Archiv: Rezensionen zu Literatur und Film

Freitag, 23. August 2019

Review: Once Upon a Time in Hollywood

Poster: Alphaville Design






USA 2019

Once Upon a Time in Hollywood
Drehbuch und Regie: Quentin Tarantino
Darsteller: Leonardo DiCaprio, Brad Pitt, Margot Robbie, Al Pacino, Mike Moh, Margaret Qualley, Timothy Olyphant
Laufzeit: Circa 161 Minuten inklusive Abspann
Genre: Komödie
Verleih: Sony
Premiere: 15.08.2019 (DE)
FSK: Ab 16




Onkel Quentin hat mal wieder ein Märchen zu erzählen: Es war einmal.....


Seit "The Hateful 8" im Jahr 2015 seine Premiere feierte, so scheint es zumindest, hört sich bei Quentin Tarantino alles danach an, egal ob es die Filme selbst sind oder Interviews, als sei das, was kommt, alles ein großer Prolog für den Höhepunkt seiner Filmkarriere. Der berüchtigte finale und zehnte Film von Tarantino steht schon lange im Rampenlicht und ich wette ein bisschen Kupfergeld darauf, dass dieser finale zehnte Film nicht Star Trek heißen wird. Und wenn "The Hateful 8" der Prolog war, dann ist "Once Upon a Time in Hollywood" bereits der Mittelteil, der geradewegs auf das große Finale des Regisseurs zusteuert. Es scheint alles nach Drehbuch zu laufen, er hat alles im Griff und in circa 4-5 Jahren haben wir eine Antwort darauf, wie das Tarantino-Verse enden wird.

Bis dahin müssen wir uns noch mit dem Mittelteil dieser Geschichte begnügen. Lange, bevor bewegtes Material zu "Once Upon a Time in Hollywood" zu sehen war, gab Tarantino Umrisse der Story bekannt. Es war viel mehr ein kleiner Ausblick. Ein Ausblick auf das Leben von Charles Manson und seiner Manson Family und den Morden an die Schauspielerin Sharon Tate und ihrem Anhang. Und irgendwie in diese Geschehnisse geraten ein Schauspieler und sein Stunt Double. Ich erwartete hier eine art zynische Satire die zu Tarantinos frühsten Anfängen wie Natural Born Killers zurückgeht. Eine art Roadmovie durch Hollywood, blutig, sarkastisch und düster. Ein Szenario, welches ich mir ehrlich gesagt nicht gewünscht habe. Tarantino ist ein Typ, der sich, trotz immer wiederkehrender Elemente und Stilmittel, nur ungerne wiederholt. Obwohl beide Kill Bill Filme von ihm immer wieder als ein einziger Film angesehen werden, könnten beide Ausgaben sich nicht mehr voneinander unterscheiden. Was ich sehen wollte war keine düstere Geschichte über Manson und seinen verwirrten und zugedröhnten Anhängern, sondern etwas originelles was die Zuschauer von der düsteren Realität hinter diesen Ereignissen ablenkt.

Als im vergangenem Jahr der erste Trailer gezeigt wurde war ich mehr als überrascht. Es machte den Anschein, als bekommen wir es hier mit einem waschechten Buddy-Movie zu tun, der sich mit der goldenen Ära Hollywoods auseinandersetzt und ich mich die ganze Zeit fragte, wo die Story rund um Chales Manson und Sharon Tate noch ihren Platz finden würde. Mein Interesse ist durch das bewegte Material deutlich gestiegen und "Once Upon a Time in Hollywood" entwickelte sich zu einem Film, den ich ernsthaft herbeisehnte. Das Fundament für einen unterhaltsamen Film schien gelegt zu sein und man hatte nun endlich einen ungefähren Ausblick darauf, was einen bei diesem Film erwarten könnte.

Wenn ein Film mit "Once Upon a Time" im Titel beginnt denkt man als Filmfan vermutlich unweigerlich an Sergio Leones meisterhafte Amerika-Trilogie (Spiel mir das Lied vom Tod, Todesmelodie und Es war einmal in Amerika). Aber man denkt auch an Robert Rodriguez und sein Machwerk, welches sich "Once Upon a Time in Mexico" schimpft. Wenn man dem großen Zampano aus Italien Tribut zollen will, sollte man es besser ernst meinen oder besser ganz bleiben lassen. Natürlich gibt es noch viele weitere Filme die alle mit "Es war einmal....." beginnen. 
Aber keinem dürfte es vermutlich ernster sein als Quentin Tarantino. Seine Verehrung für das Werk von Sergio Leone kennt keine Grenzen. Tarantino ist großer Fan der goldenen Ära Hollywoods, doch kein anderer Filmemacher prägte ihn vermutlich so sehr wie Sergio Leone (1929-1989). Dabei würde es Tarantino jedoch nie einfallen, Leone zu kopieren. Er möchte seine eigene Geschichte erzählen und vermutlich war es nie eine persönlichere Geschichte als in "Once Upon a Time in Hollywood". Und hier könnte man schnell denken, Tarantino möchte lediglich seine persönlichen Ergüsse sammeln und mit Musik unterlegen während er sich den Film im privaten Kino dann täglich ansehen kann. Aber genau das ist "Once Upon a Time in Hollywood" nicht, und, dennoch, liege ich mit meiner Vermutung auch nicht falsch. "Once Upon a Time in Hollywood" ist kein Film, den Tarantino nur zum persönlichen Vergnügen gedreht hat. Es ist ein Film für Fans. Es ist ein Film für die Film-Geeks, für Fans von Italo-Western, Fans verstorbener Filmlegenden, Fans von guter Musik und einer kompletten Ära. Um diese Liebe zum erwidern, muss man in dieser Zeit nicht einmal geboren sein (als die besagte goldene Ära endete war Tarantino selbst gerade einmal sieben Jahre alt).

Mit einer Laufzeit von fast drei Stunden und der Aussicht auf eine noch längere Fassung, an die sich bereits Netflix die Rechte in Gestalt einer Mini-Serie gesichert haben soll, sollte man ordentlich Sitzfleisch ins Kino mitbringen. Dabei würde ich "Once Upon a Time in Hollywood" anders als so manch andere Filme von Tarantino nicht einmal als klassischen Film bezeichnen, der fürs Kino gemacht wurde. Besonders da der Film alte amerikanische TV-Serien aufs Korn nimmt und ihnen gleichzeitig Tribut zollt, eignet sich die Adaption als Mini-Serie unglaublich gut.
Diese etwas über 160 Minuten dürften die Zuschauer aber ungefähr so spalten wie das Rote Meer in einer bekannten Bibelgeschichte. Für die einen könnte "Once Upon a Time in Hollywood" ein Filmfest werden, die anderen könnten hier auf in 35mm Film gebannte Zeitverschwendung stoßen. War "Django Unchained" noch ein Film, der große Massen an Kinogängern angesprochen hat, so ist "Once Upon a Time in Hollywood" das komplette Gegenteil. Man wird eindeutig nicht den Film sehen, mit dem man in den Trailern lockt. Es reicht hier auch nicht lediglich Tarantinos Filmografie zu kennen, es kommt all das zusammen, was ich im letzten Abschnitt angesprochen habe. "Once Upon a Time in Hollywood" ist eine Liebeserklärung für einen selektierten Kreis an Zuschauern. Eine großflächige Empfehlung für "Once Upon a Time in Hollywood" auszusprechen ist einfach unmöglich und Enttäuschungen bei etlichen Zuschauern sind hier wohl auch vorprogrammiert (obwohl Kritiken, Zuschauerreaktionen und Einspielergebnisse durchaus beachtlich sind).

Quentin Tarantino schreibt hier mal wieder seine eigene Geschichte. Er schreibt die Geschichte viel mehr um durch die Magie des Medium Films. Ein Schwarzer lehnt sich gegen die gesamte Sklaverei auf, Adolf Hitler wird im Kino erschossen und die Manson Familie ist ein inkompetenter Haufen Hippies der die Aufträge seines Gurus nicht ausführen kann. Es ist beinahe schon ein Kuriosum, wie wenig "Once Upon a Time in Hollywood" mit Chales Manson zu tun hat und dennoch die ganzen Ereignisse im Film darauf aufbauen.
Tarantino ist ein Filmemacher, der das große Glück hatte schon zu Beginn seiner Karriere mit namhaften Darstellern zusammenzuarbeiten. Mit Brad Pitt und Leonardo DiCaprio treffen sich hier zwei Ausnahmekönner aus Tarantinos neueren Filmen wie Inglourious Basterds und Django Unchained. Doch wie immer kratzt man hier nur an der Oberfläche, denn es sind mal wieder die Gastauftritte, auf die man ein besonderes Augenmerk legt. So drücken sich langjährige Tarantino-Kollaborateure und andere bekannte Gesichter hier die Klinke in die Hand. In winzigen Rollen sieht man hier (erstmals in einem Film von Tarantino) Al Pacino, Kurt Russell, Timothy Olyphant, Michael Madsen, Bruce Dern, Luke Perry (in seiner letzten Rolle) sowie Zoë Bell. Und über allen wacht praktisch die Australierin Margot Robbie, die Tarantino für die Rolle der Sharon Tate auswählte.

Bereits im Vorfeld gabs Kritik seitens Shannon Lee, der Tochter von Bruce Lee, der Film würde respektlos mit dem Erbe ihres Vaters umspringen. Damit liegt sie, zumindest auf den ersten Blick, nicht komplett falsch. Bruce Lee (im Film verkörpert von Mike Moh) wird hauptsächlich als überheblicher Martial Arts Guru dargestellt, der irgendeinen philosophischen Kauderwelsch von sich gibt. Aber auf den gesamten Film gesehen ist diese völlig überzogene Darstellung einer Legende nicht ungewöhnlich. "Once Upon a Time in Hollywood" hat nichts mit der unseren bekannten Realität zu tun. Sämtliche Charaktere im Film, ob fiktiv oder real sind bis zur völligen Absurdität überzogen. Diese Absurdität geht so weit, dass selbst die Ereignisse um Charles Manson und seinen Anhängern kaum ernst genommen werden können. Nicht nur Altmeister Bruce Lee wird hier so comichaft dargestellt, es ist der gesamte Film der diesen Weg geht. Dieser spielt wie die Filme davor in Tarantinos eigenem Universum in dem einfach nichts so ist, wie es sich wirklich einmal abgespielt hat. Und dennoch kam es mir nie vor, als behandle man den Filmlegenden, die in "Once Upon a Time in Hollywood" vorkommen, respektlos.

Was die Musik angeht verlässt sich Tarantino diesmal nahezu komplett auf einen lizenzierten Soundtrack. Bestand die Musik zu "The Hateful 8" noch aus epochalen Stücken von Ennio Morricone, besteht die Musik in "Once Upon a Time in Hollywood" größtenteils aus mehr oder weniger bekannter Musik aus den 60ern. Und wie immer nimmt die Musik bei einem Film von Tarnatino wieder einen wichtigen Stellenwert ein. Viele Szenen funktionieren am besten mit der Musikuntermalung, das furiose Finale würde ohne die Musikuntermalung vielleicht überhaupt nicht zünden oder nur bedingt, hätte Tarantino hier den falschen Song ausgewählt. Wieder einmal muss der fantastische Soundtrack hervorgehoben werden.




Fazit


Onkel Quentin hat mal wieder eine Geschichte erzählt. Und sie wirkt beinahe wie eine mehr als zweistündige Einleitung für das Finale, was man wieder einmal kaum in Worte fassen kann. Oh ja, am Ende werden die Ketten sämtlicher Logik gesprengt, es wird blutig, ja, beinahe schon sadistisch. Die in LSD eingetauchte Filterzigarette fängt zu dieser Zeit dann auch bei den Zuschauern an zu wirken. Das Medium Film wird erneut zum ultimativen Held der Geschichte und schreibt sie gleichzeitig neu. Eigentlich alles wie immer bei Tarantino und dennoch ist dieser vorletzte Film von ihm ein bisschen verspielter und reifer zugleich und als alles, was er zuvor so abgeliefert hat. Allerdings ist "Once Upon a Time in Hollywood" auch ein Film, den viele Zuschauer als kaum zugänglich und anschaubar betrachten könnten. Ein provokanter Film der eigentlich gar nicht provokant sein will sondern bis über den Abspann hinaus lediglich am laufenden Band Tribut zollt. Ein Film, auf den man sich erst einmal einlassen muss. Wenn das möglich ist, dann macht dieses Märchen eine menge Freude und reiht sich mit zu Tarantinos besten Werken ein. Ein sehr netter Zeitvertreib bis zum zehnten Film.

Dienstag, 13. August 2019

Rezension: Die Liebe im Ernstfall (Daniela Krien)




Deutschland 2019


Die Liebe im Ernstfall
Autorin: Daniela Krien
Verlag: Diogenes
Genre: Slice of Life Drama




"In jenen Wochen erwähnte Ludger oft, wie glücklich er sei. Paula erschien es, als bezahlte sie den Preis für dieses Glück. Als lebte er von ihr. Je mehr Energie er hatte, umso schwächer fühlte sie sich. Je besessener er Pläne schmiedete, umso antriebsloser wurde sie.
Es war die Zeit, als er sich einen Bart stehen ließ, als er aufhörte, Fleisch zu essen und Insekten zu töten. Als er einen Wasserfilter installierte und eine Kornquetsche kaufte. Als er begann, einen erheblichen Teil seines Gehalts an Tierschutzorganisationen und Menschenrechtsverbände zu spenden und den Umzug ihres Bankkontos zu einer ethisch vertretbaren Bank organisierte. Und die Begründung für sein Handeln war so schlicht wie wahr: weil es nicht falsch sein konnte, das Richtige zu tun."



"Die Liebe im Ernstfall" wurde bereits zu seinem Erscheinen im März als der deutschsprachige Roman bezeichnet, der die Leser im Sommer begleiten könnte. Eine vielversprechende Aussicht, die der Literaturkritiker Denis Scheck erst kürzlich in seiner Sendung "Druckfrisch" noch einmal bestätigte.

Bereits 2011 erlangte die Autorin und zweifache Mutter Daniel Krien viel Aufmerksamkeit als ihr Roman "Irgendwann werden wir uns alles erzählen" erschien. Eine neue, deutsche literarische Hoffnung, die ausnahmsweise mal keinen Krimi schreibt. Dafür aber anscheinend einen Roman über frustrierte Frauen mittleren Alters, die unzufrieden mit ihrem Liebesleben sind. Und die Kerle sind sowieso immer an allem Schuld.
Es wäre tatsächlich so einfach, Daniela Kriens rund 300 Seiten langen Roman in eine Schublade zu packen. Schon auf den ersten Seiten könnte sich eine art Klischee breit machen, doch ich garantiere, diese ersten Seiten kratzen lediglich an der Oberfläche einer sehr interessanten Charakterstudie. Und diese kurze Zeit zur Entfaltung muss man dem Roman einfach geben. Selbstverständlich und vermutlich auch nicht ungewollt von der Autorin wurde "Die Liebe im Ernstfall" unter Lesern relativ kontrovers aufgenommen. Besonders das Schubladendenken des Lesers sehe ich hier jedoch als eine art Stilmittel an, welches die verschiedenen Geschichten rund um die fünf Frauen noch einmal intensiviert.

Paula, Judith, Brida, Malika und Jorinde teilen alle ein gemeinsames Schicksal. Sie sind teilweise sehr unglücklich, hatten über die letzten Jahre keine glücklichen Lose gezogen und immer wieder spielte Amor ihnen einen Streich. Die volle Breitseite zu spüren bekam Paula, mit der die Geschichte auch beginnt (siehe Zitat aus dem Buch). Brida hingegen muss schmerzlich erfahren, dass ihr Mann sie gegen eine jüngere Version ausgetauscht hat. Das Konzept der Geschichte ist klar, die fünf Frauen teilen ähnliche Schicksalsschläge. Die Geschichten selbst erzählt Daniela Krien meistens aus Rückblicken und wie es zu den jeweiligen Ereignissen kam. Die Autorin springt, ohne, dass es für den Leser verwirrend wird, vor und zurück in den zeitlichen Ereignissen und setzt sich ausgiebig mit ihren Protagonistinnen auseinander. Der Roman befasst sich, ohne aufgesetzt zu wirken, mit Themen wie Depressionen, Burnout aber auch einem gesunden Maß an Selbstfindung. Doch es ist auch eine Geschichte über zweite Chancen und den Weg, Krisen zu bewältigen. Dabei ist "Die Liebe im Ernstfall" sicherlich kein Lehrbuch oder ein Buch, welches stark zu nachdenken anregen soll. Allen voran will Daniela Krien hier eine kurzweilige Geschichte über die Höhen und Tiefen moderner Frauen zu erzählen. Beim lesen der Lektüre wusste ich es daher sehr zu schätzen, dass das Buch nicht auf irgendwelche Trends aufspringt und die Leser mit Feminismus-Tiraden penetriert. Die Männer sind Schuld, die Frauen aber auch. Die Geschichten werden aus der Sicht der fünf Frauen erzählt, jedoch glorifiziert die Autorin ihre Protagonistinnen nicht. Zwar insgesamt ein bekanntes Thema, allerdings aus einer frischen Sichtweise erzählt.

Ist denn Daniela Kriens Roman nur etwas für Frauen? Sicherlich nicht. Ich fand die Geschichte bis zur letzten Seite sehr interessant und der Schreibstil ist so kurzweilig, dass das Lesevergnügen sogar relativ schnell endete. "Die Liebe im Ernstfall" ist ein Roman, den man völlig unabhängig des eigenen Geschlechts lesen kann. Allerdings sollte man gefasst sein, dass das Buch auch einige pikante Themen aufgreift und vielleicht nicht die Stimmung aufheitert, wenn man einen schlechten Tag hatte.





Abschließende Worte

"Die Liebe im Ernstfall" gehört bereits jetzt zu meinen literarischen Überraschungen aus dem Jahr 2019. Obwohl ich in diesem Jahr als Blogger ein wenig kürzer trete, war es mir ein regelrechtes Bedürfnis, den Roman von Daniela Krien hier vorzustellen. Es ist eine Geschichte über die Liebe, aber kein Liebesroman. Es ist eine Geschichte über tragische Schicksale und gescheiterte Beziehungen, aber keine melodramatische Tragödie in mehreren Akten. Alles ist hier wunderbar dosiert, ohne von einer Zutat zu viel hinzuzufügen. Wenn also energischer Applaus aus den hinteren Reihen für "Die Liebe im Ernstfall" ertönt, der kommt von mir.