Archiv: Rezensionen zu Literatur und Film

Dienstag, 5. März 2019

Rezension: Serotonin (Michel Houellebecq)





Frankreich 2019

Serotonin
Originaltitel: Sérotonine
Autor: Michel Houellebecq
Verlag: DuMont
Übersetzung: Stephan Kleiner
Genre: Drama



Als 2010 "Karte und Gebiet" erschienen ist konnte ich nicht so recht einordnen, was Michel Houellebecq mit diesem Roman eigentlich aussagen wollte.  Ich habe es ungefähr bis Seite 100 geschafft bis ich den Roman enttäuscht zur Seite gelegt habe. Bis Heute habe ich mein Exemplar auch nicht mehr angerührt. Aber das Leben ist bekannt für zweite Chancen und nach "Unterwerfung (2015)" und "Serotonin" möchte ich dem Provokateur aus Frankreich eine weitere Chance geben. Denn wer mich zum zweiten mal in Folge begeistern kann, der hat meine Aufmerksamkeit sicher.

Serotonin (eine Anspielung auf die Antidepressiva, um die es in der Geschichte geht) ist eine emotionale Odyssee die irgendwo zwischen Drama, Liebesroman und Satire pendelt. Houellebecq, der seit den Anschlägen in Paris aus dem Jahr 2015 anscheinend keinen öffentlichen Auftritt mehr abgelegt hat, mag vielleicht irgendwo wie ein Eremit leben, aber was er schriftstellerisch noch immer zustande bringt ist eine Wucht. Eine provokante Wucht, wie nicht anders zu erwarten. So offensichtlich provokant, dass es selbst den größten Kritikern des Franzosen auffallen muss, dass der Autor gerne mit ihnen spielt. Houellebecq liefert seinen Kritikern einmal mehr neuen Zündstoff, rechnet zugleich aber auch gnadenlos mit der aktuellen EU-Politik ab. Die feine Kluft zwischen Satire und bitterem Ernst verschwimmt bei Houellebecq einmal mehr, doch besonders in Zeiten wo Artikel 13 düstere Realität werden könnte, ist der neue Roman von Houellebecq aber mal wieder zur richtigen Zeit erschienen.


"Seinen Vornamen zu ändern, ist nicht schwierig, wobei ich das nicht aus behördlicher Sicht meine, aus behördlicher Sicht ist so gut wie gar nichts möglich, das Ziel der Behörden ist eine maximale Beschränkung der Lebensmöglichkeiten, sofern es ihnen nicht gelingt, sie schlicht ganz zu vernichten, aus behördlicher Sicht ist ein guter Staatsbürger ein toter Staatsbürger, ich rede ganz einfach von der praktischen Anwendung: Es genügt, sich unter einem neuen Vorname vorzustellen, und nach ein paar Monaten oder sogar Wochen haben sich alle daran gewöhnt, es kommt den Leuten gar nicht mehr in den Sinn, dass man einmal anders geheißen haben könnte."

Bereits zu  Beginn feuert Houellebecq einen Giftpfeil gegen die in Papierkram versinkenden Behörden ab. Ein Bild, welches in Deutschland, Frankreich, Italien oder wo auch immer man sich in der EU befindet, vermutlich überall gleich ausschaut. Obwohl die Bürokraten hier schnell ihr Fett wegbekommen, ist Serotonin kein überwiegend politisch/gesellschaftskritisch angehauchter Roman. Genau so war auch "Unterwerfung" kein klassisches Gesellschaftsdrama. Im Mittelpunkt stehen wie immer Houellebecq's Protagonisten aus der Mittelschicht. Allesamt nicht unbedingt die besten und geselligsten Gesprächspartner. Gleich zu Beginn des Buches macht der Erzähler Florent-Claude darauf aufmerksam, wie überaus dankbar er seinen Eltern dafür ist, ihn zu einer aufrichtigen Person erzogen zu haben. Allerdings wäre da die Sache mit dem Vorname, der so gar nicht zu ihm passt und er seine Eltern in dem Punkt nie verstanden habe, wie sie diesen Namen für ihn wählen konnten. Florent-Claude würde diesen Namen am liebsten ablegen, tat dies jedoch aus Bequemlichkeiten bisher nie. Als Florent-Claude mit seiner japanischen Freundin Schluss machte, geriet er anschließend in einen depressiven Strudel. Daraufhin verschrieb ihm sein Arzt ein neues Antidepressivum namens Captorix, dieses ist weitaus zahmer als bekannte Antidepressiva, bringt jedoch Nebenwirkungen wie Libidoverlust bis hin zur Impotenz mit sich. Florent-Claude, 46 Jahre alt, bleibt auch nichts erspart.

Der stets trockene Humor begleitet einmal mehr Houellebecq's Dialoge. Wie von ihm gewohnt sind die meisten seiner Sätze ausufernd lang. überraschend dabei ist jedoch, dass man dabei nicht den Faden verliert. Zu verdanken hat man dies mit großer Wahrscheinlichkeit auch der sehr flüssigen und gut lesbaren Übersetzung von Stephan Kleiner. Es müsste eigentlich nicht erwähnt werden, aber da eine englische Ausgabe noch nicht existiert, wurde hier, wie bei DuMont üblich, aus der Originalsprache übersetzt.

Ob es auch wieder irgendwelche Tabubrüche in Serotonin gibt? Wer Houellebecq kennt, der weiß, dass es ohne pikant beschriebene Sex-Szenen nicht geht. Es gibt in diesem Roman noch die ein oder andere berüchtigte Szene, die jedoch einige Leser vielleicht verstören könnten. Auch hier ist Houellebecq wieder ganz das klassische Enfant Terrible.
Ein bisschen geht Serotonin auch in die Richtung Existentialismus, was ein stets wiederkehrendes Thema nicht nur von Houellebecq ist sondern die französische Literatur schon begleitet, noch bevor Satre die Thematik in Europa populär gemacht hat


"Diese wenigen Sätze entfalteten eine magische Wirkung, ich spürte, wie sie sie beruhigten, natürlich gibt man lieber den Antidepressiva des anderen die Schuld als seinen eigenen Fettwülsten, aber es huschte auch ein mitfühlender Ausdruck über ihr Gesicht, und zum ersten Mal an diesem Abend wirkte sie an mir interessiert, als sie mich fragte, ob ich eine depressive Phase durchliefe, weshalb und seit wann."
 


Fazit


Mit "Serotonin" läuft Michel Houellebecq zur Höchstform auf. Eine revitalisierende, aber auch eine kuriose Geschichte zugleich. Es ist schwer, diese Höchstform in Worte zu fassen wenn der Gegenüber das Buch selbst nicht gelesen hat. Wie genau macht man einen so vulgären Roman schmackhaft? Wie genau kann man Skeptikern erklären, dass vielleicht diese unverschämt vulgäre art von Houellebecq den Charme seiner Geschichten ausmacht? Denn eines ist sicher, Houellebecq provoziert gewollt und absichtlich, mal vollkommen überzogen, mal mit brutaler Ernsthaftigkeit. Doch hinter all dem steckt eine unglaublich ehrliche Geschichte, die sich mit modernen Problemen unserer Gesellschaft auseinandersetzt. So zu schreiben vermag nur dieser kauzige Franzose. Ein Mann, der sich bewusst dazu entschieden hat, die Öffentlichkeit, mit der er noch nie viel anfangen konnte, zu meiden. Genau diese Philosophie spiegelt Serotonin wider. Ein beeindruckender Start ins Bücherjahr 2019.

Mittwoch, 6. Februar 2019

Eine verspätete Winterpause




Bereits zu Beginn des vergangenen Monats habe ich es angedroht, nun setze ich meine Drohung in die Tat um. "Am Meer ist es wärmer" geht in eine verspätete und dennoch verkürzte Winterpause. Wollte ich die kleine Pause eigentlich bis zum 01.03 datieren, endet die Winterpause bereits am 25.02.

Ich möchte diese Zeit nutzen, um mich besonders einigen interessanten, neu veröffentlichten Büchern zu widmen. Je nachdem, wie ich vorankomme, wird es noch im Februar eine Besprechung geben.

Es kommt einem etwas unwirklich vor wenn wir auf den Kalender schauen, aber es ist schon wieder Februar. Was automatisch bedeutet, das Wort "Frühling" in den Mund zu nehmen wird bald unumgänglich sein. Die grauen Tage werden bald vorbei sein und hoffentlich auch diese kleine Insel hier wieder mit ausreichend Sonnenlicht versorgen.

Bis dahin wünsche ich allen Lesern einen entspannten Februar. Konntet ihr bisher all eure Vorsätze vom 31.12.18 einhalten? Ernährt ihr euch gesünder und habt euch vom Fitnesscenter abgemeldet? Falls nicht, hier ist eure Erinnerung!


Auf Bald,
Aufziehvogel





Nachtrag am 05.03.2019

Aufgrund einiger technischer Probleme mit Blogger hat sich die Wiederaufnahme des Blog-Betriebs leider um einige Tage verzögert!

Donnerstag, 31. Januar 2019

Japanuary 2019 Teil 2: Filme 5-8





Mein zweiter Japanuary ist auch schon wieder vorüber und wird hoffentlich im nächsten Jahr eine Fortführung finden. Die japanischen Filme, die wirklich mein Interesse wecken, werden von Jahr zu Jahr weniger da sich das japanische Kino kontinuierlich verändert (ob Spielfilme mit realen Darstellern oder Anime). Nicht unbedingt in eine kreative, einzigartige Richtung wie es noch vor rund zehn Jahren der Fall war, sondern eher in eine Einbahnstraße, aus der es wohl vorerst kein Zurück gibt. Auf diese Thematik will ich demnächst in einem gesonderten Artikel eingehen. Dies ist aber auch einer der Gründe, wieso ich für mein Japanuary-Special einige ältere Filme ausgewählt habe. Dennoch habe ich erneut einen ausgewogenen Mix an verschiedenen Genres und Entstehungsjahren gefunden, der vielleicht noch den ein oder anderen Geheimtipp für Fans der japanischen Filmkunst bereithält.

Viel Spaß nun mit Teil 2 des Japanuary! Mein Dank geht erneut an SchönerDenken und Spätfilm, die dieses Event besonders auf Twitter gefördert und sich wieder einmal viele Leute mit interessanten Empfehlungen dem Japanuary angeschlossen haben!

Filme werden aufgelistet nach dem Datum ihrer Veröffentlichung. Diesmal macht der älteste Film den Anfang.





#5



Akira Kurosawa's Träume
Originaltitel: Yume
Regie: Akira Kurosawa
Genre: Fantasy
FSK: Ab 12


Bereits 2013 hatte ich mich mit "Träume" von Akira Kurosawa schon einmal hier auf "Am Meer ist es wärmer" auseinandergesetzt. Mein Fazit einige Jahre später fällt gar nicht mal so anders aus als damals (Link). Was sich aber geändert hat, ist die Bildauflösung des Films. Auf Blu-ray kommen viele Facetten zum Vorschein, die mir meine damals geschaute Fassung verwehrte. Die abstrakten Bilder und die aufwendig gestalteten Sets kommen hier sehr schön zur Geltung und machen den Film zumindest visuell zu einem Genuss.

Inhaltlich bleibt dieses Spätwerk weiterhin einer von Kurosawas schwächeren Filmen. Natürlich sollen hier allen voran die Bilder einen bleibenden Eindruck hinterlassen. Doch auch das Film-Pacing passt nicht so ganz. So wirkt die dritte Geschichte um die Bergsteiger künstlich ziemlich in die Länge gezogen. Leider aber haftet den meisten Episoden auch eine ziemlich aufgesetzte Moral an. Etwas, was man von Kurosawa eigentlich nicht gewohnt ist. Doch am Ende von Träume ertappe ich mich immer wieder dabei, dass ich positiv auf den Film zurückblicke. Er scheint also etwas zu haben, was zumindest nachhaltig einen bleibenden Eindruck hinterlässt.





#6



Charisma (1999)
Originaltitel: Karisuma
Regie: Kiyoshi Kurosawa
Genre: Drama, Mystery
FSK: Ab 16


Filme wie Cure, Charisma oder Pulse dreht Regisseur Kiyoshi Kurosawa (noch immer nicht verwandt oder verschwägert mit Akira Kurosawa) heute nicht mehr. Kurosawa ist auch wieder ein exemplarisches Beispiel eines japanischen Filmemachers, der seinen Stil über die Jahre komplett umgekrempelt hat und anstatt aus seiner eigenen, großartigen Kreativität eine Story für einen Film zu erschaffen, lieber auf eine Adaption setzt. Charisma stammt aus einer Zeit, wo Kurosawa eine menge außergewöhnlich gute Filme gedreht hat. Immer wieder setzte der Filmemacher dabei auf Hauptdarsteller Koji Yakusho, der mit seiner Präsenz jeden Film Kurosawas bereicherte. Kurosawa bezeichnete den Schauspieler einst als Seelenverwandten, ein Grund für die vielen Zusammenarbeiten.

Charisma ist sicherlich einer von Kurosawas kompliziertesten Filme. Im Grunde handelt es sich hier um einen Kunstfilm der auf viele philosophische Themen eingeht. Die deutsche DVD, die damals von AFN veröffentlicht wurde, befindet sich schon lange in meinem Besitz, allerdings habe ich den Film in all den Jahren aufgrund der unterirdischen Bildqualität nicht geschaut. Etwas, worüber ich mich nun ziemlich ärgere denn, obwohl die Bildqualität so unterirdisch ist wie ich sie in Erinnerung hatte, ist der Film, der sich dahinter versteckt, umso sehenswerter. Im Vordergrund steht hier ein Baum namens "Charisma", der für das Ende der Welt verantwortlich sein könnte. Die Frage nach dem "Wieso" und "Warum" bekommt man nicht auf einem Silbertablett serviert, aber umso wichtiger ist es, dem Film aufmerksam zu folgen um einige wirre Enden später miteinander zu verknüpfen (besonders mit dem Anfang). Charisma ist sicherlich kein massentauglicher Film, aber allen voran erst einmal eine wundervolle Idee, die für mich den Geist des japanischen Kinos beherbergt und woran so viele amerikanische Studios bei all den Remakes gescheitert sind, diesen Geist für ihre Filme einzufangen.




#7



Children Who Chase Lost Voices (2011)
Alternativ: Die Reise nach Agartha
Originaltitel: Hoshi o ou kodomo
Regie: Makoto Shinkai
Genre: Fantasy, Anime
FSK: Ab 12


Mit "Your Name" hat Filmemacher Makoto Shinkai zweifelsohne sein wohl bekanntestes Werk abgeliefert. Doch auch die Filme, die vor diesem Welthit entstanden sind, weisen eine beeindruckende Schaffenskraft auf. Der Vorteil von Shinkais Filmen ist denkbar einfach, all seine Werke basieren auf ein Original-Script. Somit muss kein bereits erhältliches Werk wie ein Manga oder ein Roman adaptiert werden und in einen denkbar kürzeren Anime-Spielfilm gepresst werden.

"Children Who Chase Lost Voices" oder auch "Die Reise nach Agartha" könnte durch den Erfolg von "Your Name" etwas in Vergessenheit geraten. Ich selbst hatte, als ich den Film vor einigen Tagen erstmals sah, keine großen Erwartungen. Häufig setzt Shinkai auf reale Settings (zieht man die kurze OVA Voices of a Distant Star mal ab), in einem Fantasy-Setting konnte ich mir kein Werk von ihm so recht gut vorstellen. Zumal die Chance groß ist, einfach ein erfolgreiches Konzept von Hayao Miyazaki zu kopieren. Doch Makoto Shinkai ist es mit "Children Who Chase Lost Voices" überraschend gelungen, dem großen Studio Ghibli lediglich Tribut zu zollen, aber nichts zu kopieren. Thematisch setzt sich der Film sehr intensiv und auf eine interessante art mit dem Thema Leben und Tod auseinander. Bildgewaltig und von beachtlicher Lauflänge wird hier die Geschichte einzelner Schicksale erzählt, die alle mit Verlusten in ihrem Leben umgehen müssen. Was hier in einem vor Kitsch triefendem Klischeefest hätte ausarten können, hat Shinkai unglaublich seriös und reif gemeistert. Auch ein Grund, wieso der Film vermutlich nicht gerade ein idealer Film für Kinder ist (die Altersfreigabe ist hier sogar mal wegweisend). Auch mit einigen grafischen Spitzen geht der Film nicht gerade zimperlich um, weshalb wohl eine ältere Zielgruppe, wie bei allen Filmen von Shinkai, hier mehr ihre Freude finden wird. Eine sehr angenehme Überraschung und geplant ist demnächst sicherlich auch eine weitere Sichtung.




#8



Fires on the plain (2014
Originaltitel: Nobi
Regie: Shinya Tsukamoto
Genre: Kriegsdrama
FSK: In Deutschland (noch) nicht erschienen


Im Gegensatz zu prominenten japanischen Filmemachern wie Takashi Miike oder Kiyoshi Kurosawa ist Shinya Tsukamoto seinem Stil treu geblieben. Tsukamoto ist mit "Fires on the plain" bereits zum dritten mal in meiner Japanuary Liste seit 2018 dabei. Bereits mit "Kotoko" hat er bewiesen, dass er seinen brachialen Stil nicht verändert hat. Ein Fakt, der mich sehr erfreut denn ich schätze die Filmkunst des Japaners sehr. "Fires on the plain" ist Shinya Tsukamotos ganz eigenes Remake von Kon Ichikawas gleichnamigen Film aus dem Jahr 1959 (der wiederum eine Adaption des Romans von Shohei Ooka ist).

Inhaltlich von der Machart her ähnlich paranoid und wahnsinnig wie "Aguirre" von Werner Herzog, setzt Shinya Tsukamoto hier in jeder Rubrik noch einmal einen drauf. Entstanden ist ein schonungsloser Antikriegsfilm, der den Wahnsinn zum Ende des 2. Weltkriegs in bewegten Bildern dokumentiert, die einem Fiebertraum gleichkommen. "Fires on the Plain" ist gespickt mit den surrealen Halluzinationen des Protagonisten (wieder einmal verkörpert von Tsukamoto selbst) die einen Wimpernschlag später wieder in der blutigen Realität andocken. Wenn "Kotoko" laut Tsukamotos eigenen Aussagen der geistige Nachfolger zu "Vital" ist, dann ist "Fires on the Plain" der geistige Nachfolger zu seinem beeindruckendem Kurzfilm "Haze". In weniger als 90 Minuten schafft Shinya Tsukamoto es, die Hölle auf Filmmaterial zu bannen. Nachdem er selbst nicht komplett mit seinem Zweiteiler Nightmare Detective zufrieden war, läuft der Japaner mit diesem Remake wieder zur Höchstform auf. "Fires on the Plain" zählt für mich zu den stärksten Werken, die Tsukamoto in seiner langen Karriere abgeliefert hat. Eine ganz klare Empfehlung und zudem sehr schade, dass sich für seine neusten Filme kein deutscher Verleih zu finden scheint. Das Werk von Shinya Tsukamoto findet man derzeit in Großbritannien im Programm des Verleihs Third Window Films (Link).

Mittwoch, 30. Januar 2019

Rezension: Die allertraurigste Geschichte (Ford Madox Ford)





Großbritannien 1915

Die allertraurigste Geschichte
Originaltitel: The Good Soldier
Autor: Ford Madox Ford
Verlag: Diogenes
Übersetzung: Fritz Lorch, Helene Henzel, Gertraude Krueger (Nachwort)
Nachwort: Julian Barnes
Genre: Klassiker, Drama




"Wenn ich neun Jahre lang einen schönen Apfel habe, der im Innern faul ist, und seine Fäulnis erst nach neun Jahren und sechs Monaten minus vier Tage entdecke, darf ich dann nicht sagen, ich hätte neun Jahre lang einen schönen Apfel gehabt?"


Normalerweise ist es bei deutschsprachigen Ausgaben seit jeher Usus, den Titel des Buches zu verändern. Bei dem wohl bekanntesten Roman des britischen Schriftstellers Ford Madox Ford (geb. Ford Hermann Hueffer 1873-1939) war es jedoch genau umgekehrt. Der ursprüngliche Titel des Buches lautete "The Saddest Story", wurde aber aufgrund der Wirren des 1. Weltkrieges in "The Good Soldier: A Tale of Passion" umbenannt. In englischsprachigen Territorien ist das Buch häufig unter beiden Titeln bekannt.

"Die allertraurigste Geschichte" könnte auch als Vorreiter für den Unzuverlässigen-Erzähler und großen amerikanischen Romane wie "Der große Gatsby" angesehen werden. Obwohl sprachlich ein wenig in die Jahre gekommen, so steckt in diesem Klassiker immer noch eine solche Wucht, dass es schwer ist, dieses Buch aus den Händen zu legen. Besonders für die damalige Zeit war das Konzept einer Geschichte, die nicht immer chronologisch erzählt wird und der Erzähler gerne mal die Tatsachen vertauscht, ziemlich frisch und in dem Stil, wie es Ford Madox Ford tut, gar revolutionär. Doch auch die hier angeschnittenen Themen wirken für das Jahr 1915 (Ford schrieb das Buch seit 1913) nicht nur unverbraucht, sie können auch problemlos in unsere heutige Zeit importiert werden.

Der Roman wird aus der Sicht von John Dowell erzählt, der sich direkt an den Leser wendet. Hier kann man eigentlich schon Metafiktion reden, denn der Erzähler wendet sich mehrmals ganz klar an den Leser und geht sogar auf seine Stimmungslage ein. John möchte dem Leser die, seiner Meinung nach, allertraurigste Geschichte erzählen. Die Geschichte über die vermeintliche Freundschaft zweier Ehepaare. Der Erzähler schwelgt in Erinnerungen die sich lesen, als hätte er die letzten rund 10 Jahren im Garten Eden gelebt. Doch bereits während des Prologs wird dem Leser schnell klar, dass die bunten Erinnerungen des Erzählers nichts weiter als eine Fassade sind. Das Viergespann selbst spielt die Hauptrolle in einem inszeniertem Theaterstück, was sie sich über Jahre selbst aufgebaut haben. In dieser Geschichte, wo es um Verlustängste und Einsamkeit, sowie Heuchelei, Intrigen und Misstrauen geht, entfaltet der Erzähler eine Geschichte, über dessen Ausgang der Leser nur staunen wird. Die Frage, die bleibt, ist, kann man als Leser dem Erzähler überhaupt trauen?

Gleich zu Beginn des Buches wurde dieser Ausgabe ein Brief von Ford Madox Ford abgedruckt, den er damals an seine Lebenspartnerin Stella verschickt hat (im Verzeichnis wird diese zwar als Ehefrau bezeichnet, ich bin mir da allerdings nicht ganz sicher, ob dem wirklich so war). Nachträglich widmet Ford dieses Buch Stella mit beeindruckenden Worten. Er selbst resümiert noch einmal über die Entstehungsgeschichte des Buches und es hat mir sehr imponiert, diese Worte zu lesen. Ford sieht "Die allertraurigste Geschichte" als sein persönliches Opus Magnum, auf das er stolz ist und dieses Werk als den Höhepunkt in seiner Karriere als Schriftsteller verzeichnet. Diese Worte jedoch nicht arrogant oder erheblich zu verfassen ist die eigentliche Kunst dieses Briefes.

Tatsächlich könnte man meinen, der Brief an Fords Lebenspartnerin gehöre zur Geschichte. Der Roman basiert teilweise auf wahren Begebenheiten, allerdings ist "Die allertraurigste Geschichte" größtenteils pure Fiktion die aus der Feder eines Schriftstellers stammt. Besonders gefallen haben mir die philosophischen Passagen, die mich des öfteren zum nachdenken angeregt haben. Die hier überarbeitete Übersetzung in die neue deutsche Rechtschreibung liest sich sehr flüssig, wirkt aber in so mancher Wortwahl gerne mal etwas angestaubt. Zugrunde liegen hier aber auch die teils komplizierten Begriffe der englischen Ausgabe, die bewusst von Ford so gewählt wurden. Besonders, wenn der Erzähler in seiner eigentlichen Geschichte immer weitere Anekdoten einbaut und somit abdriftet, machen diese Eskapaden den Reiz des Romans aus, können aber auch dafür sorgen, dass man als Leser öfters mal aus dem Konzept kommt. Da der Erzähler sich immer wieder an den Leser richtet, kann man auch davon ausgehen, dass einige dieser Irrfahrten des Erzählers absichtlich so gewählt sind.

Die Neuauflage des Diogenes Verlag beinhaltet zusätzlich noch ein Nachwort des britischen Schriftstellers Julian Barnes (1946*). Das in schickem Leinen gebundene Buch (kein Lesebändchen, leider) befindet sich in einem sehr robusten Pappschuber, der das Buch anstelle eines Schutzumschlags trägt.




Fazit (Das allerkürzeste Fazit dieses Blogs)

"Die allertraurigste Geschichte" ist ein beeindruckender Klassiker eines Autors, den ich praktisch nie auf dem Radar hatte. Ford Madox Ford schwingt in diesem Drama eine feine Feder und präsentiert einen Inhalt, der auch heute nichts von seiner Relevanz eingebüßt hat. Eine schöne Lektüre für die eisigen Tage.

Donnerstag, 24. Januar 2019

Im Rückblick: Unterwerfung (Michel Houellebecq)





Am 04.01.19 erschien in Frankreich Michel Houellebecq's neuster Roman "Serotonin" (Rezension folgt bald). Nur drei Tage später am 07.01.19 veröffentlichte der DuMont Verlag das Werk auch in deutscher Übersetzung. In Europa wandelt der Franzose damit mal wieder auf sämtlichen Bestsellerlisten, er selbst verzichtet seit den Ereignissen aus dem Jahr 2015 auf öffentliche Auftritte.

Nun sind exakt 4 Jahre verstrichen, seit Houellebecq "Unterwerfung" veröffentlicht hat. Eine Buchveröffentlichung, die wohl europäische Geschichte geschrieben hat. Unterwerfung ist zu unruhigen politischen Zeiten in Frankreich erschienen und leider auch an dem Tag, als das französische Satire-Magazin Charlie Hebdo von radikal-fanatischen Terroristen angegriffen wurde und 12 Todesopfer und viele verletzte forderte. Unter den Opfern der Redaktion befand sich auch ein guter Freund Houellebecq's, weshalb er anschließend eine große Promo-Tour für sein Buch absagte und sich anschließend immer weiter zurückgezogen hat.

Ich selbst entschied mich damals dazu, das Buch nicht auf "Am Meer ist es wärmer" zu besprechen sondern dieses privat zu lesen und stattdessen im Freundeskreis darüber zu diskutieren. Doch die Jahre, die verstrichen sind, sind eine recht lange Zeit und zumindest einen kleinen Rückblick auf meine Eindrücke zum Buch möchte ich nun gerne mal in Worte fassen.

Grundsätzlich kann man Unterwerfung als Dystopie sehen. Mit einem Augenzwinkern sogar als Science-Fiction. Aber keine sorge, es geht hier nicht um Aliens, die eine Invasion auf Paris geplant haben. Die Geschichte siedelt im Jahr 2022 an und spielt mit einer Idee. Eine Idee, die durchaus Substanz besitzt. Wie würde sich ein westliches Land verändern, wenn ein Präsident islamischer Herkunft an die Macht kommt? Natürlich ist Houellebecq viel zu klug dafür, hier einen plumpen islamfeindlichen Roman abzuliefern, der einzig und allein Islamophobie verbreitet. Stattdessen spielt der Autor hier lediglich mit einer Idee, einem Konzept und siedelt seinen Roman daher in einer nahen Zukunft an. Realität und Fiktion vermischen sich in Unterwerfung und verschmelzen zu einer Einheit. Im Mittelpunkt steht jedoch wieder einer von Houellebecqs melancholischen Protagonisten, ein Literaturprofessor mittleren Alters, der aufgrund der Veränderungen an seiner Universität mitten in den Strudel der Unruhen gesogen wird. Der größte Teil des Romans befasst sich mit dem Ich-Erzähler, der seine Ereignisse als Privatperson relativ nüchtern erzählt.

So nüchtern wie Erzähler François seine Erlebnisse schildert, so nüchtern endet die Geschichte auch. Es ist mal wieder Houellebecqs eigene art, wie er ein kontroverses Thema behandelt und abschließt. Viele Leser werden hier sicher auf der Suche nach Tabubrüchen gewesen sein, doch meiner Meinung nach wurde man da wohl nicht so fündig, wie manche es gerne gehabt hätten. Viel interessanter als die ausgeprägten Sexszenen (die traditionell vorhanden und pikant beschrieben sind) war für mich die bedrückende Atmosphäre, die Houellebecq makellos in seinen Text eingefangen hat. Es war die art, wie er mit diesem Konzept experimentierte ohne alte Klischees oder erzwungene Tabubrüche aus der Schatulle zu kramen. Für einige mag dieser nüchterne, melancholische Erzählstil nicht das gehalten haben, was die Inhaltsangabe vielleicht versprochen hat, aber wer genau danach geht, der ist bei Houellebecq grundsätzlich falsch aufgehoben.

Ich blicke weiterhin sehr zufrieden auf Unterwerfung zurück. Natürlich wird man auch in Zukunft den Roman mit den fürchterlichen Ereignissen verknüpfen, die zur gleichen Zeit nicht nur Frankreich, sondern ganz Europa erschütterten. Doch hat sowohl der Roman als auch die vielen Reaktionen der Menschen bewiesen, die künstlerische Freiheit ist immer noch eine unserer wertvollsten Güter. Und diese Botschaft vertritt der Roman auch heute noch bravurös.