Archiv: Rezensionen zu Literatur und Film

Freitag, 2. September 2016

Am Meer ist es wärmer macht Pause bis Oktober




Liebe Exoten,
geplant war die alljährliche Blog-Pause bereits für August, aber zwei wundervolle Titel kamen den Planungen in die Quere, deren Besprechungen ich unbedingt noch in dem warmen Sommermonat August präsentieren wollte.

Da die Liste an Rezensionen größtenteils abgearbeitet ist, hoffen wir, ihr findet für den warmen Spätsommer noch eine passende Lektüre. Die aktuellen Temperaturen haben es schwer gemacht, den Denkmotor anzuregen und somit auch neue Inhalte für "Am Meer ist es wärmer" zu präsentieren. Sobald die rauchenden Köpfe etwas abgekühlt sind, sind wir mit frischen Ideen wieder da.

"Am Meer ist es wärmer" wünscht allen Lesern und Verlagen einen schönen Restsommer und eine entspannte Zeit. Bis bald!

Mittwoch, 24. August 2016

Rezension: Todai-Ji (Dierk Stuckenschmidt)

(Copyright: Hibarios Verlag)


(Copyright: Dierk Stuckenschmidt, General Anzeiger Bonn)




Todai-Ji oder: Des Alexios von Dor lange Reise nach China und Japan
Autor: Dierk Stuckenschmidt
Deutsche Ausgabe: Hibarios Verlag
Nachwort: Dierk Stuckenschmidt
Genre: Historischer Roman, Reisebericht



"Vielleicht sollte ich es bei diesem kurzen Besuch bei unserem Alexios in seinem sommerlichen Alterssitz in Nara bewenden lassen. Meine Knie hätten schon nach wenigen Minuten geschmerzt; die Hitze machte mir beim bloßen Nachempfinden zu schaffen. Alexios mochte daran gewöhnt sein, und vielleicht, daß schloß ich aus der gediegenen Umgebung, würde ihm bald ein dienstbarer Geist, eine junge Dienerin, eine Erfrischung bringen. Sicher waren an den Gartenraum, in dem wir beisammen waren, weitere Gebäudeteile angefügt. Und auch wenn Alexios selbst nicht zu einem Nachruhm gekommen war, der ihn uns ohne den Fund seiner Schriftzeugnisse im Buddha des Shosoin sichtbar gemacht hätte, mußte er als enger Vertrauter der Großen seiner Zeit doch an deren Wohlstand teilgehabt haben. Oder hatte er selbst einen weitläufigen Palast sein eigen nennen dürfen? Ich vertraute darauf, daß mir so manches noch veranschaulicht würde, wenn ich ihm auf dem Weg folgte, den die „1000 Blätter“ seiner Aufzeichnungen wiesen. Also nahm ich Abschied, vorübergehend, verneigte mich vor dem Einsamen. Er sah und hörte mich nicht; nur die Zikaden machten eine kurze Pause in ihrem Konzert, wie immer, wenn sie eine Veränderung spürten."
(Aus: Todai-Ji, Dierk Stuckenschmidt, Hibarios Verlag)


"Todai-Ji oder: Des Alexios von Dor lange Reise nach China und Japan" (in dieser Besprechung verbleibe ich bei "Todai-Ji") ist ein üppiges Buch mit reichlich an Inhalten. Dabei ist die Seitenanzahl von etwas unter 400 Seiten sogar noch relativ schlank bemessen. Das große Format von 22 x 15,5 cm machen Todai-Ji dann aber auch gleich wieder massiver. Die Seiten sind randvoll mit Prosa, nützlichen und interessanten Fußnoten und sogar einigen Illustrationen ausgestattet. Der Japan-Fachmann Dierk Stuckenschmidt hat hier ein nahezu perfektes Buch für den Spätsommer verfasst. Am besten lesen, wenn man einen leichten, gut gekühlten Sake vor sich hat und die Temperaturen draußen (eine Veranda ist da ganz praktisch) ein wenig milder geworden sind. Genau so ein Buch ist Todai-Ji. Doch, so werden sich viele nun fragen, was ist Todai-Ji überhaupt? Wie bereits in meiner ersten Präsentation des Titels im vergangenem Monat erwähnt, so handelt es sich bei Todai-Ji um einen kleinen Genremix, der zwischen historischem Roman und einem Reisebericht wandelt. Besonders für Freunde der ostasiatischen Kultur könnte dieser Roman eine kleine Schatztruhe sein.

Der Inhalt ist einfach zu erklären. In einer kleinen, hohlen Buddhastatue des Shosoin (Das Schatzhaus des Todai-Ji in Japans ehemaliger antiker Hauptstadt Nara), die prall ausgestopft war mit allerlei antiker Blätter, beinahe schon bis zur Unkenntlichkeit zerknüllt und zu einer Masse verformt, nahmen sich einige Wissenschaftler den antiken Schriftstücken an, die ungefähr 1300 Jahre alt sind. Archivare haben den Schriften nicht viel abgewinnen können und schlossen das Thema für sich. Ein Wissenschaftler aus Tokyo fand allerdings gefallen an den scheinbar chronologisch wahllos zusammengewürfelten Schriftstücken. Besonders die eigentümliche Handschrift der kaum mehr lesbaren Schriftzeichen fiel dem Wissenschaftler auf. Hierbei konnte es sich ummöglich um einen Menschen aus Ostasien handeln, er musste von außerhalb kommen, ein Mensch, der eine unglaublich weite Reise hinter sich hatte, sich unter den Japanern aber einen respektablen Ruf aufgebaut haben musste. Vermutlich ein Europäer, wahrscheinlich ein Europäer in einem etwas betuchterem Alter. Was als völlig bedeutungsloser Fund abgestempelt wurde, fand in Kreisen einiger Wissenschaftler eine unglaublich hohe Bedeutung. Rund 2 Jahre verbrachten die Herren bereits damit, die Texte zu entziffern und es würde noch eine lange Zeit dauern, bis die antiken Schriften, die als Füllmaterial einer Buddhastatue benutzt wurden, komplett entziffert werden könnten (falls dies überhaupt je möglich sein sollte). Und genau hier kommt Dierk Stuckenschmidt ins Spiel, der einen guten Draht zu den japanischen Herren hatte und das Angebot mehr als dankend annahm, sich in die Schriften des mittlerweile identifizierten Autors, der Alexios von Dor hieß, anzunehmen. Dierk Stuckenschmidt erzählt die Geschichte dieses antiken Entdeckers und seinen bisher im verborgen gebliebenen Entdeckungen, die er im alten Japan machte.


(Großer Buddga von Nara. Quelle: Veltra)


Aufgeteilt ist Todai-Ji in mehrere übersichtliche Teile. Im Vordergrund steht hier die Reise des Alexios von Dor. Detailliert werden die langen Wege beschrieben, die Alxios von Dor gereist ist. Von der Seidenstraße bis hin zum Tempelbau von Yamato. Nach den vielen Reisen ist Alexios von Dor im alten Japan sesshaft geworden und lernte eine Kultur kennen, die sich sowohl von den Ländereien als auch von der Kultur her weit von dem düsteren Europa des Mittelalters abhob. Mit einem lockeren, heiteren Schreibstil und sogar Witz und ein wenig Fantasie sorgt Dierk Stuckenschmidt dafür, dass Todai-Ji nicht zu einem zähen Wälzer heranreift, der einem durchgekauten Kaugummi gleichkommt. Abgerundet werden die Berichte durch interessante Randnotizen zu exotischen Begriffen und zur Geografie, Illustrationen und den eigenen Gedankengängen des erfahrenen Japan-Kenners. Die Leidenschaft und Schreibfreude ist dem Autor wahrlich anzumerken Der Leser wird bestens in die Geschichte eingebunden, ohne von komplizierten Fachausdrücken überfordert zu werden und lernt automatisch eine menge über die Gepflogenheiten in Japans alter Hauptstadt Nara und seinem bedeutendem Tempel, den Todai-Ji.



(Todai-Ji Tempel in Nara. Quelle: Japan Travel Advice)




Resümee

Todai-Ji hat mich enorm begeistert, die Reiselust geweckt und das Fernweh angefeuert. Was ein ungemein zäher Ausflug hätte werden können, wurde von Dierk Stuckenschmidt ausgezeichnet recherchiert und erzählt. Zum Ende des Buches gibt es noch eine sehr ausführliche Zeitlinie, die es ebenfalls verdient hat, gelesen zu werden. Wie immer muss man natürlich ein wenig Enthusiasmus dem Thema gegenüber mitbringen, um diesen Titel in vollen Zügen genießen zu können. Freunde der ostasiatischen Kultur, besonders des antiken Japans, die werden mit Todai-Ji eine schöne Zeit verbringen. Das Ticket für diese Reise kann man beim Hibarios Verlag erwerben, der hier erneut eine schöne Edition in seinem Sortiment begrüßen kann.

Zum Abschluss möchte ich mich von Herrn Stuckenschmidt und Alexios von Dor herzlichst verabschieden, bessere Reiseführer hätte ich mir nicht wünschen können. 




Empfehlung: Wer mehr über das antike Japan erfahren will, vor allem geschildert aus der Sicht westlicher Autoren, der wird auf der Website des Hibarios Verlags fündig werden. Zu finden ist der Link oben in den Informationen zum Buch.

Donnerstag, 11. August 2016

Rezension: Die Komödie von Charleroi (Pierre Drieu La Rochelle)

(Foto: Aufziehvogel, Copyright: Manesse)







Frankreich 1934

Die Komödie von Charleroi
Originaltitel: La Comédie de Charleroi
Autor: Pierre Drieu La Rochelle
Übersetzung: Andrea Springler, Eva Moldenhauer
Nachwort: Thomas Lux
Genre: Kurzgeschichten, Kriegsdrama, Satire



"Die Armee begann auseinanderzufallen. In den ersten Feuerstürmen lösten sich ihre Teile voneinander. Schon jetzt sahen sie sich kaum; bald würden sie sich gar nicht mehr sehen. Vier Jahre lang würden ihre Mühen und Leiden parallel ablaufen, ohne sich je zu treffen. Artillerie und Infanterie suchten sich, und sie fanden sich nicht. Und die Generäle waren anderswo. Schon jetzt waren wir nur noch verlorene Haufen in der entsetzlichen Einsamkeit des modernen Schlachtfelds, jeder grub sich sein eigenes Grab, allein mit seinem Schicksal, das im Übrigen dem des Nebenmanns glich, denn die von der Wissenschaft regulierte Natur geht serienmäßig vor und sucht keine Abwechslung mehr."
(Aus der gleichnamigen Kurzgeschichte "Die Komödie von Charleroi". Pierre Drieu La Rochelle, Manesse Verlag mit einer Übersetzung von Andrea Springler und Eva Moldenhauer)



Pierre Drieu La Rochelle gilt gemeinhin als kontroverser Autor. Nicht unbedingt für die Texte, die er verfasste, sondern für seinen Werdegang. Drieu diente im ersten Weltkrieg für die französische Armee, wurde mehrfach verwundet und kehrte nach Kriegsende als Kriegsveteran, eine jener gezeichneten Figuren der damaligen Zeit, in die Heimat zurück. Wie viele Heimkehrer verarbeitete Drieu seine Erlebnisse in Geschichten, die er zu Papier brachte. Die Weltgeschichte ist natürlich bekannt, der zweite Weltkrieg ließ nicht lange auf sich warten. Drieu machte sich einen Namen als Autor, engagierte sich aber auch mit kritischen Texten gegen Hitler und dem deutschen Naziregime. 1935 sollte sich jedoch vieles für Drieu ändern, denn nach einem Besuch in Nazi-Deutschland, wo er eine regelrechte Reizüberflutung erlebt haben soll, konnte auch er der Indoktrination der Faschisten nicht standhalten und wurde selbst zu einem. Selbstmordgedanken begleiteten Pierre Drieu La Rochelle seit vielen Jahren, einige Monate vor Kriegsende und Deutschlands Kapitulation setzte der Autor seinem Leben ein Ende.

"Die Komödie von Charleroi" sind selbstverständlich keine faschistischen Schriften. Die Kurzgeschichten in diesem Sammelband wurden einige Jahre verfasst, bevor Drieu zum braunen Glauben konvertierte. Trotzdem sind die Kurzgeschichten ein mehr als interessanter Blick auf das, was Lach Rochelle bis zu seinem Lebensende verfolgen sollte: Die bösen Geister des ersten Weltkrieges. Und La Rochelle schreibt nicht nur für sich, er wird für viele Heimkehrer geschrieben haben. Wie schwer es war, sich wieder in die Gesellschaft zu etablieren, wieder am alltäglichem Leben teilzunehmen. Drieu schreibt über diese Erlebnisse aber nicht mit Wehmut und übertriebenem Patriotismus für Vaterland und Flagge, stattdessen haftet seinen Geschichten ein frecher Humor an, ein lockerer Schreibstil ohne verklemmt zu wirken rundet es ab, dass die Geschichten des Franzosen einen schnell mitreißen. So kann man der Titelgeschichte der Sammlung (die vom Umfang her bereits einer Novelle gleichkommt), "Die Komödie von Charleroi", auch ihre satirischen, manchmal sogar leicht surrealen Züge nicht abstreiten. Die Geschichte handelt von einem Ich-Erzähler der, seit Kriegsende mittlerweile, bei der wohlhabenden Madame Pragen als Sekretär arbeitet. Natürlich nicht aus purer Güte der Hausherrin. Der Erzähler war Kriegskamerad des Sohnes der Madame, Claude Pragen. Claude, von seiner Mutter förmlich in den Krieg gedrängt (jedoch mit viel Tatendrang seinen Pflichten in der Armee nachkam), gilt seit der Schlacht von Charleroi, einer Großstadt in Belgien, als vermisst. Mittlerweile sind 4 Jahre durch die Lande gezogen und Claude ist nicht wieder aufgetaucht vermutlich längst tot wenn man den Berichten ihres Sekretärs glaubt. Doch Madame Pragen ist sich sicher, ihr Claude muss noch leben. Gemeinsam mit ihrem Sekretär und großem Anhang besucht Madame am 01. Juli 1919 Charleroi, um der Sache selbst auf den Grund zu gehen. Bei der Rückkehr auf jenes Schlachtfeld von vor einigen Jahren erlebt der Erzähler der Geschichte noch einmal alles so, als hätten sich die seltsamen Ereignisse rund um die Schlacht von Charleroi gestern zugetragen.

Drieus Erzähler ist hierbei nicht immer wirklich vertrauenswürdig, was natürlich gewollt ist. Seine Erzählung wird gerne mal abenteuerlich, wird oft zum Protagonist eines Gefechts, furchtlos und durch den Kugelhagel sprintend. Doch schnell erkennt Drieus Erzähler, der viele autobiografische Elemente mit sich bringt, der Krieg war nie das, wie er ihn sich vorstellte. Desillusioniert und träumerisch ist der Erzähler seinen Dienst angetreten nur um bereits in der ersten Nacht bereits beinahe der Paranoia zu verfallen. Mit Humor aber auch Charme zieht Drieu seine Leser schnell in seinen Bann. Etwas ermüdend dagegen wirken leider die relativ furios beschriebenen Gefechte, die einen oftmals aus den herrlich schnippischen Bemerkungen des Erzählers werfen.

Insgesamt 6 Kurzgeschichten, alle von unterschiedlichem Stil, aber stets mit bekannter Thematik, erwarten uns. Da die Geschichten alle relativ komplex sind, habe ich mir vorgenommen, in dieser Besprechung ausschließlich auf die Titelgeschichte einzugehen, da diese auch den größten Umfang besitzt. Lasst euch aber nicht dadurch beirren, jede Kurzgeschichte im Band ist es auch wert, gelesen zu werden. Kommt man mit Drieus Stil aus der ersten Geschichte nicht zurecht, so wird man wohl aber auch leider keinen Zugang zu den restlichen Geschichten mehr finden. Ein Interesse für das Thema rund um den ersten Weltkrieg sollte vorhanden sein. Auch einiges an Ruhe sollte man mitbringen, wenn man sich "Die Komödie von Charleroi" vornimmt.

In gewohnt hoher Qualität liefert der Manesse Verlag hier eine schöne Hardcover-Edition ab. Der Inhalt ist es aber, der hier das Prunkstück ist. Das ganze ist nämlich eine deutsche Erstübersetzung. Und die kann sich sehen lassen. Verantwortlich dafür waren die beiden erfahrenen französisch Übersetzerinnen Andrea Springler und Eva Moldenhauer, die Drieus Texte in ein flüssiges, modernes Deutsch übertrugen.



Resümee

Belletristik aus der Zeit nach dem ersten Weltkrieg dürfte heutzutage weniger gefragt sein. Dies liegt daran, dass leider nach dem ersten verheerenden Krieg direkt ein zweiter folgte, der in seiner Relevanz natürlich noch ein wesentlich größeres Ausmaß an Zerstörung annahm. Sich aber mal mit der Literatur von Pierre Drieu La Rochelle auseinanderzusetzen war eine für mich mehr als interessante Erfahrung. Ob man nach "Die Komödie von Charleroi" Drieu als Mensch besser versteht, oder man sich noch weiter von der Sichtweise des Autors entfernt, diese Erfahrung muss natürlich jeder Leser oder Leserin für sich selbst machen. Es darf nicht verschwiegen werden dass Drieu die letzten Wege seines Lebens als Faschist und Antisemit bestritt. Davor jedoch war Drieu ein begnadeter Autor der französischen Literatur, der es schaffte, auf eine sehr beeindruckende art und weise das Leben der Veteranen zu beschrieben, die in ihre Heimat zurückgekehrt sind. Auch aus heutiger Sichtweise haben wir es hier noch mit sehr interessanter Literatur zu tun.

Freitag, 29. Juli 2016

Rezension: Heilige Mörderin (Keigo Higashino)






Japan 2008

Heilige Mörderin
Originaltitel: Seijo no Kyūsai
Reihe: Physikprofessor-Yukawa Band 2 (Detective Galileo Series)
Autor: Keigo Higashino
Taschenbuchausgabe: Erschienen beim Piper Verlag (Deutsche Erstveröffentlichung bei Klett-Cotta)
Übersetzung: Ursula Gräfe
Genre: Krimi


">>Als die Kollegen den Tatort untersuchten, klingelte das Handy des Toten. Der Anruf kam von einem Restaurant in Ebisu. Mashiba hatte dort für acht Uhr einen Tisch bestellt. Für zwei Personen. Da er nicht aufgetaucht ist, wollten sie nachfragen. Die Reservierung hatte er gegen halb sieben vorgenommen. Wie gesagt, hat Frau Wakayama Herrn Mashiba gegen sieben angerufen und nicht erreicht. Schon ein bisschen ungewöhnlich, oder? Ein Mensch, der um halb sieben einen Tisch in einem Restaurant reserviert und dann um sieben Selbstmord begeht.<<
Kusanagi runzelte die Stirn und kratzte sich mit einem Finger die Augenbraue. >>Das hättest du mir auch gleich sagen können.<<
>>Wegen Ihrer Fragen bin ich noch nicht dazu gekommen.<<
>>Ist ja gut.<< Kusanagi schlug sich auf die Knie und stand auf.
Utsumi kam aus der Küche und stellte sich erneut vor den Wandschrank."



Yoshitaka Mashiba, erfolgreicher Unternehmer, wurde ermordet! Vergiftet von dem Kaffee, den er so gerne trank. Seiner nicht minder erfolgreichen Frau Ayane, eine bekannte Patchwork-Designerin, gab er einige Tage zuvor bereits zu verstehen, dass er die Ehe bald auflösen wird, da sie ihm keine Kinder gebären kann. Ersatz steht aber schon bereit mit Ayanes Musterschülerin (und enge vertraute) Hiromi, die nicht nur jünger als Ayane ist, sondern anscheinend auch bereit dazu ist, Yoshitakas Kinder zu bekommen. Kurz vor der offiziellen Bekanntgabe bei der "noch" Ehefrau verstirbt Yoshitaka jedoch, gefunden wird seine Leiche von Hiromi, mit der er an diesem Abend verabredet war. Seine Frau Ayane war zum Zeitpunkt des Mordes jedoch zu Besuch bei ihren Eltern, weit außerhalb des Geschehens also. Einen Selbstmord schließt die Polizei schnell aus und bekommt dies auch schnell auf dem Papier bestätigt. Inspektor Kusanagi und seine Partnerin Utsumi stehen vor einem Rätsel, da es bisher nicht einmal verdächtige Personen im Umfeld des Opfers gab. Die scharfsinnige Utsumi ist sich aber relativ sicher, auch wenn Ayane, die Frau des ermordeten Ehemannes, ein perfektes Alibi hat, so kann nur sie für den Mord in Frage kommen. Zumindest sagt ihr das ihr Gespür. Um Hilfe bittet sie jedoch einen alten Bekannten, der bereits ihrem Chef Kusanagi schon oft zur Seite stand: Physikprofessor Kusanagi, der hier vor seinem bislang schwierigstem Rätsel steht.


Ich fange nur selten mit dem Inhalt eines Buches eine Besprechung an. Das faszinierende an den Kriminalromanen von Keigo Higashino ist jedoch, relativ früh steht fest, wer es war, aber nicht, wie es geschehen ist. Und doch wiederum ist durch ein perfektes Verwirrspiel dafür gesorgt, dass der Leser bis auf der Zielgeraden absolut im Unklaren über die gesamten Geschehnisse ist. Bereits im Vorgänger "Verdächtige Geliebte" hat der Japaner dies eindrucksvoll bewiesen.

Higashinos Werke sind in Japan Bestseller in Millionenhöhe an verkauften Exemplaren. Sowohl die Physikprofessor-Yukawa Reihe als aber auch die Kommissar Kaga Reihe feierten gleichermaßen Erfolge, und das nicht nur in Japan. Auch in Deutschland (ein Land, wo Kriminalromane sich allgemein extremer Beliebtheit erfreuen) wurden die Leser auf Keigo Higashino aufmerksam und machten ihn vermutlich neben Haruki Murakami zum erfolgreichsten japanischen Schriftsteller in Deutschland.  Hierzulande ist bisher jedoch nur ein Bruchteil von dem erschienen, was Higashino in Japan publiziert hat. Besonders seine viel gelobten Frühwerke haben es bisher noch nicht in die deutschen Bücherregale geschafft.

Doch was macht Higashinos Schreibkunst so erfolgreich? "Heilige Mörderin" glänzt nicht unbedingt durch anspruchsvolle (wenn auch wesentlich anspruchsvoller als die Mehrheit der meisten Krimis) oder tiefgründige Prosa. Dafür gibt es von Seite 1 an ein Konzept. Ein Konzept, welches einem erst schlüssig wird, wenn man die letzten Seiten gelesen hat. Der Autor trägt uns durch die Geschichte, ohne dass wir dies jedoch bemerken. Für die Leser bleibt eine menge Spielraum, selbst zu knobeln, sich Gedanken zu machen und sich in die Charaktere hineinzuversetzen. Und genau hier punktet Heilige Mörderin. Die 3 Ermittler besitzen alle eine eigene Persönlichkeit, wirken nicht austauschbar (auch wenn der exzentrische Professor Yukawa sicherlich seine Kontroversen mit sich bringt und polarisieren dürfte, vielleicht sogar als unsympathisch angesehen wird) und wirken längst nicht so überzeichnet wie die Ermittler in so manchen skandinavischen Krimis. Womit ich nicht sagen will, "Heilige Mörderin" oder Higashinos Werke kämen ohne Klischees aus. Klischees gehören zu einem Krimi wie Finger an Hände. Es kommt jedoch drauf an, wie geschickt man diese Klischees einsetzt.

Für mich war es eine große Freude, an den Gedankenspielen der Protagonisten teilnehmen zu dürfen. Bei etwas über 300 Seiten (Taschenbuchausgabe) wirkt "Heilige Mörderin" absolut rund und sehr kurzweilig.
Für die flüssige Übersetzung ist einmal mehr Ursula Gräfe verantwortlich, die einen weiteren japanischen Autor uneigennützig in die deutsche Sprache übersetzt hat.


Resümee

"Heilige Mörderin" ist japanische Handarbeit. Wer denkt, Japaner können keinen Whiskey brennen oder Bier brauen, der sollte mal kosten. Das gleiche gilt für Krimis, wieder etwas, wo man nicht automatisch an Japan denkt. Doch was die Japaner anfassen, da fließt Hingabe. Keigo Higashino weiß, wie man einen Krimi schreibt und wie er seine Leser ein komplettes Buch lang unterhält. Und dabei verzichtet der Autor auf unnötig brutale Beschreibungen der Morde oder widmet 20 Seiten der Obduktion des Opfers. Dass es sich hier um japanische Literatur handelt, wird man wohl nur an den Namen der Charaktere und Ortsnamen sofort erkennen. Was aber nicht bedeutet, dass die Essenz der japanischen Literatur in "Heilige Mörderin" nicht vorhanden ist. Fans japanischer Literatur wie auch Krimis werden hier gleichermaßen exzellent unterhalten. Und vielleicht ja sogar auch Krimi-Muffel.

Hoffen wir, dass uns Keigo Higashino noch mit vielen weiteren deutschsprachigen Veröffentlichungen spannende Abende bereiten wird.

Montag, 18. Juli 2016

Ein Bond-Rückblick: Die Craig-Ära




Vergangene Nacht konnte ich meine allererste Heimkino-Sichtung von "Spectre" verbuchen. Eine erneute Sichtung stand zwar schon länger auf den Plan, ließ sich aber leider nicht früher einrichten. Denn, im Gegensatz zur allgemeinen Mehrheit war Spectre für mich eine etwas chaotische, gar absurde aber durchaus solide Vorstellung, die noch immer alles in den Schatten stellt, was Brosnans letzte Bond-Abenteuer geleistet haben.

Nach meiner erneuten Sichtung von Spectre kam ich eigentlich nicht umher, Craigs-Ära, die 4 Filme umfasst, noch einmal Revue passieren zu lassen. Es ist kein großes Geheimnis mehr, Daniel Craig möchte nicht mehr in den Anzug schlüpfen. Genaue Gründe hat er nie genannt, aber je aufwendiger die Filme werden, desto schneller nutzt man sich als Schauspieler ab was sich letztendlich wohl auch außerhalb des Jobs auswirken wird. Craig soll zuletzt ein 68 Millionen Pfund schweres Angebot abgelehnt haben, ein fünftes und letztes mal die Rolle zu spielen, die ihn weltberühmt machte. Doch auch vergangene Aussagen von vor einigen Monaten, klangen so, als würde die Welt eher untergehen als das Craig noch einmal 007 spielen wird:


I’d rather break this glass and slash my wrists. No, not at the moment. Not at all. That’s fine. I’m over it at the moment. We’re done. All I want to do is move on.


Natürlich haftet dem Bond-Franchise die magische Phrase "Never Say Never Again" an. Auch Sean Connery flüchtete seinerzeit regelrecht vom Set und kehrte dem Geheimagent den Rücken, nur um ihn noch 2 weitere male danach zu spielen. Eine Rückkehr von Craig ist also nicht ausgeschlossen, derzeit aber unwahrscheinlich wenn nicht gar unrealistisch. Sollte Craig die 5 aber noch vollmachen, dann wäre er zumindest Pierce Brosnan einen Schritt voraus.

Viel interessanter als Daniel Craigs Verbleib ist derzeit eher seine Nachfolge. Neben den immer wieder hoch gehandelten Idris Elba (welcher den ersten farbigen Bond spielen könnte) und Tom Hardy, steht derzeit auch Tom Hiddleston hoch im Kurs. Doch wie schon bei dem relativ überraschend ausgewählten Craig selbst und Clive Owen eigentlich schon in den Startlöchern stand, könnte es eine erneute Überraschung geben.

In diesem Beitrag geht es allerdings nicht über die Zukunft des Franchise, sondern um die Vergangenheit. Ein etwas ausführlicher Rückblick auf die Craig-Ära. Ein Rückblick auf beinahe 10 Jahre James Bond. Das Stimmungsbarometer der Craig-Filme würde sich ungefähr so lesen:

Auferstehung des Geheimagent --> Erneute Selbstzerstörung des Franchise --> Glorreiche Rückkehr aus dem Chaos --> Erneute Selbstzerstörung des Franchise

Das Stimmungsbarometer bei den Fans kippt schnell. Der Spagat zwischen "Gefeierter Held" und "Lachnummer" scheint nicht sonderlich groß zu sein (auch wenn dies meine eigene Meinung nicht wiederspiegelt). Ich möchte daher etwas genauer auf die vier Filme eingehen, ganz besonders auf Spectre (Achtung, wird länger). Auf das, was richtig lief, was falsch lief und was keinen Sinn ergibt, auch nach Spectre nicht. Und seien wir ehrlich, ein bisschen Trash gehört zum Bond-Franchise dazu wie Eis zum Jack Daniels Black Label. Viel Eis. So viel Eis, bis der Geschmack eine erträgliche Note annimmt.


Hinweis:
Dieser Abschnitt geht genau auf die Filme ein und auf Einzelheiten rund um die zusammenhängende Geschichte. Spoiler sind somit garantiert! Bitte umkehren, wer die Filme noch nicht gesehen hat und plant, diese demnächst zu schauen.



Aufgrund der Länge des Textes werde ich nicht weiter auf die Bond-Songs eingehen können!


Vor Casino Royale ist nach Die Another Day (2002-2006)

Bevor Casino Royale ende 2006 in die Kinos kam, war die Zukunft des Bond-Franchise unsicher. Die Leute waren Pierce Brosnan überdrüssig und die Qualität der Filme nahm stets ab. Bond erinnerte eher an einen Comic-Superhelden mit übermenschlichen Kräften, der aber gleichzeitig nur aufgrund seiner Gadgets die jeweiligen Missionen überlebt. Die Produzenten hielten eine mehrjährige Pause für angebracht. Das Franchise driftete quasi in den Modus der Drei Affen ab. "Nichts sehen, nichts hören, nichts sagen".  Im Hintergrund tat sich allerdings einiges. So einigte man sich darauf, Bond müsse wieder "Back to Basics" gehen, bodenständiger werden. Mit anderen Worten: Man wollte eine art Reboot, welches aber gleichzeitig die Anfänge von Bond erzählt und mehr wie ein Prequel agiert. Und welche Geschichte würde sich dazu besser eigenen, als der allererste Roman, den Bond-Urvater Ian Fleming verfasst hat? Casino Royale sollte als die erste Bond-Adaption seit Jahrzehnten herhalten für das mutige Projekt. Aufgrund eines Rechtsstreits, der beinahe genau so alt war wie das Buch selbst (erschienen 1953) war es zuvor nicht möglich, Casino Royale zu adaptieren wenn man mal von "Climax" und der Parodie "Casino Royale" mit Peter Sellers absieht. Der Weg war frei, das Buch zu adaptieren. Brauchte man also nur noch einen fähigen Regisseur. Sich selbst ins Spiel brachte sich Quentin Tarantino, dem es eine Ehre gewesen wäre, Casino Royale zu adaptieren. Doch weder der Broccoli-Clan noch MGM selbst waren von Tarantino begeistert und erteilten ihm eine Abfuhr. Stattdessen fiel die Wahl auf  Martin Campbell, der brachte bekanntlich bereits 1995 Bond mit Goldeneye zurück in die erste Liga des Kinos.

Die Wahl der neuen 007 hingegen erwies sich jedoch als wesentlich schwieriger. Es standen sehr viele Namen zur Auswahl. Brosnan selbst war sich relativ sicher, auch bei Casino Royale noch dabei zu sein. Das Studio entschied sich jedoch schnell gegen ihn. Für viele war Clive Owen seinerzeit der heißeste Anwärter auf das Erbe von Brosnan. Doch auch Owen, der selbst von Craig überzeugt ist und meinte, er habe sich nie wirklich um die Rolle beworben, wurde zum Entsetzen vieler 007 Fans umgangen. Die Wahl fiel stattdessen auf den damals noch mäßig bekannten Daniel Craig, der allen voran durch seine Rolle in Matthew Vaughns "Layer Cake" und Steven Spielbergs "München" einigen Leuten bekannt gewesen sein dürfte. Craig widersprach optisch so ziemlich jedem Ideal, welches James Bond verkörperte. Besonders prägnant waren dabei die blonden Haare und die blauen Augen. Craig erntete im Vorfeld Hohn und Spott sämtlicher Fans, die sich einen traditionellen Bond wünschten. Craig war der erste wichtige Faktor für den Umbruch, den das Franchise so dringend nötig hatte.

Als Casino Royale, Bond Nummer 21, nach langer Planung, vielen Trailern und viel Vorab-Kritik in die Kinos kam, wurden die Skeptiker aber relativ schnell ruhig gestellt. Man hat eingehalten, was man versprach. Casino Royale deckt die Geschichte ab, wie Bond seinen 00 Status erhalten hat. Dementsprechend hatte man es im Film mit einem eher unerfahrenen, waghalsigen Bond zu tun der sich nicht auf irgendwelche Spielereien und Gadgets verlässt, sondern auf seinen Überlebensinstinkt. Entgegen vieler Erwartungen bekam man es mit einem Bond zu tun, der rohe Gewalt nicht scheute, verletzlich wirkte und kein Übermensch war. Einen Vorgeschmack darauf gab in den 80ern bereits Timothy Dalton, der mit seiner Bond-Interpretation seiner Zeit voraus war und von den damaligen Zuschauern nie wirklich akzeptiert wurde. Craig führte mit einer Portion Sarkasmus diese Interpretation fort und lieferte mit Casino Royale nicht nur einen äußerst lukrativen Bond ab, sondern wurde zeitgleich von der strengen Presse und den sensiblen Fans gefeiert. Auch ist nach langer Zeit die Adaption zu Casino Royale mal wieder seiner literarischen Vorlage relativ treu geblieben, ein Problem, womit die meisten Bonds zu kämpfen hatten. In der Moore-Ära übernahm man meistens einfach nur den Titel und einige Charaktere, schrieb dafür die Story aber komplett um. Casino Royale folgt dem Roman relativ eng, biegt aber hier und da mal in eine andere Seitenstraße ab. Zum einen tat man dies, um die Geschichte mehr an unsere Zeit anzupassen. Auf Organisationen wie SMERSH ging man gar nicht erst ein, auch das Ende wurde leicht umgeschrieben mit dem Wissen, dass es Fortsetzungen geben wird. Man wollte Casino Royale nicht nur als eine Prequel-Geschichte benutzen, man hatte vor, diese Geschichte mitsamt den Charakteren weiter zu spinnen (dazu im nächsten Abschnitt mehr). Überraschend blieb Judy Dench der Rolle als weibliche M treu, was später noch eine wichtige Bedeutung haben sollte. Da wir uns hier in einem Reboot befinden, fehlt auch von Bonds schrulliger Sekretärin Moneypenny und dem Wissenschaftler Q jede Spur.

Die Anfänge waren gemacht. Handwerklich einwandfrei, schnörkellose Actionszenen und ein überraschender Cliffhanger zum Ende des Films haben lust auf mehr gemacht. Eva Green mimte ein selbstbewusstes, aber kein unsympathisch emanzipiertes Bond-Girl und Mads Mikkelsen als Le Chiffre wohl einen der gelungensten Bond-Bösewichte seit Sean Connery das erste mal 007 spielte und gegen die wahnsinnigen Typen antrat, die die Welt beherrschen wollten.

Nur 2 Jahre später sollte Bond Nr. 22 einen noch größeren Umbruch präsentieren. Gefeiert wurde diesmal aber nicht.



Ein Quantum Trost (2008)


Die Verantwortlichen, darunter auch Paul Haggis, der hier als einer führenden Schreiber agierte, hatten einen festen Plan mit dem erfolgreichen Neuanfang für James Bond. Man hatte diesen zerbrechlichen Mann, der gerade von seiner großen Liebe Vesper Lynd verraten (und wiederum nicht verraten) wurde und ihr Live beim sterben zusehen musste, indem sie auf eigenen Willen ertrank. Bond wollte wenige Stunden zuvor noch seine Karriere beim MI6 wegwerfen und mit Vesper Lynd durchbrennen, bis Bonds zweite große Liebe, M, ihn in Kenntnis setzte, dass Vesper eine Doppelagentin ist und in Wahrheit für eine geheime Organisation namens Quantum arbeitet. 
Ziel war es, diesen Bond menschlicher darzustellen. Mit all seinen Fehlern und seinem nahezu zerbrechlichem Temperament. Bonds letzte wahre Bezugsperson ist M. Es wäre übertrieben zu sagen, sie sei für ihn eine Mutterfigur, aber keiner anderen Person traut Bond mehr und im Verlaufe von "Ein Quantum Trost" und "Skyfall" wird sich das Verhältnis der beiden noch wesentlich mehr intensivieren.

Ein Novum in der Reboot-Reihe ist jedoch folgendes: Sobald sich Bond in Casino Royale an den Pokertisch setzt, beginnt eine fortlaufende Mission für ihn. Alle 4 Filme sind keine individuellen Missionen für Bond, es handelt sich hier um eine echte Tetralogie, die aufeinander aufbaut und eine fortlaufende Geschichte erzählt. Wenn man es also streng sieht beginnt ab Casino Royale eine Mission, die in der letzten Szene von Spectre endet und ihren ultimativen Abschluss findet.

Ein weiteres Novum an sich ist jedoch "Ein Quantum Trost" selbst. Der Film ist nämlich eine direkte Fortsetzung zu Casino Royale und beginnt genau in dem Moment, wo Casino Royale endet. Bond schießt dem geheimnisvollen Drahtzieher Mr. White in den Schlappen, sperrt ihn in den Kofferraum und eine waghalsige Verfolgungsjagd beginnt (kein Novum). Bis hierher ging der Plan der Autoren vermutlich noch auf. Als Regisseur wählte man den deutschen Marc Forster (nicht zu verwechseln mit der trällernden Basecap die ein K in ihrem Vorname trägt), der sich unter anderem mit "Monster's Ball" und "Stranger than Fiction" bis dato einen Namen machte.

Viele Kinobesucher witzelten nach der anschließenden Sichtung von "Ein Quantum Trost," sie würden an Motion Sickness (Reisekrankheit) leiden. Dies ist eine Anspielung auf die schnellen, hektischen sowie chaotischen Schnitte im Film. Diese sollten Bond Nr. 22 rasanter und besonders in den Schießereien "härter" wirken lassen. Doch nicht nur das filmische Handwerk wurde kritisiert, auch inhaltlich wurde "Ein Quantum Trost" regelrecht zerfetzt. Das größte Problem ist eigentlich, der Film funktioniert nicht so recht als direkte Fortsetzung, wirkt häufig unorganisiert und wirft am Ende zu viele Fragen auf. Bond selbst, noch immer auf persönlicher Vendetta, legt sich in diesem Film mit Dominic Greene (Matthieu Amalric) und dessen Organisation Quantum an. Schnell wird jedoch klar, Greene wird von einer wesentlich mächtigeren Instanz gesteuert, wohinter mit großer Wahrscheinlichkeit Mr. White steckt, der wiederum von einer nochmals größeren Organisation befehligt wird. Statt SMERSH oder SPECTRE gabs also Quantum und keiner wusste am Ende von "Ein Quantum Trost" so wirklich, was nun Quantum so genau war und wieso die Typen so mysteriös agierten. Greene war ein passiver Bösewicht und trat erst gegen Ende richtig in Erscheinung. Olga Kurylenko als Bond-Girl machte nicht unbedingt eine schlechte Figur, war jedoch gezeichnet von einer Hintergrundgeschichte voller Klischees die trockener war als jeder Martini und konnte auch an sich nicht mit der charismatischen Eva Green mithalten. Giancarlo Gianninis Charakter Mathis noch einmal zurückzuholen, der übrigens im Casino Royale Roman ein treuer Gefolgsmann von Bond ist, war ebenfalls ein Geniestreich, den man im nachhinein bereut haben dürfte.

Trotz all der Fehler die "Ein Quantum Trost" anhaften, so unterhält der Film aber auch bei einer schmalen Laufzeit von nur etwas über knapp 100 Minuten. Noch immer profitiert das 22. Bond Abenteuer von seinem Vorgänger. Die Atmosphäre ist durchaus noch da. Weder zählt "Ein Quantum Trost" für mich zu den schlechtesten Bonds oder gar als der schlechteste Bond aller Zeiten. Es ist ein solider, unterhaltsamer aber auch konfuser Film, bei dem vermutlich zu viele Köche den Brei verdorben haben.

Einen erneuten Umbruch sollte es dann 2012 mit Bond 23. geben. Skyfall.


Skyfall (2012)

Ganze 4 Jahre machte man Pause. Man war mit der Entwicklung nach "Ein Quantum Trost" nicht zufrieden. Desweiteren kam hinzu, der Film war zu teuer und sprengte das damals festgelegte Budget. Skyfall war nicht unbedingt günstiger, allerdings verwendete man das Budget wesentlich geschickter und zusätzlich muss man bedenken, der Film hat noch eine wesentlich längere Laufzeit.

Für Skyfall trennte man sich von Haggis und Co. und engagierte neue Autoren und einen gestanden, erfahrenen Regisseur. Sam Mendes übernahm das Ruder und eine seiner ersten Amtshandlungen war "Ein Quantum Trost" so gut es zu ignorieren. Verdutzt ließ man die Zuschauer zurück, die Fragen wegen Quantum und anderen Logiklöchern stellten und präsentierte stattdessen eine beinahe völlig neue Storyline, die sich sowohl stilistisch als aber auch inhaltlich von den beiden Vorgängern abhebte (zumindest dachte man das, bevor Spectre in die Kinos kam). Bonds persönliche Vendetta blieb jedoch bestehen. Der Film beginnt mit einer furiosen Eröffnungssequenz in Istanbul. Bond hat sich von seinem Vesper-Trauma erholt und ist ein gestandener MI6 Agent. Gejagt wird ein Söldner, der an wichtige Informationen zu MI6 Agenten gekommen ist. In dem Moment, wo Bond den Söldner schnappt, trifft M eine fatale Fehlentscheidung, die Bond fast das Leben kostet. Der Schuss der unerfahrenen MI6 Agentin Eve traf Bond da, wo es weh tat- nämlich in seine Karriere. Bond tauchte unter, versank in Selbstmitleid weil ihn nun auch seine engste Vertraute hat hängen lassen und wurde zum Trinker. Dies geht eine ganze Weile dann so bis Bond nach London zurückkehrt, weil eine geheime Organisation es aufs MI6 und ganz besonders M abgesehen hat.

Skyfall erreicht den Höhepunkt was Bonds persönliche Hintergrundgeschichte angeht. Im Fokus steht nicht nur die Bindung zwischen Bond und seiner Mentorin M, sondern auch Bonds Kindheit, die hier ein wenig thematisiert wird. Als Bösewicht hat man sich für Javier Bardem entschieden, der hier einen abtrünnigen MI6 Agent spielt und jenen Abgrund, nachdem M ihn hat fallen lassen, im Gegensatz zu Bond nicht überwunden hat. Bardem verkörpert den rachsüchtigen Silva natürlich absolut großartig. Und das, obwohl dieser Bösewicht überhaupt erst in der zweiten Hälfte des Filmes erstmals in Erscheinung tritt. Silva ist, ohne Frage, Bonds bis dato gefährlichster Gegner. Man kann ihn nicht lesen, genau so wenig seine wahre Intention und was er genau geplant hat. Im Gegensatz zu Greene aus "Ein Quantum Trost" nimmt Silva aktiv an der Geschichte teil. Irgendwann wird dann auch klar, was Silva möchte. Genau wie Bond ist auch er auf persönliche Vendetta unterwegs und möchte nichts anderes als M töten, seine ehemalige Mentorin, die damals sein Leben opferte um mehrere Menschen zu retten.

Auch in Skyfall gibt es mal wieder ein Novum. Nämlich ist Skyfall das erste Bond Abenteuer überhaupt, an dem der Bösewicht an sein Ziel gelangt. Silva tötet M, auch wenn er kurz danach von Bond mit einem Armeemesser hinterrücks penetriert wird. Silva war jedoch bereit zu sterben. Zusammen mit der schwer verletzten M in seinen Armen, wollte er ihr Schicksal gemeinsam beenden. Nun, Bond kam Silva in die Quere, konnte aber letztendlich das Schicksal von M nicht mehr verhindern.

Und genau hier greift der Reboot-Faktor nun komplett. Nach M's Bestattung sehen wir neben dem jungen Q (Ben Whishaw), der bereits zu Beginn des Filmes vorgestellt wurde, auch noch wie Sekretärin Moneypenny (Naomie Harris) ihren Job erhält. So versteckt sich in dem Falle die unfähige MI6 Agentin Eve hinter Bonds kultiger Sekretärin, mit der er nie ins Bett steigt. Ralph Fiennes Charakter Mallory entpuppte sich zeitgleich wenig überraschend als neuer M. 
Bond entwickelt sich langsam zu der 007, die wir seit den ersten Filmen mit Sean Connery kennengelernt haben. Er wächst mit seinen Aufgaben und schlägt nach dem Tot seiner Mentorin ein neues Kapitel auf.

Handwerklich war ich von Skyfall sehr beeindruckt. Man hat nicht nur wunderschöne Drehorte ausgesucht, auch vom Tempo her hat man einige Gänge zurückgeschaltet. Die Story geht wesentlich mehr auf die persönlichen Gefühle der Charaktere ein anstatt neue Organisationen oder Super-Bösewichte einzuführen, die die Welt beherrschen wollen. Silva war ein Bösewicht, der einen relativ realistischen Plan hatte und diesen auch umsetzen konnte.

Zu kurz kommen auch hier die Bond-Girls, bzw. das Bond-Girl sofern man Naomie Harris als Eve Moneypenny nicht mitzählt. Das "echte" Bond-Girl in Skyfall ist Bérénice Marlohe die Severine spielt. Bond darf auch einmal mit ihr spielen bis Silva ihr dann relativ schnell, überraschend schnörkellos bei einem geschmacklosen Spiel in den Kopf schießt. So setzt Skyfall auch hier ein Novum, wie schnell man sich eines Bond-Girls entledigen kann.

Leider ist, trotz meiner Begeisterung Skyfall gegenüber, der Film mindestens 20 Minuten zu lang geraten. Besonders die Szenen in Großbritannien ziehen sich gegen Ende ein wenig. Bond Nummer 24 sollte der Überlänge treu bleiben.


Spectre - Inklusive Analyse (2015)

Laut Reaktionen von Kritikern und Fans ist Spectre der schlechteste Bond seit Moonraker. Viele Leute waren nach ihrem Kinobesuch regelrecht erzürnt und bis heute werden im Forum der IMDb noch Hasstiraden auf den Film verfasst. Genau wie "Ein Quantum Trost" ist Spectre weit davon entfernt, der schlechteste Bond zu sein. Es ist allerdings auch sicherlich nicht der beste. Dafür sind jedoch mehrere Gründe verantwortlich.

Bereits der erste Wunsch vieler Zuschauer erfüllte sich nicht, Christopher Nolan auf dem Regiestuhl. Nachdem es ein kleines Hickhack gab, wer denn nun der Regisseur für Bond Nr. 24 werden sollte, kündigte man überraschend Mendes an, der nach Skyfall noch einmal die Regie übernehmen durfte. So begeistert viele von Skyfall auch waren, so nahmen die Neuigkeit eine menge Leute eher skeptisch auf, dass der gleiche Regisseur ein zweites mal ran darf (aus diesen Gründen bin ich sehr dankbar, das man diese Abnutzungserscheinungen mit der neuen Star Wars Trilogie vermeiden wird). Auch Neil Purvis und Robert Wade durften als Autoren wieder mit dabei sein. Gleiches Team, gleiche Erfolgsgeschichte? Nicht ganz. Spectre leidet teilweise an einer völlig zusammenhangslosen, verworrenen Geschichte, die sich größtenteils anfühlt, als wurde sie kurz vor Drehbeginn noch 5 mal umgeschrieben.

Die Geschichte von Spectre beginnt in Mexiko während des Fests der Toten. Ein wenig erinnert diese an de furiosen Einstieg in "Ein Quantum Trost". Bond nietet alles und jeden um der ihm in die Quere kommt. Die Zielscheibe ist jedoch auf Marco Sciarra gerichtet, der Mitglied einer mysteriösen Vereinigung sein soll.Wie wir Bond kennen und lieben bringt er Sciarra jedoch während der Verfolgung um (genau gesagt stößt er ihn aus einem fliegenden Helikopter und danach "Das Fest der Toten" eine ganz besondere Bedeutung erhält). Glücklicherweise erhält Bond einen essentiell wichtigen Gegenstand der ihn quasi zur Organisation führt, die in Rom ein geheimes Meeting abhält. Bond wendet sich ab von M, beginnt wieder mit der Geheimniskrämerei und verlangt von Moneypenny (die mittlerweile vergeben ist, ein weiteres Novum also) ein wenig hier und da zu schnüffeln und weiht sie gleichzeitig in seine Pläne ein. Bond schaltet in seiner spartanisch eingerichteten Wohnung den Fernseher ein und zeigt Moneypenny, wer Bond den Auftrag gab, in Mexiko Amok zu laufen. Niemand geringeres als Bonds verstorbene Mentorin M steckt dahinter (noch immer gespielt von Judy Dench, allerdings mit neuer deutscher Synchronstimme). Einzelheiten über das mysteriöse Video gibt es nicht, ebenfalls die Beweggründe und woher M diese Informationen hat, werden nicht weiter erleuchtet. All die Hinweise führen Bond näher zu einer Geheimorganisation namens Spectre, die der wahre Drahtzieher hinter Quantum sind und die von einem Mann namens Franz Oberhauser (gespielt von Christoph Waltz, der hier seine Rolle als Hans Landa aus Inglourious Basterds fortführt) angeführt wird.

Und dann folgt das Familiendrama Deluxe. Bond erkennt Oberhauser und traut seinen Augen nicht. Dieser Mann müsste tot sein, genau wie dessen Vater, begraben von einer Lawine. Hinter all dem Leid, was Bond die vergangenen knapp 10 Jahre widerfahren ist, steckte niemand geringeres als sein eigener Stiefbruder, der zufälligerweise eine der mächtigsten terroristischen Untergrundorganisationen der Welt anführt und George Orwells 1984 Dystopie in die Tat umsetzen will. Für Bond beginnt eine Tour de Force um den halben Globus, um Oberhauser endlich in die Finger zu kriegen. Nebenbei schließt Bond noch Freundschaft mit dem geächteten Mr. White, ausgestoßen aus Spectre und Bonds Erzfeind der vergangenen 3 Filme, der ihm anschließend mitteilt, er solle auf seine Tochter Madeleine aufpassen (gespielt von der goldigen Léa Seydoux).

Es kam natürlich, wie es kommen musste. Wir befinden uns noch immer in der Reboot-Welt und der Filmtitel gab schon eigentlich alles Preis, was man wissen musste. Christoph Waltz verneinte es im Vorfeld relativ häufig bis es im Film dann die eher wenig beeindruckende Enthüllung gab: Franz Oberhauser ist niemand geringeres als Ernst Stavro Blofeld. Nicht einmal die IMDb macht daraus mehr ein Geheimnis, wenn man sich den Cast dort anschaut. Vermutlich die wohl offensichtlichste Enthüllung seit "Khan" in "Star Trek Into Darkness".

Liest man sich die Story einmal auf dem Papier durch, könnte man bei all den Absurditäten glauben, man ließt die Geschichte zu einer Parodie. Beinahe alles, was man sich die vergangenen Filme über aufgebaut hat, hat man relativ mühelos in Trümmer geworfen. Die Intention hinter Spectre wird aber dennoch deutlich. Aufgrund der Tatsache, dass man in Skyfall "Ein Quantum Trost" beinahe komplett ignoriert hat, sind große Lücken in der zusammenhängenden Geschichte entstanden. Es gab ungeklärte Fragen bezüglich Quantum und wer der Drahtzieher dieser Organisation war, inwieweit Greene in die Geschichte verwickelt war und welche Rolle nun der ständig präsente und doch so mysteriöse Mr. White in der Geschichte einnahm. Eine komplette Storyline, die man nun in einen Film quetschen musste. Man machte sich sogar die Mühe, neben Le Chiffre und Greene auch noch Silva als Mitglied von Spectre zu entlarven. Doch auch die Geschichte von Mr. White wird noch zu einem Ende geführt. White entpuppt sich als einer der wahren Hintermänner von Quantum und vermutlich sogar die rechte Hand von Oberhauser aka Blofeld. In Spectre findet Bond White als gebrochenen, todkranken Mann in einer einsamen Hütte in Österreich vor. Es gab eine "Meinungsverschiedenheit" (mit anderen Worten, White wollte sich nicht an Morden von Frauen und Kindern beteiligen) zwischen ihm und Blofeld und White wurde nicht nur aus der Organisation verbannt, er wurde nachträglich auch noch mit Thallium vergiftet und rottet nun langsam vor sich dahin. Das, was die ganze Sache rund um White jedoch so unglaubwürdig macht ist sein Sinneswandel, der wenig glaubhaft dargestellt wird. Und auf einmal wird aus dem Nichts noch Whites Tochter ins Spiel gebracht, die zufällig das neue Bond-Girl und für Bond selbst die perfekte, fehlerlose Verkörperung von Vesper Lynd wird. Hab ich wen vergessen? Ach, genau! Monica Bellucci ist nicht nur das älteste Bond-Girl, welches jemals von Bond verführt wurde, sondern gleichzeitig auch noch das überflüssigste. Circa 10 Minuten Screentime wurden ihr vergönnt. Monica Bellucci stand schon einmal in "Der Morgen stirbt nie" zur Auswahl, wurde dann aber durch Teri Hatcher ersetzt, das zweit überflüssigste Bond-Girl des Franchise. Der Kreis schließt sich.

Aber ich drifte ab. Letztendlich kommt es zwischen Bond und Blofeld zum ersten Showdown in einer Geheimbasis von Spectre. Blofeld weiht Bond und Madeleine in seine Welt und Machenschaften ein, anschließend foltert er Bond vor den Augen von Madeleine, will ihm mit seinem Hirnbohrer (oh ja, ein klassischer Blofeld) alles an Erinnerungen nehmen, die jemals relevant für ihn waren (also die Frauen) und ihn dann anschließend töten. Der allgemeine Tenor unter den Fans ist oftmals, Franz Oberhauser, Bonds Stiefbruder, hätte seinen Vater damals aufgrund kindlicher Komplexe getötet, weil Vati den Ziehsohn bevorzugt hat, diese Theorie wäre aber viel zu einfach. Oberhauser/Blofeld ist nicht mehr und nicht weniger als ein nach Macht strebender Terrorist. Bonds Leben zu ruinieren und ihn anschließend zu töten ist für ihn eher die Zugabe. Blofelds Machenschaften werden aus niederen Beweggründen ausgeführt, Familie bzw. persönliche Rache spielen hier eine zweitrangige Rolle.


(Madeleine muss zuschauen, wie Blofeld seinen Hirnbohrer an Bond ausprobiert) 


Anschließend geschehen seltsame Dinge während Blofelds Folterstündchen. Auf einmal wird es regelrecht surreal und noch einmal eine ganze Spur absurder, als die Reise zu Blofeld an sich schon war. Ein Kolumnist von Entertainment Weekly beschreibt besonders die letzten 30 Minuten von Spectre als eine art Fiebertraum von Bond, der sich lediglich in seinem Verstand abspielt und in der Realität noch von Blofeld zu Tode gefoltert wird. Madeleine tritt vor Bond und erinnert sich ohne weitere Probleme an sie. Auf einmal findet auch noch Bonds Uhr der Marke Omega ihren Verwendungszweck, die sich als Sprengstoff entpuppt, sie Madeleine unterjubelt und die sie anschließend Blofeld vors Gesicht schmettert und explodiert. Blofeld, in Panik, drückt den Knopf zur Selbstzerstörung der Geheimbasis (ah, ein klassischer Blofeld) und wie durch ein Wunder entkommen Bond und sein Mädchen. Dies alles geschah, nachdem Madeleine dem gezeichneten Bond auf dem Folterstuhl noch einmal ihre Liebe gestand. Auch wenn ich die (nie so ganz ernst gemeinte) Theorie von Entertainment Weekly nicht unterstütze (immerhin ist diese Theorie des sterbenden Hauptcharakters und seinem Fiebertraum bereits Final Fantasy VIII vorbehalten), so halte ich es für naiv, nicht zu glauben, Bond könnte von Blofelds Hirnbohrer keinen nachträglichen Schaden erlitten haben. In Ian Flemings Roman "Man lebt nur zweimal" ist Blofelds Gehirnwäsche erfolgreich und Bond endet temporär als ahnungsloser Fischermann in Japan, der sein gesamtes Leben als MI6 00 Agent vergessen hat.

Sobald Bond in London angekommen ist, läuft auch alles wie am Schnürchen. Der finale Showdown findet im zerbombten, ehemaligen Hauptquartier des MI6 statt und Bond wird noch einmal mit seiner Vergangenheit konfrontiert und den Menschen, die Bond die Frauen nahmen, die er so sehr liebte. In diesem, wie schon erwähnt, surrealem zweiten Showdown trifft Bond dann auch Blofeld, beide getrennt von einer Wand aus Panzerglas. Blofeld ist durch die Detonation der Uhr in der nähe seines Gesichts grässlich entstellt. Seine optische Erscheinung soll eine Hommage an Donald Pleasence Interpretation von Blofeld in der Filmadaption zu "Man lebt nur zweimal" (hat nichts mit dem Roman zu tun) sein. Vielmehr dürfte seine Erscheinung aber an Le Chiffre aus Casino Royale erinnern.

Blofeld droht Bond, Blofeld hat Madeleine in seiner Gewalt, will das ehemalige MI6 Hauptquartier sprengen und gibt Bond die Wahl, sich für das Mädchen oder seine eigenes Leben zu entscheiden. Bond entscheidet sich für beides, rettet das Mädchen, entkommt dem einstürzenden Gebäude und flieht. Blofeld flieht per Helikopter. Per Jet-Ski verfolgt Bond Blofelds Helikopter und schießt diesen mit einer einfachen Automatik-Handfeuerwaffe vom Himmel. Blofeld überlebt den Absturz als einziger und auf der Westminster Bridge begegnen sich die ungleichen Brüder noch einmal und wo sich der Kreis schließt. Es endet eine Mission, die ihren Anfang in Casino Royale fand. Bond entscheidet sich letztendlich für ein ehrbares Leben, verschont Blofeld und entscheidet sich zusätzlich für Madeleine. In einer finalen Sequenz sieht man die beiden, wie sie London hinter sich lassen.

Spectre zu beschreiben ist tatsächlich ein schweres Unterfangen. Leider baut der Film zu sehr auf Zufälle auf. Angefangen mit der mysteriösen Botschaft der verstorbenen M, die alles ins Rollen bringt und als MacGuffin im Film fungiert. Bond wird in Spectre auf Händen zu seinem Ziel getragen. Sieht man einmal von den harten Schlägen von Hinx (Dave Bautista) ab, der mir überraschend gut gefallen hat. Ein klassischer, schweigsamer, von der Stärke her nahezu übermenschlicher Mini-Boss, den Bond überwinden muss, um zu seinem Hauptziel zu gelangen. Abgesehen von Hinx verläuft Bonds Reise aber nahezu perfekt. Filmisch bietet Spectre aber zumindest für die Augen einiges. Exotische Kulissen, wunderschön gefilmt von Hoyte van Hoytema (Interstellar), gut inszenierte Actionszenen inklusive eines klassischen Kampfes in einem fahrenden Zug und ein ansehnliches Bond-Girl, was sich nicht bereits nach 20 Minuten ins Jenseits verabschiedet. Es gibt all den Bond-Kitsch, den wir so gerne mögen und einen stimmigen Soundtrack. Mendes und sein Team waren jedoch unweigerlich Gefangen in einem Story-Wirrwarr, welches spätestens gegen Ende kaum noch Sinn ergab. Der Drang, alle Filme miteinander zu verknüpfen, war anscheinend zu gewaltig. Und genau diese Verknüpfung wirkte leider relativ häufig aufgezwungen und wenig glaubhaft.

Nun aber zur Nebenhandlung rund um M, C, Q und die Abschaffung der 00 Agenten und dem geheimen Auftritt von Benedict Cumberbatch und Martin Freeman..... Ach, interessiert doch keinen Mensch!

Trotzdem glaube ich nicht, dass dies die alleinigen Gründe waren, wieso Spectre bei den Kritikern und Fans durchgefallen ist. Wie jeder Bond, so ist auch Spectre ein Opfer des aktuellen Zeitgeistes geworden. Jede Bond-Ära spiegelt die aktuellen Geschehnisse in der Welt wieder. Brosnans Filme kränkelten an Klischees aus der Zeit nach dem kalten Krieg. Spectre spielt in der Ära von WikiLeaks und Co.
Die Leute waren der Thematik müde, vermutlich einer Story müde, die 2006 ihren Anfang nahm und vermutlich waren sie auch müde von Daniel Craig. Und Daniel Craig war einfach allem überdrüssig. So ist der Lauf einer Bond-Ära. Mit einem Budget von anscheinend 250 Millionen Dollar (weltweit wurde knapp 1 Milliarde jedoch wieder eingespielt) war Spectre die bislang kostspieligste Mission von Bond,

Spectre hat eine menge falsch gemacht und mich dennoch unterhaltsam zurückgelassen. Ich sehe daher die Geschichte um Craigs Bond, so kurios es klingen mag, für beendet.


Ein Fazit

Wie man es auch dreht und wendet was "Ein Quantum Trost" und "Spectre" angeht, Craigs Bond-Ära kann als Mission Accomplished angesehen werden. Die Idee hinter dem Reboot/Prequel macht zu viel richtig, um die Filme abzustrafen. Letztendlich sind es 007 Filme, gemacht, um zu unterhalten. Zwar wäre bei Spectre sicherlich wesentlich mehr drin gewesen (besonders, wenn man sich für einen neuen Regisseur und neue Autoren entschieden hätte), aber wir müssen den Film als die teilweise skurrile Angelegenheit nehmen, die sie ist. Meiner Meinung nach macht dies den gesamten Film sogar noch wesentlich unterhaltsamer, auch wenn man nichts zu sehr schönreden sollte.

Es wird sicherlich interessant sein, welche neuen Wege das Franchise nun gehen wird und ob man auf das sich neu aufgebaute Universum weiter setzen wird. Nun wieder alles wegzuwerfen, wäre eine Verschwendung und würde einen mehr als faden Beigeschmack hinterlassen. Jedoch müssen auch wieder Änderungen her, die sich von diesen vier Filmen erheblich absetzen.



Für alle, die sich durch diesen gewaltigen Text gelesen haben und nicht eingeschlafen sind und vielleicht sogar ganz gut unterhalten wurden, habt dank. 

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P.S.

Der letzte Absatz war sowas von gelogen.


Gehabt euch wohl und einen schönen Start in die neue Woche wünscht,
Aufziehvogel