Archiv: Rezensionen zu Literatur und Film

Freitag, 18. Januar 2019

Blame!

Master Edition


Ich habe länger nach einem Titel für diesen Beitrag gesucht als mir über den Inhalt dieses Beitrags Gedanken zu machen. Ganz im Stile der kryptisch gehaltenen Serie von Mangaka Tsutomu Nihei entschied ich mich jedoch für die schlichte Variante. Keine weiteren Erklärungen als der Titel des Manga sind nötig um zu beschreiben, worum es in diesem Eintrag geht. Doch worum es geht, darüber habe ich mir ja noch gar keine Gedanken gemacht, da ich über den Titel dieses Beitrags sinniert habe. Man steckt schon in einem kleinen Dilemma, wenn man über Blame! berichten will. Ich will gar nicht erst damit beginnen, diesen Manga zu erklären. Doch es gibt so viel drumherum, worüber es sich lohnt, zu schreiben!

Beginnen wir doch einfach mal mit der einfachen frage, wie und woher das erneute Interesse an Tsutomi Niheis älteren Werken wieder entfacht ist. Ob im deutschsprachigen oder englischsprachigen Verlagswesen, Niheis Werke sind bei den Publishern von Manga wieder angesagt. Blame! galt besonders hierzulande als schwer zu vermarkten und obwohl Egmont Manga alle 10 Bände in Deutschland veröffentlichte, scherten sich zur Zeit der Veröffentlichung nur wenige Leser um das Cyberpunk-Werk. Es gab keine Neuauflage und die Ausgabe von Egmont war irgendwann komplett vergriffen bzw. nur noch als Antiquariat-Ware erhältlich.


Alte deutsche Ausgabe

Über diese zwei Bände aus dem Hause EMA (6,10 Euro pro Band, westliche Leserichtung) kam ich nie hinaus. Ich hätte noch Band 3-5 ergattern können, doch damit hatte es sich dann auch. Die Exemplare, die ich als Gebrauchtware in meinen Händen hielt, eigneten sich leider nicht einmal mehr als extravagante Untersetzer für wackelige Tischbeine.

Blame! war Niheis erste fortlaufende Serie und wurde zwischen 1997-2003 in Japan veröffentlicht. In Interviews blickt Nihei immer wieder auf die Serie und seine auf den ersten Blick eher schwer zugängliche art zurück. Als Nihei mit seinem erfolgreichen Science-Fiction Manga "Knights of Sidonia" (2009-2015) bei einem breiteren Publikum auf sich aufmerksam machte, versprach er, nicht mehr zu anfänglichen Werken wie Blame! zurückzukehren. Doch schaut man sich mal seine neueste Serie "Aposimz - Im Land der Puppen" an, kann man dieser Aussage nur schwer etwas abgewinnen. Trotz der Erfolge die Knights of Sidonia feierte, waren viele Leser von Niheis älteren Werken enttäuscht, besonders über die Dreingabe eines männlichen Hauptcharakters, der von einem Harem an Frauen (was sie, hochoffiziell, gar nicht sind) umworben wird. Obwohl die Grundstimmung von Sidonia nicht minder kryptisch und geheimnisvoll ist wie die von Blame!, so wird die Stimmung in der Serie immer mal wieder von humorvollen Passagen aufgelockert oder durch zusätzliche Erklärungen der Geschehnisse verständlicher gestaltet.

Kehrt man nach Sidonia zurück zu Blame!, so fällt der Unterschied schnell und deutlich auf. Blame! verfügt über enorm wenig Dialoge und wird praktisch komplett über die Illustrationen erzählt, was die eigentliche Faszination des Werkes ausmacht. Die Bildersprache benötigt keine weiteren Dialoge. Die Beweggründe des Hauptcharakters Killy ist in den ersten Bänden kaum nachvollziehbar, allerdings für die Story vorerst nicht wirklich relevant. Der Leser weiß, dass die Reise, die Killy auf sich nimmt, eine brutale, gnadenlose Irrfahrt durch ein Konstrukt ist, welches man kaum mit Worten beschreiben kann. Man muss es sehen, um es halbwegs verstehen zu können. Dialoge oder Erklärungen über die Megastruktur würden alles verkomplizieren, das Bauwerk allerdings zu illustrieren erübrigt sämtliche Fragen.

Doch woher stammt nun das neu entfachte Interesse für Tsutomu Nihei speziell her? Einerseits trägt die Anime-Adaption zu Knights of Sidonia einen großen Anteil daran. Der Manga selbst wird in Deutschland erneut von EMA vertrieben, allerdings mit so mäßigem Erfolg, dass auch hier etliche Bände nur noch schwer zu bekommen sind. Die Anime-Adaption aus den Jahren 2014/2015 besteht aus zwei Staffeln und erlangte besonders durch seine Veröffentlichung auf Netflix zu großer Bekanntheit, die den Anbieter dazu antrieb, weitere Anime ins Programm aufzunehmen.

Bereits im Jahr 2003 erschien zu Blame! eine Web-Serie, die aus 6 Mini-Episoden bestand. Nach dem Erfolg von Sidonia entstand 2017 Ein CGI-Animierter Spielfilm, der für einige Zeit exklusiv auf Netflix (und von Netflix auch produziert wurde) zu sehen war (und es immer noch ist, mittlerweile aber auch auf Blu-ray erhältlich ist). Der Verzicht auf traditionelle Animationen schien eine schnelle Entscheidung gewesen zu sein, denn erneut ist für diese Adaption Polygon Pictures verantwortlich, die auch den Sidonia Manga als CGI-Adaption umsetzten. Obwohl der Spielfilm zu Blame! positiv aufgenommen wurde, kamen die inhaltlichen Änderungen alles andere als gut an. Der Anime Spielfilm folgt größtenteils einer Original-Storyline und wirft die Schweigsamkeit des Manga völlig über Board. Auch von sämtlichen blutigen Auseinandersetzungen nahm man in der neuen Adaption zugunsten eines Publikums in verschiedensten Altersklassen Abstand. Mit anderen Worten trägt der neue Film zwar noch den bekannten Titel und präsentiert die gleichen Hauptcharaktere, inhaltlich nimmt der Anime sich jedoch zu viele Freiheiten, um ihn noch eine  originalgetreue Adaption nennen zu dürfen.




Eine weitere schwere Hüde für die Anime-Studios ist es, Niheis skizzenartigen Zeichenstil zu übernehmen. Zwar wäre es vermutlich möglich, den Stil für einen Anime treu zu adaptieren, allerdings könnte die Umsetzung auch Risiken mit sich bringen und potentielle Zuschauer abschrecken. Desweiteren würde Niheis Stil auch nur durch handgezeichnete Animationen richtig zur Geltung kommen.

Allerdings legte Tsutomu Nihei nie den größten Wert auf die Detailverliebtheit seiner Figuren. Nihei begann seine Karriere als Student für Architektur. Hierin liegt seine Passion. Die Gebäude und Umgebungen strotzen nur so vor Details. Es gibt sogar so viel Liebe zum Detail, dass selbst kleinste Schräubchen in den Zeichnungen noch zu erkennen sind. So ist es vermutlich gar nicht verwunderlich, dass das Cover-Artwork für den finalen sechsten Band der neuen Master Edition die Megastruktur deutlich zeigt, während Protagonist Killy eher eine unbedeutende Rolle auf dem Cover einnimmt.

Die neue Master Edition umfasst statt 10 nur noch 6 Bände. Somit finden nun rund zwei Bände des Originals Platz in einer einzigen Ausgabe der Master Edition, die hier im Großformat und erstmals in japanischer Leserichtung präsentiert wird. Und tatsächlich sah Blame! nie beeindruckender aus. Die Megastruktur wirkt durch das große Format gewaltiger als je zuvor. Die Detailverliebtheit ist auf jeder Seite zu spüren. Man könnte meinen, wenn man gleich etwas sagt, könnte durch die gewaltigen illustrierten Hallen ein Echo ertönen.

Die Master Edition ist in den USA aber auch in Deutschland erschienen. In Deutschland erscheint die Edition jedoch als Hardcover-Ausgabe von beeindruckender Qualität. Die Rechte für die Ausgabe liegen nicht mehr bei EMA sondern bei dem noch recht jungen Label Manga Cult (die allerdings zum etablierten Comic-Label Cross Cult gehören). Mit Blame! hat das Label gleich seinen Standpunkt klar verdeutlicht, welche art von außergewöhnlichen Titeln man ins Programm fortan aufnehmen wird. Der Erfolg der Master Edition (die auch komplett neu übersetzt wurde) und auch der sehr wahrscheinliche Gewinn einer neuen Zielgruppe schienen jedoch noch mehr positive Effekte zu haben, denn ende 2018 veröffentlichte EMA eine Luxury Edition zu Niheis Endzeit Manga "Biomega". Die Luxury Edition beinhaltet auf über 1000 Seiten die gesamte Serie. Ein weiteres Werk welches zur Zeit seiner Veröffentlichung in Deutschland von Manga-Fans nur wenig Aufmerksamkeit erhalten hat.

Blame!, das ist übrigens auch der SFX-Sound im Manga, der von Killys Waffe ausgeht. Allerdings macht die Waffe im Manga eigentlich nur Blam und nicht Blame!. Wenn Wolverines Klingen aus Adamtium aus seinen Fingerknöcheln fahren machen sie Snikt! Nihei sah hier wohl interessante Parallelen zu Blame! als er diesen Wolverine Comic 2004 zeichnete. Nach SFX-Sounds benennt Tsutomu Nihei seine Werke nicht mehr. Es erfreut mich jedoch, dass er weiterhin mit neuen Werken aktiv der Manga-Szene erhalten bleibt, Verlage aber auch wieder auf seine älteren Werke aufmerksam geworden sind. Ein Trend, der sich gerne so fortsetzen darf.


Mehr Blame!: Das Prequel NOISE erscheint am 09.04.19 als Hardcover bei Manga Cult

Dienstag, 15. Januar 2019

Japanuary 2019 Teil 1: Filme 1-4 in der Vorschau



Ursprünglich für den 16. Januar geplant, verschiebt sich besonders durch die Laufzeit des ersten Filmes, Scorseses Silence, Teil 1 des Japanuary ein wenig nach hinten. Je nachdem wie die Zeit es zulässt, wird das Special noch diese Woche Online gehen. Falls nicht, dann direkt zu Beginn der kommenden Woche.

Kommen wir nun aber zu meiner Auswahl. Mit Silence hat es ein westlicher Film in meine Liste geschafft und mit Escaflowne auch ein Anime. Folgende Filme werden besprochen:


1: Silence (2016). Regie: Martin Scorsese

2: Kotoko (2011). Regie: Shinya Tsukamoto

3: Gozu (2003). Regie: Takashi Miike

4: Escaflowne (2000). Regie: Kazuki Akane, Yoshiyuki Takei


Eine ausgewogene Mischung, wie ich selbst finde. Bisher gesehen habe ich nur Miikes Gozu, wo die letzte Sichtung allerdings schon wieder einige Jahre zurückliegt. Da es jedoch ein Werk ist, welches mir immer in Erinnerung bleiben wird, kann ich es kaum erwarten, mich ein weiteres mal auf diesen irren Trip einzulassen.

Sobald Teil 1 Online geht, verkünde ich auch die Filme für Teil 2. Für weitere Infos und Wasserstandsmeldungen könnt ihr mir wie immer auf Twitter folgen!

Donnerstag, 3. Januar 2019

Einwurf: 2019 in Sichtweite!




Liebe Leser von "Am Meer ist es wärmer". Wie jedes Jahr hoffe ich, dass ihr die Feiertage relativ kalorienarm und den Start ins neue Jahr unbeschadet überstanden habt. Immerhin profitiere ich schließlich auch von eurem Wohlbefinden, muss ich mal egoistisch zugeben. Denn wer würde sonst meine emotionalen Ergüsse hier auf dieser kleinen Insel lesen?

Erneut ist ein weiteres Jahr rum. Noch immer schüttel ich 2018 von mir. Gefühlt muss ich sagen, hänge ich noch im Jahr 2018 fest. Doch im Nebel scheint sich etwas zu offenbaren. Eine Zahl. Ich denke, es ist das Jahr 2019, eindeutig auch von meiner Position nun in Sichtweite. Wobei ich wohl eher noch einmal meine Augen reiben muss, damit ich es auch realisiere.

Leider musste ich einige geplante Dezember-Artikel in der Hektik der Zeit verschieben. Der Januar war eigentlich komplett für den diesjährigen "Japanuary" vorgesehen. Leser, die meinen Blog verfolgen, werden wissen, was gemeint ist. Beim letztjährigen Japanuary hatte ich nicht nur viel Freude an dem Blog-Event, ich habe auch eine menge positives Feedback erhalten und einige interessante Kontakte geknüpft. Wer mehr dazu erfahren will, der klickt einfach auf den verlinkten Artikel oder wartet, bis in einigen Tagen ein dazugehöriger Artikel für den diesjährigen Japanuary Online geht. Um zum Ausgangspunkt zurückzukehren: War der Januar ursprünglich für den Japanuary gedacht, so werde ich desweiteren noch zwei Dezember-Artikel nachreichen.

Von Februar bis März wird es eine verspätete Winterpause geben. Neue Beiträge wird es dann wieder in aller Frische ab ungefähr Mitte März wieder geben.

"Am Meer ist es wärmer" wird also auch 2019 bestehen. Unglaublich aber wahr, wir gehen nun ins achte Jahr und mittlerweile kann ich mich als alteingesessener Blogger betiteln (auch, wenn ich relativ wenig darauf gebe). Obwohl ich mir jährlich Gedanken mache, ob es hier noch weitergehen wird, so komme ich immer wieder zum Schluss, dass es hier noch einige unerledigte Aufhaben für mich gibt. So werde ich dieses Jahr zwar kein Programm für den Blog auffahren, aber wie gewohnt möchte ich über besondere Werke aus Literatur und Film berichten. Und vielleicht habe ich dieses Jahr Glück, ein wenig Unterstützung für meinen Blog zu erhalten.

Ob als Gast-Autor oder vielleicht sogar als feste zweite Stimme, wer sich von den Inhalten auf "Am Meer ist es wärmer" angesprochen fühlt, etwas Kreativität besitzt und Dann und Wann ein wenig Zeit entbehren kann, kontaktiert mich, wenn Ihr mithelfen wollt, diesen Blog noch umfangreicher zu gestalten.

Mit diesem kleinen Aufruf bin ich auch schon am Ende meines Neujahrs-Einwurf angelangt. Wie immer freue ich mich auf ein kreatives Jahr und interessante neue Titel. Bis dahin, gehabt Euch wohl und bis bald!



Aufziehvogel

Montag, 17. Dezember 2018

Am Meer ist es wärmer 2018: Die Top 3 (Literatur)





Ich breche mit Traditionen und möchte zum Jahresende erstmals eine Top 3 von Titeln veröffentlichen, die mir besonders gut gefallen haben. Denn anders als das für mich schwache Filmjahr 2018, hatte die Literatur einiges zu bieten. Für eine Top 5 hätte es auch noch gereicht, nein, es wäre nur gerecht gewesen, aber ein wenig schwieriger wollte ich mir die Entscheidung schon machen.

Dass meine Wahl so asiatisch angehaucht ist, mag den ein oder anderen Leser von "Am Meer ist es wärmer" nicht wundern, mein Blog legt immerhin den Schwerpunkt auf asiatische Literatur. Allerdings gab es hier eine sehr knappe Entscheidung zwischen "Die Maske" von Fuminori Nakamura und "Der Abgrund" von Dennis Lehane. Beide Werke haben mich durch ihre Spannung und Unberechenbarkeit ans Buch gefesselt. Am Ende fiel die Wahl auf Fuminori Nakamura, der bereits zuvor mit "Der Dieb" einen außergewöhnlich rauen, spannenden und schonungslosen Roman verfasst hat, der mich auch noch eine ganze weile nach dem lesen der letzten Seite beschäftigen sollte.

Anhand meines Titelbildes kann man meine Top 3 schon vorher sehen, was ich bewusst so gewählt habe. Jeden dieser Titel kann man sich als Fan anspruchsvoller Werke bedenkenlos zulegen. Wer aber etwas mehr Zeit hat und meine kurze Begründung zu jedem Titel mal lesen möchte, der hat natürlich nun die Gelegenheit dazu!

Qualifiziert waren Bücher, die 2018 als Erstveröffentlichung in Deutschland erschienen sind.



Die Reihenfolge ist nach dem Erscheinungsdatum der Rezensionen sortiert. Die jeweiligen Links verweisen ausschließlich auf Einträge, die auf "Am Meer ist es wärmer" veröffentlicht wurden, ihr verlasst nicht den Blog und werdet somit nicht auf externe Websites weitergeleitet.



Haruki Murakami - Die Ermordung des Commendatore (Gesamtwerk)



Autor: Haruki Murakami
Verlag: DuMont Buchverlag
Rezensionen: Teil 1Teil 2


Mein Jahr startete dieses Jahr mit Haruki Murakamis Zweiteiler "Die Ermordung des Commendatore".  Auch wenn Murakami ungewöhnlich viele kontroverse Themen in beiden Bänden anschneidet, so bleibt auch seine typische Lockerheit nicht auf der Strecke. Etwas, was Murakami bei seinen letzten beiden Romanen "1Q84" und "Die Pilgerjahre des farblosen Herrn Tazaki" etwas verloren gegangen ist. Der Japaner bezeichnete seinen neuen Zweiteiler selbst als "Eine seltsame Geschichte". Und unrecht hatte er damit nicht. In "Die Ermordung des Commendatore" geschehen am laufenden Bande seltsame Dinge. Ebenfalls wieder etwas, was mich an frühere Werke des Autors erinnerte und ich sehr zu schätzen weiß. Die Geschichte am Ende richtig einordnen zu können hat mich einige Zeit gekostet, aber noch einmal durch Murakamis engen und unheimlichen Kaninchenbau zu marschieren war mir eine Freude. Nicht nur für Freunde der japanischen Literatur ein Muss, auch die Surrealisten werden hier auf ihre Kosten kommen.



Fuminori Nakamura - Die Maske




Autor: Fuminori Nakamura
Verlag: Diogenes
Rezension: Link


Fuminori Nakamura hat meinen Geschmack getroffen. Seine Geschichten sind pessimistisch und nicht gerade die beste Medizin, eine traurige Person aufzuheitern. Aber wenn dieser Pessimismus mit einem fantastischen Schreibstil kombiniert wird, dann entsteht etwas großartiges daraus. Stilistisch orientiert sich der Japaner an große Schriftsteller wie Dostojewski, hat es aber geschafft, seinen eigenen Stil zu etablieren. "Die Maske" ist ein geniales Verwirrspiel, das viel mehr an ein Theaterstück erinnert und wirklich erst dann beendet ist, wenn der letzte Vorhang fällt. Ein Roman, den man nach dem kryptischen Prolog nicht mehr aus der Hand legen wird. Man kann nur hoffen, dass beide Romane von Nakamura erfolgreich genug waren, um noch weiteren Werken des Autors den Weg in die deutsche Übersetzung zu ebnen.




Cixin Liu - Weltenzerstörer




Autor: Cixin Liu
Verlag: Heyne
Rezension: Link

Eine Entscheidung, die mir ebenfalls nicht leicht gefallen ist. Denn bei meiner Wahl trat Cixin Liu gegen sich selbst an. Einmal mit "Der dunkle Wald", Teil 2 seiner Trisolaris-Trilogie und einmal mit "Weltenzerstörer", einer kompakten Novelle aus der Anthologie "Die wandernde Erde", die der Heyne Verlag vor dem erscheinen der Anthologie im Januar 2019 als Einzelband veröffentlicht hat. Obwohl Chinas Science-Fiction Autor Nr. 1 mit "Der dunkle Wald" eine herausragende Fortsetzung geschrieben hat, so ist es aber am Ende "Weltenzerstörer" gewesen,  die Novelle, die mich noch etwas mehr begeistert hat und mich nach dem lesen noch lange nachdenklich zurückgelassen hat. Hinter der vergleichsweise kurzen Geschichte (im Vergleich zu "Die drei Sonnen" oder "Der dunkle Wald") steckt eine nahezu unberechenbare Wucht. Was als gewöhnliche Science-Fiction Geschichte beginnt, endet in einem epischen wie melancholischen Showdown, der das Ende der Menschheit besiegeln könnte. Eine Geschichte, die mich zutiefst begeistert und aufgewühlt hat und ich mich erneut vor Cixin Lius Gedankenwelt verneigen musste. Bedenkt man dabei noch, dass es sich hier um ein Frühwerk des Autors handelt, so kann man die Qualität dieser Novelle gar nicht hoch genug einschätzen.

Montag, 10. Dezember 2018

Rezension: Erhebung (Stephen King)






USA 2018

Erhebung
Originaltitel: Elevation
Autor: Stephen King
Verlag: Heyne
Übersetzung: Bernhard Kleinschmidt
Genre: Novelle, Fantasy, Mystery


Stephen King bezeichnet seine Story "Erhebung" eindeutig als eine Novelle. Wie könnte es auch anders sein. Mit rund 150 Seiten ein Leichtgewicht. Auch wenn es hier nicht wenige Autoren gibt, die ihre ganze Karriere zwischen 150-200 Seiten pro Roman schreiben und diesen auch so vermarkten. Bei Stephen King ist diese Seitenanzahl beinahe schon vom Format Kurzgeschichte anzusiedeln. Die Verlage, die "Erhebung" publizieren, publizieren diese Novelle jedoch als Roman. Wieso die Verlage diesen Weg gehen, liegt mit großer Wahrscheinlichkeit daran, einen Roman wesentlich attraktiver vermarkten zu können. Denn, noch immer haben Kurzgeschichten oder die etwas längeren Novellen ein etwas schweres Standing unter westlichen Lesern.

Aber ob Erhebung nun eine Novelle oder ein Roman ist spielt keine Rolle. Was Stephen King bewiesen hat, er ist auch in kürzerer Prosa mal wieder erstaunlich gut. "Mal wieder" sage ich dabei aus gutem Grunde: King ist für mich besonders stark, wenn er es etwas kürzer angeht. Erhebung reiht sich für mich nahtlos in diese Kategorie ein. Bei unter 200 Seiten schafft es King, ohne sich dabei neu zu erfinden, eine Geschichte mit einem besonderen Konzept zu präsentieren. Diese Geschichte besitzt eigentlich auch alle Essenzen, die Kings großen Romanen anhaftet. Unglaublich aber wahr, so besitzt die Geschichte einen Anfang, ein Mittelteil und ein Ende. Jedoch kommt King hier wesentlich schneller zu Punkt. Ich bin mir dabei sogar sicher, wenn er gewollt hätte, hätte er dieses Konzept auch auf über 500 Seiten ausweiten können, doch dies war bei dieser Novelle überhaupt nicht nötig. Die Geschichte des übergewichtigen Webdesigner Scott Carrey, der aus unerklärlichen Gründen täglich Gewicht verliert (und kurioserweise mit schwerer Kleidung genau so viel wiegt wie ohne) ist kompakt geschrieben, wirkt aber auf keiner Seite abgemagert. Und wer auch die kürzeren Werke von King in seiner Laufbahn als Schriftsteller verfolgt hat, der merkt, dies ist eine seiner ganz großen Stärken.

In Erhebung führt uns der Autor zurück in seine fiktionale Stadt Castle Rock in Maine. Castle Rock war schon immer ein zentraler Punkt für King-Schauplätze und ist in all den Jahren auch ein beliebter Ort für die Werke anderer Schriftsteller und Filmemacher geworden. Wir haben es hier mit einer amerikanischen Kleinstadt zu tun, die nicht ganz 2000 Einwohner zählt. In dieser Stadt lebt Scott Carrey, der bei seinem Freund Bob Ellis, ein ehemaliger Arzt der vor einiger Zeit in Rente gegangen ist, Rat aufsuchen will. Mit seinen fast 2 Metern und einem üppigen Bauchansatz wiegt Scott mehr als er sollte. Seit einiger Zeit purzeln die Pfunde jedoch, täglich, ohne, dass Scott seine Ernährung umgestellt hat. Doch etwas seltsames geschieht. Etwas, was Scott nicht seinem behandelndem Arzt erzählen kann, da er sich vor den Konsequenzen fürchtet. Er vertraut sich Bob Ellis an, bei dem er hofft, von dem Rentner einen ärztlichen Rat zu erhalten. Doch genau wie Scott selbst steht Bob vor einem Rätsel. Die Waagen beider Männer zeigen das gleiche Gewicht mit und ohne Bekleidung an. Neben den körperlichen Veränderungen hat Scott noch mit einer Scheidung zu kämpfen, einen großen Job, den er an Land gezogen hat und muss sich zusätzlich noch mit seinen lesbischen Nachbarinnen auseinandersetzen, deren Hund immer sein Geschäft auf Scotts Grundstück verrichtet.

Wer den blanken Horror hier sucht, der sollte direkt sein Unterfangen entweder umlenken oder es bleiben lassen. Viel mehr kehrt King hier zurück zu seinen Ursprüngen. Erhebung ist eine ruhige Geschichte, die zwar das Übernatürliche als Kernthema besitzt, aber die gesellschaftlichen Aspekte wie aber auch die Gesellschaftskritik noch wesentlich mehr in den Vordergrund stellt. Obwohl nicht als Anti-Trump-Geschichte gedacht, so sind gewisse Seitenhiebe an die derzeitige amerikanische Gesellschaft unverkennbar. Das wichtigste ist jedoch,  King driftet glücklicherweise nicht in irgendwelche gesellschaftlichen Klischees ab, die derzeit beliebt sind. Auch will King dem Leser seine politische Sicht nicht aufzwingen. Die subtile Kritik entfaltet sich dadurch wesentlich natürlicher und ungezwungen.



Fazit

"Erhebung", ob nun eine Novelle oder ein Roman, es ist eine Story, die unglaublich gut funktioniert. Mit Scott Carrey präsentiert uns Stephen King eine sympathische Figur aus dem Alltag, die genau so unwissend ist wie wir selbst. Die mysteriösen Ereignisse sind wieder einmal nur Teil einer größeren Sache. Die Abstriche zu einem großen King-Roman fallen überraschend gering aus. Es imponiert mir daher in großen Maßen, wie der Altmeister es nach all den Dekaden noch immer schafft, relevant zu bleiben, mit der Zeit zu gehen, sich treu zu bleiben und bei all dem sich nicht sich und seine Karriere selbst parodieren muss. Wer nach einer langen King-Abstinenz mal wieder was von ihm lesen möchte, der wird mit "Erhebung" und der Rückkehr nach Castle Rock kaum einen passenderen Zugang finden.