Archiv: Rezensionen zu Literatur und Film

Montag, 6. April 2020

Gastrezension: Lumera Expedition: War (Jona Sheffield)





Deutschland 2020

Lumera Expedition: War
Autorin: Jona Sheffield
Verlag: Selbstverlag
Format: eBook, gebundene Ausgabe
Genre: Science-Fiction



Mit „Lumera Expedition: War“ nimmt Jona Sheffield uns erneut mit in eine Zukunft, in der die Erde durch den Klimawandel unwirtlich geworden und der Planet Lumera die Hoffnung der überlebenden Menschheit ist.
Ich habe lange voller Spannung auf diese Fortsetzung gewartet und als ich das Buch endlich in der Hand halten durfte, hat mich das Cover schon umgehauen. Ja, gut, das ist fast (ja, nur fast, denn das Gestirn hinter dem Planeten scheint sich ein wenig mehr hinter ihm hervorgeschoben zu haben) das gleiche wie das vom ersten Band, das mich damals auch direkt gefangen hatte – ich finde es übrigens schön, wenn Buchreihen auch beim Cover einer Linie treu bleiben, das macht sich sehr gut im Regal – nur eben in Rot, aber dieses Rot hat es in sich. Und nun gerate ich ins Schwärmen, ehe das Buch überhaupt aufgeschlagen wurde. Dass man ein Buch nicht nach seinem Cover beurteilen soll, gilt in beide Richtungen, ein schlechtes Cover muss kein schlechtes Buch beinhalten und umgekehrt.
Also schauen wir mal. Bereits der Blick ins Inhaltsverzeichnis zeigt, dass wir viele alte Bekannte, wie Julia, John und Peter, wiedertreffen werden, wir allerdings auch die Ereignisse aus der Sicht anderer Beteiligter, wie etwa Elias Fox, erfahren werden.

Vom Prolog werden wir direkt mitten ins Geschehen zu John auf einen Kriegsschauplatz katapultiert. Der Titel macht also schon einmal keine falschen Versprechungen. Und wie es schon im ersten Band mit Julia war, ist auch hier unklar, ob dieses Mal John überlebt. Und da spannt Jona Sheffield uns auch erstmal auf die Folter, denn das erste Kapitel beginnt ein paar Monate zuvor. Ich empfehle übrigens dringend, immer auf die Zeitangaben am Kapitelbeginn zu schauen, das spart viel Verwirrung. Nein, ich rede natürlich nicht aus Erfahrung, ich war natürlich nicht so scharf auf das Buch, dass ich es erstmal in einem Zug weginhaliert und dieses kleine Detail in den ersten Kapiteln außer Acht gelassen habe, ehe ich es noch mal in Ruhe las, um euch diese Rezension verfassen zu können. Keine Ahnung, wer auf solche Ideen kommt!
Schnell wird klar, dass die Kolonie auf Lumera inzwischen zu einer kleinen Stadt herangewachsen ist, auch wenn noch immer nicht alle Archen mit Überlebenden angekommen sind. Auch die politischen Machtverhältnisse verschieben sich, als der Ausnahmezustand beendet wird und der Julia und den Anderen offenbar leicht gewogene General James Lenoir die politische Macht in die Hände des radikaleren und weniger gemäßigten Elias Fox legt.
Währenddessen haben Julia, John und die Anderen Zuflucht in Dumras bei den Kidj’Dan gefunden. Dies sind die Aliens, in deren Heimat sie am Ende des ersten Bandes gestolpert waren. Diese vertrauen den Fremden zwar auch nach mehreren Monaten nicht vollends, haben ihnen aber Unterschlupf gewährt. Offenbar sind sie die Ureinwohner Lumeras, insektenartig, aber telepathisch höher entwickelt. Doch es wäre zu einfach, wenn es nur das wäre, das genügt einer Jona Sheffield nicht und wäre auch nicht das, was ich von dieser Autorin nach dem starken ersten Band erwarten würde, und so lässt sie uns hier schnell erkennen, dass auch bei den Kidj’Dan nicht alles so ist, wie es zunächst scheint.

Auch in der Basis, die nun den Namen Three Moon trägt, ist die Situation angespannt und mündet, nach verschiedenen Verstrickereien, schließlich darin, dass Fox den Kidj’Dan, die die Kolonisten eher zufällig entdeckt haben, den Krieg erklärt. Zu dem es, wie der Prolog vermuten lässt, auch kommt. Mehr möchte ich allerdings an dieser Stelle nicht verraten, um nicht zu viel vorweg zu nehmen.
Ein netter kleiner Schlenker wird übrigens kapitelweise zur auf der Erde zurückgebliebenen Fay gemacht. Über 100 Jahre nachdem Julia und die anderen die Erde mit der Aristoteles verlassen haben, zeigen ihre Erlebnisse, wie es auf der Erde aussieht. Die Situation ist katastrophal, aber die Menschheit ist auch auf der Erde noch nicht tot. Sie versucht wieder auf die Beine zu kommen, baut Kuppeln, in denen sie sich selbst, ihre Tiere und ihre Felder vor Zyklonen und Umweltkatastrophen schützen wollen. Somit ist es alles andere als Friede, Freude, Eierkuchen. Das, muss ich gestehen, war ein wenig meine Sorge, denn auch wenn die Menschen auf Lumera die Erde für von menschlichem Leben ausgestorben halten, konnte es so einfach nicht sein, da mussten einfach noch Menschen leben. Aber zum Glück, das muss ich hier wirklich sagen, nicht in einer wieder reparierten Natur, die sich durch den Aufbruch so vieler anderer Menschen erholt hat, und in einer heilen, modernen Gesellschaft. Ich bin gespannt, wie es auf der Erde weitergehen wird.

Der Schreibstil ist flüssig, klar und schön zu lesen. Am Anfang holpert es manchmal ein klein wenig und es tauchen überflüssige Wortwiederholungen auf, aber das verläuft sich sehr schnell und tut dem Lesevergnügen keinen Abbruch. Die Charaktere haben ihre Authentizität beibehalten, und auch da sind verschiedene Dinge im Umbruch. Zwischen Ethan und Julia kriselt es, dafür scheinen kleine Fünkchen zwischen John und Julia zu knistern. Ich will nicht sagen, dass das überraschend kommt. Aber so ist eben das Leben, man befindet sich nicht nur in der Verbannung und in Aussicht auf einen möglichen Krieg, sondern man hat auch noch ein privates Leben und auch da herrscht nicht immer eitel Sonnenschein. Aber das gefällt mir ohnehin an diesem Buch – wie auch am ersten Band – so gut: Es gibt nicht nur die eine, große Handlung, sondern diverse kleine Nebenschauplätze. Und das ist es, was die Charaktere, die Geschichte, das gesamte Buch so lebendig macht, das große Ganze, der Krieg, aber dann eben auch die Menschlichkeit in ihrer ganzen Alltäglichkeit. Und dieses Mal heißt es tatsächlich Abschied nehmen von einem lieben Charakter. So ist das Leben zwar, aber puh, da musste ich erstmal durchatmen.
Das Ende ist, auch das kennen wir vom ersten Band, mal wieder ein Cliffhanger, und zwar ein ziemlich … „großer “ ist gar kein Ausdruck, der ist gigantisch! Und hier wurde eine vorher vor sich hin schwelende Sorge direkt wieder beruhigt, denn ursprünglich hatte ich befürchtet, dass eine andere dieser kleinen Nebengeschichten vollkommen unspektakulär zu Ende gegangen und verpufft wäre. Aber weit gefehlt, die meldet sich nämlich mit einem gigantischen Knall zurück. Und lässt mich jetzt, nachdem ich den zweiten Band verschlungen habe, nägelkauend vor Ungeduld – naja, ihr versteht schon, was ich damit sagen will – zurück.



Abschließende Gedanken

Natürlich ist hier der Fokus weniger auf den Klimawandel und seine direkten Folgen gelegt, so wie es im ersten Band der Fall war, sondern es geht mehr um Lumera und die Ereignisse dort als um die auf der Erde. Es zeigt sich aber auch schnell, dass es mit der Ankunft auf einem neuen Planeten und einem begonnenen Wiederaufbau nicht getan ist. Dieses Mal empfand ich es weniger als ein Aufrütteln in Bezug auf den Klimawandel und auf das, was die Folgen sein könnten – denn wie ich in zum ersten Band schrieb, das Buch war aufrüttelnd und zeichnete eine definitiv vorstellbare Zukunft. Nein, dieses Buch empfand ich mehr als einen mahnenden Fingerzeig auf die Gesellschaft, auf das Miteinander, auf den Umgang mit anderen Kulturen. Dass nur ein Neuanfang definitiv keine Rettung bedeutet, wenn alte Fehler wiederholt werden. 
Mich hat dieses Buch auf ganzer Linie überzeugt, die Geschichte geht spannend und absolut glaubwürdig weiter, der Stil ist super, die Charaktere haben ihre Tiefe beibehalten … und da ist natürlich dieses wahnsinnig tolle Cover, davon komme ich einfach nicht los, man sehe es mir nach.
Wem „Lumera Expedition: Survive“ gefiel, der wird „Lumera Expedition: War“ lieben. Versprochen!

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Gastrezensentin: Lavandula



Lavandula gehört zum Kult der Bibliophilen und ist neben dem Studium selbst immer mal wieder als Autorin unterwegs, sofern die Zeit es zulässt. Ungefähr in einem Spektrum wie die Zeitsprünge in "Lumera Expedition: Survive" versuche ich sie bereits für einen Beitrag auf "Am Meer ist es wärmer" zu gewinnen. Ich hoffe, mit ihrem frischen Schreibstil wird sie den Blog noch häufiger bereichern.

Mittwoch, 5. Februar 2020

Am Meer ist es wärmer geht in eine Pause auf unbestimmte Zeit




Liebe Leserinnen und Leser von "Am Meer ist es wärmer",

ein verspätetes Frohes Neues 2020. Ich hoffe, ihr alle habt den Jahreswechsel gut überstanden und hinter euch gebracht. Denn wir alle wissen, um 00:01 im neuen Jahr warten auf uns auch neue Aufgaben, Bücher und Filme, auf die wir uns freuen können.

Wer meinen Blog verfolgt, der kennt sowohl meine Kampfansagen aber auch meine Gedanken, den Blog vielleicht auf unbestimmte Zeit ruhen zu lassen. Ich konnte mich in den letzten Jahren immer wieder motivieren, indem ich weniger Beiträge verfasste, mich dafür aber ausschließlich Themen widmete, die mich umso mehr interessierten. Nun besteht dieser Blog fast schon 10 Jahre und noch nie hatte ich das Gefühl, als sei alles gesagt, was gesagt werden müsste. Das virtuelle Tintenfass scheint leer zu sein, meine geschriebenen Worte verblassen mit jedem Beitrag mehr und fast jeder neue Text klingt wie die vorgefertigte Schablone eines Kundenberaters. Ich denke, wenn man als Betreiber einer Seite, wo es um geschriebene Beiträge geht, die Motivation und Kreativität verliert, neue Beiträge zu verfassen, dann ist so etwas reichlich kontraproduktiv. Ich würde dem Betreiber raten, die virtuelle Feder vielleicht doch mal für eine längere Zeit an den Nagel zu hängen. Diese Empfehlung habe ich mir nun aber selbst ausgestellt. Bevor "Am Meer ist es wärmer" also zu einer vorgefertigten Schablone wird, ziehe ich es vor, die virtuelle Feder vorerst an den Nagel zu hängen.

All diese Worte, die ich gerade verfasse, gehen mir so locker von der Hand wie schon lange kein Beitrag mehr. Nicht aus dem Grund, weil ich eine Befreiung verspüre, den Blog nicht weiterzuführen. Dies wäre völliger Quatsch da dieser Blog immer mein Hobby war und ich dieses mit großer Passion verfolgt habe. Aber weil es eben ein Hobby war (ist), was aus einer simplen Idee heraus entstanden ist, so blicke ich umso erfüllter auf über 9 Jahre zurück, wo der Blog und die Texte eines kleinen Einsiedler-Autors eine feste Leserschaft für sich gewonnen hat. Und, mindestens genau so wichtig, einige sehr exotische Titel aus der Welt der Bücher und Filme durch meine Empfehlungen ein paar neue Anhänger gefunden haben. Was einmal als kleiner Blog begann, der sich hauptsächlich mit Haruki Murakami und diverser anderer japanischer Literatur befasste, wurde zu einem Projekt von einer Größe, wie ich es mir niemals erträumt hätte.

Doch wie geht es denn auf "Am Meer ist es wärmer" fortan weiter? Nun, erst einmal soll es kein Abschied für immer sein. Da ich immer wieder mit gesundheitlichen Problemen zu kämpfen habe, will ich mich an sich schon nicht zu sehr unter Druck damit setzen, an einem Comeback zu arbeiten. Wenn die Motivation zurückkehrt, werde ich auch die Arbeit am Blog wieder aufnehmen. Dies kann früher oder später der Fall sein, ich will mich nicht festnageln. Doch es gibt ein paar Punkte, die ich gerne zusammenfassen möchte, wie der Blog weiterhin aktiv bleiben wird:


- Der Blog wird weiterhin als riesiges Archiv Online für alle interessierten Leser verfügbar sein

- Ein paar ausstehende Rezensionen werden in absehbarer Zeit noch Online gehen (keine genauen Daten sind dafür bisher geplant)

- Es besteht die Chance auf weitere Gastrezensionen. Diese werden von mir Online gestellt

- So gut es mir möglich ist, das Archiv im Auge zu behalten. Hochgeladene Covers und andere Bilder werden von mir beobachtet und gegebenenfalls aktualisiert. Der Blog wird zwar nicht mehr von mir mit neuen Inhalten versorgt, aber wird weiterhin instand gehalten

- Ich bin weiterhin über meinen Twitter-Account aktiv. Zögert nicht, mir zu schreiben


Und da bin ich direkt beim nächsten Punkt. Da ich weiterhin für alle Ideen offen bin, so hat jeder Leser die Möglichkeit, mich zu kontaktieren. Wer also auch mal lust hat, eine Gastrezension zu verfassen und keinen eigenen Blog besitzt oder für sich wissen möchte, ob das verfassen von Rezensionen etwas für Sie/Ihn ist, Tipps benötigt oder selbst nach passenden Themen sucht, ich bin täglich erreichbar.

Ich glaube, damit endet mein Einwurf zum Abschied auch schon. Kein unnötiges Drama, kein Gewinnspiel zum Abschied und keine Versprechen. Nur ein Versprechen darauf, dass meine wachsamen Augen immer auf "Am Meer ist es wärmer" gerichtet ist. Ich möchte mich daher für die langjährige Treue bei allen Lesern bedanken und auch noch unzählige Grüße an die Leser ausrichten, die über Google+ jahrelang ihren Weg zu mir fanden. Und ganz besonders schätze ich die wertvollen Kontakte, die ich im laufe der Jahre mit den Lesern, anderen Bloggern und Verlagen geknüpft habe. Der letzte macht das Licht aus und schließt die Tür hinter sich. In dem Falle fällt mir diese Aufgabe zu.


Auf Bald,
Aufziehvogel
Und möge uns ein aussichtsreiches Messejahr bevorstehen

Donnerstag, 26. Dezember 2019

Wühlkiste: Gaming The System - Um jeden Preis (Brenna Aubrey)





USA 2015

Gaming The System - Um jeden Preis (Die Gaming The System Serie, Band 1)

Autorin: Brenna Aubrey 
Verlag: Silver Griffon Associates 
Format: eBook 
Genre: New Adult



Lavandula hat sich eingeloggt.

Da bin ich wieder, ich darf nochmal!

Lavandula wählt ein Item aus ihrem Inventar aus.

Und ich habe etwas Besonderes im Gepäck: „Gaming the System – Um jeden Preis“, den Auftakt einer derzeit sechsbändigen Reihe, von der USA TODAY-Bestsellerautorin Brenna Aubrey. Nun sind allerdings viele Folgebände oder die Bezeichnung „Bestsellerautor/in“ nicht unbedingt ein Zeichen von Qualität.

Ich habe mit Vorsicht zu diesem Buch gegriffen. Es ist zwar richtig, dass man ein Buch nicht nach seinem Cover beurteilen sollte … dennoch hätte ich im Regal nicht zugegriffen. Das tat ich tatsächlich wegen der Computerspiele-Thematik, das hat mich neugierig werden lassen. Auch wenn ich meine Erwartungen aufgrund es Genres eher nicht zu hoch geschraubt habe.

Und nun ist Schluss mit dem Hin und Her, denn zu diesem Buch gibt es ganz klare Worte zu sagen.

Mia Strong – ist das etwa schon ein Hinweis, dass da jemand ganz stark sein wird? – ist Computerspiele-Bloggerin und anscheinend gar nicht mal so unbekannt. Zumindest nicht vor dem Hintergrund, dass sie durch die Werbeeinnahmen durch ihren Blog mehr verdient als durch ihren Nebenjob im Krankenhaus. Was genau sie da macht, erfahren wir allerdings nicht so richtig. Bringt die Story aber auch nicht voran. Genug Geld, um ihren Lebensunterhalt zu bezahlen, sowie ihrer krebskranken Mutter finanziell unter die Arme zu greifen, hat sie allerdings dennoch nicht. Ein Medizinstudium ist da schon lange nicht drin, wenn nicht mal genug Essen da ist.

Deshalb kommt Mia auf die Idee, ihre Jungfräulichkeit zu versteigern, denn eigentlich ist sie aus eigenem Antrieb Single, hat keine Lust auf Beziehungen und den ganzen Quatsch. Und das mit 22.

Liebe Mia, halt noch acht Jahre durch, dann wirst du ein Zauberer! Oder gilt das nur für männliche dreißigjährige Jungfrauen? Herausfinden werden wir es in Mias Fall nicht.

Mit flammenden Worten über die Reinheit der Frau, die ja so viel an Wert verloren habe, bietet sie sich, genauer: ihre Unberührtheit, an den Meistbietenden. Die Reinheit der Frau ist schließlich das höchste Gut.

… Sag mal, geht’s noch?! Wir leben in einer relativ (alles ist relativ, meine Lieben) aufgeklärten und fortschrittlichen Welt. Und dann kommt da jemand daher, möchte uns wieder ins Mittelalter zurück katapultieren und sich prostituieren? Gut, nein, vielleicht nicht das Mittelalter, da wäre sie bereits zehn Jahre zuvor verheiratet worden und hätte keine Aussicht auf irgendwelche (finanziellen) Vorteile für sich selbst.

Wir befinden und übrigens noch auf den ersten drei Seiten. Und ich begann mich zu fragen, ob es nicht ein Fehler war, dieses Buch überhaupt anzufangen. Meine armen Nerven.

Zum Abkürzen spulen wir vor: Der Millionär Adam Drake – Adam, der erste Mann, er soll also auch Mias … wisst ihr was, ich lasse das, ihr versteht schon – gewinnt die Auktion. Er ist CEO einer Computerspielefirma, noch keine 30, sieht so wahnsinnig gut aus, dass natürlich auch Mias obligatorischer schwuler bester Freund ihm verfällt und Mia ist schockverliebt.

Und hier wird es wieder seltsam. Es kommt relativ schnell heraus, dass Adam Drake CEO/Chefentwickler des MMORPG Dragon Epoch ist. Das ist das Spiel, in dem Mia ihre gesamte Freizeit verbringt und über das sie lange und regelmäßig bloggt. Trotzdem klingelt nichts bei ihr, als sie seinen Namen hört. Wenn ich mich so intensiv mit einem Spiel oder auch einem anderen Medium auseinandersetze, sind mir zumindest ein paar Namen ein Begriff, und ein solcher wie der des Mannes, der das alles ins Leben gerufen hat, sollte dazu gehören.

Ich möchte weder langweilen noch spoilern. Alles Weitere ist aber im Grunde ohnehin 08/15. Sie will ihn nicht, da sein Auftreten für sie gar nicht ging, er kommt zu ihr, sie entscheidet sich um, sie fliegen nach Europa in die Niederlande, da Prostitution (hoppla, das ist also bereits durchdacht … unsere liebe Mia kapiert es allerdings immer noch nicht, dass sie genau das tut mit ihrem Jungfräulichkeit-gegen-Geld-Quatsch) dort legal ist, sie werden unterbrochen, sie ist immer noch Jungfrau. Sie fliegen zurück, nicht ohne sich gründlich zu zoffen, der Vertrag ist nicht erfüllt, also müssen sie sich wiedersehen, obwohl Mia einen Kontaktabbruch nach dem Vollzug wollte …

Es ist einfach ein wahnsinniges und zähes Ringen. Mia wirkt dabei bei Weitem nicht wie ihre 22 biologischen Jahre, sondern eher wie ein kleines 12jähriges Mädchen. Mal will sie Adam, findet die Glitzermärchenwelt mit dem ganzen Geld absolut toll, dann glaubt sie wieder daran, dass Adam sie nur ausnutze. Außerdem ist es furchtbar vorhersehbar. Zumindest mir war die wirkliche Identität von „FallenOne“, einem Spieler aus Mias Gruppe, der ihre Auktion ziemlich bescheuert fand, und der dann beleidigt verschwindet, direkt klar. Offensichtlicher ging es einfach nicht.

An vielen Stellen wirkt es außerdem, also wolle die Autorin ihre eigenen Ansichten auf plumpe Art und Weise durch Mia transportieren. Diese regt sich in ihren Blogs nämlich wahnsinnig über die Darstellung von Frauen in der Computerspielewelt auf. Oh nein, sexy Kriegerinnen im Kettenbikini! Dass an anderer Stelle von einem lendenschurzbekleideten Barbaren gesprochen wird, ist aber nicht weiter erwähnenswert. Da schützt der Kettenbikini allerdings besser als ein Tüchlein.

Lavandula wirft den Lendenschurz weg und legt den Kettenbikini zurück in ihr Inventar.

Ehrlicherweise muss man anfügen: vielleicht mokiert sich auch deshalb niemand, weil es zu einer Spontanerblindung kommt, sobald man den knapp bekleideten Barbaren erblickt.

Und ich bin noch immer nicht fertig mit Mia. Bezeichnet sie sich einerseits als Hardcore-Gamerin, lässt sie doch an anderer Stelle ihren besten Freund im Spiel einfach verrecken, weil er etwas sagte, was sie nicht hören wollte. Solche Zicken – weibliche wie männliche – fliegen ganz schnell aus der Gilde oder zumindest möchte keiner mehr mit ihnen gemeinsam spielen. Solches Verhalten führt übrigens zu Vorurteilen zockenden Frauen gegenüber, also sollte sich tatsächlich eine tiefere Botschaft der Autorin dahinter verbergen (Gamerinnen aller Länder, vereinigt euch!), geht das nach hinten los, da hier ein Klischee bestätigt wird.

Auch nach dem „Nerd-Kram“ habe ich vergeblich gesucht. Da ist wirklich sogar noch weniger drin als das Mindeste, das Möchtegernerds so von sich geben. Keine Nerdwitze (gut, ein Han Solo-Spruch kommt, wird aber sogleich erläutert, statt ihn einfach mal so stehen zu lassen), kein Nerdkram … nur der Herr der Ringe wird geschaut. Den die Autorin einfach mal direkt fett spoilert, sie haut ohne mit der Wimper zu zucken das Ende raus. Naja, sicherlich hat diese klasse Reihe ihre 20 Jahre schon fast auf dem Buckel – ich fühle mich alt, wenn ich an das kleine Mädchen zurückdenke, das Heiligabend 2003, eigentlich noch ein paar Monate zu jung, ins Kino ging, um diesen Film, den dritten, zu schauen – aber ich kenne genug Leute, die ihn noch nicht gesehen haben, es aber gerne noch wollen, und … man macht sowas einfach nicht!

Die Autorin bezeichnet sich selbst übrigens als Gamerin. Hat dann allerdings nicht mal die Basics drauf, was Begrifflichkeiten angeht. So leid es mir tut, aber nur, weil man Flappy Bird oder ähnliche gespielt hat, ist man noch lange kein Gamer.

Tatsächlich kann ich allerdings ein einzelnes etwas besseres Haar an diesem Buch lassen: Sprachlich ist es erstaunlich ertragbar. Es ist zwar weder besonders gut noch besonders schlecht, aber man wird nicht mit katastrophaler Grammatik oder einem Übermaß an Wortwiederholungen traktiert. Selbst in den – allerdings eintönig geschriebenen – Erotikszenen wird nicht in die tiefste Gossensprache zurückgegriffen und solche Horrorwörter wie „Schwengel“ tauchen glücklicherweise erst gar nicht auf.



Abschließende Gedanken

Ich glaube, dieses Buch kann ich getrost als einen Trittbrettfahrer von der Reihe um einen gewissen Mr. Grey einordnen: Armes Mädchen trifft reichen, jungen,
gutaussehenden, erfolgreichen Mann, der sie auch direkt für sich will, sie misstraut seinen Absichten, und so weiter. Jenes Buch brauchen wir nicht noch einmal aufwärmen. Gulasch und so – wobei es schon vorher nicht schmeckte.

Es ist schade, dass anscheinend heutzutage und besonders in diesem Genre die eigene Fantasie so sehr auf der Strecke bleibt. Stattdessen wird etwas aufgegriffen, das mal Erfolg hatte, ein wenig umgemodelt und dann als etwas Eigenes, total Tolles verkauft. Tatsächlich kann sowas in Ausnahmen gelingen, aber meist, wie auch hier, tut es das nicht.

Wir haben ein Buch, das gern die Gaming-Thematik aufgreifen und mit einer Art Liebesgeschichte verbinden möchte. Nette Idee. Doch der genauere Blick in den Quellcode enttarnt dieses Produkt doch wieder nur als schlechten Klon, der in fremdem Gewand daherzukommen versuchte. Dann wurde rumgejammert wie schlecht und gemein doch alles sei, vor allem in der Gaming-Welt gegenüber den armen Frauen.

Weder die Figuren noch die Handlungen sind authentisch, das ganze Buch ist es nicht, und auf die Art, wie sie ihre Botschaft transportiert, hat auch die Autorin viel davon eingebüßt. Es ist zäh, ein absolut vorhersehbares und unnötiges Hin und Her, und von dem, was ich erwartet habe – Gaming, Nerdkram, sowas eben – habe ich leider sehr wenig gefunden, und das wenige, das ich fand, war ein solch oberflächlicher und teilweise schlicht falscher Kram, dass es mir eher den Blutdruck in die Höhe trieb, statt mich zu erfreuen.

Das Buch habe ich geschafft, und zwar kurz bevor es mich geschafft hat, aber weder werde ich davon ein weiteres lesen noch es wieder in die Hand nehmen. Leere Versprechungen, vorhersehbare Handlungen, unsympathische Protagonistin. Eine große Enttäuschung, und das sogar bei deutlich heruntergeschraubten anfänglichen Erwartungen.

Lavandula bietet das Buch auf dem Markt zum Verkauf an.

Ja, ich hatte etwas Besonderes versprochen.

Lavandula legt den Kettenbikini an.

Das Buch war jedenfalls nichts Besonderes. Schade. Da wäre wirklich viel herauszuholen gewesen.

Lavandula hat sich ausgeloggt.
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Gastrezensentin: Lavandula



Lavandula gehört zum Kult der Bibliophilen und ist neben dem Studium selbst immer mal wieder als Autorin unterwegs, sofern die Zeit es zulässt. Ungefähr in einem Spektrum wie die Zeitsprünge in "Lumera Expedition: Survive" versuche ich sie bereits für einen Beitrag auf "Am Meer ist es wärmer" zu gewinnen. Ich hoffe, mit ihrem frischen Schreibstil wird sie den Blog noch häufiger bereichern.

Dienstag, 24. Dezember 2019

Rezension: Der Sprung (Simone Lappert)

(Foto: Aufziehvogel)





Schweiz 2019

Der Sprung
Autorin: Simone Lappert
Verlag: Diogenes
Veröffentlichung: September 2019
Genre: Gesellschaftsdrama




"Durch die saubersten Flure hatte er schon die übelsten Kerle abgeführt, und in den schicken Wohnungen waren einfach nur die Teppiche feiner, unter die der Dreck gekehrt wurde. Schweinereien waren Schweinereien, und Blut war ihm zuwider, ob es nun auf Linoleum oder Marmor vergossen wurde."



"Der Sprung" der jungen Schweizer Autorin Simone Lappert beginnt mit einem Sprung. Hatte ich es in meiner letzten Besprechung noch mit einem Revolver zu tun, ist es in diesem Roman nun ein Sprung. Ein Sprung, der aber so eine Wucht hat wie eine abgefeuerte Kugel aus einem Revolver. Es ist nur ein kurzer Prolog, eine minimale Einführung. Eine Einführung, die dem Leser nichts anderes als einen grandiosen Sprung beschreibt. Ein Sprung, so die Dame, die gerade fällt, der sich lohnen muss. Ein Sprung der sitzen muss, denn man kann ihn, logischerweise, nur ein einziges mal ausführen.

Als ich den Roman vor einigen Tagen ausgelesen habe zeigte mir Spotify in meinem Mix der Woche den Song "Time Rider" von den Chromatics an. Und schon musste ich wieder an den Roman von Simone Lappert denken, der mir noch immer so lebhaft im Gedächtnis sitzt, es sich dort regelrecht bequem gemacht hat. Ich dachte mir, der Song wäre der perfekte Soundtrack für diese Geschichte.
Die Autorin macht ihren Titel zum Programm. Nach dem Sprung folgt bekanntlich der Aufprall. Der Aufprall ist in diesem Sinne die Wucht oder besser gesagt sind es die Worte, die diesen Roman verfasst haben.

"Der Sprung" ist alle voran erst einmal ein Point of View Roman. Mehrere Charaktere, die allesamt ihre eigene Geschichte besitzen, erzählen die Rahmenhandlung des Romans. Menschen, die auf den ersten Blick alle relativ wenig miteinander zu tun haben stellen sich dem Leser kurz vor und der Stein kommt ins Rollen. Schon ganz zu Beginn bekommen wir es mit zwei recht starken Figuren zu tun. Felix, ein grimmig dreinschauender aber herzensguter Polizist. Ein muskulöser, furchtlos dreinblickender Typ. Doch scheint er sich laut seinen eigenen Aussagen eher als Kind zu sehen, das es immer noch nicht verstanden hat, wie es in diesen kräftigen Körper gelandet ist. Ein Junge, der in Wahrheit ängstlich ist und von pessimistischen Gedanken verfolgt wird. Ein ähnlich melancholisches Schicksal erwartet einige Seiten später Maren, eine etwas pummelige Frau ende dreißig, die ihren Mann, ihren Seelenverwandten, an einen Fitnesswahn verloren hat und sich beide immer weiter auseinanderleben. All diese kleineren wie größeren Nebenschauplätze führen selbstverständlich alle zu jener Frau aus dem Prolog, die so spektakulär gesprungen ist. Und ganz genau hier liegt die große Stärke des Romans. Man hat nicht nur eine etwas mysteriöse Rahmenhandlung die dem Leser das "Wie" und "Warum eigentlich" schmackhaft macht. Es sind auch die einzelnen Schicksale der POV-Charaktere, die hier so wunderbar funktionieren. Normalerweise vermag es nur Haruki Murakami mich direkt von der ersten Seiten an abzuholen. Simone Lappert versteht es anscheinend so gut wie der Japaner, die magischen Worte, die Zauberformel zu sprechen, die mich sofort in den Bann einer Geschichte zieht. Und jeder, der meinen Blog verfolgt der weiß, wie sehr ich auf Autoren und Autorinnen stehe, die eine gute Geschichte zu erzählen haben.

Obwohl "Der Sprung" mit etwas über 300 Seiten nicht unbedingt dünn ist schafft die Autorin es nahezu mühelos, ein flottes Tempo beizubehalten. Nie verfallen die Charaktere dabei in unangenehmes Selbstmitleid, was solchen Geschichten gerne schon einmal anhaftet. "Der Sprung" wirkt dabei sogar überraschend filmisch, verspielt und ausgestattet mit gut gewählten Referenzen auf die Populärkultur, ohne peinlich zu wirken. Die Geschichte profitiert enorm durch den Erzählstil und wie die einzelnen Schicksale miteinander verwoben sind. All das geschieht auf einer Ebene, wo eine anspruchsvolle Geschichte erzählt wird, aber nie zu kompliziert wirkt oder mit steif geschwollenen Worten gespickt wurde.





Abschließende Gedanken

Life is Strange. Simone Lappert erzählt von ganz normalen Menschen und macht daraus für mich ein literarisches Highlight im Jahr 2019. "Der Sprung" ist für mich ein Roman, den ich mir am heutigem 24.12 noch einmal in Form einer Rezension unter dem virtuellen Weihnachtsbaum lege. Sprachlich absolut treffsicher und mit interessanten Charakteren ausgestattet, hat die Schweizer Autorin eine Geschichte auf Lager, die es wert war, erzählt zu werden. Vielleicht die letzte Rezension in diesem Jahrzehnt auf "Am Meer ist es wärmer", die von mir verfasst wurde. Aber wenn ich mit so einem Roman das Jahrzehnt abschließe, dann ich entspannt zur Winterpause die Türen schließen.

Montag, 18. November 2019

Rezension: Der Revolver (Fuminori Nakamura)





Japan 2002/2003 (Neuerscheinung im deutschsprachigen Raum)

Der Revolver
Originaltitel: Jū
Autor: Fuminori Nakamura
Verlag: Diogenes
Übersetzung: Thomas Eggenberg
Genre: Noir-Thriller



"In meinen Augen war der Revolver vor allem dazu da, Leben zu zerstören, und dies möglichst effizient. Eine Emanation von Thanatos sozusagen. Aber warum fand ich Gefallen an einem solchen todbringenden Objekt? Weder hatte ich den Wunsch, jemanden umzubringen, noch die Absicht, mich selbst zu töten. Dass ich jemals mit einer Schusswaffe zu tun haben könnte, hätte ich nie geglaubt. Vielleicht war ich wie ein kleines Kind, das über sein ausgefallenes Spielzeug entzückt war? Der Gedanke gefiel mir. Es war nicht nötig, weiter zu grübeln. Was auch immer der Grund sein mochte - der Revolver gehörte jetzt mir, und das Hochgefühl über diese Tatsache machte meinen Alltag erträglicher, abwechslungsreicher. Jemanden einschüchtern oder auch beschützen. Jemand anderen oder mich selbst töten, kinderleicht. Unabhängig davon, ob ich es irgendwann tun würde oder nicht - wichtig war, dass ich die Möglichkeit in der Hand hatte, erfüllt vom kribbelnden Gefühl der Verlockung."



Was haben Isildur und der Protagonist von Fuminori Nakamuras Debüt gemeinsam? Nun, sie beide sind besessen nach einem kleinen Objekt. War es der Ring der Macht der Isildur ins Verderben stürzte, so ist es in dieser durch und durch in der Gegenwart angesiedelten Geschichte von Nakamura-San ein Revolver, der das Objekt der Begierde darstellt.
Ich war sehr glücklich darüber, als bekannt wurde, Diogenes würde die hauseigene Bibliothek um den Debüt-Roman von Fuminori Nakamura in deutscher Übersetzung erweitern. "Der Revolver" verhalf dem Autor in seiner Heimat damals zum Durchbruch und wurde nach einer Veröffentlichung in einem Magazin im Jahr 2002 abgedruckt und anschließend im Jahr 2003 auch als eigenständiges Buch publiziert. Und so begann die Karriere des Schriftstellers und seinen sehr düsteren Geschichten, mit denen er auch International mittlerweile Erfolge feiert.

"Der Revolver" ist vom Aufbau her typisch japanisch gestrickt. Die Geschichte lebt nahezu ausschließlich von den Gedankengängen des Ich-Erzählers (Boku - nennt man diese erzählerische Variante in Japan). Und der Titel ist hier Programm. "Der Revolver" erzählt die Geschichte eines jungen Mannes namens Nishikawa, der an einem verregneten Abend unter einer Brücke die Leiche eines Mannes entdeckt. Nach dem ersten Schock entspannte sich der introvertierte Nishikawa relativ schnell wieder und sein Blick gewann die Aufmerksamkeit eines Objektes, welches sich neben der Leiche des Mannes befand. Ein Revolver. Ein Colt-Magnum. Wie von einem bösen Geist beseelt wird Nishikawa von dem glänzendem Objekt angezogen, kann ihm nicht widerstehen. Er weiß, sobald er den Revolver berührt, bringt er sich automatisch in Schwierigkeiten. Nishikawas Pflicht als Bürger wäre es den Pfund der Leiche umgehend der Polizei zu melden und den Revolver nicht anzufassen. Doch kann er sich der kleinen Tötungsmaschine nicht widersetzen. Nishikawa greift sich den Revolver und mit ihm soll sich fortan sein komplettes Leben verändern.

Mit nicht ganz 200 Seiten kommt Fuminori Nakamura in seinem Debüt schnell zum Punkt. Beeindruckend bedient sich der Gewinner des Akutagawa-Preises aus dem Jahr 2005 hier an klassischen Elementen der Literatur, ohne dabei von bekannten Größen zu kopieren. Sachlich und gesellschaftskritisch wie Dostojewski, mysteriös und spannend wie ein Werk von James Sallis. Der Revolver dient in dieser Geschichte als klassischer MacGuffin. Er führt Nishikawa durch die Geschichte wie es der Ring in "Der Herr der Ringe" tut. Der Revolver verleiht ihm Macht. Das bloße anschauen des gefährlichen Objekts reicht aus, um ihn zu motivieren, einen Sinn in seiner Monotonie zu finden und sogar dabei die eigene Libido etwas aufzufüllen. Es ist ein Rausch, der seinen Körper durchströmt. Doch wie lange hält dieser Kick an? Wie lange kann sich der Protagonist damit zufrieden geben, den Revolver lediglich anzuschauen? In der Trommel befinden sich noch wenige Patronen. Und getreu nach Anton Checkhov muss eine Waffe, wenn sie in einer Geschichte vorkommt, auch abgefeuert werden. Oder etwa nicht?

"Der Revolver" ist schnell gelesen wenn man einmal dran ist. Man sollte sich den Roman etwas dosieren und ihn auf sich wirken lassen. In der Geschichte finden sich bereits viele Stilmittel, die mich in Nakamuras Roman "Der Dieb" so begeistert haben. Ein unscheinbarer Protagonist der durch ein nahezu zufälliges Ereignis in den Strudel der Unterwelt gerät. Den Thrill sucht Nishikawa in der Geschichte aus eigenem Antrieb heraus. Immer weiter dringen wir in die finstere Gedankenwelt von ihm ein und man weiß irgendwann nicht mehr, ob es einzig und allein der Revolver ist der Nishikawa so handeln lässt oder ob der Revolver lediglich der Dosenöffner für seine an sich schon finsteren Gedanken war.

"Der Revolver" ist zwar schon einige Zeit auch als englische Übersetzung erhältlich, ich kann aber auch hier einmal wieder Entwarnung geben: Die deutschsprachige Übersetzung von Diogenes stammt einmal mehr von Thomas Eggenberg, der hier direkt aus dem Japanischen übersetzt hat. Die Ausgabe ist als Hardcover erschienen und was mir besonders daran gefallen hat ist mal wieder das subtil schicke Motiv von Diogenes für das Cover, die sich hier für ein Werk von Andy Warhole entschieden haben (Gun). Die ersten Seiten sollte man nicht überspringen, hier findet man nämlich noch ein sehr schönes Vorwort von Fuminori Nakamura, welches ausschließlich an seine deutschsprachigen Leser gerichtet ist (und sehr positiv auf seine Lesereise durch Deutschland, Österreich und der Schweiz zurückblickt).





Abschließende Gedanken

Einen Roman von Fuminori Nakamura zu lesen ist für mich mittlerweile zu einem Leckerbissen geworden. Die Seiten blättern sich wie von selbst und das finstere Abenteuer ist schneller vorbei, als einem lieb ist. "Der Revolver" ist nach "Der Dieb" und "Die Maske" bereits die dritte deutschsprachige Übersetzung des Autors, und wie immer drücke ich fest die Daumen, dass das Repertoire an deutschen Übersetzungen von Nakamura-San erweitert wird. "Der Revolver" ist sicherlich keine Feel-Good Story für die düsteren Tage, aber sicherlich auch kein als Folter-Porno getarnter Krimi, wie es bei vielen bekannten deutschen Autoren derzeit leider im Trend liegt. "Der Revolver" ist eine Achterbahnfahrt, die uns einen ähnlichen Rausch beschert wie das gefährliche Objekt in der Geschichte und unseren Erzähler so sehr in Ekstase versetzt. Erstklassig.