Archiv: Rezensionen zu Literatur und Film

Sonntag, 8. Juli 2018

Am Meer ist es wärmer geht in eine kleine Sommerpause




Etwas früher als geplant, verabschiedet sich "Am Meer ist es wärmer" in die Sommerpause. Gründe hierfür sind technisch, aber auch die derzeitigen Temperaturen machen es schwer, auch nur wenige Seiten in einem Buch zu verbringen. Bereits im Juni musste ich dadurch die Aktivitäten zurückschrauben. Ab August (ein genaues Datum gibt es noch nicht, wird aber nachgereicht) wird es hier dann wie gewohnt weiter gehen.

In der Zwischenzeit wünsche ich allen Lesern frohes Schwitzen, erfolgreiche Regentänze und milde Sonnenbrände!


Auf Bald,
Aufziehvogel

Donnerstag, 21. Juni 2018

Rezension: Erinnerungen aus der Sackgasse (Banana Yoshimoto)




Japan 2003 (Deutsche Ausgabe 2018)

Erinnerungen aus der Sackgasse
Originaltitel: Deddoendo no omoide
Autorin: Banana Yoshimoto
Verlag: Diogenes
Übersetzung: Annelie Ortmanns
Genre: Kurzgeschichten



Genau wie Haruki Murakami, so ist auch Banana Yoshimoto ein Dauergast auf meinem Blog. Wenn mir ein Roman der Japanerin in die Hände fällt, weiß ich, dass ich von Seite 1 an von ihrem Schreibstil verzaubert werde. Es ist diese unbeschwerte Leichtigkeit, die ihren Charakteren und somit auch ihren gesamten Fundus an Geschichten so besonders macht. Ihren Charakteren haften meistens tiefe Schicksalsschläge an, der Verlust von geliebten Menschen oder einschneidenden Lebensereignissen sind wiederkehrende Elemente in ihren Geschichten. Dennoch verfallen ihre Figuren nie in hoffnungslose Depressionen oder all zu trübe Gedanken. Dafür ist es dieser besondere Hauch von Melancholie und eine ganz kleine Prise Übernatürliches, die ihre Werke so wundervoll garnieren und beispielsweise auch mir schon häufig Trost spendeten.

Eine Anthologie an Kurzgeschichten, nun, so etwas ist mir bislang von der Autorin noch nicht untergekommen. Für mich als begeisterter Leser von Kurzgeschichten eigentlich ein Unding, denn von Banana Yoshimoto sind auch in Deutschland mehrere Anthologien erhältlich. Mit "Erinnerungen aus der Sackgasse", eine Anthologie, die in Japan auf den Titel "Deaddoendo no omoide" hört und nahezu 1:1 übersetzt wurde (was bei deutschen Titel oftmals unüblich ist), kam ich endlich in den Genuss von Banana Yoshimoto in kurzer Prosa. Die Sammlung, die in Japan bereits im Jahr 2003 erschienen ist, umfasst fünf völlig unterschiedliche Kurzgeschichten von genau so unterschiedlicher Länge. Bereits wenn man das Buch aufschlägt, wird einem sofort die etwas ungewöhnliche Widmung der Autorin ins Auge fallen. Diese ist nämlich Fujiko F. Fujio (1933-1996), dem Doraemon-Schöpfer, gewidmet. Im Anbetracht der Tatsache, wie populär der mechanische blaue Kater in Japan ist, ist die Widmung vielleicht eher für westliche Leser ungewöhnlich.

Die erste Geschichte "Das Geisterhaus" könnte beim Leser rein vom Titel her falsche Erwartungen wecken. Hier könnte man nämlich glatt eine Gruselgeschichte erwarten. Fans der Autorin wissen natürlich, so einfach macht es sich Banana Yoshimoto nicht. Die Geschichte handelt stattdessen von zwei jungen Menschen, die sich, praktisch gesehen, gesucht und gefunden haben, aber anscheinend dennoch keine romantischen Gefühle füreinander hegen. Wie in den Geschichten von Banana Yoshimoto aber üblich, so ist der Titel hier nicht aus einer Laune heraus gewählt. Das sogenannte "Geisterhaus" spielt in der Geschichte eine zentrale Rolle und auch die typisch japanische art, über den Tod und paranormale Ereignisse zu reden, kommt in dieser Kurzgeschichte wieder einmal gut zur Geltung. "Das Geisterhaus" dürfte auch für neue Leser der Autorin ein guter Einstieg in ihre Welt sein. Die von mir bereits erwähnte Leichtigkeit und die Trost spendenden Elemente sind hier vorhanden und sind richtungsweisend dafür, wenn man vor hat, sich auch mal die Romane der Autorin vorzunehmen.


"Sieh mal, in Friedenszeiten, mit genug Geld und Zeit, ist es keine große Kunst, ein sanftmütiger, großherziger Mensch zu werden, meinst du nicht auch? Und genau so wäre es in meinem Fall: Wenn alles so bleibt, wie es ist, wäre das eine Gutmütigkeit nur in guten Zeiten. Und dadurch würde ich letztlich etwas Hässliches, Dunkles in mir heranzüchten. Oder mein Leben würde möglicherweise verstreichen, ohne, dass ich etwas anderes als diese oberflächliche Gutmütigkeit erreicht hätte. Aber gerade weil ich schon von Natur aus ein großherziger Mensch bin, möchte ich möglichst daran weiterarbeiten, diese Qualität weiter ausbilden. Und nicht die dunkle Seite davon."


Bei der deutschen Ausgabe fungierte erneut nicht Thomas Eggenberg, sondern die Japanologin Annelie Ortmanns. Die erfahrene Übersetzerin dürfte besonders Lesern von Haruki Murakami noch bekannt sein. Wie immer wurde hier direkt aus dem Japanischen übersetzt und trotz verschiedener Übersetzer bei den vergangenen Veröffentlichungen wurde der klare und verständliche Stil von Banana Yoshimoto beibehalten. Erneut werden exotische Begriffe aus der japanischen Kultur kurz am Ende einer Seite erklärt.

Am Ende überrascht die Autorin noch mit einem kurzen Nachwort. Dort geht sie direkt auf die Leser ein und fragt, ob sie die hier abgedruckten Geschichten wohl genau so traurig finden, wie sie sie selbst empfindet. Eine interessante Fragestellung. Wie bereits zu Beginn meiner Besprechung erwähnt, so empfinde ich persönlich die Geschichten der Autorin als melancholisch, aber nicht traurig. Banana Yoshimoto erfasst auch in diesen fünf Kurzgeschichten ihr zentrales Thema, was all ihre Geschichten begleitet, dennoch liest sich jede Kurzgeschichte völlig anders. Ich will nun nicht auf jede Geschichte eingehen, da jede einzelne exakt die perfekte Länge besitzt, sich selbst mit ihr zu befassen. Insofern ist diese Anthologie (die wie bei den Romanen der Autorin weder zu lang noch zu kurz ist) sehr wohl eine gute Gelegenheit, zu prüfen, ob man sich der Meinung von Banana Yoshimoto im Nachwort anschließt oder nicht.



Resümee

"Erinnerungen aus der Sackgasse" ist das perfekte Buch für einen sommerlichen Abend im freien (sei es im Park, auf der Veranda oder gar auf dem Balkon). Dazu am besten ein Glas gekühlten Weißwein und wenn einfach alles passt, sich auch noch von einer angenehmen Brise berieseln lassen. Bereits in der ersten Geschichte wird man mit der Vokabel "Sackgasse" konfrontiert. Glücklicherweise verläuft sich keine der Kurzgeschichten in eine Sackgasse. Die Anthologie wird nicht nur für langjährige Leser der Autorin interessant sein, auch Leser, die sich an das Werk von Banana Yoshimoto herantasten wollen, bekommen hier den wohl perfekten Einstieg geboten. Würde ich also hier eine Rubrik fürs optimale Sommerbuch eröffnen, dann würde ich "Erinnerungen aus der Sackgasse" sehr weit nach oben setzen.


Für Leute, die genau so interessiert sind am Covermotiv des Bandes wie ich: Der titel lautet Tokyo Parrots und stammt von dem Fotograf Yoshinori Mizutani.




(By Yoshinori Mizutani)

Sonntag, 10. Juni 2018

Rezension: Der dunkle Wald (Cixin Liu)





Die Trisolaris-Trilogie 2


China 2008

Der dunkle Wald
Originaltitel: Hēi'àn sēnlín
Alternativ: Three Body Part 2
Autor: Cixin Liu
Verlag: Heyne
Übersetzung: Karin Betz
Genre: Hard Science-Fiction



Auch Teil 2 von Cixin Liu's großer Trisolaris-Trilogie (besser bekannt als Three Body Problem oder Remembrance of Earth's Past) fand seinen Weg in den Westen erst relativ spät. Die Relevanz von Liu's Werk wird aber mit keinem verstrichenem Jahr unbedeutender, es ist eher das Gegenteil. Sein wundervoller Mix aus klassischer Science-Fiction vermischt mit historischen und alternativ historischen Elementen funktionierte beim Erstling makellos (wenn auch gesagt werden muss, "Die Drei Sonnen" war sicherlich keine Lektüre für Zwischendurch). Teil 1 also simpel fortzusetzen oder gar zu kopieren war für den Autor aus China sicherlich nie eine Option. Und genau so verhält es sich mit der Fortsetzung "Der dunkle Wald". Zwar ist es die offizielle Fortsetzung, dennoch unterscheiden sich die beiden Werke teilweise erheblich voneinander. Besonders Science-Fiction Fortsetzungen mit epischer Rahmenhandlung haben es schwer, sich zu beweisen (sicherlich nicht nur in der Literatur). Doch Cixin Liu hat die Regeln der Fortsetzungen verstanden: Der Umfang der Bedrohung in "Der dunkle Wald" ist größer und mächtiger als noch im Vorgänger, die Situation immer aussichtsloser und allgemein hat sich der Umfang der Geschichte ausgedehnt wie unser Universum.

Obwohl in "Der dunkle Wald" größtenteils ein neuer Cast an Charakteren das Ruder übernommen hat, finden auch noch Charaktere aus dem Vorgänger Platz in der Geschichte. Die Bedrohung um die außerirdische Rasse der Trisolarier, die auf der Erde eine neue Heimat suchen (und mit den Menschen nicht viel anfangen können), wird konkreter. Auch wenn die Ankunft der mysteriösen Spezies rund 400 Jahre in der Ferne liegt, wollen die Vereinten Nationen mit aller Macht diese Invasion verhindern. Vier Spezialisten wählen die Vereinten Nationen, einen Plan gegen diese bevorstehende Invasion zu schmieden. Protagonist Luo Ji, der in seinem Leben häufig bei der Verwirklichung seiner Träume gescheitert ist, realisiert noch nicht so ganz, warum ausgerechnet er für dieses Unterfangen ausgewählt wurde und warum er ins Visier der Trisolarier geraten ist.

Was hier nach gewohnter Science-Fiction Kostet klingt ist wesentlich komplexer und unzählige male interessanter, als es auf einem Blatt Papier zusammengefasst den Eindruck macht. Mit einer einzigen, beinahe unscheinbaren Person, Ye Wenjie, begann bei Cixin Liu eine Geschichte, wo, viele Jahre und gar Jahrhunderte später die Existenzen gleich mehrerer Spezies aufs Spiel stehen. Der Autor kennzeichnet Gut und Böse nicht in Schwarz und Weiß und in bester Asimov-Manier versteht er es, sein eigenes Science-Fiction Universum behutsam aufzubauen. Trotz der Fülle an Charakteren kommen die wichtigsten Personen nie zu kurz. Für das handeln mancher Charaktere, aber auch zum Verständnis der Geschichte ist es dennoch unabdingbar, den Vorgänger gelesen zu haben. Vom Verständnis her ist die Fortsetzung jedoch etwas bekömmlicher, da hier weniger auf historische Ereignisse der chinesischen Kultur eingegangen wird.
Doch nicht nur bei klassischer Science-Fiction Werken fand Liu seine Inspiration. Eine Erwähnung findet auch Yoshiki Tanakas nicht minder beeindruckendes, zehnbändiges Epos "Legend of the Galactic Heroes".

Koichi Inoue drehte sich um und sah Tyler zum ersten Mal direkt ins Gesicht, Die Haare klebten ihm feucht an der Stirn, und die Regentropfen auf seinem Gesicht sahen aus wie Tränen. "Ihr Ansatz, Mr Tyler, verstößt gegen die grundlegenden moralischen Prinzipien moderner Gesellschaften. Das menschliche Leben hat Vorrang vor allem anderen, und Staat und Regierung können von niemandem verlangen, eine Selbstmordmission auszuführen. Kennen sie Yoshiki Tanakas Science-Fiction-Reomanserie Legend of the Galactic Heroes? An einer Stelle sagt dort der Protagonist Yang Wenli: >Das Schicksal des Landes hängt von diesem Krieg ab, aber was bedeutet das schon neben den Rechten des Individuums und der Freiheit? Gebt einfach nur euer Bestes.<"

Bei der Übersetzung übernahm  Karin Betz von Martina Hasse, die Lesern von Mai Jia als deutsche Übersetzerin vielleicht bekannt sein dürfte. Erneut direkt übersetzt aus dem Chinesischen hat die Übersetzerin eine flüssige, gut lesbare Übersetzung abgeliefert, die sich nicht mit der Übersetzung des Erstlings widerspricht. Auch hier war es wieder die einzig sinnvolle Entscheidung, aus dem Original zu übersetzen und nicht auf Grundlage einer vorhanden, englischen Übersetzung einen deutschen Text anzufertigen. Da nimmt man auch gerne etwas längere Wartezeiten auf den neuen Band in Kauf.



Resümee

Cixin Liu liefert mit "Der dunkle Wald" nicht nur eine würdige, sondern eine beispiellose Fortsetzung ab. Alles in diesem Roman wirkt größer und umfangreicher, aber zu keiner Zeit erzwungen oder aufgesetzt. Die Story verfällt nicht in abstrusen Science-Fiction Kitsch und kopiert seinen Vorgänger nicht. Hier sind alle Zutaten für eine gelungene Fortsetzung vorhanden. Meine Begeisterung gegenüber Cixin Liu ist daher ungebrochen und ich erwarte nicht nur ein würdiges Finale seiner Trilogie im nächsten Jahr (die deutsche Ausgabe erscheint am 08.04.2019), sondern auch weitere, beeindruckende Geschichten aus seiner Feder. Genau so funktioniert Science-Fiction.

Mittwoch, 30. Mai 2018

Review: Isle of Dogs





USA/Deutschland 2018

Isle of Dogs
Alternativ: Ataris Reise
Regie, Drehbuch, Produktion: Wes Anderson
Musik: Alexandre Desplat
Sprecher (englischsprachige Auswahl): Bryan Cranston, Koyu Rankin, Edward Norton, Bob Balaban, Bill Murray, Jeff Goldblum, Kunichi Nomura,  Yoko Ono, Scarlett Johansson, Harvey Keitel
Laufzeit: Circa 101 Minuten
Verleih: Fox Searchlight Pictures
FSK: Ab 6



Wes Anderson (Darjeeling Limited, Moonrise Kingdom, Grand Budapest Hotel) ist kein Filmemacher, der besonders viel in der Öffentlichkeit steht und auch nicht Filme in Fließbandarbeit produziert. Wes Anderson präsentiert circa alle 2-3 Jahre ein neues Werk, erfindet sich meistens selbst neu, heimst eine menge Preise für sein Werk ein und verschwindet dann wieder so lange, bis sich das Spiel von vorn wiederholt. Zusätzlich muss dieser Mann anscheinend nur mit den Fingern schnippen, um sämtliche Größen des öffentlichen Lebens vor die Kamera zu bekommen.

Mit "Isle of Dogs" ging Anderson nach "Fantastic Mr. Fox" aus dem Jahr 2009 erneut den beschwerlichen Weg, uns einen Stop-Motion Animationsfilm zu präsentieren. Besonders interessant hierbei ist nicht nur der Ausflug nach Japan sondern auch die Zusammenarbeit mit dem deutschen Studio Babelsberg. Seine Premiere feierte der Film bereits im Februar auf der Berlinale, eine etwas größere Kinoauswertung gab es für deutsche Zuschauer jetzt im Mai. Genau wie bei Moonrise Kingdom schafft Anderson bei Isle of Dogs einen gewagten Spagat zwischen Indie-Arthouse und großer Produktion. Entstanden ist hier zwar ein Animationsfilm, aber bereits nach wenigen Minuten wird klar, wer dafür verantwortlich war. Insofern ist es schwierig, aufgrund des speziellen Humors und den Anspielungen auf die japanische Popkultur "Isle of Dogs" uneingeschränkt auch Kindern zu empfehlen (die vermutlich weiterhin bei Disney/Pixar und Dream Works mehr auf ihre Kosten kommen werden), aber dennoch bin ich mir sicher, dass auch die jüngere Zielgruppe hier ihren Spaß haben könnte. Anders als man bei der Thematik vielleicht erwarten könnte, so hat Anderson es hier nicht auf die Tränendrüsen der Zuschauer abgesehen sondern stellt elegant Humor und seine einzigartigen haarigen Hauptcharaktere sowie einen liebevollen Protagonist in den Vordergrund. Was nicht bedeutet, Isle of Dogs könne keinerlei Gefühle zeigen.

Die Geschichte ist überraschend schnell erzählt. Wie ein Theaterstück eröffnet der Film mit pummeligen Taiko-Trommlern und einer phantasievollen Vorgeschichte über Hunde und Katzen. Der Plot selbst spielt in einem recht dystopisch angesiedeltem Japan in einer nahen Zukunft. Die Hunde in Japan vermehren sich massenhaft und dabei entstand eine Hundegrippe, die bei der schieren Masse an Tieren zu einem Problem werden könnte. Die Regierung schmiedet einen Plan, all die Hunde Japans auf eine Insel namens "Trash Island" zu deportieren, wo diese anschließend auf sich selbst gestellt sind. 6 Monate später bruchlandet der junge Atari auf Trash Island um nach seinem Hund Spots zu suchen. Dieser findet gleich ein paar tierische Kumpanen und somit beginnt seine Odyssee, die in den höchsten Ebenen der japanischen Regierung ihren Höhepunkt finden wird.

Die Liste an namhaften Sprechern war zu lang, um sie weiter oben alle aufzuzählen. Besonders Darsteller aus Anderson letzten großen Filmen wie Moonrise Kingdom und Grand Budapest Hotel sind hier als Sprecher für die Hunde unterwegs. So sind in weiteren Rollen noch Frances McDormand, Tilda Swinton, Liev Schreiber, Ken Watanabe sowie Roman Coppola zu hören. Da ich leider nur die deutsche Vertonung im Kino sah (die übrigens ausgezeichnet ist und glücklicherweise nicht mit irgendwelchen deutschen Promi-Sprechern versehen wurde), kann ich zu der Performance der durchaus namhaften Besetzung leider nichts schreiben.

Die Dialoge unter den Hunden sind versehen mit trockenem Humor und Offbeat-Situationen. Das Drehbuch ist ausgeklügelt und facettenreich, auch wenn es nicht ganz ohne stereotypische Klischees auskommt. Ein paar Klischees, die im Netz leider mal wieder zu unschönen Debatten führten. Davon sollte sich jedoch niemand beeinflussen lassen, denn sämtliche Nebenschauplätze würden einem so wundervollen Film seinen Zauber nehmen.



Resümee

Untermalt mit einem gewohnt starken Soundtrack von Alexandre Desplat wird der Zuschauer gemeinsam mit dem kleinen Atari diese Reise durch Trash Island genießen. Die Stop-Motion Effekte sind großartig in Szene gesetzt und verleihen den Hunden sogar eine überraschend reale Gestalt. Etwas irreführend können vielleicht für einige Zuschauer die nicht untertitelten, japanischen Dialoge sein die im Film selbst gerne sogar mal von einem Dolmetscher übersetzt werden. Viele Nachrichtenberichte oder aber auch Dialoge unter der Yakuza Regierung wurden hier und da aber nicht vertont. Dies ist natürlich so gewollt, könnte aber besonders bei jüngeren Zuschauern eher für Verwirrung oder Langatmigkeit sorgen.

Von den kleinen Kritikpunkten abgesehen ist Isle of Dogs (die es übrigens tatsächlich in England gibt, allerdings nur vom Namen her) ein Juwel, welches man nicht nur Fans von Wes Anderson wärmstens empfehlen kann sondern auch Fans von klassischen Animationsfilmen. Ich gehe sogar so weit zu sagen, man sollte Isle of Dogs auch den jüngeren Zuschauern zeigen, die ausschließlich mit 3D CGI-Animationsfilmen aufgewachsen sind. Ein durch und durch schöner Film für sämtliche Altersgruppen. Anschauen!

Montag, 28. Mai 2018

Am Meer ist es wärmer und die EU-DSVGO

Foto: Lizenzfreie Testbild-Interpretation von Aufziehvogel zur freien Benutzung!



Ein Grund für die längere Stille auf dem Blog waren natürlich die neuen Datenschutzrichtlinien, die am 25. Mai in Kraft traten. Für viele kleine Websites oder alteingesessene Foren bedeutete die EU-DSVGO das Ende. Der Aufwand für viele Nutzer war entweder zu enorm seine Präsenz den neuen Datenschutzrichtlinien anzupassen oder manche Eigentümer sind schlicht und ergreifend in einer Flut an Abmahnungen ertrunken. Da das Gesetz bis heute für viele noch immer relativ undurchsichtig ist und praktisch unberechenbar ist, so wusste auch ich selbst nicht, wie es fortan hier weitergehen wird. Eine genaue Antwort darauf kann ich noch immer nicht geben, aber zumindest einen kleinen Ausblick auf das, was auf euch als Leser zukommen wird.

Hier mal ein paar wichtige Punkte:


- Google/Blogger informiert euch über die Verwendung von Cookies auf diesem Blog. Eure Daten sind innerhalb der Richtlinien von Google geschützt und mein Blog agiert unter den Nutzungsbedingungen von Google.

- Die beiden verwendeten Plugins auf meinem Blog "Bloglovin und Twitter" wurden überprüft und als unbedenklich eingestuft innerhalb der Richtlinien der EU-DSVGO.

- Weniger Bildmaterial auf "Am Meer ist es wärmer". Schon vor etwas über 2 Jahren trennte ich mich von Videomaterial auf meinem Blog. Bildmaterial wird fortan wesentlich eingeschränkter benutzt werden. Autorenfotos werden nur noch benutzt, sofern ich offizielles Pressematerial erhalte. Das gleiche gilt für Buch- oder Filmcover. Von mir selbst geschossene Fotos werden separat gekennzeichnet und werden für jeden Leser gut sichtbar sein.


Die wichtigsten Infos habe ich nun für euch zusammengefasst. Bei weiteren Fragen findet ihr Kontaktmöglichkeiten zu mir in der dafür erstellten Rubrik. Ein kleiner Hinweis auch dazu noch: Auch ich schätze meine Privatsphäre und werde sämtliche Anfragen über private Kanäle (was durchaus schon einmal vorgekommen ist) ignorieren. Speziell dafür habe ich vor einiger Zeit die Rubrik "Kontakt" eingeführt (klingt nun etwas schroffer, als es tatsächlich gemeint ist).

Insofern werde ich diesen Beitrag hier erst einmal ruhen lassen und bei Änderungen gegebenenfalls drauf zurückkommen.


Genießt weiterhin diese hochsommerlichen Tage und bis bald,
Aufziehvogel

Women in SciFi auf Binge Reading & More





Vor einigen Jahren berichtete ich schon einmal über "Klinken putzen unter Bloggern". Meine eher zurückhaltende Meinung gegenüber Gewinnspielen auf Blogs oder gegenseitige PR-Macherei ist bis heute bestehen geblieben. Ich selbst folge nur einer handvoll Blogs regelmäßig, dafür weiß ich aber, was ich bekomme. Die Wege von Binge Reading & More und Am Meer ist es wärmer kreuzten sich in den letzten Jahren immer wieder und ich bin sehr glücklich, dass ich diesen gemütlichen Blog hier mal präsentieren kann. Und ganz besonders will ich auf eine spezielle Rubrik aufmerksam machen. "Women in SciFi" präsentiert Autorinnen im Science-Fiction Genre, eine Gattung, die, auf den ersten Blick, Männern vorbehalten ist. Fans von Science-Fiction Literatur wissen natürlich, dem ist selbstverständlich nicht so. Alleine die Romane aus dem Star Wars Universum bilden ein erfrischendes Gleichgewicht zwischen männlichen und weiblichen Autoren. "Women in SciFi" ist aber nicht dafür da, irgendwelche Klischees und Stereotypen zu debattieren, es geht schlicht und ergreifend um Literatur in Reinkultur.

Präsentiert werden die jeweiligen Beiträge nicht nur von der Eigentümerin selbst, auch Gast-Autoren kommen hier zu Wort. Das Ergebnis ist eine bunte Mischung an fantastischen Empfehlungen und neuen Eindrücken. Und so kam auch ich ins Spiel, als ich, zu meiner Überraschung, von Sabine gefragt wurde, ob ich nicht selbst einen Beitrag hinzusteuern möchte. Obwohl ich nie der große Science-Fiction Leser war, so war das Angebot zu reizvoll, um es abzuschlagen. An dieser Stelle würde nun eigentlich eine Einleitung folgen, wie ich auf Octavia E. Butler aufmerksam wurde, eine geschätzte Science-Fiction Autorin die gleichzeitig zu Lebzeiten die afroamerikanische Kultur repräsentierte. Aber wer meinen Beitrag lesen möchte, der muss auf Binge Reading & More abbiegen, denn hier geht es einzig und allein darum, auf diese wundervolle Rubrik aufmerksam zu machen.

An dieser Stelle möchte ich mich auch nochmal bedanken, dass ich einen Beitrag zu diesem schönen Projekt hinzusteuern durfte :)


Donnerstag, 10. Mai 2018

Empfehlung: In der Ferne der Fuji wolkenlos heiter (Wakayama Bokusui)






Japan

In der Ferne der Fuji wolkenlos heiter
Autor: Wakayama Bokusui
Verlag: Manesse
Übersetzung und Nachwort: Eduard Klopfenstein
Genre: Tanka, Lyrik



Vor beinahe exakt 3 Jahren hatte ich 2015 mit "Japanische Jahreszeiten" einen ähnlichen Titel besprochen. Der unterschied zum hier vorliegenden Band ist aber signifikant genug. Bei "Japanische Jahreszeiten" sammelte man Haikus und Tankas diverser Autoren gleichermaßen. Bei "In der Ferne der Fuji wolkenlos heiter" vereint der Manesse Verlag diesmal die Tankas von Wakayama Bokusui.

Der Unterschied zwischen Tankas und Haikus (die Tankas waren als erstes da) ist die Länge. Handelt es sich bei Haikus um die weltbekannten Dreizeiler, so sind die im Westen weniger bekannten Tankas Fünfzeiler. Das Konzept hinter dieser alten japanischen Gedichtform ist ungefähr das selbe (ich hoffe, einen Laien der Dichtkunst wird man nun nicht steinigen sofern ich falsch liege). Man beschreibt eine Momentaufnahme. Schon in meiner letzten Besprechung habe ich angemerkt, dass ich mich für die allgemeine Dichtkunst nie begeistern konnte. Bis heute hat sich da nichts geändert, die Ausnahme sind jedoch besagte Tankas und Haikus aus Japan. Die Kunst dieser wunderschönen Gedichte besteht darin, in wenigen Zeilen etwas alltägliches zu beschreiben und es außergewöhnlich erscheinen zu lassen. Bei den Tankas ist das selbstverständlich nicht anders als bei den Haikus. An der Kunst der Haikus habe ich mich sogar für die auf NHK World ausgestrahlte Sendung "Haiku Masters" selbst einmal versucht und habe schnell meine Grenzen der Kreativität aufgezeigt bekommen, als ich ein eigenes Werk eingesandt habe.

Der japanische Poet Wakayama Bokusui (1885-1928) war damals daran beteiligt, die etwas angestaubte japanische Dichtkunst wieder zu modernisieren. Bokusuis Reisen führten in durch ganz Japan und Korea und die meisten seiner Schöpfungen sind Andenken an seinen Reisen. Bokusui verstarb bereits in einem recht jungen Alter was vermutlich auch seiner Liebe zum japanischen Reiswein Sake geschuldet war.


"Vogelgezwitscher
wie plätscherndes Wasser
Bergkirschen blühen
zur Mittagszeit     zwischen Kiefern
in Waldestiefe"


Wie bei dieser Dichtkunst üblich haftet den Tankas gerne eine melancholische Atmosphäre an. Nichts tragisches oder deprimierendes, es ist eine sehr angenehme Stimmung und bei so manchem Werk kann man beinahe das Meer im Hintergrund rauschen hören. Diese kleinen Fünfzeiler befassen sich mit der Schönheit der Natur und passen besonders jetzt zum Frühling ausgezeichnet gut.

Übersetzt (und mit einem ausführlichem Nachwort versehen) wurden die Tankas vom erfahrenen Japanologe Eduard Klopfenstein (geb. 1938). Neben den ausgezeichnet übersetzten Tankas in eine moderne deutsche Sprache findet sich im Nachwort noch viel wissenswertes über Wakayama Bokusui und der Entstehungsgeschichte seiner Tankas. Versehen sind alle Tankas zusätzlich mit der Jahreszahl ihrer Entstehung. Die einzelnen Abschnitte sind im Buch unterteilt und jeweils Kalligrafien von Bokusui versehen, die in ihrer Originalform abgedruckt wurden und zusätzlich in lateinischer Schrift (aber weiterhin in japanischer Sprache) hinzugefügt wurden. Die Tankas selbst befinden sich allerdings nur in deutscher Sprache im Buch.

Manesse präsentiert hier eine herrliche bibliophile Ausgabe, gebunden mit Schutzumschlag aus einem wie immer hochwertigem Material. Ein Buch, welches zwar zum mitnehmen einlädt, aber man sollte es ausreichend schützen während des Ausflugs. Kleiner Makel: Es gibt leider kein Lesebändchen.






Empfehlung

Erstmals in deutscher Sprache präsentiert Manesse hier einen wundervollen Sammelband, der über 250 Tankas aus Wakayama Bokusuis Schaffenskraft beinhaltet. Sammler von Gedichtbänden aber auch besonders Freunde der japanischen Literatur werden mit "In der Ferne der Fuji wolkenlos heiter" ein kleines Juwel für ihr Geld erhalten. Und da alle guten Dinge bekanntlich drei sind, so hoffe ich, wird Manesse die Reihe der japanischen Dichtkunst fortsetzen.



"Kleine Imbissbude
an der Hafenmole
Ich schaue mir
die Schiffe an     beiße in einen
Apfel     da rieselt der Ruß..."

Mittwoch, 9. Mai 2018

Die letzten Jedi - Die seltsame Star Wars Episode von Rian Johnson




Massive Spoiler. Mach kehrt sofern du nicht erfahren willst welch ikonischer Charakter sich am ende des Films in Luft auflöst!



Es hat nur rund 34 Jahre gedauert, bis das Star Wars Franchise endlich seinen David Lynch Film bekommen hat. Episode Nummer 8 markiert einen Punkt, wo jede bekannte Film-Marke einmal durch muss: Exploitation. Genau diesen Weg schlägt die neuste Episode aus der Feder von Rian Johnson ein. Rian Johnson machte sich mit Filmen wie Brick und Looper einen Namen. Ein Regisseur, der mehr Kunstfilmer ist als Filmemacher, der nach den strikten Regeln Hollywoods vorgeht. Seine Filmkunst ist nicht wirklich vergleichbar mit den Werken von David Lynch, aber ihre art ein Projekt anzugehen weist viele Parallelen auf. In eine ähnliche Kerbe schlägt auch der Kanadier Denis Villeneuve der für Blade Runner 2049 gefeiert wurde und Johnsons Star Wars bei den Oscars in den für beide Filme relevanten Kategorien ausstach.

Die ursprüngliche Planung für Disneys neue Star Wars Trilogie war 3 Regisseure anzuheuern, die für diese Materie wie geschaffen waren. Angefangen bei J.J. Abrams (der für Disney am liebsten die Lösung für alle 3 Filme gewesen wäre und er selbst diesen Fakt nach Episode VII eingesehen hat) der anschließend den Staffelstab an Rian Johnson weitergeben wird und dieser wiederum die Verantwortung an Colin Trevorrow (Jurassic World) übergeben sollte. Zwischen Trevorrow und Disney soll jedoch ein Dissens entstanden sein der wiederum Disney goldenes Kind, Abrams, zurück ins Boot holte. Abrams beteuerte noch mehrmals wie sehr er es bereut hat, abgelehnt zu haben, bei allen 3 Filmen Regie zu führen. Nun wird Abrams beim Finale, Episode IX, wieder übernehmen. Doch vorher muss er sich um den riesigen Scherbenhaufen kümmern, den Johnson hinterlassen hat.

Ganz recht, Abrams hat circa 130 Minuten Nettospielzeit Zeit, auszubügeln, was Rian Johnson mit seiner Episode angerichtet hat. Die Ausgangslage nach Episode VII war dabei nicht so schlecht um wirklich eine große Möglichkeit zu haben, Episode VIII entweder in den Sand zu setzen oder es zu schaffen, etwas anderes als Star Wars aus dieser Episode zu machen. Und genau so fühlen sich "Die letzten Jedi" an: Ich bestelle einen Big Mac und erhalte einen Whopper. Es ist nicht einmal ein Big King sondern ein Whopper. Etwas komplett anderes also. Ein Unding so zu sagen, denn in einem McDonald's wird man niemals einen Whopper oder einen Big King erhalten, es sei denn man besucht den Burger King nebenan und verspeist sein Essen im McDonald's gegenüber. Überhaupt sind Fast Food Vergleiche zu Star Wars beinahe eine Majestätsbeleidigung. Ist es also so weit gekommen?

Aus technischer Sicht gesehen kann man Johnsons Film (welches durch und durch sein Baby ist da er hier auch das Drehbuch verfasst hat) nichts vorwerfen. Wenn auch nicht ganz so stimmig wie der bereits erwähnte Blade Runner 2049 (natürlich Geschmackssache), so ist Episode VIII zumindest optisch ganz großes Kino. Für Episode VII waren für die Geschichte und somit auch für das Drehbuch Veteran Lawrence Kasdan (welcher der Prequel-Trilogie von Lucas komplett ferngeblieben ist) sowie J.J. Abrams selbst. Die Geschichte in Episode VII war weder unglaublich originell noch wirklich neu, besonders hier hat man sich gerne mal am Expanded Universe bedient welches ja bekanntlich von Disney eingestampft wurde. Die Prämisse und Ausgangslage war aber vielversprechend genug, um aus dieser Storyline, dieser Idee, etwas taugliches zu erschaffen. Abrams setzte hier zusätzlich auf den Faktor Nostalgie. Die immer wieder gern benutzte Anschuldigung, Episode VII sei eine direkte Kopie des Erstlings "Eine neue Hoffnung" begreife ich bis heute nicht. Wenn man Abrams Film so etwas vorwirft, kann man genau diese Kritik auch für jeden anderen Star Wars Film (inklusive Episode 1) benutzen, denn rein von der Struktur her sind sie alle gleich aufgebaut. Abrams Film ist da genau so wenig eine Ausnahme wie die anderen Ableger.

Und hier kommt Episode VIII von Rian Johnson ins Spiel. Dieser Film tanzt nämlich, was seine Struktur und was sein Aufbau angeht, größtenteils aus der Reihe. Der Film möchte anders sein und hat auch Erfolg darin, allerdings enden sämtliche Versuche anders zu sein als die Filme davor darin, dass der Film entweder sich selbst oder andere Episoden parodiert oder sich so drastisch von der Star Wars Mythologie unterscheidet, dass es schwer ist, hier noch behaupten zu können, es mit einem legitimen Nachfolger der vorherigen Episoden zu tun zu haben. Ein Schwenker auf Rogue One: Ausgerechnet ein Spin-Off, an das ich kaum irgendwelche Erwartungen hegte und wo die Maus persönlich noch einmal Nachdrehs und Änderungen vornahm, besitzt die pure Essenz von Star Wars in seinem Kern (noch mehr sogar als es Abrams bei seinem Versuch über 2 Stunden lang versuchte). Das große Problem an Johnson Film ist jedoch die Geschichte. Der gesamte Plot wirkt wenig durchdacht und ohne ein wirkliches Konzept. Wurde im Vorgänger die Erste Ordnung und ihr Anführer, der Supreme Leader Snoke (sozusagen der Nachfolger des Imperiums mit einem Anführer nicht weniger mächtig als der Imperator) bereits wenig logisch in die allgemeine Geschichte eingebunden, gelingt Johnson es nicht einmal, diese Kritikpunkte zu beseitigen. Stattdessen macht er es schlimmer. Die interessanten Charaktere, die Abrams im letzten Film eingeführt hat stagnieren, entwickeln sich nicht weiter und sämtliche Wege führen sie in Sackgassen. Kylo Ren wird zu einer schizophrenen Teenie-Nervensäge degradiert die gegen seine Eltern und Lehrer rebelliert, General Hux mutierte zu einer belanglosen Ulk-Figur die für ein paar Comedy-Momente sorgt während Poe Dameron zu einem schießwütigen Revolverheld-Macho umgebaut wurde. Genau so ins Nichts verläuft auch die Storyline von Finn mit seiner asiatischen Freundin auf dem Kasino-Planet (beide so unbedeutend, dass mir nicht einmal der Name des Mädchens und dem Planet einfällt). Doch nicht nur die Charaktere stagnieren, es ist das gesamte Star Wars Universum welches hier stagniert. Zwar gibt es einige neue niedliche Kreaturen die sich sicherlich im Merchandise gut schlagen werden, aber nichts davon bringt den Film weiter oder aber erweitert dieses vielversprechende, große Universum. Johnson lag nichts an exotischen neuen Planeten, Rassen und nicht einmal lag ihm etwas an Lichtschwerter. Ein seltsamer, unangebrachter, beinahe schon surrealer Auftritt von Yoda bestätigte nur noch einmal, wie überfordert der Film mit sich selbst ist.

Abrams Probleme mit der Ersten Ordnung, dem Orden von Ren und Snoke waren nicht so schwerwiegend, dass man sie in "Die letzten Jedi" nicht hätte ausbügeln können. Im Gegenteil. Abrams Story besaß zumindest noch so viel Potential, um ein Feuerwerk in den beiden Fortsetzungen entfachen zu können. Stattdessen werden neue Charaktere, eingeführt im letzten Film, entweder auf einen Cameo reduziert oder aber in zwei Hälften geschnitten. Noch bevor überhaupt ans Licht kam, wer oder was Snoke ist, woher er seine ungeheure Macht schöpft, da wurde er auch schon aus dem Film geschnitten (alle die den Film gesehen haben werden nun in Gelächter ausbrechen, welches sicherlich noch 2 Tage andauern wird). Kein Charakter in Episode VIII bekommt auch nur ein einziges mal die Chance, wirklich etwas relevantes zu tun oder sich weiterzuentwickeln. Besonders die neu eingeführten Charaktere bleiben leere Hüllen oder werden verheizt wie Captain Phasma, Vizeadmiral Holdo oder Benico Del Toros Charakter DJ (der sinnbildlich für die Philosophie des Films steht, dazu gleich noch einmal mehr). Und all das führt letztendlich zur großen, polarisierenden Kontroverse im gesamten Film: Luke Skywalker.

Am Set gab es bereits zwischen Rian Johnson und Mark Hamill einen großen Disput über die Fortführung der Geschichte von Luke Skywalker. Was hat er die vergangenen 30 Jahre getrieben? Warum wurde er zu einem kautzigen, alten Eremit auf einer einsamen Insel, der den Glaube an die gesamte Philosophie der Jedi verloren hat? Ein Mann, der dafür plädiert, dass die Jedi endgültig aussterben müssen. Wer sich wirklich all die Jahrzehnte gefragt hat, was aus dem glücklichen jungen Mann am Ende von "Die Rückkehr der Jedi-Ritter" passiert ist, der wird hier seine Antwort finden. Man kann sich sicherlich drüber streiten, ob die Geschichte der Skywalker am Ende von Episode VI erzählt ist oder noch etwas Raum für eine letzte, weitere Geschichte bietet. Prinzipiell gehöre ich nicht zu den Leuten, die sich nach Episode VIII nun die Augen unter der Luke Skywalker Fan-Bettdecke ausweinen, ich begrüße diese etwas andere Ausrichtung des Charakters sogar. Probleme habe ich nur damit, wie destruktiv Johnson mit diesem Charakter umgeht. Johnson macht Skywalker zu einem Antiheld. Er wurde zum Cop, dessen Partner von einem Gangsterboss erschossen wurde, damit durchkommt und jener Cop nun den Glaube an das System verloren hat, was die Gesellschaft eigentlich vor der Ungerechtigkeit beschützen soll. Luke Skywalker mutierte zu diesem frustrierten Cop der den Glaube an das System, in dem Falle an seine Bestimmung und Glaubensrichtung, verloren hat. Schockierend ist hier, wie irrelevant Luke Skywalker für die gesamte Geschichte ist und in seinem letzten großen Auftritt so dermaßen belanglos von der Bühne abtritt, als hätte dieser Charakter niemals existiert. Luke Skywalker geht nicht mit einem Knall, er verschwindet einfach und löst sich in Luft auf. Dabei hätte dieser Charakter zumindest einen letzten großen, epischen Kampf verdient gehabt. In seinem bekannten Song hat es Neil Young bisher am schönsten ausgedrückt: "It's better to burn out than to fade away".

Was am Ende bleibt ist ein seltsamer Film, der den Leuten nie das gibt, was sie sehen wollen. Ikonische Dinge. Simple Dinge wie Lichtschwerter die sich kreuzen, Bösewichte die geschwollen reden und charmante Machos die überhebliche Reden schwingen. "Die letzten Jedi" scheint das Franchise für eine neue Zielgruppe aufzubereiten. Ein Opfer, welches man dafür bringen muss ist jenes zu zerstören, was man sich über Jahrzehnte aufgebaut hat. Die alten Helden werden entweder von ihren eigenen Sprösslingen ermordet oder lösen sich in Luft auf. (oder vaporisieren im Falle von Admiral Ackbar). Obwohl ich an sich kein wehmütiger Mensch bin, tut all der Pessimismus, die Neuausrichtung, aber, und ich bin immer noch ein leidenschaftlicher Filmfan, besonders die schwache Geschichte weh. Die Möglichkeiten waren hier vermutlich so unbegrenzt wie die weit, weit entfernte Galaxis. Um noch einmal auf DJ, dem Gauner-Charakter von Benicio Del Toro zurückzukommen: Dieser Charakter ist eine perfekte Metapher für den gesamten Film. Ein Gauner, der sich als liebenswerter Schuft herausstellt und am Ende für ein paar Credits unsere Freunde verrät. Bis zur letzten Sekunde wünscht man sich, dass auch dies nur ein Gauner-Trick des Halunken war. Doch man wartet und wartet und irgendwann realisiert man, dieser liebenswürdige Gauner war in Wahrheit ein unverschämtes, selbstgefälliges Arschloch, eine Hülle, genau so leer wie die Charaktere und Planeten in diesem Film. Vermutlich die größte Überraschung, die sich Rian Johnsons Film bis kurz vor Schluss aufgehoben hat und sein Werk bestens repräsentiert. Und so endet diese etwas andere, seltsame Star Wars Episode von Rian Johnson die rund 140 Minuten lang versucht, anders zu sein als die vergangenen Episoden. Die Geschichte bietet nur noch wenig Spielraum für einen weiteren Film da es an Bösewichten und Helden gleichermaßen fehlt (und Lichtschwerter). Abrams wird sich nun beweisen können, ob er wirklich ein Zauberkünstler ist. Denn hier hilft nur noch ein Magier.



Freitag, 4. Mai 2018

Rezension: Die drei Sonnen (Cixin Liu)





Die Trisolaris-Trilogie 1


China 2006/2008

Die Drei Sonnen
Alternativ: Three-Body, The Three-Body Problem
Autor: Cixin Liu
Verlag: Heyne
Übersetzung: Martina Hasse
Genre: Hard Science-Fiction


Die bemerkenswerte Science-Fiction Trilogie von Cixin Liu hört auf den Titel "Earth's Past" oder ganz einfach "Three Body" (dem Begriff aus der Physik). Im Heimatland China sind die 3 Romane zwischen 2008 bis 2010 erschienen, international schwappte die Begeisterung erst einige Jahre später über (vermutlich besonders ab jenem Moment, als Ex-Präsident Obama das Buch lobte und einen gewissen Trost darin fand im Bezug auf sämtliche irdische Probleme, mit denen er sich zu seiner Amtszeit befassen musste). Da die Geschichte vorher noch in China in Kapitel abgedruckt wurde, geht die Entstehungsgeschichte sogar zurück bis ins Jahr 2006. Die Veröffentlichung in den USA heimste den Hugo Award ein und besonders viel Anerkennung generierte besonders die Übersetzung von Ken Liu (Übersetzer und Autor von Science-Fiction Literatur). Deutsche Leser mussten bis ende 2016 darauf warten, eine übersetzte Ausgabe in die Finger zu bekommen. Eine große Überraschung hierbei ist, der Heyne Verlag lizenzierte nicht die englischsprachige Übersetzung von Ken Liu (die sich übrigens inhaltlich und in einigen anderen Punkten wie Chronologie vom Original unterscheidet), sondern kreierte mit der Übersetzerin Martina Hasse eine Übersetzung der chinesischen Originalausgabe.

Abseits des Buches selbst ist es mindestens genau so interessant zu recherchieren, wie sehr Cixin Liu nicht nur bei seinem Heimatvolk polarisiert, sondern auch bei den internationalen Lesern. Wo es Anerkennung gibt, dort gibt es auch Kritik und umgekehrt. Im Fokus der Kritik steht meistens die Komplexität der Geschichte. Einige internationale Leser kritisieren auch die mangelnden Erklärungen für die geschichtlichen Hintergründe. Und genau hier gibt es einen Einspruch von mir. "Die Drei Sonnen" wurde nie für den westlichen Markt konzipiert. Und dies gilt für die gesamte Trilogie. Wir haben es hier mit einem Autor aus China zu tun, gewisse kulturelle Unterschiede sind hier unvermeidbar (auf den letzten Seiten gibt es ein ausführliches Register). Verzichtet ein ausländischer Verlag aber auf diese Teile der Geschichte, könnte man sich die Veröffentlichung auch komplett sparen. Einen größeren Teil des Kulturschocks wird hier wohl die Thematik rund um die chinesische Kulturrevolution sein (1966-1976). Das komplette Buch baut seine Geschichte auf dieses signifikante Ereignis in der chinesischen Geschichte auf. Cixin Liu beschreibt die Zustände überraschend schonungslos aber auch ausführlich. Für mich als Leser, der sich mit der Revolution bisher nicht großartig befasst hatte (ein Ereignis, welches das China heute so prägte, wie wir es kennen), ein interessantes Thema was noch ein bisschen zusätzliche Recherche nötig machte. Es könnte diese zusätzliche Recherche sein, die einige Leser vielleicht als etwas lästig ansehen könnten, da man bei einem Roman der Kategorie Science-Fiction gerne sofort und ohne geschichtliche Hintergründe in eine exotische Welt eintauchen möchte.

Und genau hier liegt der springende Punkt: "Die Drei Sonnen" ist klassische harte Science-Fiction. Diverse Ähnlichkeiten zu Asimovs Foundation-Trilogie werden gewiss nicht zufällig sein, unterstreichen aber, in welchen Kreisen sich Cixin Liu aufhält. Denn schon lange gab es nicht mehr eine Trilogie, die in so eine klassische Kerbe einschlägt. Und dennoch sind die Wissenschaften im Buch eher zweitrangig und auch für den Leser relativ leicht verständlich. In einem Interview mit chinesischen Studenten an einer britischen Universität gab Liu besonders amüsiert zu, er habe nicht einmal einen besonders starken Draht zur Physik.

"Die Drei Sonnen" kombiniert also gleich mehrere Genre. Historischer Roman, eine Hard Boiled Geschichte und klassische Science-Fiction. Und dennoch schafft es der Autor, diese völlig verschiedenen Elemente natürlich in seine Geschichte einzubauen. Wir haben es hier mit einer Geschichte zu tun, die sich über eine extrem lange Zeitspanne erstreckt. Doch der Ausgangspunkt dieser epischen Reise ist das Jahr 1967 mitten in der Kulturrevolution.

Jetzt habe ich zwar eine menge über das Buch geschrieben und meine Begeisterung ausgedrückt, doch schaffe ich es auch, die Geschichte zusammenzufassen für die Leute, die hier eine Empfehlung suchen? Kann ich nicht einfach die Frage beantworten, ob es in dieser Geschichte Außerirdische gibt? Nun, damit würde ich es mir etwas zu einfach machen. Mit den Trisolanern gibt es zwar eine außerirdische Rasse die sich auf der Erde niederlassen will, aber es ist eher das Wie und Warum und Weshalb, was man hier erklären müsste. Und hier liegt dann die bereits angesprochene Komplexität die den Rahmen einer Rezension sprengen würde. Was man für "Die Drei Sonnen" braucht ist Zeit und eine Liebe zur klassischen Science-Fiction. Sofern man vor hat, Band 1 dieser dreiteiligen Reihe zu lesen, der sollte vorher ein wenig über die Kulturrevolution stöbern, bevor er sich mit dem Buch befasst um so einen leichteren Einstieg zu haben.


Resümee

Ein Buch, etwas zu komplex um es gebührend in einer Rezension zu besprechen. Cixin Liu macht mit "Die Drei Sonnen" Werbung für die chinesische Literatur. Dass ausgerechnet aus China ein solcher Science-Fiction Knaller kommt, damit hätten wohl im Vorfeld nicht viele gerechnet. Besonders das Gebiet, auf dem Liu wandelt galt beinahe als ausgestorben. Diese Renaissance wird seine Leser mit einer Geschichte belohnen, die sich über Zeit und Raum erstreckt. Ich könnte noch Stunden über das Buch weiter plaudern, aber ich denke, jeder sollte "Die Drei Sonnen" für sich selbst entdecken (außerdem würden sämtliche Namen und Begriffe die Rezension unnötig verkomplizieren und den Plot vermutlich wirrer darstellen, als er ist). Man sollte sich jedoch bewusst sein, dass hier viel Konzentration vom Leser verlangt wird und sich die Ruhe antun sollte, denn sonst könnte es sein, dass man Gefahr läuft, aus der Geschichte geworfen zu werden. Wer sich darauf einlassen kann, der wird hier den Auftakt zu einer fantastischen Trilogie erleben.


Weiter geht es in einigen Tagen mit der Fortsetzung "Der dunkle Wald". Zusätzlich wird es demnächst noch einen Einwurf über Cixin Liu geben, wo ich ein wenig näher auf den Autor und seinen Stilmitteln eingehen werde.

Donnerstag, 26. April 2018

Rezension Teil 1: Die Ermordung des Commendatore Band 2


(Foto: © Markus Tedeskino / Agentur Focus)




Die Murakami Rezensionen 11-12

Japan 2017
Die Ermordung des Commendatore Band 2
Alternativ: Die Ermordung des Commendatore Band 2: Eine Metapher wandelt sich
Originaltitel: Kishidancho Goroshi
Autor: Haruki Murakami
Veröffentlichung: 16.04.2018 bei DuMont
Übersetzung: Ursula Gräfe
Genre: Künstlerroman, Drama, Mystery



Hier handelt es sich um den ersten Teil einer zweiteiligen Besprechung. Mein komplettes Fazit folgt im zweiten Teil. Da ich hier auf wichtige Details aus dem ersten Band eingehe sei jedem Leser dieser Rezension geraten, erst Band 1 zu lesen bevor er diese Besprechung liest. Die Rezension zu Band 1 ist unter folgendem Link zu erreichen: Bitte hier entlang



Keine 3 Monate hat es gedauert, bis DuMont Band 2 von Haruki Murakamis neustem Roman veröffentlicht hat. Genug Zeit also, um mit Band 1 fertig zu werden, zusätzlich noch Natsume Sōsekis "Der Bergmann" zu verschlingen und sich gemütlich auf den Abschlussband von Murakamis neustem Streich zu freuen. in Band 2 bekommen wir es ungefähr noch einmal mit dem gleichen Umfang wie im Vorgänger zu tun, inhaltlich wissen aber beide Bände stark voneinander zu unterscheiden.

Genau wie bei 1Q84 wird sich ein Leser, der mit dem Werk Murakamis nicht so vertraut ist, am Ende der Fortsetzung vermutlich fragen, ob es nicht auch ein einziger Band getan hätte. Während ich bei 1Q84 zustimmen muss, dass Band 3 vielleicht etwas zu viel des Guten war, muss ich bei der Ermordung des Commendatore aber eindeutig sagen, der Umfang ist genau richtig so. Der Hauptplot ist bei Murakami eigentlich fast immer das Beiwerk. Was seltsam klingen mag ist ein essentielles Merkmal des japanischen Autors. Murakami beweist sich hier wieder einmal als begnadeter Erzähler der zwar keine epische Geschichte aufbaut, es aber die einzelnen Charaktere und ihre Geschichten sind, die den Leser ans Buch fesseln. Und natürlich sind es wieder einmal auch die surrealen, äußerst mysteriösen Ereignisse, in Band 2 wesentlich üppiger vertreten als im Vorgänger, die den Commendatore zu einem echten Murakami machen.

Da Band 1 keine abgeschlossene Geschichte war ist es wenig verwunderlich, dass Band 2 genau da weitermacht, wo Band 1 aufhörte. Etwas, was sich wohl auch nur Murakami im Heimatland erlauben kann ist die Veröffentlichung beider Bände am selben Tag. Gegen ende des ersten Bandes werden mit den Akikawas (Nichte und Tante) interessante neue Charaktere eingeführt. Menshiki, der mysteriöse, von Nebelkerzen umhüllte Auftraggeber unseres Erzählers, hat die Vermutung, die junge Marie Akikawa könne seine leibliche Tochter sein, die infolge einer leidenschaftlichen Romanze entstanden ist. Nicht ganz so zufällig von dem reichen Herrn geplant, möchte er, dass unser Erzähler Marie malt und das Mädchen wie auch Menshiki zueinander führt. Interesse an einem Vaterschaftstest oder auch das Mädchen intensiv kennen zu lernen hat Menshiki nicht, er will alles dem Karma überlassen. Oder, besser gesagt, Schrödingers Katze. Der Erzähler soll Marie porträtieren. Mehrmals betont der Maler, er fühle sich mit Menshiki auf eine seltsame art und weise verbunden und möchte ihm helfen. Doch agiert der namenlose Maler hier nicht völlig uneigennützig. Marie erinnert ihn an seine in jungen Jahren verstorbene Schwester. Er freundet sich mit dem eigenwilligen Mädchen an und gerät immer tiefer in den Strudel dieser eigenartigen, fast schon bizarren Geschichte.

Obwohl mir die neuen Charaktere durchaus gut gefallen wurmt mich etwas. Ich musste nicht lang überlegen, an welchen Charakter mich Marie Akikawa erinnert. Relativ schnell kam ich auf die etwas ältere Eriko Fukada (oder auch Fukaeri) aus Murakamis 1Q84. Insgesamt agiert Marie freundlicher und weniger wirr, in ihren Zügen ähneln sich beide Mädchen aber sehr. Ein wenig zu sehr? Noch immer bin ich mir da nicht so ganz sicher. Einer der mindestens drei Gründe, wieso ich diese Rezension in zwei Teile aufteile. Obwohl Murakami es liebt, ja, auch dies ist ein Merkmal seiner Schreibkunst, mit wiederkehrenden Themen und Stilmittel (Musik, Frauen, Essen, Surrealismus und skurrile Charaktere) zu spielen, so komme ich nicht umhin, Marie als eine seiner weniger kreativen Schöpfungen zu bezeichnen. Wer Fukaeri aus 1Q84 kennt, der wird ein wenig Eigenständigkeit bei Marie vermissen. Umgekehrt funktioniert es vermutlich genau so. Wer erst durch den Commendatore auf 1Q84 aufmerksam wird, der wird bei Fukaeri wohl ein ähnliches Déjà-vu empfinden.

Abgesehen davon bleibt Band 2 eine ziemlich unberechenbare Angelegenheit. Der Band ist zwar eine klassische Weiterführung des ersten Teils, aber Murakami führt seine Leser diesmal wesentlich tiefer in den Kaninchenbau. Was die Protagonisten dieser Geschichte dort erleben werden, darauf werde ich im nächsten Teil meiner Besprechung eingehen. Es gibt einige Passagen, die ich davor gerne noch einmal lesen und genauer unter die Lupe nehmen möchte. Band 2 des Commendatore agiert auf vielen Schichten verschiedener Realitäten und ich habe aktuell meine Freude daran, noch ein wenig weiter darüber zu philosophieren. Man wird mein Resümee also hier schon ungefähr erahnen können. Bereits jetzt steht fest, "Die Ermordung des Commendatore" wird wohl einer der außergewöhnlichsten Beiträge aus der Literatur in diesem Jahr für mich sein.


Fortsetzung folgt

Dienstag, 17. April 2018

Klassiker-Rezension: Der Bergmann (Natsume Sōseki)

 







Japan 1908

Der Bergmann
Originaltitel: Kōfu
Autor: Natsume Sōseki
Verlag: DuMont, be.bra (Hardcover ohne Vorwort)
Vorwort: Haruki Murakami
Übersetzung: Franz Hintereder-Emde, Ursula Gräfe (Vorwort)
Genre: Gesellschaftsdrama


"Der Bergmann" von Natsume Sōseki ist bereits als gebundene Ausgabe im Jahr 2016 beim be.bra Verlag erschienen. Schon damals fasste ich den Roman in mein Blickfeld, leider aber war die Ausgabe für einige Zeit nicht erhältlich und ist anschließend von meinem Radar verschwunden. Vor etwas über 4 Wochen ist die Neuausgabe beim DuMont Buchverlag als handliches Taschenbuch mit neuem Cover erschienen. Die Neuausgabe basiert hier auf der bereits bekannten Übersetzung von Franz Hintereder-Emde, jedoch gibt es exklusiv bei der Ausgabe von DuMont ein nettes Extra. Nämlich das ausführliche Vorwort von Haruki Murakami. Übersetzt wurde dieses von Murakamis deutscher Übersetzerin Ursula Gräfe und Stammleser werden sich hier sofort heimisch fühlen. Murakamis Bezug zur japanischen Literatur ist nicht die größte Liebschaft. Das Werk Natsume Sōseki hingegen schätzt der Autor enorm, ein Fakt, der schon lange öffentlich bekannt ist. Für "Der Bergmann" hatte er Ende 2014 ein ausführliches Vorwort geschrieben. Murakami selbst zählt den Bergmann zu einem literarischen Highlight, geht aber auch offen kritisch auf das Spätwerk von Natsume Sōseki ein. Der japanische Autor geht hier noch sehr ins Detail und liefert viele interessante Einblicke in die Geschichte, sowie aber auch in die Entstehungsgeschichte des Romans. Murakami geht allerdings auch auf das Ende der Geschichte ein, vielleicht wäre es daher nicht verkehrt, sich dieses Vorwort als Nachwort aufzubewahren (funktioniert auch so herum).

Wie schon in meiner Einführung dieser Besprechung erwähnt, "Der Bergmann" ist ein Spätwerk des Autors, veröffentlicht rund 8 Jahre vor seinem recht frühen Tod mit 49 Jahren. Im Vorwort geht Murakami darauf ein, dass der Roman ziemlich experimentell ist und keinem festen Plot folgt. Zur Zeit der Veröffentlichung war Natsume Sōseki bereits Vertragsautor und dem Verlag ein weiteres Werk schuldig. Ein junger, ehemaliger Minenarbeiter der Kupfermine von Ashio bot der Asahi Shimbun an, seine Story zu verkaufen. Was dann folgte ist heute nicht mehr wirklich zurückzuverfolgen. Der Minenarbeiter erzählte Sōseki die Geschichte und dieser verwendete sie für seinen eigenen Roman. Wie viel letztendlich von der Geschichte des jungen Mannes in Sōsekis Roman eingeflossen ist, dies bleibt Spekulation aber man kann davon ausgehen, dass es nicht mehr als die Umrisse sind. "Der Bergmann" stieß in Japan zur Veröffentlichung auf heftige Kritik, ein Grund dafür ist unter anderem der nicht gerade nahbare und sympathische Ich-Erzähler. Doch genau in diesem Punkt muss ich persönlich widersprechen. Der Erzähler ist vermutlich genau so ein Charmebolzen wie J.D. Salingers Holden Caulfield aus "Der Fänger im Roggen". Und dennoch ist es seine rücksichtslose Ehrlichkeit, die ich dem Erzähler hoch anrechne. Zusätzlich sind etliche seiner Schilderungen auch noch mit einem herrlich trockenem Humor versehen, der mich das ein oder andere mal zum schmunzeln brachte.

Im Mittelpunkt der Geschichte steht hier der von mir angesprochene Ich-Erzähler. Aus gutem Hause kommt er, doch bewegte ihn etwas, aus seinem behütetem Heim in Tokyo fortzulaufen und sich auf ein unbestimmtes Ziel aufzumachen. Die Beweggründe für den Ausriss erfährt man später in der Geschichte (das weibliche Geschlecht ist hieran nicht unbeteiligt). Mit nichts weiter am Leib als einem Kimono und ärmlichen 32 Sen in seiner Geldbörse, marschiert der Erzähler planlos durch die Weltgeschichte. In Gedanken versunken weiß er nichts mehr so recht mit seinem Leben anzufangen und denkt selbst über den Freitod nach. Doch nach reichlicher Überlegung, kommt unser Erzähler zum Schluss: "Dafür lohnte es sich nicht zu leben, aber anders herum konnte ich mich auch nicht zum Sterben durchringen."
Das innere Zerwürfnis und die Sehnsucht an einen dunklen, menschenleeren Ort zu flüchten, zerbersten, als der Erzähler einer bizarren Gestalt begegnet. Findet der Erzähler das auftreten dieser seltsamen Person zu Beginn noch als unverschämt und penetrant als dieser ihn musterte, änderte sich diese Sichtweise, als der zwielichtige Mann ihn zu sich ruft. Unser Erzähler weiß zwar nicht so ganz, was er von ihm will, doch die Worte des Fremden spenden Trost und wecken die Lebensgeister in ihm. Der Fremde möchte ihm einen Job anbieten, einen Job in einer Mine. Ohne lange darüber nachzudenken (die Bezahlung ist unserem Erzähler völlig gleichgültig), nimmt er das Jobangebot an.

Unser Erzähler wird also Bergmann und lernt kurz darauf auch die harte Arbeit und das Klientel kennen, welches an dieser harten Arbeit beteiligt ist. "Der Bergmann" ist nicht nur der Abstieg in die tiefsten Tiefen einer Mine, es ist auch der Abstieg in das menschliche Unterbewusstsein. Wir lernen den Erzähler und seine Beweggründe besser kennen, zusätzlich erfahren wir, wieso er Tokyo mit so finsteren Gedanken hinter sich gelassen hat. "Der Bergmann" entfaltet sich hier besonders durch die Sichtweise des Erzählers zu den anderen Bergmännern zu einem Gesellschaftsdrama, was aber in keiner Sekunde melodramatisch oder theatralisch wirkt. Wie schon erwähnt, Sōseki folgt hier keinem festen Plot, aber diese Experimentierfreudigkeit machte für mich den Reiz der Geschichte aus und ließ mich enorm begeistert zurück. Auch das durch und durch offene Ende (welches nicht ganz so fies ist wie in "Kokoro") steht für Sōsekis Experimentierfreudigkeit.

Die Übersetzung von Franz Hintereder-Emde ist bestens bemüht darin, bei den Dialogen den recht eigenwilligen Stil einzufangen. Kompliziertere Begriffe befinden sich als Anhang auf den letzten Seiten des Buches. "Der Bergmann" lässt sich abseits einiger kultureller Begriffe absolut unbeschwert lesen, und erneut merkt man einem Roman von Natsume Sōseki nicht sein Alter an.


"Ich hatte bislang vorgehabt zu sterben. Ich hatte vorgehabt, wenn nicht zu sterben, an einen menschenleeren Ort zu gehen. Da mir das alles nicht gelang, sah ich mich veranlasst, für mein Weiterleben zu arbeiten. Geldmachen oder nicht, diese Frage war mir in dem Augenblick völlig egal. Und nicht nur jetzt, auch als ich noch meinen Eltern in Tokyo auf der Tasche lag, hatte ich nicht die Spur Interesse daran. Nicht nur das, Gewinnstreben als solches war mir zutiefst verhasst gewesen. Ich glaubte sogar, dass egal wo in Japan, ein jeder Mensch genau so dachte."



Resümee

Natsume Sōseki konnte bereits mit "Kokoro" viel Eindruck bei mir hinterlassen. Mit "Der Bergmann" wird dieser Eindruck noch einmal bekräftigt. Der Roman wird vermutlich eher die Zielgruppe "Fans der japanischen Literatur" bedienen und widersetzt sich zudem gängigen Erzählstrukturen. Das Vorwort von Haruki Murakami festigt aber auch noch einmal meine Annahme, dass hier auch Leser Murakamis etwas für sich entdecken könnten. Das Werk Murakamis ist ohne Zweifel geprägt von Sōsekis Erzählkunst. Für mich war es daher auch noch spannend, parallelen zwischen den beiden Autoren zu finden. Doch dazu mehr in einem kommenden Artikel.

"Der Bergmann" war eine außergewöhnliche Reise in das Werk eines herausragenden Autors. Es dauerte viele Jahre, bis der Roman seine verdiente Anerkennung in seinem Heimatland fand. In unseren westlichen Gefilden ist der Bergmann noch ein überraschend junger Roman, der erst in den letzten Jahren wirklich in Erscheinung getreten ist. Eine fantastische Gelegenheit, diesen Klassiker nun kostengünstig nachzuholen.

Sonntag, 8. April 2018

Klassiker-Rezension: Frankenstein (Mary Shelley)







Großbritannien 1818

Frankenstein
Alternativ: Frankenstein oder der moderne Prometheus
Autorin: Mary Shelley
Verlag: Manesse
Übersetzung: Alexander Pechmann
Nachwort: Georg Klein
Genre: Drama, Grusel



Die Irrtümer der Menschheit hier aufzuzählen würde ein wenig den Rahmen sprengen. Zum einen wäre da aber die fälschliche Behauptung, die Erde sei flach. Eine weitere bekannte Behauptung, die sich über die Jahre fälschlicherweise etabliert hat, ist, das Monster mit den Daumenschrauben im Hals, vorzugsweise verkörpert von Boris Karloff, heiße Frankenstein. Tatsächlich aber hat dieser große, sensible Zeitgenosse keinen Namen und ist stattdessen die Schöpfung eines Forschers namens Victor Frankenstein. Frankensteins Monster gehört mit zu den wohl populärsten Figuren, die das Horror-Kino erschaffen hat. Sämtliche Verfilmungen von Mary Shelleys weltberühmter Gruselgeschichte hielten sich inhaltlich sehr frei an die Vorlage. Lediglich Multitalent Kenneth Branagh brachte 1994 eine treuere Adaption mit Robert De Niro als Monster auf die große Leinwand.

Was heute als großer Klassiker der Weltliteratur zählt, begann als eher beiläufige Geschichte unter Freunden während eines Ausflugs, wie die Autorin bescheiden im Vorwort anmerkt. Aus dieser Geschichte wurde jedoch mehr und ehe sie sich versah, hat Mary Shelley damals einen Roman verfasst, wie man ihn nur von einem Mann erwarten hätte. Doch sobald man die erste Seite Aufschlägt, wird die feine Feder deutlich, wie sie nur eine Frau zu führen vermag. Über den Inhalt ist in den vergangenen, rund 200 Jahren eine menge diskutiert worden und ich möchte in dieser Rezension auch nicht zu genau darauf eingehen. Interessanter für meine Rezension ist dann schon die hier vorliegende Fassung. Dazu gleich mehr.

Frankenstein wird oftmals dem Horror-Genre zugeteilt. Für die Filme mag das zutreffend sein, der Roman schlägt aber in eine andere Kerbe. Im Kern ist Frankenstein eine Gruselgeschichte, aber die Gesellschaftskritik steht hier wesentlich mehr im Vordergrund. Schon damals befassten die Menschen sich mit der Frage, ob es möglich ist, ob der Mensch in der Lage ist, ein anderes menschliches Wesen zu erschaffen. Das die Menschheit dazu eindeutig in der Lage ist, haben sie nun seit einigen Millionen Jahren bewiesen. Doch kann der Mensch anderes Leben ohne den Geschlechtsakt erschaffen? Eine zentrale Frage, womit sich dieser Roman befasst. So befasste sich die Autorin in diesem 1818 veröffentlichten Werk mit Themen wie Alchemie und einer Frühform des Steam Punk. So dreht sich die zentrale Frage in Frankenstein nicht darum, ob es möglich ist, ein menschenähnliches Wesen auf diese Weise zu erschaffen, sondern, ob man mit seiner Schöpfung zufrieden ist. Der gute Doktor Frankenstein ist es nämlich nicht und überlässt das Monster seinem Schicksal was gleichbedeutend mit seinem eigenen Untergang verbunden ist. So ist das zentrale Thema dann nicht der Grusel, sondern die Frage um Menschlichkeit und Existenz. Diese schwerwiegenden Fragen hat Mary Shelley aber unglaublich gut verpackt und so ist es möglich, diese Tragödie, dieses menschliche Drama auch als Gruselgeschichte anzusehen.

Bei der deutschen Ausgabe, die mir hier vorliegt, handelt es sich um eine neue Ausgabe, eine Jubiläumsausgabe, die ende vergangenen Jahres erschienen ist. Hier wird nicht nur das rund 200 jährige Bestehen dieses Werks gefeiert, der Verlag feiert hier auch gleichzeitig seine neue Manesse Bibliothek die hier die alte "Bibliothek der Weltliteratur" ersetzen wird. Doch nicht nur das Gewand ist hier neu und farbenfroh, auch der Inhalt ist es (natürlich nur von der Übersetzung her). Tatsächlich gab es hier nicht nur ein neues Cover und Design spendiert, auch die Ausgabe selbst unterscheidet sich in vielen Aspekten her der vorherigen Ausgabe, die, ebenfalls bei Manesse, in den 80ern erschienen ist.

Herausgegeben und neu übersetzt wurde der Roman von Alexander Pechmann. Als Ausgangsmaterial stand hier die Erstauflage aus dem Jahr 1818 Pate. Ziel der Übersetzung war es, den ursprünglichen Stil beizubehalten, die Geschichte jedoch in eine moderne deutsche Sprache zu adaptieren. Auch wenn der Text hier und da immer noch einige sehr geschwollene Passagen hat (was natürlich dem Stil Mary Shelleys zugrunde liegt), so war ich überrascht, wie flüssig und verständlich der Text sich liest. Zusätzlich gibt es noch ein ziemlich umfangreiches Register mit verschiedensten Erklärungen zum Roman und zur Epoche. Dieses Register befindet sich auf den letzten Seiten des Buches und bringen den Leser somit nicht aus dem Lesefluss.


"Ich danke Ihnen für Ihre Anteilnahme", sagte er, "aber es hat keinen Zweck. Meine Bestimmung hat sich beinahe erfüllt. Ich warte nur noch auf ein letztes Ereignis, dann werde ich in Frieden ruhen. Ich verstehe Ihre Gefühle", fuhr er fort, da er merkte, dass ich ihm Ins Wort fallen wollte, "aber Sie haben unrecht, mein Freund - wenn Sie mir erlauben, Sie so zu nennen. Nichts kann mein Schicksal ändern. Hören Sie meine Geschichte, dann werden Sie begreifen, wie unwiderruflich alles vorbestimmt ist."



Resümee

Die vermutlich beste Gelegenheit, das Original in seiner ursprünglichen Fassung in einer modernen deutschen Adaption zu lesen, die, trotz ihrer flinken Sprache, nie zu modern wirkt. Der Staub wird von der Oberfläche entfernt, aber tief im Kern dieses Romans ist und bleibt es ein Klassiker der Weltliteratur. Zugänglicher als je zuvor und mit viel Hintergrundwissen hat sich diese handliche, hochwertige Jubiläumsausgabe einen Platz in meiner Sammlung an Klassikern verdient. So schnell und zufriedenstellend konnte ich vermutlich noch nie eine Rezension beenden.

Freitag, 6. April 2018

Über Isao Takahata (29.10.1935 - 05.04.2018)



An dieser Stelle sollte heute eigentlich eine Rezension erscheinen, aus gegebenem Anlass jedoch hat diesen Platz heute Isao Takahata verdient. Im hohen Alter von 82 Jahren ist Isao Takahata, einer der Mitbegründer des legendären Studio Ghibli, verstorben. Sein Lebenswerk, welches er in großer Fülle hinterlassen hat, wird auch über die vielen kommenden Jahre unerreicht bleiben und hoffentlich auch ein Wegweiser für junge Filmemacher aus der Animation (ob westlich oder östlich spielt dabei keine Rolle) sein.

Doch ich will auch die Möglichkeit ergreifen, ein wenig über Isao Takahata zu plaudern. Fans des Studio Ghibli werden seinen Namen kennen und vermutlich niemals vergessen, doch wie sieht es darüber hinaus aus? Nennt man Filme wie "Prinzessin Mononoke" oder "Chihiros Reise ins Zauberland", werden mit großer Wahrscheinlichkeit selbst in dieser Materie nicht so versierte Zuschauer den Name Hayao Miyasaki nennen können. Doch welcher Name kommt euch in den Sinn, wenn ich nun "Die letzten Glühwürmchen" oder "Pom Poko" nenne? Für die Mehrheit war Isao Takahata immer "Einer der drei älteren Herren, die was mit Studio Ghibli zu tun haben". Ohne Frage waren "Die letzten Glühwürmchen" Takahatas Meisterstück. Ein Meisterstück, was auch seinen Namen bei den Zuschauern hätte verewigen müssen. Kurios genug jedoch, eine menge Leute verbinden den Film nicht einmal mit dem Studio Ghibli, weil sich das Drama aus dem zweiten Weltkrieg extrem stark von dem abhebt, wofür das Studio eigentlich bekannt war. "Mein Nachbar Totoro" und "Die letzten Glühwürmchen" liefen damals in Japan ungefähr zur gleichen Zeit in den Kinos an und die dortigen Zuschauer waren von Takahatas Werk mehr verstört als alles andere und suchten direkten Trost in Miyasakis heiteren Familienfilm. Isao Takahata war immer der "Andere Miyazaki". Der Mann, der relativ schweigsam neben Japans größten, noch lebenden Animator agierte. Zumindest auf dem Papier. Takahatas Werke als Familienfilme zu bezeichnen ist schwer. Es sind sehr spezielle Werke, die sich hauptsächlich an ein älteres Publikum richten. Es war dieses wundervolle Gleichgewicht, was das Studio Ghibli so einzigartig machte. Meistens folgte nach einem Miyazaki relativ zügig auch das neuste Werk von Takahata.

Ich entdeckte das Filmwerk Takahatas auch erst, nachdem ich mir jenes von Hayao Miyazaki zu Gemüte führte. Egal wie viele Trailer ich mir zu den Werken Takahatas ansah, sie alle sahen mir ein wenig zu exotisch aus. Als ich "Die letzten Glühwürmchen" nachholte, da hatte ich dann Blut geleckt. Takahata verkörperte nicht nur eine andere Seite des Studio Ghibli, er war auch viel mehr als nur der Nebenmann, der in dem gleichen Studio wie Hayao Miyazaki arbeitete. Ich schaute mir anschließend "Pom Poko", "Tränen der Erinnerung" und "Meine Nachbarn die Yamadas" an. Was Takahata hier ablieferte war große Filmkunst. Seine Geschichten und seine Charaktere spiegelten seine ganz eigene Philosophie wieder und allmählich begann ich sogar, seine Werke denen von Miyazaki leicht vorzuziehen (aus heutiger Sicht schätze ich natürlich die Filme beider Männer). Doch seltsamerweise waren es nicht "Die letzten Glühwürmchen", ein Film, der mich enorm bewegte, der meine Liebe zur Filmkunst von Isao Takahata entfachte. Es war "Pom Poko". Ein Film über den japanischen Tanuki -Waschbär-. Ein Film mit sprechenden Waschbären deren riesige Hoden omnipräsent im Film dargestellt wurden. In diesem wundervollen Film steckt so viel Leidenschaft und Magie, am Ende kamen selbst einem Eisblock wie mir ein paar Tränchen. "Pom Poko" ist einer von Takahatas wenigen Filmen, mit denen sowohl Kinder als auch Erwachsene gleichzeitig etwas anfangen können. Kinder werden mit der verspielten art sicherlich ihren Spaß haben, Erwachsene werden hier vermutlich eine Allegorie auf ihre eigene Kindheit sehen. Meine uneingeschränkte Empfehlung für diesen Film besteht auch weiterhin und daran wird sich auch in Zukunft ganz sicher nichts ändern.

Doch wieso unterscheiden sich Takahata und Miyazaki, zwei Freunde, die an ihrem Arbeitsplatz auch gerne mal als altes, streitendes Ehepaar bezeichnet wurden, so sehr voneinander? Die Antwort ist vielleicht einfacher zu erklären als man annehmen mag. Takahata war kein Animator. Eigenen Aussagen zu Folge besaß er kein großes zeichnerisches Talent. Einige Mitarbeiter des Studio Ghibli sagten jedoch das komplette Gegenteil, als sie seine Storyboards begutachteten. Darüber hinaus war Takahata im Gegensatz zu Miyazaki nie selbst für die Animationen zuständig. Er war als Regisseur und Autor tätig und fungierte oftmals sogar als Produzent einiger Frühwerke von Miyazaki. Takahata agierte mit den Augen eines echten Filmemachers während Miyazaki seine Magie direkt durch seine eigenen Zeichnungen kreierte. Vermutlich waren es diese Unterschiede, weshalb die beiden Männer oft aneinander gerieten und sich dennoch blind verstanden haben.

Neben bekannten TV-Serien wie "Heidi" und "Anne mit den roten Haaren" begann Takahata seine Karriere im TV. Nur die wenigsten deutschen Fans der oben genannten Serien werden wohl seinen Namen mit diesen Werken verbinden (besonders "Anne mit den roten Haaren" ist auch hierzulande noch sehr bekannt). Von der großen Bühne verabschiedete Takahata sich bereits 2013 mit "Die Legende der Prinzessin Kaguya", der ihm eine Oscar-Nominierung einbrachte. Der Film erschien zu einer Zeit in Japan, in der das Studio Ghibli für die Zuschauer nicht mehr das Maß aller Dinge war. Man merkte, wie sich eine Ära dem Ende neigte und die Kinokassen relativ hungrig zurückblieben. Ein Umstand, der mich selbst als Außenstehender sehr traurig machte. In diesem Film vereinte Takahata noch einmal sein ganzes Können. Von der künstlerischen Leitung bis hin zu der tragischen Geschichte der Mond-Prinzessin. Diese moderne Variante der klassischen japanischen Erzählung hat sich in meine Liste der Lieblingsfilme des Studio Ghibli sehr weit nach oben geschlichen. Ich hoffe, der Film wird in Zukunft eine größere Wertschätzung, ganz besonders von den Landsleuten, erhalten.

Takahatas letzte Aktivität auf jener großen Bühne war die gemeinsame Produktion mit Studio Ghibli Mitbegründer Toshiro Suzuki von "Die rote Schildkröte" (2016), ein Film von Michaël Dudok de Wit (ebenfalls nominiert für einen Oscar).

Eine große Karriere des japanischen Animationsfilms endete damit. Eine beeindruckende Geschichte eines sehr beeindruckenden Mannes der sich immer nur zu Wort meldete, wenn er auch wirklich etwas zu sagen hatte. Wehmütig werden Fans von Isao Takahata zurückblicken, doch seine Filme werden immer da sein und uns Trost spenden (vielleicht nicht "Die letzten Glühwürmchen" aber dafür alle anderen Filme, die aus seiner Feder stammen).


Sarabada, Takahata Isao.