Archiv: Rezensionen zu Literatur und Film

Sonntag, 10. Juni 2018

Rezension: Der dunkle Wald (Cixin Liu)





Die Trisolaris-Trilogie 2


China 2008

Der dunkle Wald
Originaltitel: Hēi'àn sēnlín
Alternativ: Three Body Part 2
Autor: Cixin Liu
Verlag: Heyne
Übersetzung: Karin Betz
Genre: Hard Science-Fiction



Auch Teil 2 von Cixin Liu's großer Trisolaris-Trilogie (besser bekannt als Three Body Problem oder Remembrance of Earth's Past) fand seinen Weg in den Westen erst relativ spät. Die Relevanz von Liu's Werk wird aber mit keinem verstrichenem Jahr unbedeutender, es ist eher das Gegenteil. Sein wundervoller Mix aus klassischer Science-Fiction vermischt mit historischen und alternativ historischen Elementen funktionierte beim Erstling makellos (wenn auch gesagt werden muss, "Die Drei Sonnen" war sicherlich keine Lektüre für Zwischendurch). Teil 1 also simpel fortzusetzen oder gar zu kopieren war für den Autor aus China sicherlich nie eine Option. Und genau so verhält es sich mit der Fortsetzung "Der dunkle Wald". Zwar ist es die offizielle Fortsetzung, dennoch unterscheiden sich die beiden Werke teilweise erheblich voneinander. Besonders Science-Fiction Fortsetzungen mit epischer Rahmenhandlung haben es schwer, sich zu beweisen (sicherlich nicht nur in der Literatur). Doch Cixin Liu hat die Regeln der Fortsetzungen verstanden: Der Umfang der Bedrohung in "Der dunkle Wald" ist größer und mächtiger als noch im Vorgänger, die Situation immer aussichtsloser und allgemein hat sich der Umfang der Geschichte ausgedehnt wie unser Universum.

Obwohl in "Der dunkle Wald" größtenteils ein neuer Cast an Charakteren das Ruder übernommen hat, finden auch noch Charaktere aus dem Vorgänger Platz in der Geschichte. Die Bedrohung um die außerirdische Rasse der Trisolarier, die auf der Erde eine neue Heimat suchen (und mit den Menschen nicht viel anfangen können), wird konkreter. Auch wenn die Ankunft der mysteriösen Spezies rund 400 Jahre in der Ferne liegt, wollen die Vereinten Nationen mit aller Macht diese Invasion verhindern. Vier Spezialisten wählen die Vereinten Nationen, einen Plan gegen diese bevorstehende Invasion zu schmieden. Protagonist Luo Ji, der in seinem Leben häufig bei der Verwirklichung seiner Träume gescheitert ist, realisiert noch nicht so ganz, warum ausgerechnet er für dieses Unterfangen ausgewählt wurde und warum er ins Visier der Trisolarier geraten ist.

Was hier nach gewohnter Science-Fiction Kostet klingt ist wesentlich komplexer und unzählige male interessanter, als es auf einem Blatt Papier zusammengefasst den Eindruck macht. Mit einer einzigen, beinahe unscheinbaren Person, Ye Wenjie, begann bei Cixin Liu eine Geschichte, wo, viele Jahre und gar Jahrhunderte später die Existenzen gleich mehrerer Spezies aufs Spiel stehen. Der Autor kennzeichnet Gut und Böse nicht in Schwarz und Weiß und in bester Asimov-Manier versteht er es, sein eigenes Science-Fiction Universum behutsam aufzubauen. Trotz der Fülle an Charakteren kommen die wichtigsten Personen nie zu kurz. Für das handeln mancher Charaktere, aber auch zum Verständnis der Geschichte ist es dennoch unabdingbar, den Vorgänger gelesen zu haben. Vom Verständnis her ist die Fortsetzung jedoch etwas bekömmlicher, da hier weniger auf historische Ereignisse der chinesischen Kultur eingegangen wird.
Doch nicht nur bei klassischer Science-Fiction Werken fand Liu seine Inspiration. Eine Erwähnung findet auch Yoshiki Tanakas nicht minder beeindruckendes, zehnbändiges Epos "Legend of the Galactic Heroes".

Koichi Inoue drehte sich um und sah Tyler zum ersten Mal direkt ins Gesicht, Die Haare klebten ihm feucht an der Stirn, und die Regentropfen auf seinem Gesicht sahen aus wie Tränen. "Ihr Ansatz, Mr Tyler, verstößt gegen die grundlegenden moralischen Prinzipien moderner Gesellschaften. Das menschliche Leben hat Vorrang vor allem anderen, und Staat und Regierung können von niemandem verlangen, eine Selbstmordmission auszuführen. Kennen sie Yoshiki Tanakas Science-Fiction-Reomanserie Legend of the Galactic Heroes? An einer Stelle sagt dort der Protagonist Yang Wenli: >Das Schicksal des Landes hängt von diesem Krieg ab, aber was bedeutet das schon neben den Rechten des Individuums und der Freiheit? Gebt einfach nur euer Bestes.<"

Bei der Übersetzung übernahm  Karin Betz von Martina Hasse, die Lesern von Mai Jia als deutsche Übersetzerin vielleicht bekannt sein dürfte. Erneut direkt übersetzt aus dem Chinesischen hat die Übersetzerin eine flüssige, gut lesbare Übersetzung abgeliefert, die sich nicht mit der Übersetzung des Erstlings widerspricht. Auch hier war es wieder die einzig sinnvolle Entscheidung, aus dem Original zu übersetzen und nicht auf Grundlage einer vorhanden, englischen Übersetzung einen deutschen Text anzufertigen. Da nimmt man auch gerne etwas längere Wartezeiten auf den neuen Band in Kauf.



Resümee

Cixin Liu liefert mit "Der dunkle Wald" nicht nur eine würdige, sondern eine beispiellose Fortsetzung ab. Alles in diesem Roman wirkt größer und umfangreicher, aber zu keiner Zeit erzwungen oder aufgesetzt. Die Story verfällt nicht in abstrusen Science-Fiction Kitsch und kopiert seinen Vorgänger nicht. Hier sind alle Zutaten für eine gelungene Fortsetzung vorhanden. Meine Begeisterung gegenüber Cixin Liu ist daher ungebrochen und ich erwarte nicht nur ein würdiges Finale seiner Trilogie im nächsten Jahr (die deutsche Ausgabe erscheint am 08.04.2019), sondern auch weitere, beeindruckende Geschichten aus seiner Feder. Genau so funktioniert Science-Fiction.

Mittwoch, 30. Mai 2018

Review: Isle of Dogs





USA/Deutschland 2018

Isle of Dogs
Alternativ: Ataris Reise
Regie, Drehbuch, Produktion: Wes Anderson
Musik: Alexandre Desplat
Sprecher (englischsprachige Auswahl): Bryan Cranston, Koyu Rankin, Edward Norton, Bob Balaban, Bill Murray, Jeff Goldblum, Kunichi Nomura,  Yoko Ono, Scarlett Johansson, Harvey Keitel
Laufzeit: Circa 101 Minuten
Verleih: Fox Searchlight Pictures
FSK: Ab 6



Wes Anderson (Darjeeling Limited, Moonrise Kingdom, Grand Budapest Hotel) ist kein Filmemacher, der besonders viel in der Öffentlichkeit steht und auch nicht Filme in Fließbandarbeit produziert. Wes Anderson präsentiert circa alle 2-3 Jahre ein neues Werk, erfindet sich meistens selbst neu, heimst eine menge Preise für sein Werk ein und verschwindet dann wieder so lange, bis sich das Spiel von vorn wiederholt. Zusätzlich muss dieser Mann anscheinend nur mit den Fingern schnippen, um sämtliche Größen des öffentlichen Lebens vor die Kamera zu bekommen.

Mit "Isle of Dogs" ging Anderson nach "Fantastic Mr. Fox" aus dem Jahr 2009 erneut den beschwerlichen Weg, uns einen Stop-Motion Animationsfilm zu präsentieren. Besonders interessant hierbei ist nicht nur der Ausflug nach Japan sondern auch die Zusammenarbeit mit dem deutschen Studio Babelsberg. Seine Premiere feierte der Film bereits im Februar auf der Berlinale, eine etwas größere Kinoauswertung gab es für deutsche Zuschauer jetzt im Mai. Genau wie bei Moonrise Kingdom schafft Anderson bei Isle of Dogs einen gewagten Spagat zwischen Indie-Arthouse und großer Produktion. Entstanden ist hier zwar ein Animationsfilm, aber bereits nach wenigen Minuten wird klar, wer dafür verantwortlich war. Insofern ist es schwierig, aufgrund des speziellen Humors und den Anspielungen auf die japanische Popkultur "Isle of Dogs" uneingeschränkt auch Kindern zu empfehlen (die vermutlich weiterhin bei Disney/Pixar und Dream Works mehr auf ihre Kosten kommen werden), aber dennoch bin ich mir sicher, dass auch die jüngere Zielgruppe hier ihren Spaß haben könnte. Anders als man bei der Thematik vielleicht erwarten könnte, so hat Anderson es hier nicht auf die Tränendrüsen der Zuschauer abgesehen sondern stellt elegant Humor und seine einzigartigen haarigen Hauptcharaktere sowie einen liebevollen Protagonist in den Vordergrund. Was nicht bedeutet, Isle of Dogs könne keinerlei Gefühle zeigen.

Die Geschichte ist überraschend schnell erzählt. Wie ein Theaterstück eröffnet der Film mit pummeligen Taiko-Trommlern und einer phantasievollen Vorgeschichte über Hunde und Katzen. Der Plot selbst spielt in einem recht dystopisch angesiedeltem Japan in einer nahen Zukunft. Die Hunde in Japan vermehren sich massenhaft und dabei entstand eine Hundegrippe, die bei der schieren Masse an Tieren zu einem Problem werden könnte. Die Regierung schmiedet einen Plan, all die Hunde Japans auf eine Insel namens "Trash Island" zu deportieren, wo diese anschließend auf sich selbst gestellt sind. 6 Monate später bruchlandet der junge Atari auf Trash Island um nach seinem Hund Spots zu suchen. Dieser findet gleich ein paar tierische Kumpanen und somit beginnt seine Odyssee, die in den höchsten Ebenen der japanischen Regierung ihren Höhepunkt finden wird.

Die Liste an namhaften Sprechern war zu lang, um sie weiter oben alle aufzuzählen. Besonders Darsteller aus Anderson letzten großen Filmen wie Moonrise Kingdom und Grand Budapest Hotel sind hier als Sprecher für die Hunde unterwegs. So sind in weiteren Rollen noch Frances McDormand, Tilda Swinton, Liev Schreiber, Ken Watanabe sowie Roman Coppola zu hören. Da ich leider nur die deutsche Vertonung im Kino sah (die übrigens ausgezeichnet ist und glücklicherweise nicht mit irgendwelchen deutschen Promi-Sprechern versehen wurde), kann ich zu der Performance der durchaus namhaften Besetzung leider nichts schreiben.

Die Dialoge unter den Hunden sind versehen mit trockenem Humor und Offbeat-Situationen. Das Drehbuch ist ausgeklügelt und facettenreich, auch wenn es nicht ganz ohne stereotypische Klischees auskommt. Ein paar Klischees, die im Netz leider mal wieder zu unschönen Debatten führten. Davon sollte sich jedoch niemand beeinflussen lassen, denn sämtliche Nebenschauplätze würden einem so wundervollen Film seinen Zauber nehmen.



Resümee

Untermalt mit einem gewohnt starken Soundtrack von Alexandre Desplat wird der Zuschauer gemeinsam mit dem kleinen Atari diese Reise durch Trash Island genießen. Die Stop-Motion Effekte sind großartig in Szene gesetzt und verleihen den Hunden sogar eine überraschend reale Gestalt. Etwas irreführend können vielleicht für einige Zuschauer die nicht untertitelten, japanischen Dialoge sein die im Film selbst gerne sogar mal von einem Dolmetscher übersetzt werden. Viele Nachrichtenberichte oder aber auch Dialoge unter der Yakuza Regierung wurden hier und da aber nicht vertont. Dies ist natürlich so gewollt, könnte aber besonders bei jüngeren Zuschauern eher für Verwirrung oder Langatmigkeit sorgen.

Von den kleinen Kritikpunkten abgesehen ist Isle of Dogs (die es übrigens tatsächlich in England gibt, allerdings nur vom Namen her) ein Juwel, welches man nicht nur Fans von Wes Anderson wärmstens empfehlen kann sondern auch Fans von klassischen Animationsfilmen. Ich gehe sogar so weit zu sagen, man sollte Isle of Dogs auch den jüngeren Zuschauern zeigen, die ausschließlich mit 3D CGI-Animationsfilmen aufgewachsen sind. Ein durch und durch schöner Film für sämtliche Altersgruppen. Anschauen!

Montag, 28. Mai 2018

Am Meer ist es wärmer und die EU-DSVGO

Foto: Lizenzfreie Testbild-Interpretation von Aufziehvogel zur freien Benutzung!



Ein Grund für die längere Stille auf dem Blog waren natürlich die neuen Datenschutzrichtlinien, die am 25. Mai in Kraft traten. Für viele kleine Websites oder alteingesessene Foren bedeutete die EU-DSVGO das Ende. Der Aufwand für viele Nutzer war entweder zu enorm seine Präsenz den neuen Datenschutzrichtlinien anzupassen oder manche Eigentümer sind schlicht und ergreifend in einer Flut an Abmahnungen ertrunken. Da das Gesetz bis heute für viele noch immer relativ undurchsichtig ist und praktisch unberechenbar ist, so wusste auch ich selbst nicht, wie es fortan hier weitergehen wird. Eine genaue Antwort darauf kann ich noch immer nicht geben, aber zumindest einen kleinen Ausblick auf das, was auf euch als Leser zukommen wird.

Hier mal ein paar wichtige Punkte:


- Google/Blogger informiert euch über die Verwendung von Cookies auf diesem Blog. Eure Daten sind innerhalb der Richtlinien von Google geschützt und mein Blog agiert unter den Nutzungsbedingungen von Google.

- Die beiden verwendeten Plugins auf meinem Blog "Bloglovin und Twitter" wurden überprüft und als unbedenklich eingestuft innerhalb der Richtlinien der EU-DSVGO.

- Weniger Bildmaterial auf "Am Meer ist es wärmer". Schon vor etwas über 2 Jahren trennte ich mich von Videomaterial auf meinem Blog. Bildmaterial wird fortan wesentlich eingeschränkter benutzt werden. Autorenfotos werden nur noch benutzt, sofern ich offizielles Pressematerial erhalte. Das gleiche gilt für Buch- oder Filmcover. Von mir selbst geschossene Fotos werden separat gekennzeichnet und werden für jeden Leser gut sichtbar sein.


Die wichtigsten Infos habe ich nun für euch zusammengefasst. Bei weiteren Fragen findet ihr Kontaktmöglichkeiten zu mir in der dafür erstellten Rubrik. Ein kleiner Hinweis auch dazu noch: Auch ich schätze meine Privatsphäre und werde sämtliche Anfragen über private Kanäle (was durchaus schon einmal vorgekommen ist) ignorieren. Speziell dafür habe ich vor einiger Zeit die Rubrik "Kontakt" eingeführt (klingt nun etwas schroffer, als es tatsächlich gemeint ist).

Insofern werde ich diesen Beitrag hier erst einmal ruhen lassen und bei Änderungen gegebenenfalls drauf zurückkommen.


Genießt weiterhin diese hochsommerlichen Tage und bis bald,
Aufziehvogel

Women in SciFi auf Binge Reading & More





Vor einigen Jahren berichtete ich schon einmal über "Klinken putzen unter Bloggern". Meine eher zurückhaltende Meinung gegenüber Gewinnspielen auf Blogs oder gegenseitige PR-Macherei ist bis heute bestehen geblieben. Ich selbst folge nur einer handvoll Blogs regelmäßig, dafür weiß ich aber, was ich bekomme. Die Wege von Binge Reading & More und Am Meer ist es wärmer kreuzten sich in den letzten Jahren immer wieder und ich bin sehr glücklich, dass ich diesen gemütlichen Blog hier mal präsentieren kann. Und ganz besonders will ich auf eine spezielle Rubrik aufmerksam machen. "Women in SciFi" präsentiert Autorinnen im Science-Fiction Genre, eine Gattung, die, auf den ersten Blick, Männern vorbehalten ist. Fans von Science-Fiction Literatur wissen natürlich, dem ist selbstverständlich nicht so. Alleine die Romane aus dem Star Wars Universum bilden ein erfrischendes Gleichgewicht zwischen männlichen und weiblichen Autoren. "Women in SciFi" ist aber nicht dafür da, irgendwelche Klischees und Stereotypen zu debattieren, es geht schlicht und ergreifend um Literatur in Reinkultur.

Präsentiert werden die jeweiligen Beiträge nicht nur von der Eigentümerin selbst, auch Gast-Autoren kommen hier zu Wort. Das Ergebnis ist eine bunte Mischung an fantastischen Empfehlungen und neuen Eindrücken. Und so kam auch ich ins Spiel, als ich, zu meiner Überraschung, von Sabine gefragt wurde, ob ich nicht selbst einen Beitrag hinzusteuern möchte. Obwohl ich nie der große Science-Fiction Leser war, so war das Angebot zu reizvoll, um es abzuschlagen. An dieser Stelle würde nun eigentlich eine Einleitung folgen, wie ich auf Octavia E. Butler aufmerksam wurde, eine geschätzte Science-Fiction Autorin die gleichzeitig zu Lebzeiten die afroamerikanische Kultur repräsentierte. Aber wer meinen Beitrag lesen möchte, der muss auf Binge Reading & More abbiegen, denn hier geht es einzig und allein darum, auf diese wundervolle Rubrik aufmerksam zu machen.

An dieser Stelle möchte ich mich auch nochmal bedanken, dass ich einen Beitrag zu diesem schönen Projekt hinzusteuern durfte :)


Donnerstag, 10. Mai 2018

Empfehlung: In der Ferne der Fuji wolkenlos heiter (Wakayama Bokusui)






Japan

In der Ferne der Fuji wolkenlos heiter
Autor: Wakayama Bokusui
Verlag: Manesse
Übersetzung und Nachwort: Eduard Klopfenstein
Genre: Tanka, Lyrik



Vor beinahe exakt 3 Jahren hatte ich 2015 mit "Japanische Jahreszeiten" einen ähnlichen Titel besprochen. Der unterschied zum hier vorliegenden Band ist aber signifikant genug. Bei "Japanische Jahreszeiten" sammelte man Haikus und Tankas diverser Autoren gleichermaßen. Bei "In der Ferne der Fuji wolkenlos heiter" vereint der Manesse Verlag diesmal die Tankas von Wakayama Bokusui.

Der Unterschied zwischen Tankas und Haikus (die Tankas waren als erstes da) ist die Länge. Handelt es sich bei Haikus um die weltbekannten Dreizeiler, so sind die im Westen weniger bekannten Tankas Fünfzeiler. Das Konzept hinter dieser alten japanischen Gedichtform ist ungefähr das selbe (ich hoffe, einen Laien der Dichtkunst wird man nun nicht steinigen sofern ich falsch liege). Man beschreibt eine Momentaufnahme. Schon in meiner letzten Besprechung habe ich angemerkt, dass ich mich für die allgemeine Dichtkunst nie begeistern konnte. Bis heute hat sich da nichts geändert, die Ausnahme sind jedoch besagte Tankas und Haikus aus Japan. Die Kunst dieser wunderschönen Gedichte besteht darin, in wenigen Zeilen etwas alltägliches zu beschreiben und es außergewöhnlich erscheinen zu lassen. Bei den Tankas ist das selbstverständlich nicht anders als bei den Haikus. An der Kunst der Haikus habe ich mich sogar für die auf NHK World ausgestrahlte Sendung "Haiku Masters" selbst einmal versucht und habe schnell meine Grenzen der Kreativität aufgezeigt bekommen, als ich ein eigenes Werk eingesandt habe.

Der japanische Poet Wakayama Bokusui (1885-1928) war damals daran beteiligt, die etwas angestaubte japanische Dichtkunst wieder zu modernisieren. Bokusuis Reisen führten in durch ganz Japan und Korea und die meisten seiner Schöpfungen sind Andenken an seinen Reisen. Bokusui verstarb bereits in einem recht jungen Alter was vermutlich auch seiner Liebe zum japanischen Reiswein Sake geschuldet war.


"Vogelgezwitscher
wie plätscherndes Wasser
Bergkirschen blühen
zur Mittagszeit     zwischen Kiefern
in Waldestiefe"


Wie bei dieser Dichtkunst üblich haftet den Tankas gerne eine melancholische Atmosphäre an. Nichts tragisches oder deprimierendes, es ist eine sehr angenehme Stimmung und bei so manchem Werk kann man beinahe das Meer im Hintergrund rauschen hören. Diese kleinen Fünfzeiler befassen sich mit der Schönheit der Natur und passen besonders jetzt zum Frühling ausgezeichnet gut.

Übersetzt (und mit einem ausführlichem Nachwort versehen) wurden die Tankas vom erfahrenen Japanologe Eduard Klopfenstein (geb. 1938). Neben den ausgezeichnet übersetzten Tankas in eine moderne deutsche Sprache findet sich im Nachwort noch viel wissenswertes über Wakayama Bokusui und der Entstehungsgeschichte seiner Tankas. Versehen sind alle Tankas zusätzlich mit der Jahreszahl ihrer Entstehung. Die einzelnen Abschnitte sind im Buch unterteilt und jeweils Kalligrafien von Bokusui versehen, die in ihrer Originalform abgedruckt wurden und zusätzlich in lateinischer Schrift (aber weiterhin in japanischer Sprache) hinzugefügt wurden. Die Tankas selbst befinden sich allerdings nur in deutscher Sprache im Buch.

Manesse präsentiert hier eine herrliche bibliophile Ausgabe, gebunden mit Schutzumschlag aus einem wie immer hochwertigem Material. Ein Buch, welches zwar zum mitnehmen einlädt, aber man sollte es ausreichend schützen während des Ausflugs. Kleiner Makel: Es gibt leider kein Lesebändchen.






Empfehlung

Erstmals in deutscher Sprache präsentiert Manesse hier einen wundervollen Sammelband, der über 250 Tankas aus Wakayama Bokusuis Schaffenskraft beinhaltet. Sammler von Gedichtbänden aber auch besonders Freunde der japanischen Literatur werden mit "In der Ferne der Fuji wolkenlos heiter" ein kleines Juwel für ihr Geld erhalten. Und da alle guten Dinge bekanntlich drei sind, so hoffe ich, wird Manesse die Reihe der japanischen Dichtkunst fortsetzen.



"Kleine Imbissbude
an der Hafenmole
Ich schaue mir
die Schiffe an     beiße in einen
Apfel     da rieselt der Ruß..."