zu erzählen: Es war einmal.....


Seit "The Hateful 8" im Jahr 2015 seine Premiere feierte, so scheint es zumindest, hört sich bei Quentin Tarantino alles danach an, egal ob es die Filme selbst sind oder Interviews, als sei das, was kommt, alles ein großer Prolog für den Höhepunkt seiner Filmkarriere. Der berüchtigte finale und zehnte Film von Tarantino steht schon lange im Rampenlicht und ich wette ein bisschen Kupfergeld darauf, dass dieser finale zehnte Film nicht Star Trek heißen wird. Und wenn "The Hateful 8" der Prolog war, dann ist "Once Upon a Time in Hollywood" bereits der Mittelteil, der geradewegs auf das große Finale des Regisseurs zusteuert. Es scheint alles nach Drehbuch zu laufen, er hat alles im Griff und in circa 4-5 Jahren haben wir eine Antwort darauf, wie das Tarantino-Verse enden wird.

Bis dahin müssen wir uns noch mit dem Mittelteil dieser Geschichte begnügen. Lange, bevor bewegtes Material zu "Once Upon a Time in Hollywood" zu sehen war, gab Tarantino Umrisse der Story bekannt. Es war viel mehr ein kleiner Ausblick. Ein Ausblick auf das Leben von Charles Manson und seiner Manson Family und den Morden an die Schauspielerin Sharon Tate und ihrem Anhang. Und irgendwie in diese Geschehnisse geraten ein Schauspieler und sein Stunt Double. Ich erwartete hier eine art zynische Satire die zu Tarantinos frühsten Anfängen wie Natural Born Killers zurückgeht. Eine art Roadmovie durch Hollywood, blutig, sarkastisch und düster. Ein Szenario, welches ich mir ehrlich gesagt nicht gewünscht habe. Tarantino ist ein Typ, der sich, trotz immer wiederkehrender Elemente und Stilmittel, nur ungerne wiederholt. Obwohl beide Kill Bill Filme von ihm immer wieder als ein einziger Film angesehen werden, könnten beide Ausgaben sich nicht mehr voneinander unterscheiden. Was ich sehen wollte war keine düstere Geschichte über Manson und seinen verwirrten und zugedröhnten Anhängern, sondern etwas originelles was die Zuschauer von der düsteren Realität hinter diesen Ereignissen ablenkt.

Als im vergangenem Jahr der erste Trailer gezeigt wurde war ich mehr als überrascht. Es machte den Anschein, als bekommen wir es hier mit einem waschechten Buddy-Movie zu tun, der sich mit der goldenen Ära Hollywoods auseinandersetzt und ich mich die ganze Zeit fragte, wo die Story rund um Chales Manson und Sharon Tate noch ihren Platz finden würde. Mein Interesse ist durch das bewegte Material deutlich gestiegen und "Once Upon a Time in Hollywood" entwickelte sich zu einem Film, den ich ernsthaft herbeisehnte. Das Fundament für einen unterhaltsamen Film schien gelegt zu sein und man hatte nun endlich einen ungefähren Ausblick darauf, was einen bei diesem Film erwarten könnte.

Wenn ein Film mit "Once Upon a Time" im Titel beginnt denkt man als Filmfan vermutlich unweigerlich an Sergio Leones meisterhafte Amerika-Trilogie (Spiel mir das Lied vom Tod, Todesmelodie und Es war einmal in Amerika). Aber man denkt auch an Robert Rodriguez und sein Machwerk, welches sich "Once Upon a Time in Mexico" schimpft. Wenn man dem großen Zampano aus Italien Tribut zollen will, sollte man es besser ernst meinen oder besser ganz bleiben lassen. Natürlich gibt es noch viele weitere Filme die alle mit "Es war einmal....." beginnen. 
Aber keinem dürfte es vermutlich ernster sein als Quentin Tarantino. Seine Verehrung für das Werk von Sergio Leone kennt keine Grenzen. Tarantino ist großer Fan der goldenen Ära Hollywoods, doch kein anderer Filmemacher prägte ihn vermutlich so sehr wie Sergio Leone (1929-1989). Dabei würde es Tarantino jedoch nie einfallen, Leone zu kopieren. Er möchte seine eigene Geschichte erzählen und vermutlich war es nie eine persönlichere Geschichte als in "Once Upon a Time in Hollywood". Und hier könnte man schnell denken, Tarantino möchte lediglich seine persönlichen Ergüsse sammeln und mit Musik unterlegen während er sich den Film im privaten Kino dann täglich ansehen kann. Aber genau das ist "Once Upon a Time in Hollywood" nicht, und, dennoch, liege ich mit meiner Vermutung auch nicht falsch. "Once Upon a Time in Hollywood" ist kein Film, den Tarantino nur zum persönlichen Vergnügen gedreht hat. Es ist ein Film für Fans. Es ist ein Film für die Film-Geeks, für Fans von Italo-Western, Fans verstorbener Filmlegenden, Fans von guter Musik und einer kompletten Ära. Um diese Liebe zum erwidern, muss man in dieser Zeit nicht einmal geboren sein (als die besagte goldene Ära endete war Tarantino selbst gerade einmal sieben Jahre alt).

Mit einer Laufzeit von fast drei Stunden und der Aussicht auf eine noch längere Fassung, an die sich bereits Netflix die Rechte in Gestalt einer Mini-Serie gesichert haben soll, sollte man ordentlich Sitzfleisch ins Kino mitbringen. Dabei würde ich "Once Upon a Time in Hollywood" anders als so manch andere Filme von Tarantino nicht einmal als klassischen Film bezeichnen, der fürs Kino gemacht wurde. Besonders da der Film alte amerikanische TV-Serien aufs Korn nimmt und ihnen gleichzeitig Tribut zollt, eignet sich die Adaption als Mini-Serie unglaublich gut.
Diese etwas über 160 Minuten dürften die Zuschauer aber ungefähr so spalten wie das Rote Meer in einer bekannten Bibelgeschichte. Für die einen könnte "Once Upon a Time in Hollywood" ein Filmfest werden, die anderen könnten hier auf in 35mm Film gebannte Zeitverschwendung stoßen. War "Django Unchained" noch ein Film, der große Massen an Kinogängern angesprochen hat, so ist "Once Upon a Time in Hollywood" das komplette Gegenteil. Man wird eindeutig nicht den Film sehen, mit dem man in den Trailern lockt. Es reicht hier auch nicht lediglich Tarantinos Filmografie zu kennen, es kommt all das zusammen, was ich im letzten Abschnitt angesprochen habe. "Once Upon a Time in Hollywood" ist eine Liebeserklärung für einen selektierten Kreis an Zuschauern. Eine großflächige Empfehlung für "Once Upon a Time in Hollywood" auszusprechen ist einfach unmöglich und Enttäuschungen bei etlichen Zuschauern sind hier wohl auch vorprogrammiert (obwohl Kritiken, Zuschauerreaktionen und Einspielergebnisse durchaus beachtlich sind).

Quentin Tarantino schreibt hier mal wieder seine eigene Geschichte. Er schreibt die Geschichte viel mehr um durch die Magie des Medium Films. Ein Schwarzer lehnt sich gegen die gesamte Sklaverei auf, Adolf Hitler wird im Kino erschossen und die Manson Familie ist ein inkompetenter Haufen Hippies der die Aufträge seines Gurus nicht ausführen kann. Es ist beinahe schon ein Kuriosum, wie wenig "Once Upon a Time in Hollywood" mit Chales Manson zu tun hat und dennoch die ganzen Ereignisse im Film darauf aufbauen.
Tarantino ist ein Filmemacher, der das große Glück hatte schon zu Beginn seiner Karriere mit namhaften Darstellern zusammenzuarbeiten. Mit Brad Pitt und Leonardo DiCaprio treffen sich hier zwei Ausnahmekönner aus Tarantinos neueren Filmen wie Inglourious Basterds und Django Unchained. Doch wie immer kratzt man hier nur an der Oberfläche, denn es sind mal wieder die Gastauftritte, auf die man ein besonderes Augenmerk legt. So drücken sich langjährige Tarantino-Kollaborateure und andere bekannte Gesichter hier die Klinke in die Hand. In winzigen Rollen sieht man hier (erstmals in einem Film von Tarantino) Al Pacino, Kurt Russell, Timothy Olyphant, Michael Madsen, Bruce Dern, Luke Perry (in seiner letzten Rolle) sowie Zoë Bell. Und über allen wacht praktisch die Australierin Margot Robbie, die Tarantino für die Rolle der Sharon Tate auswählte.

Bereits im Vorfeld gabs Kritik seitens Shannon Lee, der Tochter von Bruce Lee, der Film würde respektlos mit dem Erbe ihres Vaters umspringen. Damit liegt sie, zumindest auf den ersten Blick, nicht komplett falsch. Bruce Lee (im Film verkörpert von Mike Moh) wird hauptsächlich als überheblicher Martial Arts Guru dargestellt, der irgendeinen philosophischen Kauderwelsch von sich gibt. Aber auf den gesamten Film gesehen ist diese völlig überzogene Darstellung einer Legende nicht ungewöhnlich. "Once Upon a Time in Hollywood" hat nichts mit der unseren bekannten Realität zu tun. Sämtliche Charaktere im Film, ob fiktiv oder real sind bis zur völligen Absurdität überzogen. Diese Absurdität geht so weit, dass selbst die Ereignisse um Charles Manson und seinen Anhängern kaum ernst genommen werden können. Nicht nur Altmeister Bruce Lee wird hier so comichaft dargestellt, es ist der gesamte Film der diesen Weg geht. Dieser spielt wie die Filme davor in Tarantinos eigenem Universum in dem einfach nichts so ist, wie es sich wirklich einmal abgespielt hat. Und dennoch kam es mir nie vor, als behandle man den Filmlegenden, die in "Once Upon a Time in Hollywood" vorkommen, respektlos.

Was die Musik angeht verlässt sich Tarantino diesmal nahezu komplett auf einen lizenzierten Soundtrack. Bestand die Musik zu "The Hateful 8" noch aus epochalen Stücken von Ennio Morricone, besteht die Musik in "Once Upon a Time in Hollywood" größtenteils aus mehr oder weniger bekannter Musik aus den 60ern. Und wie immer nimmt die Musik bei einem Film von Tarnatino wieder einen wichtigen Stellenwert ein. Viele Szenen funktionieren am besten mit der Musikuntermalung, das furiose Finale würde ohne die Musikuntermalung vielleicht überhaupt nicht zünden oder nur bedingt, hätte Tarantino hier den falschen Song ausgewählt. Wieder einmal muss der fantastische Soundtrack hervorgehoben werden.




Fazit


Onkel Quentin hat mal wieder eine Geschichte erzählt. Und sie wirkt beinahe wie eine mehr als zweistündige Einleitung für das Finale, was man wieder einmal kaum in Worte fassen kann. Oh ja, am Ende werden die Ketten sämtlicher Logik gesprengt, es wird blutig, ja, beinahe schon sadistisch. Die in LSD eingetauchte Filterzigarette fängt zu dieser Zeit dann auch bei den Zuschauern an zu wirken. Das Medium Film wird erneut zum ultimativen Held der Geschichte und schreibt sie gleichzeitig neu. Eigentlich alles wie immer bei Tarantino und dennoch ist dieser vorletzte Film von ihm ein bisschen verspielter und reifer zugleich und als alles, was er zuvor so abgeliefert hat. Allerdings ist "Once Upon a Time in Hollywood" auch ein Film, den viele Zuschauer als kaum zugänglich und anschaubar betrachten könnten. Ein provokanter Film der eigentlich gar nicht provokant sein will sondern bis über den Abspann hinaus lediglich am laufenden Band Tribut zollt. Ein Film, auf den man sich erst einmal einlassen muss. Wenn das möglich ist, dann macht dieses Märchen eine menge Freude und reiht sich mit zu Tarantinos besten Werken ein. Ein sehr netter Zeitvertreib bis zum zehnten Film.