Archiv: Rezensionen zu Literatur und Film

Mittwoch, 28. November 2018

Rezension: Verschwörung (David Lagercrantz)





Schweden 2015

Verschwörung
Originaltitel: Det som inte dödar oss
Autor: David Lagercrantz
Verlag: Heyne
Übersetzung: Ursel Allenstein
Genre: Mystery, Thriller


Die Hintergründe zur Millennium-Reihe sind nicht weniger interessant als die Romane selbst. Für Journalist und Schöpfer der Reihe, Stieg Larsson, war sein Werk immer ein Hobby, welches er nach einem stressigen Tag in der Redaktion daheim fortsetzen konnte. Noch bevor einer der drei fertiggestellten Romane veröffentlicht und zu dem Welthit wurde, wie wir die Reihe heute kennen, verstarb Larsson mit nur fünfzig Jahren an einem Herzinfarkt. Nach drei Romanen sollte die Geschichte von Lisbeth Salander und Mikael Blomkvist jedoch nicht enden. Es existieren Drafts für weitere Romane, laut einigen Aussagen wäre es für Larssons Lebensgefährtin ein leichtes gewesen, diese unvollendeten Drafts fertigzustellen. Was folgte war jedoch ein jahrelanger, schmutziger Rechtsstreit mit Larssons Lebensgefährtin und seiner Familie. Am Ende gingen sämtliche Rechte an die Familie Larsson und man entschied sich dafür, einen Autor von Beruf für das Vermächtnis der Original-Trilogie zu engagieren. Die Wahl fiel auf den in Schweden sehr bekannten Autor David Lagercrantz. Für Lagercrantz ist Millennium aber nicht nur eine Auftragsarbeit. Nach zwei Romanen die unter seiner Feder entstanden sind, kann man von einer regelrechten Obsession sprechen. Eine detailverliebtheit, nicht zu finden in Larssons Romane. Wir haben es hier mit zwei Autoren zu tun, die verschiedener nicht sein könnten. Und dennoch scheint Stieg Larssons irdisches Abschiedsgeschenk bei David Lagercrantz in den besten Händen zu sein.

Unter Fede Alvarez (Evil Dead Remake, Don't Breathe) ist die Verfilmung zu "Verschwörung" entstanden. Der Verleih gab weniger als zwei Stunden Laufzeit für den Film frei, sich beweisen zu können. Bei einem Roman, der, je nach Sprache zwischen 500-600 Seiten pendelt, eine, mal wieder, nahezu unlösbare Aufgabe. Als Filmfan könnte ich zudem noch sagen, dass man mit Fede Alvarez einen jungen Filmemacher engagiert hat, für den ein solch ambitioniertes Projekt eine Nummer zu groß war. Während der Roman von Lagercrantz überraschend gut aufgenommen wurde, war die Euphorie der Verfilmung gegenüber eher zurückhaltend. Die Zukunft der Reihe auf großer Leinwand ist vermutlich nach diesem Versuch ungewisser als je zuvor. Ein weiteres Reboot mit neuen Darstellern wird sie vermutlich nicht verkraften.

Zurück aber zum Roman aus dem Jahr 2015. Für Leser, die die Original-Trilogie kennen und lieben gibt es hier durchaus eine große Umstellung. Der größte Unterschied ist einfach, sowohl Larsson und Lagercrantz sind zwei völlig unterschiedliche Typen. Larsson baute sehr viel von seinen eigenen Erlebnissen in seine Romane mit ein. Als Chefredakteur für ein Linkes Magazin war unschwer zu erkennen, dass viele Facetten von ihm selbst in seinen Protagonist Miakel Blomkvist geflossen sind. Lagercrantz hingegen ist in seiner Arbeit als Autor weitaus weniger politisch aktiv. Drifteten die Romane von Stieg Larsson gerne mal in eine schier endlose Debatte über Politik ab, stehen bei Lagercrantz völlig andere Dinge im Fokus. Der Plot geht schneller voran, wirkt kurzweiliger und kommt schneller zum Punkt. Auch bei den Charakteren ließ man Lagercrantz freie Hand. Diese agieren aber nur in einigen Details anders als die Vorbilder von Larsson. Mikael Blomkvist wirkt reifer und möchte nicht mehr jede Frau betten, der er begegnet (wobei sie sich ja eigentlich ihm an den Hals werfen). Ansonsten ist zumindest in "Verschwörung" noch größtenteils alles beim alten.

Wie viel letztendlich von Larssons geplanten vierten Teil in die Geschichte von Lagercrantz eingeflossen ist, bleibt wohl ein Geheimnis. Es gibt einige seltsame Parallelen, die etwas zu genau sind, um Zufälle sein zu können. So soll auch der Auftritt von Camilla Salander, der Schwester der eigenwilligen Hackerin und Anti-Heldin, ein zentrales Thema in dem nicht mehr umgesetzten vierten Teil gewesen sein. In "Verschwörung" verlagert sich der Plot, wirkt wesentlich globaler und aktueller als in den Romanen zuvor. Lagercrantz schafft es überraschend gut, die Geschichten und Schicksale von Charakteren fortzuführen, die er selbst nicht erschaffen hat. Doch sind es vor allem die Charaktere, die Lagercrantz selbst entworfen hat, die hier eine prägnante Rolle übernehmen. Für mich ein Beweis dafür, dass er die Serie so eigenständig gestalten möchte, wie möglich. Vielen Fans der Reihe dürfte dies zu viel in Sachen Eigenständigkeit sein, mir hats besser gefallen, als ich es für möglich hielt. Der Plot selbst, der sich hier rund um die NISA dreht, mag drei Jahre später nicht mehr so eine Aktualität besitzen wie zur Zeit der Veröffentlichung des Romans, aber an Spannung büßt das (mittlerweile) etwa durchgekaute Thema auch nicht ein. Und für genügend Überraschungen wurde zudem auch noch gesorgt. Was die Gesamtlänge des Romans angeht ist Lagercrantz besser aufgestellt als Larsson, aber auch hier hätten vielleicht ein "paar" Seiten weniger der gesamten Geschichte nicht schlecht getan.




Resümee

Das Millennium-Debüt von David Lagercrantz ist geglückt. Unter Fans der Reihe fand "Verschwörung" größtenteils Anklang, was für das fortbestehen der Reihe essentiell wichtig war. An vielen Ecken und Enden ist es mal gewöhnungsbedürftig und ich würde lügen, wenn ich nicht scharf auf den ursprünglichen vierten Teil von Stieg Larsson wäre, aber es wäre unfair Lagercrantz gegenüber, nun irgendwelche absurden Forderungen zu stellen. Wichtig ist, dass der Autor es nicht vollbracht hat, alles, was sein Vorgänger aufgebaut hat, vor die Wand zu fahren wie es aktuell in der Filmwelt eine sehr bekannte Science-Fiction Saga macht. 
Einen neuen Schreiber für eine etablierte Serie auszuwählen ist eine komplizierte Angelegenheit. Denn, ob man Autor, Drehbuchschreiber oder Filmregisseur ist, auch einem Werk, welches man übernommen hat, möchte man seinen Stempel aufdrücken. David Lagercrantz ist dies in "Verschwörung" ziemlich gut gelungen.

Donnerstag, 8. November 2018

Präsentation: Erdsee Gesamtausgabe




Erdsee gehört ohne Frage zu den großen Fantasy-Sagen der modernen Literatur. Obwohl Ursula K. Le Guin schon einige Jahre vorher ihre Welt um die Inselkontinente rund um Erdsee erschuf, so erschien der erste Roman erst 1968. Zum 50. Jubiläum der Reihe ist die Gesamtausgabe "The Books of Earthsea: The Complete Illustrated Edition" (dt. Erdsee: Die illustrierte Gesamtausgabe) nun im Handel erschienen. Diese gigantische Omnibusedition ist teilweise noch in Zusammenarbeit mit Ursula Le Guin entstanden, die im Januar 2018 im Alter von 88 Jahren leider von uns gegangen ist. Diese Gesamtausgabe umfasst alle Romane und Kurzgeschichten sowie eine neue, nie zuvor veröffentlichte Geschichte aus dem Erdsee-Universum. Zusätzlich befinden sich im Band noch Illustrationen von Charles Vess.

Bücherfreunde sollte sich in ihrem Leben 1-2 große Fantasy-Sagen vornehmen. Neben dem Herrn der Ringe fiel meine Wahl auf Erdsee. Seit einigen Jahren reizt mich diese Welt schon und mit der Gesamtausgabe habe ich vor, mich auf dieses Abenteuer einzulassen.

In dem verlinkten Video präsentiere ich die Gesamtausgabe und teile zusätzlich noch meine Eindrücke mit. Tatsächlich ist mein Kommentar im Video ohne Script entstanden und wirkt des öfteren holprig, die Informationen aus meinem Kommentar habe ich jedoch nochmal überprüft und auf ihre Korrektheit überprüft. Leider lag ich bei meinen Infos über den Illustrator Charles Vess wohl falsch, der gute Mann hat wohl nur für die Gesamtausgabe an dem Erdsee-Universum gearbeitet. Wer mehr Infos dazu hat, der findet in den Kontaktmöglichkeiten Wege, mir zu schreiben. Oder einfach unter dem Eintrag einen Kommentar hinterlassen!

Wer nur an bestimmten Abschnitten des Videos interessiert ist, hier eine kleine Navigation:

Einführung: 0:00 - 3:36
Präsentation: 3:37 - 7:54
Eindrücke: 7:55 - 11:11

Über YouTube kann man die Zeiten direkt anwählen.

Das Buch ist überall im (Buch)Handel in einer englischen und deutschen Ausgabe erschienen.



Mittwoch, 31. Oktober 2018

Rezension: Der Abgrund in dir (Dennis Lehane)




USA 2017

Der Abgrund in dir
Originaltitel: Since We Fell
Autor: Dennis Lehane
Übersetzung: Steffen Jacobs, Peter Torberg
Genre: Mystery, Drama, Thriller


"Der Abgrund in dir" war von Dennis Lehane eigentlich immer als Film geplant. Die Filmrechte gingen daher bereits 2015 an DreamWorks, bevor Lehane überhaupt die komplette Geschichte zu Papier gebracht hatte. Der Roman erschien etwas später als erwartet und so wird man sich auf die geplante Adaption wohl noch gedulden müssen. Aber wie immer gilt die goldene Regel, erst das Buch zu lesen und dann darüber zu lästern, was im Film alles fehlt. Und man kann davon ausgehen, dass mal wieder viel fehlen wird denn "Der Abgrund in dir" ist ein langer, umfangreicher und detailverliebter Roman. Bei über 500 Seiten (immer noch über 400 Seiten in der englischsprachigen Ausgabe) hat Dennis Lehane sich wieder einmal nicht zurückgehalten.

Der Originaltitel unterscheidet sich hier erheblich von dem deutschen Titel. "Since We Fell" taufte Lehane seine Geschichte, die nicht nur auf das Schicksal der Protagonistin im Roman anspielt sondern auch eine Anspielung auf den 1947 veröffentlichten Song "Since I Fell For You" von Buddy Johnson ist, der im laufe der vielen Jahre oft gecovert wurde. Zusätzlich birgt der Titel noch viele Hinweise auf das Thema des Buches: Sich verlieben. Sich in jemanden vergucken. Man muss nur den sehr kurzen, kryptischen Prolog aufschlagen, um diese Botschaft zu verstehen. Aber ein Autor, der sich mit Romanen wie "Mystic River" oder "Shutter Island" einen Namen gemacht hat, fängt natürlich nicht auf einmal an, schnulzige RomComs zu schreiben (bei dem Titel nicht ganz auszuschließen). Wieder einmal ist Dennis Lehane als Magier unterwegs, denn im laufe des Buches hat er so einige Tricks auf Lager.

Im Mittelpunkt dieses mysteriösen Verwirrspiels steht die Fernsehjournalistin Rachel Childs, die während einer Aufnahme einen Nervenzusammenbruch erleidet. Der Erfolg in der Karriere ist dahin und Rachel erkrankt an Angst- und Panikzuständen. Das Unheil nimmt seinen Lauf, ihre Ehe zerbricht und Rachel versinkt in ein Meer aus Depressionen und beinahe schon paranoid schizophrenen Zuständen. Als Rachel den Unternehmer Brian Delacroix trifft und dieser sie aus ihrem Loch befreit, beginnt für sie ein neues Leben. Ein neues Leben, welches gleichzeitig ihren größten Albtraum besiegelt.

Kaum ein anderer Autor auf dem Gebiet schafft es wie Dennis Lehane, verwirrende Irrfahrten in seinen Geschichten einzubauen. Was er damals bei Shutter Island meisterhaft geschafft hat, gelingt ihm in "Der Abgrund in dir" auf eine ebenso geschickte, jedoch andere weise. Auch wenn es Vergleiche zu "Gone Girl" gibt und die Rückseite des Covers auch noch mit einem Zitat von Gillian Flynn garniert ist, so sollte man unbedingt beide Werke voneinander trennen. Zwar gewinnt Dennis Lehane hier sicherlich nicht den Innovationspreis dafür, ausgerechnet jetzt erstmals eine weibliche Protagonistin zu erschaffen, aber es war wohl auch nie das Ziel, das Genre gleich komplett neu zu revolutionieren. Wovon "Der Abgrund in dir" profitiert ist die Cleverness der Geschichte. In gleich mehreren Abschnitten ist der Roman unterteilt und entfaltet eine massive Charakterstudie. Mit Ausnahme von kleineren Durststrecken weiß es diese Charakterstudie, seine Leser durchweg zu unterhalten.  Den Roman als "Mystery-Drama" zu bezeichnen ist keine falsche Wahl.



Resümee


Dennis Lehane beweist auch in einem etwas anderen Fahrwasser sein Können. Er ist und bleibt auf seinem Gebiet nahezu unerreicht. Eine Empfehlung für die Fans von "Gone Girl" auszusprechen fällt mir gar nicht mal so leicht, denn man hat es hier schon mit relativ unterschiedlichen Geschichten und Stilen zu tun. Fans von spannenden Mystery-Geschichten, die ihre Leser an der Nase herumführen werden hier jedoch absolut nicht enttäuscht werden. Ich gehe sogar so weit und würde "Der Abgrund in dir" zu den besten Büchern zählen, die ich 2018 gelesen habe (und mein Jahr war enorm von Science Fiction geprägt). Wer ein bisschen Zeit übrig hat, der sollte es sich besonders jetzt zur Herbstzeit mit diesem Buch am Abend gemütlich machen und sich komplett auf die Geschichte von Rachel Childs einlassen.

Samstag, 27. Oktober 2018

Rezension: Irrgarten des Todes (Philip K. Dick)





USA 1970

Irrgarten des Todes
Originaltitel: A Maze of Death
Autor: Philip K. Dick
Verlag: Fischerverlage
Übersetzung: Yoma Cap
Genre: Science-Fiction, Mystery



Bei all den prominenten Namen, die das Science-Fiction Genre hervorgebracht hat, so scheint es doch Philip K. Dick gelungen zu sein, als einer der ganz wenigen Autoren der klassischen Science-Fiction Literatur unsterblich geworden zu sein. Erst 2017 widmeten Channel 4 Television und Amazon Dick eine ausgezeichnete TV-Serie mit dem Titel "Electric Dreams", die 10 seiner bekanntesten Kurzgeschichten adaptierte. Obwohl es zuvor relativ selten der Fall war, so orientiert sich die Serie ausnahmsweise mal an die Vorlagen. Dicks Name ist auch heute noch, rund 35 Jahre nach seinem viel zu frühen Tod, ein fester Begriff des Genre und vereint noch immer unzählige Leser miteinander. Das Erfolgsgeheimnis ist einfach, seine Geschichten sind zeitlos. Seine düsteren Dystopien, die immer auch satirische Elemente mit sich bringen, funktionieren heute wie damals und werden es auch noch weit in der Zukunft. Seine seltsamen Welten sind für uns surreale Zufluchtsorte. Welten, in denen wir nicht leben wollen mit Technologien, die uns zu fremd sind. Und doch wünschen wir uns nach jedem Abenteuer, dass diese seltsamen Welten vielleicht doch irgendwann mal zur Realität werden. Widersprüchlich wie Dicks Geschichten nehmen auch wir sein Werk wahr. Der im Jahr 1970 veröffentlichte Roman "Irrgarten des Todes" ist nicht unbedingt das typische Einstiegswerk in das Universum des Autors, aber sowohl von der Länge als auch von der sehr zufriedenstellenden Auflösung am Ende, die kaum offene Fragen zurücklässt, ist es der Intermediate-Kurs für angehende Leser von Philip K. Dick. Eine Geschichte, die, wie immer bei Dick, auf mehreren Ebenen von Realitäten spielt und seine Leser um den Finger wickelt. In diesem Roman sogar alles ein bisschen vermischt mit Agatha Christies "Und dann gab's keines mehr".

Die Handlung dreht sich um einen anscheinend wild zusammengewürfelten Haufen von Aussteigern, die auf dem Planeten Delmak-O eine neue Chance suchen. Der Weg dorthin ist ein One Way Ticket, denn die kleinen Noser befördern ihre Passagiere nur zum Zielort, jedoch nicht wieder zurück. Relativ schnell macht sich in der Gruppe Unzufriedenheit breit und als alle Protagonisten versammelt sind, kommt langsam die Frage auf, welchem Zweck diese Kolonie auf Delmak-O dient und was ihre Aufgabe dort sein mag. Das Unglück nimmt seinen Lauf und wie der erste Dominostein eine Kettenreaktion ins Rollen bringt, so ist es hier die fehlerhafte Kommunikation zu einem Satellit, der Instruktionen für die Truppe bereithält, die diesen Stein ins Rollen bringt. Sie scheinen gefangene zu sein und die neue Chance im Leben entwickelt sich zu einem Albtraum. Als dann auch noch ein Mord in der ersten Nacht geschieht, beginnt für die ansässigen der mysteriösen Kolonie ein bitterböses Spiel, mit dem sie im Vorfeld sicherlich nicht rechneten.

"Irrgarten des Todes" verknüpft Dicks bekannte Science-Fiction-Welten mit einer Murder-Mystery im Stile von Agatha Christie. Doch dürfen hier nicht Dicks surreale Momente fehlen, die, wie in Ubik beispielsweise, den wahren Twist der Geschichte ausmachen. Doch auch Theologische Elemente halten Einzug in Irrgarten des Todes. So ist der immer präsente und doch unsichtbare "Specktowsky" und sein Buch, was die im Universum verstreute Menschheit anscheinend so verehrt, eine art neue Bibel. Immer wieder zitieren die Protagonisten der Geschichte aus dem Buch von Specktowsky, der darin erklärt, wie sich Gottheiten zeigen und wie man mit ihnen umgeht, sollte man ihnen begegnen. Das Buch scheint eine art Wegweiser und Ratgeber zu sein und die Präsenz von übernatürlichen Wesen wie dem Intercessor oder dem Walker on Earth scheinen ein fester Bestandteil dieser fernen Zukunft zu sein. Diese Begriffe erstmals zu lesen könnte anfänglich etwas befremdlich wirken und den Start in die Geschichte leicht erschweren. Allerdings sollte man sich hier nicht unter Druck setzen, die meisten Begriffe und die Lebensweise dieser Menschen wird noch ausführlich im verlaufe des Plots erklärt. Dies ist besonders wichtig, wenn der letzte Vorhang dieses Science-Fiction-Theaterstücks fällt.




Resümee

Wenn der letzte Vorhang fällt..... darauf wartet der Leser in diesem Buch sicherlich gespannt. Und anders als in so manchen Werken von Philip K. Dick bekommt er hier nicht nur eine überraschende wie stimmige, aber auch eine sehr traurige Auflösung der Ereignisse serviert. "Irrgarten des Todes" könnte auch als sehr surrealer Fiebertraum durchgehen. Ein beklemmendes Werk, ja, sogar relativ düster und pessimistisch. Doch wieder einmal erlebte ich eine Geschichte, die mit solch einer Wucht eingeschlagen ist, dass ich mich noch lange an sie sehr detailreich erinnern werde. Genau wie die Protagonisten in der Geschichte, lässt der Leser sich hier auf ein Abenteuer ein, welches er nicht durchschauen kann. Anders als für die Charaktere ist der Trip für die Leser jedoch kein One Wack Ticket. Er wird nach den letzten Silben dieses Buches in seine Welt zurückkehren und vermutlich das Ticket in die nächste Welt von Philip K. Dick buchen. Und wer so viele Welten wie Dick geschaffen hat, kann davon ausgehen, dass der geneigte Literatur-Tourist nahezu immer eine einzigartige vorfinden wird.

Montag, 22. Oktober 2018

Rezension: Weltenzerstörer (Cixin Liu)




China

Weltenzerstörer
Originaltitel: Ren he tunshizhe
Auch zu finden im Sammelband "Die wandernde Erde" (Erscheint am 10.12.2018)
Autor: Cixin Liu
Verlag: Heyne
Übersetzung: Marc Hermann (Novelle), Karin Betz (Leseprobe), Kristof Kurz (Nachwort)
Nachwort: Xia Jia
Genre: Science-Fiction, Novelle



Über Twitter fragte mich kürzlich ein Science-Fiction Fan, ob die Literatur von Cixin Liu mit Philip K. Dick vergleichbar wäre. Ich musste kurz nachdenken und verneinen, denn Philip K. Dick sei mit keinem anderen Science-Fiction Autor vergleichbar. Doch das selbe kann man auch zum chinesischen Autor Cixin Liu sagen, dessen großartiges Werk der Westen erst vor einiger Zeit für sich entdeckt hat. Der Autor der Trisolaris-Trilogie erfindet das Science-Fiction Genre nicht neu, er hat es schlicht und ergreifend revitalisiert. Harte Science-Fiction war über Jahrzehnte quasi von der Bildfläche verschwunden. Cixin Liu's Themenwahl erinnert zwar an Autoren wie Clarke, Asimov und Herbert, er überträgt diese bekannten Themen jedoch in unsere heutige Gesellschaft. Und genau diese Herangehensweise funktioniert auch wieder in seiner Novelle "Weltenzerstörer". Hier wandelt der chinesische Autor wieder einmal auf großen Pfaden, baut aber zusätzlich noch einen Hauch Leiji Matsumoto mit ein. Und was Leiji Matsumoto (japanischer Mangaka und Illustrator und verantwortlich für Space Battleship Yamato) mit Weltenzerstörer zu tun hat, verrate ich jetzt.

Weltenzerstörer ist eine Novelle, die gleichzeitig aber auch Teil von Cixin Liu's Anthologie "Der wandernde Planet" ist. Hierzulande erscheint die Sammlung 10.12.2018 beim Heyne Verlag. Die hier vorliegende Ausgabe von Weltenzerstörer als Stand Alone Variante beinhaltet neben der Geschichte (rund 71 Seiten) auch noch einen Anhang, ein Nachwort der jungen chinesischen Literaturwissenschaftlerin und Autorin Xia Jia und eine Leseprobe zum finalen Band der Trisolaris-Trilogie "Jenseits der Zeit" welcher am 08.04.2019 erscheint. Der Ausgabe mit Klappenbroschur liegt noch ein Poster bei (ob dies beschränk auf eine Auflage ist, ist mir nicht bekannt). Cixin Liu schrieb den "Weltenzerstörer" im Jahr 2002, also einige Jahre vor der Trisolaris-Trilogie (Die drei Sonnen, Der dunkle Wald, Jenseits der Zeit). So ist es auf einmal gar nicht mehr verwunderlich, dass einige Elemente, wie eine lauernde Gefahr für die Erde, die noch ein ganzes Jahrhundert entfernt liegt, auch ihren Weg in seine beeindruckende Science-Fiction Trilogie fand.

Die Handlung der Geschichte ist einfach zusammengefasst. Ein Kommandant der Weltraumpatrouille entdeckt im finsteren Weltall ein seltsames Objekt. Es ist ein Kristall, der seit Generationen anscheinend planlos durchs All fliegt. Doch in diesem Kristall steckt eine Botschaft. Es ist die Botschaft eins Volkes, welches vor langer Zeit ausgelöscht wurde und dieser Kristall somit das letzte Vermächtnis von Eridanus ist. Dem Kommandant zeigt sich ein seltsames Mädchen. Es scheint ihm so, als sei es direkt aus einem Zeichentrickfilm entsprungen. Immer wieder rasselt das Mädchen den gleichen Monotonen Spruch herunter: "Alarm! Alarm! Der Weltenzerstörer kommt!". Doch nach einer Weile beginnt die künstliche Intelligenz, mit dem Kommandant zu kommunizieren. Verwundert darüber, wie bewandert die KI über das menschliche Volk ist, hört er sich ihre Geschichte an. Darin berichtet sie über ein gigantisches Objekt, was gesamte Planeten vernichtet. Es quetscht die Ressourcen der Planeten heraus und überlässt diese dann seinem Schicksal. So ist es auch ihrer Heimat ergangen, doch wurde diese Botschaft erstellt, um anderen Völkern dieses Schicksal vielleicht zu ersparen. In 100 Jahren soll der Weltenzerstörer sein Ziel erreichen. Eigentlich genug Zeit, um Gegenmaßnahmen zu ergreifen. Doch welchem Zweck dient der Weltenzerstörer? Dieser Zweck soll lange in der Zeit verloren gegangen sein, so, dass nicht einmal die Rasse, die das Objekt steuert, mehr den wahren Grund kennt. Doch wie will man sich einer Übermacht wie dem Weltenzerstörer nur stellen?

Ob es das Mädchen im Kristall ist oder aber die allgemeine Prämisse der Geschichte, hier riecht so einiges nach Space Battle Ship Yamato. Diese Science-Fiction Oper rief der Japaner Leiji Matsumoto 1974 ins Leben. Besonders Titel aus Japan scheinen Cixin Liu des öfteren inspiriert zu haben. In "Der dunkle Wald", Teil 2 der Trisolaris-Trilgoie, zitiert er sogar Yoshiki Tanaka, dem Autor der "Legend of the Galactic Heroes" Saga. Weltenzerstörer kann man, so gesehen, beinahe als Prototyp für das sehen, was Cixin Liu nachträglich geschrieben hat. Aber die kurze Novelle funktioniert auch als Frühwerk überraschend gut.




Resümee

Ob man nun die Novelle mit den Extras jetzt liest oder auf die Anthologie wartet, die bei uns im Dezember erscheint, "Weltenzerstörer" sollte für Fans von intelligenter Science-Fiction Pflicht sein. Bereits in diesem Frühwerk kann man die Hingabe für das Genre gegenüber bei Cixin Liu spüren. Science-Fiction aus China könnte dank Cixin Liu zu einem Überraschungshit werden wie japanischer Whisky. Für Whisky sind die Chinesen zwar nun nicht bekannt, aber zumindest in der Literatur ist ein wichtiger Grundstein gelegt. Man kann daher nur hoffen, dass Cixin Liu noch einige talentierte Autoren in seinem Land mit dieser Hingabe anstecken wird. Was mich angeht, ich will eindeutig mehr davon lesen.

Dienstag, 16. Oktober 2018

Rezension: Tsugumi (Banana Yoshimoto)

(Foto: Aufziehvogel)



Japan 1989

Tsugumi
Originaltitel: TUGUMI
Autorin: Banana Yoshimoto
Verlag: Diogenes
Übersetzung: Annelie Ortmanns
Genre: Coming of Age, Slice of Life



Zu Tsugumi könnte ich einen einzelnen Satz schreiben, der all meine Gedanken zusammenfasst. Dieser würde wohl so lauten: "Tsugumi ist eine wundervolle Geschichte, die kein Bücherfreund verpassen darf". Ende der Rezension. So einfach kann man es sich manchmal machen. Aber so einfach geht es dann noch nicht, denn mit einem einzigen Satz kann man diesen Roman interessierten Lesern wohl nicht zugänglich machen. Ich versuche also den mittellangen Weg zu gehen, um dieses Frühwerk von Banana Yoshimoto etwas besser zu erklären.

Genau wie "Kitchen" ist Tsugumi ein Frühwerk der Autorin, welches ich vorher noch nicht gelesen hatte, es aber eine unverschämt lange Zeit auf meine Leseliste stand. Von 1986 bis 1989 verfasste Banana Yoshimoto in Japan Romane, die unglaublich gut ankamen und sie über Nacht zu einer gefeierten Autorin machten. In nur drei Jahren schaffte es die junge Mahoko Yoshimoto, mit anfang 20, Japans Gegenwartsliteratur komplett aufzumischen. Natürlich kennt man sie heute am besten unter ihrem Pseudonym Banana Yoshimoto. Heute ist die Autorin 54 Jahre alt und blickt mit einem Nachwort in vieler ihrer Romane immer mal wieder auf die Vergangenheit zurück. Tsugumi war ein Roman, der bei der japanischen Presse nicht gut ankam. Man warf der Autorin Ideenlosigkeit vor und stempelte die Geschichte schnell als sentimentalen Kitsch ab. Wenig überraschend, war der Erfolg von Banana Yoshimotos vergangenen Werken noch zu frisch und die kritischen Stimmen zeigten wenig Wirkung. Relativ schnell nach der Veröffentlichung verfilmte der mittlerweile verstorbene Filmemacher Jun Ichikawa (adaptierte 2004 Haruki Murakamis Kurzgeschichte Tony Takitani) Tsugumi. Dies verschaffte dem Roman noch einmal einen zusätzlichen Schub an Popularität.

Tsugumi wäre ohne die prägnante Protagonistin wohl wirklich genau das, was die Kritiker damals bemängelten. Aber die titelgebende Protagonistin ist es, die aus einer gewöhnlichen Coming of Age Geschichte etwas zaubert, was den Lesern in Erinnerung bleiben wird. Ein Blick ins kurze Nachwort verrät bereits wichtige Details über die Entstehungshintergründe. Die Autorin beschreibt darin, dass diese Geschichte sehr wohl einige autobiografische Elemente besitzt. Beinahe beiläufig erwähnt sie, Tsugumi, die titelgebende Romanfigur, sei niemand anders als sie selbst.

Doch wer genau ist Tsugumi? Der Roman beginnt mit ihrem Namen, sie ist praktisch allgegenwärtig, allerdings ist Tsugumi nicht die Erzählerin der Geschichte. Die Ich-Erzählerin ist Maria Shirakawa. Schon nach wenigen Sätzen ist ihre Freundin aus Kindheitstagen beschrieben. Tsugumi ist ein kränkliches, schwaches Mädchen, bestraft mit einer kurzen Lebenserwartung. Wie eine wunderschöne Puppe soll das Mädchen aussehen. Allerdings ist Tsugumi auch ein freches, unverschämtes Biest, was sich gerne in den Mittelpunkt stellt, Streiche spielt, Jungs falsche Hoffnungen macht und respektlos gegenüber sämtlichen Erwachsenen ist. Und dennoch entwickelt sich zwischen den beiden charakterlich sehr unterschiedlichen Mädchen, die auf der idyllischen Halbinsel Izu leben, eine tiefreichende Freundschaft, die noch über viele Jahre andauern sollte.

In ihrer ganz speziellen art, mit viel Melancholie, Fern- wie aber auch Heimweh zu beschrieben, erzählt Banana Yoshimoto sehr feinfühlig diese sehr japanische Geschichte. Ihre sympathische Schreibweise, doch auch die stets präsenten schnippischen Bemerkungen findet man als langjähriger Leser, der vielleicht mit den Frühwerken der Autorin nicht so ganz vertraut ist, auch hier direkt wieder. Wie viele andere Romane von Banana Yoshimoto haftet Tsugumi eine tröstende Wirkung an. Eine Geschichte dieser Gattung könnte oftmals dazu neigen, penetrant auf die Tränendrüse zu drücken, doch diese Hürde hat Banana Yoshimoto schon damals perfekt gemeistert. Mit unter 200 Seiten ist die Geschichte wie immer sehr kompakt gehalten, aber genau hier liegt wieder einmal auch die eigentliche Stärke. Alles ist an seinem Platz und genau da, wo es hingehört. Keine Silbe ist zu viel und kein Kapitel überflüssig.



Resümee

Da es bei mir im privaten Leben selbst derzeit turbulenter zur Sache geht, war "Tsugumi" für mich ein kleiner Ort der Zuflucht und Ruhe. Ich konnte auf die Insel Izu fliehen und dem Meer lauschen. Banana Yoshimoto schafft es beeindruckend, diese simplen Empfindungen in Worte zu fassen und es ist beinahe so, als könne man die frische Meeresbrise fühlen. Es war ein Ausflug mit einem kurzen Aufenthalt, aber ich blicke sehr gern darauf zurück.

Wie immer gibt es keinen perfekten Einstieg für das literarische Werk von Banana Yoshimoto. Tsugumi eignet sich als Start genau so hervorragend wie jede andere Geschichte der Autorin. Da hier übernatürliche Elemente eine eher untergeordnete Rolle spielen, ist Tsugumi vielleicht sogar ihr zugänglichstes Werk. In diesem Sinne: Tsugumi ist eine wundervolle Geschichte, die kein Bücherfreund verpassen darf!




Mein Dank für das Leseexemplar geht an Andrea von "Lohnt das Lesen" :)

Dienstag, 25. September 2018

Review: Outrage Trilogie




Mit der Unterwelt legte sich Regisseur, Drehbuchautor und Hauptdarsteller Takeshi Kitano in seinem ersten Kinofilm "Violent Cop (1989)" bereits an. Einen Yakuza spielte er erstmals in "Boiling Point (1990)". Doch sein erster Film, wo er tief in die Welt der japanischen Yakuza eindrang, der hieß "Sonatine (1993)". Es sollte eine Liebeserklärung an das filmische Werk von Jean.-Luc Godard werden. Sonatine ging als Meisterwerk in Kitanos Vita ein. Die teils blutigen Auseinandersetzungen wurden mit einer nahezu unerträglichen Stille begleitet und sollten Zuschauer zusammenzucken lassen. Schaut man sich nun Kitanos neusten und letzten Film aus der Outrage Trilogie an, nämlich "Outrage Coda (2017)", so erkennen besonders langjährige Wegbegleiter des Japaners Parallelen, die sich ganz und gar nicht leugnen lassen. Es ist eine Wiederkehr und gleichzeitig ein Abschied. Und diesmal meint Kitano es vermutlich wirklich ernst. Keine Yakuza-Filme mehr, es ist alles erzählt. Kitano sei "Müde von der all der Gewalt", lamentierte er bei der Premiere von Outrage Coda nahezu melancholisch. Ja, diesmal, so scheint es, ist es ein Abschied für immer. Mit 71 Jahren hat sich Takeshi Kitano diesen Ruhestand aus der Unterwelt aber auch redlich verdient.

In meiner Review Trilogie möchte ich mir Kitanos großartige Outrage Trilogie vornehmen. Hat es Kitano mit Outrage Coda geschafft, seine Saga zu einem würdigen Ende zu bringen? Dazu gleich mehr!



Outrage


Japan 2010
Outrage - Autoreiji
Regie, Drehbuch, Schnitt: Takeshi Kitano
Musik: Keiichi Suzuki
Darsteller: Takeshi Kitano, Kippei Shina, Ryo Kase, Fumiyo Kohinata, Renji Ishibashi, Jun Kunimura, Hideo Nakano
Laufzeit: Circa 109 Minuten
Verleih: Capelight Pictures (DE)
Genre: Unterwelt-Drama
FSK: Ab 18



Ganze 10 Jahre sollte es dauern, bis sich Takeshi Kitano dem Yakuza-Film nach "Brother" aus dem Jahr 2000 noch einmal widmen sollte. Für Kitano stellte sich seine erste und bislang letzte US-Produktion (als Regisseur) als Fiasko heraus. Kitano war unzufrieden mit so ziemlich allem, besonders aber der Sprachbarriere. Besonders das ins englische übersetzte Script und die fast hauptsächlich gesprochenen englischen Dialoge ließen Kitano verzweifeln, denn sowohl er als auch seine japanischen Schauspielkollegen konnten sich hier nicht wie gewohnt entfalten. Nach Brother schwor sich Kitano, keinen Film mehr in den Staaten zu drehen und wandte sich zugleich noch dem Yakuza-Film ab. Er wollte seine Vita intelligent erweitern und möglichst viele Genres abdecken, was er sogleich meisterhaft mit Dolls aus dem Jahr 2002 und seiner ganz eigenen Interpretation von Zatoichi aus dem Jahr 2003 auch unter Beweis stellte. Es folgte zwischen 2007-2008 Kitanos skurrile wie surreale Autobiographical-Trilogy (inhaltlich waren die Filme nicht miteinander verknüpft) bevor er sich nach einer Pause dem ersten Teil seiner Outrage-Trilogie widmete. Obwohl Kitano laut eigenen Aussagen keine Yakuza-Filme mehr drehen wollte, schien wohl auch das Angebot und die Möglichkeiten des Budgets seitens Warner Japan ein überzeugendes Argument gewesen zu sein. Outrage selbst war nie wirklich als Trilogie geplant, ließ sich die Möglichkeiten für Fortsetzungen aber immer offen. Teil 1 war besonders lukrativ und das Ende relativ offen gehalten, eine Fortsetzung war somit beschlossene Sache.

Yakuza-Filme verbindet man wohl hauptsächlich mit den Namen Kinji Fukasaku, Takashi Miike und Takeshi Kitano. Fukasaku prägte das Genre in den 70ern, nach einer längeren Durststrecke erlebte das Subgenre des Gangsterfilms gegen ende der 80er ein Revival. Miike und Kitano prägten den Yakuza-Film bis kurz nach der Jahrtausendwende, danach wurde es erneut sehr ruhig um die japanische Unterwelt. Kitanos Outrage kam da vermutlich zur richtigen Zeit. Die Leute waren nicht mehr übersättigt (besonders durch kleine Low-Budget Videoproduktionen) und mit Outrage lieferte Kitano einen Yakuza-Film ab, der auf Hochglanz getrimmt war und problemlos mit einer Produktion aus Hollywood mithalten konnte. Und genau dieser Hochglanz, der nie zu plastisch wirkt, zeichnet Outrage aus. Kitanos etablierter Stil bleibt dem Film jedoch nicht fern. Immer wieder ist im ansonsten sehr ernsten Film Kitanos herrlich trockener Humor zu finden, der dann auch gerne mal auf die Spitze getrieben wird (die Szenen mit dem afrikanischen Botschafter sind Gold wert). Kitano übernimmt im Film wie immer den schmutzigen Part. Er tritt hier nicht als mächtiger Yakuza-Patriarch auf. Sein Charakter Otomo besitzt eine kleine Familie, die sich größtenteils um die Drecksarbeit der hohen Tiere kümmert. Ein Großteil der Story dreht sich um die verschiedenen Yakuza-Familien, die sich gegenseitig durch Intrigen ausspielen. Die Suche nach charismatischen Helden kann man sich sofort abschminken, die wird man nicht einmal bei der durch und durch korrupten Polizei finden.

Die durch die Bank weg blutigen Gewaltspitzen finden besonders zum Showdown ihren Höhepunkt. Gewalt wird von Kitano wie immer als Stilmittel eingesetzt. Die Schießereien werden spektakulär in Szene gesetzt, die Opfer sterben schnörkellos und der Sound der Waffen ist so echt, dass man als Zuschauer immer wieder bei einem Schuss aus den Sitzen gerissen wird. Begleitet wird der Film stets durch den minimal eingesetzten Soundtrack von Keiichi Suzuki. Die langjährige Arbeit zwischen Kitano und Komponist Joe Hisaishi endete im Jahr 2002 mit Dolls. Danach gingen die beiden Kollaborateure aufgrund einiger Unstimmigkeiten beim Dolls Soundtrack fortan getrennte Wege. Keiichi Suzuki liefert hier natürlich einen ganz anderen Soundtrack in Outrage ab als es Hisaishi je tun würde. Suzukis Stil, der sehr minimal gehalten und dennoch durchweg präsent ist, zeichnet sich durch elektronische Klänge aus. Seine Musik unterstreicht die Eleganz des Filmes, wirkt aber gleichermaßen bedrohlich. Auch langjährige Fans werden hier vermutlich zustimmen, dass Hisaishis melancholische Klänge nicht zu Outrage passen würden.


Resümee

Outrage präsentiert sich als Big Budget Produktion. Was als seelenloser Actionfilm hätte enden können, wird durch Takeshi Kitanos Zutun zu einem Hochgenuss. Outrage unterscheidet sich stilistisch stark von anderen Werken Kitanos, aber sein unverwechselbarer Charme bleibt dennoch unverkennbar. Es ist eine beispiellose Rückkehr zu den Filmen, die ihn international bekannt gemacht haben. Ein Niveau, was das japanische Multitalent sich auch für die Fortsetzung bewahren sollte. Otomos Geschichte ist nämlich noch nicht komplett erzählt.




Beyond Outrage


Japan 2012
Beyond Outrage - Autoreiji: Beyondo
Regie, Drehbuch, Schnitt: Takeshi Kitano
Musik: Keiichi Suzuki
Darsteller: Takeshi Kitano, Toshiyuki Nishida, Fumiyo Kohinata, Ryo Kase, Hideo Nakano, Yutaka Matsushige, Tokio Kaneda
Laufzeit: Circa 112 Minuten
Verleih: Capelight Pictures (DE)
Genre: Unterwelt-Drama
FSK: Ab 16



Spät im Jahr 2012 setzte Kitano die Saga mit Beyond Outrage (oder auch gerne mal Outrage: Beyond) fort. Als direkte Fortsetzung zum Erstling ist das Wissen aus dem Original quasi unabdingbar. Die wenigen Charaktere, die das Massaker am ende des ersten Teils überlebt haben, führen ihre düsteren Machenschaften in Teil 2 fort. Kitano kann die Atmosphäre des Vorgängers in Beyond sehr gut einfangen, aber etwas vermisst man relativ schnell: Der Offbeat Humor. Beyond Outrage dürfte in Kitanos umfangreicher Filmografie wohl den düstersten Platz einnehmen. Nicht einmal auf ein Minimum wurde der Humor reduziert, Kitano verzichtet komplett darauf. Beyond wirkt kühler, skrupelloser und aggressiver. Seine ruhige art behält der Film bei, dennoch wirkt Beyond Outrage wie eine Kampfansage Kitanos gegen Gott und die Welt. Der Film ist bissig, ein Fakt, den der Zuschauer sehr schnell zu spüren bekommt.

Obwohl ich mir an der ein oder anderen Stelle gerne etwas Auflockerung gewünscht hätte, so zerbricht der Film an seiner Ernsthaftigkeit nicht. Grund hierfür sind die großartig geschriebenen Charaktere. Im Zentrum dieser großartigen Charaktere steht in der Fortsetzung umso mehr der verschlagene und höchst korrupte, Karriere-Cop Kataoka (brillant gespielt von Fumiyo Kohinata). Beyond Outrage etabliert neue Charaktere und einen neuen rivalisierenden Klan, den Hanabishi-Klan aus Osaka. Kitanos Charakter Otomo greift erst relativ spät ins Geschehen ein. Er lässt sich vorab Zeit, die neuen Charaktere zu etablieren und zu erklären, was in den vergangenen fünf Jahren in der Welt von Outrage passiert ist. Als ausgestoßener des Sanno-Klans hat Otomo noch etliche alte Rechnungen zu begleichen, nachdem er aus dem Gefängnis entlassen wird. Ein alter Feind wird zum Verbündeten und die Klans wappnen sich noch einmal für einen großen Showdown, der die Machtverteilung dieser großen Yakuza-Vereinigungen klären wird.

Für die Musik war erneut Keiichi Suzuki verantwortlich. Stilistisch ist hier zwar alles beim alten, doch auch seine Musik passt sich noch einmal umso mehr der düsteren Atmosphäre des Films an. Die Musik wirkt bedrohlicher und beklemmender. Und obwohl die FSK hier mit der Altersfreigabe deutlich gnädiger war, so hält sich auch Beyond Outrage nicht mit blutigen Schießereien oder anderen, durchaus fragwürdigen Todeswerkzeugen der Yakuza zurück.


Resümee

Abseits des leider fehlenden Humors, der den ersten Teil noch etwas auflockern konnte, braucht man zu Beyond Outrage gar nicht viel schreiben, denn dieser setzt den Weg dieser düsteren Gangster-Saga ohne Einbuße fort. Das Wissen über die Geschehnisse im Erstling ist essentiell wichtig, um in Beyond Outrage der Geschichte folgen zu können (was durch die vielen Namen und Begriffe an sich schon einmal etwas schwerer werden kann). Eine gelungene, gut durchdachte Fortsetzung, die einige lose Enden aufklärt, um die ein oder andere neue zu erschaffen. Otomos Geschichte scheint nun am Ende angelangt zu sein, oder etwa doch nicht? Wie schon beim Erstling hat sich Takeshi Kitano hier sämtliche Möglichkeiten offen gelassen.




Outrage Coda


Japan 2017
Outrage Coda
Regie, Drehbuch, Schnitt: Takeshi Kitano
Musik: Keiichi Suzuki
Darsteller: Takeshi Kitano, Ren Osugi, Yutaka Matsushige, Toshiyuki Nishida, Tokio Kaneda
Laufzeit: Circa 104 Minuten
Verleih: Capelight Pictures (DE)
Genre: Unterwelt-Drama
FSK: Ab 16



Sonatine und Outrage Coda. Der Kreis scheint sich zu schließen. So, wie alles begann, so scheint es wieder zu enden. Mit einem Knall. Oder besser gesagt, mit einem Maschinengewehr. Was die Atmosphäre und Machart betrifft, sowie aber auch einige Szenen in Outrage Coda selbst, gibt es ein paar Parallelen zu Kitanos Sonatine aus dem Jahr 1993.

Die Geschichte von Outrage war mit Beyond Outrage eigentlich erzählt. Es gab ein paar wenige lose Enden, die sicherlich keinen neuen Film gerechtfertigt hätten. Eines dieser losen Enden war eindeutig Kitanos Charakter Otomo, der alteingesessene, traditionelle Yakuza. Es war seine Geschichte, die sich am Ende von Teil 2 noch nicht wirklich vollständig anfühlte. Wer Kitanos Filme kennt, weiß, dass seine Charaktere, die er spielte, meistens ein tragisches Ende erwartete. Ob Otomos Ende in Outrage Coda tragisch ist oder er glücklich und zufrieden bis an sein Lebensende auf einer einsamen Insel leben wird, werde ich hier natürlich nicht verraten. Outrage Coda hatte das Potential, aus der Reihe zu tanzen und vieles zu zerstören, was man sich mit den beiden Vorgängern aufgebaut hat. Essentiell wäre Outrage Coda sicherlich nicht nötig gewesen, aber als runden Abschluss der Trilogie mit einem Ende , was sich diese Saga verdient hat, beweist Takeshi Kitano, dass ihm nicht die Puste ausgegangen ist. Obwohl zahlreiche Charaktere schmerzlich vermisst werden, so ist Coda von allen drei Filmen sogar der kurzweiligste. Ein paar wenige Charaktere, die Teil 2 überlebt haben, findet man auch in Coda wieder. Zudem werden wieder eine menge neue Charaktere eingeführt, darunter auch Takeshi Kitanos langjähriger Weggefährte Ren Osugi als neuer Boss des Hanabishi-Klans. Traurigerweise handelt es sich hier um eine der letzten Rollen von Ren Osugi, der zu Beginn des Jahres leider verstorben ist. Mit Ren Osugis Charakter Nomura kehrt jedoch wieder ein wenig Kitanos Offbeat-Humor zurück. Nomura ist eine skurrile Figur. Nomura ist kein traditioneller Yakuza, handelte vorher mit Wertpapieren und ist nicht einmal tätowiert. Zu unterschätzen ist dieser herrlich überzeichnete Charakter aber dennoch nicht. Ein weiterer Charakter, der sich hier einreiht ist Hanada, ein etwas dümmlicher Yakuza Patriarch der von Pierre Taki verkörpert wird.

Outrage Coda spielt insgesamt 10 Jahre nach dem Erstling. Genau wie Kitano selbst der Gewalt in seinen Filmen gegenüber müde geworden ist, agieren auch seine von ihm geschaffenen Charaktere. Und auch Otomo ist müde. Müde, aber nicht gelangweilt. Otomo ist ein Yakuza vom alten Schlag. Ein Mann, der all seine offenen Rechnungen begleicht. Die Fehde mit dem Sanno- und Hanabishi-Klan nimmt hier ihren Höhepunkt. Besonders die Gesellschaftskritik gegenüber der Korruption in den höchsten Ebenen ist ein zentrales Thema im Film. Outrage Coda widersetzt sich sämtlichen Regeln, die die Vorgänger aufgebaut haben. Kein Charakter ist mehr sicher (falls das überhaupt je der Fall war), es herrscht pure Anarchie. Eine Anarchie, die den ganzen Film über zu spüren ist.

Musikalisch komplettiert Keiichi Suzuki die Outrage Trilogie. Sein Score heizt die knisternde Atmosphäre im Film ein und steuert gewohnt zum Gesamtbild dazu. Obwohl Kitano selbst den Blutrünstigkeiten der Yakuza überdrüssig geworden ist, ist im Film davon nicht viel zu spüren. Wie die beiden Filme zuvor spritzt der rote Lebenssaft in Outrage Coda und hält sich eigentlich nur in den ganz drastischen Momenten zurück, wo sich die wahren Bilder dann wohl eher in den Köpfen der Zuschauer abspielen werden.

Interessanterweise lässt das Ende sogar noch Spielraum für einen weiteren Film. Auch wenn dies mehr als unwahrscheinlich ist, so wird der Zuschauer auf die große Schießerei am Ende wohl vergebens warten. Was wichtig ist, und nur das zählt, Otomos blutige Geschichte ist erzählt. Ob er den Film überlebt oder nicht, verrate ich zwar nicht, aber es sei so viel gesagt, dass seine Reise hier endet. Das relativ offen gehaltene Ende spielt für Otomo aber auch den Zuschauern gegenüber keine Rolle mehr. Ob sich der Sanno- und der Hanabishi-Klan weiter zerfleischen und massakrieren, ist für alle außenstehenden ziemlich uninteressant. Es ist ein Finale mit Stil und Fans der Saga werden vielleicht einige Zeit brauchen, dieses Finale richtig einordnen zu können.



Resümee

Obwohl besonders Charaktere wie der verschlagene Kataoka oder aber auch der Yakuza Kimura vermisst werden, so hat Takeshi Kitano es gemeistert, mit Outrage Coda einen würdigen Abschluss seiner Yakuza-Saga zu finden. Noch einmal Ren Osugi in Höchstform sehen zu dürfen ist ein zusätzlicher Bonus. Outrage Coda ist ein Film, der alleine nicht funktionieren würde und das Wissen der Vorgänger wieder einmal unabdingbar ist. Aber auch darüber hinaus ist Outrage Coda wohl der Film, der bei einigen Fans wohl erst nach mehrmaligem ansehen zünden wird. Was mich betrifft, so begeisterte mich bereits die erste Sichtung. Vermutlich habe ich aber auch zusätzlich davon profitiert, kurz vorher noch einmal Sonatine geschaut zu haben. Sonatine ist, wie ich finde, der Schlüssel, um Outrage Coda noch mehr genießen zu können.

Takeshi Kitano wird sich wohl endgültig aus den Angelegenheiten der Yakuza raushalten. Ein Abschied, den es bereits mit Brother geben sollte. Mehr als Kitano wird wohl niemand aus diesem Genre mehr herausholen können. Dabei könnte man es auch einfach belassen, wenn Yakuza-Filme dann nicht so unterhaltsam wären. Ob jemand das Genre so gut handhaben kann wie Takeshi Kitano bleibt abzuwarten. Aber wer weiß schon, was dieser verrückte alte Kerl selbst noch so in Petto hat!

Freitag, 14. September 2018

Rezension: Star Wars - Thrawn




USA 2017

Star Wars: Thrawn
Autor: Timothy Zahn
Verlag: Blanvalet
Übersetzung: Andreas Kasprzak
Genre: Science Fiction



Das Expanded Universe ist tot, lange lebe das Expanded Universe! So ähnlich hört es sich an, wenn man über das erweiterte Star Wars Universum der heutigen Zeit redet. Das Expanded Universe war zu Beginn der 90er maßgeblich daran beteiligt, dass das Star Wars Franchise sich wieder ins Gespräch brachte. Dieses Universum bestand zu einem Hauptteil zwar aus Romanen, dazu gabs aber auch noch andere Medien wie Comics, Videospiele und gar Spielzeug, was das Star Wars Universum um viele neue Geschichten erweiterte. Vor einiger Zeit thematisierte ich den Fall dieses Universums hier auf "Am Meer ist es wärmer" und die Geschichte dürfte unter Fans quasi ein alter Hut sein. George Lucas respektierte das Expanded Universe, äußerte sich nur nie wirklich über die Kanonisierung. Natürlich ist darunter auch viel Schund dabei, der absolut gar nichts im Star Wars Universum zu suchen hat. Ein Fakt, der gerne mal verschwiegen wird bzw. stillschweigen darüber vereinbar wird. Als Disney die Rechte an Star Wars erwarb, flog letztendlich auch das Expanded Universe nun hochoffiziell aus der offiziellen Star Wars Chronologie. Seitdem heißt dieses Universum und alles, was sich dort abspielte, "Star Wars: Legends". Disney führt jedoch auch noch eine offizielle Variante von all dem weiter, was das Expanded Universe bot, nur eben in wesentlich geordneteren Strukturen.

Als 1991 "Erben des Imperiums" erschien und später als sogenannte "Thrawn Trilogie" zum Kult wurde, war quasi der Startschuss des Expanded Universe, der von Autor Timothy Zahn damals eingeleitet wurde. Vermutlich sehen einige eingefleischte Fans die Thrawn Trilogie noch heute als einzig wahren legitimen Nachfolger zu "Die Rückkehr der Jedi Ritter" an. Zahns ikonischer Bösewicht Thrawn stand einem Darth Vader oder dem Imperator in nichts nach. Im Gegenteil, Thrawn war eher noch gnadenloser und gerissener. Mit dem Wegfall des Expanded Universe starb auch Thrawn. Zumindest so, wie wir ihn bisher kannten. Allerdings war sich auch Disney der großen Beliebtheit von Thrawn bewusst und konnte diesen Charakter nicht einfach wegwerfen wie einen Gegenstand, der nicht mehr gebraucht wird. Umso überraschender war es, dass der Charakter in der animierten TV-Serie "Star Wars Rebels" wieder aufgetaucht ist. So groß die Freude bei manchen war, so stirnrunzelnd nahm man diesen Auftritt auch zur Kenntnis. Der große Bösewicht Thrawn nun in einer Serie, konzipiert für Kinder. Grund genug für alle Beteiligten, diesem Charakter ein angemessenes Revival zu verpassen. Und kein geringerer Autor als Timothy Zahn wurde damit beauftragt, den Großadmiral aus dem Ruhestand zu holen.

Für Zahn war die Rückkehr zu einem neuen Thrawn-Roman eine Herzensangelegenheit. Als heißblütiger Fan muss man hier seine Erwartungen jedoch anders verteilen. Obwohl Name und Erscheinung gleich sind, agiert und handelt der neue Thrawn anders als der alte Thrawn (jetzt wirds verwirrend). Zeitlich spielt Thrawn nicht nach den Ereignissen von Episode IV-VI sondern davor. Hier lernen wir Thrawns Vergangenheit und somit ihn selbst besser kennen, als je zuvor. Und wir erfahren, wie er zu dem begnadeten Taktiker wurde, der von Imperator Palpatine so hoch geschätzt wurde. Der neue Thrawn ist nahbarer als zuvor und Zahn hat es geschafft, dass die Leser sich in diesem Update des Charakters besser hineinversetzen können. Überraschenderweise, obwohl er der Namensgeber des Romans ist, ist die Rahmenhandlung des Romans deutlich weiter gefächert. So verlagert sich die Geschichte nicht nur auf Thrawn, sondern auch sein Protegé Eli Vanto spielt eine wichtige Rolle. Ich habe mich zusätzlich dabei ertappt, die Kapitel rund um Eli spannender zu finden als die des eigentlichen Protagonisten, Thrawn. Politik und Intrigen kamen im Roman ebenfalls nicht zu kurz. Durch den enormen Umfang gibt es aber leider auch ein paar Durststrecken, mit denen Timothy Zahn jedoch schon immer zu kämpfen hatte. Das Ende selbst weist geschickt auf eine Fortsetzung hin, die in den USA im Juli dieses Jahres erschienen ist. Ebenfalls verfasst von Zahn.



Resümee

"Thrawn" ist eine spannende Neuinterpretation eines ikonischen Charakters, der wohl hauptsächlich den eingefleischtesten Star Wars Fans ein Begriff sein wird. Damit will ich Thrawn als Charakter natürlich nicht degradieren, im Gegenteil. Die Relevanz der Filme ist nur so enorm, dass die Roman-Charaktere praktisch ihre komplett eigene Fangemeinde haben. Genug Potential besitzt der Taktiker auch heute noch, um sämtliche Antagonisten der neuen Trilogie gegen die Wand zu spielen. In dieser Prequel-Story beweist Timothy Zahn noch immer, dass die Macht ihn in all den Jahren nicht verlassen hat (Zahn ist für wesentlich mehr Romane aus dem Star Wars Universum verantwortlich und es wäre unfair, sein Werk nur auf "Erben des Imperiums" zu reduzieren). Mit Ausnahmen einiger vermeidbarer Längen ist das Thrawn-Reboot zu einem gelungenem Star Wars Abenteuer geworden, welches sicherlich nicht so einen Einfluss haben wird wie Zahns alte Trilogie, aber seine Daseinsberechtigung mehr als nur unter Beweis gestellt hat. Ich freue mich auf die Fortsetzung.

Donnerstag, 6. September 2018

Ranking of the Dead: Romeros Zombies



George A. Romero prägte 1968 mit seinem Low Budget Indie-Film "Night of the Living Dead" das Genre des Horrors neu. Weniger mit blutrünstigen Effekten, dafür aber mit vollen Fokus auf eine beklemmende Atmosphäre. Night of the Living Dead glich einem Bühnenstück. Obwohl der Film, technisch gesehen, heute ziemlich altbacken wirkt, so ist er aber unverkennbar noch immer ein Highlight des Genre und der Beginn einer Ära, die bis heute nichts von ihrer Popularität eingebüßt hat. Denn, am Ende kommen sie immer wieder. Sind die Leute einmal übersättigt von den wandelnden Toten, wie es aktuell bei "The Walking Dead" der Fall ist, werden sie in einigen Jahren wieder auferstehen und vermutlich erneut die Kabelsender, Streaming-Dienste oder gar die Kinos unsicher machen.

Vor einem Jahr, im Juli 2017, verstarb George Romero im Alter von 77 Jahren. Sein letzter Film, "Survival of the Dead" erschien 2009 und konnte weder Fans, Kritiker noch Investoren großartig überzeugen. Ein Mann wie Romero wurde anscheinend nicht mehr gebraucht. Dabei hatte Romero noch längst nicht vor, sich in den Ruhestand zu setzen. Seine "Of the Dead" Reihe war noch nicht abgeschlossen. Sein Projekt "Road of the Dead" nur eine Idee.
Mit dem Tod Romeros sollen nun zwei Projekte, darunter "Road of the Dead" und "Rise of the Living Dead", realisiert werden. Der Altmeister musste also erst die Welt verlassen, damit seine nicht realisierten Projekte endlich umgesetzt werden. Romero wollte sich bereits bei "Road of the Dead" nicht mehr selbst auf den Regiestuhl setzen. Er wäre für die Story mitverantwortlich, und als Produzent und Supervisor tätig gewesen. "Road of the Dead" wird also vermutlich das letzte Werk sein, was noch auf Ideen und Konzepte des Altmeisters basiert. Bei "Rise of the Living Dead" wird sein Sohn Cameron Romero für Drehbuch und Regie zuständig sein.

Die Qualität dieser Projekte darf natürlich ganz offiziell noch angezweifelt werden. Selbst Romeros mäßigere Filme in dem Genre waren immer noch gute Filme. Zuletzt veröffentlichter Schund wie "Day of the Dead: Bloodline" geben jedoch keine große Hoffnung darauf, dass sich etwas ändern wird. Fairerweise muss man jedoch sagen, dass dieses unsägliche Remake von Romeros vermutlich bestem Film nicht unter seiner Riege entstanden ist und auch keiner der Verantwortlichen, die an den neuen Projekten beteiligt sind, an Bloodline beteiligt waren.

In letzer Zeit war ich George A. Romeros schleichenden Kannibalen noch einmal auf der Spur. Die Idee zu einem Ranking, was auf den ersten Blick sicher überraschen wird, kam mir spontan in den Sinn. Qualifiziert für dieses Ranking sind alle Zombie-Filme, die unter Romero entstanden sind. Darunter zählt auch das "Night of the Living Dead" Remake von Romeros Weggefährte Tom Savini. Dort fungierte Romero als Writer, Supervisor und Produzen.
Zack Snyders ausgezeichnetes Remake zu Dawn of the Dead hingegen hat es nicht in das Ranking geschafft, da die Mitarbeit von George Romero hier sehr limitiert war. Entstanden ist eine Filmografie des Todes, die sich über mehrere Dekaden erstreckt.




7. Land of the Dead (2005)




Nach dem sensationellem Erfolg von Zack Snyders Dawn of the Dead Remake witterte Universal ein lukratives Geschäft. Mit Land of the Dead dachte man sich wohl folgendes: "Wenn ein Remake bereits so erfolgreich ist, wie erfolgreich wird dann der Film sein, wo George Romero persönlich die Regie übernimmt?" Die Antwort darauf erhielt man relativ schnell. Land of the Dead ist an den Kinokassen relativ deutlich untergegangen. Das Dawn of the Dead Momentum war verflogen und den Altmeister aus dem nicht ganz so freiwilligen Ruhestand zu holen erwies sich als nicht so lukrative Idee für das Studio. Dabei war Land of the Dead gesegnet mit einem Budget, wovon Romero bisher immer nur träumen könnte. Zusätzlich war Land of the Dead auch Romeros erster Zombie-Streifen, der mit einem R-Rating in die amerikanischen Kinos kam, etwas, wovor er sich immer gesträubt hat. Man versprach ihm jedoch, den Film für den Heimkinomarkt in einer Unrated-Fassung veröffentlichen zu dürfen. Und die sollte Land of the Dead durchaus gut tun. In Sachen Handlung wurde der Film sinnvoll erweitert, doch auch zusätzlicher Gore, der fürs R-Rating weichen musste, wurde in die Unrated-Fassung wieder eingefügt. Entstanden ist ein groß angelegtes Projekt, in das noch Ideen ihren Weg fanden, die Romero bereits für "Day of the Dead" plante. Auch schauspielerisch gewann man mit Simon Baker, John Leguizamo und sogar einem Dennis Hopper bekannte Namen. Mit dabei auch Asia Argento, der Tochter eines anderen Weggefährten Romeros, Dario Argento.

Auf dem Papier klingt hier durchaus alles nach Extraklasse. Das Endergebnis wirkt jedoch relativ ernüchternd. Oftmals wirkte es, als sei Romero mit dem großen Budget überfordert gewesen. Kein wunder für einen alternden Filmemacher, der immer wieder Budgetkürzungen hinnehmen musste. Land of the Dead ist bei weitem kein schlechter Film, er ist sogar ziemlich unterhaltsam. Doch haftet ihm nicht das an, was Romeros Filme vorher, aber auch danach immer ausmachte. Land of the Dead ist zugeschnitten für eine breite Masse. Der Plot und die Gesellschaftskritik sind dünn gehalten, die Charaktere bleiben äußerst Flach und berechnend im Verlauf des Films. Alles, was Zack Snyder mit seinem Dawn of the Dead Remake aufgebaut hat, wurde in Land of the Dead gegen verhältnismäßig einfache Unterhaltung eingetauscht. Snyders Remake lebte von einer ungeheuren Dichte und Spannung, der Altmeister hingegen war mit Land of the Dead nicht in der Lage, diese Essenz einzufangen. Stattdessen greift er das ein oder andere mal zu sehr auf alte Erfolgsrezepte zurück, die in Land of the Dead aber ungewohnt überflüssig wirken.



6. Survival of the Dead





Mit "Diary of the Dead" aus dem Jahr 2007 traf Romero den Zahn der Zeit. Wenn auch bei den Kritikern nicht gut angekommen, begrüßten seine Fans den Weg zurück zu einer eher kleineren Produktion. Survival of the Dead hingegen war vielleicht, nur zwei Jahre später, thematisch nicht die klügste Wahl, einen neuen Film zu präsentieren. Es sollte nicht nur Romeros letzter Zombie-Streifen werden, sondern gleichzeitig auch sein letzter Film überhaupt, rund 8 Jahre bevor er verstarb. Survival of the Dead kostete Romero die Leute, die in sein Schaffen investieren. Es war durchaus noch eine Zeit bevor Crowdfunding und Netflix zu unserem Alltag gehörten. Romero musste Studios noch auf altmodische art und weise von seinen Ideen überzeugen. Nach dem Misserfolg von Survival of the Dead nahmen die Studios jedoch Abstand.

Survival of the Dead ist der Film eines älteren Herrn über andere ältere Herrn, die auf einer Insel leben. Fälschlicherweise wird Survival of the Dead oftmals als Horror-Komödie betitelt, dies ist jedoch falsch. So melancholisch und bierernst wie Diary ist Survival durch seine eher lockere Atmosphäre und vieler Oneliner zwar nicht, aber die Lacher im Film halten sich doch arg in Grenzen. Survival of the Dead ist ein klassisches Spätwerk das weder das Genre revolutioniert, noch aber irgendeinen Schaden anrichtet. Es ist mal wieder eine interessante Studie von Romero in die menschlichen Abgründe. Das Setting rund um eine Insel, die von zwei rivalisierenden Familienclans beherrscht wird, ist interessanter, als es den Anschein macht. Was der Film verpasst, ist, einen richtigen Treffer zu landen. Zwar findet man hier wieder mehr Romero als in Land of the Dead, aber es haftet auch nicht sehr viel an Survival, was ihn relevant erscheinen lässt. An sich ist Survival of the Dead ein Film, der relativ kurzweilig ist und durchaus zu unterhalten weiß. Mit dem Wissen jedoch, dass es sich um George R. Romeros letzten Film handelt, hätten wir uns wohl alle gewünscht, dass ein großer Filmemacher sich mit einem großen Knall verabschiedet. Dies wird dem Film leider immer anhaften.




5. Dawn of the Dead (1978)




Romero Cut? Argento Cut? Oder doch lieber der Krekel Cut? Dawn of the Dead bietet für jeden etwas, doch die meisten Fassungen findet man sicherlich in Deutschland. Als ein in Zelluloid gebannter Albtraum für die deutschen Jugendschützer der damaligen Zeit, wurde Dawn of the Dead aka Zombie aka Zombies im Kaufhaus wohl zu einem der meist zensierten Filme in Deutschland. Bis heute noch bundesweit beschlagnahmt fristet er sein Dasein auf schummrigen Filmbörsen. Wer keine gekürzte Fassung oder ein Bootleg ergattern will, der muss hier auch weiterhin bei einer österreichischen oder anderen ausländischen Fassung zugreifen.


Dawn of the Dead ist, ohne Frage, Romeros wohl bekanntester Film zusammen mit Night of the Living Dead. Der Film erschien rund 10 Jahre nach dem Überraschungserfolg des Erstlings und führt die Geschichte mit neuen Charakteren auf einer wesentlich größeren Ebene fort. Mit David Emge und Kult-Darsteller Ken Foree in den Hauptrollen, spielt die Handlung diesmal nicht mehr in einem verlassenem Farmhaus sondern in einem Einkaufszentrum. Romero führt seine Gesellschaftskritik auf ein Maximum und hat ein schauriges Bild der Gesellschaft der 70er hinterlassen. Handwerklich brillant und doch aus heutiger Sicht ein wenig angestaubt was Präsentation und Lauflänge angeht. Hier kommt es wirklich drauf an, welche Schnittfassung man sich ansieht. So ist es   Dario Argentos Fassung, die den Film ein wenig an Balast nimmt, ihn mit einem Soundtrack der italienischen Band Goblin versieht und ihn etwas zugänglicher macht. In diesem Ranking wohl die kontroverseste Platzierung, besonders im Anbetracht der Tatsache, welcher Film hiernach folgt.



4. Diary of the Dead



Diary of the Dead war Romeros Rückkehr zu den Zombies nach Land of the Dead. Allerdings vom Budget her wieder in wesentlich kleineren Regionen angesiedelt und mit größtenteils unbekannten Schauspielern versehen. Zumindest macht dies den Anschein. In Wahrheit gibt es hier doch viele prominente Cameos von alten Weggefährten oder langjährigen Fans von Romero. Gastauftritte gibts hier in Form von Radiosprechern, deren Stimmen geliehen werden von Quentin Tarantino, Guillermo del Toro, Wes Craven, Stephen King, Simon Pegg und Tom Savini. Selbst Romero selbst ist hier in einem Cameo zu sehen. Diary of the Dead war auch, obwohl bei den Kritiken relativ durchwachsen aufgenommen, Romeros Rückkehr zu einer alten, fast vergessenen Stärke. In diesem relativ melancholisch angehauchtem Roadmovie, das chronologisch angesiedelt ist nach den Ereignissen in Night of the Living Dead, nimmt es Romero erstmals mit der modernen Generation auf. Der YouTube und Social Media Generation. Ein kleines bisschen war Romero 2007 mit seiner Filmidee dem Zeitgeist etwas voraus. Je mehr Jahre vergehen, desto relevanter scheint Diary of the Dead zu werden. Interessanterweise bestand die Idee, eine art Found Footage Film zu drehen, schon seit vielen Jahren in Romeros Kopf. Inwiefern die Umsetzung seinen alten Konzepten gleicht wird nun nicht mehr aufgeklärt werden, aber spielt nun auch sicherlich keine Rolle mehr.

Überraschend für mich selbst ist, wie frisch der Film sich auch jetzt noch anfühlt. Sein Low Budget Charakter erinnert wieder ein wenig an Night of the Living Dead. All das macht Diary of the Dead zu einem sehr ehrlichen Film. Auch wenn er in Romeros Zombie-Universum wohl nie eine sehr große Aufmerksamkeit erregen wird, so hat er durchaus seine Fans und somit seinen verdienten Platz im Ranking gefunden.



3. Night of the Living Dead (1968)




Alles hat einen Anfang, sogar ein ganzes Subgenre. Night of the Living Dead war ein überraschender Indie-Hit, der mit einem lächerlich geringem Budget auskam. So gering, dass in einer Zeit, wo unlängst in Farbe gedreht wurde, hier noch Schwarzweiß angewandt wurde. Teils als Stilmittel, größtenteils jedoch um kostengünstig drehen zu können. Natürlich ist das Schwarzweiß das Stilmittel, wieso dieser Film so verdammt gut funktioniert.Vom Aufbau her gleicht der Film einem Bühnenstück. Der Fokus liegt hier auf einer lauernden, unbekannten Furcht, die, so unglaublich es klingen mag, die Toten aus ihren Gräbern aufsteigen lässt. Eine genaue Erklärung über das "Wieso" bleibt uns Romero in eigentlich allen Filmen schuldig, doch genau das macht die Filme mitunter so ansprechend. In Night of the Living Dead könnte es die Strahlung eines Satelliten sein, die die Katastrophe ausgelöst hat. Im Tom Savinis Remake belächelt man diese Theorie eher. Die Ursprünge werden nie vollständig geklärt und es ist völlig in Ordnung so.

Night of the Living Dead hatte es nie einfach. Ein großer Faktor ist hier das Copyright, welches durch einen Fauxpas damals nicht unter dem Titel "Night of the Living Dead" registriert wurde, sondern unter einem anderen Titel. Seit seiner Veröffentlichung ist der Film somit Public Domain und frei zugänglich für nicht autorisierte Versionen. Weder die Farbfassung, noch die berüchtigte 30th. Anniversary Edition, die in Deutschland fälschlicherweise auf Liste B für jugendgefährdende Medien landete, sind autorisierte Versionen von Romero. Und ja, es gibt sogar Fassungen, wo der Soundtrack durch Techno oder Heavy Metal ausgetauscht wurde. In den letzten Jahren ist es um diese obskuren Versionen oder nicht autorisierten Remakes sehr ruhig geworden, aber da die Copyright-Lage anscheinend noch immer nicht geklärt ist, wird der Film wohl auch weiterhin vor solchen Fassungen nicht geschützt sein.

Technisch gesehen könnte Night of the Living Dead als C-Movie durchgehen. Die Dialoge wirken öfters sehr hölzern, die Kulissen improvisiert und es gibt visuelle Filmfehler wie Sand am Meer, die durch die hohen Auflösungen der heutigen Zeit noch wesentlich deutlicher werden. Aber all das macht den Charme dieses großartigen Werks aus. Anders als vielleicht bei Dawn of the Dead schadet das hohe Alter des Films der Präsentation weniger, lässt ihn noch kultiger erscheinen und macht ihn somit zu einem zeitlosen Klassiker.



2. Night of the Living Dead (1990), Regie: Tom Savini




Tom Savinis Spielfilmdebüt als Regisseur gilt heute mittlerweile beinahe als verschollener Film. Es ist, als würden wirklich nur noch die sehr eingefleischten Fans darüber bescheid wissen, dass zu Romeros Klassiker ein großartiges Remake existiert. In Farbe, mit wundervollen Effekten und einer alternativen Storyline. Romero schrieb für dieses Remake das Script und ließ Ideen mit einfließen, die es damals nicht ins Original geschafft haben. Barbara zur ultimativen Protagonistin zu machen war eine dieser verworfenen Ideen. Der Altmeister fungierte hier zusätzlich noch als einer der Produzenten und übernahm am Set die Rolle des Supervisor. Die Regie übernahm hier, für viele sehr überraschend, Special Effects Künstler Tom Savini. Savini grämte sich immer, nicht für die Effekte im Original verantwortlich gewesen zu sein. Romero arbeitete mit Savini bereits bei Dawn of the Dead und Day of the Dead zusamment und beförderte ihn bei diesem Remake sogar auf den Regiestuhl.

Die Rollen der Charaktere wurden, wenig überraschend, allesamt neu besetzt. Barbara wurde hier von Patricia Tallman, Ben von Tony Todd und Cooper von dem viel zu früh verstorbenen Tom Towles übernommen. Die Darsteller überzeugen und funktionieren allesamt. Film- und Logikfehler des Originals wurden größtenteils ausgebessert und der Umfang der Geschichte teilweise erweitert. Die Zombies sind bedrohlicher als je zuvor. Um dem Original zu huldigen, entschied man sich bereits vor Drehbeginn dafür, Blut und Splatter sehr gering zu halten. Die Effekte sind jedoch durchgehend aufwendig gehalten. Und dennoch mussten für das R-Rating einige Frames von der einen oder anderen Szene entfernt oder umgeschnitten werden. Diese Szenen findet man in einem Workprint wieder. Allerdings hält sich die Relevanz der Szenen stark in Grenzen.

Savini selbst beschreibt den Dreh als "Schlimmsten Albtraum". Eine menge Szenen konnte er nie realisieren und auch über die Anpassungen fürs R-Rating war er alles andere als begeistert. Oftmals, wenn Romero nicht am Set war, kämpfte er sogar damit, seine Contenance zu bewahren. Bei den Kritikern wurde der Film eher durchwachsen aufgenommen. Erst im Verlauf der Jahre gewann das Remake an Signifikanz und gilt auch heute als Kultfilm und eines der besten Remakes im Horrorgenre. Verdient, wie ich finde. Es ist das wunderbare Zusammenspiel einer menge Parteien. Von Perfektion ist auch dieses Remake weit entfernt, jedoch kann man darüber leicht hinwegsehen. Von Anfang bis zum Ende ein unglaublich kurzweiliger Film, der mit einem überraschend kontroversem Ende aufwartet und den Übergang zu Dawn of the Dead verständlicher macht. Ein Remake, welches hoffentlich in den kommenden Jahren auch mal wieder einer größeren Zielgruppe zugänglich gemacht wird. Besonders in Deutschland sollte einer Neuprüfung praktisch nichts mehr im Wege stehen, doch gab es erst 2017 wieder eine unnötige Folgeindizierung.



1. Day of the Dead (1985)



Day of the Dead hatte geringeres Glück als Night of the Living Dead und Dawn of the Dead und erhielt bereits zweimal ein unsäglich schlechtes Remake. Noch einmal verstärkt werden sämtliche Fehlversuche dadurch, dass George A. Romero hier einen unfassbar guten Film abgeliefert hat. Oft kopiert, besonders von den Italienern, doch eigentlich nie erreicht thront Day of the Dead an der Spitze der Zombiefilme. Alles, was Romeros Filme ausmacht, findet man in diesem Film. Für seine künstlerische Freiheit verzichtete Romero sogar auf die Hälfte des Bugdets und brachte den Film ungeprüft in die amerikanischen Kinos. Mit einem Einspielergebnis von über 34 Millionen Dollar weltweit ein voller Erfolg. Trotz seiner teils drastischen Gewaltdarstellungen im letzten Abschnitt des Filmes (auch hier war wieder Tom Savini mit seinem Team am Werk und ließ sie, wörtlich gesagt, durch die Hölle gehen), bleibt überraschenderweise nicht der Splatter in Erinnerung, sondern der Film als Gesamtwerk. Auch Day of the Dead gleicht einem Bühnenstück. Die erste Hälfte des Filmes sind wenig Zombies zu sehen und es ist die Isolation, die einen Großteil der Handlung bestimmt. Der Film baut sich langsam, aber nicht zäh auf und steuert von Minute zu Minute auf ein großartiges Finale zu.

Bedanken kann man sich für die überzeugende Aufführung bei den Schauspielern, die fast allesamt aus dem Bereich Theater stammen. Mit Lorie Cardille, die hier die Rolle der Sarah übernahm, wählte Romero erstmals eine weibliche Protagonistin (etwas, was er eigentlich schon für Night of the Living Dead vorgesehen hatte). Doch besonders die Auftritte von Terry Alexander, Joseph Pilato und Richard Liberty sind es, die für mich diesen Film besonders hervorheben.

Isolation, Wahnsinn und Verzweiflung in einer Zombie-Apokalypse. Zum Abschluss seiner ersten Trilogie ließ Romero nichts anbrennen und verabschiedete sich hier für viele Jahre mit einem Feuerwerk. Etwas, was man sich sicherlich auch bei Survival of the Dead gewünscht hätte. Doch die Zeiten waren halt andere damals, das Feuer in allen Beteiligten brannte mehr als je zuvor und gemeinsam wollte man erneut mit relativ einfachen Mitteln einen großartigen Film erschaffen. Und tatsächlich kann man hier sagen, man hat das Maximum aus dem Genre geholt und mit Day of the Dead einen fantastischen Film geschaffen.

Donnerstag, 30. August 2018

Aufziehvogel's Wühlkiste - Day of the Dead: Bloodline




USA/Bulgarien 2018

Day of the Dead: Bloodline
Basierend auf: George A. Romeros Day of the Dead (1985)
Regie: Hèctor Hernández Vicens
Darsteller: Johnathon Schaech, Sophie Skelton, Jeff Gum, Marcus Vanco, Mark Rhino Smith
Produktion/Distribution: Millennium Films, Lionsgate
Laufzeit: Circa 90 Minuten
Genre: Horror
FSK: Ab 18


Selbst zu Lebzeiten von George Romero (1940-2017) war sein "Of the Dead" Franchise nicht vor billigen Kopien oder Schund sicher. Die relativ undurchsichtige Rechtelage zu einigen Filmen, besonders jedoch zu Night of the Living Dead, lud in der Vergangenheit sogar Hobby-Filmemacher dazu ein, den Film zu remaken oder Romeros Original zu verunstalten. Doch nicht alle Neuverfilmungen/Remakes waren zum scheitern verurteilt. Gelungene Vertreter stellen Tom Savinis Night of the Living Dead Interpretation und Zack Snyders Remake zu Dawn of the Dead dar. Romeros großartiger Day of the Dead aus dem Jahr 1985 war jedoch nicht mit so viel Glück gesegnet. Bereits das erste Remake aus dem Jahr 2008 von Steve Miner galt gemeinhin unter Fans und Kritikern als Gurke. Da ist es praktisch nur logisch, dass man eine Gurke nur noch durch einen echten Stinker toppen kann. Ein Stinker, der mindestens genau so modrig und vermutlich auch übel riechend ist wie Romeros hungrige Zombies. Das oberste Ziel bei Day of the Dead: Bloodline kann also nur gewesen sein, das Remake aus dem Jahr 2008 noch einmal zu unterbieten. Und darin war man etwas über 80 Minuten sehr erfolgreich. Hier darf man sich nicht von der Laufzeit von 90 Minuten täuschen lassen, alleine über 7 Minuten fallen auf den überlangen Abspann zurück.

Regie bei diesem Stinker führte Hèctor Hernández Vicens, der 2015 mit "Die Leiche der Anna Fritz" einen kleinen Indie-Hit landen konnte. Wie viel der Misere bei Day of the Dead Bloodline auf das Konto von Vicens geht, wage ich hier nicht zu vermuten. Einen großen Einfluss schien hier auch Produzentin Christa Campbell gehabt zu haben. Auch was die Produktion angeht, bin ich mir nicht ganz sicher, wem man nun den goldenen Kaktus zuschieben soll. Bloodline riecht stark nach Millennium Films, die aber nicht alleinig für den Film verantwortlich waren. Sobald man jedoch Millennium Films hört, riecht es förmlich nach Osteuropa. Bei Bloodline ist das, wie bei so vielen anderen Filmen des Studios, nicht anders. Gedreht wurde größtenteils kostengünstig in Bulgarien, so, wie zuletzt schon der letzte Chainsaw Massacre Film ("Leatherface", der sich jedoch qualitativ in einer ganz anderen Dimension befindet) erstmals in Osteuropa gedreht wurde und nicht mehr in den USA.

Inhaltlich bedient sich Bloodline relativ sparsam am Plot von Romeros Film. Grundrisse wie den Bunker, die Soldaten und einen speziellen Zombie findet man auch in Bloodline, die Storyline, der Ausgang der Geschichte aber auch die Charaktere kann man als unabhängig bezeichnen. Nichts davon rettet Bloodline, aber es ist auch nicht wirklich eine 1:1 Kopie. Wie aber auch im Original steht hier eine Frau im Mittelpunkt der Geschichte und es gibt auch wieder einen fiesen Army-Boy, der jedoch dem großartigen Joseph Pilato aus Original nicht das Wasser reichen kann. Es sind tatsächlich die markanten Charaktere aus Romeros Film, die hier schmerzlich vermisst werden. Romero setzte in seinem Film größtenteils auf Schauspieler aus dem Bereich Theater. Dieser Fakt spielte im zusätzlich in die Karten, denn wie auch schon Night of the Living Dead ist Day of the Dead aufgebaut wie ein Theaterstück, welches von seinen Charakteren und Dialogen lebt, die Gewalt und sensationellen Effekte von Tom Savini waren so gesehen nur der Bonus. Und genau da wird es für das Remake extrem dünn. Die Dialoge sind unterirdisch und die Schauspieler haben auch nicht die nötigen Fähigkeiten, das schwache Drehbuch auszugleichen. Durch die Bank weg hat man es mit Charakteren zu tun, für die man nichts empfindet und die einem regelrecht gleichgültig sind. Hinzukommt fragwürdiger Fanservice und man Hauptdarstellerin Sophie Skelton bei jeder halbwegs passenden Gelegenheit mit offener Bluse präsentiert. Besonders die völlig übertriebene Eröffnungssequenz hätte aus einer schlechten Parodie stammen können.

Die Spezialeffekte bewegen sich glücklicherweise auf einem nicht ganz so unterirdischem Level. Wenn sie mal nicht komplett vom Computer generiert werden, sehen sie sogar recht ansehnlich aus. Ruiniert werden die blutigen Effekte dann fast immer durch hektische Kamerafahrten oder Schnitte. Um wirklich Wirkung zu zeigen, hätten die Effekte länger zu sehen sein müssen. Ein Beispiel hätte man sich hier an das Evil Dead Remake nehmen können. Da Bloodline jedoch aus der Low Budget Spate stammt, kann man ihm zumindest hier nicht wirklich einen großen Vorwurf machen.




Fazit

Unwichtige Leute werden von Zombies gefressen. Aber Zombies nennt man sie, wie in vielen anderen Filmen dieser art, nicht. Hier musste ein Begriff her der cool klingt, also nannte man sie "Rotter". Die Untoten sind auch in diesem Remake relativ hungrig, jedoch hätte man den Stoff belangloser und uninteressanter nicht umsetzen können. Einfach alles an "Day of the Dead: Bloodline" hinkt hinterher. Ob Plot, Drehbuch oder Produktionskosten (die Schauspieler würde ich hier nicht einmal verurteilen), nichts davon wird irgendeinen Zuschauer vom Sofa fegen. Es ist die Ideenlosigkeit, die hier furchterregender ist als die Zombies. Hier wirbt man einfach mit einem großen Name, sämtliche Vergleiche mit Romeros Day of the Dead verbieten sich hier und bereits zu Beginn kann man sich von der kleinen Hoffnung verabschieden, es hier mit einem einigermaßen sehenswerten Film zu tun zu kriegen. Warum Ressourcen für so ein Filmprojekt verbrannt werden, wird nicht nur Fans des Genre ein Rätsel sein, sondern, vielleicht nicht sofort aber wenn etwas Zeit vergangen ist, den Verantwortlichen dieser Produktion. Diesen Schund also ignorieren und darauf hoffen, dass das Original in Deutschland, längst überfällig, nicht mehr beschlagnahmt ist und somit auch anschließend vom Index marschiert.