Archiv: Rezensionen zu Literatur und Film

Donnerstag, 2. Juni 2022

Review: Der Rausch

 




Dänemark 2020


Der Rausch
Originaltitel: Druk
Regie: Thomas Vinterberg
Darsteller: Mads Mikkelsen, Thomas Bo Larsen, Markus Millang, Lars Ranthe, Maria Bonnevie
Genre: Tragikomödie
Verleih: Weltkino
FSK: Ab 12



Was für ein Leben.....


Das dänische Kino hat sich vor vielen Jahren zu eine meiner liebsten Filmlandschaften entwickelt. Von Regisseuren wie Susanne Bier, Anders Thomas Jensen, Nicolas Winding Refn bis zu eben jenem Thomas Vinterberg - in jedem dieser Namen steckt Qualität und einzigartige Filmkunst. Und irgendwie führen all diese Namen praktisch unweigerlich automatisch zu Mads Mikkelsen, der sich in den vergangenen 10 Jahren unlängst zu einem der begnadetsten Charakterdarsteller entwickelt hat. Während er in seinen Hollywoodauftritten meistens comichafte Bösewichte spielt, sind seine Hauptrollen in seiner dänischen Heimat weitaus bodenständiger, greifbarer und menschlicher. Dieser Spagat zwischen überzeichneten Charakteren wie Le Chiffre und Gellert Grindelwald und einer anschließenden Verwandlung zu einer Rolle, wo er einen gewöhnlichen 0815 Typen der Mittelklasse spielt, ist herausragend, immer glaubhaft und bodenständig. Nach "Die Jagd (2012)" führen die Wege von Thomas Vinterberg, Mads Mikkelsen und Thomas Bo Larsen wieder zusammen - und enden in einem Vollrausch.

Der Rausch behandelt ein Thema, was in Filmen relativ unterrepräsentiert ist. Findet man zu nahezu jeder bekannten Szenedroge einen passenden Film dazu, kam die Volksdroge Nummer 1 bisher immer relativ glimpflich davon. In dieser Tragikomödie geht es letztendlich um den Alkoholismus und den damit verbunden Folgen. Im Fokus stehen hier vier Freunde, die allesamt Lehrkräfte an einem Gymnasium sind. Die vier Männer befinden sich unweigerlich vor einer Midlife Crisis, ganz besonders stark hat es hier den Geschichtslehrer Martin (Mads Mikkelsen) erwischt, dessen langjährige Ehe stagniert, seine Schüler ihn nicht ernst nehmen und er verpassten Lebenschancen nachtrauert. Eines Tages hat Nikolaj (Magnus Millang) eine haarsträubende Idee, die auf einer missverstandenen These des norwegischen Psychologen Finn Skårderud basiert. Jeder Mensch werde angeblich mit einem Blutalkoholspiegel von 0,5 Promille geboren. Dies entspricht ungefähr 1-2 Gläsern Wein (je nachdem, wie voll dieses Glas ist). Diese Menge bringe den Geist angeblich zu neuen Höchstleistungen. Eine regelrechte Schnapsidee, doch die Männer sind nicht abgeneigt und starten unter strengen Regeln das Experiment - gepichelt wird ausschließlich während der Arbeit. Ein zum scheitern verurteiltes Experiment, was auf dem Papier attraktiv wirkt, aber natürlich unabsehbare Gefahren mit sich bringt sowohl gesundheitlich, gesellschaftlich und familiär. Für die Männer entwickelt sich das 0,5 Promille Experiment zu einem Erfolg. Doch lädt man den Dämon erst einmal zu seiner Party ein, möchte er diese nicht so schnell wieder verlassen.

Was hier als nächstes also folgt ist ein regelrechter Rausch mit all seinen Höhen und Tiefen, die ein Alkoholrausch mit sich bringt. Die ersten Schlucke schmecken, berieseln und berauschen. Der Körper verlangt noch ein kleines bisschen mehr, um diesen herrlichen Pegel aufrechtzuerhalten. Die Euphorie übernimmt und löst das Gehirn ab was Entscheidungen angeht. Ab jetzt feiert einzig und allein der Dämon die Party weiter. Was hier als eine seichte Sommerkomödie beginnt, entwickelt sich für die vier Freunde schnell zu einem Totalabsturz der Sorte All Inclusive. Ehen drohen zu scheitern, Jobs stehen auf der Kippe und der Durst wird immer unerträglicher. Ähnlich wie bereits in "Die Jagd" erleben die Charaktere hier eine persönliche Tour de Force, die ihr ganzes Leben ruinieren könnte. Mal humorvoll, mal einfühlsam und mal völlig radikal geht Thomas Vinterberg hier vor. Begleitet wird diese Regiearbeit durch eine großartige Schauspielleistung der Hauptdarsteller.




Unangenehme Längen hat der Oscargewinner des besten fremdsprachigen Films von 2021 nicht. Und doch ist der Cut von einer seichten dänischen Komödie zum knallharten Drama drastisch. Er traf mich unvorbereitet und meine Stimmung veränderte sich. Als Zuschauer erleben wir diesen Vollrausch regelrecht mit, sind Live dabei wie die Charaktere ihre höchsten Höhen und tiefsten Abgründe erleben.
Und dennoch, ähnlich wie in "Die Jagd" ist Thomas Winterberg ein Regisseur, der am Ende auch wieder einen kleinen Ausweg aus diesem Grund anbietet und Hoffnung auf Versöhnung macht. Eine Versöhnung mit seinem eigenem Leben. Am Ende tanzen zu "What a Life" die Abiturienten in einem Meer aus Bier, Sekt und anderen Spirituosen gemeinsam mit ihren Lehrern, denen sie ihren erfolgreichen Abschluss zu verdanken haben. Eine letzte Runde noch, dann ist Schluss!




Fazit

"Der Rausch" ist ein weiterer großartiger Vertreter der dänischen Filmschule. Ein Film, der mir noch lange im Gedächtnis bleiben wird, da er stets auf den Punkt genau die wichtigen Dingen anspricht. Hier dümpelt nichts herum. Jeder Schauspieler steht da, wo er stehen soll, säuft, wo er saufen soll und torkelt genau in den Abgrund rein, wo ihn Thomas Vinterberg gerne sehen würde. Es ist das Feingefühl, was so vielen zeitgenössischen Filmemachern und deren Werke mittlerweile abhandengekommen zu sein scheint. Alle Beteiligten, so merkt man es ihnen an, hatten hier großen Bock darauf, einen Film zu drehen. Eine Eigenschaft, die heutzutage alles andere als eine Selbstverständlichkeit ist. Skål!

Sonntag, 29. Mai 2022

Rezension: Männer und Frauen (Yosano Akiko)

 






2022

Männer und Frauen
Autorin: Yosano Akiko
Verlag: Manesse
Erscheinungsdatum: 23.05.2022
Auswahl der Texte, Übersetzung und Nachwort: Eduard Klopfenstein
Genre: Essays, Sammlung



"Die Japaner liegen jedoch in ihrer inneren zivilisatorischen Entwicklung noch weit hinter den Europäern zurück. Besonders die japanischen Frauen haben in überwiegender Mehrheit keine Vorstellung von Würde oder von der Zielsetzung der menschlichen Existenz; vielmehr schwanken sie wie Treibgut auf den Wellen der materiellen Zivilisation. Rousseau hat einmal dem Sinne nach Folgendes gesagt: >>Ich bilde nicht in erster Linie Gelehrte, Politiker oder Generale aus, sondern Menschen.<< In gleicher Weise ist es die dringlichste Pflicht, den japanischen Frauen, noch bevor sie Ehefrauen und Mütter werden, das wahre Bewusstsein von der Gleichheit als Menschen einzupflanzen. Ideen, die in Europa bald schon zum alten, etablierten Bestand gehören werden - seien es der Naturalismus oder die Frauenrechte -, müssen in Japan endlich als lebendiges Gedankengut von Grund auf studiert werden."
(aus "Die essenzielle Gleichheit von Mann und Frau")



Yosano Akiko (1872-1942) war zu Lebzeiten eine viel beschäftigte Frau. Schon in jungen Jahren stieg sie im wohlhabenden Familiengeschäft ein und wurde später Schriftstellerin, Essayistin, Poetin. Sie war dreizehnfache Mutter, Frauenrechtlerin und politisch sehr engagiert. Über die Person Yosano Akiko (Akiko ist hier der Vorname) gibt es nicht weniger zu erfahren als über ihre schriftstellerischen Werke. Yosano Akiko gehörte zu Zeit ihrer schriftstellerischen Karriere zu den bekanntesten weiblichen Autorenstimmen Japans. 1942, mitten in den Tumulten des Pazifikkrieges, verstarb sie im Alter von 63 Jahren an den Folgen eines Schlaganfalls. Mit ihrem Tod, so schien es, starb auch ihre Arbeit als Schriftstellerin. In Japan wurde die Werke von Yosano erst Jahrzehnte später wieder entdeckt, es würde weitere Jahrzehnte aber dauern, bis ihre Themenvielfalt rund um Frauenrechte sowie ihre poetischen Arbeiten wieder an Relevanz gewinnen. Besonders in ihren späteren Lebensjahren jedoch galt sie in ihrer Heimat aufgrund ihrer politischen Ansichten als kontrovers. Heute sind ihre Verdienste als Autorin aber kaum höher einzuschätzen.

"Männer und Frauen", so der simple Titel der Hardcover-Ausgabe, ist Yosanos deutschsprachiges Debüt. Der erfahrene Japanologe Eduard Klopfenstein stellte hier eine Sammlung an verschiedenen Essays von Yosano Akiko zusammen, die aus verschiedensten Schaffensphasen aus ihrem Leben stammen. Überraschend gut hat mir hier die variierende Themenvielfalt gefallen, die sehr sorgsam ausgewählt wurde. Zwar nimmt das Thema rund um Gleichberechtigung der Geschlechter in diesem Band einen großen Teil ein, aber die Autorin schreibt hier auch gerne entspannt über den Alltag, das Leben als vielfache Mutter sowie Japans damalige Politik. Was hier vermuten lässt, die Autorin wolle in diesen Essays den Lesern vielleicht per Holzhammermethode ihre feministischen und politischen Ansichten aufzwingen, haben wir es stattdessen wieder einmal mit der einzigartigen japanischen Harmonie zu tun, die ich an der japanischen Literatur so sehr schätze. Yosano Akiko ist eine Frau mit klaren Ansichten und mit einer klaren Lebensphilosophie. Doch wir lernen in den verschiedenen Texten auch eine gefühlvolle, einsichtige Frau kennen. Besonders zu Beginn des Buches wird dies deutlich, wenn die Autorin auf eine junge Generation an Schriftstellerin vorausblickt und sich über dessen Zukunft Gedanken macht. Yosano spricht aber vor allem auch über ihr eigenes Leben als Schriftstellerin und welche Hürden darin bestehen, Auftragsarbeiten annehmen zu müssen, um die Familie zu ernähren und die Texte schreiben zu dürfen, die ihr auf der Seele liegen. Es sind sehr inspirierende, motivierende Worte, die zum nachdenken anregen.

Die ausgewählten Essays sind allesamt extrem kurzweilig. Die Autorin zeigt in den verschiedenen Werken ein sehr geschicktes Händchen darin, immer schnell zum Punkt zu kommen, trotzdem aber alles wichtige zu erzählen. Zum Abschluss des Bandes befinden sich noch zwei sehr interessante Essays aus den Jahren 1918 und 1920, die die spanische Grippe thematisieren und die auch auch vor Japan keinen Halt machte. Die Texte sind oftmals mit der großen Leidenschaft von Asano verknüpft: Der japanischen Dichtkunst. Sehr oft baut sie in ihren Texten kleine Tankas und Haikus  mit ein:


"Lebenstausch
zwischen einem Kind
und seiner Mutter...
Kiste aus Holz
als kostbares Gefäß

Das Nichts gebären
den Tod gebären
Gewaltige Dinge
... höre davon an der Grenze
von Traum und Wirklichkeit"
(aus "Aufzeichnungen aus dem Wochenbett")


Das hier präsentierte Gedicht setzt sich natürlich mit einem finsteren Lebensereignis der Autorin auseinander.

Nach 130 Seiten etwa folgt ein ausführliches Nachwort von Eduard Klopfenstein, der mal wieder seine langjährige Expertise als Japanologe zum Ausdruck bringt. Hier lernen wir noch mehr über das bewegte Leben von Yosano Akiko als Schriftstellerin, aber auch als Mensch.



Abschließende Gedanken

Die erste deutschsprachige Übersetzung von Yosano Akiko sehe ich als eine sehr gelungene Sache. Besonders die bereits angesprochene Themenvielfalt von "Männer und Frauen" sorgt für einen angenehmen Lesefluss. In die Welt der Autorin einzutauchen war eine interessante Erfahrung und ich wünschte mir, aus dieser schriftstellerischen Periode aus Japan würde im deutschsprachigen Raum kontinuierlich etwas neues erscheinen. Yosano Akiko legte den Grundstein für japanische Schriftstellerinnen im modernen Japan. Mit MurasakiShikibu und Sei Shonagon hatte man berühmte Schriftstellerinnen aus der japanischen Antike. Doch was genau passierte, als dieses hohe Ansehen bei japanischen Schriftstellerinnen über die Jahrhunderte geringer wurde? Yosano Akiko macht sich über solche Themen Gedanken. Mehr als 80 Jahre nach ihrem Tod wäre sie aber vermutlich sehr stolz darauf, welch hohes Ansehen japanische Romanschriftstellerinnen heute wieder genießen, die mit ihren Werken weltweite Erfolge feiern. Ob Banana Yoshimoto, Yoko Ogawa, Hiromi Kawakami, Sayaka Murata - oder Mieko Kawakami, die praktisch die zeitgenössische Stimme von Yosano Akiko ist - sie alle führen in beeindruckender Weise das fort, wofür Yosano Akiko in ihren Texten gekämpft hat. Eine beeindruckende kleine Zeitreise in eine schwierige Epoche der japanischen Literatur, über die im Westen noch immer zu wenig bekannt ist. Solche Veröffentlichungen sorgen dafür, diese Lücken zu schließen.

Freitag, 27. Mai 2022

Meercast Episode 5: Goodbye, Neon Genesis Evangelion

 



Wirklich verworfen wird eine Idee bei mir nie. Die Idee zum Thema einer Nachbesprechung des finalen Rebuild of Evangelion Films (3.0+1.0 Thrice Upon a Time) existiert bereits seit der Bekanntgabe, dass Amazon Prime den Film als Streaming-Premiere veröffentlichen wird. Nun ist fast 1 Jahr vergangen, die Ideen zu dem Thema kamen und gingen. Doch es war der Leser "BuildingBridges302" der mir vor kurzem eine Nachricht zugesendet hatte, ob ich mich diesem Thema noch einmal annähern werde. BuildingBridges302 ist durch die vorherige Berichterstattung zu Neon Genesis Evangelion auf "Am Meer ist es wärmer" aufmerksam geworden. Da ich bereits eine Idee für eine neue Meercast Episode verwerfen musste, kam also Evangelion 3.0+1.0 auf die Ideenliste zurück, ein Film, zu dem mir bisher so lange die Worte fehlten.

Entstanden ist ein knapp 100 minütiger Podcast, der sich in Retrospektive und Besprechung zum finalen Rebuild Film aufteilt. Es ist die bislang aufwendigste Episode des Meercast und es wurde sich mit einiger Kritik auseinandergesetzt, die ich teilweise selbst nach der vergangenen vierten Episode hatte.

Diese Ausgabe des Meercast setzt sich mit der problematischen Produktionsgeschichte der Rebuild of Evangelion Reihe auseinander und geht umfangreich auf den neusten Film mit all seinen Stärken und Schwächen ein. Für weitere Details zum Video wie zum Beispiel Timestamps zur besseren Navigation durch die einzelnen Kapitel und Details wie den Links zu den Evangelion Kurzfilmen, klickt bitte auf das Video, welches euch zu YouTube und der Videobeschreibung führen wird. Viel Spaß!
(Für Hörer mit Kopfhörern: Es ist leider das Geräusch prasselnden Regens mit aufgenommen worden, eure Kopfhörer knacken nicht, die Geräusche stammen aus der Aufnahme.)



Meercast Episode 5: Goodbye, Neon Genesis Evangelion
Hinweis: Das Video wird aufgrund lizenzrechtlicher Gründe auf vielen Geräten nicht direkt auf dem Blog angezeigt. Der Podcast kann durch das klicken auf das Fenster natürlich weiterhin problemlos direkt auf YouTube angesehen werden. 
Oder einfach diesem Link folgen: Goodbye, Neon Genesis Evangelion


Montag, 23. Mai 2022

Rezension: Life Lessons auf dem Amazonas (Pip Stewart)

 





Großbritannien 2021

Life Lessons aus dem Amazonas
Originaltitel: Life Lessons from the Amazon
Autorin: Pip Stewart
Erscheinungsdatum in Deutschland: 05.04.2022
Übersetzung: Violeta Topalova
Genre: Sachbuch, Reisebericht



"Ich kam gerade rechtzeitig zum Lagerfeuer zurück, um zu hören, wie Nereus, der Sohn des Dorf-Toshaos, uns Ratschläge für den Fall der Begegnung mit einem Jaguar gab: >>Lauft bloß nicht weg, dann erwischt er euch. Nehmt eure Macheten und macht euch bereit zu kämpfen<<, warnte er uns. Ich muss sagen, dass ich diese Gutenachtgeschichte nicht als besonders schlaffördernd empfand. Der Gedanke, einem Jaguar oder >>Tiger<<, wie unsere Führer sagten, zu begegnen, erfüllte mich nicht gerade mit Freude. Schäfchen zählen ist entspannender, so viel ist sicher. >>Oh, und nehmt immer eure Macheten mit, wenn ihr euch alleine erleichtern geht<<, fügte er hinzu."



Ein Buch, welches mich die vergangene Zeit in recht trübseligen Momenten begleitet hat war "Life Lessons auf dem Amazonas" von der Abenteurerin Pip Stewart. Wenn ich in ein Buch vertieft bin, versinke ich auch in die Geschichte. Ich kam nicht umhin, mich hier zu fühlen als würde ich mir gerade die Werner Herzog Klassiker Aguirre und Fitzcarraldo ansehen. Die einzigen beiden Ausnahmen bestehen darin, die Abenteuer in diesem Buch sind wirklich passiert und statt eines cholerisch-wahnsinnigen Klaus Kinskis erzählt eine charmante, witzige aber auch selbstkritische Abenteuerin von ihrer Reise mit zwei Freundinnen, die ziemlich unmöglich scheint. Wir haben es hier nämlich nicht mit irgendeinem trockenen Reisebericht zu tun, "Life Lessons auf dem Amazonas" ist viel mehr. Es ist, selbstverständlich, auch ein Reisebericht (der Widerspruch wird nun aufgeklärt). Aber der ist weder trocken noch ist es das vorausgehende Element dieses Buches. Es hat etliche Facetten. Bei knapp 350 Seiten erwartet die Leser ein Mix an Themenvielfalt die von Selbstfindung bis zu den sogenannten Lebenslektionen reichen. All das gelingt der Autorin zeitgleich zu der Erzählung ihres Abenteuers (welches schon ein kleines Epos an sich ist).

Das Vorhaben der drei Damen im Buch ist überraschend schnell erzählt. In rund 3 Monaten wollen sie etwas nie dagewesenes schaffen: Den abgeschiedenen Dschungel Guyanas durchqueren und anschließend mit einem Kajak den unbändigen Essequibo River überwinden. So simpel klang das auch, als die Ideengeberin Laura Bingham der euphorischen Pip Stewart ihre Pläne offenlegte und sie bat, an dieser Unternehmung, die schon in 8 Monaten stattfinden sollte, teilzunehmen. Außerdem würde noch eine weitere Freundin von Laura an der Unternehmung teilnehmen, Ness Night. Den ersten Dämpfer gab es für Pip bereits kurze Zeit später, als Pip's Lebensgefährte ihr klarmachte, dass sie Kajakfahren doch eigentlich absolut verabscheuen würde. Die Reise der rastlosen Journalistin stößt vor den gleichen Hürden wie jede große Unternehmung. Auf dem Papier hört sich etwas nach der besten Idee an, die es jemals gab. Man verfällt in Euphorie und möchte, dass es am besten sofort losgeht. Doch die Zeit verstreicht und auf einmal kommen Unsicherheiten und Zweifel sowie die berechtigte Frage dazu, ob man jemals wieder heimkehren wird. Die Reise in den Dschungel, ist das wirklich so eine gute Idee? Für circa 3 Monate von der Bildfläche zu verschwinden. Eine ungewisse Prämisse, die einen erwarten wird da man es hier mit einer unbezwingbaren Gestalt zu tun bekommt: Ein ungezähmter Dschungel, weit abgeschieden von der westlichen Zivilisation.

Die Abenteurerin Pip ist ein kleiner Widerspruch an sich. Sie erscheint rastlos, geplagt von unbändigem Fernweh und Abenteuern. Gleichzeitig ist sie aber auch ein ängstlicher und unsicherer Mensch. Ein Zitat von ihr zu Beginn des Buches macht dies noch einmal deutlich: "Ich habe auf dieser Reise meine Angst nicht überwunden; ich habe nur gelernt, mit ihr zu leben."
Dieses Zitat bezieht sich auf ein mehr als einjähriges Abenteuer zusammen mit ihrem Lebensgefährten, als dieser die Idee hatte vom damaligen Wohnort "Asien" mit dem Fahrrad zurück nach "Großbritannien" zu radeln (was mehr als 12 Monate in Anspruch nahm und Pip bereits an der ersten Hürde beinahe scheiterte). Sich seinen Ängsten und Dämonen zu stellen ist die größte Hürde, die wir überwinden müssen. Der Entdeckerdrang der Autorin ist jedoch größer als diese Ängste und Unsicherheiten, von denen sie häufig geplagt wird. Zu jedem Kapitel im Buch gibt es die sogenannten "Life Lessons - Lebenslektionen", die bereits im Titel vorkommen. Hierbei handelt es sich um kurze, motivierende Intermezzos die direkt an die Leser gerichtet sind. Die eigentliche Kunst hierbei ist, dass Pip Stewart nicht in irgendwelche Glückskeks-Floskeln oder Möchtegern-Esoterik abdriftet. Es sind aufrichtig gemeinte Worte, die vor jedem Kapitel noch einmal Antrieb geben. Aufgeteilt ist das Buch zudem in zwei Teile - "Im Dschungel" und "Auf dem Fluss". Der Weg ist das Ziel. Der Fluss ist in diesem Falle das Ziel, doch der Weg dahin ist der unberechenbare Dschungel. Beide Unternehmungen sind alles andere als ungefährlich, selbst mit Führung der Mitglieder des lokalen Stammes aus Guyana.

In diesem Buch gibt es bis auf farbliche Bilder im Innenteil der Klappenbroschur keine weitere Abbildungen. Es gibt ab und an Illustrationen im Buch wo eine Landkarte gezeigt wird, für alles andere wird aber die Fantasie und Vorstellungskraft der Leser vorausgesetzt. Gerne wird der Umfang von Reiseberichten mit Unmengen an Bildern gefüllt. Bei "Life Lessons auf dem Amazonas" handelt es sich aber schon beinahe um eine klassische Abenteuergeschichte, die sehr gut ohne Bilder auskommt. Und dennoch, einen kleinen Abschnitt mit Fotografien hätte ich natürlich begrüßt (hier wird man aber Online durchaus fündig. Im Copyright-Abschnitt des Bildes unterhalb des Fazits führt der Link zu einem lesenswerten Interview),




Abschließende Gedanken

"Life Lessons auf dem Amazonas" ist ein überraschend dickes Buch. Trotzdem wird die Reise nie langweilig. Das Buch ist der berüchtigte Eskapismus in eine fremde Welt, in die man sich für viele Stunden flüchten kann. Die charmante, witzige Art von Pip Stewart die Leser durch ihr erlebtes Abenteuer zu führen ist das eigentliche Highlight an diesem Buch. Wir haben es hier nicht mit einem nüchternen Dokumentarfilmer oder Abenteurer zu tun, hier berichtet eine absolut nahbare und sympathische Frau, die den großen Drang hatte, ihr großes Abenteuer niederzuschreiben. Für mich eine große Entdeckung in einem bisher sehr finsteren Jahr 2022. Für alle weiteren Abenteuer und Unternehmungen der jungen Mutter bleibt mir nur noch eines zu sagen: You Go, Girl!



Copyright: Medium, Peiman Zekavat
Von Links nach Rechts: Laura Bingham, Pip Stewart, Ness Knight

Montag, 4. April 2022

Einwurf: Meeresrauschen

 



Mit einem kurzen Update möchte ich mich in einem Einwurf melden. Anders als geplant, ist es nun schon eine ganze Weile still auf "Am Meer ist es wärmer". Die Antwort auf die Frage nach dem "Wieso" ist fast schon selbst erklärend. Ich habe mich all die Jahre immer dagegen entschieden, Weltgeschehen und politische/geopolitische Einflüsse in dieses Blog-Projekt einfließen zu lassen. Daran wird sich auch nach wie vor nichts ändern. Aber auch ich kann nicht einfach fröhlich weiterschreiben, als würde mich das alles nichts angehen. Von drei geplanten, bereits fertiggestellten Rezensionen, sind zwei besprochene Titel derzeit nicht wirklich angemessen, diese hier zu besprechen. Das gleiche gilt für die neue Episode des Meercast, der wie die besprochenen Bücher im März hätte erscheinen sollen.

Wie genau geht es denn nun weiter? Nun, einige Tage werde ich noch dem Meerrauschen zuhören und mich nach einer außerdem privat stressigen Zeit ein wenig anders aufstellen. Die geplanten Themen für "Am Meer ist es wärmer" werden etwas nach hinten geschoben. während andere Ideen in den Vordergrund rücken. Mein Blog soll weiterhin ein gemütlicher Ort sein, der eine kleine Insel für Liebhaber außergewöhnlicher Literatur und Filmkunst darstellt. Gleichzeitig plane ich aber keinen virtuellen Maulkorb für den Blog. Alle geplanten Rezensionen (inklusive Meercast) werden demnächst erscheinen, die Veröffentlichung wurde nur etwas weiter nach hinten verschoben. Das Ersatzprogramm steht noch nicht vollständig, aber bis zum 18.04 wird "Am Meer ist es wärmer" mit neuen Beiträgen versorgt werden. (der nächste Beitrag muss noch ein wenig länger warten, allerdings nicht so lange wie G.R.R.M.'s "The Winds of Winter").

Macht es euch also ein wenig gemütlich und stöbert durch mehr als 10 Jahre Meeresrauschen im Blog-Archiv.


Eine schöne Woche wünscht euch,
Aufziehvogel